Also wenn Du die zweiten Texte eh noch nicht gelesen hast (die nicht "erotisch" sind), dann kann ich Dir auch gleich die mittlerweile überarbeitete Fassung dieser Szene schicken. Denn als ich dann suchte, wo ich die "Erstkommunion" von Yildiz einfüge (welch Notwendigkeit mir aus einem Umarbeiten des letzten Tages in Wien entstand ...) - wobei ich die Hochzeitsszene dazu noch umschreiben werde, denn dort konsumieren ja die Eheleute Brot und Wein zugleich, also muß die per "Begehrenstaufe" getaufte Yildiz aber noch eine Beichte haben ...) war ich Ende Mai/Anfang Juni. Und da hatte sie schon Erla geboren (Mai) Das macht auch die "Brunnenszene" poetischer.Vergiß also die Dir vorliegende Szene, hier ist die aktuellere Fassung. Ich führe hier erstmals Yildiz mit einem Baby ein:
Treibgut - Wo am breiten Strome die Ufer stehen, sind Schwarzerlensamen aufgegangen, und schäumen als saftige Büsche die Ränder der großen Lethe, die alles ins Dunkele Meer trägt; ihre weichen Äste, die noch nicht ahnen lassen, welcher später als kahler Stamm reife Blätter hoch in der Sonne wiegen wird, tauchen in die Wasser, wie Kinderhände. Dann und wann greifen sie, denen alles noch ernstes Spiel ist, nach Treibgut. Oder es bleibt hängen, lädt zum Tanze, haucht im Kusse Lebwohl
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Freitag, 7. Juli 2023
Noch unverfugt
Dienstag, 3. Januar 2023
Kletten im Haar
Sonntag, 27. März 2022
Ein Sinn. Ein Werk. Ein All. Und viele kleine Stücke.
Vielleicht nirgendwo sonst kommt das Wesen der menschlichen Arbeit so zur Deutlichkeit wie im Überarbeiten einer "alten" Arbeit, eines bereits bestehenden, einmal herausgegebenen (also auch verkauften) Werkes. Das man damals natürlich für gut und zumindest als "das Beste" ansah, das unter einer bestimmten Idee herauszuarbeiten war.
Herauszuarbeiten, weil Arbeit immer heißt, aus einem amorphen "Allesmöglichen" ein konkretes "Dies" zu machen. Das im Falle des Künstlers - oder wie hier: Des mehr als Schreibenden, nämlich des Schriftstellers. - zu einem für sich stehenden, einzelnen Werk wird. Ein Werk, das im Laufe seines Lebens aber immer umfänglicher, immer allumfassender, immer komprimierter und immer endgültiger wird.
Also dessen, der wie der Gewerbetreibende auch die Idee zu seinem Werk herausschält, nicht eine "fremde" Idee (weshalb bis in die Renaissance erstensder Künslter als reiner Handwerker gesehen wurde, und zweitens es nie "dessen" Werk war, sondern das Werk des Auftraggebers. Der in diesen Zeiten, wo die Gesellschaften keine Kunst mehr BRAUCHEN, und also auch nicht mehr in Auftrag geben, der Künstler noch spezifischer und gequälter wurde. Er muß sich nun den Auftrag gewissermaßen SELBST auch noch herausarbeiten. Er muß in sich und aus sich und seinem Leben jene Botschaft finden, zu der er GEWORDEN ist.
Erstmals entstand dieses Problem eines gewissen Müßiggangs (und da bestehen Zusammenhänge, zweifellos, und das sind Gefahren) mit der Renaissance bzw. als Zerfallsprodukt der zuuvor noch existierenden kulturellen, gesellschaftlichen Geschlossenheit des Mittelalters. Künstler wird nun nur noch der, der sich "sonst umbringt", wie es Fritz Muliar einmal so unvergleichlich ausdrückte. "Ummm...", das zog er so.
Samstag, 15. Januar 2022
Nur sie und das Waldvögelein
Wo mein Köpflein lag
Unter den Linden
an der Heide,
wo ich mit meinem Liebsten saß,
da mögt ihr finden
wie wir beide
die Blumen brachen und das Gras;
vor dem Wald in einem Tal - 'Tandaradei
Herrlich sang die Nachtigall
Ich kam gegangen
Zu der Aue,
und mein Liebster ware schon dort;
Da ward ich empfangen
als heilige Fraue,
daß ich bin selig immerfort.
