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Donnerstag, 27. Juni 2013

Von unausgesetztem Lügen


Aus 2010) Es läßt sich auf einen einfachen Nenner bringen: Wer noch nie Gewalt angewandt hat, noch mehr, dies behauptet, lügt nicht nur (denn Gewalt gehört zum Leben wie das Brot), sondern steht im dringenden Verdacht, noch nie in seinem Leben Verantwortung wahrgenommen zu haben, und solche zu verweigern.

Weshalb die medial ständig hochgekochte Quatscherei über häusliche Gewalt nichts ist als politisch motivierte Manipulation durch Lüge. Das beginnt schon bei Bildern wie dem hier vorgestellten, eines aus der Blüte der von der Austria Prese Agentur zum PR-Artikel der "Interventionsstellen" (die ja Geld brauchen, dazu ihre Existenzberechtigung beweisen müssen, und dies auch skrupellos tun) mitgelieferten Bildes.

Es ist kein Wunder, daß das "Sommerloch" in den Medien solche Themen aufbläst, von Institutionen lanciert, die nicht davor zurückscheuen, um des "Höheren Gutes" willen (ihrer Existenz nämlich) auch zu lügen: Situationen des Lebens in theatralischer Dramatik darzustellen, auf eine Art, die der Selbstdramatisierung des Homosexuellen und der Hysterie frappierend gleicht.

Fand man also jene ruhige Zeit, in der man die gequälten Bürger des Landes wie gewohnt irrational emotionalisieren kann, weil sie mal nicht an Arbeitsplatznot und Pensionssorgen denken. Und wo die Zeitungen froh sind, Themen gut aufbereitet geliefert zu bekommen, die die Dramatik weiterhin aufgekocht halten, die das Medium braucht, um gekauft zu werden.

Es gibt Gewalt in den Familien, berichten die Zeitungen? Steigend? Möglich, wenn man auch keiner Statistik trauen sollte, die man nicht selbst gefälscht hat. Ja es ist sogar wahrscheinlich, und absehbar: denn die Zerstörung der Familie nimmt immer groteskere Formen an, und sie ist in erster LInie eine Depotenzierung des Mannes (bzw. generelle der Eltern) und kann deshalb gar nicht anders als in Gewalt münden.

Es gibt nur leider viel zuwenig von der richtigen Gewalt. Die etwas, das einem vorausgeht, demgegenüber man verantwortlich ist, erhalten und schützen soll, denn den Männer fehlt in den Familien der Mut, das auf sich zu nehmen, was ihnen dann blüht: ein wirklicher Konflikt mit dem Terror der Staatsgewalt, das Erleben seiner Rechtlosigkeit.

Stattdessen bleibt sie irrational, kann nicht ausgesprochen werden. Weil das, was die Väter in Wahrheit empfinden, von einer regelrechten Lügenindustrie (und DAS ist Gewalt!) zum Unrecht erklärt wird, der Mann sohin einen Zwiespalt zwischen seiner Natur und dem Gesollten erfährt! Er sich also als "nicht richtig" erlebt, wofür sich eine weitere Industrie an Charakterlosigkeit zur Problemlösung anbietet: die Probleme löst, indem sie die Probleme relativiert und die Persönlichkeit auflöst, die diese "nicht objektiv vorhandenen" Probleme als Störungen empfindet.

Denn es gibt nämlich viel zu viel von der falschen Gewalt staatlichen, unmoralischen weil das Wider- und A-natürliche fördernden, sich laut zur Norm aufplusternden Wahnsinns. Hier hätte der Staat tatsächlich Handlungsbedarf, denn in keinem Fall kann Gewalt eine Dauerhandlung sein: er hätte sich zu fragen, was in der Familienpolitik falsch läuft, wenn tatsächlich Gewalt so sehr an der Tagesordnung steht. Stattdessen aber wird das Symptom unterdrückt (indem die Handhabe der Gewalt für Frauen noch mehr erleichtert wird), und schlicht eben die betroffene Seite (Männer) als anpassungsbedürftig, rückständig etc. dargestellt und verurteilt.

Weshalb die Linke auch hier erzeugen wird, wogegen sie notwendig zu sein behauptet: eine Welle der Gewalt, die ja - wenn die Familienpolitik weiter so widernatürlich bleibt, die Natur der Familie weiter zerstört, nicht bald wieder ermöglicht wird - noch nicht einmal angehoben hat.

Adam Müller beschreibt es vor fast 200 Jahren bereits so: daß es einer der größten Irrtümer und staatspolitischen Verderben war, den Menschen einzureden, das ideale Leben wäre ein Leben allseitigen Dauerfriedens. In Wahrheit ist das Leben krank, wenn es sich nicht im Krieg weiß.

Das, bemerkenswerterweise, weiß niemand besser als ... die Linke.

Montag, 18. März 2013

... und werden der Früchte nicht froh

Aus 2009) "Halten wir [...] fest: daß der Wahn, als wäre das Glück der Menschheit nichts anderes als die Summe der kleinen Privatglückseligkeiten der gerade nebeneinander Wohnenden, uns um alles Lebensglück gebracht hat. Dadurch ist der Staat zu einer gemeinen Polizeianstalt herabgesunken und die Kirche desgleichen. Wir, die wir in dem Ganzen in weltlicher und geistiger Gemeinschaft mit der Menschheit leben sollten, stehen einzel von trauriger Sorge um den kommenden Tag befangen, und werden der Früchte unseres einsamen geistlosen Fleißes nicht satt noch froh.


(Adam Müller, 36. Vorlesung über "Elemente der Staatskunst")




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Mittwoch, 20. Februar 2013

Entscheidende Lebenskraft

Aus 2009) "Produzieren heißt, aus zwei Elementen etwas drittes erzeugen, zwischen zwei streitenden Dingen vermitteln und sie nötigen, daß aus ihrem Streite ein drittes hervorgehe." Nicht Geld, und nicht Material, und auch kein Procedere, kein Ding für sich erschafft ein Gut. Vielmehr ist es ein Drittes, dieses Ding dazwischen, das Adam Müller "Lebenskraft des Menschen" nennt. Im vermittelnden Streit zwischen den Anforderungen beider Seiten, schafft der Mensch.

Der Staatsmann, der hier das Bestreben der Bürger hat, andere von sich abhängig zu machen, dabei aber von anderen abhängig ist durch seine eigenen Bedürfnisse, braucht also die Lebenskraft des Staatsmannes oder die Nationalkraft, wie Müller es nennt. Und der Landwirt hat Bodenkraft, Samen und Dünger, also Handwerkszeug und Material, und ermittelt aus dem Streit beider vermittelnd das Produkt, die Frucht.

Neigt sich eine Produktivität zu sehr in Richtung "Arbeit" (als bloße technische Verrichtung verstanden) verliert ein Vorgang bzw. eine Volkswirtschaft ihre Produktivität im selben Maß.

Zugleich erhält jede produktive Kraft ihre Sendung wie ihre Grenzen von anderen. Dies ist unerläßliche Grundbedingung, weil sei sonst als "Idee" ja nicht existiert: sie muß selber "produziert" werden. Der Schlußstein, der oberste Ideenproduzent nunmehr ist - so Adam Müller in "Elemente der Staatskunst", ca. 1815 verfaßt - der Staat. Hört der Staat auf, "sich" als Idee zu produzieren, so hören die kleineren Produktionen, aus denen die Nationalproduktion besteht, von selbst auf.

Diese Nationalkraft ist es nun, die als "Geld" zu bezeichnen ist: sie ist das einzige wahre Geld. Der Staat ist es also, der die einzelne Produktion von Werten garantiert. Und er tut es über sein Mittel, den ... Kredit!

Hieraus bemißt sich der wirkliche Nationalreichtum eines Staates. Reiner Tauschwert ist kein ausreichender Maßstab.



