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Freitag, 17. April 2020

Die totale Kontrolle

Ein Dokumentarfilm des österreichischen Filmemachers Werner Boote aus dem Jahre 2017. Dank an Leser H für den Hinweis, dem hiermit die silberne Knödelscheibe für treue Verdienste ums Blog überreicht wird. Zu "Alles unter Kontrolle": Es begann spätestens bei 9/11 im Jahre 2001, also mit der Angst vor dem Terror, und fand in der Angst vor dem Corona-Virus seinen vorläufigen Höhepunkt. Nichts in der Reaktion war letztlich rational begründbar. Nicht EIN Terroranschlag wurde verhindert. Nicht EIN Toter durch einen Corona-Virus wurde vermieden. 

Mittlerweile wird vom Durchschnitt der Bevölkerung (wie von den Medien eingeflüstert) die Gefährdung, ja der direkte Verlust der Freiheit als "geringes Übel" angesehen, verglichen mit den - es sei noch dazu betont: FIKTIVEN, MÖGLICHEN - irdischen Schmerzen und Leiden, die ein Terroranschlag oder eine Corona-Erkrankung bedeuten. 
Seit Jahrzehnten sieht sich der Staat zunehmend in einer feindlichen Stellung seinen Bürgern gegenüber. JEDER ist schuldig, jeder darf deshalb seiner Intimität beraubt werden, weil er böse sein KÖNNTE. Jeder ist schuldig, es sei denn, er kann das Gegenteil beweisen. Genau das ist aber unmöglich. In der Corona-Krise erleben wir nun, wohin das geführt hat. Jeder ist zum (möglichen) Todfeind des anderen geworden. 
Intimität, Diskretion wird heute als menschliche Notwendigkeit nicht mehr akzeptiert. Unter dieser Voraussetzung des grenzenlosen weil "in einer Möglichkeit begründeten" Verdachts ist Gemeinschaft und Volk aber unmöglich geworden. Denn alles menschliche Miteinander beruht in dem Vertrauen darauf, daß der Mensch seine Möglichkeit NICHT in jeder Hinsicht wahrnimmt, sondern den Konventionen folgt. Sie beruht also auf der aktualisierten Kraft zur Freiheit. 
Der Grund, warum der Bürger heute von seinem Staat wie von anderen Stellen nicht mehr respektiert wird, liegt deshalb in einer prinzipiellen Verneinung der menschlichen Freiheit. Er liegt darin, daß diese Freiheit - wenn schon akzeptiert - auf einer falschen Vorstellung von Freiheit beruht, nämlich auf Willkür. 
Die menschliche Integrität als Unverletzlichkeit der intimen Sphäre - und dazu gehört auch das Vergessen - als Hoheit über das Ganze des individuellen Menschseins, der Rolleninterpretation, die jeder pflegt und hegt, wird nicht mehr als konstitutives Argument von Gesellschaft und Gemeinschaft akzeptiert. 
Deshalb sieht niemand einen Verstoß gegen die genuin menschliche Moral darin, jeden seiner Freiheit zu berauben. Irdisches, materiales, quantifizierbares Gut wird über das geistige Wesen des Menschen gesetzt, ja außerhalb dessen angesiedelt. Der Geist, den es nur in Freiheit gibt, der also nach Freiheit verlangt, wird spätestens seit der Aufklärung nicht mehr als dem Menschen zubehöriges Merkmal der Welt gesehen.
Die fundamentale Schwäche dieses Films ist, daß er die Freiheit nicht im Objektiven verankern kann. Es bleibt bei einigem vordergründigen Geplänkel im Rahmen populärer, aber unreflektierter Schlagwörter und Vorurteile. Als würde er das untersuchte Problem selber gar nicht ernst nehmen, sondern nur "irgendwie dramatisch" ausmalen. 

Da wird von Datenmonster gesprochen, wohl in der Hoffnung, daß diese Schlagworte gedankliche Tiefe vortäuschen können, und das reicht dann. Man hätte sich zu so einem (gewiß auch in den Augen des Filmemachers) gewichtigen Thema auch manch gewichtigeren Gesprächspartner gewünscht als "Experten", die "Vorteile minus Nachteile = Wert des Produkts" in die Kamera plauschen. Und erzählen, daß sie erst zu Chip-Implantaten zustimmen wollen, wenn sich diese Cyberwelt weiter entwickelt hat. Ist das eine wirklich noch ausständige Entscheidung zu einer prinzipiell moralischen Frage?

