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Donnerstag, 13. November 2014

Abbruch der Brücken zur Vergangenheit

Im Bombenkrieg, schreibt Jörg Friedrich, werden die Mauern, der Stein zu Verbündeten der Waffe der Angreifer. Sie erschlagen, ersticken, zerfallen, werden zu Glutöfen und Erstickungsfallen, zu Manifesten des Schreckens. Die Haltung der Menschen zu ihnen wandelt sich, sie werden zu gegenwärtig gehaltenen Traumata. Mehr Mauern, als die Bomben zerstörten, rissen deshalb die Deutschen selbst nach 1945 ab. 

Was man in den Bombenangriffen in den Städten - Dörfer waren als Bombenziel uninteressant, man brauchte zusammenhängende bebaute, brennbare Flächen - erlebt hatte war eine Dekomposition des Seelischen, das alles Erleben, Fühlen in einer Spaltung abkoppelte, die Sinne als Notwehrreaktion stumpf machte.

Man wollte sich von dieser schrecklichen, tödlichen Vergangenheit, die man in den Bombenangriffen dort wehrlos und ausgeliefert erlebt hatte, trennen, die Gefühle nicht mehr aktivieren. Die mit dem Stein, den man als Todfeind erlebt hatte, nicht mehr als bergenden Schutz wie zuvor, verbunden waren.

Zwar wurde auf Befehl Hitlers ab 1943 mit Photographie alles "gesichert", was zu sichern war, bis ins Detail. Doch es war die Abnahme von Totenmasken. Vieles wurde zwar nach 1945 wieder als Imitat nachgebaut, viele einzelne Kostbarkeiten und Kunstwerke waren abmontiert und gerettet worden, aber noch mehr nicht. Und wurde etwas später rekonstruiert, wurde aus lebendiger Vergangenheit - ein Museum. Der Bruch mit der Geschichte, er im Schutt der Städte besiegelt war, war irreparabel.

Die Bomben wurden zu Annullierungsinstrumenten deutscher Geschichte und Tradition. Denn der Stein war beseelt. Dieser Seele wurde das Urteil gesprochen, gegen das es keine Berufungsinstanz gab, formuliert es Friedrich. Die Baugestalt als Erzieher wurde von anderen Erziehern abgeschafft, die nun Religion, Sitte und Recht neu festlegten. Und Deutschland konnte sich nicht mehr wehren, wurde vollständig unterworfen.

England kämpfte gegen einen Ungeist, indem es den Unmenschen vernichten wollte, der in Körperkonturen steckte. Aber damit kann man Ungeist in Wahrheit nicht besiegen, selbst wenn man alle Gefäße zerbricht, in denen er steckt. Und das Bomber Command zerstörte dabei überhaupt jeden Klang, die zweite Zeit, die jeder Gegenwart parallel geht, nach der sich eine Kultur wieder neu an seinen Wurzeln orientieren hätte können.

Hier schließt sich ein seltsamer Bogen, in der Analogie zu heute, 2014. In der Stumpfheit gegen die gegenständliche Welt, verbunkert sich der Mensch. Sein Schutzschild ist nicht mehr eine acht Meter dicke Betondecke, sein Schutzschild ist ein 2 oder 5 cm dicker Bildschirm. Umgeben von unsichtbaren Betonwänden, ist seine Welt nur noch virtuell. Erleben läßt er nicht mehr zu, dafür lagert er Dokumente aus: waren es im Bombenkrieg ferne Stollen und Kasematten, ist es heute der Datenbunker irgendwo in der Einöde Kaliforniens. Sein Tun wird automatisch, seltsam rational, die vermeintliche Außenwelt mit Taste und Telephon gesteuert, in ständiger Erwartung, und endet in der Unbeweglichkeit zwischen engen Bunkerwänden, wo entgeisterte Menschen dicht an dicht sitzen, die sich in leerem Geplappere unterhalten, während ihnen die Zeit zu einer Parallelzeit zur Außenwelt schrumpft. Wie es in den Bunkern erlebbar war, genau so erscheint das Bild der Seelenwelt des heutigen Menschen. Wie bei jenen, die mitten im Bombenhagel den Untergang der Welt erfahren hatten. Was sie von der Vergangenheit noch zu Gesicht bekommen, sind - photographische Dokumente und Datenlisten, denen aber die lebensspendende Kraft der historischen Gestalt fehlt, "gerettet" vor dem Barbarismus der Zeit.




