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Mittwoch, 17. Juli 2013

Wannen das Höhere sich auflöst (2)

Teil 2) Entweder nationalstaatlich - oder gar nicht





Menschliche Gesellschaften haben der menschlichen Art gemäß, die sich in seiner natürlichen Entwicklung erkennen läßt, gleichfalls je aufsteigende Kreise der Selbstausdehnung, der Weltintegration - Persönlichkeitsentfaltung, mit anderem Wort. Es beginnt bei der Grenze der Mutter-Kind-Beziehung, und weitet sich allmählich in immer weitere zwischenmenschlich-gesellschaftliche Kreise. Die sich je weiter umso geistiger in ihre Ursprung darstellen. Wobei schon die Mutter-Kindbeziehung ihrem Wesen nach geistig (auf die Persönlichkeit orientiert) ist, man beachte nur das Inzestgebot, der Austausch untereinander ritualisiert ist und darin das Wesen der Begegnung als Darstellung (und nur darin) verwirklicht.

Deshalb ist auch das menschliche Wirken in bestimmten Umfangsdimensionen, die durchaus in Zahlen zu fassen sind, eingebettet, sich lediglich aber sehr bestimmt in der Art unterschieden wie im Schneeballsystem ausfalten. Zwei, fünf (Familie), zwanzig (Großfamilie), hundert (Sippe, Nachbarschaft, Gemeinde), tausend (Landkreis), zehntausend (Staat). Größer ist das menschliche Wesen nicht ausgelegt, historisch wurde die menschliche Ansprechgröße, sein maximal möglicher persönlicher Wirkkreis auf diese Größe - etwa (5-10.000) - beschränkt gesehen. 

In der Antike begann an diesem Punkt die Kolonialtätigkeit. Weil die nun überzählige Bevölkerung den Staat verlassen mußte. Ab hier kann nur noch ein Repräsentationssystem einsetzen: Wo einer für 10.000 steht, was übrigens dem alten Adelsbegriff entspricht. Es macht keinen Sinn für einen dieser 10.000, in (sagen wir) zwischenstaatliche Angelegenheiten einzugreifen, diese Ebene hat völlig neue und andere Gesetze und Inhalte in ihrem Zueinander. Die sich zwar in allem Unteren wiederfinden, aber in völlig anderer Art. Während "der, der für 10.000 steht", sich von dieser unteren Art abstrahiert haben muß, um dieser Ebene der Beziehung zu entsprechen. Auch das ist ja das traditionelle Selbstverständnis des Adels gewesen, das Aufgehen in einer abstrakten Repräsentation. 

Nur in diesem Größenverhältnis aber kann noch verantwortete persönliche Wahlentscheidung für das Ganze - die es in Fällen wie Krieg oder Ausstoßung gab -  überhaupt getroffen werden, weil zwischenmenschlicher Austausch egal welche Mehrheit noch auch den etwa anders Meinenden mit einschließt. Darüber hinaus besteht die Gefahr wirklicher Gewaltherrschaft der Mehrheit über die Minderheit, droht also das Auseinanderbrechen in Gruppierungen.*

Darüber hinaus müssen deshalb die Repräsentanten diese Entscheidung treffen, und zwar IM ABSTRAHIERTEN SINNE DER 10.000. Die sich in immer größeren Verbänden erneut in hierarchischen Stufen, aber mit strukturell gleichen Aufträgen (der "Querbalken") zusammenfinden, bis zum Allerhöchsten, dem König oder gar Kaiser, welch letzterer aber von andere Kategorie ist.

Das ist das stärkste Argument in der Kritik des Zentralismus, das stärkste in jeder Föderalismusdebatte. Weil Zentralismus alle Zwischenebenen auflöst, um nur als Einzelner allen Einzelnen direkt gegenüber zu stehen. Weil in ihm das Unterste eine ihm nicht adäquate Ebene antrifft, deshalb in seiner Art gar nicht Zupassendes erhalten wird können. Umgekehrt steht das Zentrum als viel zu mächtiges (weil übersteigendes, andere Wirkprinzipien bewegendes) Gegenüber dem Einzelnen gegenüber.

