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Freitag, 14. Januar 2011

Wie sage ich's dem Kinde?

Ferdinand Hodler (Expressionismus) - Genfer See
Kein Künstler von Format hat jemals einem Kunststil "gedient" - er hat oder hatte etwas auszudrücken, seine Seele war groß und kräftig genug, eine Form zu Eigenem zu durchwirken, schreibt Gottfried Niemann. Insofern ist jeder große Künstler Expressionist: wo er alle Formen der Kunst quasi vollständig kennt, ausgelotet hat, und beherrscht, damit ihre Form in sich trägt, und - im Ausbrechen aus der Nachahmung - sie als Material dehnt und gestaltet.

"Der Expressionismus als ausgesprochene Richtung will sich ganz alleine auf die seelische Form konzentrieren und läßt Stil und Technik als unwesentlich beiseite. Er übersieht aber, daß die seelische Form nur da losgelöst von allem andern wirken kann, wo auch wirklich eine große Seele, d. h. eine große künstlerische Persönlichkeit, dahintersteht. Deshalb mußte der Expressionismus bei der Mittelmäßigkeit - und die Mehrheit der Künstler kommt darüber nie hinaus - scheitern, die in Wahrheit gar nichts zu sagen hat."

Oder, um es mit Schiller zu sagen: "Und alle Kunstfertigkeit im Ausdruck kann demjenigen nichts helfen, der nichts auszudrücken hat."

Ferdinand Hodler (Expressionismus)
Wer also nicht viel zu geben hat, so Niemann weiter, bei dem liegt ja gar keine Notwendigkeit vor, sich expressionistisch zu gebärden. Ihm bleibt das bloßer nachgeahmter Stil, innerlich leer, sein Verhalten oft genug in dem Maß lächerliches Kunstgetue, als es reine Gebärde jemandes bleibt, der so tut, als müßte er vor Originalität  und unbändiger seelischer Kraft bersten.  Ob es nun Expressionismus, Kubismus oder Futurismus hieß war unwesentlich.

"Jeder glaubte plötzlich ein Rezept gefunden zu haben, nach dem man sich seelisch leidenschaftlich gebärden kann, ohne Seele und Leidenschaft zu besitzen."

Expressionismus (etc.) aber ist der vorläufige Endpunkt der Entwicklung einer langen, historischen Entwicklung der Formen- und Seelensprache, die sich im wesentlichen zwischen den Polen Expressionismus - Impressionismus bewegte, und die sich dialektisch innerhalb der Pole Idealismus und Naturalismus abspielte, die sich letztlich aber immer wieder ineinander geschoben haben.

Denn während der Expressionismus das Wesentliche der Dinge, die Idee dahinter zu erfassen sucht, begenet er dem Naturwahren  und -wahrhaftigen des Impressionismus genau in der Diskussion darüber, was das Wahre des Augenblicks denn sei, und welche Rolle der Künstler dabei spiele. Alle diese Richtungen aber sind lediglich Ausdruck innerer Gefaßtheiten und Haltungen, und insofern finden sie sich in allen großen Künstlern quasi vollzählig versammelt, und werden nur dem Anlaß, dem Ausdruckswillen gemäß mal mehr oder mal weniger als "Kunststil" identifizierbar.


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Donnerstag, 13. Januar 2011

Das Licht erzählt, ob es hell oder dunkel ist

Christoph Waltz
Christoph Waltz, Oscar-Preisträger 2010, im Interview im Spiegel - Das Licht, das auf einen Charakter fällt, definiert, ob er gut oder böse ist. Nicht "das Spiel" des Schauspielers - es darf das Urteil nicht schon mit verkünden.


SPIEGEL ONLINE: Ist es für Sie interessanter, den Bösewicht zu spielen?
Waltz: Es ist eine meiner Lieblingsdiskussionen, was genau einen Bösewicht ausmacht. Viele wollen nur Gewissheit, wer der Gute und wer der Böse ist. Für mich als Schauspieler ist aber die Debatte das interessante. 

Ich schaue erst einmal, was die Figur macht - wo sie sich von anderen unterscheidet und weshalb ihr Verhalten vielleicht als böse angesehen werden kann. Eine Figur als Bösewicht zu kennzeichnen, ist vor allem ein Kürzel für die dramatische Konstruktion einer Figur. Als Anleitung, wie die Figur zu spielen ist, ist das Label aber irrelevant. Das erledigt einen Charakter auf der Stelle.
[...] Die Frage, ob eine Figur gut oder böse ist, halte ich für mich als Schauspieler für hinderlich. Ich versuche, der Wertung eines Charakters soweit wie möglich fernzubleiben.

