Treibgut - Wo am breiten Strome die Ufer stehen, sind Schwarzerlensamen aufgegangen, und schäumen als saftige Büsche die Ränder der großen Lethe, die alles ins Dunkele Meer trägt; ihre weichen Äste, die noch nicht ahnen lassen, welcher später als kahler Stamm reife Blätter hoch in der Sonne wiegen wird, tauchen in die Wasser, wie Kinderhände. Dann und wann greifen sie, denen alles noch ernstes Spiel ist, nach Treibgut. Oder es bleibt hängen, lädt zum Tanze, haucht im Kusse Lebwohl
Satz um Satz dieser Predigt von Pfarrer Hans Milch aus dem Jahre 1979 - in der ersten halben Stunde! - verdiente es, in Stein gemeißelt zu werden, und diesem Volk, dieser Kultur an jenes Tor gestellt zu werden, aus dem sie aus der Gemeinschaft der Kulturvölker und damit der Völker überhaupt ins Nichts treten. Hier spricht ein Prophet, und er spricht in Versen, in denen das Verschmelzen von Poesie mit Wahrheit und Zeitgemäßheit, weil aus dem Brunnen des immer Gültigen geschöpft, vor Augen steht.
Was Milch deshalb hier sagt ist ein Lied des Untergangs, ein Lied des Leidens und der Tragödie, die sich vor unseren Augen vollzogen hat (sic!), und in deren Trümmern und Ruinenlandschaften wir nun leben.
Aus menschlichem Kalkül, sagte Milch bereits 1979, ist keine Rettung. Wenn er das sagt, ein Wort von Jünger übernehmend, daß der Glaube keine Kraft mehr hat, daß die Heiligkeit verschwunden ist, dann weist er auf etwas anderes hin. Auf etwas, das REAL so entscheidend ist. Auf die Tatsache, die Milch als "der große Irrtum" bezeichnet, daß sich der Mythos als jene Erzählung, auf die sich ein Volk
- und damit jeder Mensch, jeder, denn jeder gehört einem Volke an, ein Schicksal steht fürs andere, eines ist mit dem des anderen verknüpft -
als generellen Verstehens- und Interpretationshorizont des sinnlichen Datums bezieht, aus dem heraus es "Welt" erkennt und gestaltet, daß also dieser Mythos der wirklichen Wirklichkeit, diesem Brunnen alles Seienden, also von allem das ist, entfernt steht. Die Generalerzählung, das "Narrativ" (von dem man heute so gerne spricht) ist ein Sumpf der Irrtümer und Dummheiten, der Schmach, der Würde- und Ehrlosigkeit. Und damit, ja deswegen, eine Schlangengrube der Widersprüche.
Pfarrer Hans Milch in einer großartigen Predigt aus dem Jahre 1978. In einer Tiefe und Weite, die kein weiteres Wort nötig macht. Aber als Besinnung, als Andacht dem Sinn des heutigen Tages angemessen ist.
Es geht nicht ums Anständig sein, es geht nicht ums Gutmenschentum, um "gute Taten", und es geht nicht um gelungene Gesellschaftsentwürfe und -formen. Das kann auch jeder Heide, oft sogar besser, und genau das haben die Heiden (die Juden) von ihrem Gott auch gefordert: Eine gelungene Welt. Das läßt sich sogar im Islam besser finden: Tue dies, tue das, und alles ist gut.
Aber das alles ist in sich sinnlos. Christus braucht den Menschen, der für ihn brennt, der Sehnsucht nach Gott hat. Und der findet sich an jedem Tisch. Deshalb setzt sich Jesus an jeden Tisch, und es ist ohne Bedeutung, welchen Rang dieser Tisch für die Gesellschaft hat.
"Dies alles habe ich beobachtet, von Jugend an." Da sieht ihn Christus traurig an. "Eines fehlt Dir noch - gib alles weg. " Also: Gib Dich ganz in Gottes Willen und Vorsehung, auch wenn sie zur Niederlage führt. Da ging der Jüngling traurig davon.