Wenn vor einiger Zeit der Journalist Christian Ortner ein Buch herausgab, in dem er den Sinn der Demokratie hinterfragt, weil die Bevölkerung gar nicht wissen kann, WAS sie in den Wahlen überhaupt entscheidet, so meint er genau da (ohne es zu wissen: er meint, etwa durch ein "Mehr" an Information wäre das behebbar.) Die Abstrakivebenen der Repräsentation des Ganzen sind niemals stufenüberspringend transformierbar. Unterwirft man dieses Ganzheitsprinzip aber der "untersten" Stufe, in Abstimmungen, Wahlen, verliert die oberste Stufe ihre Abstraktion - sie wird "banal", vermag nicht mehr zusammenzufassen.

Umgekehrt darf ein höchstes Prinzip (grundsätzlich) niemals direkt stufenüberspringend eingreifen. Es wird die Ordnung sämtlicher unteren Stufen auflösen, und das gesamte Volk in ein Chaos stürzen - es fehlt die Transformationsmöglichkeit. Es darf nur abstraktiv entscheiden, was "für alle" - ohne jede Konkretion - gilt. (Ohne noch diskutiert zu haben, obwohl es sich aus dem Gesagten ergibt, nach welchen Kriterien und Orientierungen es dieses überhaupt darf oder muß.) Das Kleine, Alltägliche des Lebens im Detail zu regeln, kann niemals Aufgabe eines höchsten Prinzips sein. Es überschreitet unzulässig seine Zuständigkeit.

Im Versuch, das zu illustrieren: Die hohe Mathematik beschäftigt sich mit dem Zueinander von Größen, die aus dem Integral einer Datenkette hervorgehen. Die Erkenntnisse, die sie daraus gewinnt, zeigen zwar die Prinzipien des Vorgehens "auf der Straße", aber der Kaufmann um die Ecke kann damit nichts anfangen. Es wird auch sinnlos sein, ihn in die Geheimnisse der Integralrechnung einzuweihen, und er wird es auch nicht wollen. Seine Anspruchsebene liegt ganz woanders - sagen wir der Anschaulichkeit wegen: in Erlässen über Märkte oder Waren. Je konkreter, vereinzelter die Dinge werden, desto mehr müssen sie auf der ihnen zugeordneten Ebene geregelt werden.

Zugleich wird damit verstehbar, daß eine zentrale Einheit niemals ein Prinzip "schaffen" kann. Es kann nur ausdrücken - darstellen - und als solches verwirklichen, das allen Teilen gleichermaßen zu Grunde liegt! Nur im Maß dieser Übereinstimmung mit der Natur des Vereinzelten kann eine Zentrale überhaupt "stark" sein. Sonst wird sie zur Diktatur, zur Zwangsanstalt. Es wird sträflich unterschätzt, daß die Kritik an der EU in Wirklichkeit keine praktische, sondern eine weltanschauliche Auseinandersetzung über das, was "Natur" bedeutet, anzeigt! Der Kontinent ist geistig viel tiefer aufgespalten und zersplittert, als man zur Kenntnis nehmen will.

Deshalb benötigen auch zwischenstaatliche Verbände eine (in diesem Sinne) föderalistisch-hierarchische Gliederung, mit jeweiligen Ebenen und Strukturen, die zueinander in einem ritualisierten Verhältnis stehen und sich in der Art begegnen, auf der dieser Verband gründet - als Staatenbund etwa. Ein Gegenüber EU : Bürger wäre in jedem Fall eine Katastrophe des Zentralismus. Die im Extremfall einer gesamteuropäischen "demokratischen" Direktwahl nur noch verschlimmert würde, weil es (wie im Mißbrauch!) eine Zustimmungssituation bewirkt, in der der Einzelne sich gebunden fühlt, ohne aber das verantworten zu können (und zu sollen), was er tatsächlich entschieden hat.