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Dienstag, 11. November 2014

Gezielter Völkermord als Kriegsmittel (2)

2. Teil) Es ging gezielt um Menschenvernichtung. 
Der Feind war nicht ein Staat, sondern ein Volk, das nur eines nicht konnte: Aufgeben.



Wobei man, wie gesagt, nicht auf Sprengwirkung setzte. Die war nur ein Mittel, um dem eigentlichen Wirkmittel, der Brandbombe, den Weg zu ebnen, und offen zu  halten. Eine bereits zerbombte Stadt war Sprengbomben - deren Einzelgewicht sich innerhalb dieser Jahre vervielfachte, so waren sie wenigstens noch als Bunkerknacker brauchbar - gegenüber überhaupt immun, da half nur Feuer. Man wollte Land, Fläche, Stadtfläche zu einem alles Leben verunmöglichenden Raum machen. Als militärisches Mittel gezielter Feindbekämpfung war die Sprengbombe unbrauchbar und viel zu zufällig. Man brauchte also "Dichte des Zieles".

Was die Zivilbevölkerung "einfach" erduldete, war unermeßlich. Die meisten Frontsoldaten, die auf Heimaturlaub waren, waren froh, bald wieder an die Front zu können. Denn so schlimm wie in der Heimatstadt war es dort bei weitem nicht. Jeder Soldat, der seine Hände hebt und die Waffe wegwirft, wird schonend behandelt, wird nicht mehr bekämpft. Was hätten die Bewohner deutscher Städte machen sollen, wenn fünfhundert Lancaster mit 3 Millionen Stabbrandbomben anflogen?

Und Hitler? Der dachte bis zum Schluß nur an Vergeltung. Was die Engländer natürlich mit Schmatzhand aufgriffen, denn die Verhältniszahl war erdrückend. Sämtliche V-Waffen töteten weniger Engländer, als diese bei einem einzigen Angriff auf Pforzheim über die Klinge springen ließen. Für diese Genugtuung blieb der Bevölkerung oft nur noch Lynchjustiz an Abstürze überlebenden Bomberpiloten. Aber an die Möglichkeit eines Sieges im Krieg glaubte niemand mehr, nur sagte man es nicht. Goebbels beklagte das. Die deutsche Propaganda war ja bislang in Schritten mutiert: im 1. Kriegsjahr hieß es "wir haben gesieht", im 2. "wir werden siegen", im 3. "wie müssen siegen", und im 4. "wie können nicht besiegt werden". Passives Erdulden war die Devise geworden, "siegen zu können" glaubte niemand mehr der täglich erlebte, daß die deutsche Luftabwehr die Vernichtung des Landes nicht einmal ansatzweise verhindern konnte. Die Propagande konzentrierte sich auf den Umstand, daß man zwar mit Psychologie nicht siegen, aber verlieren konnte. Denn daß man Menschen in rauchenden Trümmerhaufen nicht zu Hurra-Schreien bewegen konnte, war Goebbels klar. Also mußte man ihre Haltung loben, mit der sie das alles durchstanden.

Am Schlachtfeld hatte England vorerst verloren - also verlegte es sich ab Mai/Juni 1940 auf das Vernichten des Zivilen. Vorsorgehalber bestellte England in den USA Millionen von Gasbomben. Die aber denn doch nicht zum Einsatz kamen. Man fand und perfektionierte weniger skandalöse Mittel - die Flächenzerstörung durch Brand. Zahlreiche englische und amerikanische Bischöfe protestierten gegen diese unmoralische Vernichtungsstratege, deren  militärischer Wert eine längere Abhandlung braucht um noch "gültig" zu bleiben, weil sämtliche Werte erst einmal umgewertet werden müssen, um am Schluß noch plausibel zu bleiben. Erst rechtfertigten bewußt nach oben korrigierte Opferzahlen aus dem Revanche-Bombardement Londons ab August 1940, "Deutschland hat so viel Elend über Europa gebracht ..." zog aber schließlich als ultimatives Argument, um aller Gewissen, selbst das Churchills, zu beruhigen. London wurde propagandistisch zum Mythos des Durchhaltens stilisiert, und zwar auf groteske Weise für beide Seiten und durch die selben Übertreibungen. Aber nach dem wirklichen Ausweiten der Katastrophe, etwa im Ruhrgebiet, breitet sich spätestens ab 1943 Resignation aus.

