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Sonntag, 22. Mai 2016

Almosen für die Priester

Sehr unerschiedliche Regelungen zur Entlohnung des Klerus finden sich in den Schriften der Kirchenväter. Sie reichen vom berühmten "Zehenten" bis hin zur Arbeits- und Erwerbstätigkeit, fallweise sogar bis hin zu Handelsbefugnissen (allerdings mit Ortsgebundenheit), um sich das täglich Benötigte (und mehr soll es nie sein, der Rest soll immer den Armen und Notleidenden gewidmet sein) zu beschaffen. 

Natürlich mit einem Recht auf Lohn, so wie es jeder hat, der arbeitet. Erst bezog sich dieses nur auf Bischöfe und Propheten, die also ihr ganzes Leben dem Dienst an den Gläubigen widmeten, nach und nach aber auf den gesamten Klerus. Aber nicht selten (man denke an Paulus) finden sich Beispiele, daß die Bischöfe und Preister trotzdem für ihren Unterhalt durch weltliche Arbeit selbst sorgten, um den Gemeinden nicht zur Last zu fallen. Zahlreiche Beispiele zeigen, daß dies für manche sogar Teil ihres geistigen Selbstverstehens war. Es wird aber nie ausdrücklich oder zwingend für alle vorgeschrieben.

Nie soll der Kleriker in den Augen der Kirchenväter mehr besitzen, als er beim Eintritt in seine Berufung besaß, nie soll er sich bereichern. Und ein Hinweis ist ganz besonders interessant: Es wird ausdrücklich gewarnt vor einem Klerus, der sich vom Klerikerstand eine Standeserhöhung (gemessen an seiner Herkunft) verspricht. Solche Kleriker seien "zu meiden wie die Pest," heißt es.
Einerseits hat ja der Christ eine moralische Pflicht, den Kleriker nach Kräften zu alimentieren. Immerhin würde er sich im Heil schädigen, wenn der Priester in seiner Tätigkeit durch Erwerbsdruck eingeschränkt wäre, sodaß der Christ also für jenen leiblich zu sorgen hat, der ihm in seiner geistlichen Arbeit dient. Nie aber soll diese Versorgung über das Notwendige hinausgehen, schreiben die Väter, nie in Überversorgung oder Üppigkeit münden.

Anderseits aber hat diese Alimentation in den Schriften und Berichten der Kirchenväter immer den Charakter eines freien Almosens, selbst wenn es sich "Zehent" nennt. Im eigentlichsten Sinn sogar eines Opfers, das Gott zugewendet wird. Entsprechend manche Regelungen, wie die schon aus der antiken Religionsumgebung bekannten "Erstlingsgaben" von Wein, Getreide, Öl oder Tieren. Immer hat sie damit mit der Erwerbsfähigkeit der Gemeinde zu tun, der der Priester zugewiesen ist.

Immer wieder auftretende übliche Geschenke und Gaben anläßlich von Sakramentenspendungen tauchen auch damals auf, sie ziehen sich ja durch die ganze Kirchengeschichte, werden aber weitgehend und regelmäßig wieder zu unterbinden gesucht, weil der unzulässige Eindruck einer "bezahlten Dienstleistung" (also einer Erwerbstätigkeit mit den Gnadenmitteln) in der Seelsorge kaum zu verhindern ist.




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Montag, 16. Mai 2016

Ursprünge des Sozialsystems

Noch einmal faßt Prälat Seipel in seiner Studie über die wirtschaftsethischen Auffassungen der Kirchenväter zusammen: Niemals haben sie einen Kommunismus, in dem allen alles gehöre, als idealen Gesellschaftszustand vertreten! Vielmehr ist die Armut ein evangelischer Rat INMITTEN DER WELT wie sie vorzufinden ist und war für jene, die höhere Vollkommenheit erstreben. Niemals darf sie erzwungen werden, und niemals darf durch das Einbringen des Vermögens eines Willigen in eine solche klösterliche, mönchische Lebensweise ein Schaden für seine Verwandten oder Umgebung entstehen, oder etwa Erbansprüche Dritter beschnitten werden. Gleichzeitig war mit dem Eintritt in eine solche Klostergemeinschaft zwar das Recht auf Versorgtheit (weil Eigentumslosigkeit) gegeben, aber dem stand auch eine strikte Arbeitspflicht gegenüber. 

