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Freitag, 7. Juli 2023

Noch unverfugt

Wieder ein kleiner Einblick in die aktuelle Arbeit, die mich nach wie vor Tag für Tag ausfüllt und meine Zeit zu einer dichtgepackten Abenteuerreise macht. Diesmal aus einer Korrespondenz gegriffen, in der ich mit einer meiner Begleitpersonen ein Problem der Geschichte bespreche. Begleitperson, weil ich gerade bei einer so umfangreichen Arbeit, (das derzeitige Rohmanuskript umfaßt etwa 480 Seiten) den Blick von außen brauche, um den Überblick nicht zu verlieren. Ich stelle die Einleitung der Korrespondenz hier mit ein, damit Sie, werter Leser, besser wissen, worum es ungefährt geht: Im Überarbeiten der insgesamt fast 500 Seiten 'Rohmanuskript (das sich nach und nach zu einer Skulptur schleift) bedeutet nicht nur STreiche nund umschreiben, sondern auch ein Einfügen von Stellen, deren Notwendigkeit sich ergibt. Ob die Stellen dann so bleiben wird sich weisen. Ich bespreche hier eine Stelle, die ich im Laufe der ersten Kapitel für notwendig hielt und deshalb neu geschrieben habe. Es geht dabei und zuerst um eine grobe Liniem einer zu schließenden Fuge, deren konkrete Ausarbeitung dann eine nächste, noch zu klärende Frage ist.

Also wenn Du die zweiten Texte eh noch nicht gelesen hast (die nicht "erotisch" sind), dann kann ich Dir auch gleich die mittlerweile überarbeitete Fassung dieser Szene schicken. Denn als ich dann suchte, wo ich die "Erstkommunion" von Yildiz einfüge (welch Notwendigkeit mir aus einem Umarbeiten des letzten Tages in Wien entstand ...) - wobei ich die Hochzeitsszene dazu noch umschreiben werde, denn dort konsumieren ja die Eheleute Brot und Wein zugleich, also muß die per "Begehrenstaufe" getaufte Yildiz aber noch eine Beichte haben ...) war ich Ende Mai/Anfang Juni. Und da hatte sie schon Erla geboren (Mai) Das macht auch die "Brunnenszene" poetischer.
Vergiß also die Dir vorliegende Szene, hier ist die aktuellere Fassung. Ich führe hier erstmals Yildiz mit einem Baby ein:

Dienstag, 3. Januar 2023

Kletten im Haar

In der seit dem 10. Jahrhundert endgültig eingeleiteten Technisierung des Schreibens - Hugo von St. Victoire setzt in der Wortteilung der Schrift und dem nun folgenden leisen Lesen in dem die Sprache ihre Gestalt verloren hat, die stattdessen mathematisch aufs Papier gezirkelt und damit zweidimensional wird, den Beginn der abendänsichen Katastrophe an - in deem das Schreiben selbst unaufhaltsam zu einem nur noch techniischem Akt wurde, hat sich die Erstellung von Texten (die als fleischgewordenes Wort nur dann gelten können, wenn sie auch eine menschliche Gestalt annehmen), immer weietgehender vom Humanen (und damit von der Kunst) entfernt.

Carl Friedrich von Nägelsbach weist deshalb schon zu Beginn seiner "Anmerkungen zur Ilias nebst einigen Excursen" (mir war schon der Titel überaus sympathisch) darauf hin, daß der heutige Mensch (er schriebt das etwa 1850 als Hilfestellugn für den Unterricht des Griechischen an Gymnasien - ein großartiges Werk voller Weisheit) darauf hin, daß die Ilias praktisch immer vollkommen unverstanden und mißverstanden bleibt. Weil man nicht versteht, daß sie niemals als Text verstanden war, sondern Homer (und er ist wie Goethe völig sicher, meint auch das belegen zu können, daß das ursprüngliche Wert als Gahnzes vollkommen aus der einen Hand des Dichtersstammt, den die Überlieferung als Homer erinnert) sie als rein mnemotechnisches Werk verfaßt hat, dessen Effekte, dessen Sprache, desen Bilder, dessen Fabeln und Details ausschließlich auf den Augenblick ausgerichtet waren, in dem ein Sänger auf ein Publikum trifft, das zuhört und in seinem ganzen Gemüt reagiert und interagiert.  Erst viel später hat man begonnen, diese großartige Geschichte aufzuschreiben, und dann vor sich auf Papyrus zu lesen und zu reflektieren. 

Sonntag, 27. März 2022

Ein Sinn. Ein Werk. Ein All. Und viele kleine Stücke.

Vielleicht nirgendwo sonst kommt das Wesen der menschlichen Arbeit so zur Deutlichkeit wie im Überarbeiten einer "alten" Arbeit, eines bereits bestehenden, einmal herausgegebenen (also auch verkauften) Werkes. Das man damals natürlich für gut und zumindest als "das Beste" ansah, das unter einer bestimmten Idee herauszuarbeiten war. 

Herauszuarbeiten, weil Arbeit immer heißt, aus einem amorphen "Allesmöglichen" ein konkretes "Dies" zu machen. Das im Falle des Künstlers - oder wie hier: Des mehr als Schreibenden, nämlich des Schriftstellers. - zu einem für sich stehenden, einzelnen Werk wird. Ein Werk, das im Laufe seines Lebens aber immer umfänglicher, immer allumfassender, immer komprimierter und immer endgültiger wird.

Also dessen, der wie der Gewerbetreibende auch die Idee zu seinem Werk herausschält, nicht eine "fremde" Idee (weshalb bis in die Renaissance erstensder Künslter als reiner Handwerker gesehen wurde, und zweitens es nie "dessen" Werk war, sondern das Werk des Auftraggebers. Der in diesen Zeiten, wo die Gesellschaften keine Kunst mehr BRAUCHEN, und also auch nicht mehr in Auftrag geben, der Künstler noch spezifischer und gequälter wurde. Er muß sich nun den Auftrag gewissermaßen SELBST auch noch herausarbeiten. Er muß in sich und aus sich und seinem Leben jene Botschaft finden, zu der er GEWORDEN ist. 

Erstmals entstand dieses Problem eines gewissen Müßiggangs (und da bestehen Zusammenhänge, zweifellos, und das sind Gefahren) mit der Renaissance bzw. als Zerfallsprodukt der zuuvor noch existierenden kulturellen, gesellschaftlichen Geschlossenheit des Mittelalters. Künstler wird nun nur noch der, der sich "sonst umbringt", wie es Fritz Muliar einmal so unvergleichlich ausdrückte. "Ummm...", das zog er so. 

Samstag, 15. Januar 2022

Nur sie und das Waldvögelein

Auch dazu hatmich das Stöbern in alten Beiträgen gemahnet: Es ist höchst an der Zeit, eines meiner Liebesgedichte wieder einmal zu servieren. Es stammt von Walther von der Vogelweide, und ist "aktuell" wie am Tag seiner ersten Niederschrift, damals, im Wien der späten Jugend.

Was für eine schöne Geschichte, wie meisterlich gedichtet, und mit wie wenigen Worten - Tandaradei!, so viel erzählt, ein Leben ausgebreitet wird. Sieht man sie nicht, das Frauke, mit ihrer persischfrüchtigen Haut, und ihren kaukasischen Lippen? Wo ihr  Köpflein lag, dort ist das Gras besonders zusammengedrückt, dort bei den Rosen. Wegen der Tropfen Bluts, die nun zwar schon trocken, aber noch gestern frisch und rot? Nein. Warum dann? Das weiß nur sie, und das Vögelein, und sie beide, sie schweigen. Wie der Wald. Denn das Schweigen ist das Hören. Das Hören aber, das ist das Sprechen des ewigen Wissens.
Wo mein Köpflein lag

Unter den Linden
an der Heide,
wo ich mit meinem Liebsten saß,
da mögt ihr finden
wie wir beide
die Blumen brachen und das Gras;
vor dem Wald in einem Tal - 'Tandaradei
Herrlich sang die Nachtigall

Ich kam gegangen
Zu der Aue,
und mein Liebster ware schon dort;
Da ward ich empfangen
als heilige Fraue,
daß ich bin selig immerfort.
Ob er mich wohl oft geküßt? - Tandaradei!
Seht wie rot der Mund mir ist!

