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Freitag, 28. Juni 2019

Filmempfehlung

Leider gibt es im Netz nur den Trailer, der den Film vorstellt. Aber mit "The Ballad of Buster Scruggs" haben die Brüder Coen einen nächsten Höhepunkt ihres Schaffens erreicht. Die sechs für sich zu stellenden Geschichten sind jede Minute des Zusehens wert. Nicht nur durch die gewohnt qualitativ hochkarätige Besetzung. Hier haben die Coens für den Drang nach Poesie, der in ihren bisherigen, sehr Philosophie-lastigen Produktionen (was keine negative Kritik sein soll!) deutlich erkennbar war, und sich in zuletzt definitiv musik-lastigen Filmen schon andeutete, eine nächste Form gefunden. Congratulations! Wunderbar. Gute Philosophie mündet eben in Poesie. 

Leider ist der Film derzeit nur über Netflix erreichbar. Gut, teuer genug dürfte er gewesen sein. Da spielt wieder alles mit, was Rang und Namen hat. Sogar Tom Waits (den der VdZ regelrecht liebt) spielt in einer der wunderbarsten Geschichten, mit umwerfenden Naturszenen. Aber sämtliche Szenen und Szenerien sind üppig und poetisch bis zur Perfektion. Der Leser bleibe also dran. Vielleicht gibt es bald eine DVD. Sie lohnt fast jeden Preis. Der Film steht in jedem Fall neben dem bisherigen poetischen Meisterwerk der Coens, dem "Brother, where art thou". Oder war es doch "No country for old men"?

Wenn man überhaupt von einem Dialog "Judentum-Christentum" sprechen kann - er ist über Kunst (und nur so) scheinbar wirklich möglich. Dort. In der Wahrheit. Die in der Kunst die Unausweichlichkeit in der Gestalt, in der Realität des logos annimmt. In der Eigengesetzlichkeit der Form, die die Materie prägt, zum Ding ruft, und in der Kunst real und den Sinnen wahrnehmbar wird.

Wenn unsere Kulturen überhaupt noch eine Chance haben wollen, dann nur über die Gestalt-Aufnahme jener, die nirgendwo dazugehören können. Die Künstler. Denn die Welt gründet überhaupt in dem größten, vollkommensten Künstler, dem Urbild des Menschen. In Jesus Christus. Es ist im Grund kaum begreiflich, aber mehr als verständlich ob der Unsichtbarkeit der Kirche in der Gegenwart, daß die Brüder Coen nicht längst katholisch geworden sind. Nichts wäre logischer. Wer poetisch ist, muß katholisch sein.







*040519*

Sonntag, 20. August 2017

Filmempfehlung

Der Film ist eine unbedingte Empfehlung für jene, die am Film und an Kunst interessiert sind, udn vor allem: Die sich wirklich unterhalten wollen. Die Brüder Coen haben in dem 2017 herausgebrachten "Hail Caesar" einen nächsten Meilenstein in ihrer Suche nach Kunst im Film gesetzt. Ein Weg, der noch nicht zu Ende ist, der sich aber als richtig abzeichnet. Diese Szene ist direkt an die alten Hollywood-Filme angelehnt. 

Köstliche, herrliche drei Minuten, der Leser gewähre sich dieses sommerliche Ausschreiten umso mehr, als hier Wege gezeigt werden, wie der Film dem Traum wieder entrissen ist, dem er seit 50 Jahren durch den Wahn der "technischen Pefektion" (in Wahrheit ein Abschmieren in immer totalere Konvention) zugesunken ist. Und plötzlich wird er wieder vergnüglich. In des Wortes wahrsten Sinn.