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Samstag, 19. März 2011

Erkenntnistod durch Internet

Sehr richtig stellt die FAZ in einem Kommentar zur Leipziger Büchermesse 2011 fest, daß die Entwicklung des Buchhandels - zur Internetbestellung, überhaupt zum Bestellwesen, und vor allem zum E-Book, wo ein Buch auf Mausklick bezahlt und heruntergeladen wird - zwangsläufig eine Verengung der Geisteswelt mit sich bringt. Zunehmend findet jeder Buchleser nur noch das, was er ohnehin kennt, wird nur noch mit seinen eigenen Vorlieben konfrontiert, die bedient werden.

Selbst wenn ihn Werbung durch Buchhändler erreicht, dreht sich die aufgrund der Suchsysteme der Buchhändler nur um die bereits bekannten "Interessen". Deren Suchmethode hat noch zu einen entscheidenden Mangel: sie bricht "Interesse" auf "information" herunter. Wir selbst führen uns an solchem Suchband also an der Nase herum, und bestimmen was uns interessiert nach bestimmter Art von "Information": nach Erkenntnis, die sich auf bestimmte bewußte Daten reduzieren läßt. So, wie wir uns bei Facebook und Konsorten auf bestimmte Kategorien einlassen, auf die wir uns herunterbrechen und unsere Ganzheit damit nicht nur aufgeben, sondern hinter den Vorhang drängen.

Oder - auch nicht besser, sogar noch auf Masse und kleinster gemeinsamer Nenner reduzierter - bewirbt aggressiv nach ganz anderen Kriterien, Kriterien des Buchhandels, der Marketingabteilungen, der Verlage, als jene, von denen wir uns sonst ansprechen lassen würden.

Auch Rezensionen, Empfehlungen lösen genau das Problem - und es ist eines, und schon das sagt viel aus, daß es kaum mehr als solches empfunden wird - nicht. Was fehlt ist genau das, was nur uns ausmacht, was nur uns bewegt, was nur wir so sehen und empfinden können. Und das wir deshalb nur finden, wenn wir direkt darauf stoßen. Denn ein Buch ist weit mehr als Information! Es ist ein physisches Ding, im Dienste einer ganz bestimmten geistigen Welt des Autors.

Das Bücherkaufen vor 10, 20 Jahren war dagegen ein fortwährendes Entdeckenm, schon alleine durch das notwendige Suchen. Man ging in die Buchhandlung, suchte, stöberte, ließ sich überraschen, und entdeckte Neues, von dem man nicht wußte - darum gibt es ja Literatur! - daß es das gäbe. Damit hatten auch weniger bekannte Autoren "eine Chance", gehört zu werden, vor allem aber hatten wir die Chance, uns bis in geheime, letzte, gar seltene Winkel ausleuchten zu lassen. So manches hat da der Bücherkäufer auch entdeckt, von dem er gar nicht wußte, daß es ihn danach gelüstete.

Der Verfasser dieser Zeilen selbst ist so ein Fall, er verdankt die wesentlichsten Anstöße solchen Überraschungen. Büchern, Autoren, Geistesrichtungen, Gedankenpfaden und -ansätzen, die er zuvor nicht kannte, und weil Autoren meist Ähnliches zeugen, auch über Literaturhinweise etc. kaum entdeckt hätte. Ja, die wesentlichsten Schübe auch jüngerer Zeit verdankt der Autor dieser Zeilen der physischen Präsenz bei einem Buchhändler, dessen physisches Angebot, in dem man ausgiebigst schmökern konnte, ihn Wege finden ließ, die seit Jahren bestimmende Richtung geworden sind.

Das Internet aber liefert im Wesentlichen nur, was wir bereits bewußt suchen. Freilich hat sich in wenigen Jahren die Ergiebigkeit eines solchen Besuches drastisch reduziert. Denn was an Buchläden findet man noch? Wo findet sich mehr als Massenware und -angebot?

Einzig Antiquariate sind deshalb noch reizvoll, nach wie vor. Sie erfüllen noch ähnlichen Zweck, wenn man sich damit tröstet, daß es nichts gibt, das nicht schon gedacht wurde. Daß man ein Wort in die Zeit hinein findet, das nur ein Zeitgenosse sagen kann und muß, das jede Ähnlichkeit noch einmal übertrifft, als "Kairos", das frelich können auch sie nicht ersetzen: in ihnen hängenzubleiben birgt also Gefahr.


Wofür soll dieser Zugriff schließlich gut sein, wenn wir nichts anderes finden als immer wieder den Rückweg zu uns selbst, wie wir nun einmal sind, unseren alten Interessen, unseren eingefleischten Überzeugungen? Was wollen wir wirklich: bestätigt oder verändert werden? Für eine Bestätigung ist das Internet genau richtig ausgelegt. Aber wenn wir uns verändern wollen, wenn wir die Herausforderung und Infragestellung suchen, brauchen wir eine Möglichkeit, uns auf den Weg des Zufalls zu begeben. Darum kann Fülle den Geist beschränken. Amazon mag die Welt für Sie kuratieren, aber nur indem es Ihre Interessen durchsiebt und Ihnen Variationen Ihrer alterprobten Themen zurückschickt: Ja, ich liebe Handke! Ja, ich wollte doch sowieso gerade dieses obskure Stück von Thomas Bernhard lesen! Ein Buchladen dagegen verlangt, dass Sie auf der Suche nach dem, was Ihnen vorschwebt, die Regale sichten. Sie gehen hinein, um Hemingway zu kaufen, und am Ende kommen Sie stattdessen mit Homer wieder heraus. Das Stöbern im Buchladen regt den Spürsinn an und bringt Überraschungen.
Das Internet wie auch Google Books haben es darauf abgesehen, die bekannte Welt zu versammeln. Die Buchhandlung dagegen will ein Mikrokosmos sein, nicht irgendein beliebiger, sondern einer, der uns – entsprechend den Prinzipien und Vorstellungen eines Türhüters – helfen soll, die Welt als solche aufzunehmen und zu betrachten. Dieser Unterschied ist alles. Wer eine Online-Suche startet, hat die Möglichkeit, entlang einer idiosynkratischen Route, die sich in Bruchteilen von Sekunden aus x Impulsen bildet, über die Oberfläche der Welt zu surfen und anzuhalten, wo er Lust hat, um gelegentliche Stichproben zu nehmen. Das ist nur eine Art beschleunigter Tourismus. Wer dagegen im Buchladen schmökert, macht sich an die Erkundung einer wohlüberlegten Sammlung dessen, was die Welt beinhaltet. Wohlüberlegt, weil Jahrhunderte von Denkern, Schriftstellern, Kritikern, Lehrern und Lesern den Wert dieser Auswahl begründet haben. Insofern scheint ihre kollektive Weisheit dem „neutralen“ Netz, seiner Nichts- und AllesWisserei, haushoch überlegen.

Adam Müller schreibt einmal, daß es die Literatur brauche, damit ein Gedanke zum Gedanken wird. Wir besitzen nur, schreibt er, was in die Sprache übergegangen ist. Nur was der andere versteht, verstehen wir auch. Eine Land, das keine umfassende, breitgefächerte Literatur hat, ist sich mit dem Denken selber weit voraus. Seine Lebenspraxis wird geschoben, kommt dem Notwendigen nicht hinterher, bleibt dumpf und triebhaft. Gerade auf die deutsche Literatur des 19. Jhds. meint Müller es anwenden zu müssen: und er beklagt, daß es in Deutschland zu keiner Ausbildung wirklicher Redekunst, als Kunst eben dieses Selbstergreifens, komme. Damit spielt Müller den Ball sehr wohl auch zu den Schriftstellern. Ähnlich wie die Analyse der FAZ zu den Buchläden:

Es gibt viele Gründe für den Niedergang der Buchläden. Schuld ist das Geschäftsmodell von Megamärkten. Schuld ist Amazon, schuld ist die schwindende Muße. Schuld ist ein digitales Zeitalter, das uns mit derart vielen schillernden Anregungen überflutet, dass dadurch unsere Fähigkeit zu ausdauernder Konzentration verkrüppelt. Man kann sogar sagen, schuld seien die Schriftsteller, weil man findet, dass sie nichts mehr produzieren, was die Kultur belebt und sich zu lesen lohnt. Wie auch immer, der simultane Vorgang ist eine historische Tatsache: hier der Niedergang der Buchläden, dort der Aufstieg des Internets. Ein Modell der Ordnung und Präsentation von Wissen wurde gekippt und durch ein anderes ersetzt. Für Buchhandlungen sind E-Books nur der Nagel im Sarg.

