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Sonntag, 10. Juli 2022

Vollkommen falsch gedacht (5)

Die Hölle ist die enteignete Welt - Es gibt Meinungen die besagen, das habe mit der Reduktion der vier aristotelischen Ursachen durch den Rationalismus der Renaissance zu tun. Wo aus der causa efficiens, der causa formalis, der causa materialis und der causa finalis nur noch die causa materialis und die causa efficiens übrig gelassen wurde. 

Die beiden übrigen Ursachen wurden ausgeschieden, weil in ihnen natürlich die Anschauung über das Ziel und dne Sinn der Welt eine entscheidende Rolle spielt. Damit wir die Welt auf jenen Materialismus reduziert, den wir heute vo runs haben. Der aber einen, ja sogar den bedeutendsten Teil der Welt ausschließt. Den des Endzwecks (telos), und den der allem vorangehenden Form, der causa finalis also. 

Sie werden zu Zufälligkeiten erklärt, die aus der causa materialis (dem Material) und der causa efficiens (der Arbeiter, der Handelnde, der etwas tut) entstehen. Der Aufbau der Welt also von unten nach oben - nicht teleologisch, also von oben nach unten. 
Die Welt geht also nicht vom Sinn und von der Gestalt aus, wie es die Menschheit eigentlich seit je gedacht hat, sondern von puren Materialeigenschaften, aus denen alles andere folgt, das dann einfach übergestülpt wird.

Samstag, 9. Juli 2022

Vollkommen falsch gedacht (4)

Eine Welt der Hologramme taugt nicht für die Wirklichkeit. So entsteht notwendig eine Welt der Unsicherheit aus Fehlentscheidungen - Von einem lebensdienlichen Produktnutzen als Grund für Dinge kann aber schon lange keine Rede mehr sein. Nicht nur werden die Urteilsgrundlagen der Menschen als beliebig formbar angesehen (ohne eine gewissermaßen ewige Moral als Grundlage), werden Produkte auf die Grundlage der sie hervorbringenden Maschinen gesehen. Sprich: Was produziert iwrd bestimmen die produktionstechnischen Möglichkeiten und damit in Zusammenhang die Notwendigkeiten, die Meschinen als Kapitalanlagen mit Gewinn zu krönen. Der Mensch wird diesen Produkteionmöglichkeiten ann angepaßt.

Weil sich somit das Produzieren von der Freude an den Dingen ob ihres Lobpreises und Tanzes der Schönheit im Lebensganzen entfernt hat, wird auf den Menschen zugegriffen, um ihn zum Teil einer Gewinn-Produktions-Maschinerie zu machen. Denn der Mensch wird auf den rein materiell gedachten Daseinszweck (der keine absoluten höheren Aufgaben hat) hin gedacht. Er wird zum technischen Apparat, der so weit und so lange funktionsfähig gehalten werdne muß, so lange er Nutzen für diese Maschinerie hat. Darauf setzt die gesamte Public Relations- und Werbemaschinerie an, die seit hundert Jahren das vordringlichste Handwerkszeug der Produktion gesehen wird.

Freitag, 8. Juli 2022

Vollkommen falsch gedacht (3)

Alle Dinge wollen jemandem gehören, weil sie wohin gehören müssen, das ist das Wesen des Existierens: Der Ort definiert also das Wesen.Damit verschwinden also vor allem die natürlichsten, wichtigsten Grundentscheidungen, -anforderungen und -situationen des Menschen (man denke an die Ehe, oder in Zeiten des Corona an die Pflicht sich dem Nchsten zu widmen, die sterbenden Eltern zu besuchen, man denke an die religiösen Kulte, usw. usf.) aus dem Bewußtsein. und werden durch Scheinhandlungen ersetzt, die niemand mehr reflektiert weil er anderwärts beschäftigt ist. Daß dies viel mit Versuchungen, mit dem Anlocken auf bereits vorhandene habituelle Schwächen und Neigungen zu tun hat ist ein wichtiger Aspekt dabei. Denn das Natürlichste ist dem Bewußtsein das am wenigsten Präsente. Nur das kranke Auge sieht sich selbst, sagt V. Frankl einmal dazu.

Und wir hören die Dinge nicht mehr sprechen. Denn alles spricht, trägt seine Grammatik unter und in sich. Aber nur wenige können noch in diese Stille hinein hören. Denn die Wirklichkeit ist unsichtbar, sie ist nicht wesenhaft materiell, sondern hinter (oder: vor) dem Materiellen. WAS etwas ist erschließt sich nicht dem Auge oder dem Tastsinn, sondern ist eine Frage der Erkenntnis, die die Daten der Sinne erst ordnet und mit Bedeutung füllt.

Montag, 28. März 2022

Man denkt sich, weil man gedacht wurde (Aktualisierte Fassung)

Sie finden hier die Überarbeitung und Erweiterung eines Beitrags aus 2015. Dessen Gedanken ich für recht aktuell und von hoher Wichtigkeit einschätze, sodaß ich mir erlaube, ihn in neuer Form noch einmal vorzusetzen.

Wenn es Leute gibt, schreibt Franz von Baader einmal, die behaupten, sie wüßten vom Absoluten nichts, so ist die Frage, ob man ihnen trauen und glauben darf, sei es daß sie bewußt die Unwahrheit reden, sei es daß sie ihre eigenen Gedanken nicht verstehen, sei es daß sie bis zum Zustande der Verwilderung entartet sind. Denn die Grade der Klarheit des Beuwßtseins sind unendlich und es kann in einem Ich ein so geringer Grad vorhanden sein, daß der Gedanke des Unendlichen nur noch als dumpfe Ahnung vorhanden ist.

In irgendeiner Form aber ist der Gedanke des Unendlichen im Ich immer vorhanden, und verschwände der letzte Rest  der Ahnung desselben, so müßte das Bewußtsein selbst verschwinden.

Denn das Ich kann sich seiner selbst nur bewußt werden, wenn es sich als begrenzt erfährt. Es kann sich aber nur als begrenzt erfahren, wenn es (in logischer Folge, in der die Weltdinge wie eine Rampe vorzustellen sind) zuvor das Unbegrenzte erfährt. So, wie es aber auch das Unbegrenzte nur weiß, weil es das Begrenzte weiß. Zeitlich gleichzeitig, logisch aber in Hierarchie, weil ein sich selbst erfassendes Ich nur in der Struktur eines überhaupt sich damit absoluten selbsterfassenden Ich möglich ist.

Donnerstag, 18. November 2021

Suche im leeren Raum (1)

In den Videos, die sich auf dem von "KenFM" Jebsen gegründeten Portal APOLUT finden, läuft ein Vor- wie Abspann, der so lautet: "apolut - So denke ich auch". Als ein Motiv, diese Plattform zu gründen, die zugleich sein "Abschiedsgeschenk" werden sollte (dessen er sich jedoch, wie er auch sagt, zu gegebener Zeit wieder bedienen werde; NACH Beendigung seiner Auszeit, die sich auch darin ausdrückt, daß er seine Sprechgeschwindigkeit wenigstens etwas verringert hat, von Gebirgsfluß auf Mühlenkanal sozusagen) nannte Jebsen, daß er über die Wirksamkeit seiner Videos enttäuscht sei. Denn er sei draufgekommen, daß es eine kleine Gruppe sei, die quasi "alles" in diesem Bereich der "Systemkritik" konsumiere, die in sich aber geschlossen bleibe, und kaum an Zahl und Verbreitung zunehme.
QR apolut.net

Immer dieselben also konsumieren immer die gleichen Kanäle, die somit immer ein und dasselbe Publikum ansprechen. Damit hat er zweifellos recht! Aber warum dann so denke ich auch als Wahl- und Leitspruch?

Vielleicht aus einem anderen Grund als den der "Kritik". Vielleicht aus demselben Motiv, aus dem das gesamte Internet (diesem Begriff ordne ich immer auch die social media bei), dessen immer noch am meisten Staunen machendes Merkmal die unglaubliche Geschwindigkeit der Verbreitung ist. Binnen weniger Jahre - und ich kann mich noch gut erinnern, wie es in den Jahren 2000/2001 bei uns in Österreich begann, mit diesen (verglichen mit heute) unglaublich umständlichen Post-ISGN-Modems und -Anschlüssen, und einem Gefühl, als sei das Reich des Gratislebens angebrochen, in dem jedem alles zur Verfügung steht, und jeder alles kostenlos zur Verfügung stellt. (Siehe Anmerkung*)

Sonntag, 15. Februar 2015

Man denkt sich, weil man gedacht wurde

Wenn es Leute gibt, schreibt Franz von Baader einmal, die behaupten, sie wüßten vom Absoluten nichts, so ist die Frage, ob man ihnen trauen und glauben darf, sei es daß sie bewußt die Unwahrheit reden, sei es daß sie ihre eigenen Gedanken nicht verstehen, sei es daß sie bis zum Zustande der Verwilderung entartet sind. Denn die Grade der Klarheit des Beuwßtseins sind unendlich und es kann in einem Ich ein so geringer Grad vorhanden sein, daß der Gedanke des Unendlichen nur noch als dumpfe Ahnung vorhanden ist. 

In irgendeiner Form aber ist der Gedanke des Unendlichen im Ich immer vorhanden, und verschwände der letzte Rest  der Ahnung desselben, so müßte das Bewußtsein selbst verschwinden.

Denn das Ich kann sich seiner selbst nur bewußt werden, wenn es sich als begrenzt erfährt. Es kann sich aber nur als begrenzt erfahren, wenn es (in logischer Folge, in der die Weltdinge wie eine Rampe vorzustellen sind) zuvor das Unbegrenzte erfährt. So, wie es aber auch das Unbegrenzte nur weiß, weil es das Begrenzte weiß. Zeitlich gleichzeitig, logisch aber in Hierarchie, weil ein sich selbst erfassendes Ich nur in der Struktur eines überhaupt sich damit absoluten selbsterfassenden Ich möglich ist.

Deckungsgleich ist dieser Gedanke mit jenem, daß jemand, der Gott leugnet, erst recht sein Wissen um ihn zugibt. Denn es läßt sich nicht leugnen, was zuvor gewußt wird.  (Dem Agnostiker fehlt also "lediglich" der Wille, sein Denken in strenger Logik fortzuführen.)

Das Schwinden der Identitäten, das heute zweifellos zu beobachten ist (begleitet von einer Gegenbewegung: dem  willentlichen Konstruieren einer Identität), verläuft (auf einer anderen, bereits konkreteren, ausgefleischlichteren Ebene) in Korelation zum Ausdämmern des Bewußtseins des Unendlichen. 

Wo das Bewußtsein des Unendlichen aber wirklich schwinden sollte, löste sich auch das eigene Bewußtsein, das Selbst auf. Der Mensch fiele in den Irrsinn, er könnte sich nicht mehr festigen und würde zerfließen. 

