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Sonntag, 10. August 2014

Individuelles braucht Gewalt

Erziehung ist die Analogie (ein Gleichnis, aber auf unvergleichlichem und höherem weil geistigen Niveau) zur Eingliederung des Tieres in seine Umwelt. Sie muß deshalb aktiv beim Menschen vollzogen werden, denn er ist nicht in ein lückenloses Instinktnetz eingebunden, und ein solches aktivieren zu wollen, zur Handlungsebene zu erhöhen, würde bedeuten, das spezifisch Menschliche auf das Niveau des Tieres zu drücken. (Womit gleichzeitig zu so machen aktuellen pädagogischen Ansätzen Aussage getan ist.) Der Mensch kann nicht nur geistig entscheiden - er MUSZ es, aus unauslöschlichem inneren Impuls, der ihn ja überhaupt erst zum Menschen macht.

Erziehung aber muß sich auf das Allgemeine, das Typische richten. Während sie das Besondere, das Einzelne, das Individuelle frei lassen muß (was aber noch nicht heißt, ihm alle Schranken zu nehmen). Denn das kann nur der Einzelne alleine leisten, und er muß es in Auseinandersetzung mit dem Typischen, dem Zeitgemäßen tun. Nur so ist die Dynamik einer Zeit, nur so ist Geschichte überhaupt möglich und Ergebnis menschlichen Handelns. Und nur so kann eine Zeit überwunden werden, sich entwickeln, wenn sie dem Einzelnen nicht nur bekannt ist, sondern das Material darstellt, in das hinein, aus dem heraus er seine Individualität erkämpft.

Künstlich genial erhaltene Kinder - und das Kleinkind ist auf eine Weise immer genial - werden impotent! Dies betrifft vor allem die Phase des etwa 7-15jährigen Kindes, die eine Phase der gewissermaßen unoriginellen Eingliederung in den Rhythmus des Lebens (in seiner konkreten Form der Gesellschaft) sein muß. Gerade sogar der sogenannte Erfolg hat mit der Eingliederungsfähigkeit zu tun, denn er bemißt sich ja nur in Bezug auf das Normale.

Noch jede Erziehungsform, die sich aufs Besondere richtete und das Allgemeine als vermeintlich vernachlässigenswert betrachtete, ist deshalb schief gegangen. Sie rief keine Genies auf den Plan, sondern lediglich gut verborgene Konformität der Erwachsenen. Denn in ihr wird das Besondere - ganz im Gegensatz zur erklärten Absicht - genau deshalb vergemeint: es ist nicht "machbar", es ist nicht einmal "förderbar", und es ist nicht neutral. Das individuell Schöpferische bildet sich unter allen Umständen selbst. Und es steht immer "gegenüber", hat keine Norm. Solche Erziehung erreicht aber, daß das Individuelle seine Kraft verliert, weil - wie heute - dem Individuellen bloß eine vorab definierte Form des Allgemeinen gibt. Es ist der für heute typische Machbarkeitswahn, eine Form des Magismus also, der glauben will, daß Originalität mach- oder förderbar sei.

Jeder schöpferische Impuls hat und braucht etwas Gewaltsames, in dem er sich GEGEN alle Widerstände erst zu einer gestaltenden Kraft entwickelt. Ohne Widerstände wird er nicht wirklich. Diese Kraft ist nämlich nicht apriori und als fixe Größe gegeben, sondern sie wird in dem Maß real, als sie sich betätigt, und so der Mensch zum Menschen, zur Persönlichkeit wird. Dem Besonderen quasi alle Wege zu ebnen heißt, daß man ihm genau den Raum zur Kraftentfaltung nimmt, den es braucht, und den es sich erst schaffen (!) muß - dann erst IST sie Besonderheit, weil dieses Raumschaffen die Besonderheit IST. (Reifen heißt ja auch, die Konfrontation mit eigenem Wollen zu erfahren, denn dieses Wollen muß - muß! - sich am Widerstand formen; und vieles am Wollen des Heranwachsenden zerfällt ja dann auch zurecht.)

