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Dienstag, 3. Oktober 2017

Frankensteins Gesicht

Es ist schon ein paar Monate her. Da wurde berichtet, daß Facebook in seiner Forschungsabteilung zur Künstlichen Intelligenz (AI - Artificial Intelligence) eine Schrecksekunde erlebt hat, in der man nur noch den Stecker ziehen konnte. Was war passiert? Man hatte einen Bot (das ist eine selbstregulierende Programmiereinheit, die gewissermaßen wie eine persona selbst agiert und reagiert; solche Bots kommen lange schon im Netz zum Einsatz, denn sie simulieren z. B. sehr geschickt reale Internetnutzer) dazu programmiert, sich eine eigene Sprache, eine eigene Kommunikation mit anderen Bots aufzubauen, also nicht bei Englisch und seiner Logik stehen zu bleiben. Einen Teil hatte man ja noch dazu programmiert, sich im Rahmen der menschlichen Sprache zu bewegen. Da war nichts passiert. Einem Teil der Bots aber hatte man diese Schranken genommen. Diese Bots durften auch eine eigene Sprache entwerfen.

Das Ergebnis war so schockierend, daß man den Versuch panikartig abbrach. Denn schon nach kürzester Zeit begannen diese Programme in einer Sprache zu "kommunizieren", die sich sichtlich entwickelte, aber für Menschen absolut unverständlich blieb. Die deutliche Zeichen einer Logik trug, die man aber nicht mehr kontrollieren konnte, weil sie sich auf Pfaden bewegte, die nicht mehr logisch durchschaubar waren. Das ist keine unbekannte Erscheinung aus komplexen Systemen, die in ihren Teilstufen zwar streng menschlich-logisch sind, also Ursache-Wirkungsverhältnisse zeigen, die nachvollziehbar sind, die als komplexe Systeme wechselwirkender Teile aber nicht nur nicht mehr vorhersagbar sind, sondern völlig unberechenbar agieren, wo Ursache und Wirkung des Gesamtsystems in keinem Verhältnis mehr stehen. 

Hier ein paar Zeilen dieser von den Computer-Bots selbst entwickelten Sprache:

Alice: balls have zero to me to me to me to me to me to me to me to me to
Bob: you i everything else
Alice: balls have a ball to me to me to me to me to me to me to me to me
Bob: i . . . . . .. . . . . .

Man konnte schlicht nicht mehr einschätzen, was die Computer nun machen würden, denn man verstand sie nicht mehr. Sah aber, daß sich rasend schnell eine Dynamik der Übereinkunft entwickelte. 

In einer Welt, in der alles mit jedem in einem Netz zusammenhängt, und dabei auch reale, materiale, physische Dinge regelt, ja wo über das Finanzsystem der Welt etwa das volkswirtschaftliche Schicksal ganzer Nationen, ja aller Nationen damit so eng und in raschem Konnex zusammenhängt, daß in einem blitzschnellen Wechselspiel Dinge passieren können, die alles zusammenbrechen lassen. Eine Horrorvision. Man sah sich einem wahren Frankensteinmonster gegenüber, sah ihm ins Gesicht. Das einen Willen zu entwickeln schien, den man nicht mehr einschätzen konnte, dem man sich aber auszuliefern begann, wenn man das Treiben weiter zuließ. Zumal es weltweit und gerade in neuralgischen Bereichen (man denke alleine an die militärische Abwehr, aber mittleerweile längst nicht mehr nur dort) Sicherheitsmechanismen gibt, die menschlichen Zugriff, aber sogar das "Ziehen des Steckers" unmöglich machen, weil sich die Krake immer von irgendwoher ihre Energie holt. (Hollywood hat übrigens einige Filme produziert, die das sehr realitätsnah zeigen. Man denke an "Dr. No".)

Also zog man buchstäblich den Stecker, ehe sich mehr entwickelte, und brach den Versuch ab. Damit da keine  Mißverständnisse aufkommen: Die AI hat nicht das geringste mit menschlicher Intelligenz zu tun. Sie baut lediglich auf deren logisch-linearer Umbrechung auf, der aber das Wesentliche menschlichen Denkens fehlt. Denn zu meinen, daß sich Vernunft in logisch-mathematischen Prozessen erschöpft, ist ein furchtbarer Irrtum, der seit Descartes (und v. a. dann über die Aufklärung) sein Unwesen treibt. Deshalb ist auch die Forschung an der Künstlichen Intelligenz (AI) in sich ein furchtbarer Irrtum. Wie furchtbar zeigt sich hier. Denn erstmals wurde deutlich, welche Horrorvision sich da entwickeln konnte: Eine Menschheit, die buchstäblich unter der Herrschaft einer nicht mehr berechenbaren Hyper-Rationalität steht. 

Angeblich hat Facebook die Entwicklung solcher Programme vorerst eingestellt.






*300917*

Donnerstag, 17. August 2017

Wenn sie in ihre eigenen Fallen tappen

Da staunten die Controller von Procter & Gamble nicht schlecht: Als sie vor einem Jahr nämlich aus Einsparungsgründen beschlossen, pro Quartal den Einsatz der Werbemittel für Internetmedien um 100 Mio. Dollar zu kürzen, geschah das mit dem Wissen, daß dies auch einen gewissen Umsatzrückgang bewirken muß. Aber das, was eben normalerweise passiert, nahm man in kauf, die Kostenrechnung sprach dafür. Doch tatsächlich passierte ... gar nichts! Der Umsatz ging nicht um einen Dollar zurück!

Das zeigt auf jeden Fall an, daß diese Werbedollars bisher hinausgeschmissenes Geld waren, schreibt Journalistenwatch dazu. Und man spricht bereits davon, bis zur Klärung der Ursachen diesen Sparkurs fortzusetzen. Was auf die Branche große Auswirkungen haben könnte, denn P & G ist einer der größten Werber auf Gottes Erdboden. Eine Branche, die ohnehin mittlerweile nur noch aus zwei Firmen besteht, aus google und facebook. Denn alle anderen Werbeplattformen und -anbieter sind mittlerweile marginalisiert.

Aber was könnten die Gründe dafür sein? Immerhin werben gerade diese beiden Giganten mit der mittlerweile größten Datensammlung über Internetnutzer mit einer so exakten Erstellung von Nutzerprofilen, damit mit einer so perfektionierten Zuschneiderung der Werbung auf potentielle Käufer, daß in Blindtests mit natürlichen Personen nicht mehr herausgefunden wird, ob der reale Mensch hier mit einem fiktiven Menschen dort - einem durch Algorithmen perfektionierten"bot" - kommuniziert. So "menschlich" sind diese Profile bereits.

Aber genau das ist der wahrscheinlichste Grund, daß Procter & Gamble möglicherweise sein Geld beim Fenster hinausgeworfen hat. Denn möglicherweise hat der Konzern bisher ... bei "bots" geworben, nicht mehr bei realen Menschen. Schätzungen nach bestehen nämlich mittlerweile bereits 85 % des Kommunikationsverkehrs bei facebook schon aus solchen "bots". 

Warum gibt es das? Ganz einfach: Es gibt massives Interesse verschiedenster politischer und gesellschaftspolitisch aktiver Gruppen und Stellen, Menschen - "rechte" - die andere als erwünschte Meinungen vertreten in das Gefühl zu versetzen, daß sie mit ihrer dissidenten Meinung in der Minderheit und sozial isoliert sind. Also sind solche bots pausenlos im Internet unterwegs, um erwünschte Meinungen zu stärken und gleich selbst solche zu posten. Denn das tun diese Programme natürlich längst. Facebook schaltet nun auf allen diesen fake-Profilen Werbung, die auf diese Profile paßt. Nur geht sie ins Leere.

Dazu kommt, daß mehr und mehr unerwünschte Meinungen in der Präsenz im Netz unterdrückt werden. Diese Form der Zensur geschieht sehr sublim, aber sie geschieht: Vertreter unerwünschter Meinungen merken das meist nicht einmal. Sie bemerken nicht, daß etwa nur noch Leser, die ihre Meldungen direkt suchen auf ihre Seiten kommen, direkt oder über Links die auf sie verweisen. Sie bemerken nicht, daß sie in thematischen Suchanfragen kaum noch (oder nur selektiv) aufscheinen. (Der VdZ hat diese subtile Form der Internetzensur übrigens bei diesem Blog schon lange bemerkt.) Daß diese Unterdrückung der Verbreitung in erster Linie, ja ausschließlich "rechte" Meinungen betrifft versteht sich von selbst. Mit einem gravierenden Nachteil, der sich ebenfalls für die Werbeerfolgsrate negativ auswirkt: "Rechte" sind deutlich zahlungskräftiger als "Linke".  

Apropos Facebook: Die Mannen um Zuckerberg haben aber wohl nur beschränktes Interesse, das Problem einfach so mal zu lösen. Denn es gibt den Verdacht, daß Facebook SELBST solche bots verwendet, um (über Server in Indien) seinen Kunden hohe Präsenz bei "Kunden" zu bieten. Zumindest steht der Verdacht im Raum.

Wie also löst man das Problem? Wie verhindert man, daß Werbekunden andere Wege suchen, um Kunden zu finden? Möglicherweise ist es gar nicht lösbar, es sei denn, man opfert andere Interessen. Wie die, Internetnutzer und deren Meinung (oder den Mut dazu) zu  manipulieren. Oder man führt so etwas wie eine generelle "Ausweispflicht" im Netz ein. Aber das wäre dann das definitive Ende jeder Intimität im Internet, und die Reaktion der Nutzer darauf würde völlig neu zu bewertendes Verhalten produzieren.






*310717*

Sonntag, 17. Januar 2016

Unbemerkte Auflösung von Gemeinschaft

Es war vorhergesagt, es ist so gekommen, und wird sich noch viel stärker zuspitzen: Eine Untersuchung der Indiana University (IU) ergab nun, daß Nutzer von social media einen zunehmend eingeschränkteren Zugang zu Informationen an den Tag legen. Die soziale "Vernetzung" bewirkt sogar das Entstehen von "sozialen Blasen", in denen die Informationsweitergabe "freiwillig" gefiltert wird. Diese Entwicklung zeigt sich besonders stark bei Nützern von  Facebook und Twitter. 

