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Mittwoch, 21. Oktober 2009

Österreichische Hochzeit

Es gab Zeiten, da war in Österreich, vom Etsch bis nach Preßburg, und dem südlichen Deutschland, kein Ort, kein Dorf, keine Stadt, ohne ihr eigenes Theater, ohne ihre Festspiele, ohne ihre Volksspiele. Und immer wieder als Strahlungspunkte die Klöster, deren Theaterszene im 18. Jahrhundert kulturprägend war.

In Tirol alleine lassen sich innerhalb eines halben Jahrhunderts, 1750 bis 1800, an über einhundertsechzig Stätten, über achthundert Volksaufführungen zählen. Staatstragödien, Opern aus Italien und Deutschland, Weltgerichtsspiele, Legenden, Komödien, Tragödien, Fastnachtsspiele ... Und es spielten die Bürger vor Ort, die Schmiede und Zimmerer und Köhler und Holzschnitzer und Müller und Bergleute. Wenn in Hallein im Winter die Salzach vereist ist, spielen die Schiffer Theater: in Wirtshäusern, auf Schlössern, und sie werden als Schauspieler berühmter denn als Salzschiffer.

"Der Tiroler Bauer hat in diesem halben Jahrhundert einfach alles gesehen, was seit 1600 über deutsche Bühnen, vieles, was in dieser Zeit über europäische Bühnen gegangen war." (J. Nadler)

1690, sieben Jahren nach der Belagerung Wiens durch die Türken, war alleine in Niederösterreich Kara Mustapha auf zwanzig Bühnen "Titelfigur". Josef Nadler vergleicht diese Zeit mit der Blütezeit Attikas, wo ebenfalls das Theater eine ähnliche Rolle gespielt hat: Als Bannen des Dämonischen, Übermenschlichen, Dunklen, indem man ihm Form gibt, und sich in der Figur des "Hans Wurst", einer Kombination von Teufel und Narr, Distanz dazu schafft.

Mehr und mehr kristallisiert sich Salzburg als Zentrum heraus - und in diese Zeit hinein wird dort ... Wolfgang Amadeus Mozart geboren.




*211009*

Dienstag, 11. August 2009

Schluß mit Dekonstruktion


Im Rahmen der Salzburger Festspiele fand (oder: findet) auch eine Produktion einer lettischen Theatergruppe unter der Regie von Hermanis statt. Er war bereits zum zweiten Mal eingeladen, vor Jahren war er bereits "positiv" aufgefallen, hatte überrascht.

Das tat er diesmal ebenfalls wieder, und wie es Überraschungen halt zu sein pflegen: wirklich überraschend. Denn da war nichts Provokatives, Zerstörerisches, nein! Das war reinstes "Schmusetheater", "Kuscheltheater", wie es "manche Kritiker" (O-Ton ORF) nennen, was er mit seiner Gruppe da unter "The Sound of silence" (siehe Bild) darbot. Eigentlich sogar ein waschechtes Aufgreifen der 68er-Thematik! Aber nichts da. Keine Provokation, konstatierte auch das gestrige Kulturjournal im staatlichen Fernsehen.

Die ehemaligen Ostblockländer waren ja einerseits, was den Wohlstand und seine Segnungen anbelangt, hoffnungslos zurückgeblieben. Das hat anderseits eine interessante Entwicklung gebracht: es wurden - ja, ausgerechnet! - dort zwischenmenschliche, und sogar kulturelle Haltungen konserviert, die bei uns durch die Entwicklungen, vor allem aber eben: den Wohlstand, völlig verändert oder ausgelöscht wurden.

Nicht jede Veränderung und nicht jede Entwicklung ist aber auch eine Weiterentwicklung.