Das sich aber nur im streitenden Dialog entwickelt, unvorhersehbar ist weil sein MUSZ, und fern des konkreten Charakters gar nicht vorstellbar ist, sondern sich aus der Charaktergeschichte heraus, die damit zur Gesellschaftsgeschichte wird, zur neuen Form schält. Passiert das nicht, verliert der Mensch seine vitale Kraft. Nahezu alle außergewöhnlichen Menschen der Geschichte haben sich deshalb TROTZ aller Widerstände entfaltet, und wurden erst WEGEN dieser außergewöhnlich.

Deshalb sind so gut wie alle Reformansätze der Gegenwart - die das Fehlen schöpferisch vitaler Menschen bemerkt - nicht nur falsch, sondern absolut kontraproduktiv. Gerade die Schule kann und darf gar nichts anderes tun, als die Menschen dieser Lebensphase zur Normalität zu führen. Um so dem Heranwachsenden jene Anspielwand zu bieten, an der es sich später dann, als Erwachsener, bewähren kann. Denn erst so kann auch seine Kraft in dem Maß wachsen, als es notwendig ist, um diesen Wänden entsprechen zu können, und nur aus den solcherart Kraftgleichen bzw. überlegenen kann sich Erneuerung überhaupt bilden. Wer diese Kraft NICHT aufbringt, der kann überhaupt nicht erneuern, was er beizusteuern hat ist nie mehr als mehr oder weniger Konventionelles.

Denn dieser Wille zur Selbstzeugung, wie er den Erwachsenen kennzeichnet, ja der Erwachsenheit ausmacht, der der Welt mit und in Vernunft gegenübersteht (und nur in dieser Spannung zur Vernunft überhaupt fähig ist), ist JEDEM Menschen gegeben, er ist natürlicher Impuls zur letzten Stufe* der Menschwerdung.

Und sieh da - genau daran mangelt es heute. Mehr als die Hälfte der jungen Menschen wollen, wie Umfragen bestätigen, nur den nächsten sicheren Hafen ansteuern, als Beamte, in öffentlichen und sicheren Diensten. Stattdessen wenden sich damit viele junge Menschen der Veränderung der Bedingungen zu, die ihnen nachliefern sollen, wozu sie gar nicht mehr in der Lage sind. Um ihren eigenen Tod zu verschleiern, der ihnen bewußt würde, wollen sie die Welt in den Tod reißen. Wer mit 20 nicht selbständig sein will, ist aber krank (oder einfach schwach), und aus dieser Krankheit (oder Schwäche) wird er fast zwangsläufig böse.

Denn man muß es noch schärfer formulieren: Wer in dieser Phase den Menschen nicht zur Normalität erzieht, ihn in die Lage versetzt, sich der Normalität in immer spezifischeren allgemeinen Gestalten zu fügen, wer also diese allgemeinen Gestalten vorenthält, handelt GRAUSAM. Genauso wie grausam und lieblos handelt, wer einer Zeit die menschliche Normalität als Norm nimmt, oder gar Abnormität sui generis zur Norm erhebt. Das führt direkt zur Impotenz, und löscht jede Zukunftsfähigkeit aus, weil es die Kraft der Natur ins Leere gehen, unerfüllt sein läßt. Stattdessen also wachsen unbewußte Triebkräfte, die nach Entladung suchen, was sich, wenn die (normale) Gestalt der Entladung fehlt, fast zwangsläufig ins Böse, in den Neid, ins Lieblose kehrt. Erziehen heißt, schreibt Hermann von Keyserling einmal, ins "Geborene" hineinwachsen. Man kann nur Vorhandenes erzeihen. Das Neue hingeben ist eine Frage der Inspiration, die aber nicht Inhalt von Erzhiehung sein kann, sondern dort befruchten kann und soll, wo der Mensch aus sich heraus neue Gestalt verwirklicht.

