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Mittwoch, 7. Dezember 2011

Zurück zum Eigentlichen

Christoph Waltz im Interview mit der Kleinen Zeitung:

WALTZ: Es kam nur ein Kompliment von [Roman Polanski's; Anm.] Seite, er habe noch nie so eine Gruppe von Schauspielern erlebt, die sich nicht gegenseitig übertrumpfen wollte, sondern für die das Gelingen des Films zählte. Keiner stellte den anderen in den Schatten oder profilierte sich auf dessen Kosten. Wir wussten genau, jeder Einzelne ist nur so gut, wie es der Partner auch sein darf. So eine Sensibilität findet sich leider nicht oft.

Mögen Sie Komödien?
WALTZ: Ich mag die Hintergründigkeit. Stücke sind nur wirklich humorvoll, wenn sie etwas verbergen, etwas offen lassen. Hinter jeder Komödie steckt eine Tragödie. 

Was sind die Schattenseiten des Ruhms? 
WALTZ: Wir übertreiben dieses ganze Getue um Personen und vergessen, über den Inhalt zu reden, über die Geschichten auf der Leinwand, die das Publikum bewegen. Dieses ständige Gequassel über Celebrity-Aspekte und das Getümmel auf dem roten Teppich nervt mich. Leider entpuppt sich dieses überflüssige Theater langsam als eine Art soziale Währung, mit der wir unsere Rechnungen zahlen. Wenn mich jemand nach persönlichen Dingen fragt oder gar danach, was ich in einer Beziehung mag, könnte ich aus der Haut fahren. Wir ändern uns doch jeden Tag und damit ändern wir auch unsere Meinung, wir sind ja keine Maschinen. Aber vielleicht reden Filmleute ja irgendwann wieder über Filme.


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Donnerstag, 28. April 2011

No acting required

Die FAZ bringt ein Interview mit Christoph Waltz, ein weiters mit so mancher gescheiter Aussage von ihm. Es lohnt die Lektüre, ein paar Aussagen seien hier gebracht, sie sollen Rückenwind geben, klaren Kurs zu halten, denn die Mißverständnisse und mißverständlichen Anforderungen im Schauspiel und im Film sind ohne Zahl.


Begegnet man Ihnen mit mehr Respekt? Oder ist da auch Neid? Die Frage, ob man es verdient hat, hat immer auch mit der Unsicherheit in der Beurteilung zu tun. Es gibt Sänger, die eine unglaublich schöne Stimme haben, die auch große Karrieren machen - und die tatsächlich gar nicht so schön singen. Sie klingen zwar großartig, aber ich ziehe einen Sänger mit einer etwas weniger schönen Stimme vor, der dafür schöner oder mit mehr Ausdruck singt und mich damit erreicht oder berührt. Bei Schauspielern ist es so, dass zwischen der Person und der Materie, die sie behandeln, der Unterschied nicht mehr so deutlich wahrnehmbar ist. Das ist bei guten Musikern genauso. Wenn man zum Beispiel Barenboim Klavier spielen hört, hört man gar nicht so sehr Noten, man hört, wie ein Mensch sich mitteilt. Das ist ein Kriterium, wobei in einer Beethoven-Sonate nur Barenboim und Beethoven existieren - und eigentlich, weil Barenboim ihn so gut spielt, in erster Linie Beethoven. In einem Film dagegen existieren wahnsinnig viele Dinge, die dazwischengeraten. Deswegen ist es sehr schwierig, das Schauspielerische zu isolieren und unabhängig vom Rest zu betrachten, zumal ja die Aufgabe des Schauspielers nicht ist, zu brillieren, sondern alles beizutragen, um die Geschichte miterlebbar zu machen. [...]