Der Dokumentarfilm "Alles unter Kontrolle" ist deshalb dieselbe Possenreißerei wie bei jedem Liberalen. Wie bei jedem, der das Dogma von der "offenen Gesellschaft" unreflektiert angenommen, meist mit der Muttermilch aufgesogen hat. Wo wie bei vielen Menschen zeitlebens die Freiheit des Menschen ... mit einer Unfreiheit begründet wird. 
Ja, die Ordnung der menschlichen Welt selbst, die Ordnung jeder Gesellschaft "in Freiheit" wird mit der Unfreiheit als rein materiales, vorhersehbares, prädestiniertes Geschehen (Triebe, als physiologisch unwiderstehlich entstandener Antriebe) begründet. Sie bleibt im rein subjektiven Bedürfnis als physisches, materielles Bedürfen begründet. Und ihr Verlust bleibt deshalb immer dann akzeptabel, wenn ihr Verlust im Namen "guter Zwecke" passiert. 
Nur genau dort kann sie sich nicht nur schneller als man denkt zur Unfreiheit verwandeln, nein: Dort IST sie Unfreiheit, objektiv betrachtet. Keine "nette" Regierung, kein "guter Zweck" kann das besser machen. Und keine Praxis des individuellen Verzichts auf Freiheit kann das Absprechen von Freiheit rechtfertigen. 

Freiheit, Integrität und Diskretheit ist Bestandteil des Menschseins an sich! Sie muß deshalb Tabu sein.

Auch der Süchtige fühlt sich frei, wenn er gerade genug Geld hat, um sich einige Schüsse zu leisten. Wie unfrei er ist, wird ihm erst klar, wenn er kein Geld mehr hat, um sich den nächsten Schuß zu besorgen. Und er sich nicht GEGEN diesen zu entscheiden vermag.






*300320*

Freitag, 8. November 2019

Seltsame Koinzidenz

Es ist von Danisch übernommen, weil es erstaunlich ist. Vergleiche der Leser einmal die Geste in Orwells "1984" (bei sec. 10) und die der "Fridays for Future"-Demonstranten in Wien.









Sonntag, 24. Mai 2015

Tod der Sprache = Tod des Denkens

Selbstmord der Sprache geht mit dem Selbstmord einer Kultur Hand in Hand. Es ist die Preisgabe der Rückverbundenheit der Sprache mit dem Metaphysischen, die dieses doppelte Versagen bewirkt. 

"Die Neusprache war die in Ozeanien eingeführte Amtssprache zur Deckung der ideologischen Bedürfnisse des Engsoz erfunden worden. Siehatte nicht nur den Zweck, ein Ausdrucksmittel für die Weltanschauung und geistige Haltung zu sein, die den Anhängern des Engsoz allein angemessen war, sondern darüber hinaus jede Art anderen Denkens auszuschalten ... sollte sich ein unorthodoxer, d. h. ein von den Grundsätzen des Engsoz abweichender Gedanke, buchstäblich nicht mehr denken lassen, wenigstens insoweit Denken eine Funktion der Sprache ist ... Zahlreiche Worte wie Ehre, Gerechtigkeit, Moral, Internationalismus, Demokratie, Wissenschaft und Religion gab es  ganz einfach nicht mehr. Sie waren durch ein paar Überbegriffe ersetzt und damit hinfällig geworden ... 

Es war also in der Neusprache so gut wie unmöglich, verbotenen Ansichten, über ein sehr niedriges Niveau hinaus, Ausdruck zu verleihen ... ein mit der Neusprache als einzigem Verständigungsmittel aufwachsender Mensch würde nicht mehr wissen, daß gleich einmal die Nebenbedeutung von "politisch gleichberechtigt" gehabt oder daß frei einmal "geistig frei" bedeutet hatte, genau so wenig wie ein Mensch, der noch nie etwas vom Schachspiel gehört hat, die darauf bezüglichen Nebenbedeutungen von Turm und Königin kennen kann. Hand in Hand damit geht selbstverständlich die "Gewohnheit, bei jeder nur möglichen Gelegenheit, Abkürzungen zu gebrauchen."