Der Satz "Der Führer hat uns belogen" wird allgemein, wenn auch heimlich. Wer solchen Terror wehrlos hinnehmen muß, wer seine Bevölkerung davor nicht zu schützen vermag, dem glaubt man nicht mehr, daß er das Los wenden könnte. Man beginnt zu ahnen, daß alle Opfer umsonst sein werden. Das Beben der Erde unter den Detonationen wird von vielen als Weltuntergangserlebnis beschrieben, das dem Menschen jeden Platz auf Erden entzieht.

Der Staat Deutschland sorgte sich freilich vorbildlich um die Opfer. Hitler hatte ja immer einen Arbeiteraufstand wie 1918 gefürchtet. Die Engländer hatten sogar etwas dieser Art erhofft. Mit Millionen Butterbroten nach Bombennächten etwa wurde aber bemerkenswert "feinfühlig" reagiert. Mit Getränken, mit Kaffee, mit Millionen ausgegebener Essensrationen, mit einer Sanitätsversorgung, die noch 1945 von 90 % der Bevölkerung mit "sehr gut" bewertet wurde. Nach den schweren Angriffen auf Köln speisten 80 % der Bevölkerung auf Staatskosten. Und der Staat "zahlte", bereitwillig. Entschädigungen für Eigentumszerstörungen, Häuser, Klaviere, Hausrat, und steuerte die Inflation dann durch Preisregelungen. Augenblicklich bildete sich ein riesiger Schwarzmarkt, Natürlcih illegal. Aber als Bingen Tauschware für dringenden sonstigen Bedarf benötigte, konfiszierte es einfach einen Salzkahn, der vor Anker lag.

Größter Wert wurde auf "persönliche Begräbnisse" gelegt. Der Aufwan den man betrieb, Tote zu bergen, zu bestatten, zu identifizieren, war beträchtlich. Wenn es auch manchmal nicht mehr ging, wie in Dresden, wo tausende Tote schließlich auf Rosten aus Eisenbahnschienen - manche kannten dieses Prozedere aus Auschwitz - verbrannt wurden, weil der Verwesungsgestank unerträglich, die Eingrabekapazität aber überfordert war.

Die Währung? Man möchte das den "Gold ist Geld"-Trotteln von heute gerne wieder und wieder ewrzählen, wären sie nicht unbelehrbar stumpf, wie die Bombenopfer - bezahlt wurde mit allem, was gebraucht wurde. Zigaretten, Strümpfe, Wäsche, natürlich auch Geld (zu eigenen Kursen), was eben "Wert" hatte wurde zur Währung. Gold wollte niemand. Dafür interessierten sich erst nach 1945 die tausenden von amerikanischen Spekulaten, die das Land durchkämmten. Denn in Amerika war Gold - für Schmuck, was auch immer - noch etwas wert, das hier so spottbillig gegen ein paar Zigaretten, Strümpfe, Butter oder Brot einzuhandeln war, wenn man es eben darauf stand. Bis Goldbesitz und -handel in Deutschland generell verboten wurden. Gold wurde hier erst etwas wert, als es allen wieder gut ging, man Raum für Kokolores hatte.

Mit 5-800.000 Toten (je nach Schätzung), also mit vielleicht einem Prozent der Bevölkerung, war der Erfolg der unglaublichen Vernichtungswellen, die in diesen vier Jahren Bombenkrieg über Deutschland rollten, aber außergewöhnlich bescheiden. England war tief enttäuscht. Man hatte mit vielen Millionen gerechnet. Und selbst davon waren noch ca. 40.000 Tote KZ-Häftlinge bzw. Zwangsarbeiter, die nämlich in ganz Deutschland Bunkerverbot hatten, sieht man von einzelnen "vorschriftswidrigen" Ausnahmen ab. Leipzig, im Erbe seines ehedemstigen Bürgermeisters Goerdeler (im April 1945 endgültig für seine Beteiligung am Putschversuch vom 20. Juli 1944 hingerichtet), war dabei herausragend mutig.