Löst man umgekehrt das Nationalprinzip auf, wo eine Nation der anderen gleichwertig gegenübersteht, wird eine EU automatisch zum Spielball der quantitativ mächtigeren Nationen oder Weltanschauungen. Etwas anders anzunehmen wäre schlichtweg naiv - oder bösartig und mit Hintergedanken. Aus dieser Argumentationskette ist zu verstehen, wenn Vaclav Klaus immer wieder davon sprach, daß es "gar keinen Europäer" gäbe. Er hat darin völlig recht. Eine auf weltanschauliche Fronten abstrahierte Politik, die von oben nach unten dekretieren kann, würde eine Katastrophe der Unmenschlichkeit und Utopie auslösen, und Europa in ein Chaos der Selbstentfremdung und Entzweiung stürzen.

Will man Europa einen, so wird es nur über eine Reform - als Wiedererstarkung - der eigentlichen Aufgaben der von unten nach oben gehenden Strukturen und der hierarchischen Repräsentation möglich sein. Alles andere wird zum Totalitarismus, der damit die eigentliche Lebenskraft, die schöpferische Kraft der Menschen, auslöscht. Denn es gibt dieses einende Prinzip der Geisteshaltung nicht mehr, auf das sich eine EU berufen könnte, bzw. ist es äußerst schmal  - und nur in dieser Breite kann Einigung überhaupt stattfinden. Also müssen sich untergeordnete Stufen schützen und bewahren können, um nicht ihrer selbst entfremdet zu werden. Und nur aus dieser Unangegriffenheit heraus kann - wenn - Einheit erwachsen.





*Das kann durch ein Parteiensystem im heutigen Sinn, wo sich also Weltanschuungen gegenüberstehen, NICHT aufgefangen werden, wie auch etwa Simone Weil darlegt. Denn hier wird bereits eine andere Art der Meinungsbildung verlangt, die den Entscheidungshorizont der Einzelnen übersteigt. Auch die Praxis zeigt, daß weltanschauliche Unterschiede auf der Ebene persönlicher Begegnung niemals so dezidiert sind, weil das Gemeinsame im zwischenmenschlichen Lebensvollzug und Entscheidungshorizont immer überwiegt, wie sie es in ihrer theoretischen Gestalt werden. Das ist das Wunderbare in den DonCamillo-Peppone-Geschichten, die genau das zeigen. Mit Parteiprogrammen höherer Rangordnung aber treten unweigerlich zerspaltende weil artfremde, artübersteigende Elemente ins Leben.

Darüber hinaus stehen sich auf der Ebene der Weltanschauungen Unvereinbarkeiten gegenüber, die jeden demokratischen Konsens scheitern lassen müssen, weil bestimmte Dinge vom individuellen Gewissen aus jeweils gar nicht toleriert werden DÜRFEN. Das trifft Christen in der Auseinandersetzung mit der faktischen Welt heute sogar noch weit mehr, weil absoluter und unbedingter, als Nicht-Christen. 





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Dienstag, 16. Juli 2013

Wannen das Höhere sich auflöst (1)

Hegel schreibt einmal in seiner Replik auf den Pantheisten Spinoza, der überhaupt keine andere Substanz als Gott sieht, daß das Endliche nur durch ein anderes Endliches begrenzt wird (und damit es selbst wird). Insofern muß es an dieser Berührungslinie dieser beiden ein Gemeinsames geben, eines das beide in einer Art anspricht bzw. von beiden angesprochen wird.

Beziehung auf anderes ist somit Grenze, erst sie hält etwas über dem Nichts (das aber eben nichts ist, auch kein "nichts", kein Sein hat) Deshalb halten alle Dinge einander im Dasein, indem sie einander "das andere" sind. Zu sagen, dieses oder jenes IST, heißt zuvor zu sagen: es ist jenes NICHT.

Ein anderer "Ketzer", Giordano Bruno, für den überhaupt alles Seiende als Sein mit dem einen Sein Gottes direkt zusammenfällt, als Teil des Ganzen, beschreibt einen anderen wichtigen Gedanken: Wenn man sich den Kreis in seinem Radius immer größer und größer vorstellt, so wird die Runde des Kreises eines Moments in eine Gerade überspringen. Das eine stirbt, das andere entsteht. Worin Bruno irrt ist freilich, daß es keinen Übergang vom Kreis zur Geraden gibt. Die Wesensübergänge springen eben, sie gehen nicht ineinander über. Für Bruno's Gedanken ist das gar nicht unwichtig.