Es wäre interessant, ob Pfarrer Hans Milch das, was er 1982 zur Frage um Frau und Mann respektive Erbsünde sagt, heute, 35 Jahre später, auch noch so sagen würde. Ohne es zu direkt zu ergänzen. Indirekt tut er es ohnehin im Laufe des Vortrags noch, nur kann man den Zusammenhang vielleicht nicht so leicht erkennen.
Aber immerhin berufen sich die Feministen aller Länder auch auf diese Stelle, wenn sie die Gleichheit von Mann und Frau behaupten. (An die Feministen am allerwenigsten glauben, das nur nebenbei.)
Was sagt er in diesem Vortrag? Daß mit der Erlösung durch Jesus Christus auch der erbsündliche Fluch aus der Genesis, daß der Mann über die Frau herrsche, aufgehoben sei. Der Satz läßt sich nur verstehen, wenn man den darauf folgenden Ausführungen zur Liebe aufmerksam folgt, denn darin enthält sich die Lösung des Rätsels. Wenn man schon vorschnell meint, selbst dieser traditionsbewußte Priester würde der Gleichheit von Mann und Frau die Wege ebnen.
Das heutige Ohr kann es vielleicht besser verstehen, wenn man diesen Fluch - "Er soll über Dich herrschen!" - dem Verhältnis der Zehn Gebote zur Erlösungstat Christi gleichsetzt. Zu denen Christus auch sagt, daß nicht ein Gebot aufgehoben sei. Aber sie sind in ihm erfüllt. Das heißt: Christus verlegt den Ort der Erlösung in die Gestalt, nimmt ihn vom reinen Verhalten weg. Dennoch ändert sich nicht das Geringste daran, daß diese Zehn Gebote die Welt wie eine Grundfeste halten. Sie sind ihr eingeschrieben. Nur hat man ohne Gestalt zu ihnen keinen anderen Zugang, als den des strikten Ge- und Verbotes. Erst in der Begegnung von Gestalten, also erst in der persönlichen, realen Beziehung zum Erlöser sind sie insofern "obsolet", als diese Gestalt diese Ge- und Verbote ohnehin enthält.
So ist zwischen Mann und Frau nicht zufällig die Analogie zu Christus und der Kirche.** Denn das Wesen von Geist zu Materie ist eben ehelich, so daß man sagen kann, daß die Ehe die Welt grundlegt. Ohne sie bricht alles zusammen. In diesem Sinne ist auch die Ehe in ihrem Wesen das Zueinander von Mann und Frau in einer Hierarchie, die sich aus dem Wesen von Mann und Frau ergibt. In der Liebe erfüllt sich dieses Wesen zur Ganzheit der Ehe als einem Ort des Himmels.
Doch bedeutet das, daß es eben wesensgemäß ist, daß der Mann die Bestimmung übernimmt, während die Frau diese Bestimmung aufnimmt und austrägt. So ist es mit der Kirche, so ist es mit der Gottesmutter, so muß es in jeder Ehe sein, sonst ist es keine (erfüllte) Ehe. Das ist auch kein situationsbedingtes funktionales "Beistehen", sondern ist eine Begegnung zweier unterschiedlicher Orte, die zu einem werden, ja selbst erst zu Orten werden, wenn sie sich auf diesen einen, gemeinsamen Ort hinein binden und selbst überschreiten. Und selbst überschreiten kann man nur in einem je eigenen Wesen, ja auf dieses eigene Wesen hin sogar, weil der gemeinsame Ort darin bereits hinweisend (als Erfüllung) vorbereitet und insofern immanent ist.
Wo diese Liebe fehlt, weil sie verweigert wird, dann nicht, weil irgendeine Gefühligkeit verweigert wird. Sondern Liebe heißt, daß das Wesen eines Dings aufgenommen und zur Erfüllung gebracht werden soll. Erkenntnis, Wahrheit geht also der Liebe voraus, ja legt sie grund. Denn man kann nur etwas lieben.
In diesem Sinne kann und muß man auch weiterhin von Hierarchie sprechen. So wie es niemandem einfallen würde, diese Hierarchie zwischen Christus und der Kirche zu bestreiten. (Wobei: Das eben passiert heute. Das genau geschieht allerorten. Wo Christus bestenfalls noch der ist, der "neben" dem eigenen Geschehen steht, es als "Partner" begleitet. Solche Formulierungen finden sich übrigens sehr häufig im Rahmen von "feministischen Gottesdiensten".)