*280817*

Samstag, 14. Februar 2015

Filmkritik "Unbroken"

Mit einiger Spannung hat der VdZ sich Unbroken angesehen, das neueste Filmprodukt aus der Regiehand von Angelina Jolie, und mit viel Pomp und Trara, wie üblich, angekündigt. Sogar zum Papst fuhr die Holde, um ihn in einer Privatvorführung vor dem Kinostart zu informieren.
Das postwendend erfolgte Lob des Vatikan ließ bereits einiges befürchten. Und leider erfüllt der Film diese Befürchtungen. In dem man 2 1/4 Stunden absolviert, ohne ein einziges mal berührt zu werden. Denn berührt ist etwas anderes als vielleicht betroffen, oder erschreckt.
Dabei ist es doch eigentlich eine tragische Geschichte, die durchaus etwas hergeben könnte. Der amerikanische Olympiasieger im Laufen, Zamperini, gerät nach der Notwasserung seiner Maschine in japanische Kriegsgefangenschaft. Und erlebt dort die Hölle, weil sich sein ehemaliger Laufkonkurrent als Lagerkommandant ganz besonders um ihn kümmert, um ihn zu brechen.  (Warum eigentlich? Schon das bleibt nicht nachvollziehbar.)
Aber alles zerfällt in Episoden, die linear hintereinandergereiht noch keine Geschichte ergeben. Nichts entwickelt sich logisch, sodaß eins aus dem anderen käme. Reicht es für einen Film zu sagen, daß "die Geschichte halt so war", und rein aus dem Durchhalten des Helden ihre Berechtigung schöpft, dargestellt zu werden?
Genau das glaubt der VdZ eben nicht, selbst wenn man im Einzelnen und jedem Detail sagen wird können: Ja, das war GENAU SO. Aber es war eben nicht GENAU SO. Denn dazu könnte man nur Wirklichkeiten heranziehen. Wenn man es aber an "Tatsächlichkeiten" festmacht um dann zu sagen: so sei etwas gewesen, dann hat man über die Sache einfach nicht genug nachgedacht. Weil man den springenden, den dramaturgischen Punkt nicht gefunden hat. Wieviel hätte man dann aus diesem Thema machen können!
Und tatsächlich ist der vermutete oder angebliche dramatische Punkt völlig untergegangen. Wenn man in der "Realität" nichts findet, sagen wir: alle haben Pokerface aufgesetzt, um sich nicht zu verraten, dann muß man halt genauer suchen, und andere Ansatzpunkte finden, in denen man das wirkliche Geschehen, die wirklichen Konflikte, die immer hinter dem Außen stehen, aufreißen kann. Denn die gibt es ohne jeden Zweifel, weil alles Handeln der Menschen entweder Fuge oder Sonate ist Entweder also findet man den Konflikt, der eine Handlung, die ihren Weg der Läuterung geht, konstituiert - als Sonatenform, als Drama. Oder man bleibt bei der Entwicklung eines Themas in Variationen, was aber nur kurze Zeitspanne verträgt. Nur: Poesie als tragende Wirklichkeit findet sich im Film nicht. Und zwar deshalb, weil dem Film das Unsichtbare fehlt. 
Wer alles zu zeigen versucht, macht nichts mehr sichtbar.

Die Darstellung der Brutalitäten hat deshalb zwar "hohe naturalistische Qualität", erschrickt aber höchstens, bis man sogar abstumpft. Sodaß man die vermutlich als Wende - das war er wohl, der dramaturgische Punkt - dargestellte ultimative Brutalität nur noch zur Kenntnis nimmt. In der der Schauspieler sich übrigens endgültig lächerlich macht, man kann seine Reaktion nur seltsam und befremdlich finden. Das wird auch nicht besser, schon zuvor nicht, durch die zahlreichen Rückblenden, die eine charakterliche Disposition darstellen sollen, die nicht einen Moment greifbar, also nur behauptet wird. Darauf baut aber dann der vermutlich gemeinte dramaturgische Punkt auf.
Spannend wird der Film höchstens in einzelnen Szenen von je ein paar Minuten, und auch da selten, man weiß ja, wie es im Ganzen ausgeht, und das vergißt man auch nicht. Dieses Ankleben am Historischen, am Gewußten auszuhebeln, sodaß man mit dem Helden mitfiebern würde, gelingt nicht einen Moment. Aber das ist bei historischen Figuren genau das Kriterium der Kunst, anders kann er gar nicht berühren, weil die Identifikationsebene, die "unmittelbare Traumebene" des Films bzw. eines dramatischen Kunstwerks fehlt. Der Held ist kaum je glaubwürdig, so sehr er sich im Einzelnen "einen Arsch abspielt", wie man in Schauspielerkreisen gerne sagt. Seine innere Wandlung zum "Frieden in Gott" (gewissermaßen; es sollte vermutlich darauf hinauslaufen) ist nicht nachvollziehbar. Man braucht Dramaturgie-Kenntnisse, um einzelne Szenen als "vermutlich so gemeint" zu deuten.

