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Samstag, 5. März 2016

Krankheit der Zeit - Realititätsverweigerung

Die Identität eines Menschen ist konstituiert durch die Spannung in Richtung auf den Grund seiner Existenz. Der Mensch kann seine Identität jedoch ablehnen; er kann ein Selbst imaginieren, es mit doxischer Vernunft ausstatten udn ihm erlauben, sich mit dem Entwerfen Zweiter Realitäten zu befassen. 

Außerdem kann er sich seines Tuns weitgehend unbewußt bleiben, so daß er in gutem Glauben vorgeben kann, er sei das Selbst, das er selbst imaginiert hat, und die Aktivitäten des Selbst seien seine eigenen Handlungen und Gedanken. 

Da er die Realität, die er auszublenden versucht, nicht abschaffen kann, wird sich schließlich in seinem Bewußtsein eine Spannung zwischen dem wahren und dem falschen Selbsrt, zwischen der beanspruchten falschen und der abgelehnten wahren Identität entwickeln. Seine Existenz ist strukturiert durch zwei Selbste.


Eric Voegelin in "Realitätsfinsternis"




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Montag, 23. März 2015

Selbstvergottung statt Vergottung des Selbst

"Viele," schreibt Irenäus einmal von den Gnostikern, "oder besser: alle wollen Lehrer sein und sich von der Häresie, in der sie gewesen sind, trennen. Indem sie eine Lehre aus der andren und wieder andere zusammenstellen, bemühen sie sich, dies wenigstens auf neue Weise zu lehren, damit sie als Erfinder ihres Lehrgebäudes gelten können." Der Erzgnostiker Simon sah sich als die allerhöchste Kraft selbst, als über alles überhobenen Vater. Und damit als Erfinder wie Berichter der Wahrheit.

Damit unterscheiden sich die Gnostiker grundlegend von den Mythologen, dem "Mythensager". Denn der will immer das Uralte, die wahre urzeitliche Geschichte wiedergeben, und noch genauer als andere vor ihm. Daraus entwickelt sich die mythische Erzählung immer weiter. Niemand dachte daran, etwas zu "erfinden".

Genau das aber wollen die Gnostiker, indem sie sich zu Gott selbst erheben, und in dieser Erfindung ihre Gottesschaft beweisen wollen. Sie erliegen der Versuchung, aus der "Vergottung des Selbst" die "Selbstvergottung" zu machen. Sie glauben, schreibt Karl Kerenyi dazu unter Bezug auf Jung, sie selbst seien der Uranfang.

Diese Vergottung des Selbst (nicht: Selbstvergottung, die ein schweres Vergehen war, weshalb die Antike - und nicht nur sie - auch die Magie ablehnte, in der sich der Magier der Urbilder habhaft machen will) ist auch in der Antike eine Teilhabe an einem archaion, einem Urbild. Ja, die Antike bzw. die Alte Welt verstand überhaupt alles, was es auf der Welt gab, als Erscheinung eines solche Urbildes, das Kraft hatte, und den Willen, sich zur Welt herauszutreiben. Sowohl als Ding, als auch in Eigenschaften. Wer als kräftig war, war Phänomen des Urbildes der Kraft selbst, wer König war Phänomen des Urbildes des Königs, etc. 

Damit aber war in der Antike auch die Person noch nicht abgegrenzt, denn ein eigenes Personsein, ein Ich in der Welt hatte sie nicht. In allen Dingen, in allen Menschen, stand einem eine Inkarnation des Urbildes gegenüber. Als Spiegelung, aber auch von diesem Urbild her durchlichtet, und darin vergöttlicht. An diese nus können die Menschen teilhaben, er ist aber nicht ichhaft, und ebensowenig subjektiv wie das Sonnenlicht. Wer also einer göttlichen Gestalt glich, war göttlich. Und an diese wirkungsvolle Gestalt war auch die wirkende Kraft schlechthin gebunden. Damit immer an eine bedeutende und charakteristische Persönlichkeit.

Aus diesem Empfangenden aber wird allzu leicht der Fehlglaube, darüber willkürlich (oder über Riten, Rituale etc.) verfügen zu können, wie es zur Gnostik führt. Aus der Vergöttlichung des Selbst - wird die Selbstvergöttlichung. Karl Kerenyi vergleicht einmal diesen Schritt mit dem Ton, der plötzlich meint, sich selbst hervorbringen zu können. Die Gnosis macht das Klingen DURCH den Ton zum ursprunghaften Hervorbringen des Tones. Gnostiker sehen sich ontologisch als Samen der Welt, ihr Tun als urschöpferisches, göttliches Sperma. Daraus folgt auch die große Rolle der Erotik, die die Gnostik kennzeichnet. Denn die Welt ersteht ihnen aus der Vermählung des Seins mit dem Nichts.*

Die Nähe zu gewissen Formen (auch: Auswüchsen) des protestantischen Quietismus ist ebenfalls nicht zufällig, denn das eigentliche Geschehen im Protestantismus trägt dieselben Züge in der Rolle des Ich, wie Paul Hacker so hervorragend herausgearbeitet hat. Eric Voegelin (formal ein Protestant, der nie offiziell zum Katholizismus übergetreten ist, aber nicht aus Anschauungsgründen) hat sogar direkt den Protestantismus als gnostische Bewegung bezeichnet.




