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Mittwoch, 8. Dezember 2021

Aus dem ambrosianischen Vorhersagekorb

Vor eineinhalb Jahren stand es hier zu lesen. (Und es steht immer noch hier, für den gesagt, der es nachschlagen möchte.) Ich habe vor eineinhalb Jahren vorhergesagt, daß die FPÖ ab principio einen Kapitalfehler darin gemacht hat, nicht auf Totalopposition zur Corona-Pandemie zu gehen. 

Wie hätte das aussehen müssen? Man hätte ihr mit jenen Argumenten begegnen müssen, von Anfang an, die sie jetzt, nach dem ohnehin bereits sinnlosen, also auch nicht zu spät erfolgten Führungswechsel von Hofer auf Kickl, zur Aufrechterhaltung wenigstens einer gewissen Opposition (in der Beeinspruchung des Impfzwangs, zu dem sie aber gar keine Mittel mehr hat) verwenden muß. Ohne diese Gegenargumente aber noch in ihrem eigentlichen Kern beitreten zu können. 
Im Nachhinein läßt sich so etwas nicht mehr korrigieren, ich weiß wovon ich spreche. Alles beginnt in einem stecknadelgroßen Kopf. Übergehe ich den, kann ich nicht mehr zurück, weil ich nun ein anderer geworden bin.

Sonntag, 20. Juni 2021

Achte die Hieroglyphen

Der Frühling ist, schreibt Novalis an einer Stelle, der stille weissagende Geist unendlicher Hoffnungen. (Nicht also die Farben oder die lustigen Töne oder die warme Luft sind es, die uns so begeistern.) Er liefert damit ein Vorgefühl kommender Feste, vieler froher Tage, und des gedeihlichen Zusammenseins so mannigfaltiger Naturen, die Ahndung höherer ewiger Blüten und Früchte, und die dunkle Sympathie mit der gesellig sich entfaltenden Welt.

Was also sollten wir uns denken, wenn wir einen dermaßen kalten Frühling erleben, wie er gerade mit dem ringt, was Sommer genannt wird, und hoffentlich das Bild seiner selbst in die Welt wirft? Wo wir aus einer Kälte kommen, die unseren Pflanzen interessanterweise eine Saftigkeit des Grün gab, die aus allen Poren Feuchte und Virilität zu tropfen schien, und nicht nur der kalten Luft trotzte, sondern sie sogar zu lieben schien. 

(Sogar ein angeblich einmaliger Virus, wie hieß der noch gleich ... Egal. Also ein Virus schien das kalte Wetter so gar nicht zu lieben, was eine seltsame Außernatürlichkeit darstellt, und vertschüßte sich stiller und leiser, als er gekommen war, sodaß man sich fragen konnte: War da jemals einer da? Die Mär, daß das warme Wetter die Ursache für sein Verschwinden sei, ist jedenfalls widerlegt. Aber das Impfen war es sicher auch nicht. Ist er einfach von selber verschwunden? Mit dem Stimmungsumschwung in der Bevölkerung vielleicht gar? Naja, eine Beute haben ja manche mitgenommen, den Impfpaß, als Brückenkopf, von dem aus in Richtung fernöstlicher Vorbilder weitergearbeitet werden kann. Damit kann selbst SunTsu zufrieden sein. Egal.)

Dienstag, 9. September 2014

Was soll man dazu sagen?

Haben Sie, geneigter Leser, diese Bilder schon einmal gesehen? Der VdZ nicht. Gehen Sie am Video auf Minute 8 oder 9. Der Rest ist nach Geschmack, mit einigen Fragwürdigkeiten, wenn auch nicht uninteressant. Manches sollte man tatsächlich nicht vergessen. Anderseits mit Aspekten, die zur Gesamtsicht auszubauen recht heikel werden kann.

Was passiert, wenn man solche Aspekte ins Zentrum stellt, was schon alleine durch zu intensive Befassung damit passieren kann, oder sei es daß man Allegorie zum Bild gefrieren läßt, also die Begriffsebenen mischt, zeigt der Film in seiner Fortdauer. Man verliert die "Bodenhaftung", auch abhängig von der Fundiertheit in den Grundlagen des Denkens, auch durch Überdehnen dessen was man überhaupt fragen kann, durch Überschreiten der Ebenen die einem zugemessen sind, und wird schließlich völlig verrückt.








