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Dienstag, 12. März 2019

Ein einziger Fake

Sie meinen, verehrter Leser, dies sei doch ein Wahnsinn? Es handele sich um ein Video aus den 1950ern, 1960ern? Und fragen sich, wer denn das sei? Herrschaften - leider. Es ist ein Fake, eine beabsichtigte Täuschung. Alles an diesem Film ist Fake. Markus Haider heißt der Sänger, und er singt zwar auch wirklich, aber er singt alles 2009 im Studio. Und alle Zukost zu diesem Video ist aus anderen Videos (unter anderem von Konzerten der Beatles) zugeschnitten, er selbst durch die S/W-Technik "alt gemacht".

Wir wollen uns dazu nicht äußern. Nutzen auf gewohnte Art aber manches, um daran Gedanken zu entwickeln. Haider ist nämlich typisch für das, was heute vielfach als "Künstler" herumläuft, das zwei Täuschungen aufsitzt: Erstens, daß Künstlertum mit "Können" zu tun hat. Daraus rekrutiert sich eine nicht geringe Zahl von "Künstlern", die sich für besser dünken als alle, als solche bekannten Künstler der Vergangenheit (oder Gegenwart).  Seht, schreit deshalb auch Markus Haider hier entgegen, ich kann es noch besser als Dean Martin! Vergeblich. Alles hat mit dem persönlichen Ort zu tun, mit Schicksal. Als besser als Dean Martin werden Haider deshalb nur jene einschätzen, die vom Künstlertum keine Ahnung haben, und es mit Ruhm, Reichtum, Nutzen etc. verwechseln. Der "Versuch, es zu beweisen" geht deshalb völlig daneben.

Zweitens aber zeigt sich eine Eigenschaft, die den gesamten Kunstbereich völlig devastiert hat. Er ist derzeit überrannt von Leuten, die nur ein Ziel kennen: "Berühmt zu werden". Egal wie. An sich ein schwerer narzißtischer Defekt, wird dieses Motiv heute als legitim anerkannt.

Wüßten alle diese Leute, daß "Ruhm", "Bekanntheit", "Popularität" eine Funktion einer Gabe ist, eine Vorbestimmung gewissermaßen, würden sie vermutlich einfach davonlaufen. Denn selbst wenn sie es zu gewisser Bekanntheit schaffen, werden sie ohne es zu wissen unter die Räderwerke des Seins gelangen.

Man wird nicht berühmt, weil man etwas kann. Was immer ein Berühmter kann, spezifiziert ihn nur. Aber der Ruhm ist niemals machbar, er ist keine Funktion aus dem Können. Er ist Eigenschaft des Ortes, in den man hineingeschaffen, geboren ist. Deshalb ist Aktualisierung des Ruhms immer eine Funktion der Demut.









*100118*

Mittwoch, 10. Juli 2013

Stimmungsmacher

In einem Gespräch im Schweizerischen Fernsehen erwähnt Peter von Matt einen wesentlichen Punkt. Den man begreift, wenn man begreift, daß der Mensch auf einer "Stimmung", auf einem Gefühl, in dem ein Grundurteil, eine Grundhaltung entschieden wird, seinen gesamten weiteren Gedanken- und Urteilsprozeß aufbaut.

Von Matt erwähnt, daß das was Literatur und Kunst leisten kann, gar nicht so sehr im intellektuellen Diskurs liegt. Das wird heute überbewertet, denn Diskursmechanismen (die sich aus den Räumen der Kunst ableiten) sind vielfach vorhanden, anders als noch vor fünfzig oder hundert Jahren, wo Kunst auch diesen Raum zu bilden hatte. Vielmehr fundiert und verändert Kunst die Stimmung, die Atmosphäre eines Landes. 

Und in dieser Hinsicht hat sie keineswegs Einfluß verloren, fast im Gegenteil, hier übt sie mehr Einfluß aus als sogar noch vor 50 Jahren. Denn dann muß man sehr wohl die gesamte Medienlandschaft mit einbeziehen, die selbst in ihren verzwecktesten und banalisiertesten Formen und Gestalten ein Derivat von Kunst, und insofern unter selbigem Blickwinkel zu sehen ist, wenn sie auch nur noch in sehr verringertem Ausmaß Kunstwerk selbst ist, oder das (dieses) Wesen der Kunst mißbraucht.

Die Wirksamkeit eines Künstlers, seine Bedeutung, definiert sich damit aus seiner Kraft, diese Stimmung in seinem Werk zu prägen. 

Deshalb muß klar unterschieden werden, was an einem Künstler Wirksamkeit durch sein Werk ist, oder was davon auf einer völlig anderen Ebene des Wirkens liegt - im gesamten "Afterbetrieb" etwa, der sich um die Kunst gebildet hat. Wo es um die Person geht, um seine Lebensart, seine Rolle, die er in der figuralen Außenwelt spielt. 

Man könnte es vielleicht auf einen einfachen Nenner bringen: Es gibt mmittlerweile sogar zu viele Kunsträume, die aus ihrer immanenten Notwendigkeit diskurs produzieren müssen (Tageszeitungen oder Fernsehprogramm MÜSSEN gefüllt werden, egal wieviele Inhalte es real gibt) und zu wenige Künstler. Vermutlich. Denn eigentlich können wir das gar nicht (mehr) wissen. Denn im selben Maß, als diese Kunsträume unkünstlerisch wurden und werden, werden auch die Selektionskriterien unkünstlerisch.

Das wirkt sich in ungebührlichen Konzentrations- und Verstärkungsprozessen einerseits aus, eine Gefahr für den Künstler, anderseits in einem Auffüllen fehlenden Inhalts durch Scheininhalt, der nur noch ein Abglanz der Kunst ist. Dennoch ist dieser Abglanz in der popeligsten Rateshow enthalten. 