George Orwell in 1984




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Donnerstag, 6. Juni 2013

Was Gott kostet (3)

 Teil 3) Ein Vortrag, der etwas Grundsätzliches zeigt




Der abgefilmte Vortrag (1:30 h Vortrag, der Rest Diskussion) von Dr. Jaro Serbik-Lamina (Österr. Akad. d. Wissensch.) zur "Kosten Nutzen der Videoüberwachung" aus Wien enthält eine Menge Aspekte, die bedenkenswert sind. Auch wenn der Gesamthorizont, der sich in einzelnen Deutungen zeigt, ein Problem ist. Aber vieles an dem Grundempfinden, das sich als "Demokratiegefährdung" artikuliert, ist richtig. Nur ihre rationale Aufarbeitung ist meist grotesk konterproduktiv dem gegenüber, was zu vertreten sie vorgibt.

Der Vortrag greift aber auch das Problem rationalen Diskurses als Grundlage demokratischer Entscheidungen auf, wie hier, in den Überlegungen zur Überwachung. Wie nämlich sich überhaupt in einem dynamischen Umfeld Einzeleffekte belegen, messen lassen sollen. Das können sie nämlich gar nicht, weil sich mit jedem Moment die Grundlagen mit verändern, auf denen beurteilt werden soll. (Siehe die hier immer wieder vorgestellten Überlegungen aus der Kinetik.) Diese selben Überlegungen lassen sich auch auf viele andere Prozesse anwenden - der Klimawandel gehört dazu. Das zeigt alleine die Verworrenheit gegenwärtiger öffentlicher Diskurse, global, die in Wahrheit ein gigantisches Schlachtfeld metaphysischer Probleme sind, und umso mehr in ihrer Gestalt den Charakter leerer Quatscherei haben.

Aber das Umlegen solcher Dinge auf Kosten erweist sich als tatsächlich effizient. Die Rücknahme bestimmter Restriktionen auf Flughäfen z. B. (Flüssigkeiten) hatte den direkten Grund darin, daß die Kosten für die Entsorgung dieser "potentiell gefährlichen Flüssigkeiten", die in Tonnen anfielen, so hoch wurden, daß man die Risken neu abwog - und diese Regelung wieder aufgab.

Und es ist ein alter Grundsatz: daß sich menschliches grundsätzliches Verhalten in Kosten wiederfindet. Gewinnrechnungen sind deshalb nicht prinzipiell zu verwerfen (nur, wenn "Gewinn" in Eigendynamik Gestalt als abstraktes "für sich" nimmt), sondern so gut wie alle gesellschaftlichen Probleme bzw. Probleme eines Organismus lassen sich AUCH als Kostenprobleme, als Probleme der Kostenwahrheit darstellen. Das zur Kenntnis zu nehmen hat nichts mit sentimental bedauerndem "na so sind wir halt"-Seufzen zu tun. Dann würde aber auch deutlich werden, daß die totale Technisierung der Vorgänge, auch der Verwaltungsorgane, ihren prinzipiellen Fehler in hohen Kosten wiedergibt, die seit Jahren zum Kollaps der Staatsfinanzen weltweit führen. DAS steckt hinter der Finanzkrise, geht man allen Teilvorgängen bis in ihre Wurzeln nach, nichts anderes, mit Staatsapparaturen, die zu Krebsgeschwüren wurden, die alles Blut, alle Nährstoffe aussaugen. Sie sind ein gesamtgesellschaftliches Phänomen der Weltgesellschaft, wo einzelne Moralkorrekturen nicht nur nichts bewirken werden, sondern den kritischen Zustand des Gesamten nur noch weiter erhöhen.

Alles drückt sich in allem aus,  nur je in anderer Ebene und auf andere Art. Diese kosmologische Grundwahrheit läßt die Aussage zu, daß "Kalkulation" eine Grundmetapher für humane Vorgänge egal welcher Art sind. Daß diese simple Wahrheit heute so vergessen ist ist lediglich ein Indiz für die Wirklichkeitsenthobenheit der Lebensvollzüge der Einzelnen, seien sie Politiker, seien sie normale Sterbliche, denen die Grundstrukturen des Wirklichen fremd sind. Zahl und Wirklichkeit aber hat eine Entsprechung, dazu muß man nicht erst Plato studieren. Dazu muß man nur wirklich gelebt haben.

