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Donnerstag, 15. April 2010

Geburtsstunde des Spießers

Im Aufschwung der Städte, der Kaufmannschaft, im Götzen Geld, der nun aufgetaucht war, in der Demontage von Adel und Reich, in den Ereignissen des 13. und 14. Jahrhunderts, sieht Joachim Fernau die Geburtsstunde des deutschen Spießers.

"Damals bildeten sich im Charakter der Deutschen auch jene Züge, die sich bis heute gehalten haben und die so widerwärtig, so unleidlich und oft so beschämend sind.

In der ideenlosen, engen Welt der kleinen Städte ohne Vaterland wurde der Vereinsmeier geboren, der seinen Stolz in lächerlichen Dingen sucht, der sich unter dem Banner seines Kegelklubs und unter donnernden Reden beerdigen läßt; der Titelkranke, der vor Wut bebt, wenn man ihn nicht mit Herr Doktor anredet; der Radfahrer, der nach unten trampelt und nach oben schamlos buckelt; der stille Hasser alles Fremden und anders Gearteten, das sein Philistertum bloßstellt, und der berühmte "Feigling in der Fremde", der alles einsteckt, weil seit jenen alten Tagen fast niemals mehr die Macht eines Vaterlandes hinter ihm gestanden hat."

Und wieviel erst, so Fernau, hat Deutschland sich selbst später dann zuzuschreiben, genau weil es diesen Weg eingeschlagen, genau diese Stunde der Geschichte so selbstsüchtig-kleinlich versäumt hat. Denn in der beginnenden Renaissance ... wurde die Welt aufgeteilt. Aber Deutschland war nicht dabei. Es machte die bahnbrechenden Erfindungen, die eine neue Welt vorbereiteten - den Globus, das Schießpulver, den Buchdruck, die Taschenuhr. Aber es war weltpolitisch abgemeldet, Spielball und Zankapfel europäischer Mächte, auch habsburgischer Eigensucht. Und während es sich in Wohlstand und Bürgerglück suhlte, bemerkte es nicht, daß es politisch auf ein Nebengleis rutschte, bis es ein furchtbares Erwachen gab ...


Joachim Fernau in "Deutschland, Deutschland über alles ..."



*150410*

Sonntag, 28. März 2010

Vielleicht war alles ganz anders

Eine interessante, und bei näherem Nachdenken vieles beleuchtende These, die Joachim Fernau in "Deutschland, Deutschland, über alles ..." vertritt - auf der Feststellung aufbauen, daß jeder Glanz des Kaisertums in Deutschland im 17. Jahrhundert längst erloschen, Maria Theresia (deren Erbberechtigung - Karl VI. hatte keine männlichen Nachkommen - und damit Legitimität in einem Teil Deutschlands nie anerkannt wurde) nur noch "Fürstin in ihrem Stammland" war:

"In blinder Gier hatten die Habsburger unter Vernachlässigung aller Reichsgeschäfte und Kaiserpflichten ihren persönlichen Besitz mit allen Mitteln der Verträge, der Tauschgeschäfte und der Heirat vergrößert. Aus jener Zeit stammt das Wort: Tu felix Austria nube, Du glückliches Österreich, heirate!

Man kam sich sehr schlau vor. Das Schicksal präsentierte jedoch jetzt (im 18. Jahrhundert; Anm.) die Rechnung: Die Habsburger Untertanen bestanden aus Böhmen, Mähren, Österreichern, Krainern, Tirolern, Siebenbürgern, Ungarn, Oberitalienern, Flamen, Wallonen und Serben, ein sinnwidriges Völkergemisch, das uns die Welt später schwer übel genommen hat. Es zwang den Kaiser damals, undeutsch zu denken. Die Ungarn haßten ihn, die Böhmen haßten ihn, die Wallonen haßten ihn, die Italiener haßten ihn. Es war ihm egal. Verzweifelt klammerte er sich an seinen erheirateten und erschacherten Besitz, ständig jonglierend."

Tja, was soll man da noch sagen ... außer: Wo wollte man ihm widersprechen? Außer daß die Geschehnisse der letzten paar hundert Jahre ihre auffällig stimmige Logik erhielten, die den gelernten Österreicher zwingen würde, sein Selbstbild, das er ohnehin nie auf die Reihe bekommt (und das vielleicht dann, wenn er sich dieser Wahrheit gegenüber öffnet, endlich, endlich ihr Gleichgewicht fände), neu zu überdenken? Ein Ende hätte es dann mit falscher Habsburg-Romantik, ja eben diese wäre dann falsch.