Und er vermöchte es auch dort nicht mehr, wo er sich nicht im Glauben - dessen Wortdeckung mit "Ge-loben", sich also anverloben, sich zueignen, auf die Wurzel des Glaubens im Willen, also als Akt, hinweist - an das Unendliche, Gott, zu verankern vermag. Dieser Akt selbst allerdings ist nicht eigene Setzung! ("Gott gibt das Wollen und das Vollbringen") sondern ist nur dann möglich, wenn das Ich sich als gewollt begreift, der Willensakt also seiner Natur folgt. In der er das Einfügen in einen vorausliegenden Willensakt ist. So, wie ja das Befolgen eines Gesetzes (und darauf beruht jedes Erkennen der Welt) nur das Einfügen in ein vorausliegendes Sein (und Wesen) ist. Wo das Denken nicht gehorsam und welt-/dingkonform sein wollte, bliebe die Welt vollkommen unverständlich, und der Mensch könnte rein gar nichts mehr tun. 

Im selben Sinne ist auch das Sich-selbst-Denken, das Bewußtsein seiner, nur möglich, weil diesem Akt ein bereits Gedacht-werden (im Unendlichen) vorausliegt. Ohne den Gehorsam diesem göttlichen Denken gegenüber, wäre dieser Akt des Sich-selbst-Denken gar nicht möglich.

Im "cogito ergo sum" des Descartes weiß also zwar der Mensch von sich und seiner Existenz, aber er weiß von sich nur, weil er (in logischer, nicht zeitlicher Folge) bereits vom Unendlichen weiß. Und er weiß dies nur wenn er davon ausgeht, daß er geschaffen wurde, also ihm selbst vorausliegenden, zu erfüllenden Sinn hat. Und das ist nur möglich, wo es einem absoluten, unendlichen Sinn (=Vernunft) gleicht - also gott-ebenbildlich sein will. Damit wird es Analogie zu Gott, freilich aber nicht zu Gott selbst. Und er weiß auch um diese Differenz, sonst wüßte er nicht von sich. 

Wüßte somit der Mensch nicht um seine prinzipielle Vernünftigkeit (als Sinnhaftigkeit, das heißt als Ausgerichtetheit auf ein zu Erfüllendes, das FÜR IHN in der Welt ist, soll heißen: der Welt hinzuzufügen ist), könnte er auch die Welt nicht in Sinnverhältnissen stehend wissen, also denkend zur Vernunft ordnen, also erkennen. Sein Denken würde sich auflösen. (Wessen Ich sich also in obigem Sinn auflöst, kann auch nicht vernünftig denken - etwas, das bei Geisteskranken ja zu beobachten ist.)

Deshalb ist der allergewisseste Gedanke der Gedanke von Gott. In dem Sinn muß er gar nicht gefaßt werden, weil er der Denkbewegung ohnehin bereits vorausliegt. 

Von dem zwar (vom Menschen aus betrachtet) kein direkter Beweis zu führen ist. Denn wenn ein Gott ist (und wie gesagt, davon geht jeder Mensch und also DIE MENSCHHEIT, das Wesen des Menschseins immanent aus), dann übersteigt er selbst alles, was das nur geschöpflich denkbare Menschsein ist, unendlich. Weil aber alles nur auf eine Art gedacht werden kann, die seinem Wesen entspricht, müßte sohin der Mensch tatsächlich selbst Gott sein. Nur Gott kann sich selbst denken. Wohl aber kann er das "unter ihm" denken, also den Menschen. Wo dieser Gott direkt zu denken wähnt, steht er im Widersinn, und damit in einer Aporie. Schon der Begriff Gott ist ja das Denken von etwas, das des Menschen denken übersteigt. Sich für Gott zu halten ist deshalb nie mehr als ein Wahn, der auf einem Nicht-gewahr-Sein seiner selbst beruht.

Aber sehr wohl ist ein indirekte Beweisführung möglich, als ein "notwendiges Schließen auf". Oder, wie Viktor Frankl es einmal sagt: Durst ist der Beweis dafür, daß es Wasser gibt.  Selbst wenn es nicht da bzw. sichtbar da ist müßten wir deshalb davon ausgehen, daß es Wasser GIBT.

Auf diesem jedem Menschen gewissesten aller Gedanken ruht jede weitere Gewißheit, nur so kann er überhaupt leben, und sein Leben entfalten.* Dies alles nun betrachtend können wir nun verstehen wenn davon gesprochen wird, daß Gott selbst das Licht der Welt(erkenntnis) ist. So wie die Wahrheit dieses Licht in seiner Weltrealität ist, ohne das bzw. ohne die alles zerfallen würde. Alles was ist ist in sie eingebettet. Und im selben Maß ist das Licht das, in dem alles ist, und aus dem alles ist.²

Im selben Sinn ENTSPRINGT die Erkenntnis bzw. Gewißheit Gottes nicht aus der in sich verbleibenden Natur- oder Weltbetrachtung, also quasi "von unten heraus", sondern diese kann eine in jedem Menschen bereits vorhandene Gewißheit nur ERWECKEN, zum Gedanken anstoßen, und so zur Welt führen, ja in gewisser Weise "gebären" - in (weil aus) der Gestalt der Wahrheit.** Genau so, wie umgekehrt eine Lüge, ein Irrtum (der somit - fast - immer aus einer Unsittlichkeit stammt³), diese Gewißheit verdecken, verdrängen, und schließlich sogar final erwürgen. Und damit entweder zum Irrsinn führen, oder zur entselbsteten Scheme, zum Handschuh gewissermaßen, den ein anderer, fremder Wille ausfüllt und bewegt als wäre es ein für sich stehender, integerer Mensch.***



*Wird im weiteren, konkreteren Denken deshalb die Gewißheit von Gott aufgelöst, so muß nicht nur ein logischer Fehler vorliegen, sondern es lösen sich auch, je spezifischer die Gedanken werden progressiv mehr, alle weiteren Gewißheiten auf. Etwas, das sich im Relativismus bestens beobachten läßt.

²Man beachte dabei die Analogie, die die Quantenphysik kennt: alles ist im letzten ... Licht, heißt es da. Ein Gleichnis (bereits in Gestalthaftigkeit, wobei: aus Wirkungen erschlossen) für die geistige Wirklichkeit, die sich im Denken erschließen kann, weil das Denken selbst ja aus dieser Wirklichkeit stammt, wenn es denn Nach-Denken ist. "Denn im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort WAR Gott." (Beginn des Johannesevangeliums)

**Grundwirklichkeiten, denen der Rationalist durch (die Welterfahrung ausgrenzen sollende) Konstruktion eines Ich - und der Welt als Folge - zu entgehen sucht. Er ist also auf der Flucht zum einen vor sich selbst, zum anderen vor dem Unendlichen, um das er weiß, weshalb er ja darauf reagiert, und zugleich vor der Welt ALS Wirklichkeit, in der er zweifellos das ihm selbst Bewußte vorfände.

³Wir verweisen damit auf die Diskussion, ob es eine "in sich schlechte Tat" gibt, die auszuführen also immer Sünde ist. Von jenen, die dies bestreiten, wird meist angeführt, daß es den Irrtum gäbe, und daß somit der irrende Mensch gar nicht zu sündigen vermöge. Aber das übersieht diesen Zusammenhang, wie Josef Seifert in seiner Untersuchunt über "Die Wahrheit" auseinanderlegt: Weil der Irrtum eben immer (bis auf einige wenige Fälle eines "gewaltsam implementierten Irrtums", der aber im speziellen für die Leibessünden, um die es hier meist geht, nicht gelten kann, denn der Leib bleibt dem Menschen quasi immer) auf einer Unsittlichkeit, also auf einer vorauliegenden moralisch qualifizierten Entscheidung beruht. Wer "irrt" (sagen wir in Bezug auf Sexualität, auf den Ehebruch) hat sich bereits zuvor FÜR DIE ABWEICHUNG VOM WISSEN GOTTES (wie wir es hier auseinandergelegt haben) entschieden. 

***Hier ist die Rede von jener Erfülltheit mit dem Geist des Bösen, die in der Erfahrung zeigt, daß der "wirklich Böse" eiskalt, nüchtern und scheinbar emotions- und bewegungslos das Gute zerstört.



*150215*
Leicht überarbeitet *140322*

Dienstag, 6. Mai 2014

Getragen von dem, womit man rechnet

Ortega Y Gasset vergleicht einmal den Menschen mit einem Pfeil, der abgeschossen ist, aber unterwegs vergessen hat, wo er hinfliegen soll. Dazu musz der Mensch aus dem Zeitlichen heraustreten, und sich das Ziel überlegen. Denn erst dann handelt er seiner Konstitution gemaesz, die da Freiheit heiszt. Die ihm auch niemand, keine Masse, keine öffentliche Meinung, kein Zeitgeist abnehmen kann. Er musz sich dazu stellen.

Dabei wird er von zwei Polen getragen - dem Denken (das aus dem aufsteigt, was fehlt) hier, noch mehr und grundlegend aber von dem, womit er rechnet: es ist das, was er glaubt. Dieses ist vor allem, was ihn bestimmt. Waehrend das Denken genau das ist, woran er (noch) nicht glaubt. Aus dieser Ideenwelt heraus aber setzt er sich jene Wege, die forthin praegen, was zu einem Geglaubten werden kann.

Dazu aber musz das Denken frei von Leidenschaft bleiben. Der Mensch musz aus dem Getriebe der Notwendigkeiten heraustreten, um sein Denken frei, wie in einem ernsten Spiel (weshalb Y Gasset Denken mit dem Sport vergleicht, dieselbe Haltung verlangt), zu manifestieren.

Als der VdZ vor Jahren sein Stück "Paradas" aufführte, wurde er von einem Zuseher gefragt, warum er darin so "moralisch" waere. Das ist natürlich Unsinn. Und doch steckt ein Funken Wahrheit in dieser Frage. Denn im dramaturgischen (dramatischen) Akt der Katharsis, der Reinigung, findet die Figur zu dieser Wirklichkeit - dem Geglaubten - zurück, befreit sich, getragen vom Leid der mangelnden Kongruenz seines Denkens mit dem Wirklichen, zum aus der Wahrnehmung heraus Geglaubten, aber nicht Gedachten. Insofern also das Gedachte zum Handeln wird, ist es tatsaechlich moralisch.

Als Descartes, auf den im Grunde die gesamte heutige Technik zurückgeht, das erkannte, zog er sich völlig aus der Welt zurück. Denn inmitten der Betriebsamkeiten, so Descartes, könne sein Denken nicht klar werden, bleibe nur Instrument.