Nun ist das alleine, so der VdZ, gar kein Beinbruch. Im gegenteil. Denn das war und ist das Wesen sozialer Gemeinschaft (die es nur in GemeinschaftEN gibt). Hier eine Sensation daraus zu machen wäre also verkehrt. Es ist lediglich eine Absage an die ohnehin realitätsferne Vorstellung vom Internet als solches, daß damit auch die Informationsbreite bei den Menschen "univeral" würde. Information ohne Interpretation gibt es nicht, und damit nicht ohne persönliche Haltung. Die Persönlichkeitsstruktur selbst ist der "Filter", der überhaupt erst wahrnehmen läßt. Und weil es keine Persönlichkeit ohne soziales Umfeld und seine Bestimmtheiten gibt, ist auch bei den Internetmedien keine andere Entwicklung zu erwarten gewesen. Viel fragwürdiger nämlich müßte man das sehen, was von den Studienautoren offenbar als positiv bewertet wird: die ständig neue Suche über "google". Welche Aussage nächste Realtitätsfernen und Verkennungen des Internet erkennen läßt.

Der eigentlich bedenkliche Prozeß liegt auf einer anderen Ebene. Er liegt auf der Überbewertung der "Meinungsebene", in der sich die Menschen in "Meinungs-Pseudo-Persönlichkeitsstrukturen" festigen. Und sich in diesen bewußten (und sehr, ja äußerst eingeschränkten Rezeptionsinstrumenten) einschließen und damit überwiegen oder gar ausschließlich identifizieren. Sodaß sie sogar meinen, persönliche Gemeinschaft wäre eine Angelegenheit "derselben Meinung zu bestimmten Themen".

Der eigentliche Denkprozeß liegt aber viel tiefer. Er liebt auf einer Ebene einer gar nicht zu überblickenden Sinnesnähe der begegnenden Wirklichkeit. Damit besteht die dringende, ja gar nicht auszuschließende Gefahr, daß die wesentliche persönliche Gemeinschaft unter Menschen regelrecht ins Dunkel absinkt, gar nicht meht aktualisiert wird. Erkenntnis ist aber zutiefst ein personaler Vorgang, und er ist ein autoritativer Vorgang der Gestaltbegegnung, weil Denken, Selbstsein eine Frage der "Formdynamik" ist. Formen, die über die Sinne aufgenommen werden, und mit speziell geschriebenem Wort (das ja nur Zeichen, Symbol, Hinweis auf ein Dahinter ist) überhaupt nicht beschreibbar wird. 

Wer also meint, er könnte personale Einheit (und das ist das Wesen des Erkennens, zugleich damit das Wesen des Menschseins: Einheit in der Wahrheit, ja ein Hineinführen des Vereinzelten ins Allgemeine, einerseits, ein Individualisieren weil Besitzen, also als Form Tragen dieses Allgemeinen, anderseits; und das geht nur über Begegnung von Personen) über social media aufbauen begeht einen fatalen Fehler. Seine Erwartungen und Hoffnung werden nie (fast könnte man sagen: nicht einmal zufällig, würde man nicht immer mit dem Einbruch der Realität zu rechnen haben) erfüllt.

Simpel formuliert, um das Mitgeteilte im Beispiel greifbar zu machen: Wer Menschen begegnet wird immer feststellen (können; so er dafür überhaupt noch bereit und fähig ist),  daß die reale Begegnung völlig anderer Qualität ist als die der bloßen "Meinungsebene". Daß er auch mit Menschen unterschiedlichster Meinungen "gut kann", also Einheit da ist, und umgekehrt Menschen mit "gleicher Meinung" nicht erträgt, also Einheit fehlt.  

Ex factis, non ex dictis amici pensandi - Wähle die Taten, nicht die Worte, um deine Freunde zu wählen. 

Speziell die social media haben in rapide fortschreitendem Maß das Vermögen, die Worte eines Menschen realitätsgemäß zu gewichten, ja überhaupt Realität zu gewichten, regelrecht vernichtet. Weil die Menschen sich in diese Wortwelten der Meinungen gewissemaßen auslagern und nicht bemerken, daß sie damit jedes Gefühl für Wirklichkeitsrelevanz verlieren. Noch nie war es deshalb so leicht, zu lügen "durch Verwendung richtiger Worte", noch nie war schizoides Verhalten dermaßen verbreitet.

Das bewußte Denken als Urteilen - also das "Meinen" - ist aber nur eine Lenkfunktio des Geistigen. Gewiß von größter Bedeutung und unverzichtbar, speziell im Raum menschlicher Weltwerdung, also der Kultur, aber es IST nicht aus sich heraus "der Mensch". Wahrheit ist nicht die Frage "richtiger Meinung" (richtig - wonach?), sondern das Wesen menschlicher Ganzbegegnung. Wer den Menschen nicht besser, aus der jedem Denkprozeß um Dimensionen überlegenen, zu größten Teilen unbewußten Wirklichkeitsrezeption der Gestaltbegegnung heraus geschöpft kennt, vermag nicht einmal über bloßen Text zu kommunizieren. Und bleibt Schläger von Luftschäumen. Es gibt heute ganze Gebirge "richtiger Meinungen", an denen aber die Menschen wie wesenlose Schläuche hängen, denen also jede Wahrheit fehlt.

Social media sind also aus einem anderen Grund ein Problem als aus dem, was die erwähnte Studie als "Einengung" bezeichnet, und damit sogar suggeriert, als wäre jede Haltung schlecht, weil jede Festlegung "Einengung" bedeutet: Ohne Festlegung ist Menschsein gar nicht möglich. Wer nicht vermag, sich festzulegen und sogar daran festzuhalten, durch alle Vielfalt hindurch, wird nie etwas errichten können. (An Leser S gerichtet:) So war das hier bereits Thematisierte '"Besser sich im Falschen festzulegen, als gar nicht" gemeint. Anders kann man nicht einmal aus Fehlern lernen. Auch das übrigens eine heute weit verbreitete Fehlhaltung, die aber mit allem hier Gesagten unmittelbar zusammenhängt und für die die "Meinungseinengung" s. o. sogar Symptom ist. Denn Festlegen ist das Anheiraten an ein Sein, und das ist immer eine Zugehörigkeit weil Teilhabe im Mitsein, und nicht das Festlegen "auf eine Meinung" (sosehr das auch Teil des Festseins sein kann).

Wer sich aber selbst bereits zum Meinungs-Zombie" entwickelt hat dem kann das, was der andere repräsentiert, wofür er stellvertretend steht (denn das heißt eben Sein), von "Meinung" gar nicht mehr unterscheiden. Ihm wird - ihm gemäß! - alles zur "Meinung". Weil er selbst so strukturiert ist.

Das ist alles nicht neu, und es hat mit der Entwicklung der Medien in unserer Kultur zu tun. Aber die social media haben diese Entwicklung extrem dynamisiert und auf die Spitze getrieben. Denn sie bilden einen fast lückenlosen Vorhang, und täuschen ontische, real personale Gemeinschaft in nie gekannter Umfassendheit vor, wo es gar keine gibt. Sie sind - man könnte es eigentlich so ausdrücken - lediglich Auseinandersetzungen über das, was man in der Form von Twitter oder Facebook schreiben oder ausdrücken kann. Aber sie haben so gut wie keine substantielle inhaltliche Relevanz der Interpersonalität und damit Gemeinschaftsbildung. Und DARÜBER täuschen sich so viele. Wenn also eine Kultur, eine Gesellschaft sich so weit wie es derzeit bereits geschieht (und sogar noch weiter zu intensivieren unternommen wird) auf diese Medien auslagert, schlittert sie unausweichlich in den Zustand einer kaum noch ordenbaren Auflösung - ohne es (lange Zeit) zu merken. Umgekehrt, bilden sich so alle möglichen Ersatzformen von "Einheit" heraus - wie Kollektivierung, Vermassung, Auflösung der Person in eine andere hinein (samt der Überfrachtung der Erwartungen in direkter Liebe oder gar Ehe.)

Damit wird das Wesentliche des menschlichen Selbstseins - Vertrauen in Person(en) - ausgehöhlt und unterbunden. Die Folgen werden vor allem bei jenen Generationen dramatisch sein, die mit diesen Medien bereits aufgewachsen sind. Denn die Prägung in jungen Jahren ist vorentscheidend. Dort werden die Strukturen angelegt, unter denen dann alles Spätere eingeordnet wird. Dort werden die Grundkonstellationen erlernt, unter denen alles Spätere, alles Speziell also, als das das Leben herankommt, bewältigt werden. Der unter jungen Menschen heute seuchenartig verbreitete Irrglaube, man verdanke sich nur sich selbst (und bestenfalls noch dem "selbst Gewählten"), ist bereits eine der Auswirkungen nicht mehr ausgebildeter Begegnungs- und damit Einheitsfähigkeit. Damit aber wird die Bildung einer Gesellschaft - und wie erst ihre Kulturformen wie Staat, Volk etc. - unmöglich.