Und Gott straft auch NACH der Erlösungstat, daran hat sich nichts geändert. Nur der Zugang ist ein anderer, ja er ist jetzt erst möglich - über die Liebe, über die Gestalt.
Ja, richtig, in der Peitsche des bloßen Gehorsams der Unterstellung, in der blinden Unterwürfigkeit allein* erfüllt sich Ehe nicht. Bleibt sie dürres Gerüst, ja Karikatur einer Ehe, so wie die Zehn Gebote (als "Verhalten") nicht zur Erlösung führen. Weil nichts mit Leben und Fleisch erfüllt wird, zumindest nicht allein oder in jedem Fall, wenn die Peitsche niedergelegt wird. Sondern wenn beide in der Liebe das Wesen des anderen zur höchstmöglichen Herrlichkeit führen wollen. So, wie das Volk den König "spielt", ihn "macht", ihn erkennbar macht, indem es sich vor ihm verbeugt, seine Stellung achtet und respektiert und nie hinterfragt. So kann der König dem Volk, so kann der Mann der Frau Identität geben (in die er liebend, also erkennend die Eigenart des Volkes eingeflochten hat), und so kann er die Welt gestalten, die die Frau jedoch gebären muß. Denn das kann der Mann nicht.
*Eine der wesentlichen Hilfestellung der Frau dem Mann gegenüber ist der "Rat", das eigenständige Sehen und Urteilen, ihr "Erwägen im Herzen". Wenn auch die faktische, gesetzte Entscheidung dann wieder dem Mann obliegen muß, selbst wenn die Frau sie trifft. Denn dann trifft sie die nur "in seinem Sinn". So wie die Gottesmutter nur insofern Königin ist, als sie die Gesetze ihres Sohnes, also in seinem Sinne, regierend präsent hält.
**Spätestens hier wäre nun der Punkt, auf den Unterschied zwischen der Stellung von Mann und Frau im Islam und Christentum hinzuweisen. Die Hierarchie ist bei beiden richtig und gleich, ja. Aber die einen haben nur die Peitsche. Nur. Sie leben im vorerlösten Zustand, als Heiden. Ihnen bleibt (letztlich) nur die Gebotserfüllung, das Verhaltensgebot. Wird die geschwächt, wird die Struktur der Ehe geschwächt, weil die nur über Verhalten aufrecht bleiben kann.
Die Kirche hat nicht "einen Beitrag zu leisten", wenn es um den Menschen geht, sondern sie ist der einzige Beitrag, der den Menschen vor dem Nichts bewahren kann! Ohne sie kann es niemals zu einer "Menschheit" kommen, die an ihrer Zukunft arbeitet, weil es nur die Zukunft ALS Kirche gibt. Es gibt deshalb auch nur eine Ökumene, und das ist die Katholische Kirche.
Eine Wahrheit, die keinen Absolutheitsanspruch hat, kann gar keine Wahrheit sein. "Gott will nichts VON Dir - er will DICH!" Wahrheit gibt es nicht graduell, nicht in Teilwahrheiten oder Übereinstimmungen. Wahrheit gibt es nur AUS DER GANZEN WAHRHEIT heraus, und IN IHR. In anderen Religionen kann deshalb auch nichts "wahr" sein, es kann bestenfalls "wahrheitsträchtig" sein.
Nicht die formalen Häretiker und Abtrünnler sind es, die die Kirche umwälzen, sondern es sind immer und überall die sogenannten "Konservativen", die "Treuen", die dem Irrtum durch mangelnde Entschlossenheit und Selbststärke an die Macht verhelfen. Das Gesetz gilt für alle Revolutionen.
Eine programmatische Ansprache von Pfr. Hans Milch aus dem Jahre 1983, die vieles von all dem Unsinn zurechtrückt, der uns heute pausenlos auch aus der Kirche um die Ohren schnalzt, so nebenbei eine hervorragende Technik- und Fortschrittskritik enthält, und deshalb eine würdige Aschermittwochspredigt ist und nichts, absolut nichts an Aktualität verloren hat, im Gegenteil: Eine Predigt in diesen heutigen Tag hinein ist.