Mit einer interessanten, aber keineswegs verwunderlichen Beobachtung: Daß nämlich auch die simpelste Talkshow nach den Gesetzen des Theaters, nach den dramatischen Gesetzen der Kunst - die ein Abstraktum, ein Kriterium herausstellen, aus dem sich Vielfalt in Einheit zusammenfaßt - überhaupt funktioniert. Und NUR so funktioniert.

Was man nie vergessen sollte, wenn man die Rolle der Kunst beklagt. Erst wenn die Kunst gegen ihre eigenen Gesetze verstößt, wird sie für die Menschen wirklich uninteressant, denn dann wird sie auch langweilig, kann sich bestenfalls durch Tabubrüche und Schock-/Effekterlebnisse - die auf ganz anderer, figuraler Ebene liegen, als ein Kunstwerk - als "interessant" erhalten. Etwa indem sie die Grenzen Bühne - Alltag verwischen.

Sodaß "Interessantheit" die Bedeutung ersetzt. Aber selbst das funktioniert nur kurzfristig, und solcherart Konzepte erledigen sich nach mehr oder weniger kurzer Frist von selbst, weil die Schockmomente ausgehen. (Die sogenannten Genres zeigen das eindeutig.) Selbst Ideen trocknen aus, wenn sie nicht von fundamentalen Bedeutungen und dem Willen, diese darzustellen, genährt werden.

Unter diesem Blickwinkel gesehen wird einsehbar, daß viele weit mehr durch ihr Auftreten - etwa in der "Promiszene" - wirken, und auch weit mehr darauf abzielen, als durch ein eventuelles Werk wirken zu können oder zu wollen. Als Analogie, wo der Ruhm das Werk ersetzt und verdrängt, und als Wirkfaktor für sich mehr Kraft entfalten kann, als das Werk es je vermochte. Was besonders bei Alterswerken ein Kriterienproblem ergeben kann, wenn Künstler sich selbst imitieren.

Aber mit einer grundlegenden Unterscheidung: Der Künstler sieht in seiner Verpflichtung sich selbst gegenüber nur sein Werk und dessen Inhalte. Sein Ruhm, so er einmal manifest ist, baut letztlich immer auf dem Werk auf. Ihm ist die Prominenz oft furchtbare weil kastrierende Versuchung, spricht sie ihn immerhin in seinem Kernproblem an: der dem Mönchstum zu vergleichenden Verpflichtung, sich zum gesellschaftlichen Figurenspiel quer zu stellen, sich einer Rolle im Zweckalltag zu enthalten.

Der Nicht-Künstler, der Prominente, zielt eben auf eine Rolle in der Gesellschaft ab, imitiert also den Künstler in der Simulation der Wirkung des Werks. Die Stimmung die er verbreitet und anregt wird damit zufällig, verliert den Werkcharakter, wird bestenfalls Zweck. Das ist auch jener Moment, an dem sich die Politik ernsthaft für die Möglichkeiten des Kunstbetriebes zu interessieren beginnt.

Gert-Klaus Kaltenbrunner drückte es deshalb einmal so aus: Der Prominente maßt sich an, jene Rolle zu spielen, die nur dem Ruhm zusteht, indem er ihn durch "Bekanntheit" ersetzt und damit eine Wirkung intendiert, die nur dem Werk zustünde. Darin werden eben jene Aftermechanismen in einer vom Werk losgelösten Eigendynamik wirksam. Denn auch Bekanntheit muß zugeteilt werden. Dies Zuteilung hat die Kraft, eine neue Scheinwelt von vorgeblicher Elite zu schaffen. Weil diese aber aufs Kunstwerk und seine Rolle betrachtet impotent weil zufällig und willkürlich ist, nach nichtkünstlerischen Kriterien gewählt wird, wirkt sie auf die Stimmung eines Volkes (als Sprachraum, als Wirkraum) demoralisierend.

Umgekehrt kann ein solcherart zum Prominentenzirkus umgestalteter künstlerischer Raum eines ganzen Volkes die Künstler austrocknen. Denn er gibt der Kunst selbst ihren Raum nicht mehr. Künstler aber brauchen diesen Raum, als das "hinein", auf das zuarbeiten.* Die Verzweckung im Promi-Betrieb setzt aber die Kriterien der Kleinbürgerlichkeit (mit ihrem primären Wert der gesellschaftlichen Rolle als Zweck) als Urteilskriterien ein.

Damit ziehen sie ein völlig kunstfremde kleinbürgerliche Schichte als "Nachwuchs" an, der nach und nach den gesamten Kunstbetrieb - als ursprünglicher Raum der Kunst - umbaut und sich selbst entfremdet. Er vertreibt die Musen. Er zieht mit einem aus der Figuralität gestärkten Selbst- und Verdängungsbewußtsein die Förder- und Autorisierungsmechanismen auf seine Seite, sodaß auch die Kunstförderung kontraproduktiv wird, zur wirklichen Kunst bestenfalls noch ein Verhältnis der betulichen Ignoranz pflegt. Die eigentlichen Kunstbetriebe als Orte der Kunst - Theater, Verlage, Filmproduktionen, Galerien etc. - verkommen zu Stätten der Pflege kleinbürgerlicher Scheinstimmung.***

Kunst ist immer Dialog, ein "für jemanden". Haben die Künstler - die von sich erst gar nichts wissen - dieses "für jemanden" nicht, oder lassen sie sich täuschen, werden sie auf ihren falschen Ebenen angesprochen, können sie nicht zu sich kommen. Damit können sich ihre Werke nicht zu jener Reife entwickeln, die ihnen möglich wäre. Sie bleiben immer in ihren je neuen Anfängen - als Anläufe - stecken, krümmen sich in sich selbst. Sie erkennen im Theater der Masken ihr dialogisch-dialektisches Gegenüber nicht mehr.