Eine Rolle wie Hans Landa könnte auch ein Fluch sein und zum Typecasting führen. Jeder möchte den Landa in Ihnen entdecken. Mag sein, aber das wird mit der Zeit verblassen, und das ist auch schon so. Typecasting ist ja nicht verkehrt. Ich bin nicht davon überzeugt, dass die oft beschworene Tugend des Schauspielers darin liegt, alles machen zu können. Auch ein Pianist spielt nicht alles. Bestimmte Sachen liegen einem, man ist als Schauspieler durch seine Physiognomie und seine ganze körperliche Erscheinung sowieso prädestiniert für das eine oder andere. Es kann natürlich auch sein, dass jemand die Idee hat, einen genau für das Gegenteil zu besetzen. Aber erst einmal tut man weder der Geschichte, die man erzählen möchte, noch dem Schauspieler einen großen Gefallen, etwas von ihm einzufordern, was nicht sofort wahrnehmbar ist.
Und es gibt die Anekdote von Robert Mitchum, der bei guten Szenen im Drehbuch an den Rand "NAR" schrieb, "no acting required". Ich würde das nie hinschreiben, es könnte ja sein, dass jemand das Buch findet. Aber eine gut geschriebene Szene erklärt sich von selbst. Ich muss mich nicht von einem Löwen in den Arm beißen lassen, um eine Szene spielen zu können, in der mich ein Löwe in den Arm beißt.
Sie sprechen nicht so gern über Ihre Arbeitsweise, oder? Das stört mich auch an den Bonusmaterialien, den Kommentaren auf einer DVD. Gehen Sie mal zu dem Mann, der Lokomotiven verschwinden lässt, zu David Copperfield, und fragen ihn, ob er bereit wäre, für eine DVD zu erklären, wie er die Lokomotiven verschwinden lässt. Der lacht Sie doch aus. Ich glaube, man gräbt sich damit selbst das Wasser ab. Der Zauber dessen, was wir machen, geht immer mehr verloren.
Das Kino soll also seine Geheimnisse hüten? Ich wünschte mir das. Alles auszuverkaufen, finde ich idiotisch. Natürlich ist so etwas interessant, aber je interessanter es ist, desto größer der Schatz, den man verteidigen sollte. Jeder, der zweimal im Kino war, ist mittlerweile ein Experte. Zum Teil haben die Leute viel gesehen und kennen sich auch gut aus, aber weder sind sie Kritiker noch Filmemacher, und sie geben ihr Publikumsprivileg preis.




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Donnerstag, 13. Januar 2011

Das Licht erzählt, ob es hell oder dunkel ist

Christoph Waltz
Christoph Waltz, Oscar-Preisträger 2010, im Interview im Spiegel - Das Licht, das auf einen Charakter fällt, definiert, ob er gut oder böse ist. Nicht "das Spiel" des Schauspielers - es darf das Urteil nicht schon mit verkünden.


SPIEGEL ONLINE: Ist es für Sie interessanter, den Bösewicht zu spielen?
Waltz: Es ist eine meiner Lieblingsdiskussionen, was genau einen Bösewicht ausmacht. Viele wollen nur Gewissheit, wer der Gute und wer der Böse ist. Für mich als Schauspieler ist aber die Debatte das interessante. 

Ich schaue erst einmal, was die Figur macht - wo sie sich von anderen unterscheidet und weshalb ihr Verhalten vielleicht als böse angesehen werden kann. Eine Figur als Bösewicht zu kennzeichnen, ist vor allem ein Kürzel für die dramatische Konstruktion einer Figur. Als Anleitung, wie die Figur zu spielen ist, ist das Label aber irrelevant. Das erledigt einen Charakter auf der Stelle.
[...] Die Frage, ob eine Figur gut oder böse ist, halte ich für mich als Schauspieler für hinderlich. Ich versuche, der Wertung eines Charakters soweit wie möglich fernzubleiben.