Und hier beginnt die Frage der Person - nicht einer Methodik! - mit Einfluß ausschlaggebend zu werden. Hier geht es um den Akt der Zeugung, und er ist prinzipiell jeder Erziehung ungreifbar. Und deshalb ist Inspiration prinzipiell männlichen Charakters - als der Same, den das Weibliche, das Erziehung bis dorthin noch bedeutet, austrägt und zur Gestalt reifen läßt - im Erwachsen(d)en. Zum Außergewöhnlichen kann nicht "erzogen" werden, es widerspricht dem Wesen von Erziehung. Inspiratoren - die treibenden Kräfte von gesellschaftlicher Entwicklung - sind nie Erzieher, sondern Zeuger, in gewisser Hinsicht sogar "Verführer" (Sokrates wurde Verführer genannt, gerade nicht Erzieher.)

Wer aber in obigem Sinn nicht zur Normalität** erzieht, der nimmt dem Heranwachsenden jede Chance zur Bewährung und zum Erfolg als Erfahrung des konkreten Selbstwertes, der ihm ja bestenfalls in Form eines billigen, künstlichen Ersatzstoffes in geschützten Räumen "nachgeworfen" wird.*** Damit wird die eigene Lebensleistung nicht nur wertlos, sie ist gar nicht mehr als Selbsterfahrung vorhanden. Der Wille, die gesamte Gesellschaft zu einem geschützten Raum umzubauen, zeigt deshalb nicht einfach Dummheit. Er zeigt Bösartigkeit.





*Das ist einer der heute häufigsten Fehler, nicht zu berücksichtigen, daß jede Phase des Heranwachsens keineswegs in einer linearen Entwicklung zum späteren Erwachsenseins steht, sondern in seinen Eigenheiten mit unterschiedlichsten Kräften konfrontiert, deren viele überhaupt nur temporär, der Lebensphase angemessen sind. Erwachsenwerden, Erziehen heißt ja nicht, alles zu entfalten, sondern den Menschen zu einer tragfähigen Mitte und Vernunftfähigkeit hinführen.

**Man denke an den Schwachsinn des Schlagwortes des "kritischen Beuwßtseins", das heute durch die Lande geistert. Das - eiderdautz, wie seltsam - doch nur neue Konformität und Mutlosigkeit bewirkt. Stattdessen verweigern nämlich Erzieher, den Schützlingen Normalität zu ermöglichen, indem sie das Normale zu verweigern anhalten. Und den Menschen damit jede Basis nehmen, auf der Inspiration, Annahme und Ausreifung erst möglich würde.

***Schon darin zeigt sich übrigens die tatsächliche Verrücktheit - und es ist nur Verrücktheit, im eigentlichsten Sinn - etwa von Quotenregelungen, "Antidiskriminierungsbestimmungen", Einflußnahmen auf Auswahlkriterien, das Verwirren des Bildes der Normalität, etc.




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Samstag, 8. März 2014

Das Nichts des Zweifelnden

Die Bindungslosigkeit des Menschen (die die der Liebe entbehrende Verweigerung von Gestalt als Ehe von Form und Materie ist) entspricht der Ebene des Zweifels, der jede Festlegung entsagt. In der Meinung, nur so erhielte er sich die Freiheit, vernichtet er das Vertrauen, die Basis der Dinge überhaupt.

Tatsache bleibt dann zwar, daß er tatsächlich "zu allem" fähig bleibt, aber nur potentiell. (Und schon gar nicht, übrigens, praktisch, ein Aspekt, der vielfach völlig übersehen wird, denn zur Befähigung braucht es weit mehr als "Talent" bzw. eine gewisse Disposition, Fähigkeit kann sich nur in der Verschwisterung mit Tugend entwickeln und entfalten, wird also nur bei praktischer Fähigkeit zur wirklichen Tüchtigkeit, zum "Können".)*

Gleichzeitig nämlich bleibt der Zweifelnde (und Bindungslose) in seiner "freischwebenden" Intelligenz - nichts.

