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Dienstag, 18. Juni 2013

Was ist, was wir tun


Das Wesen eines Tuns liegt nicht in einer abstrakten, "objektiv-funktionalen" oder bloß in der Bewegung ausgedrückten Tat des Handelnden. Whithead schreibt in Prozeß und Realität", daß es keine aus einem Gesamtdeutungshorizont herausgegriffenen Objekte gibt. Jedes Objekt des Erkennens (und das ist ein Objekt der Wirklichkeit) wird nur durch einen solchen überhaupt zu einem Objekt. Die Welt und Wirklichkeit erschließt sich also nie über das "Empfinden" - sondern über die Deutung.*



Alle Bilder von thisisnthappiness









*Der geneigte Leser meint, das sei ohne Belang für die Realität? Keineswegs. Die Pädagogik der Gegenwart pflegt den Ansatz, daß es die persönliche Erfahrung aus dem Ding selbst sei, die - in der Sexualerziehung auf die Spitze gebracht, aber selbst in Montessori-Entgleisungen ablesbar - das Wesen einer Erfahrung zur Kenntnis bringe. Genau das aber geschieht NICHT. Der Maßstab für "gemäßes" oder "richtiges" Verhalten liegt nicht in der Erfahrung selbst. Beide Gruppen in den Bildern oben "empfinden" (über die Sinne) beim Tun selbst dasselbe. Mißbrauch z. B. macht sich genau das zunutze.



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Mittwoch, 14. November 2012

Armut schändet nicht II

aus 2007) Selbstverständlich aber ist es wünschenswert, daß jeder Mensch sich im Rahmen seiner Kultur in seinen Anlagen entfaltet. So gibt es auch heute bemerkenswerte Initiativen, die diese "Selbstentfaltung" des Menschen in den Vordergrund stellen, damit auf eine innere, charakterliche Stärke hinarbeiten, die den Menschen im Erwachsenwerden in die Lage versetzen, sein Leben mehr und mehr aktiv zu gestalten.

Es gibt in Brasilien eine Bewegung (auf lokalen Ebenen), die (aufgrund eines erfolgreich verlaufenen Pilotprojekts) in Favelas Musikschulen initiiert, wo jedes Kind in die Lage versetzt wird, ein Musikinstrument zu lernen.

Vorbildhaft dazu die Initiativen des Hl. Johannes Bosco (mit den heutigen Salesianern), der das Prinzip katholischer Erziehung auf der Grundlage des abendländischen Menschenbildes großartig in seiner Pädagogik umsetzte: Stärkung des Gutes als Weg zur Geglücktheit des Lebens - ohne utopistische Beimischung (wie z. B. der kulturverneinenden, ein völlig anderes Menschenbild propagierenden Teleonomie - mit der Folge reflexiver Invertiertheit, der Wurzel der Verelendung übrigens - bei Montessori oder den Rudolf Steiner-Schulen), sondern unter Wahrung der faktischen, historisch aktuellen kulturellen Anforderungen.

Man schätzt in Deutschland den Anteil an Kindern, die verwahrlost aufwachsen (keine geregelten Mahlzeiten, desorganisiertes Familienleben etc.), auf mindestens 5%, wahrscheinlich 10 %. Zugleich gibt es viele Hinweise vorwiegend aus praktischen Erfahrungen, daß dies nicht eine Frage des zur Verfügung stehenden Geldes (also der "Armut"), sondern der charakterlichen Disposition der Eltern ist.



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Samstag, 3. November 2012

... und willst Du nicht mein Bruder sein ...

Robespierre
Maximilien de Robespierre
aus 2007) Die Logik der Aufklärung führt direkt in den Vernichtungswahn, in die Diktatur. Diese für viele skandalöse Aussage (man beachte die Reaktionen auf die Rede M. Mosbachs anläßlich der Verleihung des Büchner-Preises, wo er eine Linie von Saint-Just zu Hitler und Stalin zog) ist aber sehr gut begründbar, und an Belegen auch in der Gegenwart fehlt es bei weitem nicht. Es fehlt uns nur die zeitliche Distanz, um das Heute klarer zu sehen. Die Greuel der französischen Revolution, die immer noch viel zuwenig in ihrem Ausmaß bekannt sind, die Parallelen der damaligen Jahre zu totalitären Regimen der jüngeren Vergangenheit, sind aber augenfällig und abstrahiert auf dieselben Grundgedanken zurückzuführen. So kann gezeigt werden, wie sie auch heute wirken, die Gedanken der Aufklärung - und sie tun dies anders, als man ihnen als moralisches (positives) Ressentiment umhängen möchte.