Und Blumen brachen
mir zum Bette
in reicher Zahl. O kommt und seht!
Vom Herzen lachen
muß, ich wette,
o mancher, der vorübergeht.
Weil bei den Rosen er wohl mag - Tandaradei!
sehen, wo das Haupt mir lag.

Wie ich da ruhte,
wenn es wer wüßte,
du lieber Gott, ich schämte mich!
Wie mich der Gute
nahm und küßte,
ei, das weiß nur er und ich.
Und auch du, Waldvögelein, - Tandaradei!
Nicht wahr, wirst verschwiegen sein.
Walther von der Vogelweide



Dienstag, 21. Dezember 2021

Gang durch die Nachkriegslandschaft

Er war so einfach der Gedanke, und er schien sich erst in die lange lange Folge von Gedanken zu fügen, die seit Jahren und Jahrzehnten diese trainierten grauen Zellen durchwandert haben. Mal davon gekostet worden ist, mal nicht, mal ausgespuckt, mal verdaut, mal transformiert, mal weitergereicht, mal aufgeputscht, mal wieder beruhigt oder gar scheinbar eingeschläfert, mal in Reih und Glied, dann doch wieder in wildes Gestöber verscheucht, mal verspielt, mal herrisch vergattert. Bis ich merkte, daß sich etwas gesetzt hat. Ein kleiner, lehmbrauner Klumpen lag in diesem großen Weitling, wer weiß wie lange schon, entdeckt habe ich ihn erst unlängst.

Er schien erst so einfach herauszunehmen. Aber etwas sperrte sich denn doch, sobald ich ihn angriff.  Er stand vor mir, war schlicht und doch nicht in jener Weise erhellend, wie es solche Gedanken schon so oft zu sein gepflegt hatten. Warum mir nach langen Wochen und Monaten, in denen ich ihn mal hierhin, mal dorthin drehte, wieder weglegte, um doch wie um ein Heiliges Geheimnis zu kreisen, denn zu groß war der Moment des Eintreffens gewesen, warum mir also an jenem Morgen ausgerechnet Gottfried Benn in die Hände gefallen war, weiß ich nicht.* 

Freitag, 8. Oktober 2021

Ein nächstes Pferd vor Troja (5)

Dafür haben wir noch einen ganz besonderen Blick auf das Ruanda der Gegenwart. Denn Ruanda 1994 = Deutschland 1945. - Aber noch einen Blick wollen wir tun. Den in die Gegenwart von Ruanda, den seiner Geschichte NACH den furchtbaren Ereignissen von 1994. Nicht nur durch fremde Truppen, sondern durch internationalen Druck, den eine gewaltsam von Tutsi aufgerichtete "Befriedungsdiktatur" realisiert hat.
 

Donnerstag, 7. Oktober 2021

Ein nächstes Pferd vor Troja (4)

Der Pogrom an den Tutsi war zwar nicht rechtfertigbar. Aber er ist verstehbar. Und das ist die Voraussetzung für ein Verzeihen. - Ja, es gab schon Spannungen, ja, es gab schon einmal gefährliche Verfolgungen durch Hutu, und die Älteren hatten das auch nicht vergessen, ja es gab Spannungen, aber NICHT bei ihr, nicht bei den Eltern, die unterschiedslos auch Hutus halfen (beide waren Lehrer, offenbar gut bestallt und bezahlt und in leitenden Stellungen, mit scheinbar nicht unerheblichem Grundbesitz, einem großen Haus, und vier Kindern, drei Söhnen und dieser einen Tochter.

Die Massaker überlebte nur ein Bruder, der (sic!) in Westafrika, fünftausend Kilometer entfernt, studierte. Wo erwähnen wir gar nicht, weil alle solche Realia in den Schilderungen der Tutsi kaum Erwähnung finden und unbedeutend sind. Alles schwebt eineinhalb Meter über dem Erdboden, und einer ihrer geschilderten festen Träume ist ja sogar, in einem fliegenden Teppich durch die Welt zu fliegen. Das erzählt doch alles? Wie überhaupt das, was man aus diesem Buch gewinnen kann, wenn man konzentriert sucht, in den Leerräumen zu finden ist, nicht in den Zeilen. 
 

Mittwoch, 6. Oktober 2021

Ein nächstes Pferd vor Troja (3)

Der Haß auf die Schöneren ist uns bekannt. Dafür kann ein Hutu schon morden. Denn die Tutsi sind bei den Europäern beliebt, weil sie wie sie sind: Wurzellos, leistungs- und geldorientiert. Und schöner als die Breitnasenaffen, die sowieso ihr Recht - auf alles - im Blut der Opfer ertränkt haben. - Die Tutsi, dieses kainitische Volk der Jagd und der Stadt, konnten mit den europäischen Normen und Vorgaben einfach besser umgehen. So wie jedes entwurzelte Volk, jeder entwurzelte (universalistische) Mensch das eben "kann". Als Arrangement mit dem Zerfall, so muß man es bezeichnen, das jedem verwurzelten Menschen, der sich auch in seinem Volk verwurzelt sieht, in seiner Sprache, seiner Geschichte, seine Art und seinem Aussehen.
 
Ihnen stehen die Hutu gegenüber. Und die Tutsi und die Hutu unterscheiden sich deutlich im Aussehen, Immaculée schildert es immer wieder: Die Hutu erkannten die Tutsi deshalb sofort, und letztere konnten sich nicht "in der Masse" verbergen. Sie waren durch ihre Größe, ihre athletische Gestalt, ihre nach europäischem Begriff schöneren Gesichter weil nicht breiten Nasen von Hutu zu unterscheiden. Und sie waren (aus alle den schon genannten Gründen) im Durchschnitt gebildeter. Sie hatten damit im Verhältnis zu ihrem Bevölkerungsanteil in Ruanda einen weit überproportionalen Anteil an Bildungsberufen und generell an Autoritätsstellungen. Ich gebe hier nur wieder, was Immaculée schreibt. 

Dienstag, 5. Oktober 2021

Ein nächstes Pferd vor Troja (2)

Die Frage nach dem WARUM. Die Tutsi sind bei den Europäern beliebt, weil sie wie sie sind: Wurzellos, leistungs- und geldorientiert. Protestantisch, nicht christlich. Protestantisch wie das Katholische an Immaculée. - Aber ich finde das nicht, was ich finden soll, und was auch angeblich Immaculée "weitergibt". Denn es geht nicht um das, was ein Katholik mit "Glaubensinhalten" bezeichnen könnte. Es geht lediglich um eine Art von "Gotteserfahrung", in der sich Gott in seiner unendlichen Vorsehung als zuständig für das Erlernen der Fremdsprache, für das Auftauchen von Kosmetik und Ohrringen (tatsächlich! aber gut, warum nicht?), für Liebesbeziehungen, Partnerwahl, Ehestiftungen, Karriere und Wohlstand in den USA zuständig zeigt. 