*Diese Auffassung ist scharf von der Logos-Auffassung der Stoa zu trennen. Denn dieser Logos - als logos spermaticos, als Sperma aufzufassen -  ist wenn er in die Seele des Menschen gesät wird, keine Urzeugung des Menschen, sondern läßt ihn an der Weltvernunft teilnehmen, und erhält ihn teilhaftig dem Weltplan.





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Sonntag, 30. November 2014

Reflexivität und Beschleunigung

Es ist ein großer und schrecklicher Irrtum, der viel mehr mit Täuschungsmanöver zu tun hat, zu meinen, die Unterschiede der Haltungen zur Welt, als wirkliche Unterschiede unter den Menschen, wären aus inhaltichen Definitionen erkennbar oder würden sich gar darin erschöpfen. Denn es sind in Wahrheit spirituelle, in der subjektiven Spiritualität gründende Differenzen, die die Welt auseinandergerissen haben.

Und sie sind bezeichen-, aber schwer im Zwischenmenschlichen argumentierbar, weil sie in der zwischenmenschlichen Kommunikation auf eine Aporie stoßen. Die der Diskretion, in der dem anderen Freiheit und Sosein belassen wird. Denn ein Argumentieren würde ein direktes Eingreifen in das Seelenleben des anderen bedeuten. Nur die lebendige Predigt könnte das leisten, der Beichtstuhl gleichermaßen, oder und gerade: die Kunst, die Ebene des Symbolischen. Denn nur auf diesen Ebenen wird der Mensch ins tiefste ontologische Mark getroffen.

So ist auch der entscheidende Unterschied, den Luther ins Christentum einführte, nicht auf der Ebene von Dogmen und Glaubensbekenntnissen zu begreifen. Die entscheidende Wende Luthers, die das ganze Abendland wie Sauerteig durchwachsen hat, ist die Wende zum Reflexiven. Nicht einmal mit dem Wort "subjektiv" läßt sich das beschreiben. In Luther wurde das Transzendente nämlich nicht nur ins eigene Erleben verlegt, sondern das eigene Erleben IST SELBST das Ontologische. Indem Luther das Heil und die Wahrheit in das Erleben subjektiver Gewißheit(en) verlegte, mit allen unlösbaren Widersprüchen, die sich daraus ergeben, wurde Wahrheit und Gnade zum psychogenen Erlebnis. Wurde Spiritualität zur Hervorrufung von Gewißheits- und Trost- und -Heilsgefühlen.

Die gesamte Entwicklung der Philosophie, das Auftauchen der Psychoanalyse, die gesamte Veränderung der Naturwissenschaften, sie alle zeugen davon, daß der Mensch, der sich in Wahrheit nie vom Gegenüber des Seins lösen kann, diese Steine, die der Wahrheit mehr und mehr im Wege liegen, erkennt, ja benennt. Aber nicht in ihre Ordnung stellen kann. Sodaß alle die Thesen und Theorien und Philosophien der letzten Jahrhunderte im letzten ein Versuch sind, den Wahrheitsbegriff dadurch zu retten, indem er um die Problemzonen persönlicher Spiritualität herumgeleitet wird. Sie wurden Rechtfertigungsversuche in die Wahrheit hinein, die zwangsläufig im Rationalismus und im Konstruktivismus enden müssen, als Etikettenschwindel allererster Güte. Weil sie die persönliche Substanz der Wahrheit irgendwann über Bord werfen müssen.

Umso vehementer werden Wortgebilde zu Kriegsinstrumenten geformt, hier, oder völlig ignoriert, dort. Weil deren Öffnung auf die persönliche Substanz der Wahrheit hin die persönliche Reaktion bräuchte, und damit die Gefahr einer Erschütterung einschließt, die nicht ausrechenbar ist. Die Ablehnung der Tradition, die Ablehnung der Autorität der Väter, der weiblichen Fleischlichkeit als "vorhandene Predigt", als Eckstein eben dieser persönlichen Verankerung von Wahrheit, erzählt davon.