Die Aufklärung geht davon aus, daß es eine Wahrheit gibt, die dem Menschen in der Vernunft - und zwar allen Menschen gleichermaßen, und ohne Vermittlung - zugängig ist. Doch das diese Vernunft Tragende ist der menschliche Instinkt, sein Sein im ursprünglichsten natürlichen Zustande. (Rousseau)

Dieses "höchste Wesen" (Robespierre) ist im Grunde eine Metapher für ... Gott, öffnet aber das Tor für jede Form von Irrationalismus. (Robespierre: "... (ist) alles was gut ist ist sein Werk oder es selbst. Das Schlechte gehört zum verderbten Menschen, der seinen Nächsten unterdrückt oder unterdrücken läßt.") Deshalb kommt es (s. u. a. Antoine de Saint-Just, der die Umgestaltung "ist") sogar zur klaren Pädagogik der Instututionen, die "... menschlichen Hochmut unwiderruflich unter das Joch der öffentlichen Freiheit beugen werden." (Saint-Just)

Dies, verbunden mit dem Gedanken, daß der Mensch "an sich gut" sei, führt zum Gedanken, daß der Mensch nur durch die historischen Zufälle durch menschliche Unzulänglichkeiten, Irrtümer und Egoismen geschaffen vom "Gemeinwohl" getrennt sei. Wäre dem sogar noch etwas abzugewinnen, wird damit aber gesagt, daß es einen Weg gäbe, auf dem alle zum Glück finden würden: den der instinktsicheren Irrtumslosigkeit. Sie ermöglicht der wahren Natur, durchzubrechen und so das Paradies auf Erden zu schaffen.

Alles, was sich auf gleich welche Weise gegen diese Reform stellt, alles Unreine, ist somit in seinem Fehl auch widernatürlich. (Selbst das wäre noch ein katholischer Gedanke!) Staat ist die moralische Seite, seine Gesetze somit die Moral. Aber mehr noch - die Moral der Tugendhaften (die zum Instinkt Fähigen) sein Gesetz.

Für Jean-Jaques Rousseau, einem der Schrittmacher der französischen Revolution, wird somit jede historische Entwicklung zu einem reinen Spiel menschlichen Eigennutzes im Kampf mit der "guten" Natur. Denn grundsätzliches Handeln gegen die Natur ist für die Aufklärung möglich, es gibt also ein Seiendes außerhalb des Seins (siehe übrigens auch Sartre mit der Idee des Ethos aus dem ungerichteten, für sich seienden Seins, also eines nicht notwendig seiend müssenden, dennoch seienden Seins), das Wirklichkeit zu sein vermag.

Es gibt damit im Vorgefundenen "Richtiges" und "Falsches" (damit auch: r. u. f. Bewußtsein), die Historie, die zur Herrschaft des Falschen (in der Gegenwart) geführt hat, muß somit auch ein Lehrbeispiel dafür sein, was alles schiefgelaufen ist - und das ist im Grunde die des Menschen auf eine Gesellschaft, auf eine Existenz in Abhängigkeit voneinander. Ursprünglich, als "edler Wilder", ist nach diesen Ideen ja der Mensch sich selbst genug.

Denn jeder Mensch kommt aus einem völlig undefinierten "Menschsein an sich" (um zu zeigen, wie gegenwärtig und real diese Gedanken bis heute sind: der Wiener Pastoraltheologe Zulehner formulierte es in diesen Jahren bei der Präsentaton seiner "Neuer Mann-"Studie einmal so: "Menschsein als reine Person, ohne Definition von Geschlecht ...") und ist somit "GLEICH". Und zwar wirklich GLEICH. Erst die weitere Entwicklung führt zu einer Ausformung eines konkreten Menschen. (Dieselben Ideen finden sich z. B. auch in der Montessori-Pädagogik.)

Nun aber wird auch der Staat zur reinen Idee eines "contract sociale", eines dem Urzustand widersprüchlichen, deshalb von allen untereinander zu schließenden Vertrages, dem jeder beitritt - oder eben nicht, weil er sich im Irrtum, im Eigennutz dagegen auflehnt. Der Gemeinnutzen, der soziale Wille, ist das, was als gemeinsamer Nenner dem Naturzustande aller innewohnt und damit gemein ist.

