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Montag, 24. Mai 2010

Distanz heißt Besitz

"Das menschliche Leben ist nur solange wirklich, als es seine Darstellung in einem begrifflich unverfügbaren Spiel finden kann. Fällt dieses Spiel aus, sei es durch Geringschätzung, sei es dadurch, daß der Mensch die Spielregeln nicht mehr anerkennen will oder kann, verkommt das Leben zur wahnhaften Unwirklichkeit und zum 'bloßen Spiel', das alle Beteiligten zwingt und nichts mehr zeigt."


Dietmar Kamper in "Spiel als Metapher des Lebens"
 
 
 
 
*240510*

Samstag, 22. Mai 2010

Der Spielende handelt

"Die andere Ordnung, der Ursprung der menschlichen Welt im Spiel, duldet keinen Spaß. Was in der Welt auf dem Spiel steht, das muß schließlich ausgesprochen werden, ist nicht allein das Schicksal eines einzelnen Dichters, sondern das Schicksal der Menschheit, die sich den Prozeß macht, weil sie nicht mehr geschichtlich zu handeln vermag - die 'spielen' (im Sinne von "so tun als", Anm.) muß, weil sie nicht mehr spielen kann."


         Dietmar Kamper in "Der Mensch und das Spiel -
                                                                                        Spiel als Metapher des Lebens"



*220510*

Sonntag, 16. Mai 2010

Die herausgestellte eigene Wirklichkeit

"Verwandlung ist der Sinn des Festes, des Konzertes, des Theaters - Verwandlung der Menschen, die potentiell immer Publikum sind (hungrige Konsumgesellschaft), in Mitspieler, in sich selbst sehende Akteure (Geschöpfe wie Schöpfer aus Einbildungskraft). Es ist gerade nicht die Kunst, sondern die Wirklichkeit, die im Theater und im Konzert gespielt wird. 

Die Schauspieler bilden, indem sie spielen, die dramatische 'Substanz' einer Epoche; das Orchester, indem es konzertiert, das heißt ein Musikstück spielt, wiederholt in seinen verschiedenen Stimmen und Lagen die Stimmen und Lagen der Gesellschaft. Hier ist das Metaphorische Garant der gesellschaftlichen Realität. Wo es ausbleibt, versinkt die Gesellschaft in die Banalität leerer Rituale."


Dietmar Kamper in "Spiel als Metapher des Lebens"



*160510*

Sonntag, 9. Mai 2010

Ehe als Metapher

"Gerade im sexuellen Bereich zeigt sich, daß hier der direkte, metaphernlose Bezug einen totalen Anspruch geltend macht. Es soll kein Hiatus, kein Innehalten des Menschen mehr zwischen Anlaß und Vollzug der 'Befriedigung' geben. Die in illustrierten Zeitschriften publizierte 'große Welt' suggeriert ein Verhalten, das nicht nur restlos eingebunden ist in den Mechanismus von Reiz und Reaktion und insofern tierisch wäre, sondern darüber hinaus keine rituellen Umschweife mehr duldet, auf welche die Tiere durch Instinkt immerhin noch verpflichtet sind.

Es bedarf aber jeder soziale Umgang, erst recht der nächste, verbindlicher Spielregeln. Das erste Gesetz der Liebe lautet, daß der andere Mensch nicht Objekt, Gegenstand sein darf, sondern Gegenüber sein muß. [...] Der Zusammenstoß zwischen einer unvermittelten Besitzgier und der Liebe, die in Sorge ist um die Freiheit des Anderen, ist deshalb immer unvermeidlich. Es ist der dramatische Vorwurf, gleichsam das 'Textbuch' der Liebe. In diesem Konflikt muß der Mensch erwachsen werden.

Kann er ihn nicht austragen, versagt er als Akteur des Dramas, dann bleibt er infantil, ein Leben lang, auf einen Partialtrieb fixiert, oral, anal, oder phallisch besessen, alles zum Objekt seines (sekundären) Narzißmus nehmend und keiner menschlichen, das heißt genitalen Befriedigung fähig. Daß diese Infantilisierung massiv eingesetzt hat und gerade in der scheinbaren Liberalisierung des Sexuellen sich durchsetzt, kann nur leugnen, wer die Notwendigkeit des Liebesspiels für die Erhaltung der (substantiell verstandenen) Menschheit bestreitet. 

Zwar ist der genannte Konflikt immer schwieriger zu bestehen, weil die Erwachsenenwelt durch Verrat an fast allen traditionellen Formen des Werbens und Wartens, der Verlobung, der Ehe usw. dem heranwachsenden die kulturimmanente Erleichterung raubte. Aber nichts kann einen Menschen entschuldigen, der sich der Liebe versagt, um entweder in ängstlicher Verneinung oder in verkrampfter Bejahung der abstrakten, das heißt lieblosen Sexualität sein 'Heil' zu finden."



Dietmar Kamper in "Das Spiel als Metapher des Lebens" -
Hier: die Ehe als Spielform menschlichen Liebeslebens




*090510*