Er tut das auf Rezept, gewissermaßen, und Immaculée teilt das auch mit dem Leser. Man muß sich nur das Erbetene, schreibt sie (und ich bin mir nicht nur diesmal nicht sicher, eine Schrift von Prentice Mulford et al. in Händen zu halten) VISUALISIEREN. Und findet in ihrem Buch umso mehr Platz für Stimmen, die einer universalistischen, ja esoterischen "Gotteserfahrung" das Wort sprechen, als sie expliziten Katholizismusbezug verschweigt. An einer einzigen Stelle (als sie es als Kriterium für die Gattenwahl nennt) kommt das Wort katholisch überhaupt vor. 

So universalistisch wie überhaupt die Wertewelt der Ruandi ist. Die Karriereträume hat, die ihr Gott BEI DER UNO erfüllt,

Montag, 4. Oktober 2021

Ein nächstes Pferd vor Troja (1)

Mit einiger Irritation habe ich das Buch "Aschenblüte" von Immaculée Ilibagiza zugeklappt, und seit Wochen, die schon zu Monaten wurden, überlege ich, was ich dem Dominikanerpater sage, der es mir lieh weil dringlich zu lesen empfahl. Zwar hoffe ich immer noch, daß er es selber nie gelesen, sondern einfach von irgendwem erhalten und (weil ich ihm als einziger Deutscher unter der im Kern immer gleichbleibenden Meßgemeinde eine halbe Stunde vor Mittag eingefallen bin) ohne weiteren Hintergedanken weitergab. Aber das Bedeutungsschwangere, die leuchtenden Augen, die seine Geste begleitete, in der er es mir in die Hand drückte, spricht dagegen: "Sie sollten das lesen," meinte er. Also habe ich es gelesen.

Und es danach in einer Mischung aus echter Sorge und nicht geringem Ärger zugeklappt. Denn was die mittlerweile wohl bald vierzigjährige Immaculée Ilibagiza geschrieben hat macht einen Konflikt sichtbar: Den zwischen einem GESOLLTEN Empfinden, und dem TATSÄCHLICH Gesehenen. Und die Fragen, die aufstehen, sind ganz anderes als die, die im Buch angeblich beantwortet werden. Schon gar die Frage nach Gott.

Die Handlung ist rasch geschildert: Immaculée (das Buch ist autobiographisch), geboren 1972, wird 1994 aus allen Lebensplänen gerissen, in denen sie von Karriere und Wohlstand in Ruanda träumt. Quasi über Nacht fallen die Hutu im ganzen Land über die Volksgruppe der Tutsi her und ermorden, wen immer sie zu fassen kriegen. Das "Ungeziefer" soll ausgelöscht werden. 

Mittwoch, 22. September 2021

Die Figur des Urgroßvaters

Ich werde W in XXX (über einen endgültigen Titel habe ich mir noch keine Gedanken gemacht, und der Arbeitstitel tut hier nichts zur Sache) einen Antagonisten haben. Der Elias mit seinen Schriften nährt, mit denen er eine Bibliothek gefüllt hat, die er aber nie zu Lebzeiten anders herausgegeben hat als in der Auflage von wenigen Stück, die E in der Bibliothek seines Oheims findet.

Wahrscheinlich heißt er W; ich muß erst sehen, ob W-"original" das Material zum Vorbild hergibt; was bei geistig so flachen, ja primitiven Personen schwer auszuloten ist; wegen der Geschäftsverbindungen aber wahrscheinlich doch; es bliebe aber noch H, der den Betrugsaspekt einerseits, den Geltungsaspekt anderseits besser hätte; mal sehen.

Ich sehe das Bild noch nicht so stark vor mir, weiß noch nicht genau, wie er aussieht. Es wechselt, mal wie der eine, dann wie der andere. Bisher hatte ich ihn klassischer gedacht, dafür noch dümmer als die originalen W oder H, der seine Stellung seiner Servilität verdankt, ohne daß ihn jemals jemand geachtet hat; das wäre nämlich der Grund gewesen, warum er seinem Neffen hilft - Elias. 

Der überläßt sie ihm, weil er ihr keinen Wert beimißt. Denn Wissen wird für alle Zukunft elektronisch gespeichert, und das allermeiste, was in dieser Bibliothek (die vom Urgroßvater stammt; bei diesem laufen ja die genetischen Fäden zusammen) vorliegt, ist in seinen Augen bedeutungslos weil hoffnungslos veraltet und überholt. 

Als Elias, der sich damit seine eigene kleine Wohnung ausstattet, in den dicken Bänden des Urgroßvaters zu lesen beginnt, entdeckt er nach und nach dessen Geheimnis.

Donnerstag, 8. Juli 2021

Maschine der Läuterung

Die dramatischen Formen sind "Erkenntnis- und Reifungsmaschinen". Maschinen, um aus bestimmten Lebenssituationen die Hintergründe herauszukeltern, zu destillieren. Wie in einen Experimentierkolben füllt man eine Situation in eine Eprouvette, und hält diese dann über den Bunsenbrenner. Und schaut zu, was am Ende herauskommt, wenn das Wasser verdunstet ist, was am Boden der Eprouvette übrigbleibt. Das, was in der Flüssigkeit aufgelöst, das hat ihr diesen eigenartigen Geschmack gegeben, man erinnert sich nun.

Deshalb muß man, will man sie verstehen, bei dramatischen Formen (als überhaupt alle Formen in der Kunst) immer schauen, wie eine Zeit ist. Darin kann man dann deren Mechanismen erkennen, nach denen als Stein der Weisen gesucht wird. Denn muß man nicht auch danach suchen, ob eine Zeit dieselben Mechanismen anwendet, um den Menschen im Leben zu läutern? Ist nicht das Leben selbst diese Läuterungsmaschine, die am Ende das Reine, Pure herausbringen soll?

Freitag, 9. April 2021

Beim Lesen von Gerhart Hauptmann

Kein Millimeter, der nicht voll der Welt und Wirklichkeit wäre, keine Betrachtung, in der sich nicht die ganze Welt öffnete, keine Wendung, die nicht im Spiel des Wirklichen die Freude der Wahrheit atmet, die sich im Text auftut, als stünden alle Fenster offen. Ach, könnte man es doch auch ...

Wie dumm dagegen jene erscheinen, die meinen, es gäbe einen methodischen Weg, "gut schreiben" zu lernen. Das Handwerkzeug der Beherrschung der Sprache steht jedem zur Aneignung offen. Und mir graut sogar gerade vor jenen, die so "gut schreiben", die so geschickt mit Worten und Wendungen umzugehen wissen. Die aber nicht einen Augenblick lang die Sprache hinter der Sprache mit sich führen, um die es aber ausschließlich geht. Selbst das Ungelenke, gar nicht so Geschmeidige vermag da noch mehr an Bedeutung zu haben, also alle diese Texte. Die einen heute in Massen umgeben. 

Die Arbeit des Schriftstellers ist aber nicht die "am Text". Dort wird sie zu einer solchen nur - da muß sie aber auch stattfinden - als es beim Schleifen des Textes darum geht, ihn "gehorsamer" zu machen. Ihn dem wirklich Wirklichen, das er mit sich führen und ans Licht bringen soll, anzuschmiegen wie der Hand den Handschuh, dem Bein den Nylonstrumpf, dem Fisch das Wasser. 

Nur insofern hat das Material (die buchstäbliche, werkzeugliche Sprache) seine Bedeutung, weil jeder Bildhauer weiß, daß die Gestalt einer Figur durch Weglassen, nicht durch Hinzufügen entsteht. Und daß sie im Material enthalten ist, sodaß das Schöpferische zur aufmerksamen Suche wird, wo die Wesenslinien des Materials liegen.

Die Arbeit des Schriftstellers ist die an seiner Haltung. An seiner Moral. An seiner Sittlichkeit. An seinem Selbstbesitz. Damit alles, was er in der Sprache an Material in Händen hat, dem von der innersten Seele ausgehenden Strahl des Wirklichen ins Wahre zu leiten vermag. 