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Mittwoch, 26. Februar 2014

Kraft der Destruktion

In einem Punkt muß man dem Artikel in der Presse rechtgeben - Facebook ist eine politische Waffe. Aber das Fatale daran ist: Sie ist es durch seine destruktive Kraft. Das ist der entscheidende Unterschied zu früheren Formen politischen Wirkens. Denn niemand bestreitet zwar die faktische Präsenz von Facebook. Aber sehr wohl ist seine konstruktive Kraft zu bestreiten. Die "Macht" von Facebook (hier als Synonym verwendet, auch für die sogenannten social media) wird somit nur aus seiner quantitativen Verbgreitung abgeleitet, sie ist sogar ausschließlich der Erfolg einer Marketingstrategie, die es geschafft hat, einen irrationalen Mythos zu implementieren. Er beruht auf der Überzeugung, daß der quantitativen Vertreigung auch reale Macht zugeordnet wäre. Aber was sich hier "Macht" holte, war nicht die Macht des Wirklichen, sondern die, an diese bestimmte Form von Kommunikation ALS KOMMUNIKATION zu glauben. Die wirkliche Wirkebene von Facebook (...) liegt aber ganz woanders, seine Absicht sowieso: Denn sie war bereits aus dem Habitus heraus konstruiert, realer Kommunikation auszuweichen. Und diese Schwäche zu argumentieren - mit "Vorteilen", mit der Behauptung seiner Betätigung ALS - bestimmte - Kommunikation. (Gleicherweise könnte man sagen, daß JEDES Tun eines Menschen Kommunikation wäre; das ist es nämlich. Aber was sagt das aus?)

Und genau diese Absicht verwirklicht Facebook (...) Denn es zerlegt die Kommunikation, das menschliche Miteinander, und hebt es auf eine rein ideelle Ebene, auf die Ebene bloßer Gedanken (und das betrifft AUCH die Bilder u.ä., die man auflädt, denn auch Photographien, zu der jedes hochgeladene Bild wird, funktionieren nur durch vorangehende Übereinkunft, sie beziehen sich immer auf andere Ebenen der Wirklichkeit) - die der Zweitwirklichkeit. Jedes Element der Zwischenmenschlichkeit wird darüber gespiegelt, und darauf reduziert. Denn das ist das Wesen jedes Werkzeugs: daß es aus seiner eigenen Logik heraus zurückwirkt. Und die Mitmenschlichkeit tatsächlich auf diese Ebene der Meinungen herabdrückt, die weil in der Form des Worts zum rationalen Kampf um Wahrheit wird. Der jede Öffnung zur Wirklichkeit hin, die eine Selbstauflösung (und sei es nur für einen Moment) der "Meinung" als verfestigtes Instrument des Wirkens verlangt, zur existentiellen Gefahr wird.

Alles aber auf diesen Plattformen ist eine ideelle Konstruktion. Darauf bildet sich eine zweite Welt, die die erste, die der wirklichen Wirklichkeit, unweigerlich zu überlagern beginnt. Deshalb "funktioniert" Facebook nur deshalb so, wie es funktioniert, weil es auf einer allgemeinen Übereinkunft beruht, diese idealen Bilder für wirklich zu erklären, und der Konstruktion des anderen zu folgen. DAS ist der eigentliche Erfolg von Facebook: diese Überzeugung, diese Meinung verbreitet zu haben. Sodaß sich tatsächlich alle so verhalten, als würde über Facebook (social media) wirkliche Beziehung herstellbar (weil ideell konstruierbar), aufbaubar oder erhaltbar sein. Wenn dies gelingt, so bleibt es aber Zufall, und nur dort möglich, wo der Hunger nach Wirklichkeit denn doch durchbricht.

Deshalb wird auch alles, was "über Facebook (...) gespielt" wird, auf diese Ebene des Ideellen gedrückt. Dann wird Religion zur "Überzeugung", weltanschauliche Haltung zur "Meinung", Gedankenaustausch zum rationalen, logizistischen Kampf. Dem eine eigentümliche sinnliche Erfahrung zugrundeliegt: Die der Manipulierbarkeit alles Begegnenden (!), und die der substantiellen Flüchtigkeit der Welt überhaupt. Sinnlich ist alles, was kommt, ein bloßes Flackern, es hat keine haptische Qualität, ist kein "Ding", sondern eben nur flüchtige Behauptung. Gedankenaustausch über Bildschirm bringt deshalb zwangsläufig auch den Abbau des Respekts vor dem Gegenüber, dieser wird nur noch behauptbar, ideell. Es verliert sich jedes Gefühl für Eigentum (Urheberrechtsstreits wie -verletzungen haben ihre Inhalte und Ursachen in der Art des Mediums selbst), weil die Zubehörigkeit von Äußerung und Mensch sich nahezu auflöst, einerseits, anderseits ein Charakter unterstützt wird, der alles was "in ihm" abläuft auch für "eigen generiert" hält. Auch dies also löst das Zu- und Miteinander der Menschen auf, weil ich die Wichtigkeit des Gegenüber - ja, das Geschenkhafte der Sprache, des Denkens, der Wahrheit - gar nicht mehr erfasse und zuordne.

Nun stellt der Verfasser dieser Zeilen immer wieder etwas Erstaunliches fest: Wie gut sich oft mit Menschen auskommen läßt, solange sie nicht über Meinungen zu streiten beginnen, sich nicht in Ideen verhaken und darüber (gar noch: alleine) identifizieren. (Genau das aber passiert bei diesen Medien.) Denn darüber zerreißen plötzlich die angenehmsten realen Verbindungen. 

Was daran wäre nun das Bessere, das Wahrere? Die gute Verbindung, das "gute Verstehen" über alle Meinungsgrenzen hinaus? Oder die erbitterte Austragung der Meinungsstreits, um so erst nach erzielter Einigung auch zwischenmenschlich in Einheit zu treten?*

Wenn die Zwischenmenschlichkeit aber auf der Ebene der Meinungen abläuft, kann es nur Sieger und Besiegte geben. Gewinner und Verlierer. Das Paradoxe daran ist, daß die Meinungsfreiheit, die zur Grundlage dieser Meinungsbildungsebene erklärt wird, genau in dem Moment nicht mehr möglich wird, wo Meinungen als die eigentlichen Träger menschlichen Handelns gesehen werden. Denn die Meinung ist selbst bereits ein Entschluß zum Wirken, sie setzt Urteil voraus, und bewegt damit zum ... politischen Kampf.

Die eigentliche Ebene des Menschen aber ist nicht seine Meinung. Nicht das Sein ist relativ, sondern unser Denken darüber! Mitmenschlichkeit, Einheit der Menschen, liegt auf der Ebene des Symbols, des geistigen Bildes als Grundbild seines Seines, seiner Gestalt und damit seines Tuns. Ja, dort liegt die eigentliche Wirklichkeit des Menschseins als "jemand", als fleischliche Person.

Weshalb substantielle Mitteilung über das Netz, den Bildschirm nur einen Inhalt haben kann: Den, in die Realität zurückzugehen.



*Darin schon zeigt sich, daß Facebook (social media) überhaupt nur möglich waren und sind, weil sie in einer Anthropologie - einer Sichtweise des Menschen - ihre Basis hatten und haben.




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Dienstag, 2. April 2013

Vielfach aktuell

Eine Empfehlung an den geschätzten Leser: der Film "S1m0ne". Die Geschichte ist süffig und leicht, Al Pacino- und Winona Ryder-Fans kommen auf jeden Fall auf ihre Rechnung. Die Geschichte um eine erfundene, virtuelle Filmschauspielerin ist aber mehr als ein alter Plot, nur neu aufgemascherlt. Und sie ist nicht die altbekannte Medienkritik, oder die Kritik des Starkults. Sie ist auch mehr als lediglich eine Überhöhung dessen, was heute gang und gäbe ist - sich eine virtuelle Identität zuzulegen.

Sie knüpft an etwas an, das erst in diesen Wochen als Problem aufgetaucht ist. Nämlich: Wie wird man ein virtuelles Alter Ego, das aus den Profilen bei Facebook oder egal wo entstanden ist, oder das Amazon oder andere Datenverknüpfer von einem angelegt, hochgerechnet haben, wieder los! Das wird nämlich in einem unerhörten Ausmaß auf uns zukommen. Denn es wird nicht lange dauern, wird sich herausstellen, daß zwar solche algorhythmisch berechnete Profile "etwas" an Wahrheit enthalten, aber in DER Wahrheit um eine Person völlig falsch liegt.

Dennoch, wenn es heißt, man könne sich im Netz gegen Verleumdung oder Mobbing durch andere schwer schützen - viel schwieriger wird es noch werden, sich vor den SELBST produzierten Lügen und Profilen auf social media wieder zu distanzieren, um ein reales Leben wiederzugewinnen.



Der Trailer.






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Freitag, 8. März 2013

Platzzuweisung ist Schöpfung

"Der Mensch muß vorgestellt werden. Früher wurde auf der Dorfhochzeit das neue Ehepaar der ganzen Gemeinde vorgestellt. Denn man kann sich ja nicht selber der Gemeinde an den Hals werfen. [Denn das Seiendsein BEGINNT mit dem Namen, sie erst machen die Dinge, die Welt; Anm.] In jede gesunde Gesellschaft wird man eingeführt und vorgestellt, weil ja das Leben weitergeht als eine Kette von Vorgestellten."

"Im Sprechen kommt es nicht darauf an, was ich mir denke, oder auch nur, was ich sage, sondern darauf kommt es an, wie wir uns gegenseitig anreden*. Wir sprechen gar nicht, wie die Semantiker beahupten, um etwas zu verstehen. Wir sprechen, damit der andere sich versteht durch die Art, wie wir ihn ansprechen, und wir uns selber durch die Art, wie er uns anredet. [...] Denn dazu ist das Sprechen in die Welt gekommen, daß deine Vorstellung von mir und meine von dir uns an unsere rechten Plätze im Weltall stellt.

Das gegenseitige Ansprechen bei Namen wie Vater, Mutter, Bruder und Schwester ist die Schaffung eines gemeinsamen Lebens. Und dazu sprechen wir. [...] Eine Million Worte sind sinnlos, wenn der, zu dem sie gesprochen werden, nicht weiß, in welchem Namen er angesprochen wird."