Der Reichtum, die gesellschaftlichen Unterschiede sind aber überall als wichtig und richtig eingeschätzt. Der Appell an die Armut war dagegen ein Befeuern des Weges zur Heiligkeit, zumal die Armut viele Gefahren, die der Reichtum für das Seelenheil hat, vermeidet.*

Dieser Eifer zur größten Vollkommenheit war natürlich auch in Jerusalem in den Jahren nach Jesu Tod und Auferstehung und zu Lebzeiten der Apostel überaus groß. Viele Reiche gaben ihr Vermögen auf, verkauften was sie besaßen, und legten alles den Aposteln zu Füßen. Diese verteilten es dann an die Armen der Gemeinde. Und lebten natürlich auch selbst von Almosen, oft noch in der schärfsten Form - dem freiwilligen Verbot auf Vorratshaltung über den Tag hinaus, um sich in der radikalsten Form in Gottes Hand zu werfen.

Die Kirche hatte damit also eine Art Sozialsystem. Denn es existierte eine große Schichte an Armen, die sich aus Witwen, Waisen, Kranken, erwerbsunfähigen Alten und einer oft beträchtlichen Zahl von (erwerbslosen) Jungfrauen zusammensetzte, die sich natürlich gleichfalls um die Notleidenden kümmerten. Wo man konnte kaufte man Sklaven oder unschuldig Gefangene frei, zumal die Bedingungen der Gefangenschaft oft gleichbedeutend mit raschem Tod waren.**

Schätzungen gehen in der Spätantike von 10 % der Bevölkerung aus, die unfreiwillig nicht in der Lage war, sich selbst zu versorgen und deshalb auf Hilfe angewiesen war, um überleben zu können. Mit heutigen Sozialnetzen, die aus Hilfe einen Anspruch und aus Almosen einen Zwang machen, ist das nur mehr ganz entfernt zu vergleichen, ja eigentlich eine Perversion der Nächstenliebe, die nicht näher zu Gott, sondern von ihm weg führt.

Um dies finanziell leisten zu können blieb der Appell an die Reichen, (freiwillig) zu spenden, Almosen zu geben (im berühmten Zehent) immer aufrecht und laut. Er richtete sich im Namen des Seelenheils in erster Linie gegen Habgier und Geiz. Auch noch im Mittelalter, in einer ähnlichen Situation, wo es gleichfalls die Kirche war, die aus Nächstenliebe Sozialeinrichtungen schufen, die dann für die Menschen zum Vorbild und christlichen Gebot für auch weltliche Fürsorgeeinrichtungen (Bürgerspitäle, Siechenhäuser, usw. usf.) und später den Sozialstaat wurden. 

Die Gefahr, daß solche Einrichtungen den Antrieb zur persönlichen Nächstenliebe und -hilfe bei den Gläubigen schwächen könnten, sahen die Kirchenväter übrigens schon damals. Und nie beseitigten sie das Gebot der Freiwilligkeit der Gebenden. Vielmehr stellten sie aus christlichem Menschenbild den Reichen auch den Armen als Menschen vor, und das war der damaligen Zeit (und nicht nur der) keineswegs selbstverständlich. Daß im Rom der Zeit nach Christus allmählich auch Sklaven als Menschen begriffen wurden, ist christlichem Einfluß zu verdanken.

Nicht zu übersehen sind aber auch die Mahnungen, sich zum einen das Notwendige durch eigene Arbeit zu erwerben, zum anderen aber auch jene zu meiden, die sich von der Arbeit fernhalten und dennoch von den Gütern der anderen verlangen. Niemand solle anderen unnötig zur Last fallen war eine oft zu lesende Mahnung an die Almosenempfänger. Vielleicht noch gar unter Berufung auf deren Christenpflicht. Wer nimmt, ohne wahrhaft bedürftig zu sein, ist als Schuldner zu sehen, der spätestens im Göttlichen Gericht alles zurückbezahlen wird müssen.