"Gesellschaftlicher Diskurs", etwa über eine "Wertediskussion" - wie so oft, auch in dem Vortrag, vorgeschlagen - oder "mehr Transparenz", oder einem "sensibleren Umgang mit social media" (vielleicht als Schulgegenstand), ist aus prinzipiellen Überlegungen heraus kein Mittel, das dieser Problematik Herr werden kann. Er ist in der heutigen Form die Krankheit selber, denn seine Grundlagen verschieben sich mit dem Disput selbst. Das zeigt sich auch darin völlig schlüssig, daß Gesellschaften in denen der Disput hoch steht, gleichzeitig immer mehr Mißbräche s. o. zu verzeichnen haben. Die Überwachung der Überwachung deckt nicht mehr auf, sondern sie SCHAFFT die Intesivierung der Überwachung. Und "mehr PR" durch Forschungsinstitute dieser Art ist das Austreiben des Teufels mit Beelzebub, hebt ihn erst recht in den Sattel. Ihre Wirkkraft ist nie mehr als bestenfalls kurzfristig und vorübergehend: wer in ein Ganzes eingreift, hat es auch im Eingriff selber mit dem Außen zu tun, der Organismus dieses Ganzen reagiert in allen Teilen auf diesen Eingriff und konstituiert sich neu - als er selbst. Und kommt mit dem Zehnfachen der Dämonen zurück.

Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, und belegt das hier Gesagte, daß die Wiener Linien in ihrem aktuellen Ansuchen, diese Überwachungsmaßnahmen fortzuführen, der Datenkommission KEINE DATEN vorlegen konnten, die die vom Datenschutzgesetz verlangte "Rechtfertigung der Eingriffe in die Privatsphäre" liefern konnten. DENNOCH wurde die Bewilligung neuerlich erteilt. Und das ist nur möglich, wenn eben die Grundlagen für diese Maßnahmen NICHT rational erfaßt sind. Das zeigt, auf welchen Füßen die gesamte Diskussion steht.

Deshalb verliert sich o. a. Vortrag auch in eben diese Ratlosigkeit, die bei allen zurückbleibt, Sterbik-Lamina kann die Fragestellung nicht auf die umfassenden Fragen zurückführen. Nur dann aber kann ein Einzelargument aus seiner Teilmechanik herausgegriffen, und im Gesamten bewertet werden. Es gibt keinen Grund für den Entzug der Würde des Subjekts. Wie so vieles, gründet aber damit diese Frage in einer Frage der Anthropologie, und damit in der Metaphysik, und damit - in der Frage nach Gott.








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Mittwoch, 5. Juni 2013

Was Gott kostet (2)

 Teil 2) Der nachkriechende Gott





Die früher selbstverständliche Hilfe und Rücksicht beim Einsteigen von Müttern mit Kinderwägen, zum Beispiel, schwindet zum einen, und wird zum anderen als Angelegenheit der Öffentlichkeit angesehen, die daraufhin spezielle Einstieghilfen montieren muß, oder wo der Triebwagenfahrer per Klingel als "Recht" herbeigeholt wird. Wobei sich die Fahrgäste auch das Recht herausnehmen, die dadurch eintretende Verspätung zu reklamieren. Das ist einer der mittlerweile zahllosen Kostenfaktoren, wo früher "kostenlose" weil zwischenmenschliche Vorgänge plötzlich reale Kosten verursachen.

Und die Videoüberwachung trägt sehr viel zu dieser Erosion des Sozialen bei, soviel ist gewiß. Denn in jedem Fall verändert sich das gesamte Selbstempfinden und damit die Identität im Raum, und neues Unsicherheitsgefühl entsteht. Völlig zu Recht, und noch kaum mehr als diffus manifest. Denn die möglichen Folgen totaler Überwachung, die längst auch den privaten Raum durch private Anwendungen erfaßt hat, sind noch wenig mehr als ahnbar, kaum noch quanifizierbar (z. B. die Erpreßbarkeit der Menschen wird deutlich gesteigert, ob bewußt oder unbewußt, die Einflüsse auf das Verhalten sind einfach da), aber mit Sicherheit gewaltig.