Doch ist ein weiterer Gedanke dazu wichtig. Der, daß sich dieser Übergang von einem ins andere in hierarchischen Stufen vollzieht. Nach "oben", und nach "unten", und auf je andere Weise.

Leo Gabriel nennt diese Stufen "Translationsstufen". Sie sind jeweils Vielfalt zu mehr Einheit zusammenfassende Abstraktionen. Von Stufe zu Stufe muß also das Abstraktive, das diese Stufe darstellt, als Allgemeines, das in den unteren Stufen zwar enthalten aber ins je Konkretere, Gestaltnehmendere ausgefaltet ist, enthalten sein. Bis in der höchsten Stufe alles enthalten ist, aber nur noch als geistiges Prinzip. Wie es die Religion dann tut, die das Wesen aller Dinge angeht, aber nur noch dieses Wesensprinzip darstellt und weitergibt. Ebenso ist es mit allen menschlichen Gesellschaften, bis zum König, Kaiser, der das Prinzip eines Reichs, eines Staates verkörpert und am Leben hält.

Als Arbeitsteiligkeit ist dieses Prinzip einfach verständlich: Je differenzierter, spezialisierter die (unteren) Teile sind, desto wesentlicher wird das je höhere, bis zum Zentralprinzip, das alles zu einem Ganzen fügt. Aus diesem Zentrum erhält alles seine Bedeutung. Kultur bedeutet also nichts anderes als das je weitere Ausfalten einerseits, das wiederum nur möglich ist, weil es in ein immer größeres, umfassenderes, "gerechteres" Ganzes eingefügt ist.

Der Weltaufbau versteht sich also hier als komplexere, höhere, einfachere Gestalten, Dinge, dort niedrigere, in ihre Vielfalt sich aufspaltende. Das Verhältnis der Einzelteile zueinander, ihre Bedeutung, bestimmt sich also vertikal aus der Hierarchie. Zerfällt das Zentralprinzip, löst sich alles in Bestandteile anderer Art und Bedeutung auf. Der Mensch als Beispiel zerfällt nach dem Tod, der nur "ein" Tod ist, also nicht der einzelner Teile, in alle möglichen Elemente, die zuvor in einem Fleisch/Leib zu Einem geeint waren. Hierarchie und Teile bedingen einander, bringen aber auch einander hervor. Wobei das je höhere Prinzip das je erstere, wichtigere ist, und je mehr Abstrahiertes als seine Wesensart in sich enthält. Es ist mit den je unteren niemals gleich, es transformiert diese in eine andere Art.

Der Schlüssel der Kommunikation der Ebenen untereinander liegt jeweils in der Grenze, die zwischen ihnen liegt. Denn in dieser - oder: als diese - werden die Dinge transformiert. In den Formenübergängen ist jeweils die niedrigere Gestalt in der höheren (abstrahierter) enthalten, oder umgekehrt, geht die niedrigere aus der höheren (bzw. deren Tod) hervor, aber gleichfalls anders, in anderer Bedeutung.

So ist die Vielfalt der Dinge aufeinander zugeordnet, einerseits, und ist innerhalb dieser Vielfalt hierarchisch gegliedert. All das läßt sich in der gesamten Natur ausgezeichnet beobachten.

Damit ist aber auch klar, daß ein "Überspringen" von Stufen dem Wesen der Dinge zuwider ist. Denn ein (sagen wir) zwei Stufen über einem Ding A befindliches anderes Ding D hat die um zwei Stufen abstrahiertere, transformierte Art von A, aber eine transformierende Grenze zu Ding A selbst nicht. Es braucht die dazwischenliegenden Stufen, um mit Ding A in Kontakt, in derselben Welt und jeweiliger Bedeutungsebene - mit jeweils konkretem Sinn - zu sein. Auch die anorganische Natur, ja das ganze Weltall ist in einer solchen Stufenordnung zueinandergerichtet, baut sich auf - und keine Stufe kann übersprungen werden.