Am besten kann gerade noch der Bösewicht gefallen, in der Gestalt eines japanischen Lagerkommandanten. Wenigstens in einigen Szenen, auch wenn im Ganzen nichts an seiner Motivation begreifbar wird. Immerhin aber, sein Mienenspiel bei dieser (vermeintlichen, ultimativen) Wende ist beeindruckend. Da hat man für ein paar Minuten eine Geschichte, eine Seelenlandschaft erzählt bekommen. Figuren an sich werden aber generell nirgendwo in Unbroken lebendig.
Am Schluß, im Nachspann liest man etwa von einem amerikanischen Captain, der angeblich eine so gute Beziehung zum Helden hatte. Der VdZ mußte erst nachdenken, wer von diesen vielen blassen Figuren, die allesamt bestenfalls Staffage sind, die in Konventionen ertrinkt, damit gemeint gewesen sein könnte.*
Dessentwegen Jolie wohl beim Papst war, um ihm den Film in Privatvorführung zu präsentieren. Deutet sie das Thema gar christlich, katholisch? Vermutlich. Und vermutlich dessentwegen hat der Vatikan dann wohl auch sein "Lob" ausgesprochen. Die Zeiten, wo die Kirche (ja, gerade sie, ja nur sie, denn es fällt mit ihrem eigenen Geheimnis, der Inkarnation, zusammen) etwas von Kunst versteht, sind offenbar längst vorbei.
Dabei greift der Film eine Botschaft auf, die es ja in sich hätte: Durchhalten, Hoffen wider alle Hoffnung, hätte man einfach nur sagen können, es hätte dasselbe Ergebnis gebracht. Reine Aussage, reine Behauptung, erlebbar war sie nicht, nur kognitiv als "Schluß" aus dem Ganzen zu ziehen. Dafür hätte eine Grußkarte genügt. Oder eine Twitterbotschaft. Unbroken schafft es nicht, über ein moralisch Gesagtes hinauszukommen. Wobei sich die Unfähigkeit, lebendige Figuren zu schaffen, ohnehin durch das gesamte zeigenössische Film-(und Kunst-)geschehen zieht und die derzeit sogar spannendste Aussage, die eigentliche künstlerische Botschaft - als Symptom allerdings - über die Gegenwart ist.


Und das macht eine positive Rezeption durch die Kirche noch eigenartiger. Denn man könnte dieses "Durchhalten", dieses "Versöhnen", durchaus als Surrogat des "Guten", das in der Nacht gnadenhaft einbricht, als einen dieses ersetzenden Akt der Verzweiflung sehen. Positivistisch "gut", moralisch können auch Atheisten sein. Das macht ihr Leben aber nicht einen Deut wahrer, und möglicherweise in der Endabrechnung auch nicht gerechtfertigter.
Darüber können auch einige Ausflüge in Religion (etwa durch einen Kameraden des Helden) nicht hinwegtäuschen. (Vermutlich soll dabei aber sogar angedeutet werden, wie viel Kraft ein Gläubiger hat, im Vergleich zu einem Nicht-Glaubenden. Man denke besonders an jene Szene, in der die beiden vermeintlich exekutiert werden sollen, und der Held in Tränen ausbricht, während sein Kamerad gefaßt betet. Aber man merkt die Absicht und ist verstimmt. Oder sollte es gar kein Film werden, sondern ein Predigtwerk?