Wieviel Geschmeidiges, Geschicktes, "gut formuliertes", das von vorne bis hinten eine Lüge ist. Das ein einziges Täuschungsmanöver sein soll, um die Abgründe der eigenen Seele zu verbergen. Und eine Figur in die Welt stellen soll, die nur in jenen Scheinwerfern zu glänzen beginnt, an deren Positionierung und Funktion das einzige ist, woran der Schreibende wirklich gearbeitet hat.


*260321*

Samstag, 21. November 2020

Dem zarten Empfinden von Frauen und Kindern angepaßt

Es gab noch vor einigen Jahrzehnten den Begriff der Bowdlerisierung (Bowdlerization). Heute versteht den wohl noch kaum jemand.

Er stammt ursprünglich aus dem Englischen. Und geht zurück auf eine Shakespeare-Ausgabe eines gewissen Thomas Bowdler, die im 19. Jahrhundert unter dem Titel "The Family Shakespeare" die Werke des Dramatikers Frauen und Kindern "angepaßt" präsentierte.

Bowdler hat darin alle das (bzw. sein) Sittlichkeitsgefühl anrührenden Stellen und Konstellationen geglättet, um sie dieser Zielgruppe anzupassen, ohne diese zu zerrütten oder zu verstören. Ophelias Tod war da etwa kein Selbstmord, sondern ein Unfall.

Zur Erinnerung: Ophelia ist Hamlets Geliebte. Sie läßt sich von ihren Verwandten (Laertes!) überzeugen, daß Hamlet sie nicht wirklich liebt, sondern nur ihre Liebe zu ihm (die durch Hamlet offenbar erwidert wird, zumindest beteuert er sie mehrfach) zu erotischen Zuwendungen ummünzen will. Von selber wäre Ophelia freilich nie darauf gekommen, denn ihrer Wahrnehmung nach war Hamlet in seinen Liebesschwüren ehrlich. Doch das Säen des Zweifels hat Erfolg, sie kann Hamlets Verhalten nicht mehr deuten, wird verwirrt, und endet im Selbstmord.

Mittlerweile gibt es kaum noch aktuelle Neuauflagen alter Literatur, egal ob für Kinder oder Erwachsene, die nicht sprachlich "bereinigt" und "heutigem Sittenbedürfnis" angepaßt wurde. 

Die Parallele zur politically correct Sprachreinigung, wie sie heute stattfindet, ist für den VdZ augenfällig. Der Leser möge die Aussage daraus selber bilden.

Franco Moretti zieht in "Der Bourgeois" aber noch eine andere Parallele. Er sieht in der Erzählart sowohl von Charles Dickens wie der Hollywoods in Repräsentanten wie Stephen Spielberg analoge Vertreter genau dieser moralischen, angepaßten Erzählweise. Und es ist seines Erachtens nach sehr bezeichnend, daß sie allesamt Geschichten erzählen, die sich gleichermaßen an Erwachsene wie an Kinder richten.  

Sowohl Anti-Intellektualismus wie auch der Nützlichkeitsaspekt für die aktuelle Sicht und Dringlichkeit der Bildungspolitik, meint Moretti, kämen darin zum Ausdruck. Die penetrante Allgegenwart von Worten wie "heute" oder "einst", die sich darin finde, zeige eine nur dünn übertünchte Verachtung für die kritische Auseinandersetzung mit menschlichen Gedanken und Gefühlen.



*191020*

Sonntag, 4. Oktober 2020

Aus einer Fastenzeit - Brief an S

17. März 2009

 Guten Morgen!

Nun doch die innere Ruhe wiedergefunden, für Stunden, sie wird wieder flötengehen, heute, im Trubel Wien - zurück - Wien (morgen) etc. etc.

Aber jetzt, noch trunken und satt von einem Traum, der mich immer noch durchglüht und mir ganz neue Dinge wachrief, nach deren erlösender Kraft ich mich so sehnte, weil mich birgt, und am Nachdenken über Schlingensief, tauchte diese Frage von Dir wieder auf. Nein, es war eine Feststellung. Nein, ein Aufruf. Sich dem Alter gemäß zu betragen, und das Ende der Wünsche auszurufen.

Ich war alt, so kommt es mir oft vor. Ich war bereits alt. Sehr alt sogar. Dein Ruf ist mir so auch ein Ruf einer Welt, der ich wieder entflohen bin. In einer immer volleren, bewußteren Entscheidung laufe ich nun meiner Kindheit nach, und wo immer ich das wirkliche Gefühl habe, richtig zu entscheiden, ist es ein noch radikalerer Schritt hin zu dieser Kindheit. Zu diesen Gefühlen von damals, diesen Lichtern, diesen Stimmungen, diesen Gerüchen und Geräuschen.

Den Versuch, diese Kindheit hinter mir zu lassen, alle diese Bilder und Eindrücke in ein Album einzuordnen, als Grundbedingung für das, was gelungenes Leben angeblich bedeutet, habe ich hinter mir. Er schien geglückt. 
Aber wenn ich nun denn einmal sterbe, so nicht, ohne das Leben noch weiter ausgekostet, ausgereizt zu haben, denn ich war nicht satt geworden. Ja im Gegenteil, anstatt den Hunger zu stillen, habe ich mich damit befassen müssen, den Hunger wegzuimaginieren. 
Wenn ich mich aber frage, was ich bereuen würde, ganz gewiß bereuen würde - neben dem Schmerz um all das Scheitern und Mißlingen und Entbehren, das überall dort besonders schmerzt, wo es auf Dummheit, Bosheit und Irrtum beruht - wenn ich mir also vorstelle, am Sterbebett zu liegen, wo mich der riesige Schrecken überfällt angesichts alles dessen, was ich schuldhaft versäumt habe in meinem Leben, nur um eines irrwitzig-dummen Selbstbehauptungswollens wegen, so ist es das: Nicht ganz und radikal auf diese eine einzige Karte Wirklichkeit, auf diesen winzigen Stecknadelkpopf gesetzt zu haben, der entgegenpiekst und so rasch, Moment für Moment, wieder verscheucht ist. Einmal nicht zurückgeblickt, mit der Hand am Pflug, sondern der faktischen Welt das Paradies abgetrotzt, eingehüllt in ein besonderes Versprechen, das ich über meinem Leben sehe.

Und das zu nennen für andere so grotesk scheint, daß ich es immer noch nur halb enthüllen wage. Aber ich habe die, die mir's wegnehmen wollten, immer als böse erlebt und erfaßt. Weder ist jene Welt der Erwachsenheit wirkliche Erwachsenheit, noch ist es das, was mein Leben gelungen werden ließe. Vielmehr verdanke ich jenen Armen, die mich zu Zeiten so herniederzogen, selbst zu fliegen versuchten, was nie gelang, worauf der Neid mich noch mehr niederdrückte, mit den Schultern auf die Erde preßte, festhielt, nie mehr rühren sollte ich mich können, nur soweit gelockt als daß ich das Geheimnis preisgäbe, das sie in mir wußten und wissen ... Oh nein, ich habe mich entwunden, um einen Preis der manchmal grotesk hoch wirkt, manchmal, und mich selbst zweifeln läßt, oft genug, und tief genug, weil es an Rechtfertigung mangelt.
Oh nein, nicht daß ich mich dem Erwachsensein verweigerte. Ich verweigere mich nur einem bestimmten Erwachsensein, das zu leben verlangt indem man auf das Leben verzichtet. Und seine eigentlichen Momente darauf beschränkt, zu konstatieren, was es nun denn Leben sein ließe. 
Ein Leben, das seine Konkretion in jedem Menschen einzigartig findet, und finden muß, sodaß ich nicht behauptete, daß meine Weise es zu deuten die für alle sei, ja zum Gegenteil! Mir ist bewußt, daß meine Weise zu leben für die meisten nicht gienge, und nicht zutreffend wäre. Daß ihnen das, was in mir sich regt, wenn ich ihnen zuschaue, monströs und schrecklich erscheinen muß und soll.

