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Sonntag, 2. September 2012

Begegnung im Stiegenhaus - IV

4. Teil - Schluß - Perspektiven

In den grundlegendsten Fällen ist das mit einem der Grundprinzipien der Christlichen Soziallehre identisch: der Rückkehr zur Subsidiarität, zum Aufbau von unten, von den kleinsten Einheiten ausgehend, denen ihre Integrität wiedergegeben werden, in die man große Einheiten oft auch wieder aufsplitten muß - nicht von oben. Mit einer Stärkung des Staats in seinen eigentlichen  (Außenpolitik, Verteidigung, Repräsentation der Gesamtidee, Gesamtbelange des Rechtswesens mit Appellationsgewalt) - aber einem Rückzug aus den unteren Bereichen. Heute passiert aberwitzigerweise immer noch genau das Gegenteil, und wenn man von Verwaltungsreform spricht, meint man meist  die endgültige Auslöschung der unteren Einheiten. Als spräche das ungebremste Wachstum der Zentralverwaltungen nicht eine klare Sprache. Selbst der "Umweltschutz" als holprige, meist technizistische Umdeutung der Liebe zur Schöpfung, kann sich nur so regeln.

Nostalgie? Nein, aber wir könnten ruhig werden angesichts dessen, was uns "blüht", in diesem Zurückschreiten, das wie ein  Neueinfädeln in unser wirkliches Leben wäre. Denn da gab es doch noch jede Menge Greißler, noch jede Menge kleiner Unternehmen, und es gab ... Zeit. Und Lebensblut. Und Sonntagnachmittage wo sich die ganze Familie bei der Mutter traf und erzählte. Und Abende, an denen man vor dem Haus saß, nachdachte, und mit den Nachbarn plauderte. Und einander half, wenn einem der Reis ausgegangen war, anstatt zu plärren, daß doch gefälligst die Märkte auch am Sonntag geöffnet zu sein hätten, zu denen wir dann mit unseren geleasten Renaults und Toyotas rauschen.

25 % der gekauften Lebensmittel werden weggeworfen. 15 % der überhaupt gekauften Dinge braucht - ergab eine seit Jahrzehnten etablierte Erhebung in den USA, der Anteil dieser Ausgaben stieg seit Beginn der Studie ständig - niemand, auch nicht der Käufer. Worein sich fügen ließe, daß es gar nicht anders sein kann: denn jedes Ding schreit nach seiner Wirkung, nach seinem Einsatz in seiner Natur - also auch Geld, sodaß das Kaufen selbst, als Akt, bei Überfluß daran in den Mittelpunkt gerät. Wird das Ende des Geldes nicht direkt ans Ende der uns möglichen, natürlichen Leistung gekoppelt, wird es zum Selbstzweck, beginnt es ein Eigenleben.

So schauen die Realitäten aus. Wir haben verlernt, überhaupt zu haushalten. Die Ursache-Wirkungszusammenhänge sind zerrissen, großen Teils sogar als bewußt initiierte politische Tat, in der man das gesellschaftliche Gefüge nach wie vor neu zu erfinden versucht. Das Leben des Einzelnen ist ihm selbst aber längst nicht mehr transparent. Und der Computer, den in Österreich 75 % aller Haushalte besitzen, voller Symbole und Vorgänge, die niemand mehr durchschaut (!) und damit besitzt, der zum Mythos, aber auch zum Dogma geworden ist, zeigt das nur an.

Zu diesem Lebensbesitz aber, der ja die Fähigkeit zur Lebensrepräsentation ist, zurückzukehren, und zwar durch ein Weniger das mehr ist, ist kein Rückschritt, sondern wäre wirklicher Fortschritt, wäre der einzige Fortschritt, der auch lohnt. Vielleicht, nein, allem Anschein nach leben wir mitten in solch einem Umbruch. Unsere Leiber ziehen ja längst dorthin, auch wenn sich der Verstand noch wehrt. Sie suche nur Ersatzdarstellungen.