Weil ihnen aber JEDES Wort unendlich zählt, weil nur sie um das Geheimnis der Ewigkeit jedes Wortes wissen, brauchen unter Umständen ihre gesamte Energie und Zeit, um die Scheinköder auszuspeien, mit denen sie laufend gefüttert wurden.**






*Goethe hat einmal deutlich gemacht, daß er Glück hatte. Denn ohne die Kollegenkreise am Anfang, und vor allem dann ohne Schiller (der dasselbe umgekehrt gesagt hat), hätte er sich nie zu dem entwickeln hätte können, was er dann geworden ist. Sie sind aneinander in den Kunstraum der Gesellschaft hineingewachsen indem sie ihn selbst geprägt und geschaffen haben. Denn er war auch damals bereits  schwer deformiert. Aber sie hatten diesen Raum für sich selbst. Nach Schillers Tod hat sich Goethe mehr und mehr völlig zurückgezogen.

**Das ist nicht in jeder Kunstsparte gleich. Besonders schlimm ist es mittlerweile aber bei Schauspiel und Theater. Von der bildenden Kunst ist es dem Verfasser dieser Zeilen ähnlich berichtet worden. Der Literaturbetrieb ist drauf und dran, aber noch will der Verfasser dieser Zeilen an offene Wege und im Kunstbetrieb lebendige Kriterien glauben. Ähnlich wie im Film, wo sich spätestens im Schnitt die Realität als Bote der Wirklichkeit auf erfrischende Weise einmischt, ungeachtet der künstlerischen Begrenztheiten des Films (aufgrund des hohen Realismus des Abbildenden, aber aufgrund der harten Marktmechanismen, denen der Film unterliegt) überhaupt. Film ist vielleicht am besten mit der Architektur vergleichbar - seine Inhalte nähren sich aus den übrigen Künsten, er selbst kann nur zu einer Melodie zusammenstellen. Charlie Chaplin hat sich deshalb zeitlebens gegen die technische Weiterentwicklung des Films ausgesprochen. Wieweit mit dem - aus oben Gesagtem allerdings erklärbaren - Hereindrängen der 3-D-Technik nicht der Film sein endgültiges Ende besiegelt, bleibt abzuwarten. Es ist aber davon auszugehen.

Ein ganz anders Kapitel, das aber das Gesagte beleuchtet, ist die Verleihung der Goldenen Palme in Cannes - zeitgleich zu den Protesten gegen die "Homo-ehe" in Paris wird sie einem Film über das Lesbentum zuerkannt. Das riecht zumindest sehr streng, nach unkünstlerischen Kriterien.Wenn ausgerechnet ein Steven Spielberg das dementiert, so klingt das so glaubwürdig als würde eine Biene den Honig nicht kennen, von dem sie lebt. Spielberg ist ein Meister des willkürlichen Mißbrauchs von Stimmungen.

***In Winterthur in der Schweiz lief im Juni ein Filmfestival, das den österreichischen Film der letzten 20 Jahren in repräsentativen Paradefiguren - Spielmann, Haneke, Schleinzer, Seidl, Albert - zum Inhalt hatte. Es nannte diese Überschau "feel bad cinema". Muß man mehr über Österreich sagen?






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Samstag, 15. Juni 2013

Wertehierarchie

Das Handelsblatt berichtet, daß drei Viertel der Kinder und Jugendlichen die Teilnahme an einer Castingshow im Fernsehen für die größte Chance im Leben halten. 

Bei einer Umfrage räumten 72 Prozent der Sechs- bis 17-Jährigen dem beliebten Showformat eine derart große Bedeutung ein. Knapp zwei Drittel nehmen die Ereignisse rund um die Kandidaten für bare Münze und stimmten der Aussage „In den Sendungen sieht man immer genau, was beim Casting und den Workshops wirklich passiert ist“ zu.




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Freitag, 17. Mai 2013

Bedeutung des Lebens

"Das Gedächtnis macht die Erlebnisse zeitlos, es ist, schon seinem Begriffe nach, Überwindung der Zeit. An Vergangenes kann sich der Mensch nur darum erinnern, weil das Gedächtnis es vom Einfluß der Zeit befreit, die Geschehnisse, die überall sonst in der Natur FUNKTIONEN der Zeit sind, hier im Geiste über die Zeit HINAUSgehoben hat."

Otto Weininger sieht das Gedächtnis an die subjektive Erhabenheit, die Fähigkeit und Anlage zur Geistigkeit gebunden. Je bedeutender ein Mensch ist, umso präsenter ist ihm das Vergangene (nicht: das Zukünftige!), ihm ist alles gegenwärtig. Nur daraus kann dann Pietät erwachsen, und daraus wächst auch das Bedürfnis nach Unsterblichkeit. Das völlig widersinnig an Egoismen oder sonstige Lächerlichkeiten geknüpft wird. 

Insofern ist auch Licht darauf geworfen, wo angesichts des Todes - aus Unfallerfahrungen wird es oft berichtet, auch der VdZ hat solche Personen gekannt, die davon berichtet haben - das Leben plötzlich memoriert wird. Es ist alles an Ereignissen immer da, jedem. Aber es kommt auf das geführte Leben, die erreichte Geistigkeit an, es gegenwärtig zu halten, damit die Zeit überwunden zu haben. Nur wer diese Inhalte seines Leben aber wertschätzt, dem sie eben "immer wichtig" sind, weil er immer ganz in sie investiert war, schätzt das Leben selbst. Deshalb ist der Schrecken des Todes nur dem Bedeutenden bewußt, denn es bedeutet die Gefahr der Nichtung des Wertvollen, des Lebens.