Oh ich weiß, daß das, was ich von mir behaupte und für mich reklamiere, als heiliges Recht sozusagen, von Gott jeden Tag neu abgetrutzt, genau das ist, was ich anderen vorwerfe, die - doch wie ich - am Boden sitzen und die Arme ausrecken und "tragen!" rufen.

Oh ich weiß, daß ich nur das sein will, was andre zu Recht als "nicht erwachsen" bezeichnen. Ich habe es versucht, mit aller Kraft, deren ich - und ich bin kräftig! - fähig bin. Es ging nicht.

Ich konnte und kann nur weiterleben, wenn und wo ich den Mut finde, wieder Kind zu sein. Dies zu behaupten, dies zu erfechten, gegen alle diese Welt, die mich jeden Moment mit tausend Haken, Ösen und Fallen bedrängt, das sehe ich nun als erwachsen. Dieses Licht, das zu entfachen bereits so viel Erwachsenheit und Nüchternheit benötigt, wie sich vielleicht keiner vorstellen mag, ja daß ich sogar behaupte, soviel Erwachsenheit finde ich außerhalb nirgendwo, weil sie um diesen Kampf weiß und ihn hellwach führt, dieses Licht aber durchzutragen, nicht ausgehen zu lassen, niemandem zu gestatten, es zu löschen, und das ist bei Gott die schwerste Arbeit, wenn man bereits erwachsen war, das also ist meine Aufgabe, ich habe die Lektion aus meiner Vergangenheit begriffen. Und so habe ich mich entschlossen, dieses Licht der Schönheit und Wahrheit zu entfachen, und so gut es geht nie mehr davon zu lassen.

Im Kunstbetrieb, vielleicht gerade heute, ist es übrigens auf seine Weise fast noch schwerer als "draußen", dieses Licht zu wahren. Denn dort trifft einen der Speer des Hagen im Rücken.

Wenn ich aber wieder einmal zweifele, wenn ich wieder einmal Stimmen Gehör geschenkt habe, denen ich kein Gehör mehr zu schenken habe, dann nehme ich sie her, die Stefan Georges und Gottfried Benns und Anton Wildgans' und Lichtenbergs und Goethe's und Schillers und Doderers und, oh ja: wie! -, Rilkes, und dann klopfe ich ganz leis an die Tür, ganz leis, und schleiche mich schüchtern in diesen Raum, in diesen Himmel, und dann bleibe ich im hintersten Eck, und muckse nicht auf, aber so glücklich, weil daheim. 

Da und dort sehe ich sogar noch den einen oder anderen Zeitgenossen, ganz weit weit weg, und ebenso schwach leuchtend und verzweifelt suchend wie ich vielleicht, sodaß es mehr wie ein Flackern ist, das nur die Erinnerung jeweils zum kontinuierlichen Licht macht, wie ich den jüngst verstorbenen Gert Jonke empfand, ohne mich in den Momenten, wo er wirklich leuchtete, mit ihm vermessen zu können zu glauben. (Menasse aber ist nicht dort drinnen, übrigens, der irrt, mit zorniger, düster umwölkter Stirne weit draußen herum, und sucht dieses Tor, aber er findet es nicht, er kann es nicht finden, weil er sich selbst im Wege steht, und eben nicht zu seiner Kindheit findet ...)

Ich war vorgestern mit meinem Sohn in einem Konzert, ich habe im Herbst ein Abo riskiert, hier in Sopron, und es nicht bereut. Eine Sopranistin gab, mit Pianistenbegleitung (die ja ein Dialog mehr denn Begleitung ist), Lieder von Liszt, Mahler (Rückertlieder!), Bartok. Wir gingen schweigend heim. Damit nur kein falsches Wort das Herz wieder zerreiße, das so voll war. Aber wenn ich sie höre, wenn ich "Mitternacht" höre, weiß ich, wo ich hingehöre.

Es mag sein, daß andere das als traurig, als grau empfinden. Aber das halte ich für Erwachsenheit! Zu wissen, daß die Welt, daß diese Welt grau und zu betrauern ist, weil sie des Paradieses verlustig ging, ein für allemal. Ich meine, gnadenhaft, geschenkhaft, eine Ahnung davon mitbekommen zu haben, und das ist mir Auftrag. Zwanzig Jahre lang habe ich versucht, mich dieses Auftrags zu entledigen. Um mir doch endlich nur zu beweisen, daß es nicht anders geht als ihm zu folgen.

Heut nacht, trunken von diesem Licht, diesem güldenen Licht, und immer noch durchdrungen davon, hab ich wieder Kraft geschöpft, weiterzugehen, einen weiteren Tag weiter zu gehen, auf meine Kindheit zu.

Mit Feuerschwert werde ich alle vertreiben, die es unrechtmäßig erobern und zerstören wollen. Vielleicht schaffe ich nämlich doch noch, einen Sekundenbruchteil vor meinem Tod, diesen Moment innerhalb dieser Erde. Den Moment völliger Freiheit, der ein Moment völliger und kindlicher Hingabe ist.

A.


*240920*

Freitag, 24. Juli 2020

Erinnerung

Manchen Leser mag das erstaunen. Diese Aufnahme zeigt die Literatengruppe WIDDERHAKEN, die der VdZ seinerzeit in Amstetten zusammen mit einer Reihe von Kollegen gegründet hatte. Sie bestand von 1982 bis 1984, und in deren Rahmen wurden Lesungen etc. durchgeführt. Die sogar erstaunliche Resonanz fanden. Damals befaßte sich der VdZ (im Bild mit dem Kind am Arm, seiner ältesten Tochter Julia) mit Lautmalereien und ganzheitlicher Sprachphilosophie, was nicht überall auf Verständnis stieß, ja sogar so manche Ablehnungsgeste hervorrief.



*220720*

Sonntag, 23. Februar 2020

Wo wir des Wirklichen ansichtig werden

Die Rede, die Peter Handke anläßlich der Verleihung des Nobelpreises für Literatur 2019 an ihn in Oslo hielt, kann man nur als Aufruf zum Kleinen, Direkten, Begegnenden sehen, zur Suche und Auslieferung an die Wirklichkeit selbst sehen. Handke zeigt darin, daß er selbst nicht den großen geistigen Unterbau hat, um einen Plan zu sehen, aber er beruft sich auf das, was die eigentliche Arbeit des Poeten ist - die Nicht-Vernutzung des Wahrgenommenen, die Reinheit der Sinne, die Unmittelbarkeit der Eindrücke wieder zu gewinnen. Sich aus allem Alltäglichen daraus hin durchzuarbeiten ist seine Lebensaufgabe. Und darin überwindet er die Zeit. So daß seine Bilder und Darstellungen Fenster zum Wirklichen selbst werden.

Hier gewinnt auch die Volkssprache, der Dialekt, die Muttersprache ihre Bedeutung. Weil hier noch viel jener ursprünglichen Poesie enthalten ist, wenigstens daran erinnert, das wir aus der Zeit vor der Erbsünde, und als Ausblick auf die Zeit nach der Wiederkehr Christi, im "neuen Himmel und der neuen Erde", wieder gewinnen werden. So wir uns dafür entscheiden.