Und doch verließen die Menschen die Städte nicht. Nicht, wie von der Reichsführung gehofft oder geplant. 20 Millionen (!) Menschen, so Göbbels, hatte man in "sichere Gebiete" auszusiedeln geplant. Aber nur ein Bruchteil davon ging fort. Die Menschen wollten in ihren Städten bleiben, und lieber sterben. Aber sie waren meist apathisch, desinteressiert, nur auf primitive Lebensvorgänge fokussiert, depressiv weil hoffnungslos, und nur noch beschäftigt, ihre Verwandten und Kinder zu finden, oder zu besuchen. Alles, was ihr Leben ausgemacht hatte, was sie sich materiell geschaffen hatten, war zerstört.*

Die meisten Verantwortlichen in England konnten sich 1945 nicht vorstellen, daß sich ein derartig seiner materialen Grundlage und seiner Geschichte, seiner Kultur beraubtes Volk, ein derart ausradiertes, vernichtetes Land, jemals, oder bestenfalls nach Jahrhunderten, wieder aufrichten könne.




*Österreicher können sich das Ausmaß des Bombenkriegs gegen die deutsche Bevölkerung nicht vorstellen. sie können sich auch nicht vorstellen, derartig seiner materialen kulturellen Grundlage beraubt zu werden. Ja, auch Wien wurde schwer bombardiert, ja, Wiener Neustadt (Henkel-Flugzeugwerke) war 1945 schließlich eine der meistzerstörten Städte des Dritten Reiches, war ausradiert. Aber das alles fand erst ab 1944 statt, als Italien mehr und mehr nach Norden zu erobert wurde, die Reichweite der allliierten Bomber also nunmehr ausreichte. Und auch die Heimatstadt des VdZ, Amstetten, wurde mit 200 Toten - bei vielleicht 7- oder 8- oder 10.000 Einwohnern (wie viele Einwohner die Städte damals hatten, ist bei den damaligen Wanderungsbewegungen oft nicht erhebbar) gar nicht so wenig - im finalen Angriff, wenige Wochen vor Kriegsende, als alles nur noch auf der Flucht nach Westen - durch Amstetten - war, beträchtlich getroffen. Ausgelöst durch eine SS-Einheit im Amstettner Außenlager von Mauthausen (für Aufräumarbeiten im mehrmals schwer bombardierten Bahnhof, der wichtig wegen der Erzlieferungen aus der Steiermark war), die sinnlos die bereits abdrehenden US-Maschinen zu beschießen begann. 

Den wirklichen Terror wie Deutschland hat Österreich aber nicht, nicht in diesem Ausmaß erlebt. Viele Österreicher glauben ja heute noch, zu den Guten zu gehören, weil sie Salzstollen im Salzkammergut, in denen viele, ja unermeßliche Kunst- und Kulturschätze Deutschlands eingebunkert waren, an die Alliierten auslieferten. Österreicher können in Fragen des Krieges, der Geschichte, seit mindestens 100 Jahren nicht mehr ernst genommen werden. Der Großteil der Bewohner dieses Landes faselt sowieso generell nur noch, gibt wirres., vor allem aber böses Zeug von sich.



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Montag, 10. November 2014

Gezielter Völkermord als Kriegsmittel (1)

Die Entnazifizierung Deutschlands, schreibt Jörg Friedrich in dem auch sprachlich großartigen Buch "Der Brand", hat bereits 1941 begonnen, und war 1945 abgeschlossen. Denn als dem detusche Volk im "moral bombing", dem gezielten Vernichten ganzer Stadtstriche, ganzer "Weltteile", die für einen Menschen während der Angriffe keinerlei Überlebensmöglichkeit mehr boten, jede Brücke zu seiner Vergangenheit abgebrochen wurde, als es allen gleichermaßen nur noch ums Überleben ging, war Ideologie nicht einmal mehr Nebensache. Nur noch aufrecht erhalten von Funktionären. Aber das betroffene Volk dachte nicht mehr an Ideologie, sie war ihr gleichgültig. WEr alles verlor, hatte an Lebenskultur ohnehin kein Interesse mehr. Depression war fast allgemein, wenn man wie in so vielen Städten 100, 120, 150 Angriffe in diesen Jahren erlebt hatte. Man kochte nicht mehr, man wusch sich nicht mehr, man kümmerte sich nicht mehr um Kleidung.

Ausgenommen - die Beamten, die, die vom Staat nach wie vor lebten. Oder Geld fürs Denunzieren bekamen - von 1941 bis 1945 gab es in Deutschland 15.000 Todesurteile, das Zehnfache der Zeit seit 1933. Oft für Bagatelldelikte, wo sich jemand eine Wurst aus den Trümmern in die Tasche gesteckt hatte. Die bekannte Geschichte.