Dafür steigen gewisse Buchhandlungen auf, die das Buch wie Aktien bewerten, und wo Buchempfehlungen und -angebote den Charakter von Charts haben: sich nur nach Verkaufszahlen bemessen, nach ihrem Rang in Bestsellerlisten. Aber: was kümmert uns eine Bestsellerliste? Was kümmert uns, ob Amazon weitere Millionen Gewinn macht, und mehr sagen diese Listen kaum aus?

Ja, die Technologie ist in der Welt, und ja, es wird E-Books geben – aber warum unter Ausschluss von Büchern und Buchläden? Ist Bequemlichkeit für die Amerikaner wirklich das höchste Gut? Wenn man ein E-Book herunterlädt, lohnt es sich, einen Augenblick innezuhalten und sich zu überlegen, wofür man sich da entscheidet und was diese Entscheidung bedeutet. Wenn genügend Leute aufhören, in Buchhandlungen zu gehen, werden die Buchhandlungen schließen – nicht einige, sondern alle. Und das wiederum bedroht eine Reihe von Werten, die uns begleitet haben, seit es Bücher gibt.

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Montag, 30. November 2009

Ein stolzes Völkchen

In der Schweiz hat aus dem Gründungsgedanken heraus seit je eine starke staatliche Identität geherrscht, die eine solche im vielleicht besten Sinne war, die denkbar ist. Denn auf der Grundlage einer ungemein ausgeprägten regionalen Identität, dem sprichwörtlichen "Kantönligeist", ist die Schweiz ein Zusammenschluß, der diese kleinen Gebilde zusammenfaßt. Bei ungemein stark ausgeprägter regionaler Autonomie. Nicht zuletzt deshalb war die Schweiz bis vor kurzem nicht einmal Mitglied der UNO, ebenso wenig wie es eines der EU ist. Seine jeweils betroffenen konkreten Interessen hat es in bilateralen Verträgen geregelt, der die Schweiz durch den Beitritt zum Schengener Abkommen sogar stärker mit der EU zusammenschließen, als z. B. die meisten der ehemaligen Ost-Europa-Staaten.

Dieser staatliche Zusammenschluß - und das hatte nicht einfach wirtschaftliche Vorteile, trotz des Schweizer Calvinismus! denn man vergißt leicht, daß die Schweiz bis zum ersten Weltkrieg ein sehr armes, industriell unterentwickeltes Land war - ist für die Schweizer ein wirkliches Mittel höherer Organisation. Im Gegensatz zu Österreich hat die Schweiz ihre Eigenstaatlichkeit immer höchst glaubwürdig zu behaupten, in letzter Konsequenz durch beachtliche militärische Bereitschaft zu unterstreichen gewußt. Und das war die entscheidende Basis für ihren Aufstieg im 20. Jahrhundert, als neutrales Flucht- und Rückzugsland.

Aber diese Neutralität hieß nie Konturlosigkeit. Man hat in den 1960er, 1970er Jahren Tränen über Emil gelacht, wenn er im Film ("Die Schweizermacher"), im TV, durchaus kritisch, aber mit viel Augenzwinkern, die ganz reale Praxis aufgriff, Ausländern, die in der Schweiz dauerhaft leben wollten, die unbedingte Bereitschaft abzuverlangen, die Schweizer Art auch annehmen zu wollen. Das ging bis zu Fragebogenpunkten, wie ein Käsefondue, das Nationalgericht der Schweizer, zu kochen sei.

Zwar kann man hier kaum von Nationalgefühl sprechen - in der Schweiz leben Angehörige von drei, wenn nicht vier Nationen, und selbstverständlich sind die deutschsprechenden Schweizer immer ein Teil (ja: und einer der wichtigsten) Deutschlands gewesen. Die sich aus der militärischen Hilfe für Kaiser Friedrich II. gegen die Lombardischen Städte jene Privilegien erstmals gesichert haben, die sie dann zum Kampf gegen die Fremdherrschaft der Habsburger ermutigte. Aber es ist diese Metaidee "Staat", in Form einer Eidgenossenschaft, die alle Separatismen kurzhält. Und sie gibt den Schweizern eine starke Identität, die sie auch bis heute gewisse Unerschrockenheit, Prinzipientreue, auch wenn es Nachteile bringt, bemerken läßt.

Wer Schweizer kennt wird bestätigten, daß bei allen, ausnahmslos, ein ausgesprochenes Selbstbewußtsein ihre eigene Art betreffend herrscht, ein Stolz Schweizer zu sein. Selbst politisch unvereinbare Richtungen finden sich nach außen sofort zusammen, wenn es um die Schweiz selbst geht.  So daß sich bestätigt, was Adam Müller einmal schreibt: daß es dieser Bezug jedes Einzelnen zum Gesamtorganismus ist, der den Kredit, auch des Singulären, ausmacht.

Entsprechend unbeugsam sind sie auch. Ein in der Schweiz populäres Buch in den 1960er, 1970er Jahren behandelte ... die Taktik totalen Volks- und Guerillakrieges im Falle eines Angriffs von außen. Und während in Österreich immer schon über 10, 12 oder 24 Abfangjäger diskutiert wurde - und Österreich liegt an einem europäischen strategischen Schnittpunkt - hatte die Schweiz in den 1970er Jahren 500 (!) Abfangjäger und Militärflugzeuge modernster Art unterhalten.

Wenngleich man natürlich auf den separatistisch-voluntaristischen Charakter dieser Identitätsbehauptung hinweisen muß, den er immer zumindest als Gefahr hatte. Und dieser machte so manche Schweizer ihrem Land gegenüber auch recht kritisch. Denn wo der Staat aus der Haltung jedes einzelnen lebt, und nur daraus lebt, ist die Gefahr groß, daß jede Lebensäußerung auch als Staatsangelegenheit angesehen wird.

Vermutlich ist die aktuelle Entscheidung gegen eine Verfremdung der Kultur durch Minarette exakt aus dieser Motivlage gestärkt worden und so zu begründen.




*301109*

Freitag, 27. November 2009

Vom rechten Nationalgefühl

Man spricht in Österreichs Medien gerne vom "Rechtsruck" in Ungarn. In den Medien, denn im Alltag spielt Ungarn als Gesprächsthema wohl kaum überhaupt noch eine Rolle: eine Art (private) Ungarische Garde hatte sich voriges Jahr gebildet, ist mittlerweile kräftig geschoren, und war in schaurig-schönen Ritualen in Budapest vereidigt worden. Öffentlich. Und so richtige Handhabe von Gesetzesseite, aber auch: Wille einzuschreiten, schien es kaum zu geben. Ein Land rutscht nach rechts? In den Nationalismus? Ja, war das im Grunde nicht eine Eigenart des Ungarn seit man denken kann, deshalb immer, auch heute eine Gefahr, gar? Und jetzt fühlt sich mancher einzelne Ungar aufgerufen, sein Land zu retten, weil "die da oben", Linke, es ihm nicht gut genug führen? Diese Ungarn also - wieder dort wo sie immer waren, rechts!?

Das ist schon deshalb interessant, weil Ungarn in den Grenzen von heute, mit seinen zehn Millionen Einwohnern, wovon fünfundsechzig Prozent Katholiken, aus allen Befunden als "links" gesehen werden muß: Zwei Drittel der Bevölkerung sind nach externen Einschätzungen wie nach Selbstauskünften als links oder linksliberal einzustufen. Dennoch, bei den nächsten Wahlen scheint tatsächlich ein Sieg der rechtskonservativen FIDESZ (bzw. ihrer Koalitionspartner) so sicher zu sein, daß derzeit bei manchen Kommentatoren gar Fragen nach der Legitimität der momentan noch regierenden Linkskoalition mit dem Ministerpräsidenten Gordon Bajnaj auftauchen.