Erst in der Bindung (dem "schaffenden Wort" des Versprechens, des Eids, ein Urgeheimnis des Wortes, der Sprache, auf dem sie überhaupt aufbaut, das zurückreicht in den "logos", das Wort, das im Anfang war - als Sinngebäude, und das ist ja: Gestalt) vollzieht der Einzelne das Wesen eines Werkes, das ihn ja immer übersteigt bzw. in dem er sich übersteigt, aus sich heraustritt (ekstase). Denn in ihr wird das höhere Vollzugsgesetz zum (höheren, weiteren) Organismus, den er wirkt, erfüllt. Das Teil, auf andere Weise ausgedrückt, stirbt in das Größere, Ganze(re) hinein. Theoretisch: bis es "alles" ist. Wobei diesmal wäre es wirklich "alles", und nicht "alles vielleicht, aber nichts wirklich".

Identität ist damit das Zweifachspiel des Gegebenen - und des Ergriffenen, und dann selbst als Basis der Beziehung zur Welt Bewahrte. Denn alles Seiende (alles, was "etwas ist") muß sich (als Idee**) selbst ergreifen, um im Dasein zu bleiben.

Sprengt sich ein gesellschaftliche Verband (Familie, Sippe, Land, aber auch etwa ein Unternehmen, ein Stand), wird ein gesellschaftlicher Verband zerstört, so steht in den Zerfallsteilen der Zweifel auf. Sie werden gezwungen, den aus den "losen Bindungen" (Schmerz) im Selbst erkennbaren Abdruck im Geist, im Verstand zu rekonstruieren. Das ist der Moment, von dem Voegelin spricht, wenn er die "Ideierung" als markante (katastrophische) Kultur-Verfallsstufe anspricht, als die große Versuchung des Hinaufdrückens des Realen ins Ideell-Statische. Um so aus der Idee (dem Ideenbild, einem Gedankending sozusagen) heraus dem "Schmerz" (s.o.) zu antworten und vermeintlich zu überwinden (und sei es: in der Trauerarbeit als Beziehung zum Nicht/Nicht-mehr im Reich der Toten).

Deshalb kann man davon sprechen (siehe: Augustinus), daß der "sich Täuschende" (Enttäuschte etc., der Schmerz Erleidende in obigem Sinne) sich im selben Zuge erst "als ICH" (bewußt) erfährt, wenn er sich bindet (und darin Verlust erleidet). Es ist die Geburtsstunde des reflexiv erfaßten Ich. (Ab hier könnten noch weite Brücken - bis zu Hegels Verstandesfundierung als Weltgeist - geschlagen werden, denn so bildet sich im Verstand das Ideenbild der Welt ab, bei Hegel sogar aus dem Grundprinzip der Verneinung/Antithese heraus.) Mit der Gefahr, dieses "zweite Ich" für die Substanz selbst zu halten - der Ausgangspunkt des seins-getrennten Rationalismus, der seinen Verstand überhaupt mit "Welt" identifiziert und sich (und Welt) aus sich selbst positiv konstruiert glaubt. 