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Was Waltz in seiner wie stets so wohltuend reflektierten Antwort sagt ist nichts anderes, als daß häufig die Beurteilung einer Rolle und einer schauspielerischen Leistung nach völlig falschen Kriterien vollzogen wird. Viel zu viel Gewicht wird nämlich auf den Schauspieler selbst gelegt - als "Hervorbringer" einer Rolle. Und vor allem Laien machen den Fehler, die Farbe der Figur der Figur direkt zuzuschreiben. Während die Rolle der Handlung, der Stellung der Figur im Stück oder im Film, die Reaktionen der anderen, das Bühnenbild, etc. etc. jene Faktoren sind, die diese Figur erst hervorbringen!

Nicht anders ist es ja in der Malerei, und von ihr kann man als Metapher viel lernen: denn es gibt gar keine Farbe für sich! Sie mag gewisse physikalisch meßbare Eigenschaften haben, aber das erklärt noch lange nicht, warum sie - in dieser oder jener Anwendung, noch dazu - so oder so wirkt. Kräftig, leuchtend, hell, dunkel ...

Das Farbmittel hat nur eine begrenzte "Lokalfarbe", entspricht also in etwa einem bestimmten Farbwirkungskreis. Aber wie sie letztlich wirkt, hängt vor allem (neben Faktoren wie Perspektive, oder Form, an der sie angebracht ist) von den Komplementärfarben ab (also von scheinbar widersprüchlichen Farben), und schließlich von der Harmonie des Ganzen Bildes! (Und Film ist eine bildende Kunst, eine Abfolge von Bildern.) Und das alles sind nur einige wenige Andeutungen - Niemann faltet sie in "Einführung in die bildende Kunst" so großartig aus.

Aufs Schauspiel umgelegt bedeutet das, daß viel zu oft die Wirkung der Figur dem Schauspieler selbst zugeschrieben und überantwortet wird. Daß er viel zu oft gelobt (und damit zerstört), wie kritisiert (und damit verunsichert) wird, weil er für Umstände an seiner Arbeit verantwortlich gemacht wird, deren Opfer er selbst ist.

Was einen Bösewicht ausmacht? Sicher nicht, daß er "böse schaut" ... Sondern daß sein Schauen in diesem Augenblick als böse interpretiert wird. Dabei denkt er vielleicht an die Pizza des Vormittags. (Und genau das zeigte nämlich seinen Charakter, wenn er das in einer Situation denkt, wo es um Leben und Tod geht, und genau das - ohne daß es jemand weiß - macht das Widersprüchliche aus.)

Schauspiel ist eben wie jede Kunst im Gelingen ein Geheimnis. Es ist nicht positiv zusammensetzbar, wie ein Baukasten. Es ist aber zerstörbar. Und meist wird es zerstört.

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Montag, 10. Januar 2011

Drei Stufen zur Kunst

Wie ein Podest, das über drei Stufen zu begehen ist, sei die Kunst zu bewerten, schreibt Gottfried Niemann, und zwar: egal welche Kunst, auf alle treffe es zu. Keine der drei Stufen sei dabei unwichtig oder vernachlässigenswert, und das vollkommenste Kunstwerk weise auch die vollkommenste Harmonie dieser drei Stufen auf. Dennoch sei der Wert dieser Kriterien in dem Maß  gewichtig, als sie machbar - oder nicht ist.

Michelangelo/Adam: Vollkommene Harmonie
Die erste Stufe sei die der Technik, sie sei vom Zentrum am weitesten weg, sei auch durchaus erlernbar, und aus ihr alleine könne sich eine Scheinkunst aufbauen, die Kunst vortäuscht, aber nicht ist.

Anderseits geht es ohne Technik auch nicht. So wenig entscheidend sie hinwiederum sei: denn für viele Kunstwerke gelte, daß ihr Zauber, ihre Aussage so stark sei, daß Mängel in der Technik übersehen werden können. Ja, für manche sehr ausdrucksstarke Künstler gelte, daß ihre Technik prinzipiell hinter ihrem Ausdruckswillen hinterherhinke, und zum geringsten seien sie selbst wohl damit zufrieden.