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Dienstag, 12. November 2013

Kontiniuität ohne Zukunft

Kein Seiendes hat seine Zukunft bereits in sich. Alles was "ist" (als Welt) hat sein Sein nur in diesem einen Augenblick. Alles menschliche Planen und Wollen hat also nur Sinn in Hinblick auf zahllose Aspekte "unter der Voraussetzung von". Die Gegenwart HAT das Sein im nächsten Augenblick NICHT in sich, kann es nicht bewirken und mitteilen. Das in einem Augenblick entstehende Sein kann also nicht vom vorhergehenden Augenblick her entstehen, von ihm herkommen.

Kein Augenblick kann also von seinem vorhergehenden stammen! Kein zeitlich Seiendes, schreibt Heinrich Beck in "Der Gott der Weisen und Denker", kann aus sich bewirken, daß es im nächsten Augenblick noch ist; man existiert im nächsten Augenblick niemals einfach schon aus dem Grund, weil man jetzt existiert (hat). Man kann sich höchstens durch eine entsprechende Lebensweise für das Morgen oder überhaupt für ein langes Leben günstig disponieren, aber nie dieses selbst ins Überhauptsein heben.

Die Welt, so könnte man sagen, besteht also nicht kausal-linear, wo eines notwendig aus dem anderen folgt, sondern in einer Aufeinanderfolge unendlich kleiner und vieler Seinsakte - an ihrer Berührungsachse mit dem Unendlichen, nicht der Zeit unterworfenen. 

Jede Zukunftsvorhersage ist also bestenfalls eine Ableitung und damit Artikulation des Wahrscheinlichen, das sich unter gewissen Voraussetzungen und möglichster Wesenskenntnis der Faktoren so und so entwickeln könnte*. Alles Seiende kann nur innerhalb seiner Wesensgrenzen, seiner Möglichkeiten wirklich werden, aber es kann nicht bestimmen, OB etwas wirklich wird. Denn die Welt geht in jedem Augenblick neu aus dem zeitlosen Sein des Seins selbst - Gottes - hervor.

Dennoch treibt sich das Seiende aus sich selbst in gewisser Weise hervor - aber nur, insofern es das Überhaupt-sein und das Sosein empfängt und abbildet. So, wie ein Kind aus seinem Wesensbild heraus auf dieses zu heranwächst. So, wie ein Luftstrom in einem Kanal an dieser oder jener Stelle geformt wird, aber nur unter der Voraussetzung, daß überhaupt Luft strömt.

Oder - der Mensch als zur Freiheit begabt ist er selbst nur im Maß seiner Freiheit: denn erst im Ursachesein nimmt er an der absoluten Freiheit teil; wer aber nicht frei ist, ist keine Ursache, bestenfalls Grund - beim Maler, der dieses Bild rot oder grün malt, im Rahmen seiner schöpferischen Freiheit, unter der Voraussetzung, daß es zuvor Farben und Pinsel, die Leinwand, das Atelier und ihn überhaupt gibt.**

Das Selbstwirken der Dinge setzt also ein Mitwirken und -wollen Gottes voraus. Das Überhauptsein verdankt alles Gott, aber das So-Sein der historischen Bedingung (mit der Ergänzung, daß es nur "So-Sein" gibt, wenn es zuvor "Überhauptsein" hat.)




*Das eigentliche und schwerwiegende weil prinzipielle Problem der Wahrsagerei ist, daß sie durch ihre Aussagen in den Moment hineinwirkt, und damit genau das - weil als Disposition der Gegenwart - verändert, was vorherzusagen oder abzuleiten sie sich anschickt. Keine Prophetie sagt deshalb unveränderliche Zukunft vorher - sie verlängert nur die momentane Disposition, und stellt sie so vor seine letzte, absolute Konsequenz, die es möglicherweise aber genau in dem Moment abändert, in dem die Prophezeiung getroffen wird. Die Geschichte Jonas etwa zeigt das sehr illustrativ. Hierin liegt übrigens auch die prinzipielle Unterscheidung von Gottes Wirken - und der Magie.

