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Sonntag, 5. November 2017

Wir tragen das Problem des Kain

Das Problem, das Europa für die Welt wurde, entstand in dem Moment, wo Europa sein eigenes Land immer vollständiger in Besitz genommen und geordnet hatte. Ab da war kein Platz mehr für die dritten, vierten und fünften Söhne. Sie zogen in die Welt, um einen Platz zu finden, und erschlugen posthoc ihre Herkunftskulturen. Das Problem der Migration ist also immer eine Kains-Problematik.

Aber auch das Problem der Städte wurde so zur Sache Kains. Denn diese Söhne gingen auch in die Städte, wie Kain es tat, rissen sie an sich, und gründeten dort eine wurzellose Gesellschaft, die kraft ihrer Technik, ihrer Skrupellosigkeit und ihrer Gelüste bald alles Land unterwarf.* Und zum einen herging, und sich unbesessenes Land ordnend aneignete  - darin kann man noch kein Unrecht erkennen - aber im Ausschwärmen in die Welt auch vielfachen Landraub beging.**

Es ist kein Zufall, daß in solch einer Stimmung neue Weltanschauungen entstanden. Erst in der Renaissance, als die Heidenreligionen nach Europa geholt wurden und sich ihre Priester formten, die dann ihre Diener suchten. Dann in der Verlagerung des Menschseins ins bewußte Denken, das hinwiederum als abstrakte, für sich stehende Mathematik verstanden werden mußte, die auch ohne reale, den Menschen umfassende Wurzeln auskommt. In den Reformationen, die Revolutionen waren, und sämtlich gegen Wurzeln agitierten. In den Philosophien aus England, dessen Söhne sich anschickten, ein Weltreich zu errichten. Und die Heidenreligionen weiter ausbauten, zu einem Weltdeutungsmythos (wie in Newton geschehen). 

Die im Wesentlichen (E. Michael Jones hat das sehr gut nachvollziehbar dargestellt) allesamt auf dem Schema des indischen ("hinduistischen") Weltgründungsmythos aufbauen: Da ist die Welt, die auf vier Elefanten liegt, die wiederum auf einer Schildkröte stehen, die wiederum auf einer (kleineren) Schildkröte steht, die wiederum auf einer (noch kleineren) Schildkröte steht, die wiederum ... Damit wurde die Welt ohne Gott, den unbewegten Beweger, den Anfang, dem sich alles Seiende verdankt, möglich. 

Auf dieser Grundlage wurde die Moral entwurzelt, und zu einer Räubermoral des Stärkeren. Der Kapitalismus entstand, und ihm im Gefolge die nächsten Rechtfertigungen - die Neutralisierung des Welt-Handelns (in Gewissenskonflikt, der ein Konflikt mit dem Land, den Wurzeln ist) durch den Protestantismus, daraus der Hegelianismus (der alles in den Mythos bindet "alles wird gut", auch jede Entgleisung, und damit den anderen Teil der Gewissensentlastung bildete), und parallel der Darwinismus, in dem sich die Welt endgültig sich selbst verdankt.

In der Abschaffung des Kultes des Abel gründen also Wurzellosigkeit, Unrast und Unmoral. In der Abschaffung des Kultes des Abel gründen die Abschaffung der Natur, als alles bindende Seinsordnung, wie wir sie heute erleben. Kain ist immer Revolutionär.***

Bis wir dort stehen, wo wir heute stehen: Im Atheismus, in der Irrationalität, auf einer Wissenschaft, die nur soweit "rational" ist, als sie ihre irrationalen Grundlagen verdrängt und vergißt, ja das zu sehen immer mehr von Angst getrieben verbietet.

Die Frage ist freilich nicht, ob man es verhindern hätte können oder heute könnte, der Grundrichtung des faktischen Menschen - die Dekadenz, den Abbau, den Zerfall (aus Gründen der Entropie) - zu entgehen. Ob es also gelingen kann, eine allseits "gute" Menschheit zu "schaffen". Das kann nie gelingen.

Das Gute in der Welt kann nur eines: Es entschleunigt aus sich heraus den Niedergang, auf den die Menschheit unweigerlich zugeht. Es verlangsamt ihn immer dort, wo das Reich Gottes mehr oder weniger aufleuchtet. Um irgendwann doch dem Kain, der Schwäche des Menschen, zu unterliegen. Diesen Realismus (der aber nie zum Fatalismus abgleitet) findet man nur im Katholischen. Und nur im Katholischen, nur in der Kirche findet sich die überraschende Tatsache, daß (im Kreuz) genau dort der Sinn unseres Daseins liegt. Im Leiden am Niedergang liegt zugleich der Same, das Fenster zum Aufleuchten des Reiches Gottes. Oh herrliche Paradoxie!





*Sieht man von den wirklich Schutzbedürftigen ab, denen ein dem Kain ähnliches Schicksal beschieden ist, das sie nie wollten, haben wir uns in den letzten Jahrzehnten also Millionen von "Kainen" nach Europa geholt. Das alleine zeigt, daß jede Hoffnung, daß Europa sich DADURCH erneuern könnte, und zwar im eigentlichen Sinn des Wortes, völlig grund- und haltlos ist. Vielmehr haben wir uns mit einer uns völlig fremden Schuldproblematik beladen, unter der wir aber alle leiden werden - ohne sie direkt lösen zu können.

**Das Problem vieler Ureinwohnervölker, weltweit, vor allem erkennbar aber in Amerika, war daß sie in einer fatalistischen, pantheistischen Weltsicht gefangen waren, in der sie sich des ordnenden Auftrags an den Menschen nicht bewußt waren oder sich gar dessen entledigten. Allein aus der Landnahme selbst (durch Europäer) also läßt sich noch kein Unrecht ableiten. Hier brachte das Christentum tatsächlich Freiheit. (Der Film "Apokalypto" von Mel Gibson zeigt vieles nicht unrichtig.) Aber nur mit Missionierung wäre das tatsächlich zu lösen gewesen.

***Insofern also sind auch die Juden seit Christus (als Proto-Revolutionäre) - jene Juden also, die nicht Christen wurden, indem sie das Kommen des Gottessohnes, die Erfüllung des Alten Testaments also, anerkannten - TEIL des Kainsproblems. Und tatsächlich fällt ihr Verlust des Opfers (durch Zerstörung des Tempels 70 n. Chr.) in diese Zeit. Das ist kein Zufall. Wie Kain wandern sie damit ruhelos durch die Welt, überall Revolutionäre, im Aufbegehren gegen Abel. Die persönliche Geschichte eines der aktivsten Atheisten der Gegenwart, Richard Dawkins, ist deshalb prototypisch. Er bekannte sich in dem Moment zum Judentum (ja suchte es, denn es bestand nur in seiner Mutter), berichtet E. Michael Jones, und es klingt höchst plausibel und schlüssig, als er sich offiziell zum Atheisten erklärte - und damit die Fundamente des zumindest theoretisch christlichen Westens angriff indem er die implizit längst atheistische geistige Fundierung der Wissenschaft explizit machte. Und er tat es durch Rückgriff auf die Irrationalität, die dem Atheismus eigen ist, indem er eine "genesis ex nihilo" erklärte - was logisch ein Unsinn ist.





*201017*