***

Dienstag, 6. August 2013

Fundamentale Kehrtwendung (3)

Aber der Wechsel des Blickpunktes - vom WAS zum WIE - hat enorme Auswirkungen. Denn das Wesen eines Dings, das WAS etwas ist, trägt in sich auch die Beschränkung, was man damit anstellen kann. Wenn nur noch interessiert, wie es funktioniert, so ergibt sich alleine daraus keine Beschränkung, diese könnte höchstens dazukommen. Meist: aus funktionalen Zwecken. WEIL sonst auch dies oder jenes als Konsequenz folgt, etc. 

Man denke nur an die Abtreibungsfrage. Wenn klar ist, was das Wesen des Menschen ist, ist auch klar, daß die erste befruchtete Eizelle ein Mensch ist. Wenn das aber an Funktion gebunden ist, ergibt NICHTS mehr, was ein Mensch ist - außer Funktionalität. Deshalb führt die Abtreibung auf direktem Weg zur Eugenik und zur Euthanasie, der Mensch in seiner Würde "an sich" ist nicht mehr argumentierbar, der Schutz seines Lebens orientiert sich an dem, was historisch relativ als NÜTZLICH (=sinnvoll) erkannt wird.

Auch unsere vielgepriesene Toleranz bezieht sich nie auf das Wesen des Gegenüber - sie bezieht sich auf seinen Nutzen, seine Funktionalität. Wenn Grüne argumentieren, daß Zuwanderung ein notwendiges Mittel gegen den demographischen Wandel sei, so wird das Ausmaß der Brutalität, zu der solche Gedanken führen, sichtbar. Nicht der Fremde an sich ist das Kriterium, sondern der, der bestimmte Nützlichkeitskriterien (Ausbildung, Demokratieverständnis, Wertegefüge etc.) erfüllt. Nicht Leben und Lebensformen stehen sich damit gegenüber, sondern Nutzenerwägungen, die alles abknapsen, was an der Lebensform widerspricht. Und dazu wird mit Geld um sich geworfen, um die Lebensform anzugleichen. Damit kann man sich vor der eigentlichen Problematik gewisser Zuwanderung (im heutigen Ausmaß) - unweigerlich: Parallelgesellschaften, die sich nur in bestimmten Nutzenerwägungen treffen - elegant drücken.

Dasselbe gilt von der Informationsflut, mit der wir täglich überschüttet werden. Wir wissen immer mehr - von immer weniger. WAS all das überhaupt ist, womit wir es zu tun haben, in Physik oder Biologie, ist völlig entschwunden. Entsprechend wird die Informationsfülle, die wir erarbeiten, immer oberflächlicher funktionsbestimmend und -bestimmt, und widersprüchlicher. Das Wesen der Dinge wird uns immer fremder.

Aber damit wächst die Gefahr, daß unser Wissen, unser Verhalten immer wesenswidriger wird: daß wir genau das, was wir zu beherrschen vorgeben, in Wirklichkeit zerstören. Nutzung wird zur Ausnutzung, Indienstnahme zur Ausbeutung. Die Welt wird uns immer fremder, statt vertrauter, wir finden keine Wurzeln mehr in ihr, sie ist uns nicht mehr Heimat, sondern bestenfalls Ressource für erwünschte Qualitäten.

Die immer gigantischer gewordenen Bedrohungsbilder der letzten Jahrzehnte drücken das aus: Die Welt selbst scheint uns zum Feind geworden zu sein. Das früher Undenkbare ist zum Alltag geworden - die Erde könnte uns als Feind vertilgen. Früher? Früher barg sie, war Zufluchtsort. Heute sind wir von unserem eigenen Glauben an unsere Allmacht auch in der Schuld erdrückt, und entsprechend führen wir alles, was nicht mehr paßt, auf unser Fehlverhalten zurück, das sich bei Änderung der Mechanik, in der wir leben auch wieder korrigieren läßt. Die Welt sagt uns nur noch etwas über uns, wir sprechen nur noch mit uns selber - nicht mehr mit einem Transzendenten, Unwißbaren. Was früher Geheimnis war (und immer bleiben wird), ist heute das "noch nicht aber bald einmal Gewußte", und damit auch Beherrschbare.

Im selben Zug greifen wir nach der Sprache. Denn wenn Begriffe nicht mehr auf ein Ding an sich verweisen, auf ein Wesen, sondern bloße Bezeichnungen sind (Nominalismus), "flatus vocis", dann sind sie uns nicht mehr gegeben, sondern von uns lediglich zur Weltbeherrschung gemacht. Sie sind nicht mehr aufnehmendes, dienend-vernehmendes Gefäß für das Wesen der Dinge. Also können wir sie auch ändern: der Geist greift nach den Dingen, ordnet und beherrscht sie. Nicht er wird von den Dingen geformt. Begriffe werden zu leeren Formeln, die nicht mehr das Wesen der Dinge in sich tragen und in ihrer Historizität das je sich auch wandelnde Verhältnis zu diesem Wesen mit erzählen. Sie sind gleichfalls bloße Machtinstrumente. (Dabei werden sie in der willkürlichen Veränderung erst zu solchen!)

Wenn aber Sinn, Schönheit nicht mehr in den Naturdingen selber liegt, sondern nur noch im Subjekt, dann gibt es nichts mehr, an dem sich der Mensch freuen kann. Denn auch in seiner Freude begegnet er sich ja nur noch selbst. Die Welt hat ihm nichts mehr zu sagen. Selbst das Wetter ("Klima") erzählt uns nur noch von uns selber!

Aber selbst in der aus derselben Haltung heraus subjektivistisch, objektlos, konzeptionell gewordenen Kunst sehen wir uns nur noch selbst. Sie stellt uns nicht mehr das Verborgene des Wesens der Dinge vor Augen, sondern die seelischen Prozesse der Künstler werden zum Inhalt, seine Verfaßtheit. Kunstwerke werden "interessant", nicht mehr schön und ausdrucksstark (wovon?), werden Generierung von subjektiven Lebensgefühlswelten (Kunst als "ästhetisierende Lebensbehübschung"), statt Weltinhalt, der nur konkret sein kann. Sie überwindet damit nicht mehr - sie hat das Lächeln verloren, der Humor, die Heiterkeit wurde zum Sarkasmus, zum Zynismus. (So sehr wir genau darin tatsächlich unsere heutige Verfaßtheit gespiegelt sehen.)

Wenn wir heute einen Schwund des Selbst der Menschen beobachten, eine wachsende Selbst-Unsicherheit, so hat dies direkt mit dem Erleben dieser Welt zu tun. Wenn heute immer wieder in Studien sich zeigt, daß die jungen Menschen seltsam "angepaßt" sind, so aus dieser Angst heraus, daß es einen Moment geben kann - im Fehlverhalten - in dem die Welt uns ihr feindlichstes Gesicht zeigt. Und das heißt: der andere. Der ebenfalls nur an bestimmten Funktionen interessiert ist. Er selbst, sein Wesen, hat uns nichts mehr zu sagen. Facebook ist ein tragisches Beispiel dieser über Funktionalisierung erfolgten Entfremdung vom Du! Wenn aber das Du verödet, verödet auch das Ich. Denn dieses existiert im Austausch, im Dialog, in der Begegnung, dort kommt es zu seiner Eigengestalt. So wird man sich selbst unheimlich, sodaß man in das, was einen bewegt (Ohrhörermusik, oder das Wesen der heutigen - vor allem: lauten, oft wie hypnotisierenden - Musik!), flüchtet. Ja, er wird sich selbst ausbeutbare Funktion.
Gleichermaßen verändert sich seine Religiosität, so er noch eine will. Denn weil er (rationalistisches, wesenloses) Denken und Glaubensinhalt nicht mehr in eins bringt, wird ihm der Glaube zu einer irrationalen Willens- und Moralleistung, der jedes freie, wirkliche Denken zur Gefahr wird. Die er "durchstehen", die er "wagen" muß. Mit dem Verlust des Symbolgehalts der Welt wird ihm "Sinn" etwas, das er "setzen" muß. Während er für sein Selbst - nicht anders als der vor sich Fliehende - ständige Erlebnisse der Selbst-Vergewisserung braucht - kultische Akte werden von Orten der Transzendenz zu auch oberflächlich durchlebbaren Happenings, die kalkulierbares Wohlgefühl und Selbstgewißheit vermitteln müssen, am besten durch Gruppenereignisse, weil so auch soziale Geflechte für diesen irrationalen Grund "tragfähig gemacht" werden. Rationalität, Sinn wird gleichfalls umgebrochen in Zweck. Und sei es mit "wissenschaftlichen Berichten", daß "Religiosität helfende Effekte" habe.

Mit der letzten Konsequenz - der Überführung des "technischen Eros" in den Totalitarismus. Wenn alles bestimmbar, machbar ist, nichts mehr Eigenwert und Eigensinn hat, nur Zwecken dient, auch der Mensch, warum also ihn nicht "optimieren"? Wenn die Gesellschaft die höchste zweckhafte Form menschlichen Lebens ist - warum sie und ihre Elemente, warum die Wirtschaft, die Kunst, die Medienlandschaft nicht gezielt formen und benützen? Wenn die Erfassung aller Lebensvorgänge bis in die letzten Winkel nachzukriechen vermag - warum nicht sie dazu benützen, um alles Unerwünschte (weil Unzweckhafte) zu verhindern und zu eliminieren?

Es gibt dafür gar keine moralische Grenze mehr, wenn man nicht vom Wesen des Menschen und der Dinge als fundamentalster Wert ausgeht. Der Großteil der Menschen denkt längst so, und meint, es käme eben nur aufs Wohlverhalten an, auf die Tüchtigkeit, mit der er die erwünschten Zwecke verfolgt.

Wo liegt der Ausweg? Es gibt ihn, auch heute. Denn wenn es ein Wesen der Dinge gibt, so kann es in seinem Bestand nur bei deren Tod ausgelöscht werden, nicht, so lange sie bestehen. Dann ist alles nur eine Frage des Aufwachens.

Eines Aufwachens zur Wesenssicht der Dinge, eine Abkehr vom funktionalistischen Denken, eine immer wieder gestellte und erneuerte radikale Frage nach dem Sinn der Welt überhaupt. In einer Bereitschaft, dem Begegnenden zu dienen, am anderen zu ergänzen, was ihm fehlt, wie sich von ihm selbst ergänzen zu lassen. Im Sehenwollen des qualitativen Wertantlitzes von Menschen und Dingen, das ihnen selbst zukommt. Im Anerkennen des Zueinander der Dinge, im Begreifen der Welt als (im Zueinander) hierarchische Gliederung und Ordnung. Und im Begreifen, daß die Form der Dinge ihnen nicht zufällig anhaftet, sondern Träger ihrer Aussage ist.