**Hier ist vielleicht der Ort um über das Vorhandensein von "Bösem" zu sprechen. Das nicht aus Gott hervorgeht - was aus Gott hervorgeht ist das, worauf sich das Böse bezieht - das Messer des Mörders, der Leib des Opfers, das Dasein des Willens als bewegende Kraft. Gott spendet also nur das "gleichzeitige Sein" des bösen Menschen und ihrer Handlungen. Er bewirkt damit also zwar, daß das Böse überhaupt ist und sein kann, aber nicht, daß es böse ist. Die Bösheit des bösen Menschen liegt nicht in seinem Überhauptsein, sondern in seiner falschen Willensrichtung, die er selbst bewirkt hat. Der Umstand der bösen Tat ist ja nur möglich, weil er sich auf positives Sein bezieht, den der Mensch aber nicht in angemessener Weise aufnimmt. Die böse Tat ist also keine "positive Tat" die sich eben schlecht auswirkt, sondern der Charakter des Bösen ist die mangelhafte Verwendung des Seins, das zerstört wird. Böse zu sein ist also ein schwerer Seinsmangel am Menschen, ein Mangel an Seinsbejahung. - Im obigen Beispiel: Wenn man in einem Luftkanal die Luft absperrt, ist der Luftmangel keine Folge der Luftquelle, sondern meiner Handlung. Das Böse liegt nicht einmal in der Existenz der die Luft absperrenden Platte, sondern in ihrer Verwendung durch den freien Menschen. Darin, in diesem Seinsgehalt, liegt ja die verführerische, auch täuschende Kraft des Bösen: die Lüge lügt immer durch Wahrheiten.




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Dienstag, 21. Mai 2013

Vom Prognosewert der Seidel Bier

Der Verfasser dieser Zeilen gesteht hiemit, ein großer Bewunderer der Gastwirte zu sein, namentlich deren Menschenkenntnis. Er hat in seinem Leben einige gut gekannt, und alle hatten eine außerordentliche Fähigkeit entwickelt: Aus bestimmten kleinen, oft kleinsten Gesten und Verhaltensweisen ihrer Gäste auf deren Lebensumstände rückfolgern zu können. Wer ein Gasthaus besucht, das noch ein solches ist, überschaubar, persönlich, das also Stammkundschaft und einen persönlich anwesenden Wirt hat, sollte also auf der Hut sein: Er wird in den allermeisten Fällen in einer Tiefe durchschaut, die ihn erstaunen würde.

Das erstreckt sich natürlich auf viele andere Bereiche ebenso, ja im Grunde kann in jedem Beruf, der ernsthaft ausgeübt wird, aus dem ganz eigenen Bereich auf das große Ganze rückgefolgert werden. Der Schuster aus dem Verkauf von Schnürsenkeln, der Glaswarenverkäufer aus dem der Sektgläser, der Portier aus der Art wie jemand den Firmenparkplatz benutzt, oder der Wirt aus den Konsumgewohnheiten bei Bier oder der Art, wie man eine Gabel anfaßt, oder der Anzahl der verkauften Tagesteller. Selbst dann, wenn offizielle Prognosen anders lauten, erweisen sich diese Prognosen als überlegen.

Solche Kriterien bilden sich durch Erfahrung und Phantasie, sie sind deshalb auch eine Frage der Erfahrung, und bei den einen enorm weit und umfassend ausgebildet, sodaß sie mit der Zeit aus egal welchen Details Gesamtaussagen treffen können, bei anderen beschränkt auf bestimmte Aussagen. Zeitlebens hat der Verfasser dieser Zeilen deshalb auf solche Wahrnehmungen der Menschen großen Wert gelegt, und immer noch spitzt er die Ohren, wenn der einfache, möglichst unverbildete und damit nicht von "gesollt Gedachtem" verbogene Mann von der Straße seine Weisheiten kundgibt. Der Malermeister hat viel zu sagen, wenn er weiß, daß der Verkauf von Pinseln direkt schlechte Wirtschaftsentwicklung ankündigt, er hat in der Regel recht, und reagiert (hoffentlich) auch danach. Selbst wenn ihm die Politik etwas anderes verkaufen will.