Eugen Rosenstock-Huessy, in "Die Übermacht der Räume"


Und nur so, im Ergreifen eines Namens, vermag der Mensch sich zur Welt zu verhalten. Nur "als" jemand vermag er Information als solche zu erkennen. Nur so geht ihn die Welt, der er begegnet, überhaupt etwas an, und nur soweit sie ihn etwas angeht, reagiert er auf sie. Diesen Namen aber kann man nur erhalten. Wer versucht, sich selbst zu definieren, wird sein Leben lang den anderen hinterherlaufen, um sie dazu zu bringen, ihn bei diesem Namen anzusprechen. So lange wird er nur versuchen zu beweisen, daß er ihm zustünde. Womit wir mitten im Wurzelproblem der Gegenwart sind: als verbürgerlichter Gesellschaft. Denn das Bürgertum hat keinen Namen erhalten. Es hat ihn sich selbst gegeben.

Die Welt begann mit "Es werde Licht!" - Die Welt beginnt mit dem Vokativ, dem Befehl, dem Ruf. Das Ich ist Konjunktiv. Erst als Angesprochener wendet sich der Mensch um. Weil er nun erst "Mensch", weil er Adam ist, jetzt erst sein kann, ein Selbst aufbauen kann.** 

Nur Gott selbst kann seinen Namen offenbaren, als "Der der isset", nur er kann kein Zeugnis von Menschen annehmen. Aber das Geschöpf muß zu seinem Dasein (einem dem Rufenden wie Gerufenen einenden Bilde, einer Idee gemäß) gerufen werden.***






*Wer je Neid erlebt hat (und wer hätte das nicht) weiß aus Erfahrung, daß diese "Hauptsünde des Platzes in der Schöpfung" im Namen kulminiert, mit dem der andere anzusprechen wäre. Mit dem ich ihm seinen Platz zuweise, sodaß er dort leben kann. Dort beginn der wirklich existentielle Kampf, durch Ignoranz, durch Ironie, durch Verweigerung. Denn im Namem ist die gesamte Selbstentfaltung des anderen Lebens ermöglicht. Oder verhindert. Die ganze Menschheitsgeschichte ist deshalb vor allem eine Geschichte des Kampfes um NAMEN. In einer aufgelösten Gesellschaft wie der unsrigen ist deshalb der "Anspruch auf einen Namen" Hauptzielung geworden. Wird er mir nicht mehr kraft Familie, Herkunft, soziales Umfeld in dem meine Herkunft ihren Platz hatte und hat, zugesprochen, versuche ich einen Namen zu legitimieren, herbeizuzwingen. Durch "Befähigungsnachweise", durch Facebook-Profile, etc. etc., in denen sich der Glaube an neue weltschöpfende Mächte ausdrückt. Deshalb berühren ja die social media das Thema NEID so stark. Das ganze Thema LÜGE dreht sich um die Autorität von Namen. Genauso wie die Liebe. Und weist hinein in die Macht der Verleumdung, oder der Autorität in der Interpretationshoheit durch mutterschoßgebundene Konstellationen.

**Es seien hier die Arbeiten des (nihilistischen) Psychoanalytikers Jacques Lacan erwähnt. Sie drehen sich, soweit der Verfasser dieser Zeilen das aus heutiger Sicht erkennen kann, im Kern um genau dieses Problem. Hier wird also keine verstiegene Spinntisiererei abgehandelt, es geht um sehr real wirkende, wirkliche Angelegenheiten.

***Die Tragweite des Genderwahnsinns wird meist unterschätzt. Weniger in dem, was er positiv bewirken kann - hier wird er in seinem Größenwahn, seiner schaffenden Wirkkraft völlig überschätzt: eine neue Geschlechterwirklichkeit zu schaffen ist unmöglich, weshalb Gendering unausbleiblich zum Fanatismus führt - als in dem, was er tatsächlich verhindert. Er wird, weil er so tief am Menschen ansetzt, jedes kulturelle Leben regelrecht zum Erlöschen bringen. Dafür aber irrationale Kräfte zum Ausbruch bringen, vor denen uns heute bereits grausen darf.




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Samstag, 2. März 2013

Ein Puzzleteilchen

67 % der amerikanischen Erwachsenen benützen Facebook. Aber offenbar mit weit höherer Ambivalenz, als bisher angenommen. Denn 61 % gaben in einer jüngst durchgeführten Studie an, in den letzten Monaten längere bis lange Pausen eingelegt zu haben. Für eine Kommunikationsform, die behauptet, Kommunikation zu erleichtern, erstaunlich, daß als häufigster Grund genannt wird, keine Zeit dafür zu haben. Auch die weiteren Gründe sind interessant, die für diese freiwilligen Abstinenzen ermittelt wurden, und die sich unter Frustration zusammenfassen ließen. Datensicherheit, über die am meisten diskutiert wird, rangiert hingegen ganz weit unten.

20 % der Erwachsenen, die Facebook einmal benutzt haben, sind ausgestiegen. Die Argumente sind bemerkenswert, schreibt Pew Internet: “It’s a gossipy thing.” … “I didn’t like to talk too much.” … “I’m not social.” … “My account was compromised.” …  “I got tired of minding everybody else’s business.” …  “Not enough privacy.” … “Got too many communications.” … “Takes my time away.”

Von den regelmäßigen Nutzern freilich sagen 59 %, daß die Seite in ihrer Bedeutung für sie gleich geblieben ist, 53 % verwenden gleich viel Zeit dafür wie vor einem Jahr. Für 28 % sank, für 12 % stieg die Bedeutung von Facebook, darunter übrigens mehrheitlich Frauen. 42 % der Altersgruppe 18-29 Jahre und 35 % der Gruppe 30-49 Jahre verwenden heute weniger Zeit als vor einem Jahr, von den über 50jährigen sind das nur 23 %.



Gesehen auf pewinternet.org


Gefragt nach ihren zukünftigen Absichten im Umgang mit Facebook ergaben sich folgende Ergebnisse:

Gesehen auf pewinternet.org







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Montag, 25. Februar 2013

Goldrausch

Das Handelsblatt spricht in einem Beitrag bereits vom "Goldrausch". Und Wirtschaftsmanager, so schreibt es, bezeichnen es als "neues Gold", das herkömmliches Agieren in der Wirtschaft völlig verändern wird. Worum geht es?

Um Daten. Beinahe täglich tauchen mittlerweile Nachrichten auf, in welcher Form Daten und ihre Auswertung noch verwendbar sind. Noch sind diese Nachrichten mit einem Nebel des Staunens über das Neue umgeben. Wobei wir gewiß nur die Spitze des Eisbergs wahrnehmen. Wie immer sind die "Gefährlicheren" die, die nicht reden, sondern einfach tun.

Ein weiteres Beispiel soll illustrieren, was auf uns zukommt, wo wir bereits mitten drin sind:

Ein Nutzer mit Facebook-Account sieht sich auf einer Webseite ein Produkt an. Seine Spuren kann er natürlich nicht mehr verwischen, ab sofort ist dieses Produkt und er mit gewisser Aussage verbunden. Mann XY interessiert sich für Z. Beim nächsten Facebook-Besuch informiert das Unternehmen, für dessen Produkte sich XY interessiert hat, über das Cookie am Gerät des Benützers indirekt Facebook. Dieses wiederum schreibt ein Angebot an potentielle Lieferanten aus: Wer mehr bietet, darf auf der Seite von XY eine Anzeige schalten.

Natürlich muß man sich diese Entscheidungsroutinen, die solchen Prozessen zugrundeliegen, noch von viel komplexeren Informationen gesteuert vorstellen. Mit Stimmungs- und mathematisch enorm flexibel hochgerechneten Wahrscheinlichkeitsparametern, Verknüpfungen von Daten und Auswertungen unterschiedlichster Provenienz, die mit einer Sicherheit menschliches Verhalten (als Geneigtheit) vorhersagen können, die staunen machen könnte.** Was aber nur funktioniert, wenn der Benützer identifizierbar bleibt. So erklärt sich auch der immer aggressivere Kampf der unterschiedlichen Plattformen für social-media, ihre Teilnehmer ganz in ihren Anwendungskreisen zu behalten.




*Alles das läuft natürlich in Bruchteilen von Sekunden und rein computer-prozeßgesteuert ab, wo im Moment der Anwendung die wesentlichen Vorentscheidungen längst getroffen, die Ergebnisse nur noch die Konsequenz aus vorgefaßten Entscheidungsreaktionen sind.

**Dem Verfasser dieser Zeilen, der auf amazon häufig Bücher sucht (wieweit dies oder jenes noch erhältlich ist, etc.), wenn auch mehr sucht als kauft, fällt auf, daß die Suchresultate nicht nur die Inhalte der Bücher mit berücksichtigen, sondern mit offenbar immer exakter ausgewerteten bisherigen Suchen verknüpft werden, sodaß die ausgewiesenen Angebote immer präziser den Themenumkreis einer Suche mit erfassen - und anbieten. Erst unlängst hat er gestaunt, welche Autoren mit welchen Büchern mit angeboten wurden. Nach denen er nämlich noch nie dort gesucht hatte, die aber tatsächlich zu genau dem durch eine Suche berührten Themenkreis in genau der Richtung, die den Verfasser dieser Zeilen bewegt hatte, publiziert haben. Amazon hat offenbar mit dem Benützer-Account des Verfassers dieser Zeilen längst auch geistige Geneigtheiten zugeordnet, die sie mit den Buchinhalten (auf die amazon ja zugreift) mit mathematischer Auswertung immer raffinierter verknüpft. Denn Autoren wie Adorno mit Thomas von Aquin zu verknüpfen würde nicht auf der ersten Hand liegen. Und doch schaffen es diese Auswertungen bereits, so komplexe Gemeinsamkeiten zielgenau für den Benützer herauszufiltern. Aber wenn amazon das immer besser schafft, ist der Interessentenkreis für solche Informationen - man denke nur an Wahlprogramme, Wahlkämpfe - absehbar. Zumal wir uns längst mitten in einem hochkomplexen, aber immer erbitterter geführten Krieg befinden: Im Krieg um Meinungsbildung und -beeinflussung. Der sich schon längst nicht mehr damit begnügt, unterschiedliche Standpunkte gegeneinander abzuwägen. Sondern der nach jenen Schwachstellen im Rezipienten sucht, die diesen am zielsichersten ausheben und entwaffnen. Der Tag, an dem auch Zeitungsmeldungen nach Leser gewichtet und orientiert am Bildschirm erscheinen, dämmert längst.