Denn nur in einem geschützten privaten Bereich kann sich der Mensch selbst besinnen, ja nur aus dieser Privatheit heraus überhaupt ETHISCH (sittlich) handeln. Nur ohne Rollendruck - das ist er in seiner intimen Sphäre (wie der Zuschauer im Dunkel des Auditoriums) - kann er sich auf sein wirkliches Wahrnehmen besinnen und eigenverantwortlich werden und nachdenken, und dann erneut in die Welt der Figuren, ins Welttheater  hinaustreten.*

Dieser Aspekt wird völlig unter- weil falsch eingeschätzt. Dabei ist er der Hauptaspekt in den Überlegungen zu den Entwicklungen der Intern- und social-media-Technik. In denen es nicht um "Inhalte" geht, die man zu fürchten oder nicht zu fürchten hätte. Sondern um prinzipielles Wirken, das sich ganz konkret entfaltet. Zwangsläufig, nicht als "Möglichkeit".

Die wenigsten dieser Faktoren sind technisch oder mathematisch bzw. exakt quantifizierbar, sondern nur durch Grundsatzüberlegungen erkenn- und einordenbar. Je automatisierter sie (aus Kostengründen) ablaufen werden, und das werden sie, berühren sie direkt die Frage nach der Normalität. Und darüber wirken sie sehr real normbildend auf eine Gesellschaft, mit enormem Konformitätsdruck und (alsbald internalisierter) Selbstzensur.

Denn die Totalüberwachung bildet eine bemerkenswerte Analogie zu einer Grundgegebenheit des Menschen: Der sich IMMER einem Du gegenüber weiß, Gott, dem Sein. Das ist sein Grunderfahrung. Jeder Mensch, der denkt, spricht innerlich mit dem Sein, spricht mit einem Gegenüber, und erfährt sich als Aufgerufener - zum Gehorsam der Norm des Kosmos gegenüber. Das ist ja überhaupt Sein und Wahrheit.

Die Videoüberwachung auf allen Plätzen versucht damit direkt, das Verdunsten der Religion zu ersetzen. Nur damit kann sie ja ihre Notwendigkeit begründen. Der Verlust der immanenten Verbindlichkeit von Religion, ja deren Bestimmbarkeit überhaupt durch Auflösung der Konfessionen, läßt jedem Verantwortlichen ein nicht mehr bestimmbares Gegenüber erstehen, dem er nicht mehr vertrauen kann. Niemand weiß mehr, in welcher Ordnung, in welcher Verbindlichkeit er sich überhaupt befindet.

Gesetze haben den Sinn, eine kosmische Ordnung, in der sich eine Gesellschaft bewegt, zu sichern. Überwachung ersetzt mittlerweile aber die Ordnung des Kosmos durch eine nicht mehr bestimmbare Ordnung, die von Einzelinteressen genährt sind, und äfft Religion direkt nach. Denn ihr Argument der Abschreckung funktioniert nur, wenn diese Bewußtheit, überwacht zu werden, einem Du gegenüberzustehen, aufrechterhalten wird. Das heißt: es muß bekannt sein, daß man überwacht wird, zumindest in Österreich sogar per Gesetz. Aber wie so oft ist auch hier der vermeintliche Schutz erst die Steigerung der Effizienz der verheerenden Wirkung. Denn gerade das Wesentliche des Menschen ist nicht rational konstruierbar (im worteigentlichen Sinn) - so logisch es auch ist - sondern IST.

Sodaß schon der Versuch, der Glaube, die menschliche Würde rational-aufklärerisch aus einzelnen Dingen und Mechanismen heraus errichten, rekonstruieren zu können oder zu müssen (um sie dann darauf zu begrenzen) der eigentliche Verstoß gegen die menschliche Würde ist. Diese ist an sich unantastbar. Fällt ihre Heiligkeit an sich, fällt alles.