Ob er mich wohl oft geküßt? - Tandaradei!
Seht wie rot der Mund mir ist!
Und Blumen brachen
mir zum Bette
in reicher Zahl. O kommt und seht!
Vom Herzen lachen
muß, ich wette,
o mancher, der vorübergeht.
Weil bei den Rosen er wohl mag - Tandaradei!
sehen, wo das Haupt mir lag.
Wie ich da ruhte,
wenn es wer wüßte,
du lieber Gott, ich schämte mich!
Wie mich der Gute
nahm und küßte,
ei, das weiß nur er und ich.
Und auch du, Waldvögelein, - Tandaradei!
Nicht wahr, wirst verschwiegen sein.
Dienstag, 21. Dezember 2021
Gang durch die Nachkriegslandschaft
Er schien erst so einfach herauszunehmen. Aber etwas sperrte sich denn doch, sobald ich ihn angriff. Er stand vor mir, war schlicht und doch nicht in jener Weise erhellend, wie es solche Gedanken schon so oft zu sein gepflegt hatten. Warum mir nach langen Wochen und Monaten, in denen ich ihn mal hierhin, mal dorthin drehte, wieder weglegte, um doch wie um ein Heiliges Geheimnis zu kreisen, denn zu groß war der Moment des Eintreffens gewesen, warum mir also an jenem Morgen ausgerechnet Gottfried Benn in die Hände gefallen war, weiß ich nicht.*
Freitag, 8. Oktober 2021
Ein nächstes Pferd vor Troja (5)
Donnerstag, 7. Oktober 2021
Ein nächstes Pferd vor Troja (4)
Mittwoch, 6. Oktober 2021
Ein nächstes Pferd vor Troja (3)
Dienstag, 5. Oktober 2021
Ein nächstes Pferd vor Troja (2)
Montag, 4. Oktober 2021
Ein nächstes Pferd vor Troja (1)
Mittwoch, 22. September 2021
Die Figur des Urgroßvaters
Ich werde W in XXX (über einen endgültigen Titel habe ich mir noch keine Gedanken gemacht, und der Arbeitstitel tut hier nichts zur Sache) einen Antagonisten haben. Der Elias mit seinen Schriften nährt, mit denen er eine Bibliothek gefüllt hat, die er aber nie zu Lebzeiten anders herausgegeben hat als in der Auflage von wenigen Stück, die E in der Bibliothek seines Oheims findet.
Wahrscheinlich heißt er W; ich muß erst sehen, ob W-"original" das Material zum Vorbild hergibt; was bei geistig so flachen, ja primitiven Personen schwer auszuloten ist; wegen der Geschäftsverbindungen aber wahrscheinlich doch; es bliebe aber noch H, der den Betrugsaspekt einerseits, den Geltungsaspekt anderseits besser hätte; mal sehen.
Ich sehe das Bild noch nicht so stark vor mir, weiß noch nicht genau, wie er aussieht. Es wechselt, mal wie der eine, dann wie der andere. Bisher hatte ich ihn klassischer gedacht, dafür noch dümmer als die originalen W oder H, der seine Stellung seiner Servilität verdankt, ohne daß ihn jemals jemand geachtet hat; das wäre nämlich der Grund gewesen, warum er seinem Neffen hilft - Elias.
Der überläßt sie ihm, weil er ihr keinen Wert beimißt. Denn Wissen wird für alle Zukunft elektronisch gespeichert, und das allermeiste, was in dieser Bibliothek (die vom Urgroßvater stammt; bei diesem laufen ja die genetischen Fäden zusammen) vorliegt, ist in seinen Augen bedeutungslos weil hoffnungslos veraltet und überholt.
Als Elias, der sich damit seine eigene kleine Wohnung ausstattet, in den dicken Bänden des Urgroßvaters zu lesen beginnt, entdeckt er nach und nach dessen Geheimnis.