Eine nächste großartige, besonders flammende, dabei beeindruckend geistig tiefe Ansprache von Pfarrer Hans Milch zum Christkönigsfest 1978. Autorität als der zeugende "Ur-sprung", aus dem alles weitere hervorspringt! Freiheit gibt es deshalb nur in Autorität, weil es Freiheit nur in dieser Verbindlichkeit einer Autorität gegenüber gibt. Denn Freiheit ist ein menschlicher Zustand! Nur was aber frei ist, kann sich hingeben, kann sich schenken, nur so kann deshalb die Schöpfung überhaupt bestehen, die ein Zueinanderneigen von allem ist, das in der Autorität der ewigen,einen, unveränderlichen Wahrheit frei ist weil überhaupt nur dort besteht. Deshalb ist Christus - die Wahrheit, das Leben, der Weg - der König, die oberste Autorität, der Herrscher, der Herr. Und wer ihm dient, wer sein Leben, sein Aufgabe als Lehen von ihm empfangen begreift, der wird auch frei.
Die Massendemokratie aber bringt nur sinnlose, brutale, barbarische Macht hervor. Der sogenannte Humanismus der Gegenwart ist eine Bestialisierung des Menschen.
Einen sehr interessanten Ansatz zu einem Luther-Verständnis stellt hier Pfr. Hans Milch vor: Er geht davon aus, daß Martin Luther - ein genialer, vielseitigst begabter Mensch - bereits in einem Irrtum aufgewachsen ist. Er wurde in seinem theologischen Studium im Nominalismus geschult, und weil dieser bereits ein Irrtum ist - er bestreitet die apriorische, geistige Wesenserkenntnis der Welt, worauf die These der Unerkennbarkeit Gottes folgt, der damit zu einem Willkürgott wird -, ist ihm die katholische Theologie nicht mehr aufgegangen.
Der erste Durchbruch in Luthers Geistesleben sei sogar eigentlich noch ein Durchbruch zum Katholischen gewesen - in der Erkenntnis, daß sich der Mensch die Erlösung nicht verdienen könne, sondern daß diese Erlösung ungeschuldete Gabe Gottes ist. Das ist nur durch die Zusage Gottes wißbar.
Doch nun wollte Luther auch dafür, für diese moralische Sicherheit (die dritte Stufe der möglichen Sicherheiten; die erste ist die metaphysische, logische Sicherheit - es gibt einen Gott; 2+2=4; die zweite ist die der physischen Sicherheit - morgen wird die Sonne aufgehen -,) ebenfalls die völlige Sicherheit er absoluten Stufe. Und ab hier verläßt der zweifellos neurotische Luther den Katholizismus, ab hier wird er hysterisch. Denn für die Liebe, die Treue (sieh: zwei Eheleute) gibt es keine absolute Sicherheit, sondern nur eine des Vertrauens. Eine höhere als eine moralische Sicherheit kann es in Heilsaussagen aber nicht geben. Und in dieser Stufe ist die moralische Sicherheit dynamisch - sie ergibt sich z. B. in der Treue der Eheleute aus der Reife der Liebe. Hysterisch-neurotisch ist, wenn der eifersüchtige Ehegatte eine "absolute" Sicherheit für diese Treue möchte.
Dieses Vertrauen, diese Liebe muß also lebendig gehalten werden, nur insoweit gibt es Sicherheit. Kein Standesamtsbeschluß, keine unterzeichnete Eheurkunde kann diese Sicherheit für sich schon geben. Weder also kann man von einer absoluten Sicherheit hier ausgehen, noch kann man sie anstreben - man kann nur vertrauen, und dieses Vertrauen wächst (oder schwindet) durch den Umgang miteinander.