Und das ist nicht eingrenzbar, durch kein Gesetz. Auch das zeigt sich ganz real, man nehme nur die Autobahnüberwachung durch Kameras. Sie hatte ursprünglich den Sinn, Staus zu vermeiden. Mittlerweile dient sie der konkreten Einzelverfolgung von Vergehenstätern. Oder, wie erst jüngst ans Tageslicht kam, daß die Polizei längst schon die Überwachungsdaten der ÖBB-Bahnsteigkameras auswertet. Oder man denke an die bekanntgewordene, vom Gesetz nicht gedeckte Verwendung von Handydaten durch die Polizei in Berlin zur Erstellung von Bewegungs- und Gefährdungsprofilen. Kein Teilgesetz der Welt wird diesen Mißbräuchen jemals vorgreifen können, sondern sie werden aus sich heraus immer weiter wuchern - aus den Treibsätzen, die Grundsätze bedeuten. Die Welt wächst tatsächlich und ganz real (!) aus dem umfassenden Wort ...

Weil die Grundsatzdiskussion aber verfehlt ist, rücken die Grenzen ganz automatisch  nach, das ist unvermeidbar und systemimmanente Logik. Deshalb werden Einzelgesetze, die z. B. bestimmte (und nur das können sie) Datenverknüpfungen und -verwendungen beschränken sollen, niemals wirksam sein. Sie müssen ständig nachjustiert werden, und machen sich genau damit immer mehr angreif- und hintergehbar. Die Diskussion, die sich fast immer um "Datenmißbrauch" bekümmert, ist deshalb prinzipiell verfehlt und unwirksam. Sie wird NICHTS bewirken.
Und was mit "Google-Glass" auf uns zukommt, ist gar nicht mehr abschätzbar. Denn hier wird uns "Gott" in jeden Winkel nachkriechen.
Es gibt Dinge, die wir tatsächlich "nicht dürfen". Aber das läßt sich nicht von Einzelvorgängen her erfassen, sondern nur von Gesamtüberlegungen her. Daß so gut wie alle Dinge, in denen wir rational in Grundverbote eingreifen, auch defacto Katastrophen nach sich ziehen, ist nur Ausdruck davon. Das ist KEIN Aufruf zur Irrationalität - sondern zur Besinnung auf das, was Rationalität als Vernunft überhaupt IST und sein kann.




*Jeder Totalitarismus hat als eines seiner ersten Ziele die Verhinderung von Privatheit. Ohne das kann er gar nicht bestehen.


Teil 3 morgen) Ein Vortrag, der etwas Grundsätzliches zeigt




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Dienstag, 4. Juni 2013

Was Gott kostet (1)

Schleichend, so ein Artikel im Standard, hat sich in den letzten Jahren eine Totalüberwachung in Österreich eingeleitet. Nahezu 1 Mio Kameras sind im Einsatz. Und jeder dieser Einsätze ist "argumentiert", denn er muß von der Datenschutzkommission genehmigt werden. Aber die Effekte sind unter Umständen ganz anders, als man dachte, selbst im Rahmen strenger Nutzenüberlegung.

Dazu ein illustratives Beispiel: Die Wiener Linien (öffentliche Verkehrsbetriebe) haben 2006 begonnen,  nach und nach in sämtlichen Transportmitteln Videokameras zu installieren. Die Argumente dazu waren, daß ein jährlicher Schaden durch Vandalismus von 200.000 Euro sowie Tätlichkeiten auf Personal und Fahrgäste verhindert oder im Ausmaß verringert werden sollten.

Dafür wurden 3,7 Mio Euro in Ausrüstung investiert, die natürlich alle paar (etwa 8) Jahre zu erneuern ist, und zudem einen laufendem Wartungsaufwand erfordern. Darüber hinaus sind jährliche Betriebskosten (Personal für Überwachung etc.) von rund 270.000 Euro anzusetzen. 

Eine Überprüfung der Effekte, die zum Teil natürlich schwer quantifizierbar sind, ergab nun, daß weder die jährliche Schadenssumme durch Vandalismus, noch weniger Akte von Tätlichkeiten zu verzeichnen sind. Es bleibt nur noch das Argument, daß sich das "subjektive Gefühl der Sicherheit" bei den Fahrgästen erhöht habe, und daß ohne diese Überwachungsmaßnahmen die Schadensakte gestiegen wären.