Ist das dann "rechts"? Fragen nach der Legitimität sind Kernfragen der Demokratie, die gelöst sein müssen, und zwar nicht nur rhetorisch. Solche Fragen werden auch in Österreich regelmäßig gestellt, wenn auch nur im Kaffeesatzton als unterschiedliche "Interpretation des Wählerwillens" verklausuliert.

Sieht man davon ab, daß dieser "Rechtsruck", den alle erwarten, ganz handfeste Gründe hat. Daß er im Grunde kein Ruck "nach rechts" ist, sondern ein "Abschied von der bisherigen Mißwirtschaft und Verlogenheit" (oder so), weil in diesem Lande alles zusammenzubrechen droht. Immerhin stand der Staat innerhalb des letzten Jahres zweimal unmittelbar vor dem Bankrott. Ich möchte nicht sehen, was in Österreich passiert, wenn die Beamten um ihr Gehalt und die Rentner um ihre Rente am ersten des Monats fürchten müssen!

Sieht man weiters davon ab, daß die FIDESZ (samt einem Konglomerat an kleineren Parteien, darunter die Jobbik, die als "radikal nationalistisch-regionalistisch" einzustufen, der auch die Ungarische Garde zuzuschreiben ist) unter Viktor Orbán sich längst sehr "bürgerlich" gibt, seit sie 1993/94 regelrecht atomisiert wurde. Wobei sich gerade in Ungarn die starke Themenzentriertheit der Wahlkämpfe zeigt, und das hat mit dem Nationalgefühl, um das es hier geht, direkt zu tun: so hat in manchen ärmeren Regionen jene Partei Vorteile, die konkrete Themen anspricht, unter denen die Menschen dort leiden. Genau das hat der Jobbik bei den letzten Wahlen, der EU-Parlamentswahl 2008, in Gesamtungarn fast fünfzehn Prozent eingebracht, der FIDESZ "nur" fünfundfünfzig Prozent. Regional hat die Jobbik mit einem stark themenbezogenen Wahlkampf als stärkste Partei aber sogar die regierenden Sozialisten geschlagen.

Sieht man auch davon ab, daß der Standort des Durchschnittsösterreichers, zumindest seine Begriffswelt, so weit links gerückt sein könnte, auch ohne daß das von den Leuten selber (wohl aber von politischen Kräften) so gewollt war (oder: ist), daß schon jede traditionelle, dem Abendland verwachsene Bürgerlichkeit als "rechts = Hitler" verdächtigt, ja dieser Begriff "rechts" selbst zumindest unbewußt kriminalisiert wird, womit sich die Anti-Bürgerlichkeit in Österreich längst zum Massenphänomen entwickelt hat, dem auch traditionell bürgerliche Parteien wie die ÖVP unterliegen. Unter deren Jugend, wie Studien ergaben, ein außerordentlich hoher Anteil an "Links-Grünen" zu finden ist.

Sieht man von allem dem ab - stimmt eines auf jeden Fall, und das scheint den Österreichern nun quasi offiziell aufzufallen (denn sonst nimmt man ja in diesem Land von Ungarn, ja von allen Nachbarn gar, schier überhaupt keine Notiz: was weiß ein Österreicher von seinen vielen Nachbarvölkern, mit denen er noch dazu so lange Jahrhunderte in einem Staat verbunden war?): Aus der Geschichte heraus hat die Frage nach der "Ungarischen Nation" einen völlig anderen Stellenwert, als er hierzulande überhaupt noch nachvollziehbar scheint. Und das erzählt viel. Denn eines ist gewiß: wer immer sich in Fragen des Geistes vertieft, kommt unweigerlich zu den Fragen Staat, Volk, Sprache, Nation ...

Seien wir ehrlich: Wir wagen uns diese Fragen doch gar nicht mehr zu stellen!? Wir wagen es doch gar nicht mehr, diesen Begriffen auf den Grund zu gehen, um ihre Relevanz zu erfahren! Weil wir gar nicht sehen wollen, was wir fürchten, daß herauskommt? Weil wir dann plötzlich mit politischen Forderungen konfrontiert würden, die 30, 40, 50 Jahre Politik des vollen Bauchs unter ganz anderem Licht als sehr grundsätzlich ungenügend erscheinen lassen?

Der Österreicher kann darauf gar keine Antwort geben. Er KANN es nicht. Ich habe selbst erlebt, wie in Männerversammlungen das Wort "Heimat" gar nicht mehr ausgesprochen werden durfte. Keiner hat es gewagt! Aus Angst, sofort als Faschist verleumdet zu werden. Und die Angst vor Verleumdung ist hierzulande längst zur Dominante geworden. Es ist die Angst, zu etwas zu stehen. Zu dem andere - siehe Ungarn - offenbar noch stehen wollen?!

Gerade! müßte man noch dazu fast sagen: gerade in Österreich ist die Kraft solcher Ideen nicht nachvollziehbar ... aber was war denn Österreich je mehr als eine "bodenlose Idee", was ist es heute mehr?! Seit 1805 ist es sogar eine Staatsidee ohne Nation, und darum schon gar nicht überlebensfähig gewesen, bereits allerdings 150 Jahre zuvor auf eine Schiene geschoben - denn zu Anfang des 30-jährigen Krieges war diese Diskussion entscheidend: weil es um die Rolle Böhmens ging, ob Böhmen überhaupt Teil des Deutschen Reiches sein könne, ein Aspekt, der viel zu sehr vernachlässigt wird: denn nun fielen die letzten Schranken des Umbaus des Reichs in einen Habsburgismus, der letztlich fatal und in einem Zerreißen der Nation enden mußte, das die Habsburger (wie schon manche Herrscher zuvor, machen wir uns nichts vor: bereits ein Friedrich II. verspielte im Grunde doch schon das Reich) leider bewußt riskierten, indem sie die Nation zugunsten eines Weltreichs auflösten - was nur in einem einzigen Herrscher andeutungsweise "funktionierte", dann war Schluß, dann zerfiel es wieder in Nationen: in Karl V.

Sollte uns das nicht zu denken geben? Und mehr noch, um diesen Begriffen ihre falschen Schleier fortzureißen, um zu zeigen, daß dahinter keine Fratze der Häßlichkeit wartet: welche Nation der Welt könnte anderes sagen, als daß sie eben eine Idee ist, begründet auf einem hervorstechenden Merkmal, der gemeinsamen Sprache? Zu unterscheiden noch von der Staatsidee, der eigentlichen Reichsidee, die ganz andere Bezugspunkte hat und oft genug Gefahr läuft, der "natürlicheren Idee", der Nation, zum Opfer zu fallen - siehe USA! Natürlich: Siehe Österreich ... 1805 - 1918.

Und was war die erste Reaktion des Rest-Österreichs? Es fand sich nach dem Zerfall der Staatsidee - in der natürlichsten Reintegration, nämlich der in die Nation, der man selbst angehörte ... das Land der Deutschen. Gerade übrigens auch von den Sozialisten so vehement angestrebt. Wenn man sonst schon nichts mehr war - das aber war doch unstreitig: deutsch!? Klar, denn die Verfechter der Staats-/Reichsidee "Österreich" waren anderwärtig ausgerichtet. Und sie mußten scheitern, weil einerseits der Mut, anderseits die Möglichkeit fehlte, diese Idee zu restaurieren: in einer Monarchie.

Der Rest der Geschichte ist ja zum Teil erinnert. In den apokalyptischen Ereignissen von 1938 bis 1945 wurde der letzte Rest an Möglichkeit, sich in die eigene Nation zu reintegrieren, scheinbar unwiederbringlich ruiniert. Man kann diskutieren, ob nicht dieses neurotische Verhältnis Österreichs zu Deutschland (das dem der DDR sehr ähnelte) genau und nur dort seine Wurzeln hat: in der offenen Wunde der fehlenden, nein: vorenthaltenen Nationalität. Der Österreicher zumindest lebt nämlich im Grunde in einem eigenen Land in der Haltung eines Emigranten, die Parallelen sind zu auffällig. Seine Haltungen sind exakt jenen ähnlich, die 1938 nach New York oder Los Angeles in "Burgenlandkellern" und "Wiener Kaffeehäusern" gepflegt worden sind, und die bis heute dort dieses Gespenst pflegen.