Belassen wir es mit dem Hinweis auf Sokrates, der da sagt: "Wenn Du etwas lernen kannst, lerne das Nicht-Wissen." Denn der Rationalismus baut auf dem GLAUBEN (einer Vorentscheidung also) auf, daß das (im Verstand) Gewußte oder zu Wissende (und nur das) - die Welt sei. Damit fällt sein Ich auch zur Gänze ins Historisch-Relative (Descartes!), hat keine überzeitliche Substanz, die ihm voraus geht. Wenn man das noch mit der Tatsache der Bezogenheit des Selbst als soziales, historisch-relatives Konstrukt verknüpft (siehe etwa J. Lacans), bleibt überhaupt nichts mehr, fällt eine Kultur (weil die Personen, die in ihr leben) regelrecht in sich zusammen, löst sich ins Nichts auf. Wer die Geschichte des 20. Jhds. verstehen will, kann nur dort ansetzen: bei den vergeblichen Versuchen, mit diesem positiven Willen diese Substanz zu schaffen, die das 18. Jhd. definitiv auflöste, das 19. suchte (Kant, Hegel, Schopenhauer, Nietzsche ...) und konstruktivistisch vermeintlich fand, und das 20. zu realisieren müssen meinte. Und das wiederum wäre gar nicht möglich, wenn es sich nicht auf die tatsächliche Struktur alles Seienden beziehen könnte, das die Trinität aus Wort/Idee - Fleisch/Wissen - Liebe/Wille analog (ähnlich) dem Ursprung, Gott dem Sein also, in seiner inneren Geschehensweise DARSTELLT (für den Rationalisten: ist). 




*Das Selbstgefühl, "alles zu können", ist deshalb das typische Gefühl des Jugendlichen, des noch nicht Erwachsenen, dem einerseits die Kräfte zur Welt hin erwachen, anderseits die Formung fehlt, die diese "Anlagen" überhaupt erst zu Fähigkeiten macht, und damit spezifiziert, weil sie nur so Fähigkeiten werden. Der Nicht-Erwachsene "kann alles", ohne irgendetwas zu kennen (und damit zu lieben), und kann damit nichts. Der Erwachsene hingegen "hätte manches andere auch können", weiß aber, daß er sich entscheiden (als: positiv binden) mußte, um überhaupt etwas zu können.

**Mit der üblichen Warnung, Idee auf "statisches Bild" eingeengt zu sehen. Sie ist vielmehr als "Bewegungsbündel" zu verstehen, als Bündel von Antrieben zu einer Gestalt. Wird sie zum "statischen Bild", haben wir genau das, was den lebendigen Kulturvollzug als Selbsvollzug erstickt.




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Freitag, 27. September 2013

Mysterium Wirklichkeit

Die Wirklichkeit ist in ihrem Seinsgrund Mysterium - vieldimensionales Mysterium, mit unendlichen Aspekten. Aber je tiefer die Erkenntnis, die gnosis, in das Mysterium eindringt, je klarer sie es erkennt, desto klarer erkennt sie es als das, was es ist, als Mysterium. Die absolute Erkenntnis des Geheimnisses als Geheimnis, nicht die völlige Erklärung des Geheimnisses, sodaß es aufhörte, Geheimnis zu sein, ist die äußerste Erfüllung aller in der absoluten Unendlichkeit der Alleinheit angelegten und also möglichen Erkenntnis. 

So bedeutet denn jenes Wort des Sokrates, das [...] als die ultima ratio rein theoretischen Eekennens bezeichnet wurde, - "ich weiß, daß ich nichts weiß" -, wahrlich die äußerste Erkenntnis in der reinen theoria, d. h. in der "Gottesschau".


Matthias Vereno, in "Vom Mythos zum Christos"



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Sonntag, 4. September 2011

Die Personalität des Wortes

Der Geist der Lüge, dem alles Menschliche im Menschen zum Opfer fällt, der alles erwürgt, dem Menschenmörder von Anbeginn, hat seine Macht über die Welt erst so richtig gewonnen, als das Papier erfunden war, schreibt Ferdinand Ebner in einem Artikel in der Zeitschrift "Brenner" im Jahre 1922.

Erst die papiergewordene Lüge, die den geistvernichtenden Widerspruch zur Wahrheit, die im Worte war im Anfang, nicht mehr so recht fühlbar werden läßt, sie erst richtete den Menschen ganz zugrunde. Das geschriebene Wort - mehr aber noch gilt das vom gedruckten - kommt, wie Platon sagt, überall hin, auch zu denen, die es nicht verstehen, und weiß selbst nicht zu sagen, für wen es bestimmt war und für wen nicht. Auf dem Wege durch Druckerschwärze und Maschine wird es, eben weil es durch einen Mechanismus der lebenserfüllten Unmittelbarkeit des persönlichen Moments bereits entrückt ist, selber zu etwas Unpersönlichem, und läuft zuletzt nur gar zu leicht Gefahr, dem Ursprung des Worts im Geist und in der Wahrheit sich zu entfremden. 