Im Nachhinein sind natürlich immer logische Zusammenhänge, Zweckkonstrukte, Notwendigkeiten aufzeigbar. Im Nachhin heißt, wenn dem bloßen sinnlichen Datum ein Begriff zugeordnet wurde, der Sinnesdaten zum Symbol ordnete und gruppierte, und damit zur Bedeutung machte. Nur dann haben Daten, die zu "Fakten" wurden, auch vorwerfende Aussagekraft.

Und dann stellt sich freilich die Frage, warum man nicht längst nur noch darauf achtet - aus der Nachfrage nach Rohstoffen auf die Wirtschaftsentwicklung der nächsten Jahre zu schließen. 

Möglich ist das aber nur jenen, die diese Zusammenhänge einmal in ihrer Phantasie so ordneten, daß sie nachträglich, in der Überführung in Korrelationen, auf tatsächliche Zusammenhänge kamen. Die nun "logisch" und "simpel" erscheinen. Der Leser glaube mir - sie waren es nicht apirori. Sie wurden es erst. In den allermeisten Fällen sehen die Menschen Zusammenhänge und -ketten, die es gar nie waren und sind, die eher ihren Utopien und Wünschen entspringen. Entscheidend ist, die richtigen Parameter und Wirkzusammenhänge zusammenzuführen, und das ist wesentlich schwieriger, als gemeint wird. Denn sie zeigen oft eine andere Logik, als man apriori annehmen würde.

Quelle: Die Welt
Einer dieser Zusammenhänge, der nun so logisch aussieht, scheint zwischen der Entwicklung der Rohstoffpreise und dem weltweiten Wirtschaftswachstum zu bestehen. Und er widerspricht anderen Theorien über Zusammenhänge - denn man könnte meinen, daß billige Rohstoffe Wirtschaftswachstum eher fördern als hemmen. Denn natürlich kann man nun auch sagen: klar, wenn die Wirtschaft brummt, werden Rohstoffe gebraucht, steigt die Nachfrage, steigen auch die Preise. Aber so einfach ist das nicht. Denn die Zusammenhänge sind andersrum zu sehen. 

Und im besonderen ist das Kupfer ein hervorragender Indikator. Das wußten bisher Kupferverarbeiter und eingefleischte, erfahrene Börsianer, aber allgemeines Wissen war es noch nicht. Die Welt hat es nun zu einem gemacht.

Was sagt dieser Indikator? Er sagt, daß mit bestimmter Zeitverzögerung ein hoher Kupferpreis Wirtschaftswachstum, ein niedriger aber Rezession ankündigt.  Und das, obwohl zahlreiche andere Indikatoren der Ökonomie etwas anders wahrscheinlicher gemacht haben: denn es wurden dem Kupfer deutlich höhere Preise vorhergesagt, als sich nun zeigen.

Quelle: Die Welt
Und das zeigt sich schon seit fast zwei Jahren am gesamten Rohstoffmarkt. Die Gewinne der europäischen Rohstoffproduzenten, so die Welt, sind seit 2011 um 47 % zurückgegangen. Nach den Banken sind sie damit die schlechteste Branche geworden. Getrieben vom Gewinnzwang des Geldes, das hungrig nach Renditen mit gierigen Augen die Welt umkreiste, umso mehr, als die Krisenbekämpfung der Staaten in seiner Vermehrung bestand, haben die Rohstoffe zwar seit einem Jahrzehnt einen wahren "Superzyklus" hinter sich, doch der scheint nun dramatisch einzubrechen. Selbst Weizen und Zucker sind heuer bereits um 10 % gefallen, Kaffee um 7,5 %. 

Nun gilt im Detail Kupfer als zuverlässigster Konjunkturindikator. Die Graphik zeigt, daß schon bisher hohe Korrelation zwischen Kupferpreis und Wirtschaftswachstum bestand. Kupfer hat heuer bereits 15 % verloren. Geht man von diesen Zahlen also aus, so steht Europa und der Weltwirtschaft für 2013 eine nächste Rezession, zumindest aber kein Wachstum der Bruttoinlandsprodukte bevor, mit dem die Politik - die immer noch nicht Ausgaben einspart, sondern mit höheren Steuereinnahmen rechnet, um "Haushalte zu sanieren" - überall kalkuliert hat. Möglicherweise sogar für längere Zeit, denn die Effekte der realen Warenwirtschaft arbeiten mit Zeitverzögerung. Unternehmen können sich keine Utopien leisten, sie müssen handfest agieren. Und solchen handfesten Indikatoren vertraut der Verfasser dieser Zeilen mehr, als Berechnungen von Harvard-Professoren, die meist schon simpel Ursache und Wirkung verwechseln.