Donnerstag, 8. Juli 2021
Maschine der Läuterung
Die dramatischen Formen sind "Erkenntnis- und Reifungsmaschinen". Maschinen, um aus bestimmten Lebenssituationen die Hintergründe herauszukeltern, zu destillieren. Wie in einen Experimentierkolben füllt man eine Situation in eine Eprouvette, und hält diese dann über den Bunsenbrenner. Und schaut zu, was am Ende herauskommt, wenn das Wasser verdunstet ist, was am Boden der Eprouvette übrigbleibt. Das, was in der Flüssigkeit aufgelöst, das hat ihr diesen eigenartigen Geschmack gegeben, man erinnert sich nun.
Deshalb muß man, will man sie verstehen, bei dramatischen Formen (als überhaupt alle Formen in der Kunst) immer schauen, wie eine Zeit ist. Darin kann man dann deren Mechanismen erkennen, nach denen als Stein der Weisen gesucht wird. Denn muß man nicht auch danach suchen, ob eine Zeit dieselben Mechanismen anwendet, um den Menschen im Leben zu läutern? Ist nicht das Leben selbst diese Läuterungsmaschine, die am Ende das Reine, Pure herausbringen soll?
Freitag, 9. April 2021
Beim Lesen von Gerhart Hauptmann
Kein Millimeter, der nicht voll der Welt und Wirklichkeit wäre, keine Betrachtung, in der sich nicht die ganze Welt öffnete, keine Wendung, die nicht im Spiel des Wirklichen die Freude der Wahrheit atmet, die sich im Text auftut, als stünden alle Fenster offen. Ach, könnte man es doch auch ...
Wie dumm dagegen jene erscheinen, die meinen, es gäbe einen methodischen Weg, "gut schreiben" zu lernen. Das Handwerkzeug der Beherrschung der Sprache steht jedem zur Aneignung offen. Und mir graut sogar gerade vor jenen, die so "gut schreiben", die so geschickt mit Worten und Wendungen umzugehen wissen. Die aber nicht einen Augenblick lang die Sprache hinter der Sprache mit sich führen, um die es aber ausschließlich geht. Selbst das Ungelenke, gar nicht so Geschmeidige vermag da noch mehr an Bedeutung zu haben, also alle diese Texte. Die einen heute in Massen umgeben.
Die Arbeit des Schriftstellers ist aber nicht die "am Text". Dort wird sie zu einer solchen nur - da muß sie aber auch stattfinden - als es beim Schleifen des Textes darum geht, ihn "gehorsamer" zu machen. Ihn dem wirklich Wirklichen, das er mit sich führen und ans Licht bringen soll, anzuschmiegen wie der Hand den Handschuh, dem Bein den Nylonstrumpf, dem Fisch das Wasser.
Nur insofern hat das Material (die buchstäbliche, werkzeugliche Sprache) seine Bedeutung, weil jeder Bildhauer weiß, daß die Gestalt einer Figur durch Weglassen, nicht durch Hinzufügen entsteht. Und daß sie im Material enthalten ist, sodaß das Schöpferische zur aufmerksamen Suche wird, wo die Wesenslinien des Materials liegen.
Die Arbeit des Schriftstellers ist die an seiner Haltung. An seiner Moral. An seiner Sittlichkeit. An seinem Selbstbesitz. Damit alles, was er in der Sprache an Material in Händen hat, dem von der innersten Seele ausgehenden Strahl des Wirklichen ins Wahre zu leiten vermag.
Wieviel Geschmeidiges, Geschicktes, "gut formuliertes", das von vorne bis hinten eine Lüge ist. Das ein einziges Täuschungsmanöver sein soll, um die Abgründe der eigenen Seele zu verbergen. Und eine Figur in die Welt stellen soll, die nur in jenen Scheinwerfern zu glänzen beginnt, an deren Positionierung und Funktion das einzige ist, woran der Schreibende wirklich gearbeitet hat.
Samstag, 21. November 2020
Dem zarten Empfinden von Frauen und Kindern angepaßt
Es gab noch vor einigen Jahrzehnten den Begriff der Bowdlerisierung (Bowdlerization). Heute versteht den wohl noch kaum jemand.