Interessant das Gebot nach den Kräften "gemäßer" Arbeit, also nicht zu wenig, aber auch nicht zu viel. Müde zu werden ist ein Segen, nicht aber erschöpft zu sein. Mit häufiger Erwähnung des eigentlichen Motivs der Arbeit: Der Hilfe für den Nächsten, als Dienst an ihm! Viele Orden, viele Klöster haben auf der Bedeutung der Arbeit als Dienst und wesentlicher Säule der geistigen Gesundheit ihre Spiritualität aufgebaut. In der Antike eine Sensation, denn dort wurde körperliche Arbeit verachtet, und die Arbeitsscheu war allgemein.

Das Jerusalemer Beispiel - das, wie gesagt, kein Kommunismus war, sondern Ausfluß des Glaubenseifers der Menschen - war gewiß vorbildlich, und machte das Christentum für Heiden überaus attraktiv. Denn Christen konnten sich so in der Not nie alleine gelassen wissen, Heiden keineswegs. Es blieb aber nicht ohne Konsequenzen. Bereits wenige Jahrzehnte nach Jesus war die gesamte Jerusalemer Christengemeinde verarmt. Und auf Almosen aus Christengemeinden anderer Städte und Provinzen angewiesen. Wären auch dort alle arm gewesen, hätte niemand mehr helfen können. 

Dieses Sozialsystem der Kirche brauchte also anderseits genug Reichtum, Prosperität im großen Teil der Gesellschaft sowie Gebebereitschaft, um es aufrecht halten zu können. Die Armutsforderung, der Verzicht auf Besitz als Gebot blieb immer eine Ausnahme, er war nie ein Vorbild für ein Gesellschaftssystem und notwendiger Hinweis, im Treiben des Lebens nicht zu übersehen, daß man in aller gebotenen Erwerbssorgfalt seine Seele nicht an Besitz hängen soll.




*Als im hohen Mittelalter solche Bettlerbewegungen (man denke an die Waldenser) dieser angeblichen evangelischen Forderung "für alle" folgten, und Massen anzogen, wurde dies nicht nur von der Kirche zu Recht als häretisch verurteilt, sondern hatte auch eine Gefährdung des kulturellen Gefüges zur Folge, weshalb sie die Herrscher und Fürsten energisch bekämpften. Denn es gefährdete beträchtlich das Gemeinwohl, und der Wohlstand brach landstrichweise regelrecht zusammen, Siedlungen und Ländereien verödeten. 

**Das hat die Menschen später in Gallien etwa schwer beeindruckt. Dem freiwillig armen, selbstlosen und sittenreinen Klerus in äußerst brüchigen, ja wirren Zeiten, deren Predigt von der Würde auch der armen und einfachsten Menschen, verdankt die Kirche auch dort ihr rasches Wachstum und ihre Hochachtung in der Bevölkerung im Mittelalter.





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Sonntag, 8. Mai 2016

Christen sind keine Kommunisten (2)

Teil 2) Selbst im Paradies herrschte eine Gliederung der Reichtümer





Insofern war der Arme, der sich nicht in Gier nach Reichtum verzehrte (was ja gar nicht so selten der Fall ist) durchaus reich - denn Reichtum heißt, daß man keine Bedürfnisse hat. Und das verstand man auch später immer so wenn es hieß, daß Armut das Vermögen der Kirche sei. Obwohl sie selber von Anfang an keineswegs nominell besitzlos war. Denn damit konnte auch der Reiche "arm" in diesem Sinne sein, wenn er nicht in Gier und Neid verfiel, und sein Reichtum war gerecht, wenn er ihn nicht auf unredliche, betrügerische, andere schädigende Art erworben hatte oder verteidigte.