Graphik: NZZ
Das dürfte aber nur für die Vorhersagen "nach unten" gelten. Denn es dürfte eine Tatsache sein, daß der Kupferpreis durch konzertierte Angebotsverknappung "nach oben" maßgeblich manipuliert wird. Und damit wäre es wieder Essig mit seinem (absoluten) Prognosewert, so brauchbar er für die Politik auch wäre. Denn die will vor allem eines: Optimismus, Siegerlächeln, Zukunftsphantasie, und wieder Optimismus. Nur so kann der hohe Staatsanteil am BIP auf Schulden aufrechterhalten werden, nur mit optimistischer Note bleibt in einer Schuldenwirtschaft die Währung stark. Und nur so können sich Regierungen im Sattel halten und Wahlen gewinnen. Wenn Angela Merkel also Francoise Hollande ein Kuperservice zum Geburtstag schenkt, sollte der geneigte Leser aufhorchen.

In jedem Fall soll dies nämlich eine Ermunterung an den geneigten Leser dieser Zeilen sein, sich auf sich selbst mehr zu verlassen, als auf Schlagzeilen der Medien. Und mehr auf das Verhalten der Nachbarin, seines Stammtrafikanten, oder seiner Katze, vor allem aber auf seine eigene Einschätzung, sein eigenes "Gefühl" zu achten, als auf Internet, reißerische Bücher "über die man spricht" und die erklären wie die Welt wirklich funktioniert, oder Zeitungen.

Und vor allem: bei seinem Stammwirt die Ohren zu spitzen. Denn kein Wissenschaftler ist klüger als er, es sei denn, er hat seinem eigenen Stammwirt gut zugehört: Wissenschaft baut immer auf dem persönlichen Akt des Schätzens auf. Verkaufte Mittagsteller sagen mehr aus als alle Wirtschaftsspalten der Zeitungen zusammen.





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Dienstag, 7. Mai 2013

Kann die Zukunft gewußt werden?

Natürlich, schreibt Hedwid Conrad-Merius in ihrer Untersuchung "Die Zeit", kann es "Hellsehen" (in Vergangenheit und Zukunft) geben. Die streng metaphysische Konzeption des Kosmos schließt es nicht aus. Die Frage ist nur, wo ihr Raum ist.  Sie ist zugleich in denkerischer Konsequenz strikt von ihrem sittlichen Wert zum einen, und von der "göttlichen Inspiration", der Prophetie oder göttlicher Offenbarung in Hellsichten, zu trennen. Sie bleibt innerweltlich, sozusagen.

Auch leiden die meisten der Erklärungsversuche gerade an einer stringenten Metaphysik.* Eine "Gleichzeitigkeit" der Zeiten, wie häufig vorkommt, kann es nicht geben. Was war ist nicht mehr, und das sein wird, ist noch nicht, das ist mit denkerischer Notwendigkeit nachzuweisen. Beides bleibt imaginativ. Auch ist es nicht die Jetztigkeit, die einmal nach vor, einmal zurück gehen kann. Das Jetzt ist immer statisch. Nicht statisch aber ist der äonische Horizont der Wirklichungspotentialität, den Weltimagine sozusagen: Bilder, die auf ihre Hervorrufung durch real gegebenen Eros (in der realen Welt) reagieren.

Conrad-Martius verwendet sogar das Wort "Maya" dafür, verwendet es aber ausdrücklich anders als fernöstliche Philosophien.  Denn deren Maya hat als subjektive Illusion KEINE Realität, z. B. als bloße Illusion aus Leidenschaften. "Diese" Maya aber ist eine reale, keine illusionäre Stufe der Welt. Und nur als solche macht sie Hellsicht denkbar. Denn wirklich reine Illusionen hätten auch keine Realität, in der sie gründen, aus der sie stammen könnten. Als reiner Geist gedacht fehlt ihnen nämlich der Stoff, in dem sie sinnliche "Bilder" werden könnten. Welt ist per definitionem sinnlich. Geist und vitale Empfindung nicht klar auseinanderzuhalten ist ja eines der Grundprobleme der Gegenwart. Geist selbst kann kein Objekt des Sinneseindrucks sein.