Wer hat denn wirklich je die Habsburger gemocht? Die Österreicher, das heißt und hieß: Oberösterreicher? Niederösterreicher? Steirer? Schon unter Rudolf, dem ersten Habsburger auf Deutschem Königsthron, waren sie gegen ihn, er mußte das Land brechen, und er tat es gegen Premysl Ottokar, dem die Menschen in Wahrheit anhingen.

Ist sohin die Geschichte dieses Landes nicht die Geschichte einer jahrhundertelangen, unausgesetzten usurpatorischen Anmaßung? Ist sohin die Geschichte des Adels, der Eliten in diesem Lande, die eines unausgesetzten Verrats? Einer Spaltung der Bevölkerung, in dem man ihm Eliten vorsetzt, die zu ihm in Widerspruch stehen?

Ist das heute anders? Ist also heute nur die Fortsetzung dieses historischen Zuges, in dem ein Volk, Völker, in Geiselhaft stehen?










*280310*

Sonntag, 28. Februar 2010

Wie alles kam (7)

Was sich in der Nachkriegszeit Österreichs abspielte und wahrlich nicht bei Null begann, ist natürlich keineswegs einmalig in der Geschichte - weder des Landes, wie überhaupt. Und ehe wir mit dem rein "historischen Faktenläufen" (wie schwer es da wird, die Begriffe zu wählen, wenn man einmal begriffen hat, daß es immer um eine einzige Gegenwart von Antrieben, Motiven, und Freiheit geht, deren Höhe erst überhaupt eine Aussage zulässig macht), dem Ablauf der (immer ausgewählten, als geschichtsmächtig angesehenen) Geschehnisse in Österreich fortsetzen, die uns auf einen bestimmten Punkt bringen sollen, der etwa in den mittleren 1970er Jahren liegt, ab dem eine Entwicklung eine Reife gewonnen hatte, die die folgenden Jahren nur noch zur Folgetragung machten, weil wirklicher Entscheidungsraum, auch durch die Menschen, die nun "geformt" waren, kaum mehr existierte, ehe wir also mit dem "Fortgang der Dinge" weitertun, wollen wir neuerlich etwas einschieben.

Das uns helfen soll, das, was da geschieht, noch besser begreifen und einordnen zu können. Denn wozu sonst sollten wir es tun? Erst damit können wir für unser Hier und Jetzt gewinnen, weil wir seine Genese verstehen, ja aus der Geschichte überhaupt erst dieses Heute erkennen!

Es soll in diesem Schritt also weiter Luft geholt, sollen Daten zu Fakten, und sei es unbewußt, geadelt werden oder werden können und dem geneigten Leser nicht vorenthalten bleiben, was Joachim Fernau zur "goldenen" Zeit sagt - und zwar jener der rund dreißig Jahre der Regierungszeit des Perikles im "demokratischen" Athen (ab ca. 460 v. Chr.) sagt. Die man gerne als die wirklich große Zeit der Griechen, in Wohlstand und Glück, darstellt.

Die Töne freilich, mit denen diese Epoche kommentiert wird, sind zu dieser Vergoldung denn doch deutliche ... wie sagt man? Konnotationen?

[Perikles'] Geist war geformt, aber nicht befruchtet; sein Herz weit, aber ohne Sehnsucht. Er hatte Temperatur, die die Menge zu allen Zeiten als warm und der wirklich Warmherzige als lau empfindet. Seiner musischen Natur verdanken wir die Schätze Athens - dennoch war diese Natur ohne Feuer. Er erwärmte sich an der Kunst, aber er brannte nie. Er war nie ganz im Himmel. Er besaß einfach ein glückliches Naturell und eine glückliche Hand.

Interessant wird es nun, wenn man die Charakterisierung seiner Regierungszeit liest - Ähnlichkeiten und Anspielungen auf Lebende oder Gelebt-Habende und Bestehendes keineswegs zufällig und unabsichtlich. Es war eine Zeit, in der die (zufließenden, nicht die erarbeiteten!) Geldmittel schier unerschöpflich waren, der Anteil der vom Staat Gestützten oder Bezahlten stieg und stieg.