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Samstag, 23. Februar 2013

Stellvertretung als Natur

Dieser Hinweis kommt vom Leser J. Denn  auf n-tv wird von einer nächsten Application für social media, die auf der Hand liegt. Denn es liegt nicht nur nahe, daß auf social media berichtet wird. Es liegt noch näher, daß damit gelogen wird. Eine Welt, in der niemand mehr seinen Ort hat, ist zwangsläufig eine Welt des Neids und der Behauptung.

Verquickt mit Facebook, wo sich die Meldungen wiederfinden, gaukelt nun eine Application vor, daß man sich in angesagten Lokalen der Gegend aufhält. Über die Informationsschienen, die im Netz automatisch darüber informiere, was jemand tut und wie er es bewertet (und damit empfiehlt), werden friends verständigt, daß man dort und dort sei. Ohne wirklich dort zu sein.

Damit wird es noch leichter, Aktivität, Identität und Persönlichkeit vorzutäuschen, die nicht der Realität entspricht. Das war immer aber noch mit etwas Mühe verbunden.  "CouchCachet" ist deshalb gewiß nicht die erste, und ganz sicher nicht die letzte App, die darauf abzielt, den "sozialen Status" zu erhöhen. Der Markt für Mühebeseitigung ist unerschöpflich, und ausbaubar, solange ein Mensch noch atmet. Wie wäre ein Internetdienst, der Urlaubsphotos von Strandaufenthalten in Mexico produziert, auf die man eingepfriemelt wird, ohne je einen Fuß dorthin gesetzt zu haben? Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt.

Für social media, wo Nützer einander Dinge vortäuschen, die sie in Neid versetzen, woraufhin sie gleichfalls Dinge vortäuschen, woraufhin der erste in Neid verfällt. Am Ende eines sogenannten Kommunikationsprozesses, der in Wahrheit Krieg um Land (!) ist, bleibt nur noch Mißgunst und Haß. Und Informationsmedia, eine Technik, deren Inhalte niemand mehr ernst nimmt, weil sie beliebig manipulierbar sind.

Wen stört da noch, daß mehr als 5-7 % der Profile auf Facebook tatsächlich falsch, ein reines Täuschungsmanöver sind? Sind die anderen echter, und worin? In den Absichten unterscheiden sie sich nicht. Lediglich für Facebook selbst, als Werbeanbieter, ist das von Relevanz.

Wobei in diesem Fall etwas auffällt: Denn die Menschen "sind" ohnehin nirgendwo mehr. Also wozu noch überhaupt körperliche Präsenz, wenn diese doch nur dem Zweck dient, sie aus anderen Gründen zu melden, diese Meldung zu verwenden? Das kann doch wirklich eine Application für einen erledigen. Wer also in Zukunft per Facebook meldet, daß er an diesem oder jenem Ort war, ist insofern wahrhaftig, als er (indirekt) meldet, daß er nicht dort war, aber es gut verwenden hätte können, wenn er dort gewesen wäre. Aber weil es ihm nichts wert war, dort zu sein, war er gar nicht dort. Was die Statusmeldung durch die App beweist.

Sodaß der Zeitpunkt naht, wo Status- und Aktualitätsmeldungen auf social media Meldungen über Dinge sind, die nie stattgefunden haben. Insofern ist diese App also ein bemerkenswerter Schritt zur Wahrhaftigkeit.

Es wird allmählich kompliziert ... läuft aber mehr und mehr in die schon vor Jahren vorhergesagte Richtung: Es wird bald ein verzweifeltes Wettrennen einsetzen, den nachhaltigen Imageverlust, der mit dem Nützen von social media verbunden ist, abzuwenden. "Mit dem kann nicht viel los sein - er braucht Facebook!"

Jede Technik ist ursprünglich eine Verlängerung und Verbesserung, Erleichterung menschlicher Geste und Handlung, oder gar ihr Ersatz (wie bei Beinprothesen). Ein bestimmtes Verhalten wird abstrahiert, und verbessert dieses. Vorerst, und vor allem: nur auf einen bestimmten, eben erkannten Zweck hin orientiert.

Wird so ein technisches Hilfsmittel gewohnheitsmäßig gebraucht, beginnt sie diesen Teil im Menschen sogar zu ersetzen. Denn die wesentlichste menschliche Kraft, die der Selbstausfaltung, erschlafft, findet sich ja - besser - in die Technik gelegt. Und ab diesem Moment beginnt sie,

Aus diesem Grund hat Goethe stets das Tragen einer Brille verweigert. Er hatte recht. Jeder Brillenträger weiß, daß die Brille eine Dauerlösung ist, zu der er sich verdammt hat, sobald er sie gewohnheitsmäßig trägt. (Der Ursprung der Sehhilfe war ja überhaupt anlaßbezogene, kurzzeitige Verwendung, wie das Monokel noch zeigt.) Die Technik beginn das eigene Vermögen zu ersetzen, ja dieses erschlafft mangels Wirklichkeitsverklammerung, nur aus der kann ein Vermögen ja lebendig bleiben.

Jeder, der einen Stock trägt, weil ihn eine kurzfristige Geh- oder vielleicht krankheitsbezogene Gleichgewichtsschwäche befallen hat, erfährt, wie rasch er diesen Stock tatsächlich "braucht". Wie wenig er mit der Zeit der Benützung noch sagen kann, was überhaupt Krankheit, und was bereits dauerhafte Integration der technischen Hilfestellung ist, die sein Eigenvermögen verflüchtigt, weil ersetzt hat.* Das läßt sich überhaupt von jedem Werk sagen, das ein Mensch schafft: es ersetzt etwas an ihm, er gibt real etwas von sich weg, und zwar im Maß der Vergegenständlichung.**

Die es aber vor allem eingeschränkt hat, weil nur eingeschränkt vertritt. Aber dafür die Symbolik des technischen Apparates selbst, dessen Wirklichkeit weit über alle Zweckbestimmung hinausgeht, zur Aussage erhebt. Der technische Apparat wird zum Teil des Leibes, und verändert deshalb dessen Sein als Erkenntnisobjekt für den anderen. Die Kommunikation selbst also ändert sich sehr wohl inhaltlich. Das nicht zu meinen wäre purer Rationalismus.

Diese Gewöhnung passiert natürlich automatisch auch dort, wo Kommunikation auf Technik aufzubauen beginnt, und sei es: in bestimmten Teilbereichen. Sie ist zum einen in ihrem Ziel definiert, also der Wirklichkeit von Kommunikation heillos unterlegen, und beginnt diese Kommunikation selbst zu werden, sobald man Mitteilungs-, Auszeugungsbereiche darauf verlegt.

Was also mit jenen passiert, die ihre Identität, ihr Selbst, ihr geistiges Menschsein durch Technik stützen oder mit der Zeit aus der Natur der Sache heraus ersetzen, vermag sich der geneigte Leser selbst fortzudenken. Manche Bereiche des Lebens KÖNNEN also gar nicht technisiert werden. Weil sie sonst wegfallen. Zwischenmenschlichkeit, Kommunikation gehört dazu.







*Es ist ja von Künstlern - Schöpfern von Welten, von Werken - bekannt, daß ihr Schaffen einer Welt, in ihren Werken, sie von der "realen" umgebenden Welt entfremdet. Gleiches ist von Menschen mit ausgeprägt abstrakten Vermögen zu sagen, wie Philosophen. Sie werden oft regelrecht unfähig, mit Dingen des Alltags umzugehen. Das kann auch gar nicht anders sein. Vom Dichter sagt man überhaupt, daß er nie real erleben, verwirklichen kann, was er im Gedicht wirklich macht. Er steht vor der Wahl: Gedicht, oder reales, flüchtiges Leben. Im "privaten" Leben sind Künstler oft die unglücklichsten Menschen.

**Künstler haben nur beschränktes Schaffensvermögen. Sie "brennen aus", werden leer, wenn sie vollkommen ausgeschöpft haben, was in ihnen vorhanden war. Sie leben tatsächlich im Werk, nicht mehr als menschliche Figuren. Das ist nur noch ihre leere Hülle. Für den Menschen des Alltäglichen (bitte, man verstehe das keineswegs abwertend, sondern als lediglich in einem anderen, innerhalb der Zweckverhältnisse des Lebens befindlichen Aufgabenbezug stehend!) gibt es den schönen Begriff des "Lebenssatten". Auch hier gibt es ein Ende des Lebens, das in seinem Wesen begründet ist: weil es für diese Welt ausgeschöpft ist, die Endlichkeit als ihr Wesen hat, und im Werk Ohnendlichkeit zurückgibt - hier eine Analogie zum Schöpfungsswerk Gottes zu sehen ist sehr legitim! Im selben Zusammenhang ist zu verstehen, wenn man sagt, daß jeder Künstler nur an EINEM Werk schafft. Das alles an ihm enthält.





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Donnerstag, 21. Februar 2013

Aber wer produziert?

Warum um alles in der Welt gibt Google französischen Zeitungsverlegern Geld? Warum gründet das Unternehmen einen Fonds, den es mit 60 Millionen Euro dotiert, der (vorerst) französischen Printmedien beim Umstieg ins Netz stützen soll?

Eric Schmidt und Francois Hollande (Photo: Die Welt)
Nun, fast sämtliche Unternehmen der Internetbrache samt social media befassen sich mit der Verwaltung und Distribution von Inhalten. Damit aber haben bisherige Medien ihr Geld verdient. Das auf dem eigentlichen Geschäft aufgebaut war: Der Produktion von Inhalten. Trocknen die Produzenten von Inhalten aber aus, was bleibt Google dann noch zu verwalten und zu verteilen? Twittermeldungen von Privatnützern? Privatphotos von Strandurlauben, Kinderzähnen und Kellerpartys auf Facebook?