Denkt man sich diesen (noch rein innerhalb der Schöpfung seienden, als ihr erster konkretisierender Bereich, sozusagen) räumlich unräumlichen und zeitlich unzeitlichen dynamischen Horizont des "irgendwann in die Welt Hineinwirkenden" in einem Äther, denn er bräuchte ein Träger-, ein Mediumselement, so ist es denkerisch nicht ausgeschlossen, daß entsprechend disponierte Personen diese Kräfte in Bildern imaginieren können. In denen sie diese Dynamik in Bilder umsetzen.

Nicht möglich ist dabei eine Festlegung auf die Zeit (das gienge nur ableitungsweise), zum einen, und die auf "jedes Detail". Das bestätigen im übrigen auch die Erfahrungen mit Hellsehern, deren Vorhersagen in diesen Dingen oft gehörig fehlgehen. Vorhersagen sind als imaginierte, bildlich gesehene Grundmöglichkeiten denkbar, nicht aber genau wann, und genau wie, und auch nicht mit absoluter Sicherheit "daß", sie sind nur Wahrscheinlichkeiten.

Das alles, noch einmal, gesagt ohne die sittliche Qualität (und gar: die praktische, sehr komplexe menschliche Faktizität, in welcher sich das ja immer abspielt) behandelt zu haben. Die ein Problem der Freiheit und damit des individuell Schöpferischen ist, das ja erst "Zeit in Raum umschafft". Mit dem Paradoxon, daß die Zukunft "zu wissen" gerade das imaginativ Vorhergesehene im Neugierigen ALS schöpferisch-sittliche Tat geradezu verhindert, nicht fördert: die Vorhersagung wirkt also selbst wiederum auf den Zeitenlauf ein, und verändert ihre Inhalte in sich selbst. 




*Das Argument, daß es darauf nicht ankommen könne, denn DASZ es etwas gebe, sei ja "empirisch erwiesen", stimmt ja prinzipiell nicht, wie der regelmäßige Leser dieses Blog hoffentlich nachvollziehbar auseinandergelegt fand. Denn die Wahrnehmung als geistiger Akt ist eine Frage des Horizonts des Wahrnehmenden, der Deutung und schöpferischen Phantasie, die er den sinnlichen Reizungen zuwendet und anbindet. Keine Bilder, keine "Realitäten", keine "Wahrheiten" ergeben sich einfach aus der sinnlichen Empfindung. Was jemand nicht "denken", nicht "vorstellen" kann, sieht er auch gar nicht. Umgekehrt sieht der Irrende eben falsch oder gar nicht.




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Mittwoch, 17. April 2013

Neulich im Zug

Aus 2010) Ein junges Mädchen, 17, 18 Jahre, telephonierte (lautstark) mit ihrer Freundin am Handy.

Sie sei nun bei einer Wahrsagerin gewesen. Das habe so sehr gestimmt, die habe das mit der Trennung (von ihrem Freund) nicht wissen könne, aber gewußt. An so etwas glaube sie, an Wahrsager und so, aber nicht an Unsinn wie "Gott" und so. Nun gehe auch ihr Chef hin. Den kenne die Kartenlegerin nicht, wie sie.

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Eine Berliner Handleserin und Kartenlegerin meinte einmal zu mir, es sei oft so furchtbar: die Menschen würden mir enormen Erwartungen zu ihr kommen, und erwarteten von ihr großartige Lebensgeschichten. Da müsse sie dann mit viel Geschick oft simpelste Ereignisse dramatisieren, denn - in den Leben der meisten Menschen passiere nichts "Außergewöhnliches", schon gar nciht, wie die Mernschen das aus dem Fernsehen, aus den Filmen kennten. Die Leben der allermeisten Menschen verliefen ganz einfach und "langweilig" zwischen Geburt, Schule, Familie, der einen oder anderen Liaison, einem Urlaub in Thailand oder auch nicht, und dem Tod. Aber das könne man ihnen kaum sagen.