Der Bombenkrieg der Alliierten war nur ganz anfänglich an "militärisch wichtigen Zielen" interessiert. Schon bald aber war das uninteressant, nur noch ein scheinheiliges Argument. Die waren auch viel zu schwer auszuschalten. Viel effizienter war dagegen das flächige Auslöschen ganzer Stadtviertel. Wo in engen Gassen Althaus an Althaus stand. Wo Markierungsflieger erst den Rayon absteckten, durch Abwerfen verschiedenfarbiger Markierungsbomben das Ziel für die höher fliegenden Bomber erkennbar machten, woraufhin Sprengbomben Fenster und Dächer öffneten, woraufhin ein Vielfaches von Brandbomben, oft so dicht geworfen, daß nicht einmal ein Fahrrad noch durchfahren konnte, die Stadtfläche auslöschte.  "Moral bombinb" nannte man das auf Seiten der Alliierten. Und England hatte darin ja bereits Erfahrung, wie in Indien einige Jahre zuvor.

Technisches Ziel dabei war ein Feuerorkan: In gewisser Dichte, wo sich die vielen Einzelbrände zu einem einzigen Brand zusammenschlossen, wurde durch die Verbrennung so viel Luft angesogen, daß ein regelrechter Sturm aus dem Ansaugen von Sauerstoff entstand, der die Flammen bis in 4000 Meter Höhe unter enormer Hitze auflodern ließ. Luft zum Atmen war da am Boden aber nicht mehr vorhanden. Wer meinte, in Kellern sicher zu sein, erstickte, verschmorte, verkohlte, weil die Keller zu Backöfen wurden, man das Gemäuer oft noch eine Woche später nicht angreifen konnte, weil es so heiß war.

Besonders ausgeklügelt waren die abgeworfenen Zeitminen. Sie sollten verhindern, daß zu früh - also: ehe die Menschen in den Kellern erstickt, verbrannt, verschmort waren - mit den Aufräum- und Befreiungs- und Bergungsarbeiten begonnen wurde. Man mußte sie fürchten.

Der Bombenkrieg der Engländer und Amerikaner wollte nicht militärische Ziele treffen. Er wollte Menschen töten. Offiziell, bewußt, gezielt. Man plante Angriffe nach Opferzahlen, und war regelmäßig enttäuscht, weil der Überlebenswille, die Überlebenskraft der Deutschen alles übertraf, was man sich vorstellte. Mehr als 20-40.000 Tote waren nicht zu erreichen. Wie in Hamburg, Darmstadt, Dresden, Krefeld, etc. etc. Bomber-Harris träumte aber vom ultimativen 100.000-Toten-Angriff. Aber die Deutschen taten ihm nicht den Gefallen. Es war kaum zu glauben!

Aber das machtge wenig. Denn das Bomber Command in England fand heraus, daß Klein- und Mittelstädte das viel lohnendere, effizientere Ziel waren. Militärisch waren die zwar meist wertlos, militärische Ziele wurden bestenfalls als schamvolles "Argument" dann und wann angeführt. Der Ausstoß der Rüstungsindustrie war aber nie so hoch wie im Februar 1945. Man traf die Industrie nicht wirklich.

Aber man hatte ohnehin längst das Volk zum militärischen Faktor erhoben. Um militärische Ziele ging es nicht. Und kleine Städte waren viel effizienter völlig zu zerstören. Berlin lohnte - trotz der gigantischen Angriffe - nicht wirklich. Es war viel zu "brandsicher", zu zerstreut verbaut, mit viel zu breiten Boulevards und Straßen, Brandabschnitten, und hatte kein richtiges Zentrum. Das war bei Köln, Stuttgart (ach, wie das brannte!), Dortmund, Bremen, Karlsruhe, Hannover (!) oder München schon anders. Nicht einmal, nicht fünfmal, nicht zwanzigmal. Hundertzwanzigmal. Hundertfünfzigmal. Die Krupp-Werke in Essen, als Stadt völlig niedergebombt, hatten insgesamt nur wenige Stunden Produktionsausfall. Es stand nichts mehr in der Stadt, und Sprengbomben verpufften, weil keine Wände dem Druck entgegenstanden. Aber man wußte: da ware noch Menschen! Das mußte das Feuer erledigen. Als die Amerikaner mit Bodentruppen nachrückten, 1945, standen sie sogar vor der Erfahrung, daß sich Ruinen sogar äußerst gut zur Verteidigung eigneten.