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Was Waltz in seiner wie stets so wohltuend reflektierten Antwort sagt ist nichts anderes, als daß häufig die Beurteilung einer Rolle und einer schauspielerischen Leistung nach völlig falschen Kriterien vollzogen wird. Viel zu viel Gewicht wird nämlich auf den Schauspieler selbst gelegt - als "Hervorbringer" einer Rolle. Und vor allem Laien machen den Fehler, die Farbe der Figur der Figur direkt zuzuschreiben. Während die Rolle der Handlung, der Stellung der Figur im Stück oder im Film, die Reaktionen der anderen, das Bühnenbild, etc. etc. jene Faktoren sind, die diese Figur erst hervorbringen!

Nicht anders ist es ja in der Malerei, und von ihr kann man als Metapher viel lernen: denn es gibt gar keine Farbe für sich! Sie mag gewisse physikalisch meßbare Eigenschaften haben, aber das erklärt noch lange nicht, warum sie - in dieser oder jener Anwendung, noch dazu - so oder so wirkt. Kräftig, leuchtend, hell, dunkel ...

Das Farbmittel hat nur eine begrenzte "Lokalfarbe", entspricht also in etwa einem bestimmten Farbwirkungskreis. Aber wie sie letztlich wirkt, hängt vor allem (neben Faktoren wie Perspektive, oder Form, an der sie angebracht ist) von den Komplementärfarben ab (also von scheinbar widersprüchlichen Farben), und schließlich von der Harmonie des Ganzen Bildes! (Und Film ist eine bildende Kunst, eine Abfolge von Bildern.) Und das alles sind nur einige wenige Andeutungen - Niemann faltet sie in "Einführung in die bildende Kunst" so großartig aus.

Aufs Schauspiel umgelegt bedeutet das, daß viel zu oft die Wirkung der Figur dem Schauspieler selbst zugeschrieben und überantwortet wird. Daß er viel zu oft gelobt (und damit zerstört), wie kritisiert (und damit verunsichert) wird, weil er für Umstände an seiner Arbeit verantwortlich gemacht wird, deren Opfer er selbst ist.

Was einen Bösewicht ausmacht? Sicher nicht, daß er "böse schaut" ... Sondern daß sein Schauen in diesem Augenblick als böse interpretiert wird. Dabei denkt er vielleicht an die Pizza des Vormittags. (Und genau das zeigte nämlich seinen Charakter, wenn er das in einer Situation denkt, wo es um Leben und Tod geht, und genau das - ohne daß es jemand weiß - macht das Widersprüchliche aus.)

Schauspiel ist eben wie jede Kunst im Gelingen ein Geheimnis. Es ist nicht positiv zusammensetzbar, wie ein Baukasten. Es ist aber zerstörbar. Und meist wird es zerstört.

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Dienstag, 9. März 2010

Als nichts mehr ging

Als Christoph Waltz nach der Oskar-Verleihung gefragt wurde, welchem Land er nun zugehöre, Österreich oder Deutschland, meinte er: diese Frage stelle sich nicht für ihn, er arbeite am Set mit allen Nationen zusammen, er gehöre allen.

Immerhin reklamieren ihn nun beide Länder für sich. Er selbst aber fand hier keine Arbeitsmöglichkeit mehr, seit Jahren. Der deutsche Regisseur Peter Keglevic, der mit ihm u. a. einen sehenswerten Roy-Black-Film gedreht hatte, meinte vor kurzem, daß es nicht möglich gewesen sei, selbst kurz vor dessen Engagement bei Tarantino, Waltz für deutsche (und gar österreichische) Produktionen bei den Produzenten durchzukriegen. "Der sei so zynisch, hieß es da. Die haben den Schauspieler mit seinen Rollen verwechselt," meinte Keglevic dazu. In jedem Fall hätte Waltz im deutschsprachigen Raum davon auszugehen gehabt, daß er "auf Jahre eher wenig nachgefragt" worden wäre. Da wurde er zu diesem Casting für Tarantino's neuen Film eingeladen.