Wir leben derzeit nicht in Armut, das stimmt, und es stimmt auch, daß wir uns darauf zubewegen, das ist unausbleiblich, und es stimmt, daß das mit der Hybris des Systems zu tun hat. Aber das wäre für uns ein Aufstieg. Denn ... wir leben im Elend. Unsere Slums sind lediglich mit Müll derartig vollgeräumt, daß wir über ihre Ränder gar nicht mehr hinausblicken.

Noch könnten wir unsere Zukunft gestalten. Bald wird das nicht mehr gehen. Vielleicht in fünf, vielleicht in zehn, vielleicht in zwanzig Jahren. Vielleicht aber auch durch einen scheinbar winzigen Anlaß bereits morgen. Weil alle diese kritischen Systeme kollabieren, sodaß selbst schärfster Totalitarismus - und bis an diese Grenze wird es gehen, das scheint derzeit tatsächlich alternativlos, alles läuft darauf hin, zu fest sitzen die Eliten im Sattel - nichts mehr nützt, das Chaos des Slums ausbricht. Manche Konzerne, manche Entwicklungen in der Wirtschaft zeigen es im Grunde bereits vor.


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Samstag, 1. September 2012

Begegnung im Stiegenhaus - III

Forts. Teil 3) Es wäre interessant - wenn es auch kaum durchführbar ist - herauszurechnen, wie es um unseren Reichtum bestellt ist, wenn man die ständig und stark steigende Staatsquote an der Wirtschaftsleistung, sowie den Anteil der auf Kredit (in Unternehmen wie privaten Haushalten) finanziert ist, vor allem aber auch an Verpflichtungen die wir in die Zukunft verschoben haben (staatlich garantierte Rentenansprüche als Beispiel) herausrechnet.

Der Verfasser dieser Zeilen hat den Verdacht, daß sich ein Schock einstellen würde, der umso mehr verdrängt wird, je mehr uns die Erkenntnis dämmert. Was nicht zuletzt in simplen psychologischen Mechanismen ankern könnte. 

Weil mit einem Schlag das jahrzehntelang wie ein Mantra wiederholte Selbstlob unserer "Tüchtigkeit", der alleine wir alles zu verdanken hätten, mit dem sich Generationen in Selbstzufriedenheit suhlten, die nun noch mit ihrem Pensionen abkassieren (man verzeihe die rüde, aber ... wohl angebrachte Redeweise), zum Gegenteil werden würde: zur Anklage, zur Schuld. An den nächsten Generationen, an der Vergangenheit, an uns selbst.

Selbst wenn man die derzeitige Wirtschaftskrise mit der Flucht in das nächst größere ("kritische") System "bewältigt", indem man weiter Schuldenberge in die Zukunft verschiebt, in der jahrzehntelang eingeübten Denkungsart, daß uns schon noch irgendetwas einfallen würde, sodaß über Effizienzsteigerung (und Steigerung der Wirtschaftsleistung, die immer ausschließlicher von Zuwanderung erwartet wird auch wenn das noch kaum jemand ausspricht), gerät unser System in die Bredouille: Um Kreditwürdigkeit zu erhalten, ist zumindest eine gewisse Rückkehr zu budgetärer Solidität notwendig. Will man aber durch strikte Sparkurse der von den Staaten längst abhängigen Volkswirtschaften nicht ihren Treibstoff entziehen, und damit unabwendbar Armut produzieren, bleibt nur die Steigerung der Einnahmen, durch Steuern und Abgaben. So versucht man ein immer komplexeres, immer fragileres System der Balance zu erhalten, wo jede Detailfrage schon zur Existenzfrage des Ganzen wurde, und der Wert der Trugbilder, der Scheinziele, immer mehr steigt. (Die Frage der "nachhaltigen Energie" ist ein Beispiel dafür.)