Dann läßt sich auch Technik sinnvoll integrieren, dann läßt sie sich selbst zu ihrer eigentlichen Sendung - und die ist als Fertigkeit, als Techné eine hohe - befreien. Die dazu bestimmt, daß die Dinge ihre eigenen Potenzen, ihren eigenen Sinn als "für" und in einem "was-Gefüge" noch klarer erfüllen. Die nicht Selbstzweck ist, sondern stachelige Frucht, die rasch verfault, wenn ihr Einsatz nicht aus tiefer Wesensverankerung immer wieder neu bewertet wird. Der Ruf kann nicht lauten "Zurück auf die Bäume!" Er muß lauten: Zurück zum Wesen und zurück zur Ehrfurcht vor der Gestalt der Dinge, zurück zur Liebe zu den Dingen selbst, nicht zu ihren Effekten. Denn die Dinge und Menschen sind es, an denen wir das Wesen der Welt erkennen.

Jetzt, sofort. Nicht morgen, nachdem wir heute noch einmal technisch-zweckhaft korrigiert haben, was offensichtlich danebenging, nicht NACH der Energiewende und nicht NACH der Wirtschaftskrise, und nicht im nächsten Urlaub, aber dann. Jetzt. In dem, was in der nächsten Viertelstunde, und in jeder Viertelstunde darauf, herankommt. Im nächsten Baum, der einfach ... Baum ist. Wir werden dann staunen, wieviel diese Welt uns zu erzählen hat. Im nächsten Hochwasser, das nur eines ist: Hochwasser. In der nächsten Hitzewelle, die nur eines ist: Hitzewelle. Im nächsten gekauften Apfel, der nur eines ist: Apfel. In der nächsten Landschaft, die nur eines ist: Landschaft. Und so allmählich der Erscheinung der Welt gegenüber wieder sehend werden. Nur wenn wir ihr Wesen wieder sehen, uns von den Dingen füllen lassen, werden wir auch wissen, was sie für uns sind, was wir zu tun haben und wo sie und wir hingehören. Nur etwas, das etwas für-sich ist, kann etwas für-andere sein, wir können nur für ein Etwas ein Für sein, an dem wir etwas zu tun haben. Dann erst wird Kulturraum Daseinsraum für die Entfaltung der Welt.





*060813*

Montag, 5. August 2013

Fundamentale Kehrtwendung (2)

 Teil 2) Gewußt wird nur, wessen man mächtig ist




Die alte teleologische Sicht war einfach ... nutzlos. Also gab man sie auf, und tat es in immer rascherem Tempo - weil es sich lohnte. Dabei wurde die Finalität der Naturprozesse (die sämtlich auf ein Ziel zusteuern, das ihnen bereits vorausgeht) vorerst noch gar nicht geleugnet. Aber das "erklärte nur", es brachte keinen Nutzen, brachte keine nutzbare Reproduzierbarkeit. Daß im biologischen Bereich Naturgegenstände von sich aus auf etwas aus sein könnten war der Sicht der Beherrschbarkeit der Welt nur hinderlich.

Es ist wesentlich sich vor Augen zu halten, daß dies eine fundamentale Kehrtwendung durch eine von Einzelnen getragene Vorentscheidung darstellt, die lediglich auf fruchtbaren Boden fiel, weil sie so viel Nutzen versprach.** Die uns Heutigen noch so natürlich und richtig vorkommt, und die sich erst nach und nach, aber durch Brachialgewalt, gegen das alte Konzept der Teleologie durchsetzte, die sich zäh und lange hielt. Eine Vorentscheidung, über deren Sinn man nur diskutieren kann, wenn man bereit ist, über die Metaphysik, über das Wesen der Welt, und über Erkenntnis zu diskutieren, das sich in dieser Vorentscheidung verbirgt. 

Als eigentümlicher Wille zur Macht, der sich im 16. und 17. Jahrhundert in der Mathematik und den Naturwissenschaften durchzusetzen begann. War man mit Experiment und induktiven Methoden hinter das Geheimnis von Prozessen gekommen, war ein Gott - der universale Techniker - entbehrlich. Der Mensch konnte nun seine Ideen nachvollziehen und in die Tat umsetzen. Wobei: KÖNNEN tut er es ja gar nicht, aber es SCHEINT ihm so.

Die Physik des 20. Jahrhunderts brachte hier auch einen nächsten entscheidenden Umschwung. Denn ihre Ergebnisse zwangen zu einem Neudenken der Sicht der Welt, die sich wesentlich der vormechanistischen Zeit, ja sogar der aristotelischen Metaphysik wieder annähert. Bis sich das freilich ins "Volksbewußtsein" durchgesetzt hat, werden weitere Jahrhunderte vergehen. Heute ist aus dem Nutzen, den wir in biologischen Organen AUCH erkennen, aus der techné-analogie, TECHNIK geworden. Der Mensch wurde zur Maschine, und die Seele, die Psyche zu mechanistischen Vorgängen.

Nicht mehr die Dinge sind aus sich heraus auf etwas aus, sondern alles ist Mittel zum Zweck (Gottes), nur der war auf etwas aus. Und baute deshalb aus (mathematisch nachvollziehbaren) Gesetzen (zufällig so und so seiende) Maschinen. Wer die Gesetze einhielt, handelte also dem göttlichen Willen gemäß. Die Dinge selbst aber waren an sich wertlos, die Natur löst sich in Notwendigkeiten mechanischer Prozesse auf, ein Begriff "Leben" wird sinnlos.

Die Einführung des Begriffs des "unendlich Kleinen" in die Mathematik (Infinitesimalrechnung; Leibniz) löst auch die Bewegung in unendlich kleine (aber noch bestehende!) Mechanik auf.***


**Natürlich haben auch in der Antike und im Mittelalter viele Menschen im realen Alltag "technizistisch" gelebt, die Welt lediglich für ihre Zwecke benützt. Das gab es immer. Aber nun wechselte der theoretische Horizont - dieses Verhalten wurde zur Norm, wurde gerechtfertigt. Der Mensch, der die Gesetze der Welt beherrschte, war damit Gott gleich, und so verhielt er sich dann auch: Er waltete mit der Welt, wie es ihm gefiel. Die Welt selbst hatte keine Qualitäten mehr, sie war nur eine Ansammlung von Funktionen, deren Qualität war, was er daraus machte. Der Techniker, bis in die Gegenwart, versteht sich als Gott. Ihn schränkt nur ein, was seinen technischen Erfolg gefährdet. Sämtliche Weltanschauungen des 19. Jahrhunderts, wo diese Haltung allgemein wurde und den Boden für die technisch-mechanistische Gegenwart aufbereiteten, gründen darin. Daß das fernöstlichen "Religionen" - mit ihren Techniken der Selbsterlösung - aber auch Evolutionismus und Moralismus den Boden bereitet hat, ist nur ein Nebeneffekt. Und die Motivik der Grünbewegungen von heute zeigt exakt dieselbe Struktur: Die Notwendigkeit die Natur zu schützen ist eine technische Notwendigkeit des "Überlebens". Weiter geht sie auch nicht. Damit wird Technik zur Magie - als gegen alles Übel erlösende Bannkraft gegen alles Unheimliche, Unbeherrschbare, zu der man nur die Formel kennen muß. Und daran glauben auch die Menschen: sie glauben, daß die Technik gegen alles "ein Kraut finden" wird. Das Ausmaß, in dem die heutige Technikgläubigkeit auf Zukunftshoffnungen baut, die sich seltsamerweise immer weiter verschieben, immer vielfältiger werden, ist uns gar nicht mehr bewußt.

***In Wirklichkeit, schreibt Spaemann dazu, löst sich jede Eigenbewegung eines Gegenstandes damit auf. Sie verlagert sich aus dem Naturgegenstand in das ... eigene Gehirn.





*050813*

Sonntag, 4. August 2013

Fundamentale Kehrtwendung (1)

Die entscheidende Wende in den Naturwissenschaften trat im 16. und 17. Jhd. ein - indem das "Wissen" neu definiert wurde. Nun galt nicht mehr der Evidenzbeweis nach Analogie in den Naturwissenschaften, sondern von nun an galt das, was reproduziert, was gemacht werden konnte. 

Zwar gab es das auch schon in der Antike, aber hier war das Experiment gleichfalls ein Evidenzbeweis. Es zählte nicht das "wie", sondern es zählte das "warum."

Das änderte sich schlagartig: es galt die Macht über die Dinge, nicht mehr das Verstehen.

Erfahrung wurde neu definiert: Sie galt nur noch dort, wo sie von jedem Menschen gleichermaßen im Experiment wiederholt werden konnte. Davor - und bis heute im Volksgebrauch - galt als Erfahrung der Erinnerungsprozeß, der sich auf ganz individuelle, unwiederholbare, auch mystische Inhalte beziehen konnte. Hier fiel, schreibt Reinhard Löw in seiner "Philosophie des Lebendigen", auch die Vorentscheidung, den Erfahrungsprozeß durch den mathematischen Vorgang zu ersetzen. Was sich bei Newton dann ausdrücklich findet, der Experimentalgesetze und Ursachen für Phänomene klar trennt: Das WIE galt, nicht das WARUM. Welt und Wirklichkeit wurde mathematisiert.

Noch Paracelsus anerkannte zwar die Zweckhaftigkeit der Naturvorgänge, aber es war ihm eine Einrichtung Gottes, der dem aufmerksamen Beobachter auch die Nutzanwendung möglich machte. Das alles diente zum Lobe Gottes.  Aber darüber machte man sich bald nur noch lustig.

Der Renaissance-Wissenschaft war hingegen die Kenntnis der Machbarkeit Aufruf zur progressiven Anwendung und Weltgestaltung. Wissenschaft wurde zur Anwendungspragmatik, Programm eines Ausnutzungsprozesses. Wissen war aus dem Menschen herausgehobenes mathematischer Prozeß.

Kopernikus' Heliozentrik war für die Kirche weitgehend gleichgültig. Zu sehr sprach der Augenschein gegen seine Thesen. DAS war nicht die Wende der Weltsicht! Auch Galilei war weit weg von Evidenz. Man kann, schreibt Löw, sehr darüber streiten, was Galilei überhaupt durch sein Fernrohr sah. Sein Abbild des Mondes ist so falsch, daß man es mit freiem Auge erkennen kann. Sein Streit mit Kardinal Bellarmin war kein Streit um die Sonne-Erde-Zirkulation, das war nur vordergründig. Bellarmin, der Nachfolger von Ignatius v. Loyola, hatte hingegen scharfsinnig den fundamentalen Paradigmenwechsel erkannt, der sich auch tatsächlich so verheerend auswirken sollte.

Die wirkliche Wende war die Naturphilosophie, die Francis Bacon niederschrieb. Hier fiel die Entscheidung für den atomhaft-mechanistischen, mathematischen Aufbau der Welt "von unten nach oben", auch das ja ein antikes Konzept (Demokrit). Und auch Bacon, der zeitlebens nicht ein Experiment (=Evidenz) durchgeführt hatte, außer in Gedanken, gewann daraus noch keine Glaubwürdigkeit, weil was er behauptete einfach nicht - in der nachprüfbaren Evidenz - stimmte.* Und nicht anders war es bei Descartes. Er verkündete gleichfalls viele inhaltliche Irrtümer. Entscheidend war aber nicht das WIE, entscheidend war, DASZ mit dem Programm der progressiven Naturbeherrschung ernstgemacht wurde.