Nichts wird schon mittelfristig so zur Mangelware werden wie Inhalte. Auf allen Ebenen. Wenn google nun in Belgien Kooperationsverträge schließt, in Deutschland Abkommen zum Leistungsschutz aushandelt, so weil dem Unternehmen gar keine andere Wahl bleibt. Denn wer produziert noch jene Inhalte, die es dann zu verwalten gilt? Facebook- und Twitternutzer, die auf ihre Bildschirme starren um nur ja nicht zu versäumen, wenn sich endlich Inhalte zeigen? Die Generation der copy&paste-Blogger?


Aber ein noch viel größeres Dilemma zeichnet sich ab. Nicht nur, wer Informationsinhalte produziert, also Geschehen interpretiert, auswertet, einordnet wird das Mangelgut der Zukunft sein. Viel mehr alle jene, die das produzieren, worüber überhaupt zu berichten möglich und sinnvoll ist. Und gar keine Zeit haben, auf google zu starren, und kein Interesse, zu twittern.

Wird also google bald Fonds gründen, um jene von den Medien abzuschirmen, die bereit sind, noch so richtig "für sich" zu leben? Denn bald schon wird google als etwas ganz anderes auftreten müssen. Es wird jeden Stein auf der Erde umdrehen, um noch originäres Leben zu finden. Und Prämien ausschreiben für jene, die die Richtung der wirklichen Wirklichkeit noch erkennen.

Man könnte nämlich durchaus die Stimmung der Gegenwart mit jener vergleichen, die im Kino vor Beginn einer Aufführung eintritt. Wo sich alle in ihren Stühlen einräkeln, ihre Popcorn-Säckchen aufreißen, und die Coladosen griffbereit einrichten. Aber nichts passiert auf den Bildschirmen, auf die alle starren. Außer Vorprogramm, endlose Werbung. Oder IST das schon der Film, wie der Herr mit Studiertenglatze, Palästinensertuch und Nickelbrille aus der vierten Reihe in den Saal ruft? Nein, meint die Dame im Nebensitz, der kommt erst. Bald. Irgendwann. Hoffentlich. Noch ein Cola?




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Samstag, 16. Februar 2013

Der Kern der Sache

Allmählich scheint sich die Sache in ihrem ursprünglichsten Kern zu zeigen: Verlegen des Zwischenmenschlichen auf bloße technische Funktion unter Ausschaltung des Persönlichen. Das darin besteht, eine Sache zu gestalten, zu entwerfen, zu vollbringen. Der eigentliche Faktor, der den Menschen zum Menschen macht.

Auf Facebook gibt es nun aber eine neue Application, schreibt die Kronen Zeitung. Sie nennt sich "bang with friends". Sobald ihr jemand beitritt, gibt er bekannt, daß er prinzipiell bereit wäre zu einem reinen Ficktreffen, vulgo: one night stand.  Dazu wählt er aus seinen friends jene aus, die er nicht von der Bettkante schubsen würde. Das App sucht selbständig nach Übereinstimmungen, auch temporärer Art, und meldet diese (bei beiderseitiger Bereitschaft) den jeweiligen Partnern. 

Gewiß aber ist das nur ein zarter Anfang. Und es soll hier auch gar nicht um Moralismus gehen. Daß bei dem hohen Interesse, das Sexualität im Internet genießt, sie bei Facebook noch massiver auf den Plan tritt, war zu erwarten. Aber soviel steht fest: Die Ausweitung der Suchfunktion, d. h. das immer definitivere Ausbauen von Verwertbarkeiten der in dieser Datenbank massenhaft vorhandenen Daten der Benützer, wird nun sehr rasch und in exponentiell steigendem Tempo Anwendungen nach sich ziehen, die jeder von uns noch gar nicht vorstellen können. Wer sich mit Statistik und Datenbanklogik einmal befaßt hat, weiß was durch logische Verknüpfungen möglich ist. Facebook (etc.) und das Internet als Datenclowd sind immer noch schlafende Giganten. Nach und nach wird schon ihr wahres Gesicht erkennbar.




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Freitag, 8. Februar 2013

Wen soll das wundern?

Das Thema wurde an dieser Stelle längst in allen Höhen und Breiten ausgelotet. Deshalb verwundert es nicht, wenn die Kronen Zeitung berichtet, daß eine Untersuchung von Wirtschaftsinformatikern der TU Darmstadt und der Berliner Humboldt- Universität unter knapp 600 Facebook-Nutzern das erstaunliche Ergebnis erbrachte, daß eine signifikant hohe Zahl von Facebook-Nützern vor allem eines empfinden: Neid. Und Neid ist auch das Hauptmotiv, sich auf Facebook zu betätigen.

Mit der vielgepriesenen Pflege von Freundschaften und Kontakten, mit der Kommunikation auf Facebook (etc.), mit der Union aller Menschen per Mausklick, ist es also nicht weit her. Was auf einem Medium, das daraus besteht, daß sich seine Teilnehmer in einem Wettbewerb des Selbstauslobens befinden und sich dazu narzißtisch selbst objektivieren (müssen), das somit freiwillig/unfreiwillig zum Medium der Lüge selbst wird, um in dieser Form überhaupt darstellbar zu sein, und Leute mit ein wenig Grundverstand nicht wundert. Was soll bei einem Medium, das seine Funktion darin hat, einen Platz in der Welt zu definieren, anders herauskommen als genau das Problem des Platzes in der Welt - das Neidproblem?






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Freitag, 1. Februar 2013

Legitimationszwang

Man übersieht es vielleicht in aller Medienkritik - den Aspekt des Autobiographischen, den social media und Facebook darstellen. Denn in einer Welt, in der persönliche Begegnung sich auflöst, reduziert wird auf technische Funktionalität, ausgedrückt in der Steigerung der Bedeutung formaler Zeugnisse und "Ausbildungszertifikate", wird der Einzelne nahezu gezwungen, sieht sich nur darin noch eine Möglichkeit als Person respektiert zu werden im Maß, das ihm zukommt, und schreibt seine Autobiographie. In der er sich unter gewissen Gesichtspunkten darstellt, um seinen Wert "für" zu beweisen.

Das steht in einer Linie mit dem Aufkommen der Autobiographie als literarische Gattung. Denn sie hat genau diese Funktion. Der Rechtfertigung, des Erweises der Tauglichkeit. Und sie tritt dort und da in dem Maß auf, wo die Gesellschaft ihr stummes, selbstverständliches Gefüge verliert. Wo die Menschen keinen Ort mehr finden, an dem sie sich automatisch erfahren, wo gesellschaftliche Hierarchien zweifelhaft und disponibel werden, eine Kultur ihre traditionellen Institutionen verliert, auf denen sie doch gegründet ist. Und sich notwendig neu gründet.

Praktisch immer geht diese Entwicklung einher mit der Entwicklung städtischen Bürgertums. Hier lassen sich direkte Bezüge zur Natur solchen Lebens herstellen. Wo der Verlust des natürlichen Selbstvollzuges in der Erfahrung des Können-könnens die daraus erstehenden Mängel - erschöpfend als Verlust von Mächtigkeit im eigenen Leben umschreibbar - zu ersetzen sucht. Städte beginnen, sich größeren Ordnungsräumen zu widersetzen, Bürger ersetzen den alten Adel, Massen und Vereinigungen den Ordnungsmächten. 

Die Mutter wird ermordet, denn sie ist Realität und Sinnbild solcher immanenter Ordnung. Der Lebensboden, auf dem diese Ordnung im natürlichen Vertrauen sich formt und großzieht. Sodaß daraus der Geist einer Gesellschaft lebendig bleibt.

Nun muß der Einzelne seinen Platz selber suchen. Aber es ist ein Irrtum zu meinen, das wäre ein Zugewinn an Freiheit. Einen Ort, eine Identität zu haben, sie nicht erst erfinden zu müssen, ist erst die Vorbedingung zur Freiheit, von der aus sie sich entfalten kann. Der Kraftverlust solcher Gesellschaften ist also enorm. Damit beginnt die Zeit drängender Faktor zu werden, sie wird zwangsläufig zum Hindernis, weil das Leben eben begrenzt ist. Und das Werkzeug, sie, ja alle fehlenden natürlichen Mächtigkeiten zu überwinden, ist (vermeintlich) die Technik. Genau das aber bewirkt das Voranschreiten der Auflösung, indem die Technik Lebenszeit und -umwelt zur Nicht-Lebenszeit, zum Nicht-Ort (des Wartens, der bloßen Funktion) entwertet und banalisiert. Identität wird noch weniger immanent gebildet, ja mangels Vertrauen auf das Begegnende (das ein Zwischen-Ding ist) verweigert, und notwendig künstlich errichtet. Die Gesellschaft erhält die Charakteristik einer Ansammlung von Emporkömmlingen, die mit gefälschten, erschlichenen Adelsbriefen ihre Stellung beanspruchen.

Wenn heute ein Boom der "Ahnenforschung" festgestellt wird, so hat das keineswegs mit einem Bewußtsein für Wurzeln zu tun. Sondern es ist die posthoc-Füllung von leeren Strukturen mit legitimieren sollenden Inhalten - der Vortäuschung von Sein und Berechtigung durch vorgebliche Natürlichkeit des Ortes, an den man sich gesetzt hat. So, wie die Herrscher des spät- und nachrömischen Zeitalters nachzuweisen suchten, daß sie von den Göttern abstammen, und deshalb diese und jene Mächtigkeit zu Recht haben. Und wie immer man es auslegen will - nur das steckt auch hinter Facebook.




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Samstag, 29. Dezember 2012

Welch Überraschung ...

Daß die Marketingmöglichkeiten von Facebook oft nur dem Wunschdenken von Onlinemanagern entspricht, ist das Fazit einer Untersuchung des Kölner Marktforschungsinstituts BrandResearch AG unter über 3000 Facebook-Nutzern. Online-Kontakte können reale Kontakte nicht ersetzen. 