So zeigt sich in Europa generell eine gewisse Enge der Liquidität, und sie zeigt sich vor allem bei den unteren Einkommensschichten. Deren Haushaltungsprinzip nicht einfach Effizienz ist, sondern absolute Machbarkeit. Wer nur 150 Euro monatlich zur Verfügung hat KANN keinen Doppelpack an Waschmitteln kaufen, auch wenn der Literpreis unvergleich günstiger wäre. Der hat nur 3 oder 5 oder 10 Euro zur Verfügung, wenn überhaupt, nachdem er seinen täglichen Lebensmittelbedarf gedeckt hat. Hier gelten ganz andere Grundsätze des Verhaltens, wir haben schon mehrfach darüber berichtet, die auch das Verhalten im Einzelnen unter vielfach überraschende Logik stellt.

Aber selbst darin hat sich unser Verhalten - dem der Staaten, der Politik, und der Unternehmen - längst angeglichen, und zwar: weltweit. Handlungsprinzip wurde nach und nach ausschließlicher nicht mehr die schöpferische Gestaltung,  mit der Ziele erreicht werden sollen, sondern die Vermeidung des größeren Übels. Darin mündet die Zuspitzung von Wirtschaftsfragen auf Fragen der Liquidität.

Das produziert erstaunliche "Richtigkeiten". Da werden Staaten HUNDERTE Milliarden an Krediten erlassen, um ihre Gesamtverbindlichkeiten, ihre Wirtschaftspotenz noch halbwegs glaubwürdig zu bewahren, weil ein Ausfall ganzer Märkte vermeintlich noch schlimmere Auswirkungen zur Folge hätte.

Und da verändert sich das Käuferverhalten: es werden kleinere Mengen gekauft, zu höherem Liter- oder Kilopreis, weil man nicht mehr Geld disponibel hat. Das - so der angstvolle Tenor der Medien - sei das sicherste Zeichen für um sich greifende Armut. 

Aber ist das so? Tatsache ist, daß wir "herabsteigen", und auf dieser Treppe kommen uns die "Aufsteigenden", die noch vor kurzer Zeit verachteten wirklich Armen der Welt, entgegen. Plötzlich stehen wir auf demselben Treppenabsatz! Plötzlich wendet Unilever (und nicht nur, beileibe nicht  nur) in Europa dieselbe Strategie an, weil sei auf dieselben Voraussetzungen bei den Konsumenten stößt, wie in Entwicklungsländern.

Aber waren wir jemals "reicher" (oder in diesem Ausmaß reicher) als sie? Haben wir nicht vielmehr an Stellschrauben gedreht, die Parameter für Reichtum an Mengen und Massen orientiert, ohne deren Wesen zu berücksichtigen? Ist das, was uns nun bevorsteht, oder worin inmitten wir uns jetzt befinden, nicht einfach der logische und unausweichliche Rückbildungsprozeß nach Jahrzehnten wirklichen ... Wahns? Nach Jahrzehnten in denen wir uns verhalten haben, als gäbe es kein Morgen? Als wären alle Gesetze der Schwerkraft aufgehoben, gälten nicht für uns? Wieviel an unserer Denkweise war und ist derartig realitätsfremd, unerfahren, töricht! 

Wir haben - als illustratives Beispiel - Infrastruktur geschaffen? Jeder Hausbauer und jeder Unternehmer weiß, daß Investitionen nicht  nur einmal zu tätigen sind, sondern daß die Erhaltung das eigentliche Problem ist! Daß jedes "Ding", das zusätzlich vorhanden ist, immer und ausschließlich mehr kostet als es rein pekuniär bringt - sein Nutzeffekt ist lediglich in der Verlagerung zu suchen! Man kauft also mit jedem Investitionsgut auch zusätzliche - zusätzliche! - Verpflichtungen. Es gibt keine positive Investitionsrechnung, hier hätte die Volkswirtschaft, die Betriebswirtschaft, schon längst umdenken, ja überhaupt einmal nachdenken müssen, denn sie irrt auch hier. Investitionen, Maschinen, Apparate bringen lediglich eine Veränderung der Qualität, aber niemals eine Verringerung der Gesamtenergieleistung, die sie zu ihrem Einsatz und zu ihrem Erhalt benötigen. Und das gilt auch für ... Geld, für Kosten.