Mit dem Glauben ist es ähnlich. Auch er erfordert die Dynamik des Verhältnisses zweier "Du". Und dort ist Luthers Problem: Er kommt zu dem Schluß, daß Gott ihn zum Heil ZWINGT. Milch vergleicht es mit dem Fall von Hörigkeit von Frauen gegenüber Männern. Die eine Reaktion auf die Unmöglichkeit ist, den Mann zu bezwingen sodaß sie ihm vertrauen könnte. Also sucht die Frau einen Weg, ihn dennoch an sich zu binden, und das tut sie, indem sie sich ihm bedingungslos fügt. So entsteht ebenfalls eine, wenn auch ungenügende, irrtümliche, mangelhafte Art von Bindung als Zwang. Wenn die Frau den Mann schon nicht zwingen kann, so sucht sie im Umkehrschluß ihn dadurch zu zwingen, indem sie sich in ein unmittelbares Reaktionsverhältnis setzt: wenigstens soll er "eifersüchtig" sein, weil sie ihm nicht folgen könnte. Auch der Gefängniswärter ist auf eine Weise ans Gefängnis gebunden, nicht nur der Gefangene! Eine trügerische Scheinsicherheit also, ein pathologischer Selbstbetrug. (Der VdZ hat sich hier schon einige male zur Hörigkeit in ähnlicher Weise geäußert, denn sie wird meist als "überzogener Gehorsam" gedeutet, und das ist vollkommen falsch.) Die beabsichtigte Leistung ist, daß der Mann - im Beispiel - die "Situation annimmt", das ist das Ziel.Der Hörige will also erreichen, daß sie Situation des verbindlichen Zueinander bleibt.
Und in diese (pathologische) Richtung, so Milch, sei auch das "Beugen Luthers in Gottes Willen" hineinzuverlängern. Luther sieht darin einen Weg, "Gott zu zwingen". Wer auf Gott "vertraut", den wird Gott mit seiner Heilszusage nicht enttäuschen, sozusagen. Das führt mit unausweichlicher Konsequenz bis hin zum Auserwählungsgedanken Calvins, der aus der Lebensführung des Menschen Rückschlüsse zieht auf dessen Auserwähltheit: Wer reich und tüchtig und sittlich ist, der "hat" gewissermaßen die Auserwählung. Daraus folgt ebenso zwingend die Prädestinationslehre, die Vorbestimmung für die Menschen, ob sie in den Himmel kommen, oder verdammt sind. Man tut dann Gutes, weil man in den Himmel kommt, nicht umgekehrt.
Aber so weit geht Luther nicht, da lebt in Luther noch zu viel katholischer Stoff. Er hat dazu auch einfach zu wenig Konsequenz, und das ist in dem Fall ein Glück. Er erklärt den Willen nicht zu sündigen selbst schon zur Sünde, weil er davon ausgeht, daß man auch ohne Gnade nicht sündigen kann. Das Heil hängt überhaupt nicht von der Sünde oder Nicht-Sünde ab. Indem Gott den Menschen "annimmt" (im Beispiel zu bleiben: indem er die GefängnisSITUATION annimmt) "zwingt" er den Menschen zum Heil oder Nicht-Heil. Das einzige, was der Mensch also dazu beitragen kann ist, auf diese "Gefängnis-Situation" zu vetrauen - also "zu glauben", "Gewißheit" verbindlich und treu anzunehmen, egal was man tut. Wer sich in Gott geborgen "weiß" (=wähnt), den wird Gott nicht enttäuschen.
In diesem Vertrauensakt steckt natürlich erneut ein Stück Katholizität. Auch hier soll der Mensch vertrauen. Bei Luther aber wird dieser Akt zu einem rein (!) subjektiven Akt zu leistender Hingabe (Hacker nennt ihn DAMIT psychogen), worin Hoffnung und Liebe auf eine Art verschmelzen. Er sieht nicht den kosmischen Aspekt des Glaubens, sondern nur den subjektiv-schicksalshaften. Gute Werke folgen dann rein aus Dankbarkeit, nicht aus dem Willen "gut" zu handeln, der wäre ebenfalls bereits Anmaßung.
Der Katholik aber will das Wohl des Geliebten - Gottes. Er will ihm ähnlich sein. Die gute Tat folgt also aus dem Glauben und der Liebe, folgt also aus der Erlösung und dem Willen, folgt aus der Vergöttlichung aus dem Eintauchen in Gott selbst (in Jesus Christus), der in der Gnade auch den Willen verwandelt. Das ist ein gestalthaftes, fleischlich-reales Zueinander, mehr also als eine reine "Beziehung" wie bei Luther. Dem Katholiken ist die Gnade ein Akt der Verwandlung, Gott nimmt den der es will in sich hinein.