Nachgerade umgekehrt wurde dafür der spirituelle Weg zur Beliebigkeit erklärt, um so persönlicher Verantwortung und psychischer Problematik auszuweichen. Wurde die Auseinandersetzung mit Gott und Wahrheit zum Streit der Schilder, die jeder so rasch als möglich beschriftet und vor sich her trägt.

Die einzige Möglichkeit der Läuterung der Wahrheit aber besteht in einem Streit der Sittlichkeit, und das heißt nicht primär: Moral, wenngleich AUCH. Sie besteht auch nicht - auch das eines der Schattengefechte - im Nachweis und in der Verurteilung persönlichen Fehlen in einer Situation und Lebenslage. Die Sittlichkeit, auf die es ankommt, ist der Wille, trotz der Schwäche immer wieder neu das Ziel der Freiheit anzustreben, immer wieder die eigene Wahrhaftigkeit zu suchen, und nicht nachzugeben in den zahllosen Möglichkeiten, diese Wahrhaftigkeit zu übertölpeln und sich und andere zu betrügen.

Es ist dieselbe Ungeduld, die Luther vorzuwerfen ist, der mit seinem Scheitern, diesem nie endenden Erleben realer Bedürftigkeit nicht fertig wurde, die der Beschleunigung der zivilisatorischen Lebensvorgänge zugrunde liegt. Denn wo ich das Heil, die Rettung nicht mehr von außen erwarte, real und konkret und fleischlich, als Gnade, als Gabe die ich nicht "machen", nur empfangen und erhoffen kann, wird sie zum notwendig zu Machenden. Während gleichzeitig damit das Vertrauen in das Sein der Welt - und damit in ihren Sinn - verdunstet. 

Solcherart aber entwurzelt, zum Luftballon geworden, der über dem Boden schwebt, wird Heil zur hysterisch herzustellenden Gedankenwelt, wird Wahrheit zum Webteppich, dessen Muster ich so rasch als möglich und so dicht wie möglich durch Integration von "Richtigem" weben muß: das Zeitalter der omnipräsenten Medien, die aber existentiell notwendig sind, ja die die Matrix des Existentiellen sind, die Ära der Sprache, die wie Schnittblumen behandelt wird, brach an. Die Angst wuchs und wächst, und zwar reziprok-korrelativ, daß sich eines Tages doch das Sein melden könnte, die Steine, die unter den höher und höher geschichteten Matratzen verborgen wurden, könnten wieder durchstoßen. Real und geschichtsmächtig, aber nach seinem Willen. Nicht einfach als "psychisches Erlebnis", als wäre Welt und Geschichte in den Grenzen des Zuckergeschmacks befangen.

Und in falscher Spiritualität meinen wir, daß das Sein - als bedrohliches Element, denn es zwingt, es fügt sich nicht, es läßt uns ohnmächtig sein - in dem Moment nicht  mehr vorhanden wäre, wo es gelingt, die Angst zu verdrängen. Als wäre Religion das Einwerfen einer Droge und Spiritualität die subjektive Psychomechanik, in diesem Wohlgefühl möglichst lange zu verharren.



Literaturempfehlung zum Thema: Paul Hacker, "Das Ich im Glauben bei Martin Luther"; Eric Voegelin "Luther und Calvin"; Sören Kierkegard "Angst"; Paul Schütz "Zwischen Nil und Kaukasus"; Ferdinand Ebner "Pneumatologie"; Walter Hoeres "Reflexivität und Reflexion"




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Sonntag, 31. August 2014

Richtungsumkehr

Einer der verständnisförderndsten Grundgedanken Voegelins in seiner Untersuchung über die babylonischen und ägyptischen Frühkulturen ist der, daß die Menschen was immer in ihrem Leben passiert ist, was immer sie vorfanden, in einer einheitlichen Gesamtordnung erlebten. Also nicht Gebiete trennten. Das betraf auch die Politik. Die menschliche Lebensordnung war also wie alle Ordnung, in der die Welt erlebt wurde, und die mit den Zeiten immer mehr erkannt wurde, ein Abbild der kosmischen Gesamtordnung. Dies läßt sich auf jeden Fall auch von sämtlichen übrigen Frühkulturen der Welt annehmen, wie China.

In den Festen und Feiern, in den religiösen Liturgien wurde diese Gesamtordnung wie ein Quell dargeboten, von dem alle, die teilnahmen - und teilzunehmen war also Pflicht wie Bedürfnis jedes Bewohners - schöpften. So wurde die Gesamtordnung in jede Teilverrichtung des Lebens hineingetragen. Denn in den heiligen Feiern, deren allerzentralsten Teil der Herrscher als Vertreter Gottes zu vollbringen hatte, Priester und König in einem, wurde die Gesamtordnung repräsentiert und verehrt, in der alles nach Gottes Willen vorging und - vorgehen sollte. So war jede menschliche Tat gerechtfertigt.