Den Erfolg versprachen nicht die inhaltlichen Neuerungen, die mathematische oder experimentelle Methode, sondern den Erfolg versprach die entdeckte Konvertibilität von Wissen und Macht, Naturforschung und Geld (aus Verwertbarkeit). 




*Uns mögen heute die Erklärungen des Körpers als Maschine lachhaft erscheinen: Wenn etwa Galileo das Auge als "camera obscura" erklärt (Kann eine camera obscura "sehen"?), oder Descartes das Herz - obwohl der Blutkreislauf bereits entdeckt worden war! aber man ignorierte einfach vieles, nicht nur diese Evidenz - als jene Stelle, an der das Blut aufgekocht wurde, wo Muskeln sich mit Lebens-"Spiritus" aufpumpten etc. etc., wo man allen Ernstes die künstlichen Apparaturen etwa eines Jacques de Vaucanson für vollendete Modelle lebendiger Wesen hielt: alles im Organismus war nur noch ein Funktionieren von Hydraulik, Pneumatik, Hydrostatik und Optik. Aber in Wirklichkeit haben wir heute unsere Sicht nur verfeinert, komplexer gemacht.




Video (24 sec.): Die (berühmte) mechanische Ente von Jacques de Vaucanson ( ca. 1738)



Teil 2 morgen) Gewußt wird nur, wessen man mächtig ist





*040813*

Bewußtlose Empfindungen

Geistige Akte und Empfindungen als vitale Prozesse ineinander verfließen zu lassen, nicht mehr zu unterscheiden, schreibt Melchior Palágyi in seiner "Wahrnehmungslehre", ist einer der Hauptgründe für die völlige Begriffsverwirrung, die in der gegenwärtigen Psychologie wie Philosophie, ja bis in die Kunst hinein, herrscht. Ausgehend von Descartes, über den als Gegen- wie Miteinanderreaktion entstandenen englischen Sensualismus (Hume, Locke, Berkeley), wurde den Materialisten das menschliche Empfinden zum geistigen Akt selbst, und damit ein bloß materiell-physiologisches Wirkgeschehen, während es die Idealisten zum Panpsychismus und Pantheismus treibt, wo die Materie selbst zur belanglosen Verfleischlichung des Geistes wird, es überhaupt keine Materie gibt, weil es nur gibt, was in unserem Bewußtsein vorhanden ist.

Dieser Impressionismus zeigt sich auch in der Kunst, die die konkrete Welt leugnet, und sie nur noch als innere Empfindensprozesse darstellt, die auf "irgendeine" (logisch gar nicht aufklärbare) Weise auch Geist "sein" sollen.

Besonders der Begriff des Bewußtseins - und Palágyi zeigt die Zusammenhänge - leidet unter völliger Verschwommenheit. Ihm werden Prozesse eingeschrieben, Vorgänge und Mechanismen, die auf einer Wörtlichnahme von Metaphorik beruhen. Einem beliebten Ausweg, Denkprozesse "ökonomischer" zu gestalten, heißt: sie zu ersparen. Wer sich aber einmal daran gewöhnt hat, von Prozessen innerhalb des Bewußtseins zu sprechen, dem wird es kaum noch gelingen, sich von dieser irrigen und verworrenen Ansicht freizumachen.

Empfindungen sind vitale Prozesse, und sie sind vorhanden, auch wenn sie uns nicht bewußt werden. Denn das Bewußte ist ein je geistiger Akt, aber diese Akte sind gesetzt, punktuell, und niemals kann uns alles bewußt sein, was an vitalen Prozessen, die kontinuierlich verlaufen, in unserer Physis abläuft. Ja, bewußte Akte sind wohl eng mit den vitalen Prozessen verbunden, aber sie können in ihrer Häufigkeit variieren, oder sogar ausfallen, wie der Schlaf zeigt.

Auch sind Empfindungen keineswegs "klar" und bestimmbar, sondern immer ein komplexes Miteinander unterschiedlichster Empfindungen. Zudem werden wir uns in geistigen Akten keineswegs aller Empfindungen bewußt, das ist gar nicht möglich, nur punktuell. Das einzig klare sind die geistigen Akte, die diese Empfindungen verbinden, und zwar aus ihren Bezügen auf unterschiedliche vitale und Bewegungsprozesse (Räumlichkeit). 

Empfindungsprozesse sind per se aber nicht bewußtseinsimmanent, und schon gar nicht "sind" sie unser Bewußtsein. Vielmehr wenden wir uns ihnen in geistigen Akten zu (oder nicht). Andernfalls wäre uns Trandzendenz - Verweis auf etwas, das außerhalb unseres Bewußtseins steht - gar nicht denkbar.

Es ist, schreibt Palágyi, regelrecht kindisch, sich das Bewußtsein wie einen Magen vorzustellen, in dem alle möglichen Ingredienzien aus Empfindungen (die sogar zu Vorstellungen, Ideen umbenannt werden) um dort allerhand chemische-geistigen Prozessen unterwofe zu werden. Das mag eine gelungene Metapher sein, aber es ist kein reales Geschehen.

Weder haben Empfindungen oder Empfindungsvorgänge "ideale Natur", noch sind sie bewußtseinsimmanent. Dies zu denken führt unweigerlich zu einer Auflösung der Wirklichkeit, weil Wirklichkeit  oder Realität nicht bewußtseinsimmanenten Charakter haben kann, sondern "außerhalb" liegt.




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Montag, 8. Juli 2013

Jemand - nicht das Gehirn - denkt

Auf ganz exakt dieselbe Weise wie der hier bereits vorgestellte Menyhért (Melchior) Palágyi kritisiert Alfred North Whitehead* in "Prozeß und Realität" den psychophysischen Parallelismus, der sich auf die Wahrnehmungslehren von Locke und Hume (aber bereits in Descartes angelegt) begründet und auf unheilvolle Weise bis zum heutigen Tag in Philosophie und Psychologie weiterwirkt. Selbst Kant hat sie auf einen Holzweg geführt.

Demgemäß baut dieser Sensualismus darauf auf, daß der sinnliche Eindruck direkt zu einer Wahrnehmung führt, als Teil eines physiologischen Geschehens in den Nervenbahnen. Es gibt keinen als solchen identifizierbaren geistigen Akt, geistige Akte sind physiologische Geschehen, die in direkter Verbindung zu Sinneswahrnehmung stehen. Daraus konstruiert sich im Menschen - so diese englische Schule - in einer Art Erinnerungs- aus Wiederholungsprozeß die Begrifflichkeit, die Abstraktion als sensualistisches Bild. Abstrakta sind dann jene Begriffe, die bei Wiederholung bzw. je nach Eindrucksstärke mit der als Gewohnheit empfundenen Einheit von Sinneseindruck und Reaktion erwachsen.

Daraus sieht man, wie aktuell diese Ansichten sind: Die aktuelle Gehirnforschung beruht im Wesentlichen genau darauf!

Nach Hume beruht unser Verhalten, das Kausalität voraussetzt, auf der Wiederholung miteinander verbundener vergegenwärtigender Erfahrungen. Daher sollte die lebhafte Vergegenwärtigung der vorausgegangenen Wahrnehmungsgegenstände das sensitive oder kognitive Verhalten nachdrücklich in die damit  verbundene Konsequenz treiben. Die klare, deutliche und überwältigende Wahrnehmung des einen bildet den Grund für den subjektiven Übergang zum andren. Denn das Verhalten, das man so interpretieren kann, als unterläge es der Kausalität, ist nach dieser Theorie die subjektive Reaktion auf vergegenwärtigende Unmittelbarkeit. Nach Hume ist diese subjektive Reaktion das A und O der Kausalität. In Humes Theorie handelt es sich um eine Reaktion auf vergegenwärtigende Unmittelbarkeit und nichts anderes. Auch ist die in der Reaktion zum Vorschein kommende Situation nichts anderes als eine unmittelbare Vergegenwärtigung oder eine Erinnerung an eine solche.

Das, schreibt Whitehead, mag auf einen puren Reflex zutreffen, etwa nach der Aussage, daß "uns der Blitz zum Blinzeln brachte", und trifft in gewisser Hinsicht auf das Tier- und Pflanzenreich zu. Aber es geht dabei in jedem Fall die "ergänzende" und "geistige" Dimension der Wirklichkeit - auch das eine Beobachtungstatsache - verloren, spielt wie im Anorganischen keine Rolle mehr.

Er zeigt genau wie Palágyi, in welche Widersprüche sich diese Lehre als Wahrnehmungs- und Bewußtseinstheorie für den Menschen aufgrund der allen zugänglichen Empirie verstrickt, und unmöglich stimmen kann. Sie setzt Aspekte voraus, über die sie aber gar nichts wissen kann. 

Aber das allgemeine Vorgehen des modernen philosophischen "Kritizismus" besteht darin, die Gegner strikt an der Eingangspforte der vergegenwärtigenden Unmittelbarkeit als der einzigen Informationsquelle festzuhalten, während die eigene Philosophie durch eine Hintertür entkommt, die vom gewöhnlichen Sprachgebrauch verschleiert wird. (/cit.)

Dieses Verhalten freilich ließe sich sehr häufig diagnostizieren. Wiederholung - Gewöhnung ... eine Kategorie? Hat Hume doch recht? ;-)



*Der Verfasser dieser Zeilen hat noch keinen Hinweis gefunden, daß beide voneinander überhaupt auch nur wußten. Insbesonders Palágyi - bei dem sich Einstein so schamlos, dabei aber mißverstehend bediente, daß Palágyi einen Plagiatsprozeß führen wollte - ist aufgrund seines Lebensschicksals, sieht man von einem ganz kleinen Kreis ab, nahezu unbekannt geblieben. Und das ist höchst bedauerlich. Es gibt aber Hinweise, daß er heute tatsächlich allmählich wieder auftaucht. Denn seine Wahrnehmungslehre, die auf der Selbstbewegung gründet, sie wird hier noch vorgestellt werden, taucht in aktuellen Publikationen (z. B. rund um den Themenkreis Theater und Rezeption stieß der Verfasser dieser Zeilen darauf, zu seiner großen Überraschung und in sehr fruchtbarem Ansatz) verschiedentlich wieder auf.