Damit werde ich in meiner Seele mit einer neuen Eigenschaft versehen, gewinne in der Analogie eine göttliche Beschaffenheit. So, wie ein Schwamm das Wasser aufnimmt und damit die Eigenschaften des Wassers in sich aufnimmt. Der Schwamm bleibt ein Schwamm, aber er hat zusätzliche Eigenschaften, ich werde Gott ähnlich. Damit kann ich wollen, was Gott will, denken was Gott denkt, wissen was Gott weiß - "eingeweiht" sein. Das ist Glaube, Hoffnung und Wille. Alles aber muß durch das Vorzimmer des freien Willens, der freien Zustimmung des Menschen.
DARAUS, aus dieser Verwandlung (in der wir wir selbst bleiben!) können dann Verdienste entstehen. Obwohl wir uns nie sicher sein können, ob wir "guten Willen" haben, weil wir einfach als Menschen zu zweifelhaft und brüchig sind. (Daraus folgt übrigens dann die Sichtweise der Aufklärung, daß der Mensch ALLES aus Eigennutzen macht, die sich dann im Evolutionismus zur Welterklärung steigert; Anm.) Keine Psychoanalyse kann uns uns selber wirklich erkennen lassen.
Deshalb sind wir immer auch "Bettler", immer nur innigst Flehende, des Heils unsicher, immer erbarmensbedürftig. Wo wir aber (weil IN der Wahrheit - Gut ohne Wahrheit ist nicht möglich) Gutes tun können bzw. tun, tun wir es aus einem SEINSZUSTAND, und insofern ALS WIR SELBST. Also sündigen wir also auch immer wieder im Gleichen - unserem Seinszustand eben entsprechend. Besser werden wir nur im Sein, nicht (primär) im Verhalten, das Verhalten folgt aus dem Sein, ohne uns je gewiß sein zu könne, daß wir "gut" sind. Umgekehrt haben aber auch wir alle damit Jesus Christus ans Kreuz geschlagen! Und in dieser Gemeinschaft werden wir in unserem Sein erlöst, weil Christus (immer neu, immer aktuell, weil außerhalb der Zeit) für unsere Sünden vor Gott Vater sühnt, er nimmt diese unsere Sünden je neu auf sich.
Das sieht Luther nicht recht anders, bis zu einem Punkt, den er übersteigert: Dem unserer eigenen Fragwürdigkeit. (Also auch hier das Gesunde im Kranken.) Und deshalb leugnet er überhaupt die Eigenwirkung des Menschen. Das Gute, das der Mensch tut, liegt nur an Gott, er selbst merkt es gar nichs, sonst würde es bereits Eitelkeit, Pharisäertum. Weil also der Mensch nichts beitragen kann, braucht sich der Mensch auch gar nicht mehr anzustrengen - einmal gerechtfertigt, immer gerechtfertigt! Der Mensch wird geschnappt von Gott, weil er sowieso nichts aus eigenem Willen tun kann, und damit paßt alles.
Das ist dieses berühmte und gar so heutige "Naja, so schlecht bin ich ja doch gar nicht; freilich, hier und dort ein wenig daneben, aber im großen Ganzen ...!", ja daraus folgt sogar die kennzeichnendste Pose der Gegenwart: der Gutmensch, der Mensch, der sich für gut hält. Kein Linker, der sich nicht für gut hält.
Daraus ist schließlich auch zu verstehen, warum Luther im Laufe seines Lebens immer mehr auf jederlei Selbstzucht und -gewalt verzichtete. Ob im Essen und Trinken, oder in seiner Ausdrucksweise (obwhl er sich darin von den Gewohnheiten der Zeit nicht sehr unterschied), vor allem aber auch in der immer größer werdenden Unflätigkeit, mit der er den Papst beschimpfte. Getreu dem Spruch: Sündige was Du willst, aber glaube, dann bist Du gerettet. Tue was Du willst, Dir kann nichts mehr passieren.
