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Donnerstag, 19. März 2015

Vater und Mutter als Vernunftdisposition

Nur von einem Vermögen des Ich aus - eines ursprünglich nicht konkreten, aber dennoch realen Ich, das im Moment der Zeugung noch im Zustande eines Vermögens (zu einem späteren Selbst, einer konkreten Gestalt in der Welt) bleibt - kann eine menschliche Vernunft gedacht werden. Die es nur als Vernunft des Peter, der Hilde oder des Klaus real gibt.  Sie muß ihre Begriffe von außen erhalten, über die Empirie, über die Erfahrung, die nach und nach (über die Begriffe) die Vernunft vom Vermögen ins Konkrete bringt, welthaft und real macht. 

Daraus läßt sich direkt auf die Bedeutung der ersten Erfahrung des Kindes schließen - auf die Mutter als erste, und auf die notwendige Polarität des Vaters, auf den hin, als Beziehung der Vernunft, das Kind hinwächst: auf jenen Pol also, der sich als Idee darstellt, und damit notwendig später ist.

Dieses ureigene Ich* ist es auch, das in sich die noch ungeformten Ansprüche trägt, nach denen im Gefühl das Kind zuerst zu unterscheiden und zu urteilen lernt. Als Dynamik des Ich gewissermaßen. Das über die Begriffe allmählich zu einer Vernunft, zu einem vernünftigen Ich hinwächst, im Vergleichen, im Ordnen. Keineswegs also ist die Vernunft quasi frei, von außen willkürlich zu bestimmen. Denn sonst wäre des Einzelnen Vernunft ja nur die Vernunft des X oder des Y, und die Freiheit des Menschen wäre gefallen. Daß es diese aber gibt ist keineswegs eine Illusion des (späteren) Ich (als quasi illusionäres "Kunstgebäude"), sondern eine emprische Erfahrung einer Grundverfaßtheit des Menschen.

Daraus ergibt sich auch die Bedeutung der Polarität der Geschlechter, des Mutter- wie des Vaterseins. Deren Vernunft- und damit Freiheitshöhe sich aus dem Ausarbeiten dieser Unterschiedlichkeit ergibt. Ebenso, wie sich die Höhe einer Kultur aus der Gestalt dieser Polarität (die sich jeweils auf eine Grundpotenz zur Welthaftigkeit rückführen läßt) ablesen läßt.

Diese Grundpolarität, der Charakter, in der sie erfahren wird (und ein Verweis auf die diesbezüglich sehr richtigen Überlegungen von C. G. Jung sei erlaubt), bestimmt deshalb das spätere Verhalten des Menschen zur Vernunft selbst. Wenn es auch nie ohne Spannung zu den Grundforderungen des Ich zu denken ist, ja gerade diese Grundspannung wesentliches Licht ist, unter der ein ausgebildeter Charakter immer gesehen werden muß. Dessen welthafte, begrifflich gewordene Vernunft immer in einem Verhältnis zu diesen Grundstrukturen des Ich (das nie aufhört, zu fordern - es hat prinzipiell Richtung, es hat also Sinn) stehen.

Nur wenn sich hier klare Begriffe bilden, Begriffe, die diese Grundspannung erfüllen, nicht erhöhen, kann sich ein Mensch "gesund" entwickeln, das heißt: zu sich entwickeln. In dem konkreten Material, das er von Anbeginn an als Welt vorfindet, auf die hin er (auch durch das Streben der Vernunft bzw. nach Vernunft) sich in einer Position findet, braucht er wahrhaftigen Halt (Identität). (Denn Vernunft bedeutet, von diesem Zentralpunkt aus die immer im Einzelnen herantretende Welt zu ordnen.) Um von dort aus Welt zu erkennen, und handelnd ihre Ordnung zu realisieren, tatsächlich zu machen.

Passiert diese Polarisierung in das je Eigentümliche bei Frau und Mann, Mutter und Vater, nicht, und zwar über Identifizierung (als Trage der Ichwirklichung in der Welt), passiert es fast zwangsläufig, daß der Mensch, je mehr er heranwächst, in diesen Polaritäten als nicht verfestigte "Ich"-Realitäten hin- und herspringt. Sie bleiben Zweitwirklichkeiten, Pseudologien, denen es an Verwurzelung fehlt. Hier springt der Mensch dann gewissermaßen zwischen Identitäten hin und her, wobei diese durchaus geschlossene Begriffswelten darstellen. Doch vermag er sich nicht zu verorten. Dieses Charakter- oder Identitätsbild ist heute äußerst häufig (als perennnierte Pubertät). 