Künstler aus den Oststaaten - der Russe Vladimir Kaminer, um ein Beispiel zu nennen, hat es ja durch seine rotzfrechen Bücher gezeigt, die Bestseller waren (obwohl ... naja: etwas "holperig" geschrieben, um es milde zu sagen) - bestechen nun hier immer wieder (freilich: nicht immer, manchmal wirkt die Kunst dort auch etwas großmutterbestrumpft, in Konvention schon erstickt, sodaß tatsächlich ein Aufbrechen fallweise nottut, um wieder originär, damit erst: Kunst, zu werden) durch ihren klaren Blick, durch ihre originelle Sichtweise. Wie sie eben nur Außenstehende haben und auszeichnet.

Hermanis nun meinte im gestrigen TV-Interview: Es sei an der Zeit, mit der Dekonstruktion aufzuhören. Wozu, meinte er? Es gäbe doch nichts mehr zu dekonstruieren! Stattdessen sollte man doch anfangen, wieder zusammenzusetzen, was zertrümmert ist. Er verstehe nicht, warum man sich so gegen Harmonie in der Kunst wehre. Der Künstler sei doch jemand, der Harmonie herstelle?!

Der Künstler als Ordner; als jemand, der die Dämonien der Menschen und Zeiten auflöst, klärt, der damit gegen den Tod kämpft, gegen den Zerfall, gegen die Selbstzerfleischung des Menschen.

Zwar kann hier keine Stellungnahme zu dieser Theaterproduktion stattfinden, mangels persönlichem Eindruck, die paar Fernsehbilder sind zuwenig. Aber: DAS klingt doch nach was? So "gestrig", so frisch von außen, daß man es schon alleine deshalb fast "wahr" nennen möchte.




*110809*

Sonntag, 2. August 2009

"Ich oder der Faschismus!"

Die Reaktionen waren eigentlich so absehbar, daß ich mir an dieser Stelle weitere Arbeit ersparte. Rudolf Mitlöhner hat nun in der Furche eine Replik auf Kehlmann's Eröffnungsrede zu den Salzburger Festspielen dieses Jahres geschrieben, nein: Vielmehr eine Replik auf die Repliken. Der gar nicht so überwältigende Artikel genügt um zusammenzufassen, was über die Sache zu sagen sich lohnt. Denn die ganze Sache ist gar nicht so überwältigend ...

... Man mag auch daran Anstoß nehmen, daß Kehlmann ins Zentrum seiner Eröffnungsrede bei den Salzburger Festspielen seinen Vater, mithin ein gutes Stück persönlicher Befindlichkeit, gestellt hat. Aber natürlich kennt Kehlmann auch genau den Wirkmechanismus der Personalisierung: daß sich Geschichten, die über konkrete Personen erzählt werden [...] [...] Die Worte des Autors wurden primär als Abrechnung mit dem Regietheater rezipiert, erwartungsgemäß als hoffnungslos reaktionär punziert und dementsprechend empört zurückgewiesen. Aber diese Sicht greift wohl doch ein wenig zu kurz. An den Schluss seiner Rede stellte Kehlmann ein überzeugendes Plädoyer für die Phantasie und für die Kunst. „Enthüllung“, „nicht Verstellung“ sei die Aufgabe des Schauspielers, heißt es dort unter Berufung auf Festspielgründer Max Reinhardt – und weiters: „Die Wahrheit auszusprechen also über unsere von Konvention und Gewohnheit eingeschnürte Natur, die Wahrheit über das eine kurze Leben, das wir führen. Und über die unzähligen Leben, die wir darüber versäumen und denen wir nirgendwo anders begegnen können als in unserer Phantasie und in der Kunst.“ Und von diesem Schluss her erhält dann seine zuvor mehrfach formulierte Kritik erst ihr eigentliches Gewicht: die Sorge, das Theater sei zum „Privatvergnügen einer kleinen Gruppe“ verkommen, „ohne Relevanz für Leben, Gesellschaft und Gegenwart“. Wo das Theater diese Relevanz – „die Berührung mit der existenziellen Wahrhaftigkeit“ – verloren habe, so formulierte Kehlmann, wiederum auf Reinhardt Bezug nehmend, „bleibe leeres Spiel und, schlimmer noch, blanke Langeweile“.