Und aus dieser (wahrscheinlich: gewollten, in jedem Fall durch ein riesiges Tabu umwölkten) Unmöglichkeit heraus wird diese Frage gerne und völlig schwachsinnig, weil dieses Problem in Wahrheit eines ist, das zu jeder Politischen Richtung "quer" steht, in Verbindung mit Faschismus und Nationalsozialismus gebracht. Zumal es linken Gruppierungen - denken sie kurzsichtiger Weise - nützt. Diese Keule wirkt bis heute und immer und alle zittern davor, als Verbrecher verleumdet zu werden. (Und ich spare mir nun bewußt den rituell notwendigen Kotau um zu beweisen, daß ich ohnehin auch "gegen Ehschonwissen" bin, usw. usf.)

Die ungarische Nationalhymne beginnt mit einer Klage vor Gott. Sie versteht sich als Gebet und wurde selbst unter der Kommunistendiktatur ob der befürchteten Proteste nicht geändert! Gott möge nach so langer Unterdrückung seinen Ungarn doch endlich Glück schenken. Der Ungar sieht sich und seine Geschichte so: als eine Geschichte der Unfreiheit und Unterdrückung, die erst 1989 vorläufig endete. Aber er weiß, was es heißt, die Freiheit zu verlieren, ja dieses Wissen ist Teil seiner Identität geworden: die Nationalhymne ruft aus einer Situation der Bedrückung! Aus diesem Gewahrsein der Bedrohtheit, über deren historischen Wahrheitskern man nicht diskutieren muß, hat die Zugehörigkeit zu diesem Land, hat der Nationsbegriff, einen für Österreicher kaum vorstellbaren realen Gehalt. Der auch über alle Parteigrenzen hinaus verbindet! In Ungarn lebt diese Idee noch.

Wenn sie auch längst schwächelt: Vierzig Jahre Kommunismus haben ihre Spuren hinterlassen!  Falscher, vorgeblich aufmuntern sollender Optimismus, was die Schäden in Seelen, Herzen und Gebäuden anbelangt, hat schon zu oft in fatalen Realitätsverlust geführt, die Krisen der letzten Jahren sind nicht zuletzt darauf zurückzuführen. Die Selbstmordrate war die weltweit höchste! Mit, übrigens - und das ist interessant - den übrigen fatalen Verlierern ihrer Nationsidee: Japan und Österreich, wie man hört: auch die DDR. Zumindest ein bemerkenswertes Detail: Allesamt Nationen, die aufgrund der historischen Ereignisse von außen her gezwungen wurden, der Idee ihrer selbst, ihren höheren Traditionen, ihrer Selbstbegründung, abzuschwören.

Übrigens: auch in Österreich lebt solche Idee, aber sie hat ihre Fundamente in den Bundesländern, vergesse man das nicht! Und studiere man dazu die Landeshymnen, studiere man dazu die Landespolitiken!

Aber wäre es in Österreich denkbar, die Habsburgerkrone (den "Hut") öffentlich so zu verehren, wie es in Ungarn mit der Stephanskrone, alljährlich zum 20. August, dem Stephanstag, bis heute geschieht? Wo ein ganzer Hauptplatz einer Komitatsstadt wie Sopron (Ödenburg) niederkniet, um dann die Nationalhymne, das Gebet, inbrünstig, betend, zu singen, nein, nein: mit Tränen in den Augen zu rufen!?

Bestenfalls noch in Landeshymnen, wie der von Niederösterreich. Da schrieb es Franz Karl Ginzkey, und was noch heut' gesungen wird: "Oh Heimat, Dich zu lieben, getreu bis in den Tod, im Herzen steht's geschrieben, als innerstes Gebot" - so jedenfalls habe ich es immer gesungen. (Die offizielle Version singt freilich heute: "getreu in Glück und Not." Da war's mir gewiß schon als Kind immer leid um die vertane Dramatik.) Und da taucht auch noch auf: "Wir müh'n uns Dir zu dienen", sowie: "gilt es zu dir zu stehen, mein Niederösterreich!" Wir sollten sie also noch kennen, diese Bezüge ...

Und spätestens jetzt wird klar: dieses heutige Österreich ... ist anders als Ungarn nie ein "Land" gewesen, das mit den heutigen Gegebenheiten, dem faktischen heutigen Österreich, etwas zu tun hat: diese Idee Österreich ist tot, und sie ist bis zum heutigen Tag nicht wieder auferstanden. Es fehlt jede historische Kontinuität, die diese Idee am Leben erhalten hätte, und eine wirkliche Neuschöpfung fand nie statt. So ist die Geschichte dieser Landstriche zwar eine österreichische - aber sie ist weit weg und fern, sie ist wie hinter einem Schleier verborgen, wie eine Mär aus einem Traumland, das auf dieses Heute keine Befruchtung mehr ausüben kann. Und darf. Österreich heißt zwar Österreich. Aber es IST kein Österreich ... Es IST ein Kärnten, ein Tirol, ein Salzburg, ein Oberösterreich, ein Burgenland ..., weil das auch nie anders war. Das Verbindende, das zu einem Staat wirklich verbindende, ist vielleicht nur eine hauchdünne, wie Zellophan zerreißbare Mogelverpackung.

Es hat so gesehen seine ganz eigene Logik und Richtigkeit, daß in diesen Tagen ein Österreicher EU-Kommissar für Regionalfragen wurde! Vielleicht ist das genau deshalb so bemerkenswert, weil das Bewußtsein zum Bild konstruiert, was fehlt. Ein Regionenkommissar, der gar keine Nation kennt, der diesen Begriff nicht als Heimat erfahren hat und doch von seinen Inhalten getragen wurde ... Womit nicht verwunderlich wäre, wenn klammheimlich genau diesem Kommissar, wenn er alle Gebote zum Selbsthaß, die dem Österreicher als Geburtseid abverlangt sind, umschiffen kann, eine erst kaum bemerkbare Akzentverschiebung "unterlaufen" würde ... Region, Nation ...

Diese "Bundesländer" nun, sie haben alles, sie haben auch ihre Symbole, sie haben den Bezug ihrer Identität und ihrer Ehre. Aber ein Österreich - hat keine Krone mehr. Die liegt weit ab, in einer Schatzkammer, als Museumsstück, als Erzählung aus einem Land weit weit weg. Selbst die historischen Verantwortungen in seinem geographischen Raum hat ja Österreich nach 1918 weit von sich geschoben. Seit damals waren alle auftauchenden Fragen der Siebenbürger, der "Schwoben" (Ungarndeutschen), der Banater, Gotscheer, Batschka, Sudeten und Schlesier - solche Deutschlands. Wie erst ja auch wir. Da wußten wir es noch.

Sie, die Krone, ist eben Symbol (dabei: eines von  mehreren) für einen Bezug, der das Leben eines Volkes, hier wieder: jedes Ungarn, bis heute gar mit dem Bewußtsein bereichert, ja sinnvoll macht, daß er in eine Solidargemeinschaft (s. unter anderem Max Weber) kraft Geburt eingebettet ist, dem er einerseits viel, ja sein Leben verdankt, das ihn anderseits aber auch braucht, dem er zugehört. Dieses Volk ist weit mehr als die Menschen, die ihn zufällig umstehen. Es ist eine Idee vom Menschsein! (Magyar heißt vermutlich: "Magy/Mann-er/Mensch") Ein Sammelpunkt von allem, was jeder einzelne Ungar sein und haben kann. Und diese Idee ist nicht zufällig und zusammengestoppelt, sie ist eine Idee im Herzen und Willen Gottes, also Gebot gleichermaßen wie vor allem Verheißung.