Die Art der Hierarchie, die Weise ihres Wirkens, definiert sich wiederum aus der Wesensart und Bedeutung des Geordneten. Insofern kulminiert es in Papst  und Kaiser (König, Präsident, etc.), als Zueinanderordnung, einem Kreuz vergleichbar. Denn die gesamte irdische Vielfalt, vom Kieselstein über die Steinrose und den Flottelhabicht bis zum Bauern und Bürgermeister und Landeshauptmann, kulminiert im irdischen Prinzip, dem Kaiser. Das jedes dieser Einzelteile und -stufen aber wieder durchpulsende Prinzip, das diese überhaupt erst zu Einzelteilenmacht, ist durch den Papst (in den den Ebenen je zugeordneten Bischöfen, Dechanten, Pfarrer, etc.) verkörpert. Eines kann also das andere nicht ersetzen, keines dieser Geist-Welt-Abstrakta ist weniger wichtig, aber je anders.

Je höher die Stufe, desto mehr wird also das Prinzip eines Organismus als "an sich" bedeutender, und kulminiert in den Vertretern dieser Stufe.

Das, was diesen Wandel, diese Transformation bewirkt, ist nicht in dem einen, und nicht in dem anderen enthalten - es ist also transzendent, es ist ein Drittes, ein Transzendentales. Das, was Heraklith dem Feuer, dem Kampf als Ergebnis zuschrieb. Es ist kein simples "Funktionsprinzip", es ist ein Art-Prinzip: In der Selbsttranszendenz einer Stufe nimmt diese am höheren teil.

Prinzipiell haben je hierarchisch aneinandergrenzende Stufen ein und dieselben Grundstrebungen - in ihrer Aktivität den Austausch mit der oberen Grenze (auch hier aber: in einem Sterben), um am je Höheren teilzuhaben, in seinem Sterben als Verlust der Kraft zum Selbstsein das Absinken zur unteren, auch hier bis zum Tod, der immer ein Tod eben jener Stufe des momentanen Selbstseins ist.

Übertragen wir das ganz naiv (aber als Analogie richtig, weil es ein ähnliches, strukturell gesehen beide erfassendes Geschehen ist) auf die menschliche Gesellschaften, so zeigt sich, daß zwischen dem König und dem Bauern kein Berührungspunkt, keine Artgleichheit (wie oben zu verstehen) besteht. Denn das Menschsein läßt sich ja ohne Begrenztheit genauso wenig denken, es hat immer Gestalt, und es hat immer einen Platz in einer Gesamtordnung, eine Stufe, die es einnimmt - einen Sinn, eine Bedeutung.

Auch umgekehrt wird der Bauer nicht gehoben, indem er Stufen überspringt - und zum Kaiser geht. Er wird an diesem nicht mehr, sondern gar nicht mehr teilhaben können, weil er "entartet", seiner Art nicht gemäß handelt. 

Es braucht somit für den König den Kanzler, der den Minister, der den Beamten, und erst zwischen dem Beamten und dem Bauern besteht wieder jene Übergangsnaht, von der hier die Rede ist. Hier besteht natürlicher Wirkzusammenhang.

Nichts anders ist in der societas perfecta nachgebildet, der vollkommenen menschlichen Gesellschaft. Und zwar vom Papst über die Bischöfe, diese über die Priester, zum Gläubigen, haben erst so alle die Teilhabe an dem einen Ganzen, das in sich jede Stufe zu einem ganzen macht genauso, wie es der weltlichen Stufe einerseits quer steht, anderseits ihr diese Ausprägung ALS Art als Prinzip vermittelt.

Das, was ein Papst, der twittert (oder ständig in der Menge badet) macht, ist also keineswegs päpstliches Wirken. Es ist ein artfremdes seltsames "Etwas", das unruhig bleibt, weil es alle Stufen überspringt. Es fehlt der "Transformationsort", die Grenze - die im "Ritual", im "Zeremoniell" zum liturgischen, tänzerischen Berührungsort wird. Die rituelle, zeremonielle Formel enthält jeweils diesen Transformationsknoten, und entspricht dem Inhalt des Transformierten ("verdaulich gemachten"). In jenem Spiel, wo eins dem anderen begegnet, um sich mitzuteilen, und sich wieder zu entfernen. Ein Spiel hört wieder auf.

