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Montag, 2. März 2015

Der Mensch ist Trachtenträger

Photo: Die Presse
Das Photo zeigt Justizwachebeamte in einem österreichischen Gerichtsprozeß gegen einen Mann, der sich vermutlich eines Delikts rund um Radikalismus und Islamismus schuldig gemacht hat. Man hat die Wachebeamten maskiert, um sie für allfällige Rachetaten, die man befürchtet, weniger angreifbar weil als Individuen nicht so leicht identifizierbar zu machen.

Nicht aber um Islamismus soll es hier gehen. Auch nicht um Rachetaten von Muslimen (und wir ersparen uns hier bewußt die sonderliche Etikettierung "radikal", sie schafft eine seltsame Differenzierung, deren Realitätsrelevanz zumindest fraglich ist, denn bislang sind dem VdZ nur Muslime untergekommen, die unter "Nicht-Radikalität" auch "Nicht-Islam" verstanden haben), vor denen sich offenbar schon jeder Staat Europas fürchtet, sobald er sein Recht umzusetzen versucht. 

Sondern um das Wesen der Justiz in unseren Ländern, die nach wie vor die Maske - den Talar, die Perücke (wie in England) - benützt. Denn darin kommt etwas zum Ausdruck, immer noch, das prinzipiell von höchstem Belang ist. Und sich leider nur in der Justiz und (bereits mit bedauerlichen Abstrichen) bei der Kirche erhalten hat. Und: im Schauspiel, einem zutiefst menschlichen Akt.

Es ist das Verschwinden der realen, faktischen, menschlichen Person hinter einer abstrakten (und doch hiemit, ja ERST hiemit konkretisierten) Figur, und damit hinter einer Charakteristik, einer Typologie. In keinem sonstigen Bereich mehr zeigt sich also, was im Einzelnen nämlich keineswegs unterschiedlich ist. Dort ist der Inhaber der Robe (und jede Familie, jedes Haus hat eine Art, sich darzustellen) Darsteller einer Typologie, die auf ihn, aber (sic!) nicht weniger auf Familie, Haus, Stand usw. lediglich durch den Bezug verschieden ist.

Der Unterschied liegt im Abstraktum, in der Universalität das Repräsentierten. Nicht im Repräsentieren selber. Selbst das normale Ankleiden am Morgen, mit Schürze oder Knickerbocker, ist davon prinzipiell nicht unterschieden. Denn auch der Mensch ist sich selbst ein Abstraktum, eine Maske, hinter die er zu schlüpfen hat. Deshalb sind Trachten die höchsten Ausdruckswege einer Kultur. Und ob es manchen gefällt oder nicht: man erkennt sogar Staatsangehörige durch die Art, wie sie sich kleiden, und zwar als besondere Färbung dieses Staates. Denn Staat ist die letzte, höchste Form und Erfüllung des Menschseins.

Ohne Tracht ist der Mensch also gar nicht. Der VdZ hat kein Verständnis für die moderne Ansicht, er sieht sie gar als blanke Verwirrungsabsicht, in der schon so oft "Menschlichkeit" mit Verzicht auf form gleichgesetzt wird. Barmherzigkeit, ja, weil keine Form perfekt ist, Nachsicht mit praktischen, schwierigen Umständen, die an der Formerfüllung verhindern, und sei es wegen Geldmangels, ganz gewiß. Um nicht von gewissen intimen Situationen zu sprechen, wobei auch solche meist falsch eingeschätzt werden, denn wer sich dem anderen ganz nackt nähert darf (dürfte ...) dies nur tun, wenn die Geistigkeit einen Stand erreicht hat, den der VdZ jedenfalls noch nie real gesehen hat.

Das Gegenteil dafür - schon oft, ja so oft, daß er neigt, "immer" zu sagen: als Aspekt der "Sexualität", der völlig unterschätzt (meist nicht einmal geahnt) wird, weil sie Verachtung für den nackt Gesehenen, auf Funktion und Bedürftigkeit reduzierten Erwachsenen (sic!), fast immer und automatisch nach sich zieht. (Rückständige Verschrobenheit? Na dann glaube es der Leser ruhig mal ... wundere sich aber nicht, wenn er für so Manches keine Erklärung mehr findet; nicht einmal bei primitivsten Völkern war Nacktheit je ein Zeichen von Kultur, d. h. Menschsein; damit genug zu dem Thema)

Aber der Mensch ist nur Mensch, wenn er ausdrückt, wenn er eine Tracht, eine Maske trägt. Denn die Maske, das IST er. Die Maske ist das Sein, das sich als Idee in die Materia prima senkt. Das ist die tiefe Wahrheit des griechischen Theaters. Der Maskenträger verkittet erst jenen Bruch, in der Scham, die aus der Spannung des Seinswillens zum Nichts stammt, den er im Paradies durch die Aufgabe der selbstverständlichen Einordnung in die Seinsordnung verlor. Der reife, der gute, der geniale Schauspieler ist der, der im Konkreten das Allgemeine sichtbar macht. Und nichts anders ist über den Menschen im Alltag zu sagen. Die Dauer, die Höhe einer Familie selbst läßt sich daraus erkennen, ob ihre Mitglieder die Kraft zum Typus haben.