Letzterer Umstand ist allerdings zweifelhaft. Denn Untersuchungen haben Interessantes ergeben: Zwar stimmt, daß ein Teil der Fahrgäste sich sicherer fühlt, wenn er sich überwacht weiß. Dem steht aber ein nicht geringerer Teil der Fahrgäste mit nicht geringem Unbehagen gegenüber, das das Wissen auslöst, sich auch selbst beobachtet zu wissen. Noch spezifischer aber ist die Tatsache, daß Fahrgäste, die einen Raum überwacht wissen, gleichzeitig den Raum selbst als unsicherer empfinden: Was notwendig hat, überwacht zu werden, kann nur unsicher sein.

Es gibt Untersuchungen aus USA, London und Paris, schon einige Jahre alt, die man auf eine interessante (aber keineswegs verwunderliche) Gesamtaussage bringen lassen: Menschen verhalten sich so, wie Plätze (Räume) "tituliert" sind. Ihr Verhalten auch im pfleglichen oder nachlässigen Umgang mit den Dingen richtet sich nach dem "Image", den der Platz hat. Wird ein Raum als "aufgegeben" erfahren, was sich darin ausdrückt, daß der Halter (Besitzer etc.) des Platzes das Eigensein des Platzes zur Disposition stellt, sinkt die Ordnung der Benützer dramatisch. Graffiti haben (und das wurde speziell untersucht) genau diese Wirkung, die Benutzer solcher Plätze/Räume verhalten sich dem Raum gegenüber deutlich nachlässiger.

Auf die Videoüberwachung übertragen heißt das, daß sie zwar allfällige Täter möglicherweise besser aufzugreifen hilft´, wobei das b8isher nicht meßbar feststellbar ist. Wobei auch das fraglich ist, weil Videoüberwachung bewirkt, daß relevante Taten in nicht-überwachte Zonen abwandern, auch das ist belegbar, in Summe aber nicht weniger werden.  Auf jeden Fall ist bekannt, daß nur bestimmte und kleinere Taten durch Abschreckung verhindert werden können. Wo der Täter das Risiko, erwischt zu werden, mit dem Wert des Diebsgutes gegenrechnet. Die eigentlich relevanten, nahezu alle schwerwiegenden Taten sind Affekthandlungen, bei denen es dem Täter gleichgültig ist, ob er dabei gefilmt wird. Und es ist auch bekannt, daß professionelle Täter (Taschendiebe) sich von Videoüberwachung NICHT abschrecken lassen. Von jenen Taten, die BEWUSZT gesetzt werden, WEIL man sich gesehen weiß, soll da noch gar nicht gesprochen werden.

Der Preis solcher Überwachung aber ist mit ziemlicher Sicherheit ein viel höherer, ja hat eine ganz andere, wesentlich größere Dimension: Der Raum selbst wird zum Nicht-Ort, zur bloßen Durchgangsstation und Funktion, seine Form wird zur Nicht-Form, sein Aussehen, die "Lebensqualität" sinkt damit dramatisch. Weil sie mit Wirklichkeit nichts mehr zu tun hat, sondern nur noch "bestimmtes", funktionsgerechtes Verhalten auferlegt.

Ein weiterer Faktor - auch er hat den Nachteil, kaum quantifizierbar zu sein - ist damit direkt kostenrelevant: Wenn der Benützer eines Raumes diesen nicht mehr als "seinen" empfindet (und das passiert unweigerlich bei Videoüberwachung, der ihm diesen Raum aus seiner Intimsphäre reißt, er HAT nicht mehr SEINE Handlungshoheit) schiebt er auch die Kosten für simples soziales Verhalten auf die Allgemeinheit. Ein generelles Phänomen, im übrigen, das noch kaum Eingang in politische Überlegungen fand: Wer den Raum nicht mehr besitzt, sieht sich auch über bestimmte Funktionsregeln hinaus menschlich nicht mehr verantwortlich. Schon kleinste zwischenmenschliche Aktionen oder Hilfeleistungen werden auf die Allgemeinheit, den Funktionserhalter abgeschoben.


Teil 2 morgen) Der nachkriechende Gott




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