Insbesonders die erhoffte Markenbindung (durch "friends", "like" etc. vorgebliche Stärke der social-media) ist durch Facebook so gut wie unmöglich. (Aus weiter angeführten Gründen müßte man ja eigentlich schließen: sie wird sogar beschädigt.) Bestenfalls erhöhen z. B. Gewinnspiele die Interaktivität, aber nicht die Bindung. Zwei Drittel der Facebook-Benützer empfinden auch Markennachrichten als häufig, und von unwichtigem Inhalt. Auch das Drücken von "like"-Buttons hat wenig Aussage, Kommentare werden trotzdem selten, und dann kurz hinterlassen. Die 15 % wirklicher Facebook-Cracks - unter ihnen gehört ein Großteil der Altersschichte von 14-19 Jahre an - halten zwar nominell frequenten Kontakt aufrecht, aber sie haben wiederum so viele Kontakte, daß auch diese höhere Interaktionsbereitschaft nicht die erwünschte Intensität einer Bindung bedeutet. Und das, obwohl gerade diese Zielgruppe der Facebook-Cracks das höchste Markenbewußtsein aufweist.

Aber noch aus einem anderen Aspekt greift Facebook-Engagement von Unternehmen so schlecht: Facebook-Benützer empfinden Firmenauftritte auf Facebook als "uneigentlich". Die Selbsttreue der Marke ist beschädigt.

"Häufig ist der Markenauftritt auf Facebook gewollt kreativ und unterhaltsam (ist er das nicht, ist er - siehe oben - sowieso nicht interessant, zieht also erst gar keinen Traffic an; Anm.), entfernt sich aber dabei viel zu weit vom eigentlichen Inhalt und dem Signalcode der Marke. Die Selbstähnlichkeit geht verloren und der Auftritt wirkt nicht mehr authentisch", weiß Ralph Ohnemus, CEO von K&A Brand Research. "Facebook ist nicht der goldene Weg in den Markenerfolg, sondern ein Marketingkanal unter anderen. Es kann niemals die klassische Kommunikation ersetzen. Auch für soziale Netzwerke gilt: Schöne Werbung gefällt, klassische wirkt!" 




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Mittwoch, 21. November 2012

Hoffnung, nicht Illusion

Die Presse thematisiert das Phänomen, daß sich sehr offen gezeigt hat, daß "Expertenprognosen" die Wirtschaftsentwicklung betreffend als fast immer falsch und wertlos herausstellen. Fast traditionell liegen ihre Vorhersagen wirtschaftlicher Entwicklungen falsch. Und trotzdem beruft sich die Politik in ihren Entscheidungen auf sie, baut nach wie vor auf ihre Vorhersagen, und verkündet sie gar als Paradigmen des Handelns. Vor allem die Krise der letzten Jahre wurde durch Expertenprognosen fast ausnahmslos gewaltig "unterschätzt".

Die Ansicht, daß hier Zusammenhänge bestehen, könnte also mehr als ein Körnchen Wahrheit enthalten. Frohe Verkündigung bevorstehender Auf-, Kleinreden drohender Abschwünge, macht es der Politik leicht, weiter munter Geld auszugeben, das ja bald verdient werden wird. Hier, schwarz auf weiß, ein Gutachten, eine Prognose, ein wissenschaftliches Elaborat. 

Vor allem zeichnet sich hier aber nicht nur der Wunsch als Vater der Gedanken, sondern das Paradigma, Wirkung vor Wahrheit zu stellen, soll helfen, Krisen besser zu überstehen - indem etwas weniger Vorsicht einzieht, als angebracht wäre. Manipulation geht vor Information.

Die Frage stellt sich also, ob nicht diese Informationspolitik, die im übrigen zu guten Teilen nur die Internalisierung politischer Paradigmen durch Wirtschaftsexperten anzeigen könnte, maßgeblichen Anteil daran hat, daß die Volkswirtschaften Europas nicht und nicht gesunden wollen. Mancher Kommentator spricht sogar schon davon, daß der Höhepunkt der letzten Krise noch gar nicht erreicht sein könnte.

Aber über "Stimmung" hinaus gibt es etwas, das Wirtschaft bestimmt: Realitäten, Wirklichkeit. Unternehmer also zu "antizyklischem" Verhalten anzustiften kann bewirken, daß diese falsch reagieren. Sich in Krisen übernehmen, sich - angestiftet, ermuntert ihr eigenes Wissen und Spüren zu ignorieren - einfach nicht situationsadäquat agieren. Die Politik macht sich hier also doppelt schuldig: sie instrumentalisiert die Menschen, indem sie sie vorsätzlich falsch informiert, um sie zu einem ihr in den Kram passenden Verhalten anzustiften. 

Anstatt also in einer Krise ausreichend zu warnen, sich entsprechend in der Ausgabenpolitik darauf einzustellen, um gerade dadurch den Problemlösungswillen der Menschen anzuregen. Denn wie kann es geschehen, daß ein Großteil der Bevölkerung gar nichts von einer "Krise" gespürt zu haben meint? Wie soll sich also die Bevölkerung adäquat verhalten, wenn man ihr alle Folgen vorenthält, durch ungebremste Ausgaben, ja mehr: diese Folgenlosigkeit führt sich auf weiteres Drehen am Schuldenzirkel zurück.

Zwar stimmt, daß jede Bewegung sich in Spiralen verhält, durch bewußte Rezeption verstärkt wird, so oder so, aber der Einzelne reagiert immer rasch und situationsadäquat. Und es ist ja sein Leben, das er zu gestalten hat. Mal übervorsichtig, mal überzogen. Aber er hat es ja auch zu verantworten, und er korrigiert auch rasch wieder. Vor allem aber hat er ja eine Intention, ein Bedürfnis, sich in seinem Werk zu verwirklichen, und dieser Antrieb besteht, solange er lebt. Er ist es, der sich am Begegnenden reibt, formt, deformiert, aber auch durchsetzt, vor allem: letzteres.  Er ist es, der auch sein Maß hat; hat. Das nicht beliebig ist. Dazu gehört sogar, auch einmal "weniger" zu wollen. Und gerade DADURCH ist und bleibt er gesund.*

Die Jahreszeiten zeigen es doch: jede Pflanze, jedes Tier bewegt sich in Rhythmen aus kraftkostendem Wachsen und -sparendem Abnehmen. Im Ganzen nimmt etwas nur zu, wenn es gelang, "holzige", "knochige" Substanz aufzubauen. Hat etwas seinen biologischen Höhepunkt überschritten, bereitet es sich vor, zu sterben.**

Nun aber hat man erreicht, daß die Menschen generell mißtrauisch wurden. Und damit erst recht übervorsichtig reagieren. Denn die Menschen sind tatsächlich in gewaltigem Ausmaß mißtrauisch, und zu recht. Jüngste Erhebungen ergeben, daß die Meinung über Politik und Politiker kaum noch schlechter sein kann. Für zwei Drittel der Bevölkerung Österreichs sind Politiker der letzte Dreck: verlogen, korrupt, selbstsüchtig und feige.*** Ausgerechnet jetzt, wo sich die Politik an die Fahnen heftet, erfolgreich durch die Krise gesteuert zu haben. Es hat doch niemand "etwas gespürt"? 

Die Menschen aber WOLLTEN es spüren, denn sie HABEN es gespürt. Sie HABEN gespürt, daß mit dem Munterdrauflos-Schuldenmachen auf allen Ebenen der letzten Jahrzehnte etwas nicht stimmen KANN. Weil sie es doch selber genau wissen, wenn sie sich selber so verhalten! Und doch verhielten sich alle, weil es ja alle taten, nein, tun sollten? Jaja, sie haben es getan. Aber gerade der Verfall der Werthaltigkeit materieller Dinge, die Inflation an wertlosen Dingen, zeigt etwas sehr deutlich, dieses "lieber schlecht aber schnell und jetzt, als später, aber gut und richtig." Es zeigt ein Verhalten, das für jemanden typisch ist, der weiß, daß er stiehlt, daß er gegen seine tiefere Überzeugung handelt. Daß sein Wohlgefühl auf Lüge beruht, nur oberflächlich ist. Die atemberaubende Geschwindigkeit, die sich im Internet ihren Ausdruck geschaffen hat, ist Symptom dieses Wissens um Diebstahl.****

Und sie ahnen, daß sie es noch so richtig spüren werden. Überinformiert, verwirrt, fällt der Einzelne nämlich wieder auf sein Fundamentalstes zurück - sein eigenes hausbackenes Urteil, auf (mythisch ausdrückbare) Grundschemen, aus dem heraus er die entgegentretenden Informationen gewichtet und wählt.

Die Politik hat schon immer gerne einen gravierenden Fehler gemacht, einen Fehler, den jedoch kein Propagandist machen dürfte, und doch ist ihm selbst ein Goebbels verfallen, auch das hat seine Ursache im Wahrheitsbedürfen des Menschen: Sie haben an die Wirklichkeitsrelevanz ihrer Propaganda mit der Zeit selbst geglaubt.

Im Wirtschaftsleben zeigt sich aber etwas sehr Fundamentales: der Lebensvollzug der Menschen in der Arbeit. So, oder so. Selbst Schmarotzer wissen, daß sie schmarotzen. Sie versuchen es nur durch lautes Schreien - haltet den Dieb! überall werden heute - andere - Diebe gesucht! - zu übertönen. Aber das Gespür der Menschen läßt sich über Virtualität, über "öffentliche Meinung", gar nicht ausreichend zertrampeln. Nicht, solange sie leben, wo sich immer wieder das tiefste Leben des Ich selbst meldet.  Schon gar nicht, wenn diese Informationswelt immer ausschließlicher eine Welt der Propaganda ist. Die Information gezielt gestaltet.*****

Zum Gegenteil ist bekannt, daß ein Übermaß an Information die Menschen abstumpfen, irrational werden läßt. Damit folgt ihr Meinungsverhalten nach wie vor den Linien der Propaganda, aber ihr wirkliches Verhalten läuft davon. Ihre polarisierten "Meinungen" (denn nur Polarität und vermeinte Dringlichkeit stattet sie mit jenem existentiellen Gewicht aus, das sie "benötigen", um die Herrschaft zu behalten) befinden sich substanzlos in den Wolken, ihre Leiber aber nach wie vor auf der Erde. Und diese Fleischlichkeit, um die geht es letztendlich immer, die in den Menschen immer eine zweite, viel substantiellere Wahrnehmungswelt aufrechthält, auf ihr baut jede Wirtschaft und jede Prognose. Sie aber läuft in einem Dschungel an (intentional verbreiteten) Informationen unter Umständen in Richtungen, auf die niemand den Blick richtet. 