Somit (und schon gar in Verbindung mit Evolution) ist aber auch der Schritt, Nicht-Sozial-Erwünschtes per Geburt festzustellen, nahe und dessen Elimination gerechtfertigt. Denn es geht nicht einmal um persönliche Ethik, sondern um "soziale Eignung" (Anti-Individualismus) als Definition von Tugend.

Antoine de St. Juste
Damit wird natürlich alles Politische zur Privatsache wie umgekehrt. Es gibt keine Unterscheidung mehr, weil es kein privates Refugium mehr gibt, wer solches beansprucht wendet sich automatisch gegen die Sozietät. Der Staat (und damit alle) hat somit das Recht wie die Pflicht, auch das private Wohlergehen zu bestimmen. Damit dem Glück auf jeden Fall und im Interesse aller, das höherzustellen ist als das individuelle Interesse, zum Siege zu helfen.

Über weite Strecken wirken diese Gedanken nahezu wie katholische Naturrechtslehre - aber sie sind es bestenfalls in ihrer Platonik. Schon gar aber: was sie für die Politik unbrauchbar, gefährlich, ja tödlich macht, und was sie vom Katholizismus unterscheidet, ist der Realismus, der sich aus dem Umstand ergibt, daß der Katholizismus Irrtum als Ausfluß menschlicher Neigung unter dem Lichte der Erbsünde sieht. Dem es verzeihend entgegenzutreten gilt, immer dessen gewahr, daß wir hier auf Erden kein Paradies erreichen KÖNNEN. Und das ist nicht in einem resignativen Zurkenntnisnehmen politischer Zustände begründet, die also zu ändern wären, wäre das nicht mit so hohen Opfern zu erzielen, sondern prinzipiell unmöglich, also im Wesen und in der Geschichte des Menschen begründet.

Zum Konflikt mit der Religion ist die Ideologie immer somit dort gekommen, wo sie diese Unmöglichkeit bestritten hat und bestreitet. Die katholische Soziallehre, aber jede Soziallehre, darf nie zu einem verordneten "muß" aller kommen, sondern darf nur das Gemeinwohl begünstigen. NIemals aber darf es die Freiheit des Einzelnen beschränken, dessen Seelenheil individuell ist, dessen Freiheit an sich nie antastbar ist, und der seinen Weg zum Glück selbst zu finden wie zu verantworten hat.


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Mittwoch, 10. Oktober 2012

Individualismus als Mangel der Selbstwerdung

Der Individualismus der Gegenwart, wie er sich auch in impliziten wie expliziten pädagogischen Ansätzen wiederfindet, von Montessori bis zum plumpesten Antiautoritarismus, verkennt etwas Wesentliches: Wenn das Leben selbst sich in einem Einzelwesen selbst erfährt, dann ist das immer KONKRET und historisch, nie abstrakt. Sodaß dieses neue Individuum bereits in eine historische Situation eintritt, ja der Eintritt in diese Geschichte ist seine eigentliche Individuation.

Das heißt, daß dieses "Null",  von dem alle diese heutigen Ansätze ausgehen, gar nie existiert hat und existiert. Es gibt keine ahistorische Menschwerdung. Im Interagieren mit dem Vorgefundenen also, mit dem Vergangenen, in seinen Spannungen zur Zukunft hin, die aus dem hervorgeht, und nur dort vollzieht sich die Menschwerdung.

Ein Kind kann also nicht "aus sich heraus" die als "Kultur" bezeichneten Weisen des Lebensvollzugs entdecken, und sich so seine eigene originäre Lebensweise zusammenbasteln. Kein Invidiuum kann sich "aus sich selbst" hervorbringen, es kann "sich" bzw. dessen Inhalte (und nur darin ist es ein sich) immer nur empfangen. Das Kind wird - und das ist wahre Verwahrlosung, ja Mißbrauch, die Symptome sind sich erschreckend ähnlich, und nicht zufällig: die Erfahrensweise ist in ihrem Prinzip gleich: Erfahrung ohne Form - also einerseits auf sich zurückgeworfen, und anderseits wahllos aufnehmen, was ihm unter die Finger kommt, salopp formuliert. Dabei aber prinzipiell überfordert, auf eine Weise, fundamental unterfordert, auf eine andere, weil nicht in etwas hinein entwickelt, das ihm aus der historischen (Familien-, Orts. etc.)Umgebung konstitutiver Grund zur Existenz ALS BEZIEHUNG war.