Zum Ärger wird mittlerweile sowieso, daß im Film weltweit in immer perfektere naturalistische Ausstattung investiert wird. Die aber den Bluff verdeckt bzw. ausmacht. Nicht anders, wie es ja auch bei hiesigen Filmen längst Methode ist. Das liegt aber nur an der technischen Perfektion in Maske, Kostüm, und vor allem Computersoftware, mit der Naturalismus inszeniert wird, der aber den Zuschauer noch mehr austrocknet, weil gar kein Erkenntniserleben - das ein schöpferischer Akt des Zuschauers, der eigentliche Akt der Katharsis ist - mehr Platz hat. Aber das nicht alleine: Dieser Naturalismus dient der Verschleierung des Versagens am Thema, durch die Behauptung "es war doch so!". Eben. SO WAR ES EBEN NICHT.
Man muß sich aber freilich schon recht gut kennen, viel Erfahrung haben, um zu unterscheiden, wo man bei einem Film- oder Kunstgeschehen vom Naturalismus plattgemacht wird, oder was am Geglaubten der Glaubwürdigkeit einer dargestellten Wirklichkeit zuzuschreiben ist. Die nämlich NICHT am Naturalismus einfach so festgemacht werden kann, sondern eben nur (!) an der transportieren Wirklichkeit - die aber unsichtbar ist.

Gar auf Spielberg-Sentimentalität (der ja ein Meister dieser Täuschung bzw. dieser Art Film ist, dem auch Unbroken zugeschrieben werden muß) herabgesunken wirkt der Film dann am Schluß, als dokumentarische Aufnahmen des 2000irgendwas noch Lebenden, für den zu interessieren Unbroken einfach nicht schafft, zeigen, wie er die Olympiafackel in Tokyo in unseren Jahren trägt. Wie der Film überhaupt in manchem sehr an jenen Spielberg-Film erinnert, oder war er von jemandem anderen, wer weiß das noch, sie gleichen sich allesamt zu viel ... der ja ein ähnliches Thema vor ein paar Jahren auf die Leinwand gebracht hat. Manche Szenen und Szenerien wirken regelrecht nachgestellt, man hat das Gefühl, sie schon zu kennen. Und wenn schon Naturalismus - der Krieg hörte also einfach so auf? Keine Atombomben, keine Reaktion bei den Japanern, nur ein paar freundliche Flugzeuge über dem Lager, die Cornedbeef abwerfen?
Nein. Ein schwacher Film, der seine Schwäche hinter Opulenz versteckt. Das Prädikat "billiger (dabei gewiß mit gutem Budget produzierter) amerikanischer Propagandamüll" trifft es nicht einmal. Da kann man sich noch für Tom Cruise als Held und Pilot leichter begeistern.

Als fast bösartige Überraschung rundet sich das Erlebnis als Zuschauer allerdings, wenn man im Abspann dann liest, daß die Brüder Coen das Drehbuch geschrieben hatten. Wie das? Deren bisherige Filme waren doch so ganz anders, schon zum allermindesten subtiler und vor allem weit intelligenter? Also muß es wohl an Jolie liegen, die das (sogar als Mit-Produzentin) auf ein offenbar recht bescheidenes Niveau plattgebügelt hat? Oder haben die Coens mal geschlampt, oder sich gar einen Jux gemacht?
Jaja, Preise wird er wohl einheimsen. Es wird genug geben, die sich zum einen gerne täuschen lassen, und zum anderen die patriotische oder ethische Botschaft von der Qualität eines Films als Film nicht trennen können oder wollen. Aber das ändert nichts daran, daß es ein Machwerk ist. "Halte durch dann kommst Du durch" hätte auch auf einer SMS Platz.