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Sonntag, 7. April 2013

Bewußtsein als Akt

Es war ein folgenschwerer, sich heute, zumalen in der Psychologie, festsetzender Irrtum, Lebens- und Bewußtseinsprozeß in eins zu setzen, schreibt Melchior Pálagyi. Vielmehr läßt sich aus verschiedenen Tatsachen rückschließen, daß zwar der Lebensprozeß kontinuierlich verläuft, daß man dies aber von den Bewußtseinsprozessen nicht sagen  kann, ja daß sich zeigt, daß diese auf dem Lebensprozeß aufruhen. Das geht wesentlich auf die Auffassung zurück, die Descartes verankert hat, der ein kontinuierliches Bewußtsein annahm, wenn er "cogito - ergo sum" sagte, damit das Menschsein selbst mit Bewußtsein gleichsetzte. In dieser Form stimmt das aber nicht.

Man nehme nur die Narkose, das Delirium, Ohnmachten, oder auch den Schlaf und den Traum. Vielfach wird ja Wachen mit Träumen in eins gesetzt, so als ob unser Wachbewußtsein lediglich eine andere Form der Traumzustände wäre. Wer dies nicht zu unterscheiden weiß, wie es ein Kind allmählich lernen muß, weiß auch nicht, was Wirklichkeit bedeutet. Das Fluktuieren zwischen Wachen und Schlafen ist vielmehr ein Lebensprozeß.

Dabei wird häufig so getan, als wäre das Träumen selbst ein quasi zweites Bewußtsein, eine Fähigkeit, die der heutige Mensch vernachlässige, in dem sich hellseherische (und andere) Fähigkeiten und Talente und Einsichten entfalten würden. Viele okkultistische, spiritistische Ansichten beruhen auf solcher Qualifizierung, in der das wache Bewußtsein übertrumpft werden soll, was sogar dazu führt, das Wachbewußtsein als Fortträumen zu sehen. Descartes führt das Träumen sogar als Erweis seiner Ansicht des kontinuierlichen Bewußtseins an. Aber Wachen und Schlafen sind lediglich Aktualisierungszustände des Bewußtseins. Als Akte, die vom Lebensprozeß abhängen. Der Traum ist nicht einfach derselbe Bewußtseinsakt, wie im Wachen, er ist diesem gegenüber (damit auch als Geistigkeit) vermindert.

Zum einen zeigt sich das, weil wir unser Bewußtsein, wenn wir müde sind, neu anfachen können - Bewegung, aufputschende Mittel, neu gefesseltes Interesse etc. Darin erweist sich, daß unser Wachen, unser Bewußtsein (und damit unser bewußtes Denken) abhängig und "zu leisten" ist. Diese Leistung kann auch aussetzen, ohne daß der Mensch tot wäre. Wie bei der Ohnmacht deutlich wird.

Während der Lebensprozeß sich in Rhythmen gegliedert findet. Schlaf und Ohmacht sind etwas, das dem Bewußtsein lediglich widerfährt, wo es sich leidend verhält, wo der Bewußtseinsstrom unterbunden wird. Man muß also unterscheiden zwischen den Momenten, wo das Bewußtsein etwas tut, und jenen, wo ihm etwas vorgeht. Es ist falsch, einfach von "Bewußtseinsvorgängen" zu sprechen, egal was sich im Bewußtsein vorfindet. vielmehr sind es jeweils Bewußtseinsakte (Denken, Wollen, Phantasie), die aber ihre Bestimmung nicht aus sich selbst erhalten, also auch ihre Beurteilung nicht aus sich selbst erfahren können. 

Es ist etwas anderes, bloß zu leben, und wieder etwas anderes, mit Bewußtsein, namentlich mit wachem Bewußtsein zu leben.

Wie ein Ruderer fährt also unser Bewußtsein auf dem Lebensstrom dahin. Und ist wie ein Ruderer mal müde, mal untätig, mal voll aktiv - bzw. rhythmisch tätig, und zwar eingebettet in einen geistigen Strom. Diese beiden Dinge dürfen nicht verwechselt werden, vital und geistig müssen auseinandergehalten werden. Erlebnis und geistiger Akt sind zwei verschiedene Dinge!

Schon der Schlaf zeigt, daß Lebensprozeß und Bewußtsein unterschieden sind. Wenn wir schlafen, leben wir, aber wir sind uns des Schlafes nicht bewußt. gleiches gilt für alle anderen Bewußtseinsunterbrechungen. Umgekehrt sind wir uns nicht immer unseres Lebens und Wachseins bewußt. Es gibt also Lebensprozesse, die nicht mit dem Bewußtsein ihres Stattfindens zusammenfallen, beide sind nicht identisch.

Auch sind nicht einmal alle Wacherlebnisse mit deren Bewußtheit verbunden. Man denke nur an das Ticken einer Uhr, das man mit der Zeit "nicht mehr hört." Obwohl man sagen muß, daß Wahrnehmungsprozesse selbst immer mit Bewußtseinsprozessen zusammenfallen. (Weshalb sie ja so leicht verwechselt werden.) Reine Empfindungsprozesse also drängen zwar zur Bewußtwerdung, aber diese selbst ist wieder ein (gradueller, geistiger) Akt. Empfindungen sind also Prozesse, Bewußtwerdungen aber Akte. 

Erstere können aber sogar die Bewußtseinsprozesse behindern, oder so in Beschlag nehmen, daß weitere Intentionalität (zur Bewußtwerdung) unterbleibt. (Wenn einen z. B. eine Empfindung übermannt, man sonst nichts mehr "sieht" oder "hört" als eine bestimmte Empfindung.) Empfindungen können also Schwungbrette des Geistes sein, aber auch seine Behinderung. Während geistige Prozesse den bloßen Lebensprozeß im umgekehrten Sinn beeinflussen können - durch sein Lenken kann er ihn behindern oder fördern. 

Die Empfindungen selbst aber sind nicht, wie der jugendliche Schwärmer gerne glaubt, unsere eigenen Hervorbringungen.* Die sinnliche Erscheinung selbst ist noch keine Erscheinung des Geistes. Geistiges ist mehr als bloße Sinnesempfindung, Psychisches nicht gleich Physisches. Bewußtsein kann verlöschen, aber auch wieder aufleuchten.

Dabei darf nicht vergessen werden, daß sinnliche Wahrnehmung, Empfindung, in unserem vitalen Prozeß eine Veränderung hervorruft, und DESHALB sich dem Bewußtsein vorstellt. Alles als Welt Gegebene muß uns notwendig durch irgendeinen Vorgang des Lebensprozesses gegeben sein. Mit Vorbehalt, aber doch, schreibt Pálagyi, kann man also sagen, daß alles in der Welt Geschehende zunächst nichts weiter ist als ein Vorgang innerhalb unseres eigenen Lebensprozesses. Der uns auf diese Weise die ganze Welt präsentiert. Es liegt aber an einem anderen Akt, sie als solche bewußt und geistig zu erfassen.




*Gerade im Jugendlichen zeigt sich etwas, das dem jungen Menschen verziehen sein mag, aber als erwachsene Haltung abzulehnen ist: Daß eine schwierige Leistung, und die ist das Denken, einfach durch Begriffsverwirrung, durch Verzicht auf Begriffsschärfe, durch Vermeidung von Mühe (die der junge Mensch ja erst allmählich aufzubringen, ja zur Haltung auszubauen lernen muß, das ist ja dann Tugend) umgangen wird. Das Erschreckende heute ist, daß auch dem Alter nach Erwachsene kaum noch in der Lage - nein, gerade in Anbetracht des Gesagten: WILLENS - sind, überhaupt zu denken. Vieles, ja das Meiste der heutigen Verwirrung, ist auf reine Begriffsunschärfe zurückzuführen, die man lieber erträgt, als die Mühe der geistigen Scheidung. Denken ist ein sittlicher Akt, keine logische Summe die sich von selbst zieht, das soll mit diesen Überlegungen Pálagyis gezeigt werden. Irrtum - zu unterscheiden vom "noch nicht erkannt haben" - ist eine sittliche Fehlleistung, nicht primär Fehlen von Information. Newman sagt es einmal umgekehrt, indem er sagt: "Wo immer ich sündige, will ich nicht glauben, nicht erkennen."





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Samstag, 17. November 2012

Vom Ich in der Welt (III)

3. Teil - Als Replik gefaßte Fußnote - *

(und darum in normaler Schriftgröße)



*Dem Verfasser dieser Zeilen hat es sich aus der bisherigen Beobachtung Kehlmanns längst angekündigt, in der der Erfolgsautor sich mit der Welt der "reinen Idee" - der Mathematik - so explizit befaßt hat. Für sich betrachtet, fehlt der Welt der reinen Idee nämlich die Wirklichkeit, und damit die Überleitung zur Welthaftigkeit hin. (Daß Kehlmann v. a. in Asien so "überraschende" Erfolge feiert, ist also keineswegs überraschend, es trifft dort auf vorhandene Konzepte, wie in bestimmten Formen des Buddhismus , oder im Konfuziamismus.) Edith Stein zeigt das in ihrer hervorragenden Untersuchung "Endliches zum Ewiges Sein". Daß Kehlmann sich nach Gauß nun mit Gödel befaßt zeigt diese Nähe: Kurt Gödel fand gleichfalls aus der einerseits rationalen Erkenntnis, daß die Rationalität sich nicht aus sich selbst heraus begründen und beweisen kann, also eigentlich transzendent, "offen" ist, keinen Ausweg, lehnte aus derselben Rationalität als Menschseins-Postulat aber "Gott" (als Leben/Sein) ab. Sodaß ihm die "Ursache" fehlte, man gestatte es hier "einfach" zu machen, es ist nicht komplizierter. Also fiel er in Spukglaube und Weltverschwörungs-Paranoia. Beides sind Wirklichkeiten in der Gestalt von "Ursachen-Konzepten", die aus den rein lebensimmanenten Ich-Vollzügen steigen. Denn die primäre Erfahrung des Lebens selbst ist ... seine Vorgängigkeit, es weiß sich verdankt, nicht aus sich selbst heraus bestehend. Ja, seine Struktur selbst IST Leben bzw. besteht nur deshalb. Wahrheitskonzepte außerhalb des Lebendigen - als Vorgang des Lebens selbst - funktionieren also nie, enden immer im Nihilismus. Sie kommen bestenfalls zu "Wahrheiten".

Hölderlin schreibt dazu also zwar: "Alles kommt also darauf an, daß das Ich nicht bloß mit seiner subjektiven Natur, von der es nicht abstrahieren kann, ohne sich aufzuheben, in Wechselwirkung bleibe, sondern daß es sich mit Freiheit ein Objekt wähle, von dem es will, wenn es will abstrahieren kann, um von diesem also durchaus angemessen bestimmt zu werden und es zu bestimmen. Hierin liegt die Möglichkeit, daß das Ich in harmonisch entgegengesetzten Lebn als Einheit, und das Harmonisch-Entgegengesetzte, als Einheit erkennbar werde im Ich in reiner (poetischer) Individualität. Zurfreien individualität wird, zur Einheit und Idnetität für sich selbst gelangt das reine subjektive Leben erst durch die Wahl seines Gegenstandes." 