Dies ist aber genau der Sinn jeder Feier, und jeder Liturgie: In der Teilnahme nimmt der Nicht-Zelebrant, der Mitfeiernde, den kosmischen Sinn in sein Leben hinein. In Rhythmus, Struktur, Ordnung der Heiligen Feiern, in deren spielerischem Ernst wird so sein Leben selbst gestiftet. Nicht er ist es, der stiftet - sondern das Leben wird ihm gestiftet. Er nimmt es ehrfürchtig an, und trägt es in seinen Alltag.

Wie verrückt mutet da das Bestreben an, wie es heute so vielfältig zu beobachten ist (man denke an die Art, wie katholische Gottesdienste oft schon gefeiert und vor allem: verstanden werden), in denen sich der Einzelne als Stifter von Ordnung und Heil sieht. Meint, Form und Inhalte seiner zentralen Lebensfeiern selbst bestimmen zu können. Dies korreliert natürlich mit dem Phänomen der Selbstvergottung, das als vielleicht tragischeste Frucht einer verirrten Gegenwart zu erfahren ist. Wo der Einzelne sich selbst, in seiner Eigenmächtigkeit, als Weltenschöpfer sieht, der sogar das Wesen der Heiligen Feiern zu bestimmen habe, aus dem dann die Welt durchformt und wirklich wird. Als freche Herausforderung an den Kosmos.




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Donnerstag, 24. April 2014

Zugang nur über die Haltung

Wahrheit, schreibt Eric Voegelin in einem Brief, ist nicht einfach eine Ansammlung von Aussagen über einen welt-immanenten Gegenstand. Sie ist das welt-transzendente summum bonum, das als orientierende Kraft in der Seele erfahren wird und von der wir nur in Analogie-Symbolen sprechen können. Sie ist existentiell, wie er an anderer Stelle sagt, hat also einen nicht-kognitiven Aspekt.  

Die Wahrheit der Ontologie (einschließlich im besonderen der philosophischen Anthropologie) ist nicht ein Datum, das von jedermann zu jeder Zeit erkannt werden kann (wenn er nur seinen Kopf benützt, Anm.). Ontologisches Wissen entsteht im Prozeß der Geschichte und biographisch im Prozeß des einzelmenschlichen Lebens, unter gewissen Bedingungen der Erziehung, der gesellschaftlichen Umgebung, der persönlichen Neigung und der seelischen Habituierung. Die Episteme ist nicht nur eine Erkenntnisfunktion, die ist auch, im Aristotelischen Sinne, eine dianoetische Areté (also eine sich aus der Vernunft ergebende, bzw. eigentlich erst Vernunft seiende Vortrefflichkeit einer Person; Anm.)

Jeder Diskurs hat deshalb seine Grenzen dort, wo die Aussagen das Feld des "Richtigen" berühren bzw. an diese Grenzen kommen. Diese sind durch Logik alleine nicht zur Wahrheit hin - die damit ein "Verstehen" ist, kein "Diskurs-Resultat" - zu überschreiten. Wobei die Logik im strengen Sinn bereits diese Haltung (areté) zur Wahrheit hin verlangt. Denn es gibt sehr wohl an die Person gebundene Ebenen, die auch die Möglichkeiten ihrer Logik begrenzen und keineswegs aus dem Diskurs heraus zwangsläufig überschritten werden können, und diese Grenzen liegen nicht zuletzt in der Begrifflichkeit, als in dem, was als Wahrheit über ein "etwas" als Diskursinhalt - ontologisch - erkannt wird.




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Sonntag, 13. April 2014

Geschichte als Wirklichkeit

Geschichtlichkeit ist nicht schlicht das Geschehen, das an den Dingen beobachtet werden kann, einfach die Dialektik, der Dialog, der aus ihrem zueinander erwächst. Daran täuscht man sich oft in dem, was man als "Geschehen" beobachtet oder erinnert. Geschichtlichkeit ist immer ein Ringen der Wirklichkeit, und damit nie "zeitliches Geschehen", sondern ewiges als zeitloses Geschehen im Zeitlichen.

Deshalb ist die faktische Geschichte in zwei Weisen geteilt: einerseits die wirkliche Geschichtlichkeit, und anderseits die Flucht davor, meist mit dem Versuch, eine zeitliche Geschichtlichkeit zu konstruieren, Geschichte gewissermaßen zu simulieren. Solch letztere Geschichtssimulation ist nur insofern Geschichte, als auch dieses Geschehen in das eigentliche Geschichtsgeschehen - als zeitloses - eingebettet bleibt.

Nur vor diesem zeitlosen Hintergrund ist deshalb Geschichte überhaupt verständlich. Und sie ist insofern tatsächlich zeitlos: sie ist die Geschichte der immer gleichen Grundbilder, die allem Geschehen, allen Dingen zugrundeliegen, und zu denen sie sich (beim Menschen: in eigener Sittlichkeit) verhalten.