Bedeutung bedeutet eben, daß etwas bedeutend IST. Wem nichts bedeutend ist, der kann auch nicht bedeutend sein. Nur wer im Leben keine Bedeutung findet, hat auch keine "Angst vor dem Tod". Er muß ja erst gar keinen Wert überwinden. Wessen Bewußtsein einfach mit den Ereignissen gleichgeschaltet ist, vergeht mit dieser Ereignishaftigkeit. Weshalb so häufig Menschen zwar viele Ereignisse erfahren - die aber nie zur Bedeutung (für sie) kommen. Nur im Gedächtnis, das direkten Zusammenhang mit Bedeutung hat, kann aber das Leben in eins gefaßt weil in dieses Eine zusammengeführt werden.* Und darin drückt sich aus, daß Wert nur hat, was auch Dauer hat, darin zeigt sich der Untergrund der Tendenz zur Vergeistigung. Weil aber Geist nur weht, wenn und weil eben gerade die Zeitentrücktheit ihn trägt, sind die meisten bedeutenden Menschen unbekannt geblieben.

Deshalb hatte auch, ja gerade (!) Jesus - der Weg, die Wahrheit und das Leben - Todesangst. Auch er war im Maßstab seiner Zeit unbedeutender "Sohn des Zimmermanns".

Weil der Bedeutende aber nicht von der Zeit besessen wird, sondern sie hat, schafft nur er sie, schafft nur er Geschichte. Nicht also die in einer Zeit "Wichtigen" sind (automatisch) die Bedeutenden, weil ihr Tun mit der Zeit vergeht. Das Bedeutende aber wird von einer Zeit so gut wie nie erfaßt, weil es gerade ihren momentanen, zeitgebundenen Gestaltkriterien nicht entspricht.

Deshalb ist der reine Geist, Gott, auch Herr über die Geschichte.**


*Auch von dieser Seite also beleuchtet sich das Geschehen im Internet "als Kommunikation". Weil auch das Hineinheben von zwei Menschen in das Eine - Wesen der Kommunikation - von den realen Erfahrensumständen, die eine "Information" überhaupt erst in die Bedeutung heben können, gar nie getrennt werden kann. Die Art, wie Kommunikation stattfindet, der dabei vorgehende Prozeß, ja der Bewegungsablauf dabei selbst (dazu hier noch mehr in nächster Zeit) ist wesentlicher als Informationsgehalt selbst, weil daraus überhaupt erst Bedeutung entsteht.

Wert hat direkt mit Zeit und Dauer zu tun, und deshalb mit seiner Gestalt. Nur was Gestalt hat, wird in seiner Beziehung zur Zeit erfaßbar - in der Vergänglichkeit, vor dem Nichts also. Damit wird sein Wert aus der Beziehung dieser Gestalt zu einem selbst erfahrbar. Überspitzt formuliert: Die Möglichkeit, eine Aussage wegzuklicken, macht sie in ihrem Wert unbedeutend. Die Möglichkeit sie zu formen macht sie formbar und flüchtig, der eigenen Aussage untergeordnet. Medien sind also keineswegs gleich Medien - ihre Art ist das entscheidende Moment. 

**Das Internet ist also die technizistisch auf Funktion umgebrochene "Vergeistigung" - als schattenhafte Parodie des Geistes, der aber nur im Personalen, Persönlichen existiert. 


*170513*

Dienstag, 22. Januar 2013

Vom Vater her gedacht

Die Nähe zum König ist die wahre Grundlage allen Strebens nach Ansehen innerhalb einer Gesellschaft, und wiederum nur in dessen Nähe zu Gott zu sehen. Alles Suchen nach Ruhm und Ehre definiert sich von dieser Wurzel her.*

Im alten Ägypten finden sich deshalb in den Biographien (oft in ihrer spezielle Form der Ich-Erzählung überliefert) die Lebenstaten eines Menschen ausschließlich in ihrem Bezug auf die Rezeption durch den König, und nur insofern auch als "moralische Tat". Religion als Realpräsenz der Wirklichkeit der Toten (als Hinübergegangene), als Geister, als Jenseitige, doch in diese Welt real hereinwirkende - dieser Gedanke findet sich in den ältesten Zeugnissen des Religiösen. Zeigen die untrennbare Nähe von Religion und Totenkult.

Denn in der Grabstelle (schon der Ägypter) wurde versucht, das "Ka", die äußere Form eines Menschen, zu erhalten. "Häuser des Ka" nannte man die Grabstätten. Bereit für den Tag, an dem er wiedergeboren wurde. Real, mit Fleisch und Blut. Mitsamt seinen Lebensformen, mitsamt seinen Beziehungen, seiner Stellung, die (durch Einbalsamierung, durch Steinskulpturen, Inschriften etc.) konserviert wurden. So entstand auch die bildende Kunst, die den Toten in seinem Wesentlichen, seinem Wirklichen darstellte. Als Figurine, als Statue. Wenn seine Seele aus dem Totenreich zurückkehrte, hatte sie so ihre Form wieder, in dieser real gewordenen Erinnerung. Fand er keine Erinnerung, fand er keine Form. Sofern sie (im Weiterdenken) in diesen Formen nicht überhaupt lebendig blieb. 

Welche Koinzidenz. Der Gedanke der "Erinnerung Gottes" spielt auch im Christentum eine entscheidende Rolle der Rechtfertigung. Nur aus ihr ist eine Neuschöpfung, ein Paradies, ein Himmel denkbar. Vereinfacht gesagt, begründet sich darin die menschliche Orientierung in ihrer Schlußfolge Sein - Wahrheit - Gutheit - Schönheit - Geist Gottes. Die Hölle, in die der Böse kommt, ist das Nicht-Anwesendsein im Gedächtnis Gottes. Das Böse selbst, die Untat, ist nämlich die Seinsverfehlung. Das Böse ist nur eine Haltung, es schafft kein Sein.