*Es scheint ja mittlerweile akzeptierte (weil weit verbreitete) "Lehre" der Dramaturgie zu sein, zwischen (wenigen) tragenden Figuren und solchen, die lediglich "dramaturgische Funktion" haben, zu unterscheiden. Aber das ist ein tragischer Irrtum, und meist einfach Rechtfertigung für ein schlechtes Buch. KEINE Figur darf jemals nur "dramaturgische Funktion" haben, und wenn sie auch nur zehn Sekunden durchs Bild huscht. Keine Figur ist "nur eines Stichwortes wegen" da, mit dem eine Handlung, die sich eben gar nicht aus sich entwickelt, vorangetrieben werden soll. Bis zu jenen Filmen, in denen überhaupt diese Stichwortbringer die eigentliche Dramaturgie behaupten, als Slalomparcours, gewissermaßen, während die Hauptfiguren den leeren Raum zwischen den Stangen füllen.





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Donnerstag, 5. September 2013

Filmemfehlung

 "Burn after reading"


In einer Art Zusammenfassung der zuletzt vorgestellten Filme über Amerika und den heutigen Menschen soll "Burn after reading" erinnert werden. In ihr haben die Brüder Coen diesen Seelenzustand am vollkommensten interpretiert. So, wie sie es eigentlich in allen ihren Filmen tun, auf der Suche nach dem Menschen, auf der Suche nach dem Geist der Welt, der Poesie. Der Verfasser dieser Zeilen zögert nicht zuzugeben, sie als die relevantesten Filmemacher der Gegenwart zu erkennen zu glauben. Gegen die Woody Allen - sieht man ein wenig von seinen letzten Filmen ab - als gleichfalls Seeleninterpret zur blassen, langweiligen, kleinbürgerlichen Konventionalität absinkt. Der Nüchternheit der Coens fehlt es nämlich nicht an jener Hoffnung, die immer noch die Suche nach Poesie als Lebensquell lohnend erscheinen läßt, wo Humor durchaus die Farbe der Heiterkeit zeigt, und nicht den verzweifelten Zynismus, der keine Erdung findenden Ironie, in die die USA sonst so gerne versinkt und vermeidet, mit der Tiefe des Lebens wirklich in Kontakt zu geraten. Heiterkeit aber ist ohne Tiefe nicht möglich. Zwar ist "Burn after reading" nicht der Film, in denen den Coens die Heiterkeit das Hauptanliegen war, aber man sehe dazu "Brother where art thou."







Aus "Brother where art thou"












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Samstag, 16. Oktober 2010

Eine wahre Odyssee

The Soggy Bottom Boys, mit "I'm a man of Constant Sorrow." Ein Trailer zu einem der großartigsten Filme die der Autor dieser Zeilen bislang gesehen hat: "O Brother where art Thou!" und der einen Durchbruch in der Entwicklung der Coen-Brüder anzeigt, der sich in den bisherigen Filmen angezeigt hat, noch um Luft rang, da und dort aber schon zu erkennen war, bis er hier erstmals rein gebar. Entstanden aus der göttlichen Haltung spielenden Schaffens. Der Film, ein Epos, ist in vielem dem Homerischen "Odysseus" nicht einfach gleich, oder gar nachgebildet, sondern aus einer gleichen Haltung heraus entstanden: Liebevolle Heiterkeit.

 
 
*161010*

Freitag, 8. Oktober 2010

Enteignung der Dichtkunst

Henri Bremond vergleicht den Versuch des Aristoteles (mit dessen "Poetik") einem Staatsstreich: Aristoteles will dem Dichter sein eigentliches Instrumentarium entwinden, und die poetischen Erzeugnisse über die reine Technik herunterbrechen.