Er schreibt aber genau auch das: daß dieses sich selbst hervorbringende Ich (als Weltgestalt) in einem Gesamtzusammenhang des Lebens "an sich" verbleibt. Sodaß das Leben "im Ich" also nur "erscheint". Das Ich erscheint also "sich" in der Welt, und die Welt erscheint "sich" im Ich. Ihm ist, wie Stefan Nowotny in "Der Fehl der Namen" schreibt, nicht "intellectuale Anschauung" als konstitivem Akt ausreichend, sondern Ich und Welt sind lediglich unlösbar aufeinander bezogen, in wechselweiser Bestimmung und Selbstbestimmung. die Ich-Konstitution kann deshalb weder mit der reinen Selbstanschauung eine Ich noch mit irgendeiner Art von Anschauung der Welt in eins fallen. Vielmehr ist die Sprache bereits selbst, als "schöpferische Reflexion", Hervorgang aus der dem Rationalen vorausgehenden Selbsterfahrung des Ich. Alles liegt in diesem Akt des "schöpferischen Ahnens" - die ursprüngliche, vorausgehende Gegebenheit des Ich ist also ein Akt schöpferischen "Er-findens", ein personaler, vorsprachlicher Akt. "Das Leben," schreibt Walter Benjamin dazu, "liegt [dem Gedichteten] als letzte Einheit zugrunde." Nur von dort kann Sprache [der Dichtung] erstehen, subjektiv, und DARIN transzendent. Der Akt des Sprechens und Denkens IST also die Bedeutung, der man nur staunend gegenübertreten kann, er bedeutet nicht noch rationale "Deutung." 

Alltag aber wunderbar [zu lieb] den Menschen
Gott an hat ein Gewand.
Und Erkenntnissen verberget sich sein Angesicht
Und Luft und Zeit deckt
Den Schröcklichen ... (Hölderlin; Griechenland, 3. Version)

 Das Leben selbst und die Erde berühren sich in liebender Zuneigung. Nicht im Intellekt.

Ein Zeichen sind wir, deutungslos
Schmerzlos sind wir und haben fast
Die Sprache in der Fremde verloren.

"Das Zeichen," schreibt Nowotny dazu, "das wir SIND, ordnet sich nicht ein in einen Horizont von Bedeutsamkeit oder in einen Zusammenhang von Verweisungen. Es ist, wenn man so will, nicht von dieser Welt." 

Und darum ist ... 
... die Sprache dem Menschen
gegeben ...
... damit er zeuge, was
er sei ...    

Das Sein im "Ich-bin" geht dem Menschen in seiner Gestaltwelt voraus. 




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Freitag, 16. November 2012

Vom Ich in der Welt (II)

Teil 2) Gibet es also ein Ich? Oder nicht?



Dem ICH aber überhaupt die Existenz abzusprechen (wie es jüngst z. B. Daniel Kehlmann in einem Interview tat) bedeutet, einem (metaphasischen bzw. anti-metaphysischen) Postulat zu folgen, das die Transzendenz prinzipiell ausschließt, und das Ich prinzipiell weltimmanent(istisch) setzt. Es bedeutet sogar, dem Geist den Geist abzusprechen.* Es bedeutet die Vorentscheidung, das Denken des Selbst absolut zu setzen, und weil das nicht (weltimmanent gedacht) möglich ist, dieses unser Denken nicht als "selbst-loses" Denken denkbar ist, den Grundtatbestand zu übersehen (oder willentlich zu entwerten), daß dem "cogitare" ein Ich bereits vorhergeht. Das nicht setzbar ist. Das uns gegeben, dem Denken vorgegeben ist. Das also bereits dieses "Selbstgefühl" dieses vorgängigen Ich als weltimmanent (z. B. evolutionär gedacht: als Epiphänomenologie aus rein leiblichen Regungen heraus) bestimmt. Eine Vorentscheidung! Kein Denkergebnis. Das die Bedingungen der Rezeption eines solchen "leiblichen" Ich selbst nicht weiter hinterfragt.

Die Interpretation von Descartes' "cogito ergo sum" übersieht meist genau das: daß die Feststellung, DASZ ich denke, bereits einem Ich nachgelagert ist, ein Ich voraussetzt, das sich in der Denkbewegung sprachlich erfährt, sich als Träger einer bzw. ALS Identität erfährt.

Denn die Bewegung des Ich zum Selbst - in der Erfahrung - IST bereits das Leben selbst. Dem Ich also Existenz abzusprechen, es in Gedanken rein welt-relativ bestehen zu lassen, mit der Geschichte also wieder vergehen zu lassen, heißt, das Leben selbst relativ zu setzen. Heißt, den transzendentalen Horizont in die Welt hineinzuverlegen, Leben als Evokation der Welt selbst zu sehen.  Wie es u. a. Heidegger versuchte, wie es Edith Stein sehr stringent aufweist. Mit der Auflösung eines (in Gott, dem Sein selbst) absoluten Ich (das natürlich vom Sein selbst abhängt) löst sich auch das Absolute selbst auf, Gott. Kehlmann hat darin also völlig recht, daß dieses Konzept im Buddhismus (bestimmter Prägung) existiert.

Das Leben geht aber der Welt voraus, es entstammt empirisch gesehen NICHT der Welt (als Welt der Gestalten), wird weltimmanent nur (unter bestimmten Bedingungen) in Trägerschaft weitergegeben: kein nur weltimmanenter Prozeß kann Leben "schaffen", er kann es nur "zeugen".) Diese zeigt, trägt es nur (in den Gestalten der Dinge, zugleich NUR als Gestalt, in seinen Akten als "Gehalt"), indem sie an diesem Leben teilhat: Kein Lebewesen kann sich selbst das Leben (und damit das Sein) geben. Und damit entstammt das absolute Ich gleichfalls NICHT dem fleischlichen Ich.


Teil 3) Als Replik gefaßte Fußnote - *




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Donnerstag, 15. November 2012

Vom Ich in der Welt (I)

Vom Ich in der Welt


Nur wenn das Seiende (die "Dingwelt"; mit Vorbehalt dieser Begriff hier, aber er illustriert vorerst) als Repräsentanz - im mehr oder weniger - des Seins selbst gesehen wird, das sich damit ans Seiende haftet, wo also das Seiende auf das Sein hinweist (transzendent, auf dieses hin, ist), nur dort kann eine Konzeption des Selbst halten, in dem das reale Selbst auch zum idealen Ich hinweist. Das an sich gesehen, Individuierung aus dem Sein an sich IST. 

In der Selbstranszendierung im Leben, im je Begegnenden, formt sich so das abstrakte, ideale Ich in ein Selbst hinein. Das in seiner Gestalt in negativer wie positiver Hinsicht vom Sein selbst erzählt, direkt oder indirekt.

Negativ - weil es sich am Leiden, am Fehlen des Seienden (das wo immer es unvollkommen in seiner Wesensentfaltung seine Idee repräsentiert) nur das Bild des Seins rekonstruieren, ableiten kann, in der Reflexion, in der Sehnsucht.

Positiv - wo es in dieser Selbstüberschreitung auf die Welt hin diese einfachhin annimmt, und hier (in vollkommender Übereinstimmung des idealen mit dem Wirklichen, so wenig das auch möglich ist) immanent, unreflektiert (gewissermaßen) zum vollkommenen Selbst wird. Das reine Repräsentanz des reinen, abstrakten Ich der Idee ist.

In jedem Fall ist das Selbst Repräsentant - Träger wie transzendenter Zeiger - des Seins eines Ich IM Seienden, das auf die eine Weise im Webmuster der Geschichte existiert weil lebt und solange es lebt, auf die andere in dieser Indivituation das Wesen des lebendigen Ich vollzieht, das nicht geschichtlich IST, in seinem Selbstvollzug in die Welt hinein aber Geschichte (und damit Welt) konstituiert.

Das Entscheidende ist damit nicht, OB Selbsttranszendenz (zur Werdung eines Selbst, aus dem Ich) oder nicht, sondern die Unterscheidung zwischen den Gestalten des Seins im Seienden. Vulgär formuliert, bedeutet Selbstwerdung also nicht, in ALLEM und JEDEM einfachhin 1:1 auf das Begegnende zu antworten. Wie sich am Beispiel der Technik zeigt, die sich nicht "inhaltlich-intentional" erfährt, sondern strukturell-phänomenologisch. Einer Art Selbsterfahrung der eigenen Mächtigkeit gleicht, in seiner Erfahrung nicht inhaltlich orientiert ist - letzteres ist oder wäre nach wie vor an die Hervorbringungsprodukte gebunden, die in der technischen Hervorbringung aber einer abstrahierten, qualitativ anderen Dimension des Bedürfens (bzw. Schichte des Selbsterfahrens) entsprechen.

Sondern aus dem Begegnenden die Gestalten des Seins zu lesen, und sohin dem Seienden adäquat zu antworten. Blinde Auslieferung an das Seiende (als Träger des Seins) ist damit genauso "schädlich", wie völlige Verweigerung des Seieneden (als möglicherweise oder höchst wahrscheinlich defekten Seinsrepräsentanten).


 Teil 2) Gibet es also ein Ich? Oder nicht?





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Donnerstag, 16. Juni 2011

Objektivitätsillusion im Gewußten

Es herrscht, schreibt Michel Henry, einer der führenden Philosophen Frankreichs im 20. Jhd., eine schreckliche Illusion hinsichtlich des Wissens, das die Wissenschaft generiert. Denn es wird so getan, als sei das von der Wissenschaft generierte Wissen dem Lebenswissen überlegen.

In Wahrheit gibt es kein Wissenschaftswissen der "Objektivität", ohne daß ihm nicht nur ein Lebenswissen - das jedem Menschen gleichermaßen zugängig ist - vorangeht, sondern das es durchdringt. Wissenschaftlich gewußtes Wissens ist lediglich ein Modus des Bewußtseinswissens, und es "schließt das Wissen der Schau selbst ein, die nicht mehr das Bewuß´tsein ist, der intentionale Bezug zum Objekt, sondern das Leben." Vom Leben losgelöstes "theoretisches Wissen" gibt es also gar nicht.

Das Descat'sche "cogito ergo sum" führt also zu einem Trugschluß: als wäre nur wißbar, was solcherart theoretisch gedacht würde. In Wahrheit aber geht das Leben auch bei falschem Denken weiter - es gibt also ein Wissen, das allem bewußten theoretischen Wissen voraus geht. Und diese zweite Wissen ist das Leben selbst, als evidentes Selbst-empfinden, selbst-erfahren. Als menschliches Los des Bezugs zur Welt.