Das knüpft auch an Luthers Erbsündebegriff an, und läßt sich vor allem aus seinem Nominalismus heraus begreifen. Denn weil er nicht in Seinsbegriffen denkt (denn Begriffe sind ihm ja nur Nomina, nur menschlich vereinbarte Namen ohne Sein dahinter), weil er nicht ein den Erscheinungen vorausliegendes Sein zu denken vermag, ist er überzeugt, daß der Mensch bis in die Tiefe seines Seins hinein unüberwindlich (weil er aus sich heraus nichts beitragen kann, den Willen s.o. nicht kennt) verderbt ist. Er hat überhaupt keine Chance, denn mit der Erbsünde ist sogar alles Welthafte des Teufels (womit wir bei der Grundlage des Raubtier-Kapitalismus sind). Die Gnade Gottes kann an nichts mehr anknüpfen, nichts in der Welt ist mehr gut. Damit wird die Gnade ein allein von außen kommendes Werk, das nicht ins Sein des Menschen hineinwirkt (woraus die Wertlosigkeit der Liturgie, folglich auch überhaupt der Kunst erwächst), sondern in dem Gott den Menschen aufgrund der Verdienste Jesu TROTZ der TOTALEN menschlichen Verderbtheit annimmt.
Anders im Katholischen, wo das Sein (und damit die Welt) immer insofern "gut" ist, sodaß Gottes Gnade darein wirken kann, soweit sie IST. Mängel, Fehler sind immer ein Mangel im Sein, die in carnatio - also: im Welthaften, im Fleisch, real, konkret - zu beheben und zu ersetzen die eigentliche Erlösungstat ist.
Ein wichtiger Gedanke aus diesem sehr erhellenden Vortrag von Pfr. Hans Milch, gehalten 1983: Die Frage nach der Gültigkeit der Sakramente nach der Neuordnung 1968/70 ist klar - sie sind gültig. Aber das ist nicht nur das Positive daran, sondern es ist die eigentliche Tragödie: Denn erst DADURCH ist die Schändung überhaupt möglich, die die Liturgie mittlerweile bedeutet. Leider fallen auf diese nicht getroffene Unterscheidung, im Beharren auf "Gültigkeit", viele gutmeinende, "konservative" Priester herein. Leider ist sie aber auch für viele bequemer Ausweg, um sich Konflikte zu ersparen.
Anders stellt sich diese Frage bei der Frage nach der Gültigkeit mancher Priesterweihen. Zumal man oft genug von einem neuen Kirchenbegriff ausgeht, der Priester aber zumindest wollen muß, was "die Kirche will".
Aber welche Kirche? Heute wird sie als Kirche "auf dem Weg" gesehen, deshalb ist sie nur noch graduell Fleischwerdung der Wahrheit selbst, Ort der Anwesenheit Gottes auf Erden. Das macht sie zu einer Veranstaltung unter vielen, weil dann jede Religion "ihren Beitrag" liefert, damit wir eines Tages in einer wunderbaren, perfekten Gesellschaft leben. Dieser Kirchenbegriff aber hat sich schon lange vor dem 2. Vatikanum vorbereitet und aufgebaut, namentlich im sogenannten "Verbandskatholizismus", der vielfach einer Umlagerung des Katholischen auf Gemeinschaftserleben gleichkam. Und es waren genau diese Verbände, der VdZ erinnert sich persönlich daran, die nach dem 2. Vatikanum den Umbau des konkreten Pfarrlebens auf diesen anderen, neuen Kirchenbegriff hin so brutal durchsetzten, und damit die Pfarren auflösten weil von ihrer Mitte - dem sakramentalen Gottesdienst, dem Kult - abbrachten, sich auf sich selbst "als Gemeinschaft" stellten, wie man heute ganz augenfällig wahrnehmen kann.
Es ist aber nicht das Verhalten der Menschen, das Kirche formt, das Heil bringt. Es ist die Gnade selbst, aus der Gegenwart des fleischgewordenen Gottes, worin alles Heil liegt. Die persönliche Haltung hat dort ihre Bedeutung, wo es um die individuelle Fähigkeit geht, dieses Heil anzunehmen, an der Gnade teilzunehmen.
