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Sonntag, 29. November 2015

Daseinsgestalten

Man fragt sich, wann Jean Paul eigentlich die Landschaften betrachtete, die er so herrlich beschrieb, wann die großen und kleinen Dramen oder auch nur die Langeweile erlebte, denen er einen so präzisen Ausdruck gab. Seine Begegnungen mit Frauen gerieten bei weitem nicht so stürmisch wie die Affären Hölderlins, der weltfremd oder nicht als junger Mann ein Herz nach dem anderen brach. Selbst die Erzkiehung der eigenen Kinder, die ihm unter den wenigen Freuden des täglichen Lebens noch die größte bereitete, verwertete Jean Paul beruflich, indem er mit Levana sogleich ein monumentales Handbuch zur Pädagogik verfaßte. 

Ich selbst schreibe seit vier Jahren einen Roman, der nichts anderes tut, als meine Gegenwart gegen die Zeit zu imprägnieren und wenn schon nicht die, wenigstens eine untergesunkene Welt aus dem Meerboden der Vergessenheit heraufzuholen, um es mit dem Satz zu sagen, der auf der letzten Seite von Selina steht:

"Aber ist das Erinnern und Heraufholen untergesunkener Zeiten aus dem Meerboden der Vergessenheit nicht ein Beweis, daß es gleichsam noch ein ätherisches zweites Gehirn gibt, das vlo0ß vom schweren drückenden des Tags befreit zu sein braucht, damit es den feinern ätherischen Anregungen des Geistes folgsam sich bequeme?" [cit. J. Paul]

Mag sein, nur praktisch hat das ständige Erinnern und Heraufholen zur Folge, daß ich vom Dasein, das so wertvoll sei, nichts mehr habe außer Kindererziehung und Schreibtisch. [...] Manchmal frage ich mich, wenn ich so am Schreibtisch sitze: Was denken sie über mich, die mich vom Haus gegenüber immer am gleichen Platz sehen, wachen morgens auf und sehen mich, verbringen alle Tag zu hause und sehen mich, kommen nachmittags von der Arbeit und sehen mich, auch jetzt wieder [...] was macht der da bloß [der da nur am Schreibtisch sitzt; Anm.]?, was ist das für einer?, zumal sie nicht wissen kann, daß die Wohnung nur mein Büro ist und ich darin tatsächlich nichts anderes tue als am Schreibtisch zu sitzen.



Navid Kermani, in "Über den Zufall"




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Donnerstag, 10. November 2011

Leben in der Literatur

Der Schriftsteller, schreibt Jean Paul, bewahrt alle seine Kenntnisse und Ideen einzig in dem, was er schreibt, und wenn ihm jemand das beschriebene Papier verbrennt, so sind sie ihm verloren, und er weiß nichts mehr davon; wenn er ohne sein Notizbuch die Straße entlanggeht, so ist er "ordentlich unwissend und dumm, gleichsam ein schwacher Schattenriß und Nachstich seines eigenen Ichs, ein Figurant und curator absentis desselben."

Dies geht mir immer wieder durch den Kopf wenn ich mir vor Augen halte, daß das Verhalten der heutigen Menschen in den social media frappierend der Existenz des Künstlers (Schriftstellers, Schauspielers) ähnelt. Aber wie ich hier schon behandelt habe - dort ist die Pathologie alles, was der Mensch hat, beim Künstler ist sie Antrieb, um im Werk zu gesunden. Heißt das, daß heute alle zu Schriftstellern geworden sind? Weil die Menschen nur noch in ihren Formulierungen leben?

Unwirklich wie Romanfiguren, das sind sie auf jeden Fall: das Leben der Menschen ist ein Starren auf die Landkarte (cit. Jean Paul), während sie reisen.


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Dienstag, 22. März 2011

Verklärte Kindheit

Sehr richtig und schön zieht Jean Paul einmal Parallelen zwischen der poetischen Landschaft des Dichters, und der erinnerten Landschaft (als Topos, nicht als gegenständliche Festlegung) - und ersteres stammt ja wohl aus letzterem. Denn jedes Schaffen der Phantasie ist ja ein Zusammenstellen von Erinnertem, insofern eine Tätigkeit des Herzens.

Aber dem Schauen als Kind eignet das Ahnen des Unendlichen, in das alle Dinge an ihren Rändern übergehen. Dort liegt eine "magische Dunkelheit", wie Jean Paul es nennt. Damit bleiben die Dinge ganz, bleiben unberührt und eingebunden in den gesamten Kosmos.

Die erwachsene Erinnerung hingeben schneidet und reduziert aus diesem Erinnerten Einzelnes heraus, ja die Dinge werden gar nicht mehr ihrer selbst erinnert, sondern einzelner Bezüge wegen - es bleiben ja allen nur die Bezüge, letztlich. Darin liegt der Unterschied.

Der erwachsene Mensch ist in diesen bereits ausgewählter, zumindest bestimmter, denn ist die Bestimmtheit eingeschränkt (aus Irrtum, aus verkleinerndem Interesse), und das ist sie praktisch immer, wird es auch sein Erinnertes weil sein Erleben.

Wird sie unbestimmt, verliert sie sich überhaupt, weil der Mensch in den Irrsinn fällt. Dem Menschen bleibt nur der Weg durchs Bestimmte. Also muß er zu jenem Bestimmten finden, das alles umfaßt. Die Wahl, gar nicht zu bestimmen, bleibt ihm ja gar nicht.

Vor allem das Häßliche, als Gesicht des Schlechten, des Bösen, das den Menschen im Laufe seines Lebens, vor allem je mehr er in die Welt hinaustritt, sich in ihr behaupten muß, und das muß er eben, das Häßliche ist es, das ihn je seine Offenheit einschränken läßt, aus notwendiger Vernunft. Und damit verliert ihm gerne die Welt ihre Poesie, ihre Offenheit ins Unendliche hinein.

Also bleibt ihm nur die Erinnerung an die Kindheit.

"Das Idealische in der Poesie ist nichts anders als diese vorgespiegelte Unendlichkeit; ohne diese Unendlichkeit gibt die Poesie nur platte abgefärbte Schieferabdrücke, aber keine Blumenstücke der hohen Natur. Folglich muß alle Poesie idealisieren: die Teile müssen wirklich, aber das Ganze idealisch sein. Die richtigste Beschreibung einer Gegend gehöret darum noch in keinen Musenalmanach, sondern mehr in ein Flurbuch - ein Protokoll ist darum noch keine Szene aus einem Lustspiel - die Nachahmung der Natur ist noch keine Dichtkunst, weil die Kopie nicht mehr enthalten kann als das Urbild.

Die Poesie ist eigentlich dramatisch, schreibt Jean Paul weiter, und malt Empfindungen, fremde oder eigene. 

"Das übrige - die Bilder, der Flug, der Wohlklang, die Nachahmung der Natur - diese Dinge sind nur die Reißkohlen, Malerschatullen und Gerüste zu jener Malerei. Diese Werkzeuge verhalten sich zur Poesie wie der Generalbaß oder die Harmonie zur Melodie, wie das Kolorit zur Zeichnung."

Quantitäten sind endlich, wir erhalten von ihnen durch Äußeres Nachricht. Qualitäten aber sind unendlich. Von ihnen erhalten wir nur durch innere Sinne Kenntnis.

Geister und ihr Äußerungen stellen sich in unserm Innern ebenso grenzenlos als dunkel dar. "Mithin muß das in uns geworfene Sonnenbild, das wir uns vom Dichter machen, vergrößert, vervielfältigt und schimmernd in den Wellen zittern, die er selber in uns zusammentrieb."

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