Immer aber sind schon die Kirchenväter gegen eine Anhäufung von Gütern aufgetreten, die ein gewisses Maß überstiegen. Wo Reiche Güter anhäuften, während ihnen andere wie Sklaven oder als Sklaven dienen mußten, also ausgenützt wurden, sodaß sie ein Leben einer gewissen Bedürfnisbefriedigung nicht leben konnten. Selbst ein wilder Eiferer gegen diese großen Besitzunterschiede wie der oben zitierte Lactantius ergriff mit ebensolchem Eifer gegen die in seinen Augen verwerfliche Aussage Platos Stellung, in der dieser forderte, daß allen alle Güter gemeinsam gehören sollten. Zumindest, wenn das verhängt, also nicht freiwillig war. Das bezeichnet er als ungerecht. 

Lactantius geht sogar so weit, daß er auch die Menschheit im Paradies hierarchisch gegliedert sieht, auch dort in Reiche und Arme geteilt sieht. Der Unterschied zur Gegenwart liegt nur darin, daß die Reichen jederzeit und freiwillig ihren Reichtum nicht gierig an sich raffen, sondern die Früchte (auch das heißt quasi nicht "das Kapital", sondern den "Ertrag"!) jederzeit bereitwillig mit den Armen teilen, sodaß auch diese daran teilhaben können. Und das ist ihm auch der Weg zur Heilung der Gegenwart: Nicht durch Abschaffung der Ehe oder den Entzug von Reichtum kann die Zeit heilen, sondern durch Bekämpfung von Anmaßung, Stolz und Überheblichkeit. Erst dadurch wird die gottgewollte "Gleichheit" hergestellt, die aber kein Abschaffen der Unterschiede bedeutet. Das aber kann nur die Religion leisten.

Dann trägt der Reichtum seine größte Frucht, wenn er nicht egoistischem Eigennutz dient. Wenn (führt Lactantius etwa an) die Gastfreundschaft groß geschrieben wird, wenn Gefangene losgekauft werden, wenn SOLCHE DIE ES VERDIENEN (sic!) Almosen erhalten (denn was offenbar heute kaum noch jemand begreift ist, daß man mit einem Geschenk sehr wohl auch Unfug beim Empfangenden anrichten kann), oder wenn keine Güter zwecklos weggeworfen werden.

Ihm stimmt auch der Heilige Asterius bei, der zwar heftig gegen die (in Rom extremen) Ungelichheiten wettert, aber niemals den Reichtum an sich in frage stellt, im Gegenteil, sondern von den Reichen mehr Selbstbeschränkung im Eigenverbrauch und höhere Bereitschaft zu Almosen verlangt. In diesem Sinne äußern sich auch der Hl. Gregor von Nazianz und Basilius der Große. Die Stände sollen bleiben, es soll aber in christlicher Liebe ein gewisser Ausgleich stattfinden. Gregor macht es sogar einfach: Er meint, daß die größten, wertvollsten und schönsten Güter ohnehin allen gleich zur Verfügung stünden, wie die Sonne, das Wasser, die Luft, das Feuer. Nur in den unnützen, wertlosen Dingen wie Edelsteinen, Kleider, Speisen oder Gold schieden sich die Menschen. Und dem Hl. Basilius ist klar, daß es eine völlige Besitzgleichheit nur im Kloster geben kann. Erst dort werden auch alle Ketten gesprengt, die den Menschen sonst an die Welt fesseln.  

Wenn in der Welt draußen Menschen nicht nach dem Willen Gottes lebe, so Basilius, so ist vorauszusehen, daß sie Geld und Gut schlecht gebrauchen. Damit ist ihnen oft gar nicht zu helfen.

Die gesamte Frühzeit des Christentums ist bereits höchst realistisch, und sieht sehr wohl, daß es viel Armut durch eigenes Verschulden und Mangel an Tugend der Menschen gibt. Auch sind bei weitem nicht alle Menschen weise genug, sich von Besitz distanzieren zu können, sodaß er ihnen schaden würde. Es ist auch ungerecht, wenn jemand durch Leistung viel erwirbt, das dann andere nutzen, obwohl sie durch eigene Schuld wenig besitzen.