Es gibt also immer ein "wofür", so schlimm auch alles kommen mag: In diesem Bezugspunkt. Der ist unzerstörbar, und er lebt, solange jeder für sich ihn hochhält, und er ist konserviert, im Gedächtnis Gottes! Dann hält diese Idee auch jeden einzelnen hoch, läßt ihn alle Unbill ertragen, läßt in größter Not überleben, und macht jeden Einzelnen zum Träger und Verwalter eines Erbes, nein: zum Mitwisser, zum eingeweihten Repräsentanten dieser Idee, mit Rechten, mit Pflichten. So daß es einen Gehalt hat, wenn er sagt: Ich bin Ungar! Es sagt: In mir wird die Idee des Ungarn sichtbar! Und ich werde dieser Idee niemals Schande machen, solange ich lebe, ja im Gegenteil: ich werde ihren Ruhm mehren, von dem alle meine Nachfahren noch zehren können, um dasselbe zu tun! Ich werde zeigen, daß diese Idee, die Idee des besten Menschseins, in allen historischen Bezügen, bedeutet.

Aus dieser Idee erst - und der Lebendigkeit, in der sie noch präsent ist - ergibt sich eine Einschätzung eines Volkes, ergibt sich seine Kreditwürdigkeit, seine Vertrauenswürdigkeit. Nicht aus momentanen Nöten, Schwächen und Geschicken. Und alle, die Ungarn sind, sie alle sind Mitglieder dieser Solidargemeinschaft, weil alle gleichermaßen sowohl in Pflicht und Treue wie in Liebe dieser Idee ihr Leben hinzufügen. Sodaß alle verbunden sind, in einem riesigen, von Eigenheiten zu einem Organismus selbst geprägten Mosaik von Bedarf und Dienst, von Beruf und Gebrauchtheit. Je vollkommener dieser Organismus ist, umso mehr kann er an der Völkergemeinschaft wiederum, dem kontinentalen, dem globalen Völkerdorf, seinen Dienst erfüllen.

Von dieser Warte aus wird das Wohlergehen Ungarns zu einem nationalen Anliegen ganz anderer Art. Und das kann niemals als simpler "Umtrieb der bösen Faschisten" mißdeutet werden, auch wenn es in manchen Färbungen faschistoide Züge annehmen kann - dazu unten. Noch 2006 wurde in einer Volksabstimmung eine Mehrheit (1,5 Mio für, zu 1,4 Mio dagegen) dafür erzielt, allen Ungarn, auch jenen, die als Minderheiten in den angrenzenden Staaten lebten, die ungarische Staatsbürgerschaft (mit allerdings etwas verminderten Rechten) zuzusprechen. Wohl aus außenpolitischer Raison, aber auch weil die Sozialisten regierten, die gegen dieses Anliegen waren, wurde es nicht verwirklicht.

Am interessantesten war wohl die Begründung, die für dieses Anliegen geboten wurde: Weil so jeder Ungar, egal wo er lebt, weiß, daß er einen Ort hat, dem er zugehört. Das zeigt, daß es in Ungarn noch Köpfe gibt, die die Bedeutung des Staates für den Einzelnen richtig einzuschätzen wissen. Und mit Adam Müller wissen, daß aus einem gesunden Staatsbezug Prosperität im Einzelnen erwächst - aber nicht umgekehrt. Diese Metaidee - die Nation, nicht "der Staat" (wie in Österreich!) - sollte dem Ungarn Identität geben, wo auch immer er sich aufhält. Sie sollte ihm einen Boden für sein In-der-Welt-sein geben.

Realpolitisch war es als Maßnahme auch gegen den in Ungarn längst eingetretenen Bevölkerungsschwund propagiert, und so gesehen nicht unklug: Als Anreiz zur Niederlassung für die Ungarn in den Nachbarstaaten genauso, wie für die Heimischen, gar nicht fortzugehen. Alleine in den fünf Jahren von 2001 bis 2006 hat nämlich die Bevölkerung des Staates Ungarn um 200.000 abgenommen, das sind fast 8 Prozent der arbeitenden Bevölkerung! Zum einen: durch die wie in ganz Europa extrem niedrige Geburtenzahl. Zum anderen aber durch Abwanderung, und häufig gerade der besten Köpfe, ein Problem sämtlicher Oststaaten seit der "Wende" übrigens.

Erst in diesen Tagen las man in ungarischen Blättern, daß Ungarn nun sogar ein schlagendes Problem der Ausbildung habe - zuwenige Fachkräfte, selbst im Handwerk, zuwenige kompetente Akademiker. Und wer kennte nicht Ungarn, in Wien, in den österreichischen Städten in denen sie (vor allem seit 1956) so zahlreich und doch so unauffällig leben, in ihrer bekannten Tüchtigkeit. Es scheinen ... die besten gewesen zu sein, die gingen. Eine doppelte Doktorin - der Rechte und der Wirtschaft - die heute in Wien lebt, meinte mir gegenüber: sie (ihr Mann ähnlich) hätten in Ungarn einfach keine adäquate Arbeit finden können. So gingen sie ins Ausland, mit Herzschmerz. Denn sie lieben Ungarn.

Sie lieben Ungarn. Lieben wir Österreich? Tun wir etwas um des Landes willen? Für andere, für den Begriff "Österreicher", für unsere Nachfahren ... Nicht daß ich sage: wir müßten es! Aber schön, schön wäre es, in solch einem Land zu leben?

Historisch sind die Ungarn, als ursprüngliches Reitervolk, ohne Boden, also immer auf eine Metaidee angewiesen (ähnlich den Türken!), immer auf eine einigende Idee angewiesen gewesen. Daran hat auch die Zuweisung der Karpatischen Tiefebene an sie als Lebensraum, nach ihrer Besiegung am Lechfeld, nichts geändert. Was an der Art der landwirtschaftlichen Nutzung erkennbar wird - der extensiven Viehwirtschaft, bis heute.

Zumal es "den" ethnischen Ungarn kaum wirklich gibt, weshalb die ungarische Sprache als Träger der Nationalität so eine große, historisch nicht immer unproblematische Rolle (die Magyarisierung fremder Völker, die auf ungarischem Boden lebten, ist ein dunkles Kapitel in der Geschichte dieses Landes) spielt - die Magyaren waren nur einer von zehn Steppenstämmen, die Europa im 9. Jahrhundert ständig heimsuchten.

Erst nach der vernichtenden Niederlage im Jahre 955 durch Kaiser Otto I. wurden sie "Mitglied der Europäischen Völkerfamilie", und geeint unter Arpad, dann unter dem Hl. Stephan, dem ersten gesalbten König Ungarns, im heutigen Gebiet, dem Karpatischen Becken, das topographisch bis an die Adria reicht, seßhaft. Im 13. Jahrhundert fast ausgerottet (50 Prozent Bevölkerungsverlust durch Tataren- und Mongoleneinfälle), bat König Bela I. schließlich Deutsche, Schwaben, die verwaisten Gebiete neu zu besiedeln ... so entstand dieses Naheverhältnis (und dieses Thema wäre damit auch geklärt).

Dann kamen (ab Mitte des 16. Jahrhunderts) die Türken, fast 200 Jahre lang, und dann - die Habsburger. So sehen es die Ungarn. Die seit dem Tode des letzten ungarischen Arpadenkönigs im Jahre 1301 nur eine glückliche Zeit kennen: die unter Matthias Corvinus (1459-90), der die Herrschaft derer von Anjou unterbrochen hatte. (Genau, die uralte Gegnerschaft Frankreich - Römisch-deutscher Kaiser, die die ganze europäische Geschichte so kennzeichnet ...)

1918/19 verlor Ungarn (in den Diktaten von Trianon) nahezu zwei Drittel seines ehemaligen Staatsgebietes, und fast die Hälfte seiner Bevölkerung. Noch heute leben rund 5 Millionen Ungarnstämmige, bis heute ungarisch Sprechende (man schätzt, daß heute aber nur noch rund 10 Prozent der Bevölkerung der Abstammung nach "Magyaren" sind) nicht in Ungarn, vor allem in Rumänien, Kroatien und der Slowakei. Das ehedem ungarische Gebiet "Westungarn" (Burgenland) hat sich ja bekanntlich Österreich einverleibt. Das, gewiß, an anderen Stellen empfindlich halbiert wurde, denn es sollte nach Sprachengrenzen gehen. Zumindest sagte man das zuerst - es kam bei den großen Verlierern, und das waren vor allem Österreich und Ungarn, wie man sieht, ziemlich anders.