Eric Voegelin sieht deshalb in aller Geschichte nur die immer selben Muster der Grundsymbole als sichtbare Ideamorphen (Gestalten der Grundideen als Grundwillen). Nur wenn man dieses geistige Geschehen versteht bzw. sieht, kann man Geschichte überhaupt verstehen. Geht man nicht den Irrweg zu meinen, das weltliche, zeitliche Geschehen sei (irgendwie) das bloße Zueinander von weltlichen Faktoren und Wirkkräften. Aber das wirkliche Geschehen, die Wirklichkeit im alten Ägypten ist um nichts anders - und dann sieht man auch die Parallelen - als Vorgänge in Rumpelstädt an der Kleinen Aller im 19. Jhd., oder in der Weltgeschichte Gegenwart. Erst in der Ausrichtung auf die und diese Wirklichkeit, wird Handeln deshalb überhaupt erst zu geschichtlichem, zu verantwortbarem Handeln. Der Rest ist Illusion und Irrtum als Unfreiheit.

wobei man nur nicht glaube, das betreffe nur die "hohe Geschichte", die sich in gelahrten historischen Wälzern wiederfindet. Es betrifft jede einfachste, alltägliche Handlung, die von denselben (!) Grundstrukturen getragen ist. Die Entscheidung, dem Nachbarn den Kaktus auf den Kopf zu werfen, ist (prinzipiell) dieselbe Grunddimension wie die, eine Atombombe auf Nagasaki zu werfen, und sie unterliegt denselben Verantwortungselementen, nur auf anderer Ebene. Einer Ebene mit größeren Wirkungskreisen, die im äußersten Fall bis zur Wirkung auf die ganze Welt gehen.

deshalb ist die sittliche Reife des - rein irdisch gesehen - höchsten Entscheidungsträgers weit mehr gefordert. Der König (Sinnbild des höchsten Herrschers) ist deshalb gerufen, die höchste Sittlichkeit und Heiligkeit zu wirklichen. In ihm abstrahiert sich die (geschichtliche) Wirklichkeit am reinsten, und doch sollte er darin Urbild des Wirkens aller seiner ihm zugeordneten Menschen sein.

Es ist noch heute bekannt, und wird leider oft völlig unterschätzt, in welchem Ausmaß die Realität in den Herrscherhäusern die Sittlichkeit und Haltung in den alltäglichsten Dingen und Haushalten beeinflußt. Aber das Leben des Königs ist nach wie vor urbildlich für das Leben seiner Bevölkerung. Wie er lebt, handelt, denkt, lebt handelt und denkt das Volk, ob es das weiß oder nicht.*

Und deshalb ist das historische Geschehen um Jesus Christus keine abgehobene "Erlösungssalbe", sondern die reinste (in seiner Dimension freilich den Menschen als Nur-Menschen prinzipiell, nicht graduelle übersteigende) Form des Grundgeschehens in JEDEM Menschen. Und deshalb ist jeder Christ, jeder Getaufte, jedes Mitglieder der Kirche auch - Königssohn wie König, als Kern seiner Berufung. Die Kirche ist eine Versammlung eines auserwählten Königsgeschlechts, seine Würde ist die des Königs (s. u. a. Johannes Paul II. in "Die Königswürde des Menschen")

Die Passion Christi aber ist ein Königsdrama.
"Bist Du ein König?"
"Ja, ich bin es."


*Das ist der wahre Grund, warum sich in der Kunst der Vor-Moderne alles in hohen und höchsten Kreisen abspielt. Es gibt etwa in der Antike nur Königsdramen, der König war zum Idealbild "Kreon" gezeichnet. Seine Konflikte waren urbildlich für die des Volkes, sie enthielten sie. Die sogenannte bürgerliche Kunst hat nur dort und insofern Wert, als sich in ihr der Königskonflikt findet oder sie die Suche nach diesem König IM Bürger ist.





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Samstag, 8. März 2014

Das Nichts des Zweifelnden

Die Bindungslosigkeit des Menschen (die die der Liebe entbehrende Verweigerung von Gestalt als Ehe von Form und Materie ist) entspricht der Ebene des Zweifels, der jede Festlegung entsagt. In der Meinung, nur so erhielte er sich die Freiheit, vernichtet er das Vertrauen, die Basis der Dinge überhaupt.