Dies auf der Grundlage einer ursprünglichen kollektivistischen Realität des Menschen.** Ein Ich-Bewußtsein der Individualisierung begann sich erst in Griechenland zu entwickeln, und es sei damit nicht gesagt, daß es sich dabei um eine "gute" Entwicklung handelt. Etwa ab dem 5. Jhd. v. Chr. findet es sich wunderbar nachvollziehbar (s. B. Snell, "Die Entwicklung des Geistes") in den überlieferten Schriften allmählich, von Stufe zu Stufe, herausentwickelt. Es war demgemäß das Typische, Allgemeine, das bis dahin in einem Menschen gesehen wurde. Eine Subjektivität im heutigen Sinn gab es nicht. Das Individuum lebte von seiner Nähe zur gesellschaftlichen Mitte, seine Tätigkeiten waren "allgemeine Tägigkeiten". Sie definierten seinen Charakter: das "man" spielt, feiert, singt, tanzt, arbeitet, kämpft, aus dem sich der Einzelne zusammensetzte. Erst bei den Griechen taucht der "bios" auf.

Aber wessen immer´sich die Menschen rühmen - Ruhm ist die Zuschreibung eines Allgemeinen. Niemand wird gerühmt, Werte erfunden zu haben, die nur er lebte. Der Ruhm zielt auf das, was man für andere war (bzw. ist). Weshalb er die größte Versuchung zur Rückgratlosigkeit darstellt. Aber auch hier: in tiefer Verwurzelung zu den Grundwahrheiten des Seins und Lebens. In den Guten Taten, die seine Moral anzeigen, seine Reinheit, seine Sittlichkeit, erlangt der Mensch Rechtfertigung, im Sein zu bleiben.***

Übrigens tauchte diese Form der (ägyptischen) Biographisierung des Menschen in der Renaissance wieder massiv auf - am Beginn des Massenzeitalters (gerade! in seiner Individualisierungssucht, die nur anzeigt, daß das Individuum beginnt, Angst vor Zerfall zu erleben). Denn der Kollektivismus der Frühzeit muß keineswegs als "Nicht-Individualität" gesehen werden. Vielmehr war das Individuum in seinem Einzelsein so sicher, daß es dieses Einzelsein nie thematisieren mußte. Erst als das Ganze zu zerfallen begann, dort, wo der Kreis der Bindungen und Zueinanderordnungen zu zerfallen beginnt, beginnt auch der Einzelne die Notwendigkeit zu empfinden, sich selbst (positivistisch) in der Welt zu halten, um der Angst individuell ins Nichts zu fallen zu begegnen.

Der Tod vereinzelt, das ist sein eigentlicher Schrecken: Trennung damit nämlich auch von Gott, dem Sein. Aber im Totenkult wird der Verstorbene im Sein des Kosmos gehalten weil darin präsent. Auch den Griechen war noch die schlimmste Vorstellung - vergessen zu werden.****




*Es erhellt noch mehr für die Gegenwart, wenn man die prinzipielle Nähe von Vater und König dazudenkt. Dazudenkt, daß alles kulturelle Leben eine Suche des Vaters ist, dessen Ideen - als Wurzel allen Glücks - ein geglücktes Leben darzustellen vermag.

**Oh Undenkbarkeit einer Revolution! Wer die Ordnung der Welt zerstörte, zerstörte auch den Frieden der Toten, ja des ganzen Weltkreises. Revolution und Apokalypse - untrennbar nahe. Der Vater als Schlußstein des Kosmos, ohne den alles zusammenfiel. - Das Offensichtlichste, übrigens, an Familien "ohne Vater" (also nicht, wenn er verstarb, sondern wenn er depotenziert oder gar hinausgeworfen wurde) ist die Zerrüttung der Identität der gesamten übrigen Familienmitglieder. Mit allen Begleiterscheinungen, wie Neid, Familienmobbing, etc.

***De mortui nihil nisi bene! Sie, die sich nur noch durch das Rückbleibende vor dem Gericht - dem Abwägen gegen die Wahrheit - rechtfertigen können, werden durch Rufmord noch nach dem Tod, durch Vergessen, ins Nichts gestoßen. Der Trost des Christentums liegt in der Erinnerung Gottes - in Jesus Christus wurde ein Weg der Verewigung gestiftet.

****Noch heute ist in den Partezetteln, Totennachrichten etc. dieser Gedanke sehr! lebendig. Dazu braucht es nicht, daß die Menschen die Zusammenhänge bewußt sehen oder denken, es ist für die Wirklichkeit des Tuns irrelevant. Sprüche wie "Tot ist nur, wer vergessen ist", "Lebst in unseren Gedanken weiter", sind auch heute äußerst verbreitet. Sie haben tief religiöse Wurzeln. Der wirkliche Tod auch der Väter, die man heute aus den Familien herausbricht, ist die bewußte Inszenierung ihres Vergessens, die Fälschung der Erinnerungsgeste. Dasselbe, was man heute im "Mobbing" so gerne zitiert - als Mord am noch Lebenden. Dieselben Wurzeln.




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Freitag, 9. September 2011

Vom Ruhm überrascht

Als Charlie Chaplin seinen ersten Filmvertrag unterschrieben, und sich in den ersten beiden Jahren immer bessere Arbeitsbedingungen erkämpft hatte, war er derartig in seine Arbeit vertieft, daß ihm nicht auffiel, wie groß seine Popularität bereits gestiegen war. Phasenweise in Wochenabständen, manche Filme in wenigen Stunden oder Tagen abgedreht, hatte die Filmproduktion die Filme sofort und mit überwältigendem Erfolg verkauft, was Charlie nur an seinen Kontoauszügen aufgefallen sein dürfte. Kopien (nach 30 oder 90 Tagen Aufführungen im Grunde fertig, aber entsprechend billiger noch für Kinos zu haben) liefen Jahre, ja Jahrzehnte mit größtem Erfolg.

Als er mit seinem Bruder Sidney 1914 zu Verhandlungen per Eisenbahn von Kalifornien nach New York reiste, war er völlig überrascht, als er in den einzelnen Bahnhöfen ankam, und von riesigen Menschenmassen bejubelt wurde. Während sie sich schließlich New York näherten, langte gar ein Telegramm des dortigen Polizeichefs ein, er möge bitte auf keinen Fall erst in der Central Station aussteigen, sondern in einem Vorort, denn man könne die Sicherheit aufgrund der Vieltausenden, die auf ihn warteten, nicht mehr gewährleisten.