Nicht unwesentlich ist freilich gewisses Einbedenken damaliger historischer Umstände. Denn Not war zugleich die große Stunde des Wuchers** (gegen ihn bildete sich ja die sogar bis ins Mittelalter herrschende christliche Phalanx gegen Geldverleih auf Zinsnahme). Das Wirtschaftsleben im Rom der Kaiserzeit war von Brutalität, Rücksichtslosigkeit und Egoismus geprägt. Die Mißstände eines falsch verwendeten Reichtums zeigten sich besonders deutlich, extrem in den gar nicht seltenen Hungersnöten, die Reiche über Preiswucher sogar zu noch mehr Reichtum verhalfen. Der christliche Sinn für Nächstenliebe, wie er sich in Almosen zeigte, war also besonders auffällig, besonders wichtig und wirksam, und vor allem völlig gegen den Zeitgeist.

Immer aber hat die Kirche und von Anbeginn an zwischen Christen und Heiden streng geschieden. Die Pflicht Almosen zu geben bezog sich ausdrücklich auf Glaubensbrüder. Und sie folgten darin dem Beispiel Christi! Die Strahlkraft der Kirche war wesentlich darauf begründet, daß die Heiden feststellten, daß Christen in einer Gemeinschaft der Liebe - aber nicht der nominalen Gleichheit! - lebten, die die Zugehörigkeit durch Taufe greifbar und attraktiv machte. "Seht, wie sie einander lieben!" 

Den zu manchen Zeiten viel beschworenen Ur-Kommunismus, schon gar einen, in den unterschiedslos alle Menschen - also auch Heiden - einbezogen waren, hat es aber nie gegeben. Er ist also NICHT ein sogenanntes "eigentlicheres" Christentum.




*Beispielsweise gehört es zu den Pflichten der Reichen, die an sich ja "nutzlose" Kunst oder das Schöne im öffentlichen Raum oder aber auch die liturgische Entfaltung oder den Kirchenbau zu fördern, weil dies alles dem Gemeinwohl und damit auch dem materiell wenig Begüterten dient. Ein Mensch ohne großen Besitz oder eine Gesellschaft in der alle gerade mal genug haben kann das eben nicht. Zumal es eine Gesellschaft, in der alle gleich sind, in Gottes Plan nicht gibt. Auch die Engelwelt ist strikt hierarchisch und in ihrer Fülle und Macht sind die Engel keineswegs gleich.

**Bis in unsere Zeit hat sich die daraus erwachsene Ablehnung gegen die Kaufleute erhalten. Und ein erklecklicher Teil der Gefühle des Antisemitismus geht gleichfalls auf den Wucher zurück, der sich mit dem Kaufmannsstand lange verband. Denn der Kaufmann war jemand, der die Notlage des anderen ausnützte, und durch den Handel überregional agieren konnte - hier gab es Getreide, dort Hungersnot, hier niedrige Preise, dort höchste Erlöse. Also wurde dieser Stand vor allem von Wurzellosen ausgeübt, denn so jemand konnte sich kaum an einem Ort halten. Und da gab es zwei Gruppen - zum einen die "jüngsten Söhne", die also in der elterlichen Vermögensverteilung durch den Rost fielen und sich also aufmachten, um einen Platz in der Welt zu suchen. Und dann waren es ... die Juden. Und es waren vor allem Juden, die im Mittelalter den Handel, und daraus erwachsen das Geldgeschäft Europas in Händen hatten. Denn Geld kam nur über den Handel, nur über den Handel also - Steuern. (Soviel zu den Interessensverquickungen, die zwischen Zentralmacht und Juden bestanden.) Erst die allmählich eingeführte Buchhaltung (v. a. die Doppelte Buchhaltung, wie sie sich in Venedig entwickelt hatte und mit der bis heute jeder HAK-Schüler gequält wird) ermöglichte hier eine andere Art der Risiko- und Ertragsbewertung und damit seriösere Geschäftsführung.