Tatsache bleibt dann zwar, daß er tatsächlich "zu allem" fähig bleibt, aber nur potentiell. (Und schon gar nicht, übrigens, praktisch, ein Aspekt, der vielfach völlig übersehen wird, denn zur Befähigung braucht es weit mehr als "Talent" bzw. eine gewisse Disposition, Fähigkeit kann sich nur in der Verschwisterung mit Tugend entwickeln und entfalten, wird also nur bei praktischer Fähigkeit zur wirklichen Tüchtigkeit, zum "Können".)*

Gleichzeitig nämlich bleibt der Zweifelnde (und Bindungslose) in seiner "freischwebenden" Intelligenz - nichts.

Erst in der Bindung (dem "schaffenden Wort" des Versprechens, des Eids, ein Urgeheimnis des Wortes, der Sprache, auf dem sie überhaupt aufbaut, das zurückreicht in den "logos", das Wort, das im Anfang war - als Sinngebäude, und das ist ja: Gestalt) vollzieht der Einzelne das Wesen eines Werkes, das ihn ja immer übersteigt bzw. in dem er sich übersteigt, aus sich heraustritt (ekstase). Denn in ihr wird das höhere Vollzugsgesetz zum (höheren, weiteren) Organismus, den er wirkt, erfüllt. Das Teil, auf andere Weise ausgedrückt, stirbt in das Größere, Ganze(re) hinein. Theoretisch: bis es "alles" ist. Wobei diesmal wäre es wirklich "alles", und nicht "alles vielleicht, aber nichts wirklich".

Identität ist damit das Zweifachspiel des Gegebenen - und des Ergriffenen, und dann selbst als Basis der Beziehung zur Welt Bewahrte. Denn alles Seiende (alles, was "etwas ist") muß sich (als Idee**) selbst ergreifen, um im Dasein zu bleiben.

Sprengt sich ein gesellschaftliche Verband (Familie, Sippe, Land, aber auch etwa ein Unternehmen, ein Stand), wird ein gesellschaftlicher Verband zerstört, so steht in den Zerfallsteilen der Zweifel auf. Sie werden gezwungen, den aus den "losen Bindungen" (Schmerz) im Selbst erkennbaren Abdruck im Geist, im Verstand zu rekonstruieren. Das ist der Moment, von dem Voegelin spricht, wenn er die "Ideierung" als markante (katastrophische) Kultur-Verfallsstufe anspricht, als die große Versuchung des Hinaufdrückens des Realen ins Ideell-Statische. Um so aus der Idee (dem Ideenbild, einem Gedankending sozusagen) heraus dem "Schmerz" (s.o.) zu antworten und vermeintlich zu überwinden (und sei es: in der Trauerarbeit als Beziehung zum Nicht/Nicht-mehr im Reich der Toten).

Deshalb kann man davon sprechen (siehe: Augustinus), daß der "sich Täuschende" (Enttäuschte etc., der Schmerz Erleidende in obigem Sinne) sich im selben Zuge erst "als ICH" (bewußt) erfährt, wenn er sich bindet (und darin Verlust erleidet). Es ist die Geburtsstunde des reflexiv erfaßten Ich. (Ab hier könnten noch weite Brücken - bis zu Hegels Verstandesfundierung als Weltgeist - geschlagen werden, denn so bildet sich im Verstand das Ideenbild der Welt ab, bei Hegel sogar aus dem Grundprinzip der Verneinung/Antithese heraus.) Mit der Gefahr, dieses "zweite Ich" für die Substanz selbst zu halten - der Ausgangspunkt des seins-getrennten Rationalismus, der seinen Verstand überhaupt mit "Welt" identifiziert und sich (und Welt) aus sich selbst positiv konstruiert glaubt. 

Belassen wir es mit dem Hinweis auf Sokrates, der da sagt: "Wenn Du etwas lernen kannst, lerne das Nicht-Wissen." Denn der Rationalismus baut auf dem GLAUBEN (einer Vorentscheidung also) auf, daß das (im Verstand) Gewußte oder zu Wissende (und nur das) - die Welt sei. Damit fällt sein Ich auch zur Gänze ins Historisch-Relative (Descartes!), hat keine überzeitliche Substanz, die ihm voraus geht. Wenn man das noch mit der Tatsache der Bezogenheit des Selbst als soziales, historisch-relatives Konstrukt verknüpft (siehe etwa J. Lacans), bleibt überhaupt nichts mehr, fällt eine Kultur (weil die Personen, die in ihr leben) regelrecht in sich zusammen, löst sich ins Nichts auf. Wer die Geschichte des 20. Jhds. verstehen will, kann nur dort ansetzen: bei den vergeblichen Versuchen, mit diesem positiven Willen diese Substanz zu schaffen, die das 18. Jhd. definitiv auflöste, das 19. suchte (Kant, Hegel, Schopenhauer, Nietzsche ...) und konstruktivistisch vermeintlich fand, und das 20. zu realisieren müssen meinte. Und das wiederum wäre gar nicht möglich, wenn es sich nicht auf die tatsächliche Struktur alles Seienden beziehen könnte, das die Trinität aus Wort/Idee - Fleisch/Wissen - Liebe/Wille analog (ähnlich) dem Ursprung, Gott dem Sein also, in seiner inneren Geschehensweise DARSTELLT (für den Rationalisten: ist). 