Das betrifft nicht nur das legendäre "jedes Kind weiß, wann es satt wird und worauf es Gusto hat", sondern gleichermaßen das bloße Nachgeben auf jeweils gerade auftauchende "Wünsche". Erwachsenwerden heißt nämlich nicht, diese Wünsche zu verallgemeinern, sondern heißt, sie in die Ordnungskraft des Ich zur Perösönlichkeit zu integrieren - ALS Beziehung zur vorgefundenen Welt, auf der Grundlage des gerade in dieser Konkretwerdung empfangenen, zur Welt gesteigerten Lebens. Was heute als "Individualismus" verstanden wird ist also oft nichts anderes als Unfähigkeit zur Selbst-Seiung, die keineswegs

(Oder nur über zahllose Irrwege, mit viel Verzögerung, die ihn verändert hinterläßt, was nun ganz andere Probleme aufwirft - daß heute Menschen deutlich später erwachsen werden, Studienzeiten sich verlängern, etc. etc., ist ja nicht einfach eine folgenlose, meinetwegen teure - aber auch das - "Verzögerung", sondern kollidiert mit dem Faktor "Zeit und Adäquatheit des Lebensvollzugs" - alles hat seine Zeit - fundamental. Wer mit 28 noch kein eigenes Leben führt, wie heute längst üblich, zieht sich ganz neue Probleme an den Leib, dessen biologischer Rhythmus den Identitätsgegebenheiten, dem realen Platz in der Gesellschaft, voraus ist.)

Rolf Kühn spricht definitiv von einer Vortäuschung individualistischer Selbstschöpfung, die eine reine Illusion ist. Die radikale Passibilität des originären Lebensvollzuges wird vergessen. Und weist auf Kierkegaard hin, der schreibt, daß das Selbstsein einen "Bezug zum Absoluten impliziert. Ohne absolute Setzung einer Vor-Gegebenheit gibt es auch kein Selbstsein. Der Selbstvollzug des Individuums ist nur als Affizierung aus Konkretem möglich. Anders erstirbt regelrecht der Lebensimpuls. Das absolute Leben hat keine Vorstellungen und Bilder, nach denen es sich dann vollzöge, die Welt ist vielmehr die Konkretisierungen dieser Beziehungen aus jeweiliger Selbstübersteigung in sie hinein, in der daraus folgenden Formatierung zu Gestalten.

Über die Zusammenhänge zwischen Vaterhaß und -ablehnung, Ablehnung der Tradition als Geschichte, und dieser Gestaltwerdung als Akt der Selbstwerdung selbst (in der Identität, die in diesem Sinn gleichfalls ein passives Geschehen ist) wird gewiß noch die Rede sein. Hier bleibe es lediglich angedeutet. So wie über die Abgrenzung zum (hegelianischen) Allgemeinen als postularische Ideologie.



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Mittwoch, 14. Juli 2010

Automatismensucht

Erhart Kästner läßt mir den Gedanken (und wieviele Gedanken scheucht er mir wieder auf! Eine Entdeckung! Dabei völlig vergessen, der Mann!) kristallisieren:

Der Automatismus der Gegenwart, in den der Technizismus gemündet ist, hat in der Sucht der Menschen, sich Mechanismen auszuliefern, seine direkte Entsprechung: man sucht das Unterbewußte, den Rausch, die Drogen, Entrückungszustände in denen man sich etwas zugeliefert erhofft, wendet Psychotechniken und Meditationserfahrungen und -techniken (Techniken!) der "Entschränkung"  in verschiedenster Weise (Normenverweigerung als Element der Freiheit - in Überantwortung an vorgeblich originäre Mechanismen) an.

In derselben Logik liegt die Esoterik, als eben eine solche Grundhaltung der Technik, auf die Welt und Gott und Erlösung heruntergebrochen wird, "gläubig" bestenfalls dort, wo sie auf einen vielleicht gar noch unentdeckten Mechanismus hofft.

So wie der ganze Saftmarkt der "Kreativitätsindustrie".

Etwas (in uns) soll machen, wozu wir selbst unfähig oder zu träge oder zu hochmütig sind. Dafür zahlen wir eigentlich jeden Preis - dafür lassen wir aber auch gerne alle Verantwortung (z. B. in der Erziehung, auch dort herrschen die Automaten-Auffassungen: der Mensch, der alles selbst sich aneignet, sich zu allem selbst entwickelt - man denke an den dramatischen und einflußreichen Fehlschluß der Montessori- und Waldorf-Pädagogik) fahren.


*140710*