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Samstag, 23. Oktober 2010

Wohin der Wahrsager blickt

Dante läßt im XX. Gesang der Hölle die Wahrsager, in Verrenkung ihre Leiber, ewig nach rückwärts schauen.

Auch hier also eine scharfsichtige Entsprechung - als Verewigung dessen, was der Mensch in Wirklichkeit zu Lebzeiten tat. Sie dürfen nie mehr nach vorne schauen, und ihre Tränen laufen somit zwischen die Arschbacken.

 
*231010*

Freitag, 17. Juli 2009

Wahrsagen darf nur der Adel

In jeder Kultur der Weltgeschichte taucht derselbe Zusammenhang zwischen GUT (glücklich, tüchtig, gedeihens- und verheißungsvoll) und ADEL auf - ebenso wie ... umgekehrt: SCHLECHT und PLEBS. Das ist also keine Erfindung der Neuzeit oder kapitalistischen Wahns. (Er findet sich in sehr reiner Form übrigens im Calvinismus wieder, man blicke nach der Schweiz!)

Nun war der klarste Weg, den Willen der Götter zu erfahren, sie zu befragen! Wer aber wäre dafür besser geeignet, ja: einzig geeignet, als der den Göttern maximal Gleiche: der Adelige und Priester, in vielerlei Hinsicht ident.

Das machte im Alten Rom die Stellung der Patrizier so markant. Denn immerhin verkündeten sie - als Recht - den Willen der Götter, und somit die politische Richtung! Hier siegte auch der Stand gegen die Klasse - denn so sehr die Volkstribune sich darum auch mühten: dieses Recht blieb ihnen verwehrt, es war nicht mit der Funktion, sondern mit dem Stand, der Geburt verbunden.





*170709*

Dienstag, 2. Dezember 2008

Über das Vorherwissen

"(... denn da ihm alle Dinge gegenwärtig sind, sieht er sie vielmehr, als daß er sie vorhersieht), ... in Wahrheit sehen wir es so kommen, weil es so kommt; aber es kommt nicht so, weil wir es so kommen sehen. Das Geschehen macht das Wissen, und nicht das Wissen das Geschehen. Was wir kommen sehen, kommt so; aber es konnte auch anders kommen; und Gott sieht im Buch der Ursachen des Kommenden, das vor seiner Allwissenheit aufgeschlagen liegt, auch jene, die wir zufällig nennen, und die willkürlichen, die in der freien Wahl stehen, mit der er unseren Willen begabt hat, und er weiß, daß wir fehlen werden, weil wir haben fehlen wollen." 


(Montaigne)




*021208*

Mittwoch, 3. September 2008

Berufsprobleme einer Wahrsagerin

Vor etlichen Jahren beklagte mir eine Wahrsagerin in Berlin - Karten und Hand - daß sie es nicht leicht hätte: denn bei den meisten Menschen, die zu ihr kämen, sei die Diskrepanz auffällig, die zwischen ihrer Vorstellung von ihrem Leben und dessen tatsächlichem "Kuriositätswert" herrsche. "Die Menschen wollen, daß was Wunder alles in ihrem Leben passiert - und ich sehe einfach nichts, außer banalem Alltag ..." Sie hätten aus Film und Fernsehen Vorstellungen, was ihr Leben nicht sei und vor allem sein könnte, die mit ihrem eigenen Leben aber nichts zu tun hätten, sich nie erfüllten.

Schon gar, weil die Bewertungsrahmen, die ihre Wünsche prägten, im alltäglichen Leben nie vorhanden seien. "Es ertönt keine tränendrückende Hintergrundmusik, wenn sie sich in der Disco in einen Typ verlieben! Sondern es endet dann in Fernsehabenden, Kindergartenproblemen und Berufswechseln, in Scheidungen und dem Tod der Eltern ... was eben so das Leben der meisten erschöpfend ausmacht! Nur ganz selten habe ich mit Menschen zu tun, in deren Leben sich wirklich etwas wie Schicksal und Größe abspielt."

Das mache es ihr nicht leicht, ihre Klienten nicht zu enttäuschen, sie müsse dann sehr viel Phantasie entwickeln, um aus diesen schlichten Lebensläufen etwas zu basteln, das den Wünschen ihrer Kunden halbwegs entgegenkomme, ohne noch gelogen zu sein.





*030908*