*Das Selbstgefühl, "alles zu können", ist deshalb das typische Gefühl des Jugendlichen, des noch nicht Erwachsenen, dem einerseits die Kräfte zur Welt hin erwachen, anderseits die Formung fehlt, die diese "Anlagen" überhaupt erst zu Fähigkeiten macht, und damit spezifiziert, weil sie nur so Fähigkeiten werden. Der Nicht-Erwachsene "kann alles", ohne irgendetwas zu kennen (und damit zu lieben), und kann damit nichts. Der Erwachsene hingegen "hätte manches andere auch können", weiß aber, daß er sich entscheiden (als: positiv binden) mußte, um überhaupt etwas zu können.

**Mit der üblichen Warnung, Idee auf "statisches Bild" eingeengt zu sehen. Sie ist vielmehr als "Bewegungsbündel" zu verstehen, als Bündel von Antrieben zu einer Gestalt. Wird sie zum "statischen Bild", haben wir genau das, was den lebendigen Kulturvollzug als Selbsvollzug erstickt.




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Sonntag, 16. Februar 2014

Denn sie wissen nicht was sie tun

Ein Auszug aus einem Bericht über Frankreich aus der FAZ, wo die Regierung Hollande ein Gesetz nach dem anderen durchzieht, um die Gesellschaft "umzugestalten". Viele Franzosen wehren sich dagegen. Wenigstens das haben sie der hiesigen Bevölkerung voraus. Wo angeblich eine Mehrheit bereits solches Vorgehen für normal hält weil die damit durchgesetzten "Werte" für richtig. Und selbst dann noch, denn für persönliche Ansichten könnte einer noch Respekt aufbringen, so verrückt sie sein mögen - niemand denkt sich noch etwas dabei, Dinge nicht einfach für "richtig" zu halten und im eigenen Lebensvollzug umzusetzen, sondern selbst Höchstpersönliches auch durch Gesetze vorzuschreiben.

Man greift auf solche Weise in den Blutkreislauf eines Volkes, eines Staates sein, vergiftet und entwirklicht den gesellschaftlichen Raum, schafft einen "Gottesstaat" für die neue Religion. Noch gibt es große Bevölkerungsanteile, die - wie in Frankreich - den Mut nicht verloren haben, und nur deshalb können unsere Systeme noch überleben. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis entweder die große Apathie einsetzt, oder die Konflikte im wahrsten Sinne schlagend werden. Und nichts ist kompromissloser, als der Kampf der Guten gegen die Bösen. 

Eric Voegelin legt in "Die politischen Religionen" die Mechanismen frei, die die politischen Strömungen des 19. und 20. Jhds. als Sublimationsformen der Gottferne, ja als Entwicklungen entarteter religiöser Ideen begreift. Mechanismen, die sich aus genuin religiösen, aber dekaptierten Grundschemata menschlichen Daseins erwachsen. Die Seinsvergessenheit der Gegenwart kann sich gar nicht anders äußern als in der Selbstvergottung der Menschen, der sich eine "neue schöne Welt" schafft. Weil dieses Ziel so "edel" ist, rechtfertigt es jede Schandtat des neuen "Volkes Gottes". Wie Himmler einmal sagte: "... ob fünfhundert, oder ob tausend Leichen daliegen. Aber dabei stark geblieben zu sein ..."


Das [jüngst beschlossene; Anm.] Gesetz reicht über die Paritätspflicht in so traditionsreichen Institutionen wie den Gelehrtenakademien weit hinaus. An den französischen Journalistenschulen müssen die Absolventen sich künftig einem Pflichtkurs unterziehen, um sexistische Vorurteile und Klischees zu erkennen und in ihrer künftigen Tätigkeit darüber aufzuklären. Das Gesetz beinhaltet zudem eine Ermunterung an die Männer, vermehrt ihren Vaterschaftsurlaub in Anspruch zu nehmen und schon frühzeitig in der Kindererziehung aktiv zu werden. Die sogenannten Mini-Misswahlen für junge Mädchen unter 13 Jahren werden verboten. Schönheitswettbewerbe für 13 bis 16 Jahre alte Mädchen müssen fortan durch ein behördliches Genehmigungsverfahren zugelassen werden. Zudem enthält der Gesetzestext verschärfte Maßnahmen gegen sexuelle Belästigung im Internet oder per Telefon.