Daß die französische Revolution die Amtsrobe, die Perücke abschaffte, ist deshalb kein Zufall. Es stellt exakt dar, was passierte: Die Rechtsstaatlichkeit löste sich auf, und eine Justiz der Willkür folgte. Und die Tribunale diverser totalitärer Systeme in ziviler Kleidung sprechen für sich. Rückschlüsse darauf, daß etwa in Österreich und Deutschland die Perücke nicht mehr existiert, werden dem Leser überlassen. Immerhin gibt es in österreich noch die Vorschrift für Richter und Staatsanwälte, ein Barett zu tragen.*

Eine Mode, eine Art, sich "typisch" zu kleiden, und man kleidet sich immer typisch, das ist also gar nicht das Problem, es geht um den Typengehorsam, einem Akt, kann deshalb gar nicht "verrückt" genug sein, um nicht im Letzten doch ein tief humaner, wesentlicher Kulturakt zu bleiben. Und den Willen zu repräsentieren, sich einer Ordnung - und damit einem Sinn - zugehörig zu wissen.

Solange es jener Akt bleibt, daß im Hineinschlüpfen auch ein Abstraktum zum Vorschein kommt, das sonst selbst beim Richter verborgen und auf nackte Funktionalität beschränkt bliebe, die sich im Hinschauen aber in Nichts auflöst. Wer die Robe, die Tracht, den Talar, wer die Amtskleidung gering schätzt, schätzt deshalb die Idee gering, und drückt damit aus, daß er der Seinsordnung widerspricht.

Elend und Nachlässigkeit in der Kleidung (was nicht sagt, daß es selbst einen Stil der Nachlässigkeit als Ausdruck gibt, sofern er einen identitären, festgelegten Platz im Ordnungsgefüge einer Gesellschaft hat, mit dem Problem, daß sich Tracht nicht willkürlich erfinden läßt, sondern auf Aussage hingedrängt ist) sind Synonyme. Erst in der Tracht, erst in der sorgfältigen Kleidung, erst in der Robe steht der Mensch aber jener dieser Welt gegenüber, die nur Welt ist, weil und soweit sie Ordnung ist, die als Gestalt - eins einander - grüßt. Was aber ist, das ist immer Gestalt. Was Gestalt verweigert, will ins Nichts gehen.




*Exkurs: Der VdZ hat in seiner Zeit als Unternehmer (und Bauunternehmer müssen leider auch mit der Tatsache leben, daß sie viele Prozesse zu führen genötigt sind; die Höhe der involvierten Summen ist für viele einfach zu verlockend) noch einen Anwalt mit der Vertretung seiner Agenden betraut, der bei Verhandlungen bei Gericht einen Talar anzog. Und es hätte beileibe Anwälte gegeben, die "cleverer" waren. (Und er kennt auch solche, und sieh da: Sie sind sämtlich gekennzeichnet dadurch, daß sie nur noch in Zivil vor Gericht treten. Nachijall, ick hör dir trappsen!) 

Das wollte er aber nicht. Er war bereit, sich der Wahrheit und Gerechtigkeit zu unterwerfen. Daß der VdZ nie einen der zahlreichen Prozesse (in sechs Jahren: 33 Verhandlungen!) verlor hängt seiner festen Überzeugung nach gewiß nicht einfach an dem Umstand, daß er sich um Treu und Redlichkeit bemühte. Sein Anwalt repräsentierte einen Willen zur Gerechtigkeit, der die Verhandlungen immer auf ein anderes Niveau hob. Da mochte der Richte noch so lachen, als der VdZ einmal äußerte, es gehe ihm nicht ums Geld, da habe er mit dem Kläger Mitleid, sondern um Gerechtigkeit. (Er schlug dann eine andersgelagerte Kompensation vor, in der der VdZ der Lage des Klägers gewisse Hilfe zuwenden wollte.)  

Es war gewiß kein Zufall, daß sich sogar die größten Gauner, Kunden oder andere, die also betrügen wollten, und eigentlich führt man als Unternehmer nur Prozesse gegen solche , ausnahmslos durch salopp und zivil gekleidete Anwälte vertreten ließen.

Was schon bei Bischöfen sogar anders aussieht, diese Spitze kann sich der VdZ in Ansehung seiner Vergangenheit nicht verkneifen, denn die führen "um die Kirche zu schützen" gerne auch mal ungerechte Prozesse, und selbst Opus-Dei-Anwälte, die die Kirche dann vertreten, haben damit kein Problem. Opus Dei hat eben ein reales, praktisches "Inkarnationsproblem", das so nebenbei.




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