Wie schön (und für die Bevölkerung aussichtslos) brannten doch die historischen Altstädte eines Weinortes wie Heilbronn, oder in Krefeld, oder in Schweinfurt, oder ... oder ... man WOLLTE eine Kultur auslöschen. Als im Frühsommer 1944 jede Luftabwehr des Deutschen Reiches zusammenbrach, wurde der Bombenterror so gesteigert, daß im letzten Dreivierteljahr des 2. Weltkrieges fast so viel Bombenlast abgeworfen wurde, wie in all den Jahren zuvor. Nun konnte man sich austoben. An manchen Tagen zogen 9-10.000 Bomber und Jagdbomber - die gleichfalls keine militärischen Ziele hatten, sondern bewußt die Bevölkerung terrorisieren sollten - über Deutschland und bombten nieder, was ihnen auffiel. Begleitet von Jagdbombern, die sich gezielt und mit Auftrag auf Zivilansammlungen stürzten. Man wollte das Volk treffen, die Moral. Und wenn es wie in Swinemünde ein reines Massaker an Flüchtlingen wurde, die gerade den Schiffen entstiegen waren, die sie aus Ostpreußen evakuiert hatten. 20.000 Tote, nur dort und bei einem Angriff. Man muß verstehen, die Bomber hatten Peenemünde nicht gefunden.

Alleine auf Hamburg fielen in den Nächten der Großangriffe mehr Bomben, als Deutschland im ganzen Krieg auf englische Ziele als "Vergeltung" abgeworfen hatte. Man feierte in den Fliegerhorsten, wenn man zurückkam, und vom gelungenen Totalbrand der historischen Altstadt Würzburgs berichten konnte.  Beratschlagte mit streng objektiver Sachkenntnis und -miene, wie man die Feuereffizienz noch steigern konnte. Ohne Feuerorkan war alles fast sinnlos. Manche Städte, wie die Universitätstadt Bonn, wurden überhaupt nur als "Übungsziele" für neue Vernichtungsstrategien im Zusammenwirken von Spreng- und Brandbomben, Zeitzünderminen und Markierungsflugzeugen, vernichtet. Man wollte ihn erreichen, diesen Orkan, der wie ein Glühofen von selbst zu arbeiten begann.

Und es gab da durchaus neue Wege. Würzburg war etwa so eine dieser Entwicklungsstufen. Man hat hier den "Fächer" erstmals angewandt. Ein markanter Punkt - historische Gebäude waren dafür ideal, sie waren auch aus großen Höhen erkennbar - wurde von niedrigfliegenden ersten Mosquito-Jagdbombern (Luftabwehr gab es ja Ende 1944 kaum noch) gezielt in Brand gebombt. Weitere leuchteten mit Brandbomben in grün oder rot einen trichterförmigen Korridor aus. Von nun an flogen alle die hunderten, ja tausenden Flugzeuge allesamt zuerst über diesen Punkt. Zehn, zwanzig Maschinen in der Minute. Ein Markierungsflieger der Bomber Commands teilte jedes Flugzeug nach Sekunden ein, die es mit dem Abwurf warten, und nach der Richtung in dem aufgehenden Trichter, in die sie fliegen sollten. So wurde die Flächenwirkung, die für ein Flammeninferno notwendig war, am perfektesten erzielt, geplant und überwacht und vor Ort dirigiert. Aber nicht auf einmal. Nach den ersten Wellen kamen noch einmal die Mosquitos, kontrollierten den Treffererfolg, und korrigierten per Funk die nächsten Wellen, nötigenfalls.

Besonders Highlight: Die Bomber flogen nach so einer Attacke zurück, wendeten aber nach einer Zeit wieder, um nach 60 oder 90 Minuten zurück zu sein. Dann war damit zu rechnen, daß viele Menschen aus den Bunkern und Kellern bereits herausgekommen waren. Vor allem waren dann auch die Rettungsmannschaften effizient auszuschalten. Denn löschen durfte die Brandherde niemand, sie mußten sich ja zu Inferna entwickeln, die Welt zu einem nicht mehr von Menschen bewohnbaren Raum machen. Das war das Grundkonzept.



Morgen 2. Teil) Es ging gezielt um Menschenvernichtung. 
Der Feind war nicht ein Staat, sondern ein Volk, das nur eines nicht konnte: Aufgeben.