Die Heilige Messe ist kein Gemeinschaftsgeschehen, so sehr die Liturgie auf die Menschen ausgerichtet ist, weil sich in ihr Gott den Menschen durch sinnliche Präsenz - Fleisch geworden - darbietet und DAMIT zuneigt. Gemeinschaft ist eine HeilsFOLGE, nicht das Wesen der faktisch Zusammentretenden. Sie ist Folge der Teilhabe der Menschen, jedes einzelnen Menschen am Kult, am Altaropfer. Und es ist vor allem und zuerst das Altaropfer, das die Kirche formt weil in der Liturgie ins Eine durchformt, sofern die Menschen dies wollen und aufnehmen (können; ein objektives Geschehen, das z. B. jemandem in Todsünde verwehrt bleibt, der sich deshalb bei der Kommunion, die ihn ins Überzeitliche reißt, die Ewigkeit, die Endgültigkeit, die durch das Konsumieren geschichtlich real wird, das Gericht anißt und -trinkt).
Trotz allem aber bleibt es auch wahr, daß die Kirche nach wie vor die Kirche ist. Wenn jemand besessen ist, ist er dennoch er selbst, wenn auch von anderen Kräften gesteuert, also mit sich selbst im Widerspruch. Ihre Identität ist vom Verhalten unabhängig, hat aber ihre gravierenden Auswirkungen in der Weitergabe des Heils, ja kann bis zur völligen Verdunkelung gehen. Die Kirche kann also bestehen bleiben, auch wenn sie in ihrer sichtbaren, ihrem eigentlichen Wesen und Auftrag gewissermaßen "vorgelagerten" Gestalt die Menschen vom Heil abbringt. Das "Felsensein" des Papstes beruht nicht auf seinem Charakter, seinen Befehlen, Reden, Predigten, die können irrtumsbehaftet sein.
Er ist alleine durch sein bloßes Sein ALS Person der Garant des Bestands der Kirche. Welche Person auch immer Papst ist und wird - sie wird immer subjektiv überzeugt sein, daß sie der Kirche dient, auch wenn sie objektiv irrt, wird also nie bewußt die Kirche zerstören wollen. Die Verheißung der Unüberwindlichkeit der Kirche bezieht sich genau darauf. Alles andere ist ein bloßes Gedankenspiel, das von rein irdischen Kriterien ausgeht, aber bei der Kirche nie Wirklichkeit werden KANN. Und das ist ein Geheimnis des Glaubens. Die Wahrheit wird immer größer sein als die faktische Realität der Kirche. Zugleich wird damit auch klar, daß es keineswegs so ist, daß man dem Papst in allem und jedem Faktischen einfach "folgen muß". Dieser faktische Irrtum wurde leider - und viele haben es vorausgesehen - durch die Verkündigung (nicht durch die innere Wahrheit!) des Dogmas der Unfehlbarkeit in die Wege geleitet, die zu einer unterschiedslosen Gefolgschaft führte, die dem Papst in allem Faktischen fast Gottgleichheit verlieh und damit ungewollt die Voraussetzung für den Massenabfall bildete, wie wir ihn heute erleben. Der ipso facto bereits gegeben ist, es fehlt nur die faktische Vollziehung. Viele, vermutlich der weit überwiegende Großteil der "Katholiken" ist bereits Mitglied einer Art Parallelkirche, ist in sich also zu seiner eigenen Sakramentsgrundlage hin (Taufe) gespalten, ist - schizoid.
Diese Wahrheit hat aber auch etwas tief Tröstliches. Denn daraus erwächst auch eine nie endende Regenerationskraft, und sei der Personenkreis, der daraus wieder durchblutet wird, noch so klein. Es ist aber genau deshalb auch legitim die gegenwärtige Situation so zu sehen, daß ihre Situation bedeutet, daß die Kirche Christus ins Grab gefolgt ist und dort als Leichnam der Auferstehung harrt.
Pfarrer Hans Milch im Jahre 1979 in einer sehr grundsätzlichen, alles heutige vorwegnehmenden Predigt. Denn es war absehbar. So wie so vieles absehbar ist, wenn man um die wirklichen Linien der Geschichte weiß. Wenn man aus der inneren Zeitlosigkeit heraus zu sehen, zu denken, zu handeln vermag. Dann bleibt auch die Ruhe angesichts eines aufgepeitschten Wogens einer scheinbaren Geschichte, die doch nur das ziellose Herumwinden um die eigentliche Geschichte ist.