Das Land fand er überschwemmt mit Devotionalien, Souvenirs, Chaplin-Statuen oder -bilder - nichts, was nicht in Chaplin-Ausführung erhältlich war. Sidney Chaplin versuchte ein Jahr lang, diese Schwemme zu sichten, um für seinen Bruder wenigstens Geld herauszuschlagen, aber es war angesichts der Menge und Details unmöglich (und zuwenig rentabel).

Erst jetzt, und in Raketentempo, war seine Popularität auch für ihn ein Geschäftsargument. Und er erhielt einen Filmvertrag mit Verdienstsummen, die außer vielleicht Rockefeller noch nie jemand in den USA verdient hatte.


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Donnerstag, 22. Juli 2010

Und bleibet ewig

Man muß es nicht gleich vollmundig "Ruhm" nennen, auch wenn es das ist - verwenden wir das Wort "Ruf", für das Nachwehen des Seins, das auf jeden Menschen mehr oder weniger kommt, sobald er tot ist.

Im Ruhm aber lebt ein Mensch tatsächlich über sein rein physisches Hiersein hinaus. Denn die Wirkung seines Lebens bleibt weiter bestehen, ja bei großen Menschen, deren Leben eine Schlüsselfrucht für viele, oder alle erbrachte, kann man mit Fug und Recht davon sprechen, daß sie hier auf Erden auf eine Weise, mit einem Beine noch, weiter wandeln. Und das ist mehr als "als ob" - es ist sehr real. Sie gehen also nie. Sie bleiben immer (auch) hier, ragen durch alle Dimensionen, des Jenseits, des Hier.

Der Totenkult ist also weit mehr als ein "symbolischer Akt".

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Man sollte vorsichtig damit sein, Wünsche eines Sterbenden nach seinem Tode zu erfüllen. Unter Umständen bringt ihn erst DAS ins Verderben, und zerstört seine Lebensfrucht. Mit diesem Unseligen "Er hätte das gewollt!"

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Der Haß der Diktatoren erstreckt sich schon deshalb auch auf die Verstorbenen. Sie sind ihm äußerst reale Gegner.

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War der Ruhm früher nicht auf Menge bedacht, sondern auf Qualität, und genügten dazu schon wenige Blätter, wenige Jahre, wenige Tage, wenige Werke, wenn sie denn die Substanz hatten - so ist er heute im Spiel von Herstellung und Verbrauch gefangen. Er ist das Hoffen, daß eine Leistung, für kurze Zeit wenigstens, Mode wird. Und nicht selten, wird die Verfertigung eines Kunstwerkes nur noch danach bemessen - ob die Aussicht darauf besteht.


*220710*

Montag, 25. Januar 2010

Prominenzerschaffung

Die Kriterien des Berichteten haften mit der Zeit dem ursprünglich unbestimmten, nur von seinen Entstehungsbedingungen und seiner Tradition gekennzeichneten Medium selbst an. Das Medium wird wie sein Berichtetes, das Berichtete selbst gleicht sich im Gegenzug dem Medium an. - Ioan Hollender, Direktor der Wiener Staatsoper, im KURIER-Interview:

Sie haben oft die Kulturberichterstattung im ORF kritisiert. Dass das neue Society-Magazin "Chili'" so viel Aufmerksamkeit bekommt, kann ja nicht in Ihrem Sinn sein.
Es ist jedoch erstaunlich, dass der ORF dies nötig hat. Zum Thema Aufmerksamkeit im Fernsehen möchte ich noch einen Spruch des Philosophen Liessmann zitieren: 
Früher war im Fernsehen, wer prominent war; heute ist prominent, wer im Fernsehen ist.

Man könnte Opern ja auch in Kinos oder Stadien übertragen?
Der Marxismus hat das anfangs propagiert: Wir bringen die Kunst zum Volk, spielen Oper in den Fabriken und Theater bei den Bauern. Das ist der falsche Weg - und eine verachtende Sichtweise der Menschen, denen man nicht zubilligt, dort hinzukommen, wo andere hinkommen, um Kunst zu besten Bedingungen zu erleben. Immerhin war das noch eine unmittelbare Darbietung, während Oper im Kino Konserve ist. 

Sie wurden von vier Koalitionen bestellt bzw. verlängert. Ihr Geheimnis?
Die Politik jeder Farbkombination ist froh, wenn sie keine Probleme mit der Staatsoper hat, wenn es keinen medialen Wirbel gibt und man wirtschaftlich gut auskommt. Mehr braucht man nicht, weil Interesse für das, was hier passiert, hat keiner der Politiker. Derartiges Desinteresse gegenüber allem, was Kunst ist, wie es bei der derzeitigen Regierung vorhanden ist, habe ich allerdings noch nie erlebt. 




*250110*

Sonntag, 10. Januar 2010

Die lauten Ruf erklimpern

Künstlertum ist ein Lebensprogramm, und nur höchst sekundär eine Angelegenheit des Talents, wenn auch ohne Begabung undenkbar. Wer aber diesen Weg des "Mönchtums" (Zit. Doderer) nicht zu gehen bereit ist ... Hugo v. Hofmannsthal ließ sich nicht zufällig im Franziskaner-Habit begraben. (Er war Zeit seines Lebens Mitglied deren Dritten Ordens.) Wer nicht das Leben wirklich erforscht und durchlitten und überwunden hat, alles in den Dienst seiner Berufung gestellt hat, allem gestorben ist, um so alles wahrhaftig zu gestalten, wird (und wie erst sein "Werk") vom Wind verweht.

Sei mittelmäßig als Minister,
Als General, als Arzt, als Priester,
So bist du - was die mehrsten sind.
Sei mittelmäßig als ein Dichter,
So ist (die Nachwelt noch wird Richter!)
Dein Ruhm, dein Einz'ges - Spreu im Wind!
Und diesen Ruhm dir zu erstreben,
Mußt du von deinem kurzen Leben
Den schönsten Teil Gesängen [dem Eigenlob, der PR; Anm.] weihn.