Nun könnte er nicht einmal mehr. Hier arbeiten. Denn er, der seit einem Jahr alle Schauspielpreise abräumt, die es weltweit zu verleihen gibt, wird in Hollywood, wie man allenthalten hört, mit Angeboten zugeschüttet.




*090310* 

Freitag, 22. Mai 2009

Gesunde Existenz und künstlerischer Anspruch


Einige Aussagen von Christoph Waltz, einem Wiener Schauspieler, der seit vielen Jahren in London lebt und vor allem in deutschsprachigen Fernseh- und Kinoproduktionen auftrat, zuletzt in Quentin Tarantino's "Inglorious Bastards", aus verschiedenen Medien-Interviews:

[Wie war die Begegnung mit Liselotte Pulver bei der „Zürcher Verlobung“?]
Das war ein Wiedersehen, weil ich das Vergnügen hatte, ihr schon einmal begegnet zu sein. Ich fand es schön, dass mit ihrem Auftritt der Geist der alten Filmwelt hereinschwebt, die wirklich eine bessere war. Lilo Pulver kommt aus einer Zeit, in der den Dreharbeiten mehr Zuwendung entgegengebracht wurde als heute. Diese Art und Weise des Herangehens an Filme ist einfach vorbei. Heute geht es in erster Linie um die Verwertbarkeit.

[Aber es ist doch Ihr Traumberuf?]
Albtraumberuf (lacht). Es könnte wirklich der schönste Beruf sein, den man sich träumen lassen kann. Aber tatsächlich unterscheidet er sich nicht von anderen Berufen. Ein Architekt muss sich auch seine ganze Laufbahn lang mit Bauherren und der Finanzierung seiner Fantasie herumschlagen. [...]

Die Teams sind [in Wien; Anm.] besser, die Mitarbeiter höflicher, aufmerksamer. Etwas verallgemeinernd: Der Umgang hier - und zwar in alle Richtungen - ist ein respektvollerer. Und auf so etwas lege ich Wert.

[Sie vermissen Respekt und Höflichkeit in Deutschland?]
In der Tat. Der Umgang ist mir in Deutschland oft zu direkt. Das Niveau ist sowieso nicht so besonders - das ist natürlich eine Verallgemeinerung, natürlich gibt es viele Ausnahmen. [...] In Berlin ist das Gottlob alles noch nicht so extrem. Aber ich spüre dort auch den Ansatz: 'Glaub ja nicht, du könntest hier gewisse Privilegien in Anspruch nehmen!' Es geht [...] um die Anerkennung einer bestimmten Funktion in der Gemeinschaft. Daran fehlt es in Deutschland, meiner Meinung nach. [...]

Es wird eindeutig zu viel gequasselt und zu wenig gesehen. Bis tief in die Kunstszene hinein drängt sich das Gequassel inzwischen in den Vordergrund. Wir Künstler sind, so nannte es Jim Rakete einmal, nur der Rohstofflieferant. Aber ich weigere mich, nur der Rohstofflieferant zu sein für Presse, Making-ofs und all das. Wenn Sie jetzt bedenken, daß es immer schlimmer wird, dann ahnen Sie, was für ein Problem ich habe.[...]

Es wird in der Branche immer noch mit den Marketingmaximen der 80er- oder 90er-Jahre gearbeitet: Der Inhalt spielt absolut keine Rolle, es ist die Verpackung, die zählt, nur die! Es ist für einen ernsthaften Schauspieler, aber sicher auch für wirkliche Künstler aus ganz anderen Disziplinen, ein komplizierter Vorgang, wenn von einem verlangt wird, sich so zum Objekt zu machen.

[Wie genau meinen Sie das?]
Dass von einem im Interesse einer gesunden Existenz verlangt wird, die Arbeit von der Person zu trennen. Wenn ich das tue, wo bleibt dann der künstlerische Aspekt? Der geht völlig verloren.




*220509*