Denn die Bedingungen des Heranwachsens sind heute durchweg von einer zu geringen Distinktheit der Geschlechterbilder geprägt. Die Auswirkungen auf die Vernunftfähigkeit später sind bereits oben angedeutet. (Die je persönliche Vernunft eines Menschen bleibt damit bestenfalls logisch, ihr fehlt aber die Vereigentlichung in einer definitiven Identität als Festlegung in der Welt, die wiederum als "eine Seite" der Polarität der Welt gesehen wird bzw. werden muß: als Mann, als Frau.)**

Damit wird dem Kind aber - im Vorenthalten dieser Polarität, die in Personen real erfahren wird (oder: nicht) - auch das polare Wesen der Vernunft vorenthalten. Denn das Verhältnis zum Geist, zur Idee, als deren Verkörperung der Mann/Vater zu sehen ist, ist das zu einem "außen", so wie das zur Art, damit umzugehen, von der Erfahrung der Mutter ausgeht. Vernunft heißt ja, die Idee (als von außen kommende) in ein harmonisches Verhältnis zur (leidenden, empfangenden) Materia (Mutter) zu setzen.



*Daran, dieses Ich als besonderte Substanz zu begreifen, hängt u. a. der Pantheismus, der alles in einer einzigen Vernunft bzw. Substanz aufgehen läßt. Das Ich wird dann nur noch zum Modus, als Trug eines allgemeinen "Ich", als Substanz von allem (zu dem es seit/nach Kant verschwimmt). Über die sehr klar argumentierbare Individualisierung als Bedingung von allem Seienden (also auch: eines Ich) als Akt des Seins (in der Schöpfung, in der also ein "etwas" vom "allgemeinen" abgesetzt wird, gleichzeitig aber ohne dieses Sein nicht existieren kann, also davon abhängt, aber nicht mit ihm identitsch ist) werden wir an dieser Stelle noch abhandeln.

Wer immer noch meint, diese Überlegungen seien "brotlose Kunst", soll sich nur den Zustand der Pädagogik ansehen, deren Prämissen auf eine Konzeption eines Ich/Selbst (und des Sinns) zurückzuführen sind. 

Beobachtungen bei Scheidungskindern, die diese Polaritätsfrage so gut wie immer verwirrt in sich tragen (durch emotionale Bindungsverhältnisse etc.), bestätigen das hier Gesagte. Da braucht es kaum noch den Verweis auf Kindheitsgeschichten totalitärer Übeltäter und Fanatiker, die nie zu einer Ausgewogenheit in ihrer Vernunft gekommen sind. Wo die Mutter die Kluft zum Pol der reinen Idee nie schließen konnte. Vielleicht aber auch, weil die Väter sie nicht geschlossen haben wollten, wie durch übertriebene oder unangepaßte Härte, in denen sie den Kindern die Trauben zu hoch hängen und sie (siehe den Mahnhinweis von Paulus!) entmutigen. Meist entstehen diese Fehlhaltungen bei Eltern aber im Wechselspiel verweigerter Polarität. Bei der Frau als Verweigerung des Angehörens (Gehorsam), beim Mann in Feigheit und Selbstverweigerung. Wenn es auch nie mehr ist als mehr oder weniger verfestigte Neigungshaltung, und kein unabänderliches Schicksal. Dafür hat der Mensch eben die Fähigkeit der Vernunft (die mehr ist als Verstand.)

**Ganz konkret kann oder muß man es auf die Spitze treiben und sagen: Das Verschwimmen der Aufgaben der Eltern, das Auflösen geschlechtsspezifischer Eigentümlichkeit in den Handlungen (sagen wir als Beispiel: der windelwechselnde, fürsorgliche Vater, die erwerbstätige, bestimmende Mutter), die das Kind erfährt, bewirken eine Zerrüttung seiner Vernunftfähigkeit bzw. behindern den Aufbau einer Vernunft, zu der er sich in späteren, erwachseneren Jahren nur noch mit großen Schwierigkeiten durchkämpfen kann.




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