Und bist du endlich durchgedrungen,
Hast deinen Namen [selbst! Anm.] groß gesungen
Und deine Pfleg' im Alter klein,
Was wird dir Ruhm und Nachruhm sein?
Glaubst du, der Dichter wird geboren?
Nein, Freund, der erste Funke nur,
Und, o wie leicht geht der verloren.

Ja hätte dir auch die Natur
Zu Iliaden Geist gegeben,
Du stirbst, ohn' Iliaden, hin,
Wenn du nicht durch das ganze Leben,
So wie Homer, mit offnem Sinn,
Die weite Welt und ihre Bürger,
Vom Grashalm bis zum Cederbaum,
Vom Hirten bis zum Völkerwürger,
Erforscht im Wachen und im Traum.

Wo nicht: Singst du vielleicht dem Ohr
Der Damen an den Toiletten
Von Grazien und Amoretten,
Von Venus und von Cypripor,
in feinen, reinen, kleinen, netten
Gesängen braven Schnickschnack vor.

Du kannst, gehüllt in blauen Dunst,
Dir freilich lauten Ruf erklimpern.
Denn, wie du siehst, ist manchen Stümpern
Dies eine federleichte Kunst.
Doch, nach Jahrtausenden, noch allen,
Wie Flaccus und Homer, gefallen,
Das hängt nicht ab von Mädchengunst. 

(L. F. G. Göckingk; 1748-1828) 




*100110*

Freitag, 1. Januar 2010

Nicht mehr das Eigentliche

Andy Borg im Kurier-Interview (Photo: ibd.):

Haben Sie die Macht, Leute in die Sendung zu bringen?
Macht ist für mich ein Schreckenswort. Für mich ist es genug Macht, auf der Bühne zu stehen, und 3000 Leute dazu zu bringen, traurig oder lustig zu sein. Das reicht mir für mein kleines Leben. Die Entscheidung, wer beim "Stadl" auftritt, überlasse ich gerne der federführenden österreichischen Redaktion.

Sie haben Anfang der 80er Ihre Karriere begonnen. War es damals leichter?
Es war insofern nicht einfach, als ein normaler Mechaniker aus Floridsdorf, wie ich einer war, nicht die Möglichkeit hatte, ein ordentliches Demoband zu machen. Die andere Seite ist, dass die, die sich wirklich durchgebissen haben, dann auch in einer Nachwuchssendung auf der Bühne gestanden sind. Heute kann jeder Depp zu Hause ein Playback zusammenbasteln. Wir können immer weniger unterscheiden, ob hinter einem Demo ein g'scheiter Musiker steht oder nicht. Die meisten heutzutage wollen nicht Musik machen, sondern berühmt werden. Sie wollen auffallen, egal wie.
Ist es in der Schlagerbranche nach wie vor wichtig, dass man Musiker ist?
Das ist meine Meinung. Den Medien, einem RTL -Unterhaltungs-Chef zum Beispiel, ist es wurscht, ob einer was kann. Hauptsache, er fällt auf und hat 20 Prozent Marktanteil. Ich bin ein Musikant und finde, es hat mit Musik nichts zu tun, wenn jemand die Brust heraushängen lässt auf der Bühne.





*010110*

Dienstag, 9. Juni 2009

Mittelmaß aus Berufung

Kaum einmal bedacht ist das Problem der beruflichen Ausbildung von der Seite her, daß hoher Ausbildungsstand eine Frage der Verantwortung der Gesellschaft gegenüber ist. Weshalb VOR einer Ausbildung die Aspekte der Lebensplanung abzuwägen sind.

Dabei ist ein großer Störfaktor ein grotesk weitverbreiteter "Glaube", man sei ... etwas Besonderes (in Verkennung wirklicher Einzigartigkeit, die von einer gesellschaftlich-kulturellen Stellung unabhängig ist.) Und je mehr man diese Besonderheit auch institutionalisiert versucht "hervorzubringen", desto mehr fehlt sie. Und allzu oft ist "Besonderheit" dem kindischen Rollenspiel von Kleinkindern vergleichbar. In solchem Klima wird dann Menschlichkeit zur Zustimmung zu eben diesem zweitwirklichen Spiel allgemeiner Identitäts-Simulation.

Wie oft, ja fast immer ist aber festzustellen, daß eine solche Selbsteinschätzung in keiner Weise gerechtfertigt ist, und eher einer sinnlosen Neurotisierung entspringt. Noch dazu, wo die Geschichte eindrücklich lehrt, daß "Besonderheit" kaum einmal eine Frage der Talente, sondern des Charakters ist. Der Ansatz, daß Talent auch "Anrecht" hieße, dessen Wirklichung eine Bringschuld der Gesellschaft sei, ist also völlig verkehrt.

Die meisten Menschen sind einfach ... mittelmäßig, durchschnittlich, und ihre Gaben sind es - einzigartig nur im Sinne der Einzigartigkeit des Individuums, das ganz sicher, und im unmittelbaren Umfeld (auch hier: völlige Verfehlung des Bezugspunktes, es genügt nicht mehr der Nächste, das Nächstliegende, sondern es ist Hollywood oder die Welt).

Wenn "Normalität" (und: Bescheidung auf das kleine Umfeld) aber so übel beleumdet ist - womit man diesem überwiegenden Teil der Bevölkerung unerträglichen immanentisierten Druck aufbaut - wird sie eine Frage der Überlebensfähigkeit einer Kultur beziehungsweise eines Staates.