Dann komme die zweite Stufe, die mit "Stil" oder Gestaltungsprinzipien bezeichnet werden könne. Hier entscheiden Dinge wie Komposition, Mittelverwendung (die also Kenntnis der Mittel eines Kunstmediums voraussetzt), Harmonie der Elemente etc. Auch, wenn überhaupt Geschmack in der Kunst eine Rolle spiele - denn Geschmack ist an sich das Kriterium des Kunsthandwerks, einer (bestenfalls) Vorstufe zur Kunst - dann sei hier sein Platz.

Stil aber ist übertragbar, Gestaltungsprinzipien sind imitierbar. Beides sind auch eingebettet in eine Zeit und in eine Kultur, haben also gewisse "überpersonale" Qualität.

Raffael: überbetonter Stil
Nicht, wie schließlich die dritte und bedeutendste Stufe: die der persönlichen Note, der persönlichen Aussage, des persönlichen, und in aller Menschheitsgeschichte unwiederholbaren Ausdrucks. Diese Stufe sei gar nicht erlernbar, diese sei auch nicht machbar. Dieser ganz persönliche Ausdruck sei einem Künstler in seine Persönlichkeit geschrieben, und deshalb [darüber wurde an dieser Stelle bereits mehrfach gehandelt] geht es, wie Goethe sagt, ohne Persönlichkeit gar nicht - auch die ist ja, bekanntlich, nicht machbar. Von hier aus erst belebe sich die Materie, mit der der Künstler (in den übrigen Stufen) umgehe.

Mit dieser Faustregel lasse sich, über Übung, ein sicheres Kunsturteil aufbauen, gewisse Sachkenntnis vorausgesetzt. Natürlich aber sei es eine Tatsache, so Niemann, daß die überwiegende Masse der Kunstwerke mehr oder weniger weit hinter dieser vollkommenen Harmonie hinterherhinke. Damit müsse man dann eben leben. Sie wiesen alle eben einen Mangel in zumindest einer der Stufen auf, sodaß andere überbetont seien. Ohne zumindest Spuren aber ALLER dieser drei Stufen könne man keinesfalls von Kunst sprechen.

Ganz sicher aber kein Kriterium aber ist, WAS in der Kunst dargestellt ist. Dieser laienhafte Irrtum ist zwar nicht auszurotten, weil er ganz andere Ebenen und Interessen bedient, aber er ist der Kunst - dem Antlitz des Wahren im Schönen - bestenfalls verderblich.

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Dienstag, 4. Januar 2011

Handwerk, nicht Kunst

In nicht wenigen Epochen der Menschheitsgeschichte kam es nicht einmal ansatzweise zur Ausbildung von Kunst. Das menschliche Bedürfnis nach Schönheit und Gefühl fand lediglich im Kunsthandwerk, in der Gefälligkeit, Ausdruck, schreibt Gottfried Niemann in seiner beeindruckend klaren "Einführung in die bildende Kunst".

Es fand sich einfach kein ausreichend schöpferischer Geist, der aus den durchs Handwerk, durch die technische Perfektion ausgebildeten Formensprachen eine wirkliche Darstellung des Transzendenten, als Deutung eines faktischen Geschehens, schaffen konnte oder wollte.

Niemann führt dabei die technisch perfekten, aber leblosen Reliefs der Assyrer an, die eine Naturbeobachtung verraten, die nie über rein formale Eckdaten hinausging. Diese Aussage wird erhärtet, wenn man - mitten in diesen Wandreliefs! - ein Kunstwerk höchsten Ranges entdeckt. Wie der berühmten "Sterbenden Löwin" von Kujundschik.

Kujundschik (Assur/Persien); "Die sterbende Löwin"
Es besteht ein prinzipieller Unterschied zwischen schöpferischer Kunst, und dem Handwerk. Mitten in all den Handwerkern, die im Auftrag des Königs arbeiteten, war offensichtlich ein wirklicher Künstler, der frei von allen Fesseln ein Werk seines Geistes geschaffen hat.

Auch mit bloßer Zuwendung nämlich läßt sich dieser Unterschied nicht erklären: auch bei prähistorischen Werkzeugen findet sich hohe handwerkliche Fähigkeit mit dem Schmuckbedürfnis vereint. Das Handwerk aber schuf lediglich Formensprache, Formenelemente. Weil die Fähigkeiten weitergegeben werden, von gleich zu gleich, bleibt es auch lange Zeit so, daß Herstellungsaufträge an Handwerker erteilt werden.