Er stammt ursprünglich aus dem Englischen. Und geht zurück auf eine Shakespeare-Ausgabe eines gewissen Thomas Bowdler, die im 19. Jahrhundert unter dem Titel "The Family Shakespeare" die Werke des Dramatikers Frauen und Kindern "angepaßt" präsentierte.
Bowdler hat darin alle das (bzw. sein) Sittlichkeitsgefühl anrührenden Stellen und Konstellationen geglättet, um sie dieser Zielgruppe anzupassen, ohne diese zu zerrütten oder zu verstören. Ophelias Tod war da etwa kein Selbstmord, sondern ein Unfall.
Zur Erinnerung: Ophelia ist Hamlets Geliebte. Sie läßt sich von ihren Verwandten (Laertes!) überzeugen, daß Hamlet sie nicht wirklich liebt, sondern nur ihre Liebe zu ihm (die durch Hamlet offenbar erwidert wird, zumindest beteuert er sie mehrfach) zu erotischen Zuwendungen ummünzen will. Von selber wäre Ophelia freilich nie darauf gekommen, denn ihrer Wahrnehmung nach war Hamlet in seinen Liebesschwüren ehrlich. Doch das Säen des Zweifels hat Erfolg, sie kann Hamlets Verhalten nicht mehr deuten, wird verwirrt, und endet im Selbstmord.
Mittlerweile gibt es kaum noch aktuelle Neuauflagen alter Literatur, egal ob für Kinder oder Erwachsene, die nicht sprachlich "bereinigt" und "heutigem Sittenbedürfnis" angepaßt wurde.
Die Parallele zur politically correct Sprachreinigung, wie sie heute stattfindet, ist für den VdZ augenfällig. Der Leser möge die Aussage daraus selber bilden.
Franco Moretti zieht in "Der Bourgeois" aber noch eine andere Parallele. Er sieht in der Erzählart sowohl von Charles Dickens wie der Hollywoods in Repräsentanten wie Stephen Spielberg analoge Vertreter genau dieser moralischen, angepaßten Erzählweise. Und es ist seines Erachtens nach sehr bezeichnend, daß sie allesamt Geschichten erzählen, die sich gleichermaßen an Erwachsene wie an Kinder richten.
Sowohl Anti-Intellektualismus wie auch der Nützlichkeitsaspekt für die aktuelle Sicht und Dringlichkeit der Bildungspolitik, meint Moretti, kämen darin zum Ausdruck. Die penetrante Allgegenwart von Worten wie "heute" oder "einst", die sich darin finde, zeige eine nur dünn übertünchte Verachtung für die kritische Auseinandersetzung mit menschlichen Gedanken und Gefühlen.
Sonntag, 4. Oktober 2020
Aus einer Fastenzeit - Brief an S
Aber wenn ich nun denn einmal sterbe, so nicht, ohne das Leben noch weiter ausgekostet, ausgereizt zu haben, denn ich war nicht satt geworden. Ja im Gegenteil, anstatt den Hunger zu stillen, habe ich mich damit befassen müssen, den Hunger wegzuimaginieren.
Oh nein, nicht daß ich mich dem Erwachsensein verweigerte. Ich verweigere mich nur einem bestimmten Erwachsensein, das zu leben verlangt indem man auf das Leben verzichtet. Und seine eigentlichen Momente darauf beschränkt, zu konstatieren, was es nun denn Leben sein ließe.
Freitag, 24. Juli 2020
Erinnerung
Sonntag, 23. Februar 2020
Wo wir des Wirklichen ansichtig werden
Und da taucht dann plötzlich auch ein neuer Begriff von Mensch und seiner Natur auf. In dem der Dichter sich von allem bloß faktischen Subjektivismus langsam zu trennen beginnt und begreift, wie sehr seine Dichtung bedeutet, Sprachrohr für ein unendlich Großes, Wahres, Schönes zu sein, das er durch seine Stimme, durch seine Feder zur Welt bringt. Nicht "er" ist das Interessante, sondern dieses außer, über ihm liegende Ewige des Geistes.