Die Phrase, von der das Herz nichts weiß und nichts wissen kann, die die Gehirne verklebt, die Urteilskraft knebelt und den Quell des Lebens im Gemüt verstopft, wird nicht aus dem Mund des Menschen geboren. Zuerst steht sie auf dem Papier, und von da erst kommt sie in den Mund des Menschen, um nun ihre Herrschaft in einer geistlos werdenden Welt auszuüben. 

Hat Platon, der durch Sokrates im Gespräch mit Phaidros seine Überzeugung ausspricht, daß niemals eine Rede in Versen oder in Prosa geschrieben worden sei, die von Anfang bis zum Ende ganz ernst zu nehmen wäre, das Unheil des Journalismus und einer in 'Welträtseln und Lebenswundern sich popularisierenden und prostituierenden Wissenschaft' geahnt, [...] das einem Geschlecht eignet, das viel zu wissen meint, während es nicht weiß, nicht einmal, wie fern vom Wissen und der Wahrheit es lebt?

Ein wichtiger Gedanke - das Wort ist nicht gültig und wirksam, ohne es im Insgesamt der Kommunikation gesehen zu werden: als Wort VON jemandem AN jemandem. Ein personaler Akt! Nicht ein (genuin) rational-rationalistischer, wie (entschuldigend, der Verantwortung, auch für die Lüge, entheben sollend) gerne behauptet wird. Wieviel mehr gilt das, was Ebner da schreibt, vom Internet, einer nächsten Stufe der Entpersönlichung der Kommunikation!



*040911*

Freitag, 1. Mai 2009

Kunstwerk und Prophetie

Noch nie war der Eindruck so stark, wie beim Lesen von Schelling, bei dem genau dies so plastisch zu werden scheint (als dächte er nicht, sondern schlüge er wie ein Bildhauer am Stein, bis das Bild der Idee gleiche), daß Denken ein Anpassen der Vorstellungs- und Ideenordnung an das Gefühlte, über die Welt Geahnte, ist. Gerade, wenn man "Menon" von Plato dazufügt, wo Sokrates über das Erkennen als reinen Akt des Erinnerns spricht.

Damit ist auch das Sprechen an sich als Gestalt ein Akt der Gewohnheit, sohin in direktem Zusammenhang mit Tugend und Wahrhaftigkeit stehend, das Denken ein Akt der Sprachgestaltung, bis es im Logos kopuliert.

Gleichzeitig ist - auch hier ist Schelling zu folgen - das Urgrund allen Weltfühlens ein Herzensakt der Poesie, wird der Künstler zum Priester und Propheten, das Kunstwerk zum einzigen die Schöpfung als Akt der Liebe und Selbsterkenntnis Gottes wirklich entfaltenden Akt.

Heinrich Reinhardt weist wohl in gleicher Gedankenlinie auf die zentrale Bedeutung des "Wohlwollens" als Tor zur Philosophie hin.

In dieser Sicht - der Welt als Explikation Gottes, dem Sein, das sich enthüllt, sodaß Wahrheit menschlicher Erkenntnis im Maß Ihrer Übereinstimmung mit Gott (als der Wahrheit) darstellende Teilhabe an Gott (mit dem Schlüssel: Kreuz, wie Dante es ebenfalls ausdeutet: laß alles fahren ...) bedeutet - trifft sich Schelling absolut mit Thomas v. Aquin, Cusanus, Plato etc. etc.

Nietzsche wirft Schelling vor, kein Denker zu sein. Während Schelling diesen Anspruch gar nicht mehr erhebt, sondern sich als "Mythologe der Vernunft" begreift.


*010509*