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Sonntag, 12. Mai 2013

Wissenshorizonte

Richtige Fragen stellt Jörg Friedrich in einem Artikel im European. Er bezieht sich auf die seltsame Tatsache, daß im Alltag über Dinge diskutiert wird, die überhaupt nicht im Wissenshorizont der Menschen liegen. Das bietet viel Raum für jede Form obskurer Ansichten, weil die Ansichten der Menschen auf bloßem Glauben aufruhen.

Wem aber wird geglaubt? "Der" Wissenschaft? Friedrich weist darauf hin, daß es in Wahrheit nur eine Handvoll Wissenschafter und Ingenieure sind, die die wesentlichen Interpretationshorizonte liefern. Rein wissenssoziologisch betrachtet, ist es eine aufweisbare Tatsache, daß wissenschaftliche Meinungen, die im Medienstrom als "wir wissen" auftauchen, keineswegs auf der selbständigen Forschung "tausender" (z. B.) Klimatologen beruhen. Es sind immer nur ganz ganz wenige, die die Richtungen bestimmen, in welche Thesen entwickelt, und denen gemäß nach Belegen gesucht wird - Forschung also betrieben wird.

So werden die Menschen von Hysterie zu Hysterie getrieben, einfach weil sie diesem Meinungsstrom glauben. Würden sie sich aber auf das besinnen, was in ihrem tatsächlichen Wissens- und Erkenntnishorizont liegen, könnte wenn überhaupt die Relevanz solcher Meldungen erst bewertet werden. Während über klimatologische Zusammenhänge im Laufe von Jahrhunderttausenden diskutiert wird, interessieren sich die Menschen für einfachste alltägliche Dinge schier überhaupt nicht.

Friedrich führt jüngste Beispiele an, wo anläßlich der kalten Winter über menschengemachte Klimaeinflüsse gesprochen wird, als stünde eine Zukunft bevor, in der selbst die Jahreszeiten durch menschliche Umtriebe versetzt oder ausgelöscht würden. Ob eine Eiszeit bevorsteht, oder ob die Kälte nicht auf die Wärme zurückzuführen ist, wird zum Thema von Kaffekränzchen und Biertischen, virtuell oder real. Fragt man nach einfachsten kosmischen Gegebenheiten - warum es überhaupt Jahreszeiten gibt (aus der Stellung der geneigten Erdachse zur Sonne) - herrscht schon erstaunliche Ahnungslosigkeit.

Es geht aber gar nicht um Details kosmischer oder globaler (oder quantentheoretischer) Prozesse, über die ja keineswegs gesichertes Wissen vorliegt, sondern lediglich Thesen. Es geht darum, daß im Alltag über Dinge diskutiert wird, die so fern liegen, daß gar nicht darüber geredet werden könnte, weil das Wissen dafür gar keine Basis zur Beurteilung ermöglicht. Diese Kluft, die allen Raum für Irrationales bietet, kann nur geschlossen werden, wenn die Menschen sich einmal auf das beschränken, worüber sie aus ihrer Erfahrung wirklich reden können.

Worauf Friedrich aber nicht hinweist ist der entscheidende Umstand, daß wir immer nur glauben können. Wissen kann nie mehr als subjektive Gewißheit aus subjektiver Beurteilung sein, ja in gewisser Hinsicht ist Wissen das Erkennen von bereits Gewußtem. Der Unterschied ist, daß die Menschen in diesen "großen" Fragen einem undefinierbaren "Etwas" - einer medialen Wolke, irgendwelchen Büchern oder Zeitschriften oder Internetmeldungen - glauben (wollen), und ihre alltägliche Umwelt darin "übersehen", die spielt gar keine Rolle mehr. man glaubt nicht mehr "einer Person", man glaubt einem Ersatz dafür, der macht eines konstruierten "wir" (der Wissenschaft etc.) DAS macht den Unterschied, das macht die Beurteilungsprozesse so irrational. Denn damit ist das Wesen (!) der heutigen (alltäglichen) Meinungen eine Erscheinung der Propaganda und des Massenmenschen, in jedem Fall, und kein verantworteter Meinungsbildungsprozeß mehr. Es geht um die Frage, worin eines Meinung wurzelt. In der angesprochenen Irrationalität wird Meinung zum bloßen Phänomen von Gruppenidentität, von dem her die eigene Persönlichkeitsbasis ausgehebelt weil definiert wird. Dadurch wird Meinen zum Fanatismus. Nicht durch "glauben an sich".