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Samstag, 7. Mai 2016

Christen sind keine Kommunisten (1)

Den oft zum Mythos erhobenen Ur-Kommunismus der Christenheit hat es nie gegeben, schreibt Prälat Seipel in seiner Geschichte der wirtschaftsethischen Lehren der Kirchenväter. Wenn das Verständnis von Eigentum in gewisser Weise relativ war dann erstens deshalb, weil im Grunde alles Gott gehört, alles Gottes Eigentum ist, das uns Menschen nur gegeben und verantwortlich geliehen ist. Aber es ist uns zweitens auch gegeben, damit wir in einer Weise daran teilhaben, die die Christenheit als Ganzes umfaßt. Das meint ein Gebot Almosen an die Christenbrüder zu geben, damit jene das ihnen nicht zur Verfügung stehende Notwendige ebenfalls haben. Wie gesagt: An die Christenbrüder! Was die Heiden oft mit viel Neid erfüllte, sodaß sie Gerüchte streuten, etwa die gemeinsamen Mähler - die Agapen - die Wohlhabendere ausrichteten und an denen auch Arme teilnahmen, würden sexuell ausschweifende Orgien sein. 

Dabei verwaltete die Kirche ihre Güter nach irdischen Gesetzen, denn das Recht auf Eigentum ist nicht genuin göttliches Recht sondern eine irdische Einrichtung, aber deshalb nicht wertlos sondern Teil des menschlichen Kulturauftrags. Ausgenommen davon waren lediglich Kirchen und Kultplätze. Die gehörten direkt Gott.

Zum Kirchenbesitz gehörten sogar Grundstücke für Begräbnisplätze, denn es bildete sich mehr und mehr der Brauch heraus, Christen auf eigenen Friedhöfen beizusetzen. Auch hatte die institutionelle Kirche in ihrem Klerus, in ihren Diakonen (denen meist die Verwaltung der Kirchengüter und die Organisation der Almosen oblag) von Anfang an gewisse Vermögenswerte. Vermögen, das sie aber immer als eigentliches Eigentum der Armen ansah, die sie davon unterstützte und das sie bestenfalls noch für die Versorgung des Klerus heranzog. Selbst Verwandte des Klerus wurden wie jeder Arme als bloßer christlicher Mitbruder behandelt.

Nie aber ist es zu einer prinzipiellen Ächtung des Reichtums gekommen. Vielmehr war der Kirche und den Kirchenvätern immer nur wichtig, daß der Besitzstand dem seelischen Heil nicht entgegenstand. Diesbezüglich hat der Reichtum ebenso wie die Armut Gefahren, mehr aber der Reichtum. Daß sich oft sehr ausgeprägte Stellungnahmen gegen den Reichtum finden hat darin seinen Grund, denn noch dazu war die gesellschaftliche Hierarchie im römischen Reich vom Census abhängig, also von der Steuerhöhe und damit vom Reichtum. Dieser Überbewertung des Reichtums für den Wert eines Menschen wollte man gegensteuern.

Die Armut prinzipiell zu beseitigen ist eine sehr moderne ideologisch-politische Idee, um die es den Christen aller Jahrhunderte aber nie gegangen ist. Es ging immer darum, jeden in seinem Stand auf dem Weg zu Gott zu sehen, und da war die Mißachtung des Nicht-Reichen, wie sie häufig vorkommt (man denke nur an den Calvinismus und leite elegant zum Amerikanismus über) und speziell in der Antike üblich war, ungerecht und falsch, während der Reiche beitragen sollte, Übel die aus der Armut entstanden oder entstehen konnten im Sinne des Heilsweges des Armen zu verhindern. 

Aber keineswegs wurde jemals materiell geringer Besitzstand als prinzipielles Übel aufgefaßt, als prinzipieller Hinderungsgrund zu Gott, eher sogar im Gegenteil. Und der Kirche ging und geht es ja nur um das Heil der Menschen, worum sonst? Armut als prinzipielles oder gar gottwidriges Übel zu sehen ist eine rein politische Idee eines ganz eigenen Weltbildes. Das mit Katholizismus zu vermischen fiel erst der marxistischen Befreiungstheologie des 20. Jhds. ein.