Wohl, so Fernau, habe man den einzelnen Menschen so vorgefunden, wie man ihn aus Väterzeiten kannte, "überall begegneten einem die Männer alten Schlages, der eine ein Solon, der andere ein Mensch wie Aristides, dieser Geflügelhändler ein wahrer Odysseus, jener ein Schuster, ein Megakles, eine Menge fröhlicher Theatraliker, liebenswerter Flunkerer gegenüber dem Leben, Bummler, Gaffe, Schwätzer, Komödianten ... So waren sie als Einzelne."

Aber es war wie ein Auftrieb aus früheren Wurzeln, Frucht anderer Zeiten! Denn: als Masse hatten sich die Athener längst verändert. Früher war man eine Art Burggemeinschaft gewesen, ein stabiles Gefüge; jetzt war man eine Großstadt, mit einem riesigen Proletariat, labil, unüberschaubar, anonym. Wo einst der Schuster in der Gasse gesessen und die Sandalen des Herrn Kleophanes [...] genäht hatte, da saßen jetzt zehn Gesellen wie an einem Fließband; der eine schnitt nur noch die Sohlen zu, der andere die Riemen, der dritte nähte, der vierte färbte [...] Den Schuh hatte "niemand" gemacht, so wie nun die Politik "niemand" gemacht hatte. Und keiner erfuhr je, wer den Schuh trug. Man lieferte dem Meister kein Werk mehr, man liefert ihm Arbeitsstunden. [...] Niemand liebte mehr die Arbeit, [sondern alle leisteten ihren Job:] man empfing seinen Lohn und ging.

Wenn sich früher der Färbergeselle zum Panathenaia-Fest herausputzte, so wollte er die Göttin ehren und das Bild der Straße verschönern. Wenn er es jetzt tat, so wollte er Mimikri treiben; er rechnete mit seiner Anonymität in der Masse und wollte für einen anderen genommen werden. Er sah mit Kopfschütteln auf die [...] Sklaven herab, [wenn sie abends singend in die Weingärten zogen] während er selbst ein anderer Mensch wurde und durch die Barbierstuben und Parfümerien schlenderte. [...]

Er sah, daß die Dinge nicht mehr fest standen, sondern im Fließen waren; er sah, wie das Leben jetzt Lotterie spielte; bald vergaß er, daß es eines Einsatzes bedurfte, er glaubte, das Los müsse jeden treffen. Aus der Hoffnung wurde eine stumme Forderung; aus der stummen eine laute. Der Mann aus dem Volke war unzufrieden geworden!

Athen war voller Unzufriedenheit. Niemand aus der Masse besann sich mehr auf die Vergangenheit, ja auch nur auf das Gestern. Rückständige taten das, Reaktionäre. Man mußte sie belächeln, besser: hassen. Gesteigerte Zuversicht in den nächsten Tag, das war die neue Lebenskunst.

[...] Alle quatschten in die Politik hinein, heute fällten sie eine gefährliche Entscheidung, morgen stießen sie sie um, übermorgen hatten sie die Lust verloren [...] Wenn das Geld knapp wurde, forderte man höhere Löhne. [Erstmals gab es "Streiks"!]
Perikles führte für alle, die in den Ausschüssen oder Räten [saßen] "Tagegelder", Diäten ein, die zum Leben ausreichten. Infolgedessen drängte sich ein riesiger Haufen von Eckenstehern und Tagedieben zum "Regieren", eine Ansammlung von finsterstem Plebs.

[...] Wer da noch arbeiten wollte? Fremde und Sklaven. Über den [Hafen] wurde herangekarrt, was gebraucht wurde.
Die Staatsausgaben übertrafen längst die Einnahmen. War es nicht einfach? War es nicht eine Lust zu leben? Wer an das große Erwachen glaubt, war ein Faschist oder Kommunist.

Und all die herrlichen Kunstwerke aus dieser Zeit? Fernau: Ich pfeife auf alle Herrlichkeiten aus Marmor, wenn sie zu Grabbeilagen eines Volkes werden! [...] Das Gejohle, das Lachen der Masse, die Lust an der sausenden Talfahrt [...] sind ein scheußlicher Anblick.Alle aber klammern sich umso mehr an das Zauberwort - den Fortschritt. Der Wahn vom "Fortschritt" ist, philosophisch gesehen, ein Denkzwang, der aus einer seelischen Erkrankung kommt. Er tritt epidemisch auf, und zwar immer dann, wenn die Lebenskraft eines Volkes sich zu erschöpfen beginnt. Man findet ihn bei jedem Kulturkreis, jedem Folk, jeder Rasse. [Die Gehirne der Massenmenschen] verkraften ihr plötzliches Empfinden für große Dimensionen, für Weite, Zeit und Entwicklung nicht; sie verlieren den Halt, sie verlieren das, woran sie sich halten konnten, sie werden haltlos. Sie haben den Sinn im Kleinen verloren, und sehen keinen im Größeren.