Es ist gewiß vorerst zuviel verlangt, wenn man von Handke auch die Einsicht verlangte, daß dieser Anblick des wirklichen Wirklichen in der Liturgie der Kirche, in ihrem Kult gegenwärtig ist. Aber es macht gar nicht so sehr staunen, wenn der Nobelpreisträger bei seiner Osloer Rede, die kaleidoskopartig, ungeordnet, wie eine Patchworkarbeit, mitten unter alltäglichen Lebensblüten ganz selbstverständlich auch eine marianische Litanei vorträgt. Aber schon in seiner Wende anläßlich des "Serbien-Skandals", in dem er eines Tages aufwachte, den der VdZ immer als "Rückkehr zum Patriarchalen" sah, war erkennbar, daß Handke ahnt, daß das Wirkliche, das Wahre, das Poetische etwas mit der Heiligkeit sui generis, also auch mit der Heiligkeit der Tradition zu tun hat.

Und da taucht dann plötzlich auch ein neuer Begriff von Mensch und seiner Natur auf. In dem der Dichter sich von allem bloß faktischen Subjektivismus langsam zu trennen beginnt und begreift, wie sehr seine Dichtung bedeutet, Sprachrohr für ein unendlich Großes, Wahres, Schönes zu sein, das er durch seine Stimme, durch seine Feder zur Welt bringt. Nicht "er" ist das Interessante, sondern dieses außer, über ihm liegende Ewige des Geistes.

Insofern ist Handke ein Beispiel für die Tatsache, daß in Zeiten kulturellen Niedrigstandes, schon gar solchen des Niedergangs, große Kunst nicht mehr möglich ist. Denn der Künstler hat fast nur noch das Abgrenzen, aber nicht mehr die ihn selber formende Kraft eines positiven, aufbauenden, seinstragenden kulturellen Stromes zur Verfügung. Mehr als gelegentlich zu erreichen, die dicke Eisschicht im See, in den man per Geburt geworfen wurde, zu durchbrechen und wenigstens ein wenig frische Luft zu schöpfen ist dann nicht mehr möglich, und schon die maximal mögliche Leistung.

Denn in der Poesie ahnen wir erst, was nur im Sakramentalen - dem Generalzustand vor der Erbsünde - real wird. Sie ist somit der Duft des Ewigen, nicht das Ewige selbst, die Rampe, von der weiter zu gehen aber nicht in unserer Hand liegt, sondern ungeschuldete Bewegung von Gott her zu uns ist. Ohne die es aber keine Welt geben würde, weil der die Wirklichkeit fehlte.







Sonntag, 5. Januar 2020

Letzte Worte eines weisen Mannes (2)

Es gibt nichts Gefährlicheres als "etwas Bildung", schreibt dazu William M. Briggs. Wer einmal begonnen hat, von dieser Quelle zu trinken, muß sie bis zu ihrem Grund durchtauchen. Etwas, das aber nur für eine kleine Zahl von Menschen möglich ist. Die heutige Bildung ist deshalb in überwiegendem Maß lediglich dazu angetan, die Ansprüche auf Anerkennung und Stellung durch Erringung eines Zertifikats zu erhöhen und die Zahl der Großmäuler ins Unermeßliche zu steigern. Sie hat mit Bildung im eigentlichen Sinn jedoch rein gar nichts zu tun. Stattdessen steigt nicht nur der Druck auf jeden Einzelnen, zu allem und jedem eine "Meinung" zu haben, sondern auch der Anspruch, daß diese Meinung von Wert sei. Es ist absurd zu glauben, daß jeder genug zu allem wissen könnte, um dazu auch wirklich fundiert etwas sagen zu können. 

Aber es ist genau so absurd zu meinen, daß alles, was in allen möglichen Lehranstalten gelehrt würde, auch einer solchen Verbreitung wert wäre. Das ist zumindest heute ganz offensichtlich falsch. Wenn aber etwas gelehrt wird, dann muß die angebrochene Flasche bis zum letzten Tropfen geleert werden. (Anders als Briggs findet der VdZ hier das alte römische Sprichwort passender, das von "multa sed multae", "Viel, aber nicht Vieles", spricht.

In der Art aber, in der bei uns "Bildung" vermittelt wird, muß die Arbeit jeder Regierung immer zersplitterter, nervöser, rechthaberischer und ineffizienter werden. Damit muß sie in immer größeren Widerspruch zu einem der Grundprinzipien des Gemeinwohls, der Subsidiarität, geraten. Einem Prinzip, in der die übergeordnete Einheit nur jene Aufgaben erfüllen darf, die die untere nicht zu erfüllen vermag. Und zwar in erster Linie, weil diese dazu nicht berufen und in der Lage ist, nicht, weil sie da oder dort einmal indisponiert ist und versagt. Stattdessen macht sich ein Druck auf Uniformität breit - die man dann "Vielfalt" nennt.

Weil aber Bildung zunehmend mit Kosten und damit "Ertrag" verknüpft wurde, stehen alle Bildungsinstitutionen unter dem Zwang, bestimmte "meßbare" Ergebnisse zu erzielen. Damit wächst die Bereitschaft, nicht über Inhalte zu lehren, sondern über Verhalten bestimmte Ergebnisse zu produzieren. Das Spiel der Freiheit wird somit aus der Bildung verbannt. Aus Bildungsvermittlung, die ein Erfahrungs- und persönlich unterschiedlicher Reifungsprozeß ist, wird Ideologievermittlung und Indoktrination. Während die Erfahrung zu einer Verhaltenslehre wird, sich "wie ein Gebildeter" zu verhalten.

Die Verrohung des Krieges hängt direkt damit zusammen. Denn zur Besonderheit des Soldatenstandes zählt vor allem der soldatische Ethos. Doch Offiziere, die bereits in den heutigen Ideologie- und Indoktrinierungsanstalten "vorgebildet" wurden, sind dazu nicht mehr in der Lage, weil ihnen diese Persönlichkeitsdimension fehlt. Ähnliches gilt es auch vom Priesterstand zu sagen. Im Gleichschritt mit dem Abbau von Geistessubstanz an den Universitäten haben sich auch die Priesterseminare davon befreit. Für beide Stände gilt heute, daß sie sich weit mehr der weltlichen Anerkennung widmen, als ihr Handwerk zu erlernen. Hier (wie mittlerweile überall) wird die mehr oder weniger gekonnte Simulation einer Identität zum Ersatz für eine organisch an der Wirklichkeit gewachsene Identität, die aus der in Verantwortlichkeit geleistete Hingabe an eine Sache, einen Inhalt erwächst bzw. sich stärkt, nicht an einem Erlernen des "Verhaltens - wie". 

Fälschlicherweise wird heute davon ausgegangen, daß das Handwerkliche auch später zu erlernen sei, vorerst gehe es um die Erreichung eines "Dekrets", eines Zertifikats. Die Realität aber zeigt, daß solch ein Dekret den Träger verändert, und einen Initiationsritus darstellt, der die Seele verändert. Weil die Person auf einen Stand hebt, in dem die Erlernung des Handwerkszeuges für diesen Stand unter diesem Stand selbst liegt. Also nie mehr erfolgt, sondern mit dem Dekret bereits "vorhanden" angenommen wird. Denn ein Erlernen liegt - natürlich! - unter diesem Stand. Heutige Bildungsdekrete sind deshalb wie Etiketten auf leeren Flaschen, die ihren verkündeten Inhalt gar nie trugen und tragen werden. Denn unter dem Rechtfertigungsdruck, der aus der Verquickung der Lehranstalten und Universitäten mit Geld und Kapital (und Politik) erfolgt, orientiert sich ihre "Bildungsvermittlung" vor allem an der Vermittlung der Fähigkeiten, Dekrete zu erwerben, nicht an inhaltlicher Reifung.