So kann es auch geschehen, daß niemand damit gerechnet hat, daß wie jetzt das simple Sparbuch Wiederauferstehung feiert, obwohl (befragt) alle "wissen", daß die Verzinsung sogar unter der Inflationsrate liegt. Überfüttert mit einem Wust von Information, ragieren die Menschen mit dem Nächstliegenden - dem buchstäblich Nahen, das ihnen noch etwas überschaubarer scheint: da ist die Bank, da ist ihr Geld, da ist der Schalterbeamte. Fleischlichkeit. Als Boden, auf dem alles steht, und zu dem man immer wieder zurückfindet.

Das macht immer wieder Hoffnung. Berechtigte Hoffnung, der die Kraft des Lebens selbst zugrunde liegt. Nicht prognostizierte Illusion. Das Leben, so es denn Leben ist, ist niemals vorhersagbar. Wirtschaft wird immer aber nur von Lebenden gestaltet.




*Tamas Sedlacek, der wirtschaftliche Berater von Vaclav Hasek, hat darin völlig recht, wenn er schreibt, daß Wirtschaft nicht einfach nur "Wachstum" bedeuten kann. Daß wir damit leben lernen müssen, daß es auch einmal genügt, daß das Bedürfen gesättigt ist. Freilich findet sich bei ihm zu wenig Querbezug zur Politik, die damit nämlich auch gewaltig unter Druck käme. Denn es ist die Politik, die alles eindimensional anspannt. Schwankende Steuereinnahmen würden auch heißen, sich weniger einmischen, weniger "'Gesellschaft gestalten" zu können, das Lieblingsspiel der Politik.

** Die ungeistige Natur geht in ihrer Kategorie, ihrer Gattung auf, dem Überleben der Art, und in ihrer Idee dem Geist, dient ihr Seiendsein. Im Menschen findet sich diese Vergeistigung hingegen in der einzelnen Person: im Vergeistigen, als freies Verhalten zu sich und aus sich, der ultimativen Lebenssteigerung seiner Hypostase Geistseele-Leib ins Unvergängliche des Geistigen an sich (das beim Menschen aber IMMER ans Fleisch gebunden bleibt, als Wesen des Menschseins, als Analogie, so wie es also in Gott innertrinitarisch an Jesus Christus gebunden ist), seinem wirklichen Ziel.

***Solche Grundwahrnehmungen kristallisieren sich dann an Einzelprojekten, die als "Fakten" belegen, was man sowieso gespürt hat - wie das Desaster um den Berliner Flughafen, wie das sich nun anbahnende Desaster um den Wiener Hauptbahnhof, auch er wird mehr als das Doppelte kosten, als angekündigt war.

****Das Internet IST das Medium der Diebe, hier wurde bereits mehrfach davon abgehandelt.

*****Schon das unterschätzt man gründlich: wenn die Menschen beginnen, sich über Facebook künstliche Identitäten zurechtzuzimmen, werden sie auch anderen nicht mehr vertrauen. Facebook zerstört also überhaupt das Vertrauen in den Mitmenschen..





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Montag, 13. Juni 2011

Die nächste Blase?

Der vorgebliche Börsenwert der Unternehmen im Bereich "social media" steht in teils aberwitzigem Verhältnis zu ihrer Ertragskraft. Geblendet von den Zahlen, könnte man fast meinen, daß die Investoren nur Nutzerzahlen (User) kaufen, aber keine Wirtschaftskraft. Das wird vor allem auf diese Unternehmen selbst gewaltigen Druck ausüben, Gewinne zu lukrieren. Worauf aber spekulieren sie?





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Donnerstag, 9. Juni 2011

Die Macht der Behauptung

Das Internet erhöht den rationalen Teil der Menschheit, in seiner Bedeutung, und sie tut dies aus völig internet-fernen Gründen und Behauptungen aus der Realwelt! Aber sie erhöht damit exakt jenen Anteil der Kommunikation, der in der Schizoiditätsentstehung die eigentliche Schizoidität auslöst:

Über die Macht der Behauptung, über die Macht des Wortes und der Logik. Denn das schizoide Verhalten baut genau darauf: es behauptet etwas, das durch die Realwahrnehmung nciht gedeckt ist. Der Rezipient stellt genau das fest: was hier behauptet wird, findet sich nicht in seiner Wahrnehmung, ja widerspricht dieser! Aber weil der Mensch das Urteil braucht, und weil das Urteil sich an sich am Wort aufrichten muß - denn das "Ich bin" ist eine Angelegenheit des Worte, der Mensch ist an sich in der Vernunft verankert, und das Wesen des Vernünftigen ist "Objektivität", die außerhalb des Subjekts steht! - wird er quasi gezwungen (man beachte den zwanghaften Charakter vieler Internetbenutzer! das entsteht! das ist nicht einfach nur schon da gewesen!) dem Behaupteten zu folgen, will er sich nicht gegen seine Vernunftgebote stellen!

Facebook, als Beispiel, ist der Versuch, den Rezipienten zu einer bestimmten Urteilsbildung zu zwingen. 

Nur bereits im realen Leben fest verankerte Persönlichkeiten vermögen deshalb noch jene Kraft aufzubringen - weil nur sie sie haben! - dem Behaupteten überhaupt zu widerstehen, und sich GEGEN die Behauptung, unter Berufung auf eigene Lebenserfahrung und Menschen- und Lebenskenntnis, gegen diese aggressive Wirkweise der Schizoidität zur Wehr zu setzen.

DESHALB besteht die These, hier schon mehrfach vertreten und immer umfassender und hoffentlich faßbarer zu begründen versucht, daß die Präsenz in social media zu einer Gegenbewegung führen wird: zur Aggressivität gegen jede Form von Präsenz, als unbewußte Gegenwehr gegen Aggressoren. Zu deren Wesen es gehören wird, sich zu tarnen, andere Formen zu suchen. Denn die wirkliche Persönlichkeitskraft, sich 1:1 zur Wehr zu setzen würde die Kraft erfordern, gegen allgemeine Wertmaßstäbe (Ressentiments) zu stehen. Also werden die meisten Menschen in unterbewußte Gegenwehr verfallen.

Der Beruf der Zukunft? Sündenbock! Denn der Anteil an unterbewußten und (scheinbar) irrationalen Antrieben wird sich - gerade DURCH Bewußtheitsmaschinerien wie Internet - dramatisch erhöhen.



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Mittwoch, 8. Juni 2011

Werkzeug der Tauben

Man gewinnt den Eindruck, daß der Anteil jener Internetbenutzer, die ausschließlich nach Polemiken suchen, die ihre Stimmung teilen bzw. stützen oder gar verstärken, in den letzten Jahren stark gestiegen ist. Und das hat vermutlich mit dem Steigen der "social media"-Benutzung zu tun, ihrer Funktion des "rationalistischen Bestärkens". Die somit starrer, fanatischer macht.

Wirklich Information, wie dem Internet als nützlichste Funktion beizulegen wäre, findet immer weniger Raum. Das Netz wird somit immer mehr Werkzeug individueller Geisteshaltungen - es trägt kaum noch dazu bei, solche zu "bilden".

Eine Welt, in der alle reden, aber keiner mehr hört.




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Montag, 6. Juni 2011

Morgengrauen des Propheten

"Endlich sind alle Glühbirnen auf Erden miteinander verbunden! Die Vorstellungswelt des Paranoikers, seit jeher beherrscht von universeller Vernetzung, liegt uns nun vor als Spielfeld. Seine Software erwies sich als die vorteilhafteste Investition in die Zukunft. Nun ist seine Welt nicht mehr vorstellbar; und wir alle befinden uns auf der Suche nach einer neuen Irrealität.

Der Geist arbeite auf der Höhe seines Könnensbewußtseins. Kein Bewußtsein, das ihn noch lähmte. Sobald die unendlich vielen Fertigkeiten zur Hyperfertigkeit sich fügen, wird unter ihnen auch der Geist gewesen sein. Nichts hindert dann den Übergang in ein Zeitalter der Trance.

Im Zeitalter der Trance bewegen sich die Menschen mit den Dingen ausgeglichen. Halb Chip, halb Tiefe, bleibt ihnen kein Zwischenraum, zu "reflektieren". Die Dinge sind ihnen eingegeben wie im ersten Zeitalter der Trance die Götter."

"Der Wettlauf der Verbesserungen ist immer immun gegenüber Skepsis oder Ethik. Am Scheideweg? Längst vorbeigeschritten."

"Zur Wissensgesellschaft wird sich kein Anti-Typ vom Schlag des "kritischen Intellektuellen" mehr bilden. Der Informationstechniker und er ...? Welche gleichgewichtige Gegenfigur wäre hier noch vorstellbar? Die Frage der Konsumption jeglicher Gegenkraft ..."

"Ich denke niemals nach. Ich bin immer auf alles gefaßt."

"Kunst, Seele, Gedächtnis, sie schaffen weiterhin, doch schaffen sie schon verwaist - außerhalb der Sphäre, die über den Charakter des Zeitalters entscheidet."

Botho Strauß, 1998, Beginn zu "Zeit ohne Vorboten" - Im Morgengrauen des Internet

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