Deshalb hat unser "Wohlstand" der letzten Jahrzehnte zu einer mittlerweile dramatischen Verschlechterung unserer Lebensqualität geführt. Immer weniger von all den als positiv gerühmten Einrichtungen, die unser Leben ausmachen, sind freiwillig - immer mehr von ihnen sind Zwang zu erhöhter Energieaufwendung. 

Daß allen Energiesparmaßnahmen zum Trotz der Gesamtenergieverbrauch alleine in den letzten 20 Jahren um 100 % zugenommen hat, und daß sich die Gesamtverbrauchskurve im selben Tempo nach oben entwickeln wird, drückt genau diese Tatsache aus. Aber statt auszusteigen, gestalten wir die Systeme immer komplexer, immer noch umfänglicher, ausgebreiteter, ausschließlicher, schaffen ein kritisches System nach dem anderen. Deren Haupteigenschaft ist, daß sie nicht mehr steuerbar und nicht mehr beherrschbar sind, sondern uns beherrschen, unsere Kräfte aber immer umfangreicher dahingehend binden, als wir mit der Beseitigung ihrer (häufigen) Kleinkrisen beschäftigt sind, die nur einem Ziel dienen: den Kollaps des Gesamten zu verhindern. Und genau das können wir umso weniger ... Wir bauen uns eine Welt der statistischen Wahrscheinlichkeiten, und klammern alles aus, wo noch menschliches schöpferisches Verhalten - die einzige Resource, über die wir überhaupt verfügen! - überhaupt nur möglich ist.
Nur einen Ausweg gäbe es, und die Wirtschaftsstrukturen beginnen ihn partiell bereits zu vollziehen, teilweise weil "es einfach so fällt" (denn im Wirtschaften wirken nach wie vor, fast schon als Rückzugsbastion, wenn es denn Wirtschaften ist, und nicht "Geldproduktion", die Kräfte der Wirklichkeit): in einem Rückbau, in einem Rückschritt, und das hat mit Nostalgie rein gar nichts zu tun. Längst werden die Ladenketten mehr, die die Rückkehr der "Tante Emma-"Läden vollziehen: Kleine Verpackungseinheiten, wirkliche Bedarfsgerechtheit und Vielfalt des Angebots, auch wenn es mehr kostet. Der Verfasser dieser Zeilen kennt aus eigener beratender Tätigkeit Unternehmen auch aus anderen Branchen, die genau durch diesen Weg höchst erfolgreich sind. Wobei die größten Chancen vorerst gewiß beratungsintensive Branchen haben, deren Gut nicht so einfach managementtechnisch auf Preis und Masse heruntergebrochen werden kann, und die auf lokale Verankerung gesetzt - und damit gewonnen haben. Weil sie damit zu den eigentlichen Wurzeln des Wirtschaftens zumindest ansatzweise zurückgekehrt sind - Arbeit als Lebensvollzug, Kauf als Identitätskoinzidenz. (Denn Eigentum hat direkt mit Persönlichkeit und damit Lebenskreis zu tun.)

Abbau der Hybris, der großen Systeme und Denkweisen "im Ganzen", die das individuelle Verhalten so unnatürlich deformiert haben, wo die Wirkung zum Telos wurde. Beschränkung der technischen Möglichkeiten, und sei es durch verringerte Verfügbarkeit von Krediten. Entschleunigung der Lebensvorgänge. Vertiefung anstatt Vermehrung. Abstoßen so vieler Möglichkeiten, die uns nicht vorwärts gebracht haben, sondern unseren Lebensvollzug bis zur Unerträglichkeit kompliziert haben. Rückgewinnung von Eigenverantwortung, allmähliches Wiedergewinnen der Problemlösungskraft des Einzelnen, und von dort ausgehend seines unmittelbaren Lebensumfelds, vor allem durch Einschränkung des Transports (alleine durch Rückbau der Straßen) - Familie, Stadtviertel, Dorf ...