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Samstag, 19. Januar 2013

Eigentumslose Gesellschaft

In einem interessanten Blickwinkel sieht der Philosoph Jörg Friedrich im The European den gesellschaftlichen Wandel. Denn er weist auf den Unterschied von Eigentum und Besitz hin. 

Eigentum, so Friedrich, bringt eine besonders intensive persönliche Beziehung zum Ausdruck. Eigentum sagt also etwas über das Eigentümliche an einem selbst aus. Identität und Eigentum sind unlöslich miteinander verbunden - ganz anders als bei Besitz ist Verlust an Eigentum auch immer Selbstverlust, Eigentum ist also Teil der Selbstverwirklichung. Eigentum hat also gesellschaftliche, soziale Bedeutung, es ist in seiner Eigenart selbst Ziel.*

Über Besitz wird zwar auch verfügt, aber an ihm dominiert seine funktionelle Seite. Wenn ihm etwas daran nicht mehr paßt, zerstört oder veräußert er ihn wieder.  Er ist am Erhalt des Sinnes eines besessenen Dinges nicht weiter interessiert. Mit Besitz sollen Interessen verfolgt werden, die mit dem Ding selbst nichts mehr zu tun haben: er ist Zweck für anderes. Genügt ein Ding diesem Zweck nicht mehr, wird es abgestoßen.

Gibt es keine Eigentümer in einer Gesellschaft, sondern nur Besitzer, drückt sich darin ein völlig anderes Verhältnis zu den Dingen aus. Wie in der Wirtschaft deutlich zu erkennen ist: Eigentümer von Betrieben agieren völlig anders, als Besitzer, wie sie in bloßen Aktieninhabern oder Kapitalgebern auftreten. Die viel rascher Werke stilllegen, oder Arbeiter entlassen, wenn ihr Besitz ihren Anforderungen an Funktionalität nicht mehr genügt.

Der Leser soll sich selbst weitere Antworten geben, bedenkt er die Zusammenhänge mit dem Umgang mit der Umwelt: Welche Auswirkungen es hat, die Welt, die einen umgibt, nicht mehr als (egal wessen) Eigentum zu begreifen, die Welt damit zu durchwirken bzw. die Welt als davon durchwirkt zu sehen (sodaß alles zu einem in persönlichen Verhältnis steht), sondern als bloßen Lieferanten von Effekten und Nutzen, als objektiver Ort von objektiven, aber für einen selbst aussagelosen Prozessen ... als Besitz. 

Wenn aber Raum lediglich durch Beziehung entsteht bzw. dadurch definiert ist, wird Eigentum konstitutiv für die Welt. Hängt der Zustand der Welt direkt von der Qualität der Beziehung ab. Wird Beziehungslosigkeit (als bloßer Nutzen) zur Auflösung der Welt.





*Eigentum und Besitz haben also völlig anderen Rang, was die Persönlichkeit und deren Entwicklung anbelangt. Eigentum kann nur im Gleichschritt mit der Persönlichkeit gesehen werden, die im Eigentum zur Welt in persönliche Beziehung tritt, das geeignete Ding zum Teil seiner Persönlichkeit macht. Daraus entwickelt sich ein völlig anderes Verantwortungsgefühl, das Ding selbst kann geliebt werden, und in dieser Liebe wird es auch erhalten. Es ist ganz sicher kein Zufall, daß der Eigentumsbegriff zu den Begriffen gehört, die in den vergangenen Jahrzehnten am meisten demontiert wurden. Die Folgen sind evident. Selbst zwischenmenschliche Beziehungen sind mittlerweile "enteignet" ("jemandem angehören" wird nicht mehr verstanden) - und reine Zweckbeziehungen, selbst zwischen Eltern und Kindern etabliert: die Menschen auch in engsten Verhältnissen sind bloße Objekte der Befriedigung von Ansprüchen. Es ist wert zu bemerken, daß diese Ambivalenz in der unterschiedlichen Vater/Mutter-Position zum Ausdrück kam. Mit der staunenswerten Folgerung daraus, daß gleichzeitig mit der Stärkung der Position der Frau (nennen wir es so) im gesellschaftlichen Leben die Ver-Objektivierung voranschritt, der Besitz also. Während doch im familiären Prozeß der Vater den objektiveren bzw. objektiviererenden Part einnahm bzw. einnimmt, die Mutter der Teil war, der zur auch "objektlosen" Person stand. Als würden die Frauen die Rolle des Mannes einnehmen ... nicht ihr Selbstsein in der Gesellschaft stärken.




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