Insofern ist Handke ein Beispiel für die Tatsache, daß in Zeiten kulturellen Niedrigstandes, schon gar solchen des Niedergangs, große Kunst nicht mehr möglich ist. Denn der Künstler hat fast nur noch das Abgrenzen, aber nicht mehr die ihn selber formende Kraft eines positiven, aufbauenden, seinstragenden kulturellen Stromes zur Verfügung. Mehr als gelegentlich zu erreichen, die dicke Eisschicht im See, in den man per Geburt geworfen wurde, zu durchbrechen und wenigstens ein wenig frische Luft zu schöpfen ist dann nicht mehr möglich, und schon die maximal mögliche Leistung.
Denn in der Poesie ahnen wir erst, was nur im Sakramentalen - dem Generalzustand vor der Erbsünde - real wird. Sie ist somit der Duft des Ewigen, nicht das Ewige selbst, die Rampe, von der weiter zu gehen aber nicht in unserer Hand liegt, sondern ungeschuldete Bewegung von Gott her zu uns ist. Ohne die es aber keine Welt geben würde, weil der die Wirklichkeit fehlte.
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Sonntag, 5. Januar 2020
Letzte Worte eines weisen Mannes (2)
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Samstag, 4. Januar 2020
Letzte Worte eines weisen Mannes (1)
- Wenn auch die Kenntnis der Literatur* für ein Land unerläßlich ist, so ist gleichermaßen gewiß, daß sie nicht unterschiedslos an jeden weitergegeben werden sollte. Ein Leib, der überall Augen hat, würde zu einem Ungetüm verkommen, das noch dazu rasch Mode würde. Was geschähe aber mit einem Staat, wenn allen seinen Subjekten die Kenntnis der Literatur vermittelt würde. Man würde in ihm bald wenig Gehorsam, dafür aber viel Stolz und Unverschämtheit finden.
- Der Handel mit Literatur würde bald den von Gütern, aus denen allein der Wohlstand eines Staates hervorgeht, übertreffen. Er würde damit zuerst die Landwirtschaft, diese verläßliche und treue Fruchtbarkeit eines Volkes, ruinieren, und dann binnen absehbarer Zeit die Quelle des Soldatentums austrocknen. Deren lebensspendende Läufe mehr von den Rohheiten der Ignoranz als von den Feinheiten der Erkenntnis gespeist werden.
- Ohne Zweifel würde sich Frankreich mit Quatschköpfen füllen, die sich mehr der Zerstörung guter Familien und dem Erschüttern der öffentlichen Ordnung widmen, als irgendetwas Sinnvolles für das Land zu leisten.
- Wenn man das Lernen durch Verbreitung unter allen möglichen Arten von Menschen profanierte, würde man bald sehr viele Menschen erleben, die zwar fähig sind, viele Zweifel zu streuen, aber nicht, solche auch ausräumen zu können. Viele wären dann weit mehr in der Lage, der Wahrheit zu widersprechen, als sie zu verteidigen.
- Aus diesem Grund ist es für Staatsmänner in einem gut regierten Staat wünschenswert, zwar viele Lehrer zu haben, die Meister der mechanischen Künste (gemeint sind v. a. Handwerker; Anm.) sind, aber weniger solche der Freien Künste.
*Mit Literatur meint Richelieu nicht die schöngeistige Literaturkunst der Dichter und Literaten, wie sie heute verstanden wird, sondern die schulische und akademische Bildung generell, die sich auf Medien, Büchern etc. aufbaut. Dasselbe gilt für "Freie Künste", die nichts mit "Kunst" in einem eingeschränkten Sinn zu tun haben, wie es heute verwendet wird, sondern die geistige Tätigkeit generell, in ihrem Unterschied zu Handwerk und Handarbeit meint.
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Montag, 9. Dezember 2019
Nobelpreis für einen durch Grammatik Bekehrten
Nicht, daß er katholisch geworden wäre, darüber liegen dem VdZ keine Nachrichten vor. Aber das Katholische hat im Gegensatz zu allem anderen, was man Religion nennt, die Eigenschaft, physisch zu prägen, ja, physisch auf die Wahrheit zu eichen. Wer einmal so geprägt ist, wer wie Handke Ministrant und "von katholischer Moral gequält" war (weil die Wahrheit mit dem rein irdisch-immanenten Streben unvereinbar ist, und dagegen wehrt sich so gut wie jeder Jugendliche, oft vehement), kann das nie mehr ablegen.