Dabei hat er es sogar seinen vermeintlichen Berufskollegen gegenüber schwer, denn sein Schwerpunkt liegt gar nicht so sehr auf dem technischen Können, wie beim reinen Handwerker. Deshalb ist der Künstler ursprünglich auch nicht von jenen anerkannt, im Gegenteil, man spricht ihm die Fähigkeiten ab.

Erst im Laufe jeweiliger Entwicklungen - und es ist immer relativ spät - entwickelt sich einerseits Verständnis für den Unterschied des bloßen "Könnens" zur Kunst, denn Kunst wird nie gleich erkannt, anderseits jener Menschentypus als Beruf, der es vermag, den bloßen Fabrikaten Seele, Leben einzuhauchen. Und dazu gehört eben das Verschmelzen des Gegenständlichen mit Transzendenz. Das zeigt sich im Abendland in der Gotik, bei den Griechen ab Myron und Phidias, in der Skulptur - sie alle erwuchsen aus bloßer Handwerker-, Steinmetztradition. "Künstler" sind hier per Zufall unter den Produzenten zu finden, und sie sind aus reinem Broterwerb tätig.

Aber sie tauchen bereits auf: in die jeweilige Handwerksschule und -tradition eingefügt, erwächst ihr Werk aus der handwerklichen Bewältigung des Materials und der traditionellen Formensprache. Und sie befruchten auch das reine Handwerk. Nur bei ihnen aber erstand aus bloßem Handwerksprodukt Kunst, und fast zufällig. Denn für die freien Kräfte und Persönlichkeiten gab es in früheren Geschichtsepochen meist viel lohnendere Lebensbereiche, und sei es im Krieg.

Aber in dieser Rückwirkung baut sich ein Stil zu gewisser Höhe auf, wird Gestaltung quasi zum allgemeinen Stil, und insofern zur kunstgewerblichen Höhe einer Epoche (wie bei den Griechen beispielhaft geschehen), ohne je mehr zu sein als Handwerk, mit jeweiligen Einzelerscheinungen: den wirklichen Künstlern, die immer wieder zu den Quellen - der Natur - zurückgehen, um ihre Gestalt zu finden.

Aber in der bloßen Nachahmung vermag sich das Handwerk sogar gewisse Zeit in solcher einmal gewesener (scheinbarer) Gestaltungshöhe halten, und insofern kann ein Kunststil eine Epoche überleben. In Zeitalter hineinragen, in denen es gar keine Kunst gibt, wie es von der Spätantike an (rund um 400 n. Chr.) bis zu Romanik und endgültig dann in der Gotik der Fall war. Ein Zeitalter, in dem es keine Künstler gab, sondern nur Handwerker. (Was übrigens auch für das Dichten galt!)

Erst in der Renaissancetaucht dann im Abendland der Beruf des "Künstlers" wieder auf, der in der spätrömischen Zeit völlig verschwunden ist. Ein Beruf, wie er das erste mal in der griechischen Antike um das Jahr 500 v. Chr. im Abendland aufgetaucht ist. (Der erste überlieferte Name eines Künstlers in der Menschheitsgeschichte überhaupt ist der des Thutmosis, eines Bildhauers unter Echnathon, um 1400 v. Chr.)

Aber, so Niemann, man solle sich nicht täuschen, diese Unterscheidung ist gerade heute sehr exakt zu halten. Gerade im Zeitalter der Akademisierung, der Verschulung des gewerblichen Aspekts ("Kunstgewerbe") sowie des Handwerks, drängen viele zum Lebensbild des Künstlers, die aber - sofern sie handwerklich gut sind - bestenfalls gutes Handwerk, aber keine oder (inflationär) mittelmäßiger Kunst, noch weit häufiger aber: mangels wirklicher handwerklicher Befähigung weder das eine, noch das andere, überhaupt herzustellen in der Lage sind.

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Montag, 3. Januar 2011

Bild für Bild

Film kommt aus der bildenden Kunst, und das wird bei diesem wunderschönen Film von Gunther Machu, einem Wiener, anschaulich. Gottfried Niemann schreibt einmal: Die Kunst will das ausdrücken, was über das Gesagte hinaus nicht mehr sagbar ist. Das in der Wirklichkeit enthalten, aber nur mit diesen Mitteln darstellbar und damit Sprache ist. Weil die Welt Symbol für ein Dahinterstehendes ist.


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