Der Vorhersage Richelieus über die Explosion der "Quatschköpfe" im Land muß nichts mehr hinzugefügt werden, sie hat sich vollauf bewahrheitet. Und je mehr "Bildung" - umso mehr. In gleichem Maße hatte er recht, als er von dem Aufkommen der Zweifler sprach. Die zwar alle erschüttern, aber nicht mehr errichten können. Oh ja, man kann andere Menschen leicht verunsichern, schon gar solche guten Willens, und umso mehr, als man mit Bildungsdekreten wedelt. Wir haben es eben viel zu sehr mit Leuten zu tun, die alles wissen, und dessen völlig sicher sind ... weil sie eben eine Identität angenommen, zugesprochen bekommen haben, die dem in Wahrheit Ungebildeten genau das zusagt.

Das hat - auch darin hat Richelieu völlig recht behalten - zur Folge, daß sich die geistige Arbeit (die "freien Künste") der mechanischen Arbeit überlegen fühlt. Aber die konkrete, handwerkliche Arbeit, die Arbeit an und mit einer Maschine, einem Apparat, den es zu konstruieren, zu reparieren gilt, hat den unersetzlichen pädagogischen Vorteil, daß sie ein direktes Lernen am Erfolg ermöglicht, der in der Sache selbst liegt und vor allem: in ihr direkt erkennbar wird. Eine Maschine läuft - oder läuft nicht. Eine Arbeit fruchtet - oder sie tut es nicht. Das formt den Charakter, macht ihn realistisch und realitätsoffen. 

Dem Träger eines Zertifikats der Freien Künste hingegen steht diese Erfahrung nur höchst selten offen, manchmal überhaupt nicht. So kann er nicht unterscheiden, ob das, was er "weiß", nicht völlig sinnlos ist. Noch dazu, wo er von seiner Identität gerne über eine realistische Prüfung über die Wirklichkeitsrelevanz seines "Wissens" hinweggetragen wird. Also hängt er von einem Anerkennungshorizont ab, der nicht von einer Sache geprägt ist, sondern von ... Ideen, Dynamiken von Gruppenidentitäten, und vor allem: Anerkennungszwang, der nur vom Wort abhängt. Schon das stärkt die Neigung solcherart Gebildeter zu Konformität und Verschmelzung mit Macht und Mehrheit einer Sichtweise.





Samstag, 4. Januar 2020

Letzte Worte eines weisen Mannes (1)

  • Wenn auch die Kenntnis der Literatur* für ein Land unerläßlich ist, so ist gleichermaßen gewiß, daß sie nicht unterschiedslos an jeden weitergegeben werden sollte. Ein Leib, der überall Augen hat, würde zu einem Ungetüm verkommen, das noch dazu rasch Mode würde. Was geschähe aber mit einem Staat, wenn allen seinen Subjekten die Kenntnis der Literatur vermittelt würde. Man würde in ihm bald wenig Gehorsam, dafür aber viel Stolz und Unverschämtheit finden. 
  • Der Handel mit Literatur würde bald den von Gütern, aus denen allein der Wohlstand eines Staates hervorgeht, übertreffen. Er würde damit zuerst die Landwirtschaft, diese verläßliche und treue Fruchtbarkeit eines Volkes, ruinieren, und dann binnen absehbarer Zeit die Quelle des Soldatentums austrocknen. Deren lebensspendende Läufe mehr von den Rohheiten der Ignoranz als von den Feinheiten der Erkenntnis gespeist werden.
  • Ohne Zweifel würde sich Frankreich mit Quatschköpfen füllen, die sich mehr der Zerstörung guter Familien und dem Erschüttern der öffentlichen Ordnung widmen, als irgendetwas Sinnvolles für das Land zu leisten.
  • Wenn man das Lernen durch Verbreitung unter allen möglichen Arten von Menschen profanierte, würde man bald sehr viele Menschen erleben, die zwar fähig sind, viele Zweifel zu streuen, aber nicht, solche auch ausräumen zu können. Viele wären dann weit mehr in der Lage, der Wahrheit zu widersprechen, als sie zu verteidigen.
  • Aus diesem Grund ist es für Staatsmänner in einem gut regierten Staat wünschenswert, zwar viele Lehrer zu haben, die Meister der mechanischen Künste (gemeint sind v. a. Handwerker; Anm.) sind, aber weniger solche der Freien Künste.

Aus dem Politischen Testament von Kardinal Richelieu (1585-1642), Kapitel II


Morgen Teil 2)


*Mit Literatur meint Richelieu nicht die schöngeistige Literaturkunst der Dichter und Literaten, wie sie heute verstanden wird, sondern die schulische und akademische Bildung generell, die sich auf Medien, Büchern etc. aufbaut. Dasselbe gilt für "Freie Künste", die nichts mit "Kunst" in einem eingeschränkten Sinn zu tun haben, wie es heute verwendet wird, sondern die geistige Tätigkeit generell, in ihrem Unterschied zu Handwerk und Handarbeit meint.



Montag, 9. Dezember 2019

Nobelpreis für einen durch Grammatik Bekehrten

Es hat so seine Sonderheit darum, daß Peter Handke den Nobelpreis für Literatur 2019 zugesprochen erhalten hat. Persönlich ist der VdZ mit dieser eigentümlichen Veranstaltung, die in der Autoritätsbildung der Betroffenen (und für unsere Kultur) so große Bedeutung hat, nicht unzufrieden, ja sie macht fast Hoffnung. Immerhin hat er den Kärntner doch auch geschätzt, vor allem in den letzten Jahren und Jahrzehnten. Der ihn freilich von Jugend an als Lektüre begleitet hat. Auf seiner Irlandreise 1980 hatte der VdZ überhaupt nur sein "Das Gewicht der Welt" in der Tasche. Das ihm damals sogar Vorbild war. In dieser Gestalt wollte er auch schreiben. (Weil er nicht mehr konnte?) Bis er ihn für zwanzig Jahre und mehr nicht einmal mehr ignorierte. Warum?

Weil es um diesen Literaten so seine Insonderheiten hat. Der VdZ sieht ihn als eine Art "Bekehrten". Nicht unbedingt religiös, das steht auf einem anderen Blatt Papier, darüber kann er sich nicht äußern. Aber Handke war Teil einer regelrechten Generation von österreichischen Literaten, die in den späten 1960er und vor allem in den 1970er Jahren von Handke mit nach oben gesogen wurden, mit dem Auftrag, die deutsche Literatur zu zertrümmern und neu zu begründen. Und sie hatten Erfolg darin. Wenn auch das Ergebnis aus heutiger Sicht oft nahezu lächerlich ist. (Das hat dem VdZ gegenüber einer der damals sehr bekannt gewordenen, mittlerweile verstorbenen österreichischen Literaten zugegeben, der in einer weinseligen Stunde ehrlich meinte: "Die deutschen Verlage haben uns damals alles aus der Hand gerissen, und das Gelieferte war, wenn ich ehrlich bin, eine Frechheit.")

Wobei der Leser sich nicht der Illusionen hingeben sollte, die damals um die österreichische Literatur entstanden. Die wesentlich davon lebte, daß die österreichische Verlagslandschaft in einem Ausmaß subventioniert ist, die den deutschen Verlagen fremd geblieben ist. Darum gab es so viele Veröffentlichungen. Viele Verlage, viele Buchtitel (zu oft verschwindend kleinen Auflagen), kaum Leser, so könnte man es beschreiben.

Auch Handke hat immer mehr kaum nennenswerte Bücher veröffentlicht. Bis für ihn eine Wende gekommen sein dürfte. Die zeigt, daß Schreiben, wenn man es denn ernst nimmt, ein Lebensweg, keine "ökonomische, nützliche Tätigkeit" ist wie jeder bürgerliche Beruf. Immer mehr schien Handke zu erkennen, daß das, wogegen er ausgezogen war, die (nennen wir es simpel) traditionelle Geisteskultur unseres Sprachraumes, doch einen Wert hatte. Und welchen!