Und so kam auch Handke ganz langsam zu alten Formen und Ansprüchen zurück, die er erst verdammte, und doch bald als die einzig gültigen anerkannte. Ganz langsam wurde das, was er zu sagen hatte, damit wesentlich. Zumindest in dem bescheidenen Rahmen, der ihm zugemessen und noch erreichbar war. Denn er hat wie so viele, die sich in der Jugend vom Katholischen ab- und der linken "Freiheit" zugewandt haben, viel Lebenszeit verplempert, um es charmant zu formulieren, viel falsch entschieden. Ja, ganze Lebensläufe verhunzt. Wie so viele, die die perfid verbreitete Lüge der Linken nicht durchschaut haben. Auch der VdZ gehört zu diesen.
Und er wie Handke haben das wie die meisten nicht erkannt. Auch, weil Handke durch seine (ganz katholisch) mutige Rebellion, die ihn 1966ff. so "berühmt" gemacht hat, den Bonus des Hochgelobten hatte. Der ihm sogar Frechheiten wie (nein, oder: ja, auch die: Die Publikumsbeschimpfung) ein durch großen Druck auf tausend Seiten aufgeblasenes Buch erlaubte (das muß einmal einer drucken!), nur weil auch er (für diese Selbstironie verdient er allerdings Milde) einmal ein so dickes Buch "schreiben" wollte. Was Handke aber den Freiraum gab, der so wenigen vergönnt ist, an seinen eigenen Gestaltansprüchen - von Anfang an, kann man hier sagen - festzuhalten.*
Um dann wieder und wieder seine eigentliche Arbeit aufzunehmen. Schon der Titel des Schriftverkehrs mit Alfred Kolleritsch "Schönheit ist erste Bürgerpflicht" zeigt es an. Handke hörte nicht auf, die Zeitkrankheit an sich und um sich zu überwinden. Das heißt speziell für den Schriftsteller, sie geistig-gedanklich, also sprachlich so zu durchdringen (und die Sprache zwingt, wenn man sie liebt, sie trägt die Welt in sich und offenbart damit die Welt, wenn man der Sprache verehelicht ist; das ist der eigentliche Grund, warum Dinge wie "Generismen" so leicht als lächerlich-vertrottelt erkennbar sind), daß sie ihm als Werkzeug wieder zufällt.**
Denn das Irrtümliche (das sich als Sprachverhunzung zeigt) ist auch das, was das Schreiben in Fesseln hält, unfrei macht, und damit das Schöpferische verhindert. Vielleicht war die Wende sein Engagement für Serbien, der VdZ meint hier Zusammenhänge erkannt zu haben, schon damals. Denn plötzlich war Handke nicht mehr "everybodys Darling", sondern ein wenig zumindest Ausgestoßener, Paria. Denn Serbien großartig zu finden, womit sich eine klandestine Sympathie für das Patriarchalische verbindet, war in den 1990er Jahren nicht gerade wohl gelitten.
Vielleicht war es aber auch der Anlaß, das Sprungbrett, an dem sich Handke endlich wieder von einem intellektuellen Betrieb verabschieden konnte (daß er das zuvor getan haben sollte, war nicht mehr als kokettes Getue), der ihn völlig vereinnahmt hatte. Nun konnte er sich wieder absetzen, und Freiheit zurückerobern. Der Name genügte ja längst, damit er gut genug vom Literaturbetrieb (und dem Preis-Un-Wesen) leben konnte. (Immerhin gab er 1999 das Preisgeld für den 17 Jahre zuvor zugesprochenen Büchnerpreis wieder zurück. Herrschaften, das muß man sich einmal, schon rein monetär gedacht, als Schriftsteller einmal leisten können ... Wie heißt es so schön? Mit vollen Hosen ist gut stinken.)
**Weshalb Bildung in der Antike, aber noch bis ins 13. Jahrhundert, schlicht und ergreifend "Rhetorik" oder "Grammatik" war.
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