Das wären die Wege, die hier nur in der Richtung angedeutet sein sollen. Und sie würden selbstverständlich den Mut zu einer neuen Armut bedeuten, bemessen wir sie nach heutigen Kriterien. Das braucht viel Mut, viel Bereitschaft, auch schmerzliche Selbsterkenntnis und Schuldbekenntnisse. Nicht an den "globalen Problemen", in die wir nämlich flüchten (Klimawandel ...), sondern am Alltäglichsten. DORT haben wir uns versündigt. Das haben wir verdrängt. Aber nur dort vollzieht sich unser Leben, und dort liegt die Möglichkeit zu Zufriedenheit und Geglücktheit, bei allen Wechselfällen, die zum Leben gehören.

Der Verfasser dieser Zeilen hat es erlebt, wie sich in den 1970er Jahren das Verhalten der Haushalte veändert hat. Noch war es nämlich ungewöhnlich, plötzlich 1 Liter-Gebinde für Shampoos zu kaufen, noch war es ungewöhnlich ganze Paletten von Eiern zu kaufen, anstatt zwei oder vier oder zehn, je nach Verbrauch. Noch war es eigenartig, plötzlich Doppelpackungen von allem und jedem zu sehen. Da zog eine wirklich andere Lebensweise ein. Die des Plastik, die des schlampigen, ungeordneten Überflusses, der Verschwendung, der Nichtachtung der Dinge. Eine, die des Verfassers Mutter bis zuletzt verachtet hatte. Plötzlich stand mit dem Kauf überhaupt nicht mehr das Produkt im Vordergrund, darum geht es nämlich - niemand lebt noch mit den Produkten, den Dingen! Die werden nur verschlissen, wenn überhaupt.

Es geht um das Erleben des Können-Könnens, auf das sich unser Leben verlagert hat. Weil wir gar nicht mehr leben, weil wir nur noch auf einen Punkt hin leben, wo wir angeblich endlich leben - und uns deshalb immer öfter, immer dichter, immer mehr beweisen müssen, daß wir es doch noch tun können, und sei es, daß wir uns an unsere Zukunfts- und Trugbilder, an das ganze mentale Absicherungssystem das uns nahtlos umgibt klammern, mit Händen und Füßen wehren, weil wir - raumlos, wurzellos geworden - die Bedrohung im Hintergrund immer deutlicher fühlen, sodaß sogar jede abweichende Meinung schon zur existentiellen Bedrohung wird. Natürlich, natürlich würde das auch heißen: Bereitschaft zur Folgetragung, weil dann abzurechnen wäre, nicht mehr aufgeschoben werden könnte. Weil dann manches aufzugeben wäre, von dem wir nicht glauben wollen, daß wir uns damit mehr nehmen als es uns gibt.

Nur so, und in diesem Sinn, ist übrigens zu verstehen, wenn an dieser Stelle von Beschränkungen oder Rückbau die Rede ist: nicht durch ein Mehr an Verordnungen und Gesetzen, sondern durch ein Wiederherstellen der Rückkoppelungsmechanismen, was sich schlicht unter "Kostenwahrheit" zusammenfassen läßt. Was praktisch ausnahmslos ein Wegnehmen von staatlichen Regelungen bedeutet, das aber über simple "Privatisierungsmaßnahmen" weit hinausgeht, weil sich nicht auf bloße ökonomische Funktionen beschränkt. Selbst der Aufbau großer Wirtschaftseinheiten, in denen die pure Gesetzmäßigkeit des Kapitals begann die Wirtschaftskreisläufe zu vergiften, war aber so gut wie immer nur möglich, indem der Staat diese Kostenwahrheit - im vermeintlichen Gesamtinteresse, also in seinem, was praktisch immer zur "Synergie" mit den Prinzipien der Machterhaltung selbst auswuchs (die Verflechtung Bankenwesen/Staat ist ja eines der eigentlichen Probleme, das in seinen Folgen wie in seinen Zielsetzungen die gesamte Wirtschaft Europas ´definitiv seit dem 18./19. Jhd. zu durchwuchern begann) - nicht zuließ. Und damit die Regelungskreise des Lebens, von den großen bis mittlerweile zu den allerkleinsten, unnatürlich und parasitär deformierte, seinen Ausgangspunkt im Finanzierungsbedarf politischer Partialinteressen nahm, die das Gemeinwohl uminterpretierten.