Wenn ich träume, so existieren das Zimmer, von dem ich träume, und die Personen darin, oder sie existieren nicht. Möglicherweise. Aber wenn ich in diesem Traum einen Schrecken verspüre, so ist dieser Schrecken absolut, was er ist. Das Bewußtsein kann sich diesen Schrecken nicht geben, der intentionale Weltbezug des Subjekts, sein Bewußtseinswissen, tritt zurück.

Es gibt nur Bewußtsein VON etwas. Das Lebenswissen aber kennt keine Andersheit, nichts von ihm Verschiedenes, Fremdes. Was das Leben ursprünglich empfindet, ist es selbst. Es hat eine Realität, deren Substantialität ihre Phänomenalität ist. Und hebt sich damit über alle Täuschungs- und Irrtumsmöglichkeit hinaus, ist eine völlig andere Qualität: Ob ich eine Täuschung sehe oder nicht - ich sehe! Und als solches erlebe ich es, es ist WAHR.

Und diese Wahrheit(sebene) geht dem Wissen von den Wahrnehmungsinhalten voraus, auf denen - als Bewußtseinswissen - Wissenschaft gründet. Das Wissenschaftswissen kann sich selbst nicht genügen, es weiß um seine Vorausetzung eines anderen, nicht "objektivierbaren", als Objekt vorstellbaren Wissens. Das (wie Descartes es nannte) Wissen der Seele, des Geistes, ist nicht nur sicherer und leichter, es geht dem Bewußtsein und der Wissenschaft voraus, letztere beruht darauf.

"Die Idee des Geistes ist das ursprüngliche Offenbarungsvermögen, kraft dessen die Cogitation (die Seele, das Leben) ihre eigene Offenbarung und nicht die irgendeiner Objektivität, eines Cogitatum ist. So offenbart der Schrecken sich selbst, und in sich selbst, in seiner Affektivität, offenbart er nichts anderes." (M. Henry, "Die Barbarei") Und diese Ideen bilden das gemeinsame Wesen der bewußten Objekterkenntnis. 

Deshalb kann nur eine Idee (ein Dreieck, ein Mensch, Gott) zum Sein gelangen, wenn sie eine Idee des Geistes und als Idee des Geistes zuerst die reine und bloße Selbsterfahrung ist, die sie sich selbst so offenbart, wie sie in sich als Cogitatio, als Modalität des Lebens oder der Seele, ist. Die Schau des Objekts setzt das Wissen der Schau selbst voraus, und dieses Wissen der Schau ist ihr eigenes Pathos, nämlich "die Selbstaffektion der absoluten Subjektivität in ihrer transzendentalen Affektivität, wobei transzendental heißt: was sie als Subjektivität, als Leben, ermöglicht."

Die Welt ist also kein leeres Schauspiel, das sich dem unpersönlichen, leeren Blick darbietet, sondern "sie ist eine sinnliche Welt, keine Welt des Bewußtseins, sondern eine Lebenswelt: mithin eine Welt, die nur dem Leben gegeben ist, die für, in und durch das Leben existiert."

Jedes Außen (als "Welt") die ursprüngliche Ent-Äußerung irgendeiner Außenheit (wie beispielsweise einer Zahl), kann nur insoweit hervorgebracht werden, wie sich diese Hervorbringung selbst affiziert, folglich in und durch die Affektivität der Hervorbringung. Die Dinge sind also nicht "nachträglich sinnlich", und sie nehmen ihren Charakter - bedrohlich, schön usw. - nicht aufgrund von Bezügen an, die sie mit unseren Wünschen und Interessen knüpfen. Vielmehr tun die Dinge all dies und sind dazu nur imstande, weil sie von Geburt an affektiv sind, weil es ein Pathos ihres Zum-sein-kommens gibt, und zwar als das Zu-sich-selbst-kommen des Seins in der Trunkenheit und im Leiden des Lebens.

Es sei gestattet, hier noch eine Spur zu legen - es gibt nämlich keine "objektiv feststellbaren Eigenschaften" der kleinsten Bauteile der Materie. Auch aus der Quantenphysik wird klar, daß es die Dinge nur in werthaltigen Bezügen gibt, ja daß diese Bezüge erst die Dinge konstituieren, aus sich, ins Sein hervortreiben.

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Dienstag, 12. Oktober 2010

Nur ein kleiner Gedanke

Es scheint so ein unspektakulärer, stiller Bedanke, wenn Spaemann aufweist, wie im Cogito von Cogito ergo sum des Descartes eine Annahme eines Gottes implizit enthalten ist. (Und: daß Descartes das wußte.)

Denn das Cogito, das sich selbst als Horizont setzen möchte, um zum ergo sum zu kommen, verliert seine Basis, auf der es sich als Denkendes (bzw. Gedachtes) erkennen könnte. Es braucht also seinen apriorischen Bezug eines Dritten, Außenstehenden - eines Gottes. Sonst kann es sich nicht als Seiendes verstehen: das zu konstatieren, setzt einen Standpunkt außerhalb des Seienden, des Raumes voraus. Das Descartes'sche Cogito "springt" also implizit, um sein "Ego" in ein Seiendes verwandeln zu können. Es ließe sich sonst das Denken nicht als "res cogitans" (als "denkbare Sache") denken.

Schelling schreibt es einmal so: "Ich bin. Mein Ich enthält sein Sein, das allem Denken und Vorstellen vorausgeht." Dieses "Ich bin", führt Spaemann aus, kann nicht als Resultat eines Prozesses der Reflexion des endlichen Bewußtseins versanden werden, denn dieser Prozeß ist unendlich. Erst durch die Antizipation des Anderen und seines Blicks wird er zum Stehen gebracht. Wenn der Andere ich nicht selbst täuschen will, muß er denken, daß ich denke. In diesem cogito me cogitare (das ich denke, das mich zum Ich denkt) weiß sich das Cogito als sum.

So ein kleiner, unscheinbarer Gedanke, dessen Anwesenheit sich seit Jahrhunderten findet, aber kaum beachtet wurde und wird. Dabei war er selbst und gerade Descartes bewußt (und läßt nur so ein sonst kaum verständliches theistisches Konzept verstehen, denn: warum hätte er sonst an einem Gott festhalten sollen?)

Aber er hebt den gesamten Konstruktivismus der Gegenwart aus den Angeln. Der die Welt ontologisch als nur im Menschen be- wie entstehend begreifen möchte.


*121010*

Samstag, 9. Oktober 2010

Poesie ist aber auch nicht Irrationalität

Aber das sind alles nicht die Probleme der heutigen Poesie, der Kunst, der Literatur, der Theaterkunst. Vielmehr muß man sie in der Gesamtbewegung von Descartes her sehen, auf dessen Boden wir Aufgeklärte seither stehen: als Anbeter des Verstandes, einer auf den Rationalismus abgehalfterten Vernunft.

Und auf diesem Boden stehen wir, ausnahmslos. Und von dorther wurde das Fehlen des Poetischen zweifellos bemerkt. Dieser Mangel wird - auf sehr rationalistische Weise! wie grotesk! - dadurch behoben daß man das Helle, den klaren Gedanken, wieder vernebelt ...

Genau so sieht es heute über weite Strecken in der Kunst aus, die als Folge das Identifizierbare verloren hat. Das Poetische wurde ersetzt, in Täuschungsabsicht ersetzt, durch das Irrationale, ja: Widerrationale. Und häufig begegnet man Bewegungen, die es geradezu ihr Programm sehen, das Rationale zu düpieren.

Diese "Irrationalität" ist nichts anderes als neuerlicher Rationalismus.

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Umgelegt auf den wahren Satz, daß alles Religiöse im Entstehungskern mit der Poesie in eins fällt, ja eins das andere ist, läßt sich in der Religion exakt dasselbe sagen: um dem Rationalismus, auf den die Vernunft reduziert wurde, zu entfliehen, wurde die ausgeübte Religion - die Dichtung des Religiösen, die Liturgie, das Gebet - wieder vernebelt. Das Ergebnis? Die Esoterik. Die Schwärmerbewegungen. Die Erneuerungsbewegungen.

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In einer Arbeit über Wordsworth fand ich ein Beispiel, es deutet ein wenig an, was gemeint ist:

Wordsworth veröffentlichte einen Vers wie folgt:
A thing of beauty is a joy for ever

In einer früheren Fassung hatte der Dichter noch stehen:
A thing of beauty is a constant joy

Erst mit "a joy for ever" beginnt etwas zu fließen, was zuvor im bloßen verstandesmäßigen "Sinn" begrenzt und erstickt war. Rein rational ist der Unterschied aber nicht wirklich auszumachen, ja in gewissen Bedeutungsbezirken völlig gleich. Die Vernunft bleibt, sie wird aber ins Uferlose erweitert.

 
*091010*

Samstag, 2. Oktober 2010

Was begründet

Es ist unsinnig und unwissenschaftlich, schreibt Feuling einmal, die Metaphysik von Fachwissenschaften abzuleiten oder sich darauf zu stützen. Denn sämtliche Fachwissenschaften bauen auf einer Metaphysik auf, aus der sie ihre Fragestellungen formen. Auch ist es ein verkehrter Ansatz, die Metaphysik nach einer Einzelwissenschaft aufzubauen, wie es Descartes und Spinoza nach der Mathematik anstellten.

Die Wissenschaftlichkeit der metaphysischen Erkenntnis besteht in nichts anderem als in ihrer schlichten Sach-Vernünftigkeit.

Fachwissenschaften aber sind unentbehrlich für die Lösung und Stellung von Einzelfragen durchaus metaphysischen Gepräges.

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Auf vier Säulen beruht eine wissenschaftliche Metaphysik:
  1. in der unerbittlichen Gewissenhaftigkeit der Wahrheitsintention
  2. in der Strenge der Begriffsbildung auf Grund sämtlicher Gegebenheiten der Erfahrung in der Außen- und der Innenwelt
  3. in der universalen, radikalen Fragestellung bis zur letzten Fragemöglichkeit des Gegenstandes und aller Gegenstände überhaupt
  4. in der unbedingten Sachlichkeit der Lösungen und daher in der Vorsicht und Geduld im Suchen nach der Beantwortung der gestellten Fragen
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Fünf Punkte sind es, die den wissenschaftlichen Charakter des Ergebnisses metaphysischer Bemühung bestimmen:
  1. die durchgängige Bestimmtheit aller Begriffe, Fragen, Lösungen rein von der Sache her
  2. das Begründetsein der sämtlichen Ergebnisse in letzten evidenten Sätzen
  3. die Geöffnetheit der gesamten Lehre für die Gesamtheit aller möglichen Probleme, Tatsachen, Begriffe und Methoden
  4. die Ablehnung jeder metaphysischen Behauptung, die nicht mit Evidenz erwiesen ist, sei es als sicher, sei es als wahrscheinlich oder möglich
  5. die durchgreifende Systematik, die alle Erkenntnis unter den schlechthin letzten Gesichtspunkten ordnet und logisch verbindet
 
*021010*