Die Ungarn haben sich also schon - aus ihrer Geschichte erkennbar - seit Jahrhunderten zu behaupten, im wahrsten Sinn: Sie müssen sich behaupten! Wenn sie es nicht tun - niemand sonst würde ihre Existenz in die Welt setzen! Weil ihnen also sonst das Dasein als Nation abhanden gekommen, weil genommen wäre. Ein Volk kann eben nur, und das immer und ausschließlich, als "Nation" existieren kann, wie sonst? Nation ist die Daseinsform eines Volkes - so wie die Daseinsform von Shetlandponys die von "Shetlandpony" ist. In der Form eines Staates, oder Landes, oder Teilstaates, oder in der Diaspora ... diese Form ist variabel. Aber ein Volk, das aufhört, sich als Nation zu empfinden, zu sehen, verliert seine eigene verbindliche, es zu sich selbst machende Norm, es verliert sich also selbst. Und muß unweigerlich untergehen, bzw. weil es keine "herrschaftslosen Räume" in der Geschichte gibt: in einem anderen Volk aufgehen. Ein Volk geht nicht unter, weil seine Bürger dekadent werden, weshalb die Nation unter die Räder kommt, sondern weil die Nationsbezüge verfallen, weil sich die Staatsidee verflüchtigt. Bis niemand mehr diese Staatsidee für daseinswürdig hält. Gerade Rom ist ein hervorragendes Beispiel, solche Vorgänge zu studieren, genauso wie Ungarn, und wie erst Österreich.

Nationalgefühl, das es, weil nie abgesprochen oder gefährdet, gar nicht nötig hat, sich "apodiktisch zu behaupten", ist die erste Kraftquelle des Singulären, und ist jener Topf, aus dem sich die Kreditwürdigkeit, also das Zutrauen der Welt, nährt. Und sie ist in Notzeiten, da, wo sie behauptet werden muß, gegen die Angriffe der Nichtbehauptung, provoziert seine Repräsentanten zur rückhaltlosen Selbstüberschreitung, zur Hingabe.

Denn alle Dinge beziehen ihre Identität aus ihrer höchsten Möglichkeit. Aber alles handelt erst in seinen Möglichkeiten, wenn es dieses Selbstsein in der Welt weiß. Darum ist es diese Idee wert, sein Leben dafür einzusetzen - für kommende Generationen zumindest.

Wenn dazu keiner mehr bereit ist, siehe Rom, dann ist es eben zu Ende. Vielleicht nicht heute, sicher aber morgen. Denn ohne solche Idee zu leben, bringt ohne jeden Zweifel einen Rückfall in schlimmstes, primitivstes Banausentum, in seelische Verelendung, die alles, was überhaupt noch Kultur sein kann, in einer abstoßenden Freß- und Fickmoral erstickt.

Ich bin überzeugt, wenn man untersuchte, wieweit Nationalstolz und Lebensglück, Lebenskraft und -mut korrelieren, daß sich ganz klare Bezüge ergeben. Denn nur wer Identität hat, kann entschlossen handeln, kann überhaupt irren, kann aber auch glücken.

Gewiß, ich schreibe hier von "den Ungarn", obwohl es faktisch nur einen Teil der Ungarn betrifft, denn zwei Drittel der Ungarn sind sozialistisch, und das ändert sich nicht von heute auf morgen! Das Wiederaufkeimen dieser nun vielleicht etwas klareren Idee ihrer selbst ist in Ungarn aber nun tatsächlich als "politische Idee" erneut aufs Tapet gekommen. In Stellungnahmen von Viktor Orban, dem bereits einmal Ministerpräsident gewesenen, wie wohl auch den bald wieder dieses Amt bekleidenden Vorsitzenden der FIDESZ, kommt die Sprache erstaunlich klar auf diese Aspekte. Und so ist auch die von den Sozialisten verhinderte "Doppelstaatsbürgerschaft" für alle Ungarn, ob innerhalb oder außerhalb der Staatsgrenzen lebend, zu verstehen gewesen. Die Idee der Nation soll wiederbelebt werden, als neues Erschließen einer Kraftquelle, um die Ungarn so von innen heraus wieder auf die Beine zu bringen. Wenn das die Bedrohungsquelle der Linken hierzulande ist, dann haben sie recht, und es ist wohl auch so. Denn der Instinkt der Linken, mit dem sie alles wittern, was aufrichtet, anstatt niederreißt, ist beträchtlich.

Aber dem Ungarn ist sein Land wichtiger als Partei oder Richtungsstreit, er denkt politisch pragmatisch - für sein Land! Das kann sich, und spätestens hier muß es klar sein warum, ein Österreicher (was ist das eben?) so gar nicht vorstellen. Dadurch aber sind auch die extremen Schwankungen bei Wahlen, von ganz links bis ganz rechts, erklärbar: war die FIDESZ 1993/94 fast aufgelöst auf 7 Prozent, hatte sie 2006 44 Prozent, und 2009: 56 Prozent, während die Sozialisten binnen drei Jahren von 46 auf 17 Prozent gefallen sind, gerade noch mehr als die ganz rechte Jobbik. Der Ungar wählt jene Programme, die seiner Meinung nach für sein Land gut sind, er ist nicht wie in Österreich mit einer Partei verschwistert. Das kann man als demokratische Unreife sehen, man kann darüber diskutieren ob ein ähnliches Phänomen in Österreich nicht Auflösungserscheinung ist - es gründet in Ungarn in jedem Fall dort, was über allen historischen Wandel entscheidender Stabilitätsfaktor blieb: ein Ungar ist zuallererst Ungar! Für die Freiheit, den Bestand seines Landes läßt er sich auch von Panzern niederwalzen, dafür schießt er auf Besatzer! Der Österreicher ist dieser Tradition längst entfremdet ...

In Ungarn muß man das auch den jungen Menschen nicht erst erklären, oder aufschwatzen. Ich habe noch nirgendwo so deutlich erlebt, wie selbst städtische Jugendliche, in Disco-Outfit, in größter Selbstverständlichkeit Volkstänze tanzen, und in diesen unnachahmlichen Bewegungen ihre Stiefel knallen lassen. Und wenn am Marktplatz eine Gruppe aus einem Nachbardorf Volksmusik macht, dann hat das niemals den Charakter einer musealisierten Touristenfolklore - die Gesichter der Männer, der Frauen, die im Wechselgesang sich anstacheln, sich verspotten, sich necken, die tragen echte Freude und Lust. Sie sind stolz auf ihr Dasein, und sie sind einerseits rasch beleidigt, wenn sie ihr Land zuwenig geachtet fühlen, anderseits öffnen sie jenen alle Türen, die sie einfach sein lassen, die guten Willen zeigen, sie zu respektieren.

Auf einmal sprechen sie selbstverständlich in der Sprache des Gastes (und es können z. B. viele Ungarn sehr gut Deutsch!), fühlen sich geehrt und reagieren lächelnd mit Großmut, wenn man sie in ihrer Sprache anzusprechen versucht, dabei im Stolpern über so manches auf die schwierige Sprache hinweist, die sie (angeblich) haben - sie haben eben noch eine Eigenart. Und die lieben sie, sie ist oft genug in der Geschichte unter die Räder gekommen. Aber sie hat überlebt. Als unsterbliche Idee, der gegenüber alle verpflichtet sind. Darum hat man auch unlängst erst - und nicht nur in "rechten" Kreisen - auf die vom ungarischen Nobelpreisträgers Kertesz in Interviews geäußerte Kritik an seinem Land so empfindlich reagiert: er kann sagen, was er möchte, aber warum ... macht er Ungarn im Ausland schlecht? So empfindet das der Ungar.