Forts. 4. Teil morgen - Perspektiven


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Freitag, 31. August 2012

Begegnung im Stiegenhaus - II

Forts. von gestern) Mit dieser Ankündigung aber hat der Konzern, der seit Jahren große Renditeprobleme hat, etwas wie einen Schock ausgelöst. Er hat vielen bewußt gemacht, daß es in Europa "nach unten" geht. Und hier, im Stiegenhaus, treffen wir uns plötzlich mit den Ärmsten der Welt, die bisher weit weit weg, nie mehr als eine Nachricht in den Medien waren, Objekt des Beweises sozialen Denkens.

Aber die Folgerichtigkeit dahinter ist in mehrfacher Hinsicht gegeben, und ist nicht einfach mit Wirtschaftskrise und Eurowahnsinn und Regierungsversagen abzutun, und noch weniger mit reflexartigen Antikapitalismusgesten, die häufigste Art der beobachteten Reaktion. Wenn von unverschämten Gewinnspannen die Rede ist, von Ausbeuterei und Nutznießerei an den Ärmsten der Armen, nun also auch bei uns. Oder, wie einer es durchaus mit einem gehörigen Portiönchen Wahrheit darin ausdrückte, als Abschöpfen des Sozialleistungen der Staaten durch Konzerne.

Denn für Unilever (und andere) ist das ein logischer Schritt auf einem Markt, der schon lange maßgeblich ein Verdrängungsmarkt ist, wo die Konkurrenz auf gesättigten Märkten die Verdienstspannen so gedrückt hat, daß die Existenz aller am Spiel steht. Bei dieser Strategie sind zwar die Gesamtmengen geringer, aber die Margen bei den nunmehr kleineren Gebinden prozentuell deutlich höher. Weniger aber mehr, das ist also nun die Devise, und sie bedeutet einen Paradigmenwandel.

Aus Nachfragemärkten nach dem Krieg 1945, wurden in den 1970ern erstmals gesättigte Märkte. Darauf haben die Staaten reagiert, und durch Umschichtungen, Umverteilungen, und direkte Markteingriffe, vor allem aber durch direkte Staatsausgaben, nicht zuletzt über den immer weiter ausgebauten Sozialstaat, die "Kaufkraft" über die Geldmenge erhöht. Plötzlich drehte sich auch in den Haushalten das Klima, auch dort begann man in den 1970er-Jahren, Schulden zu machen. Bis dorthin war es soziales Stigma wenn es hieß, einer "hat Schulden". Das kümmerte bald niemanden mehr, weil jeder Schulden machte.

So wuchs und wuchs unser "Wohlstand", wie man an allen Zahlen ablesen zu können meinte: das BIP pro Kopf stieg, die verfügbaren Haushaltseinkommen, die Nachfrage, das Angebot, die Versorgtheit mit Gütern. Die Euphorie, die um sich griff, und den Schwung noch aus dem Wirtschaftswunder nach 1945 bezog - wo alles kaputt, der Bedarf nach allem gegeben war, und wo (man vergißt das meist völlig) der Zustrom von Bewohnern aus ehemaligen, nun verlorenen Ostgebieten die relativen Bevölkerungszahlen (und das heißt: als Arbeitskräfte, als Menschen, die ihr Leben gestalten, bedürfen wie produzieren) in die Höhe schnellen ließ - verdankte sich vor allem auch der Umschichtung innerhalb der Einkommensverwendung.