Der Schlüsselsatz der Rede ist indes ein anderer, und er kommt ganz schlicht daher: „… man darf selbstverständlich auch für die drastischste Verfremdung (von Theaterstücken durch die Regie; Anm.) eintreten, aber man sollte sich deswegen nicht für einen fortschrittlichen Menschen halten.“ Hier liegt die eigentliche Sprengkraft, die weit über den Bereich des Theaters hinaus reicht, und wohl auch der tiefere Grund für die gereizte Reaktion jener, die sich für die „fortschrittliche Intelligenzija“ halten. Entgegen der Lesart seiner Kritiker lehnt Kehlmann also nicht generell „das Regietheater“ ab, schon gar nicht plädiert er für konventionelle oder historisierende Inszenierungen. Er hält es nur für unzulässig, ästhetische Fragen gewissermaßen moralisch zu überhöhen.

Antifaschistischer Schutzwall

Damit trifft er freilich einen wunden Punkt der Linken. Denn sie bezieht seit jeher ihre Selbstlegitimation aus genau dieser Überhöhung, aus der Selbststilisierung zu einer Art fleisch- und geistgewordenem antifaschistischen Schutzwall. „Ich oder der Faschismus“ war der Sukkus der Botschaft etwa von Claus Peymann oder Gerard Mortier (um beim Theater zu bleiben), mit der sie ihre (kultur)politische Mission begründeten. Wobei sie wohl den „katholischen Klerikofaschismus“, wie sie es genannt haben könnten, für die größere Gefahr hielten und deswegen auch als liebsten Reibebaum erkoren.
An diesem liebgewordenen Selbstverständnis hat Daniel Kehlmann kräftig gerüttelt. Sanft im Auftreten, ist er den Hütern der politischen Moral kräftig auf die Zehen gestiegen, diese haben reflexartig „Aua“ und „Pfui“ geschrien – und fertig war die Debatte.

Fertig wäre wohl zu lesen als: Schluß damit, es ist genauso langweilig wie der kritisierte Gegenstand.




*020809*

Samstag, 25. Juli 2009

Kehlmann sagt es


Wenn Kehlmann in seiner Eröffnungsrede zu den diesjährigen Salzburger Festspielen erzählt, daß ausländische Freunde ihn unverwandt fragten, was denn das solle, was sie am Theater hierzulande zu sehen bekämen, und Kehlmann dann darauf hinweist, daß man bei solchen Diskussionen sofort ideologische Anwürfe - "reaktionär" etcetra - zu erwarten habe, so ist es ein erster Befreiungsschlag, der zu begrüßen ist.

Aber es kann noch erweitert werden: ausländischen Freunden von mir ist es nie verständlich, wenn man ihnen andeutet, in welchem Ausmaß hierzulande ideologische Kämpfe geführt werden. In welchem Ausmaß hierzulande eine ideologische Diktatur versucht, das gesamte Leben, und wieviel dabei die Meinungsbildner, wieviel die Kunst, unter ihre Fuchtel zu bekommen. Und dies über Masse, Meinungsmanipulation und Lüge wie bedenkenlos gerechtfertigter Verleumdung via Ressentiment-Erzeugung tut.

Es ist ausländischen Freunden nicht vorstellbar, in welchem neurotischen Klima man hierzulande zu leben hat, das einem Klima der Diktatur kaum nachsteht.

Es ist ausländischen Freunden nicht vorstellbar, daß es Kunstdiskussionen gibt, die andere als Form- und Gestaltprobleme haben. Daß politisch-moralische, ideologische Opportunität weit mehr zählt. Daß Verbildetheit auch Beurteilungskriterien bis in die Irrelevanz verschoben hat.

Es ist deshalb ausländischen Freunden nicht vorstellbar, wieviel Mut Kehlmann aufbringt, wenigstens anzudeuten, wie bedrückend und eng das geistige Klima in diesem Lande ist. Eng gemacht gerade von jenen, die nicht Kunst, sondern "Gesellschaftsveränderung" auf ihre Fahnen geschrieben haben, und "haltet den Dieb" schreien, während sie die Beute unter sich aufteilen.




*250709*