Deshalb hat jede Stufe ihre Rituale, in denen sie sich selbst repräsentiert, abstrahiert, zusammenfaßt, und in diesen Ritualen begegnet sie den jeweiligen angrenzenden Stufen, um sich mitzuteilen - in eins zu fügen, eins zu werden.

Inadäquate Stufenbegegnungen stehen damit auch nicht in einer Zueinanderordnung des Höheren zum Niederen - sie stehen in GAR KEINER Zueinanderordnung, das Zentralprinzip wird zu "nichts", löst sich ins Einzelne auf.

Genau so wie ein Präsident, der am Würstelstand sein Abendessen einzunehmen pflegt (will man es nicht als liebenswürdige ansehen, als vereinzelte Sonderheit, die das ja genau deshalb ist, weil es nicht artgemäß ist, was jeder nur solange und deshalb weiß, als das Prinzip sonst stark dargestellt wird.) Er schwächt das Staatsprinzip, reduziert damit den Staatsorganismus auf seine ent-ordneten Restfunktionen, enthebt die Menschen und ihr Tun ihrer Bedeutung, worauf ein Kampf dieser Menschen untereinander einsetzt, weil niemand ohne Stufe, ohne Bedeutung, ohne Sinn ÜBERHAUPT leben kann - die Einheit geht verloren.

Je höher die Stufe, desto reiner stellt sie das grundlegendste, abstrakteste Wesen von allem dar. Ihre Art der Bewegung - das Ritual, das Zeremoniell - stellt alles in seinen Prinzipien dar, was in seinem Organismus lebt, hält es in allen durch deren Teilhabe lebendig, erweckt es gar. Die Auflösung, die Nichtung des Höheren, Ganzen schwächt oder nichtet also das Prinzip der Teile.

Im Versuch, es etwas zu illustrieren: Ein Wasserrohr in einem Atomkraftwerk hat eine andere Bedeutung - obwohl es in beiden Fällen "nur" Rohr ist - als in einem Gartenbrunnen. Das Brunnenrohr kann zwar entfernt, der Brunnen inaktiviert und das Rohr in einem (aktiven) Atomkraftwerk verwendet werden, nicht aber umgekehrt. Seine Bedeutung, das Ritual, in dem damit umgegangen wird, ist in beiden Fällen unterschiedlich. Sie definiert sich aus dem Wirkkreis des Ganzen, in dem es Teil ist.



Teil 2 morgen) Entweder nationalstaatlich - oder gar nicht





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Dienstag, 19. Oktober 2010

Verblüffende Inquisition

In einer ersten vierbändigen Veröffentlichung haben (weltliche) Wissenschaftshistoriker ein erstes Teilergebnis ihrer Untersuchung der römischen Zentralstelle der Inquisition (die in den letzten Jahrzehnten "Glaubenskongregation" hieß, und der der jetzige Papst Ratzinger lange vorstand) veröffentlicht. Mit einem verblüffenden Ergebnis, das laut Neue Zürcher Zeitung durchaus als Demaskierung eines im 19. Jahrhunderts - im Zuge eines sehr realen Kulturkampfs gegen den Katholizismus - entstandenen Vorurteils angesehen werden muß, demgemäß die Katholische Kirche als Feind der Wissenschaft den Fortschritt des Abendlands behindert eher denn gefördert habe.

Tatsache ist vielmehr, daß die römische Inquisition - eine Zentralinstitution, die erst 1541 entstanden ist (zuvor gab es nur lokale Inquisitionen*), also auch nichts mit "mittelalterlich" zu tun hat, als Teil eines weiteren tiefen Kulturkonflikts, der durch Verleumdung dieser Epoche, die heute völlig mißverstanden wird, schlicht diskreditiert wurde - keineswegs gegen naturwissenschaftliche Thesen vorgegangen ist, wie es auch heute kolportiert wird. Diese kommen vielmehr kaum in den Akten vor*. Sieht man von all jenen Büchern ab, die aus sittlichen Gründen, ob anstößigen pornographischen Inhalts etc., verboten wurden.