Staatliche Subventionen und europaweite Preis- und Mengenregelungen, dazu die Schaffung von Weltmärkten (wie im GATT) vor allem für Lebensmittel, schufen unnatürlich verzerrte lokale Märkte. Klartext: nur so konnte man vermeiden, daß der gestiegene Umlauf von Geld sich - wie es zu erwarten wäre - in Preiserhöhungen abschöpfte. Und nur so schuf man "Nachfrage" nach neuen Produkten. Und die gab es vor allem in den 1980ern, als die Computertechnik - vielfach und fälschlich als "letzte große Marktrevolution" bezeichnet, sie war nämlich nur eine Verlagerung, nicht einmal eine Innovation - Einzug hielt und die gesamte Konsumlandschaft verändert, eben durch Verlagerung. Das alles auf der Grundlage von ... Staatsausgaben, nämlich auch durch Infrastruktur (Autobahnen etc.), wodurch man die Geschwindigkeit der Durchsätze erhöhte. Immer mehr und immer schneller wurde die Devise. Nicht einfach als lockerer Wahlspruch, sondern als das gesamte Wirtschaftsverhalten durchwirkendes Prinzip. Bei Verbrauchern wie bei Unternehmen.


Forts. Teil 3 morgen





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Donnerstag, 30. August 2012

Treffen im Stiegenhaus - I

Es gab großes Rauschen im Blätterwald, als Unilever ankündigte, seine Strategie in Europa zu ändern: war bisher beim Konsumenten vor allem der niedrige Preis über höhere Menge gefragt, so hat sich das Verbraucherverhalten geändert. Es gelte eine zunehmend größer werdende Schichte der unteren Einkommensklassen anzusprechen, deren Problem vor allem die geringere Liquidität ist. Produkte werden dort nicht gekauft, weil der Kilopreis niedrig ist, sondern weil man gerade das Geld aufbringen kann, um sie sich überhaupt zu leisten. Unilever würde also dazu übergehen, kleinere Verpackungseinheiten zu produzieren, die auch einen (absolut gesehen) niedrigeren Verkaufspreis brächten. Shampoo-Päckchen mit gerade einer Portion seien z. B. in Indonesien DER Renner im Verkaufssortiment.

Aus so manchen Reaktionen hierzulande läßt sich vor allem eines ablesen: Angst und Gegenwehr vor dem Geruch von "Armut", der um diese Ankündigung weht.

Die alles andere als "Neues" verkündet. Schon seit Jahren haben weltweit Konzerne nämlich die untersten Einkommensschichten als Käuferschichte entdeckt. Weltweit leben etwa 1 Milliarde Menschen in Slums. Bislang galten sie als völlig uninteressanter Markt. Aber eine Studie hat vor Jahren herausgefunden, daß das nicht stimmt, sondern ein voreiliges Urteil ist.

Denn selbstverständlich brauchen auch diese Menschen Produkte, und selbstverständlich VERbrauchen diese Menschen auch diese Produkte. Durch das Vorurteil, das Slums anhaftet, litten sie aber unter Unterversorgung einerseits, und würden anderseits oft horrende Preise zahlen (müssen), und tun das auch.

Dies ist im Rahmen eines generellen Umdenkens Slums gegenüber zu sehen. Schon seit zehn, fünfzehn Jahren hat sich die Haltung der jeweiligen Behörden Slums gegenüber nämlich geändert. Städtebaulich und soziologisch sind sie nämlich eher wie "Städte im Werden" zu sehen, als "unangenehme Erscheinung" nur vorübergehend. So begann man weltweit, Slums nicht zu "beseitigen", sondern von innen heraus zu sanieren. Indem man die wilden Ansiedlungen - noch ungeformten, chaotischen Gesellschaften vergleichbar - mit Infrastruktur auszustatten begann, und legalisierte. Denn als Erscheinung der Stadtflucht zu unterdrücken waren sie ohnehin nicht. Das Element, das man bisher aber vernachlässigt hatte war vor allem die Eigenkraft dieser Menschen. Weshalb auch das Abreißen von wilden Siedlungen, mit dem Ersatz durch Sozialwohnbauten, kaum wirklich Abhilfe schaffen konnte und kann, so sehr das nach wie vor häufige Praxis ist.

Vielfach aber baut man seither Straßen und Brunnen, richtet Krankenhäuser und Schulen ein, und stellt günstig oder gratis Baumaterial zur Verfügung. So war es nur eine Frage der Zeit, bis auch die Versorgung mit Gütern nachzog.

Forts. Teil 2 morgen)


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