Diesen Nationalismus DER UNGARN als Bezugspunkt ihrer Selbstachtung, auch in größter Not und Bedrängnis, aber nicht zu bewundern, sondern ihn primitiv als Faschismus zu desavouieren, zeugt nicht nur von wenig Verstand. Sondern von einer aggressiven Forderung nach nationalem Selbstmord, nach Erniedrigung zum quiekenden Schwein, das nur noch an den vollen Napf denkt - der die Ungarn hoffentlich noch lange widerstreben werden. Die noch so viel an Eigenem haben, an Lebendigem, das in der grotesken Privatheit und Rückständigkeit, die der Kommunismus schuf oder zuließ, noch überlebte. Denn solchen Nationalstolz, der jedem Volk eigen sein sollte, zu "bekämpfen" schafft (!) erst jene Formen, die einem Volk gar nicht mehr Nationalismus, sondern dessen "Rettung" - und hier wird er, wird jedes "Gute" möglicherweise zum Faschismus - notwendig machen.




*271109*

Donnerstag, 6. August 2009

Karussell der Moderne

Wie modern doch klingt, was Max Stirner vor hundertfünfzig Jahren schrieb. Es mag einem oft so vorkommen, als sei der Fortgang der Geschichte lediglich eine Abwandlung der sich immer wieder um ein nie ganz sichtbares Zentrum drehenden, einander an- wie abstoßenden Theorien und Ansichten - und wieviel mehr: der dahinterstehenden menschlichen Haltungen, also auch der gesellschaftlichen Bedingungen und Klimata, Bedingungen.

"Alle Wahrheiten unter mir sind mir lieb; eine Wahrheit über mir, eine Wahrheit, nach der ich mich richten müßte, kenne ich nicht. Für mich gibt es keine Wahrheit, denn über mich geht nichts." Greif zu und nimm, was du brauchst. Krieg aller gegen alle. Der Starke siegt. "Über der Pforte unserer Zeit steht nicht jenes apollinische: Erkenne dich selbst, sondern ein: Verwerte dich." Der Zauberkreis des Christentums ist gebrochen, wenn die Spannung zwischen mir, wie ich bin, und mir, wie ich sein soll, aufhört. Mein Verkehr mit der Welt besteht darin, daß ich sie genieße und sie zu meinem Selbstgenuß verbrauche.

Interessant ist, daß Stirner dies am Vorabend eines sich also erst im geistigen Grunde vorbereitenden neuen Staates, eines Zeitalters enormer gesellschaftlicher Bindungen dachte. Als Ausläufer der geistigen Bewegungen des Idealismus der Romantik, der inmitten völligen Zerfalls (sichtbar unter anderem in der Französischen Revolution) begriff, daß (im zerschlagenen Reich und in der Reformation) genau die zentrale Idee zerschlagen ist, die allem Einzelnen erst Leben und Kraft einhaucht, in Religion und Staat. So ging es also nun um einen neuen Staat, um eine neue Religion, die alles wieder vereinte!

Die heutige Reichsidee? Die EU. Als immer weitere Spange einer immer weiter auseinanderfallenden Kultur versucht.

Die Welt dreht sich um immer dieselben Fragen, und wo immer das Karussell stehenbleibt, sofern es überhaupt stehenbleibt, zeigt es das Gesicht der Moderne an der Einstiegsstelle.




*060809*

Freitag, 24. Juli 2009

Nur als Lehen zu verstehen

Adam Müller macht den Gedanken des "Lehens" zum Dreh- und Angelpunkt der Freiheit und des Bestands eines Staates. Nur, wenn Eigentum als Lehen (von Gott her) aufgefaßt wird, ist das Maß an Distanz wie Ernsthaftigkeit (bis zum Tode) gewahrt, wird nicht der ganze Staat zum sklavischen Rädchen eines Mechanismus, der Eigentum "absolut" stellt, und dies nur durch scharfe Gesetzgebung garantieren kann, der aber alle Erfülltheit mit Leben (vom Einzelnen und in Wechselseitigkeit, von Verpflichtung wie Nutznießungsrecht her) fehlt. In einem solchen Staat - Müller sieht die Entwicklungen durch Veränderung des Eigentumsbegriffs (vom Lehen zum Absolutum) zum Ausgang des Mittelalters - "wird der Sovereign zu einer legislativen und administrativen Maschine, zu einem obersten Polizeichef."

Zuvor sieht Müller Eigentum als "vorübergehendes, lediglich lebenslanges Nießrecht" verstanden. Jedes Eigentum, wie auch der Staat, ja: Das ganze bürgerliche Leben ist ein solches von Körperschaften und Familien zugleich, und ist in einer unendlichen Reihe aus Vergangenheit und Zukunft von Personen gesehen. Wird aber die religiöse Verpflichtung aus dem Eigentum durch Verabsolutierung desselben verdrängt (Müller sieht es durch die steigende (Kapital-)Macht des Handels eingetreten), fehlt die Verankerung des Einzelnen im Allgemeinen wie im Allgemeindienlichen. Der Staat wird bestenfalls nur noch zum Garanten egoistischer Interessen, das eigentlich Staatsverbindende (das allem Eigentum vorausgeht, ihm übergeordnet ist) hat sich aufgelöst.




*240709*

Heiliges Eigentum

Die uns extrem erscheinen mögende rechtliche Stellung des Eigentums bei den Römern führt sich offenbar bereits auf die Weltsicht der Etrusker zurück. Ihnen war nichts in dieser Welt zufällig, der Mensch, alles Geschehen eingebunden in ein gigantisches Räderwerk, dem (in ihrer Weltsicht) der Mensch eigentlich hilflos ausgeliefert war. Wo immer er sich gegen den Willen der Götter stellte - bereits bei den Etruskern: ein außerordentlich ausgebautes und enorm wichtiges System der Auspizien, der Vorhersage - war sein Handeln zum Scheitern verurteilt.

Die Götter aber hatten natürlich auch die Welt, alle Dinge, in einer strengen Ordnung gedacht und bestimmt, und so war es ein hoch sensibles, entscheidendes Vorgehen, Grund und Boden - und von dort ausgehend alles, was der Entfaltung des Menschen diente, also auch die Dinge (siehe dazu: Adam Müller's Gedanken über die "Gleichstellung von Person und Sache") - aufzuteilen. Diese Teilung war, als grundlegende Verfügung der Götter mit dem Erdkreis, heilig! Der Mensch hat sich dann nach dem Eigentum, seinem Grund und Boden, seinem Bezirk innerhalb der Erde, definiert - nicht umgekehrt. Seine Identität nahm von dort ihren Ausgang - vom Äußeren, vom Staat, und dann vom "Haus" und dem Hausherrn. Bei den Etruskern ging dies ja bis zum Matriarchat: denn das Bleibende war ihnen (oder: ist, denn sie entscheiden auch heute über die Dauer allen Geschöpflichen, das in ihrer Hand liegt) die Frau, der persönlichkeitslose, allgemeine Familienstamm.

Das ging so weit, daß Eigentum untrennbar von der Familie war - wurde es getrennt verlor es ja einen essentiellen Teil seiner selbst! Eigentum war nicht "an sich" da, sondern immer "für jemanden." Es definiert sich in seinem "Nutzwert", der immer ein ganz spezieller "Nutzwert für" ist, es ist also immer personenbezüglich. (Wieder ein Hinweis auf Müller: weil Sachen, Dinge, quasi nach außen gelagerte Teile der Person seien, die zu seiner Lebenswirklichung essentiell wären, würden sie sogar zu Teilen der Persönlichkeit, also sei ihnen auch entsprechender rechtlicher Rang zuzukommen.)

Somit war Eigentum heilig, und es zu verletzen - im Diebstahl, aber auch in der Vernachlässigung - war ein erdkreiserschütterndes Sakrileg. (Samt dem Recht für den Bestohlenen, den Dieb augenblicklich umzubringen.) Der Mensch war von seinem ihm zugewiesenen Ort auf dieser Erde nicht denkbar, und nie zu trennen! Darauf baut dann alles weiter ausdifferenzierte Eigentumsrecht auf.

Im Grunde: bis zum heutigen Tag. Denn in Wahrheit läßt sich kein Eigentumsbegriff verteidigen, wenn er nicht religiös - Gabe Gottes - begründet ist. Wir glauben nur, daß das anders sein könnte, weil wir uns so leichter im Gewissen betrügen können.




*240709*