*090609*

Freitag, 22. Mai 2009

Gesunde Existenz und künstlerischer Anspruch


Einige Aussagen von Christoph Waltz, einem Wiener Schauspieler, der seit vielen Jahren in London lebt und vor allem in deutschsprachigen Fernseh- und Kinoproduktionen auftrat, zuletzt in Quentin Tarantino's "Inglorious Bastards", aus verschiedenen Medien-Interviews:

[Wie war die Begegnung mit Liselotte Pulver bei der „Zürcher Verlobung“?]
Das war ein Wiedersehen, weil ich das Vergnügen hatte, ihr schon einmal begegnet zu sein. Ich fand es schön, dass mit ihrem Auftritt der Geist der alten Filmwelt hereinschwebt, die wirklich eine bessere war. Lilo Pulver kommt aus einer Zeit, in der den Dreharbeiten mehr Zuwendung entgegengebracht wurde als heute. Diese Art und Weise des Herangehens an Filme ist einfach vorbei. Heute geht es in erster Linie um die Verwertbarkeit.

[Aber es ist doch Ihr Traumberuf?]
Albtraumberuf (lacht). Es könnte wirklich der schönste Beruf sein, den man sich träumen lassen kann. Aber tatsächlich unterscheidet er sich nicht von anderen Berufen. Ein Architekt muss sich auch seine ganze Laufbahn lang mit Bauherren und der Finanzierung seiner Fantasie herumschlagen. [...]

Die Teams sind [in Wien; Anm.] besser, die Mitarbeiter höflicher, aufmerksamer. Etwas verallgemeinernd: Der Umgang hier - und zwar in alle Richtungen - ist ein respektvollerer. Und auf so etwas lege ich Wert.

[Sie vermissen Respekt und Höflichkeit in Deutschland?]
In der Tat. Der Umgang ist mir in Deutschland oft zu direkt. Das Niveau ist sowieso nicht so besonders - das ist natürlich eine Verallgemeinerung, natürlich gibt es viele Ausnahmen. [...] In Berlin ist das Gottlob alles noch nicht so extrem. Aber ich spüre dort auch den Ansatz: 'Glaub ja nicht, du könntest hier gewisse Privilegien in Anspruch nehmen!' Es geht [...] um die Anerkennung einer bestimmten Funktion in der Gemeinschaft. Daran fehlt es in Deutschland, meiner Meinung nach. [...]

Es wird eindeutig zu viel gequasselt und zu wenig gesehen. Bis tief in die Kunstszene hinein drängt sich das Gequassel inzwischen in den Vordergrund. Wir Künstler sind, so nannte es Jim Rakete einmal, nur der Rohstofflieferant. Aber ich weigere mich, nur der Rohstofflieferant zu sein für Presse, Making-ofs und all das. Wenn Sie jetzt bedenken, daß es immer schlimmer wird, dann ahnen Sie, was für ein Problem ich habe.[...]

Es wird in der Branche immer noch mit den Marketingmaximen der 80er- oder 90er-Jahre gearbeitet: Der Inhalt spielt absolut keine Rolle, es ist die Verpackung, die zählt, nur die! Es ist für einen ernsthaften Schauspieler, aber sicher auch für wirkliche Künstler aus ganz anderen Disziplinen, ein komplizierter Vorgang, wenn von einem verlangt wird, sich so zum Objekt zu machen.

[Wie genau meinen Sie das?]
Dass von einem im Interesse einer gesunden Existenz verlangt wird, die Arbeit von der Person zu trennen. Wenn ich das tue, wo bleibt dann der künstlerische Aspekt? Der geht völlig verloren.




*220509*

Dienstag, 3. März 2009

Aus Mücken werden Elefanten

Valerie von Mertens' Bericht über ihr Leben mit Curt Goetz ist nicht nur dem Umfang nach fast doppelt so lang, wie die beiden Erinnerungsbücher ihres Mannes zuvor, die dieser bis zu seinem Tode veröffentlichte, sondern sie sind auch mit jener Verehrung verfaßt, die einen achtgeben lassen sollte, weil sie zwar von wunderbarem Respekt und Liebe zeugen, aber gefährlich vergessen lassen will, daß es um einen Kollegen geht.

Denn durchaus lassen sich je gleiche Erfahrungen abgeklärt und ruhig - und bombastisch zum weltzeugenden Moment schildern. So daß einem Alltägliches durch den Blick des Dilettanten plötzlich zum Fremden, Staunenswerten wird.

Als Schauspieler Biographien von Schauspielern zu lesen kann also durchaus gefahrvoll sein, indem man sich selbst laisiert und zum Dilettanten macht.

Dies ist häufiger zu beobachten als man meinen könnte! Ja, manchmal könnte man den Eindruck gewinnen, daß es im Künstlerbetrieb (vor allem der darstellenden Künste, wo das Material der Künstler selbst ist) vorherrscht. Schon die Bedeutung, die man dem Beifall zollt, weist auf solche Maßstabsverrückung.

Wieviel mehr noch die abstoßende Unsitte, nicht mehr zu fragen, WAS man tut, sondern nur noch, WO beziehungsweise, ob es der Mehrung der Popularität dient. Eine Kategorie, die teuflisch-nachäffend künstlerischen Ruhm (und: wo Rauch da Feuer: Künstlertum) vortäuscht. Was bis zur Simulation des Künstlertums an sich geht, welches aber nur als Vehikel benutzt wurde.

Und wo es kaum bis gar nicht um künstlerische Ziele und Inhalte geht. Weshalb sich solche Geisteshaltung gerne mit ideologisch-moralischen Forderungen, oder sogar deren Gegenteil (weil es überhaupt um den demonstrativen Umgang mit Moral geht) verschwistert, die vielfach als Ausweis für Künstlertum gelten, ja wo moralische Qualität (einer Konvention entsprechend) überhaupt dem Künstler auferlegt wird, was bis zum Entzug der Daseinsberechtigung geht. Was zwar wiederum den echten Künstler kaum zu beeinträchtigen vermag, aber seine Arbeits- und Lebensbedingungen doch erheblich erschwert, weil das Publikum verbildet - oder (wie heute) verjagt.




 *030309*