Schon gar nie gab es so etwas wie "allen gehörte alles". Schon in frühesten Schriften finden sich zahlreiche Belege dafür, daß zwar mancher der Kirche seinen Reichtum übertrug, aber noch mehr Belege verdeutlichen, daß jeder weiterhin seinen Stand wie seinen Besitz behielt und nur eben auf redliche und "arme" Art verwaltete. Und immer mit dem wichtigen Bestandteil als Maß - der Standesgemäßheit. Denn immerhin geht der Stand gleichfalls als Christenpflicht dem rein subjekiven Wollen und Wünschen voraus. Wer seine Güter vernachlässigt, nicht ordnungsgemäß verwaltet, verschleudert und zugrunderichtet, ist nicht besonders christlich, sondern besonders pflichtvergessen. Zu diesem Pflichtbewußtsein gehört dabei auch die Wahrnehmuing dessen, was man "Repräsentationspflichten" nennt, weil in ihnen ja das wahrgenommene Amt, die gar nicht dem Einzelnen gehörige Stellung innerhalb der menschlichen Ordnung (die als Ecclesia ja auch die Ordnung im Plan Gottes ist) darzustellen. Erst dann kann dies im jeweiligen Stand übertragene Aufgabe innerhalb einer Gesellschaft als Kultur auch wahrgenommen werden.*

Lehren, die eine generelle materielle Armut verlangten (schon in der Frühzeit waren das etwa die Eustatianer, die das Asketentum als alleinseligmachenden Weg forderten) wurden immer abgelehnt und sogar als häretisch verurteilt. Armut wurde vielmehr deshalb als christliche Grundhaltung immer so hoch eingeschätzt, weil sie das jederzeitige Loslassen von Besitz bedeutet. Nur leere Hände, die sich nirgendwo festkrallen, können die Gnade aufnehmen. Nur wer viele Tugenden besitzt, der ist wirklich reich. (Insofern hat Reichtum mit Tugend zu tun; von ihrer Farbe getränkt wird er gerecht.) 




Morgen Teil 2) Selbst im Paradies herrschte eine Gliederung der Reichtümer





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Freitag, 6. Mai 2016

Was dem Staat noch alles einfallen wird (2)

Teil 2) Was also Rom so alles einfiel 




Von Zwangsgenossenschaften, die im Kollektiv für Abgaben haften, über zwingende Bodenverbundenheit, über Auslagerung der Steuerpflicht auf Assoziationen, die wiederum mit ihren Mitgliedern haften, also den Staatsdruck übernehmen, über Ortswechselverbot für Arbeitende, Umstellung der Steuerlast auf Naturalleistung in Ware oder Arbeit mit anschließender Staats-Monopolisierung des Handels damit (der natürlich vom Marktpreis profitiert), samt Leerverkaufsregelungen (denn das gab es längst im Alten Rom, ist also keine Erfindung der heutigen Börsen) für zukünftige Kauf- und Leistungszwänge. Aufenthaltszwang in Städten war üblich, denen einerseits die Steuerabgaben bei Sanktionen diktiert wurden, denen anderseits das umgebende Land, ihrer Jurisdiktion unterstellte weitere Städte und vor allem die Erwerbskraft ihrer Bürger praktisch "gehörte". Ein heftiges Lavieren mit Erträglichkeiten setzte sein. Manchmal durften Bürger oder Gewerbetreibende die Stadt gar nicht mehr verlassen, Erblichkeiten waren mit Berufswechselverboten auch für kommende Generationen verbunden, Bauern wurden mehr und mehr zu Leibeigenen von Land-Großbesitzern, denen selbst bestimmte Leistungen abgepreßt wurden, die sie von ihren Pächtern oder Bauern ebenfalls abpreßten. Oder man wurde Soldat, mit im Erbgang übergebener Dienstpflicht auch für Nachkommen, um wenigstens überleben zu können. In jedem Fall ist es eine enorme Vielfalt, die Bücher füllt, mit der der römische Zentralstaat zu überleben suchte.