Aber gerade die antike Tragödie, das antike Drama, so Bremond, lebt in seinem Zauber nicht von der Stringenz der Handlung und der Spannung, zumindest nicht alleine. Vielmehr kann die Spannung eines Handlungsstranges das Erleben der poetischen Fülle, der Schönheit, verhindern, und der Betrachter (Leser) setzt an die Stelle des Genusses der Fülle - das Erleben eines Nervenkitzels, im Wechsel aus (der Identifikation) erwachsener Spannung (aus Mitleiden) und Entspannung (Erlösung).

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Nach dieser Rechnung würde ein ausgezeichneter Techniker den Poeten überflügeln, würde ein Stückemacher den Poeten unnötig machen. Hollywood ist dafür übrigens ein hervorragendes Beispiel - denn dort überwiegt der Nutzenaspekt, die Dramaturgie, der "Plot", und die Poesie hat keinen Spielraum mehr. Darin unterscheidet sich der europäische Film zweifellos, auch wenn er bereits (vor allem bei den alltäglichen TV-Erzeugnissen) beträchtlicher Hollywoodisierung unterliegt. Während amerikanische Filmemacher, interessanterweise mit der Wanderbewegung des Filmbusiness von Hollywood nach Europa, respektive Deutschland (!), sich in Amerika bemerkenswerte Entwicklungen abspielen - erneut seien an dieser Stelle die Brüder Coen angeführt, die in den Augen des Verfassers dieser Zeilen eine Entwicklung geschafft haben, die weltweit beispiellos ist.

Umgekehrt sind selbst die schwächsten Filme Hollywoods zwar gut konstruiert, und scheinen allen Regeln der dramatischen Technik zu entsprechen, man kann sie mit der Stoppuhr kontrollieren. Aber gerade diesen fünfundneunzig Prozent aller Erzeugnisse fehlt etwas ... das auch das Publikum merkt, so sehr es schon den Nervenkitzel mit dem Genuß durch Poesie verwechselt.

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Kardinal Newman ist es übrigens, der schreibt: "Es ist nicht wahr, daß bei einem dramatischen Gedicht die Führung der Handlung von solcher Wichtigkeit ist. Der vornehmste Reiz der griechischen Tragödie stammt nicht dorther. Je mehr die Verwicklung gefangen nimmt, um so mehr sind wir behindert, die wahre Poesie des Dramas zu empfinden." 

Zwar sei es keine Frage, daß der Handlungsverlauf von großer Bedeutung sei, aber "alleine die Geste, wie der Blinde im Ödipus auf Kolonos sich erhebt und zu jener Stelle geht, wo er sterben muß. Man wird nicht müde, die Stelle wieder und wieder zu lesen." Wie anders die so klug geknüpfte Handlung im König Ödipus, so Newman. Nach dem ersten Genuß sei man gesättigt, und habe kein Verlangen mehr, die Handlung erneut zu erleben - sie sei bekannt, alsohin nur noch ein rein intellektuelles, kein geistiges und kein poetisches Vergnügen.

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Bremond schreibt dazu: "Muß man etwas so Selbstverständliches noch erklären? Die Wissenschaft handelt vom Allgemeinen, die Poesie vom Besonderen. Die Wissenschaft kennt und regelt nur das Drama an sich. 

Nur: Es gibt kein Drama an sich. Nichts im Ödipus kündigt den Faust an; jedes neue Gedicht ist einzig in seiner Art: Ein Wunder."

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Aristoteles, schreibt Bremond, habe das poetische Geheimnis nicht geleugnet, das stimme. Aber er habe es einfach verschwinden lassen. Es kommt in seiner Poetik nicht vor. Und dadurch habe er jahrhundertelang prosaischere Geister zur ausdrücklichen Verneinung verführt, die dem Dichter die eigentliche Dichtkunst entwinden wollten. Die gesamte Literaturgeschichte ist durchzogen von diesem Grundkonflikt.