Der wahre Inhalt des Fortschritts ist Wechsel. Mit Qualitätssteigerung hat er nichts zu tun [...] Auch ein im Kreise drehen wird von der erkrankten Seele durchaus als Fortschritt empfunden [...] Die kranke Seele konsumiert die Bewegung, den Wechsel wie eine Droge! Zustände, die zuvor von Dauer waren und auch von Dauer sein sollten, werden jetzt am laufenden Band "verbraucht". Der Fortschrittler ist - vergessen Sie diesen Satz nie mehr - ein Verbraucher!

Und damit sind wir bei einer entscheidenden Erkenntnis: Fortschritt ist Umsatz. Und zwar nicht etwa "eine Art Umsatz", sondern er ist das Prinzip des Umsatzes schlechthin. Genauso wie beim Kaufmann. Es ist identisch mit dem merkantilen Begriff.

Daher ist die Wirtschaft auch der "Mäzen" des Fortschritts. (Und der Todfeind des biblischen Paradieses.) Mit einer Fortschrittsepidemie geht stets eine Wirtschaftsepidemie parallel.
Und selbstverständlich war das fortschrittliche Athen stolz darauf! Ja: Im Zustand des Fortschrittswahns wird die Menschenseele tyrannisch. Sie verlangt, daß sich ihr jedermann im Fortschrittsglauben anschließt. Obwohl sie kein Heil weiß, gebärdet sie sich als Heilskünder.

Weshalb Athen alle, Freunde wie Feinde, aufforderte, dieselbe Verfassung, dieselbe Lebensform, dieselbe Wirtschaft anzunehmen; daß es die nicht Folgsamen zuerst als rückständig belächelte, dann anprangerte, und schließlich bekämpfte.

[...] Es war nichts als die Angst vor dem Alleinstehen, der angstvolle Wunsch der wurzellos gewordenen Massenseele nach Bestätigung. Vielleicht mehr: der Wunsch, Vergleichsmöglichkeiten zu vernichten. In solchen Wünschen leben heute ganze Erdteile. Allerdings ohne Parthenon.
Sie wollen wissen, wie es damals weiterging? In Athen? Es stürzte unmittelbar nach Perikles, nach diesem "goldenen Zeitalter" des Wohlstands, in einen schier endlosen, sinnlosen, verwirrenden 30jährigen Bürgerkrieg mit dem großen zweiten Spieler auf der griechischen Halbinsel, Sparta, jeweils samt Verbündeten, an dessen Ende auch das Ende des "großen" Griechenland stand. Bis es von den Römern aufgesogen wurde, und schließlich weitgehend - über Byzanz und die Türken - von der Bildfläche verschwand. Das "goldene Zeitalter" war ... das Vorspiel zum Ende gewesen.

Als Perikles erst zurücktrat und dann, als Legende seiner selbst sich selbst überlebend weil zurückgeholt, endgültig starb, stellte man fest: es gab keinen annähernd gleichwertigen Nachfolger von Format! Fernau dazu: Alte despotische Naturen fühlen sich unter Nullen wohl.Natürlich gab es dann einen Nachfolger, und zwar "einen aus dem Volke" - das in Kleon erstmals in Reinkultur auftrat! Freilich verhöhnte man seine Einfachheit, schimpfte man ihn "Demagogen". Aber war das so? "Kleon trug vollkommen ehrlich seine eigenen niederen Regungen vor, sie deckten sich mit denen der Masse. Er hielt sie auch nicht für niedrig, er hielt sie für prima. Daher sein Mut zur Konsequenz. Er war brutal, undiszipliniert [...] aber so ist eben die Masse: Sie reißt sich nur zusammen, wenn etwas weh tut.

Kleon,
schließt Fernau, war ein Prolet. Er war die Quittung für die Nullen, die ein alter Mann, der zu lange und zu monoton regiert hatte, hinterließ.



Zitate entnommen aus: Joachim Fernau "Rosen für Apoll - Die Geschichte der Griechen"