Die NZZ dazu:

Was in diesen vier Bänden in minuziöser Arbeit rekonstruiert wird, betrifft kaum das, was seit dem späten 17. Jahrhundert in einigen europäischen Vulgärsprachen als «Wissenschaft» bezeichnet wird und sich erst im 19. Jahrhundert in der heutigen Form gefestigt und institutionalisiert hat. Der Heliozentrismus von Kopernikus ist im 16. Jahrhundert beispielsweise noch nicht aktenkundig geworden. Und Giordano Bruno ist im Jubeljahr 1600 nicht wegen seiner kühnen Kosmologie der unendlichen Welten verbrannt worden, sondern, wie die bereits seit langem bekannten Akten belegen, wegen seiner theologischen Häresien. Auffälligerweise ist es gerade nicht die Astronomie, die den Zorn der Inquisitoren und Zensoren erweckt, sondern vielmehr deren Schwester, die prognostische Astrologie – und zwar bloss dort, wo diese zukünftigen Ereignisse als «sicher» voraussagen zu können behauptet.

Sonst wird systematisch bloß gegen die schwarze Magie vorgegangen, da sich diese des Teufels oder seiner dämonischen Dienerschaft bediene. Hier sympathisiert der heutige Leser leicht mit der Auffassung der Zensoren. Solche Sympathie wird durch den Umstand gefördert, daß beide Praktiken, die astrologische Prognostik und die schwarze Magie seit dem 18. Jahrhundert den Pseudowissenschaften zugerechnet werden.


Es stellt sich die Frage, so die NZZ bzw. die Forscher, wie der Konflikt im 19. Jahrhundert überhaupt habe entstehen können. Denn das, worauf sich diese Wissenschaftsfeindlichkeit der Kirche angeblich bezogen habe, betrifft Wissensgebiete, die in den Augen der Kirche ja gar keine Wissenschaften waren:

Denn von der Warte der mittelalterlichen Terminologie aus betrachtet ist die Theologie ja nicht nur selbst eine der Wissenschaften («scientiae»), sondern gar deren Königin – und die einzige, in welcher man einen Doktorhut erwerben konnte (die anderen «höheren» Fakultäten, Medizin und Jurisprudenz, galten nicht als Wissenschaften). Logischerweise kann somit die Fehde eigentlich nur als wissenschaftsinterner Zwist begonnen haben, der im Laufe der Zeit zu einer Spaltung der Wissensmodelle, zu einem kognitiven Schisma, geführt hat.

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*(Es ist z. B. das heliozentrische Bild des Kosmos eines neben anderen, wobei im Prinzip dabei zum Problem wurde, wie die Metaphysische Wahrheit des Anthropozentrismus - der Mensch als Gottes Ebenbild, wie in Jesus unverrückbar geoffenbart - mit entsprechenden Beobachtungen und physikalischen Ableitungen vereinbar sein könne, denen gemäß die Erde NICHT das Zentrum des Alls sein solle.)


** Die Inquisition wurde völlig ungeteilt im Interesse der weltlichen Herrschaften aufgeführt, ja von dieser verlangt, weil damals noch völlig klar war, daß nur eine einheitliche Religion (bzw. Weltanschauung) des Volkes auch die Regierbarkeit möglich machte. Kam es in Religionsfragen zu Spaltungen, so würde unweigerlich auch ein Herrschaftsbereich in weltlicher Hinsicht bzw. eine Kultur zerfallen. Dies ist eine Wahrheit, die sich ja ununterbrochen bewiesen hat, und heute sträflichst - wobei: aus Dummheit wohl - aus dem Kalkül europäischer Politik (und Historie) verschwand. Diese (wirkliche) Einheitlichkeit der Weltanschauung und Religion, übrigens, ist vielleicht eine der markantesten Eigenschaften des europäischen Mittelalters. Und war Grundvoraussetzung für die Entwicklung der europäischen Kultur.


*191010*