 
*081010*

Mittwoch, 15. Oktober 2008

Verrückte Welten, fern des Bettes der Vernunft

Was in dem aktuellen Film der Coen-Brothers "Burn after reading" am Augenfälligsten ist, ist der Umstand, daß diese scheinbar verrückten Menschen des Alltags den heutigen Menschen darstellen, wie er realistischer kaum darzustellen wäre: völlig eingesponnen, ja erstickt in Teillogizismen, deren Irrsinn im Insgesamt man, inmitten des alltäglichen schnellen Lebens kaum noch bemerkt. Wo immer umfassendere, aber in sich geschlossene Systeme (hier: CIA etc.) noch mit gewissen Logiken agieren, stehen sie diesem Phänomen gegenüber wie Menschen, die stachelige Kastanien in Händen halten (müssen). Ja, die einzigen im Insgesamt Vernünftigen oder eine solche Vernunft (aus Wirklichkeitsdruck und -ernst) ahnen lassende Aussagen kommen ... von diesen Geheimorganisationen. Beziehungsweise von wenigen Menschen, die sich noch Vernunft bewahrt haben, damit aber wie Fremde in einer emanzipierten Welt herumtorkeln, die sie nicht mehr verstehen.

Köstlich deshalb unter anderem die Zeichnung der Personen der russischen Botschaft, die - wie aus einer anderen Zeit und Welt kommend - am klarsten sehen und handeln. Illustrierend für diese Aussage auch: der Manager des Fitneßstudios, der die Proponentin tatsächlich liebt, sie aber nicht auf den Boden der Wirklichkeit zu ziehen vermag, und deshalb sich selbst entwurzelt, um sie zu erreichen. Was ihn aber teuer zu stehen kommt.

Der Coen's Darstellungen mögen uns übertrieben vorkommen, vielleicht ist es das in dieser Dichte selbst für US-amerikanische Verhältnisse. Genau dann aber ist es das m. E. aber nicht: hier ist der Film lediglich (wie Kunst eben ist) prophetisch. Sieht bereits im Gegenwärtigen, was zukünftig sein wird.

Die Coen's zeigen diese Gegenwart. Der alltägliche Mensch heute ist nicht mehr vernünftig, und er vermag das auch gar nicht mehr zu sein: er befindet sich in keinem Insgesamt mehr, in keiner Ordnung, die seine sozialen Bezüge noch sinnvoll macht. Diese sind nur noch und bestenfalls kurzfristige Anlaufstellen für zu befriedigende, weil an die Oberfläche kommende Bedürfnisse.

In Händen riesige Mengen an Puzzleteilen, aus allen möglichen Gesamtbildern herausgerissene Versatzstücke, die allesamt nicht mehr zusammenpassen, ja das auch gar nicht können, "gezwungen zu leben", schlägt er nur noch blind um sich. Was da auf uns noch zukommt, vermag man derzeit kaum abzuschätzen. Irrsinn ist es allemal.

Unter anderem schon in dem ebenfalls exzellenten Film "Fargo" haben sich die Coen-Brüder im Grunde bereits mit diesem Thema befaßt: der Berührung einer Welt der Vernunft, die vor diesem Vordergrund "konservativ" scheint, ja sich mit dieser Attitüde sogar zu schützen sucht, in der Berührung mit der heutigen Welt, wo der Einzelne in geschlossenen, in sich gespenstisch stimmigen Teilwelten der Verrücktheit subsistiert. In der Chronik ihres Schaffens zeichnen sie somit die Entwicklung der westlichen Gesellschaft nach, und zeigen in "Burn after reading" fast berichthaft deren Entwicklung hin zu einer verrückten Welt, in der nichts und niemand mehr Halt findet. Wo jedes wirkliche, genuin menschliche Streben und Bedürfnis karikaturhaft nachgezeichnet, aber nicht mehr erreicht wird.




*151008*