Nicht unerwähnt soll auch der Kinderhandel bleiben, der frohe Urstände trieb. Denn ein seltsamer Gedanke stieg den VdZ bei der Lektüre einer Zusammenfassung dieser Aspekte aus der Feder von Ignaz Seipel - Kanzler und Prälat - an, einem der Gottseibeiunse der Linken, dessen wirtschaftliche Kompetenz aber unbestritten ist. Dem es immerhin gelang, aus einer ausichtsslosen Lage eines Restefetzens namens Republik Österreich nach 1918 die Wege zu einer der weltweit stabilsten und stärksten Volkswirtschaften der Zeit vor Hitler 1938 vorzugeben - mit einem sprichwörtlichen "Alpendollar". Denn Kinder bedeuten eben Leistung, nicht Geld. Also wurde gut für sie bezahlt. So konnten sich auch Menschen über Wasser halten, die keine Arbeit, kein Auskommen fanden. Und wer produziert bei uns Kinder? Ein Hinweis: Die angestammten Bürger sind es nicht.

Die einzigen die sich durch alle diese Zwänge halbwegs elegant durchschleusen konnten, waren - Geldbesitzer. Bürger, die es verstanden hatten, Erträge zu lukrieren, die andere erwirtschafteten. Und Geld stand in hohem Ansehen, und mündete auch in gesellschaftlich bedeutenden Positionen. 

Noch dazu wo das Christentum und speziell ab dem 4. Jhd. allmählich bewirkt hatte, daß auch Sklaven als "Menschen" respektiert wurden. Gar heiraten, Besitz erwerben etc. duften. Aber selbst, ja gerade diese Reichen brauchte so ein Zwangssystem in Wirklichkeit, denn irgendjemand mußte ja noch ein freies Ende der Fahnenstange aufgreifen, sonst wäre der staatliche Coup, der sich immer bewußter auf Leistung und nicht auf das von ihm selbst herausgegebene Geld stützte, nie aufgegangen: Leistung behält nur dann Wert, wenn es auch Nachfrager gibt. Die Vermögensunterschiede zwischen Reichen und dem Gros der Bevölkerung waren übrigens unglaublich größer als heute. Gegen das private Vermögen alleine eines Augustus wäre ein Bill Gates ein armer Schlucker gewesen. Wobei beide verbindet, daß sie mit ihrem Geld "soziale Großtaten" begehen. Es war aber damals noch ziemlich üblich, daß Reiche öffentliche Ämter und dessen Aufwand aus ihrem Privatgeld bestritten, und selbst der römische Sozial- und Alimentierungsstaat (in Spitzenzeiten war fast halb Rom rein auf Sozialhilfeempfang angewiesen; es wurde kaum noch etwas prudziert in der Stadt) war großenteils privat finanziert. Was oft zum Ruin der Reichen führte, das nur nebenbei.

Jedes etatistische System, das Leistung kumuliert um sie dann andernorts in der Hoffnung anzubieten, davon zu profitieren (denn auch die Münzverschlechterung funktionert nur eine gewisse Zeit), funktioniert also nur dann, wenn es nicht global ist und alles umfaßt, sondern freie Restbereiche, "Wildnis" vor den Toren hat. Und sei es, daß man einen Bückmarkt, einen gesetzlich bewußt nicht geregelten Parallelmarkt toleriert, in dem also nur das Gesetz des Stärkeren, Schnelleren, Skrupelloseren gilt.

Die Folge dieser Vorgänge war eine völlige Entsittlichung der römischen Wirtschaft. Anstand, Ehre gab es nicht mehr, und kein Gesetz konnte auf Dauer Wucher - das Ausnützen der Notlage eines anderen - eindämmen.

Der VdZ glaubt zwar nicht, daß sich diese Vorgänge bei uns buchstäblich wiederholen. Aber er hat längst nachzudenken begonnen, wo sich exakt dieselben Vorgänge, die in der Logik des heutigen Zentral- und Versorgungsstaates liegen, also in derselben Linie wie der des Rom der Kaiserzeit seit Caesar, in lediglich anderer Kostümierung wiederfinden. Oder anbahnen. Denn daß es auf die selben Ergebnisse hinauslaufen wird, daran hat er keinen Zweifel. Zumal wir es in den ehemaligen Ostblock-Staaten ja erst kürzlich hatten, und in China nach wie vor nicht weit davon entfernt sind.





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