Zunehmend hat sich Handke in den letzten zehn, zwanzig Jahren zu einem Kritiker genau jener Erscheinungen gemacht, die er selbst einst gefordert, und deren Aufstieg zum Maßstab er mit zu verantworten hat. Immerhin erwähnt ja das Nobelpreiskomitee in seiner Begründung,  daß er so großen Einfluß gehabt habe. Das hat er. Das hat er, indem er die Literatur von der Wesentlichkeit weg- und zu einer bloß subjektivistischen, ungeordneten Befindlichkeitsorgie hingeführt hat. Jelinek läßt grüßen. 

Aber der alternde Schriftsteller war damit denn doch immer weniger zufrieden, vielleicht, weil das Älterwerden auch ein Heimkommen bedeutet, und Handke stammt aus sehr katholischem Milieu.

Nicht, daß er katholisch geworden wäre, darüber liegen dem VdZ keine Nachrichten vor. Aber das Katholische hat im Gegensatz zu allem anderen, was man Religion nennt, die Eigenschaft, physisch zu prägen, ja, physisch auf die Wahrheit zu eichen. Wer einmal so geprägt ist, wer wie Handke Ministrant und "von katholischer Moral gequält" war (weil die Wahrheit mit dem rein irdisch-immanenten Streben unvereinbar ist, und dagegen wehrt sich so gut wie jeder Jugendliche, oft vehement), kann das nie mehr ablegen.

Und so kam auch Handke ganz langsam zu alten Formen und Ansprüchen zurück, die er erst verdammte, und doch bald als die einzig gültigen anerkannte. Ganz langsam wurde das, was er zu sagen hatte, damit wesentlich. Zumindest in dem bescheidenen Rahmen, der ihm zugemessen und noch erreichbar war. Denn er hat wie so viele, die sich in der Jugend vom Katholischen ab- und der linken "Freiheit" zugewandt haben, viel Lebenszeit verplempert, um es charmant zu formulieren, viel falsch entschieden. Ja, ganze Lebensläufe verhunzt. Wie so viele, die die perfid verbreitete Lüge der Linken nicht durchschaut haben. Auch der VdZ gehört zu diesen.

Und er wie Handke haben das wie die meisten nicht erkannt. Auch, weil Handke durch seine (ganz katholisch) mutige Rebellion, die ihn 1966ff. so "berühmt" gemacht hat, den Bonus des Hochgelobten hatte. Der ihm sogar Frechheiten wie (nein, oder: ja, auch die: Die Publikumsbeschimpfung) ein durch großen Druck auf tausend Seiten aufgeblasenes Buch erlaubte (das muß einmal einer drucken!), nur weil auch er (für diese Selbstironie verdient er allerdings Milde) einmal ein so dickes Buch "schreiben" wollte. Was Handke aber den Freiraum gab, der so wenigen vergönnt ist, an seinen eigenen Gestaltansprüchen - von Anfang an, kann man hier sagen - festzuhalten.*

Deshalb sagen wir doch relativierender - er wurde wesentlichER. Denn immer noch sieht der VdZ Handke nicht auf Augenhöhe mit den im alten Sinn lebenden (gewesenen) Geistes- und Literaturgrößen. Das muß nicht einmal sein Versagen sein, ja das wird nicht einmal sein Versagen sein. Denn ein Künstler ist immer auch aus und in seiner Zeit geboren und aufgewachsen, und deshalb von exakt denselben Krankheiten geplagt, die ihn an der Welt leiden lassen. Eine geistlose Zeit wird keine große Kunst mehr erhalten, so ist es einfach, und nicht wenige Künstler, die darunter leiden wie ein Fleischerhund.

Das mußte auch er allmählich anerkennen, und erwachsen-resigniert zur Kenntnis nehmen. Das läßt sich vielleicht am besten an seinen Übersetzungen erkennen, denn der Künstler wächst an seinem Material. Der Schauspieler an seinen Rollen, der Schriftsteller an seiner Lektüre und an der Sprache generell. Handke hat nicht nur Julien Green übersetzt, sondern auch Aischylos und Sophokles. Sie gehören zweifellos zu den besten Quellen abendländischen Geistes.

Um dann wieder und wieder seine eigentliche Arbeit aufzunehmen. Schon der Titel des Schriftverkehrs mit Alfred Kolleritsch "Schönheit ist erste Bürgerpflicht" zeigt es an. Handke hörte nicht auf, die Zeitkrankheit an sich und um sich zu überwinden. Das heißt speziell für den Schriftsteller, sie geistig-gedanklich, also sprachlich so zu durchdringen (und die Sprache zwingt, wenn man sie liebt, sie trägt die Welt in sich und offenbart damit die Welt, wenn man der Sprache verehelicht ist; das ist der eigentliche Grund, warum Dinge wie "Generismen" so leicht als lächerlich-vertrottelt erkennbar sind), daß sie ihm als Werkzeug wieder zufällt.**

Denn das Irrtümliche (das sich als Sprachverhunzung zeigt) ist auch das, was das Schreiben in Fesseln hält, unfrei macht, und damit das Schöpferische verhindert. Vielleicht war die Wende sein Engagement für Serbien, der VdZ meint hier Zusammenhänge erkannt zu haben, schon damals. Denn plötzlich war Handke nicht mehr "everybodys Darling", sondern ein wenig zumindest Ausgestoßener, Paria. Denn Serbien großartig zu finden, womit sich eine klandestine Sympathie für das Patriarchalische verbindet, war in den 1990er Jahren nicht gerade wohl gelitten.

Vielleicht war es aber auch der Anlaß, das Sprungbrett, an dem sich Handke endlich wieder von einem intellektuellen Betrieb verabschieden konnte (daß er das zuvor getan haben sollte, war nicht mehr als kokettes Getue), der ihn völlig vereinnahmt hatte. Nun konnte er sich wieder absetzen, und Freiheit zurückerobern. Der Name genügte ja längst, damit er gut genug vom Literaturbetrieb (und dem Preis-Un-Wesen) leben konnte. (Immerhin gab er 1999 das Preisgeld für den 17 Jahre zuvor zugesprochenen Büchnerpreis wieder zurück. Herrschaften, das muß man sich einmal, schon rein monetär gedacht, als Schriftsteller einmal leisten können ... Wie heißt es so schön? Mit vollen Hosen ist gut stinken.)

Seither ist Handke in den Augen des VdZ aber immerhin auf einem guten Weg. Und das ist der Grund, warum sich der VdZ auch für ihn freut. Weil mit ihm eine Stimme weiter Autorität gewinnt, der zuzuhören in den letzten Jahren doch etwas lohnender geworden ist. Gerade, wenn der Nobelpreisträger über das Schreiben berichtet. Denn für den Schriftsteller ist die Sprache, das Schreiben der Ort, an dem er zur Welt kommt. Denn die Welt ist Sprache. Sodaß sich in seinem Schreiben der Zustand der Welt erkennen läßt, ohne daß er, wie Handke in jungen Jahren, einfach Symptom des Zeitgeistes bleibt.



*Wie sehr kämpfen doch andere um dieses "Selbstbewußtsein", diesem oft verfluchten Zwitter aus Welthaftigkeit und Anspruch aus dem Ohr im Ewigen! Handke hatte vielleicht einfach "Glück"? Bleiben wir bei "Vorsehung", dieser so geschundenen Braut.

**Weshalb Bildung in der Antike, aber noch bis ins 13. Jahrhundert, schlicht und ergreifend "Rhetorik" oder "Grammatik" war.