Das bürgerliche Gesetzbuch (Code civil) wird auf Wunsch der Grünen sprachlich bereinigt. Der vom lateinischen bonus pater familias stammende Begriff des „guten Familienvaters“ wird durch den Ausdruck „vernünftig“ ersetzt. Die Grünen hatten in der Formulierung „ein überholtes Familienbild“ ausgemacht. Es reiche vollkommen aus, dass ein Vermögen oder eine Immobilie „vernünftig“ verwaltet werde. Die Aufgabe des Bildes vom „guten Familienvater“ aber hat die Gegner der Gesetzesänderungen besonders erzürnt. Die Vorsitzende der im Protest gegen die Homo-Ehe entstandenen „La manif pour tous“, Ludovine de la Rochère, etwa wittert dahinter den Versuch, die Geschlechterunterschiede zu leugnen und die traditionellen Familienstrukturen weiter zu zerstören. Seit der Einführung der Homosexuellenehe am 17. Mai 2013 hat sich die Gegenbewegung nicht aufgelöst, sondern setzt über soziale Netzwerke den Widerstand fort.



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Sonntag, 9. Februar 2014

Irrationalität der Moderne

Vernunft, schreibt Eric Voegelin in "Das Drama des Menschseins", ist an erster Stelle das Bewußtsein, von einem Grund der Existenz her zu existieren. Vernunft ist also ein Inhalt, der äußerst wichtig ist.

Das Ausharren zu diesem Grund ist das, was als humane Leistung bezeichnet werden kann - als existentielle Tugend. Und dieses beharrliche Suchen des Bezugs des Vielen zu diesem Grund (als Inhalt) ist das, was man mit Weisheit bezeichnet.

Entfernt man diesen Inhalt, etwa gar indem die Frage nach dem Grund ausgeklammert wird, was ja möglich ist, so wird die Vernunft leer, zu einem bloßen Instrument der Handhabung weltimmanenter Dinge. Das einzelne Fragen wird zu einem grundlosen Fragen (im wahrsten Sinn), der Blickpunkt, unter dem die Beziehungen der Dinge untersucht werden, wird zufällig und vor allem: er wird irrational, willkürlich. Das führt im Fortlaufe der Zeit zu einem völlig chaotischen Fragen, das immer weniger Inhalt und Antwort enthält.

Oder man nützt eine der zahlreichen Möglichkeiten, diesen Grundinhalt durch andere Inhalte zu ersetzen. Diese aber werden damit zu bloßen "-ismen", zu Ideologien, die nur so lange und so weit tragen, als die Grundprämissen eingehalten werden, von denen aus die Beziehungen zu den Dingen konstruiert werden. 

Fehlt aber die reale Beziehung des Grundes zu den Dingen der Welt, so ist auch die Welt zwangsläufig nicht mehr vernünftig. Weshalb der Grund - als Ursprung - zur (bald fanatischen) Kernfrage aller solcher Vernünftigkeit wird, die keine andere Antwort neben sich erträgt. Sie wird irrational, die Wirklichkeit wird zur potentiellen Bedrohung, und alle, die sie vertreten oder verkünden (wie die Kirche, die ja nicht nur über die Menschen, sondern in ihrer Existenz in der Polarität zu ihrer Potenz alleine die wirkliche Wirklichkeit vertritt), zu Bedrohenden.*

So, wie die Moderne seit dem 18. Jhd. zwar "rationalistisch", aber zutiefst irrational wurde, weil sie den Grund auszuklammern begann. Ja, sie wurde zwangsläufig im Maß ihrer Unvernünftigkeit "rational", weil die Widersprüche aus der Grundlosigkeit heraus mit der (historisch zwangsläufig zunehmenden) Quantität der Dinge gleichfalls zunehmen.

Weil somit der Grund die Vernunft konstituiert, ist die menschliche Vernunft auch durch ihre Art die Struktur des existierenden Menschen selbst. Und darin die Struktur einer Gesellschaft. Denn nur aus der Teilhabe (wie Aufrechthaltung) an einer einzigen bzw. vom selben Grund her bestimmten Vernunft kann sich Gemeinschaft bilden. Als Quantität von Menschen, die in ihrer Qualität zueinander vom Grund und seinen Forderungen her bestimmt sind wie sich bestimmen lassen.

Das begründet damit ihre Ethik - der gemeinsame nous, die gemeinsame Vernunft. In der sich alle von derselben Art sehen, denselben Bezügen ausgesetzt und unterworfen. Deshalb kann es nur auf dieser Ebene eine gemeinsame Ethik geben, weil Ethik dieser Vernunft entspringt. Die nicht willkürlich (nach bestimmten Glücksvorstellungen etwa) postulierbar, ausrufbar ist, sondern der alle beitreten müssen, und die ihr Einigungspotential nicht in Zwecken, sondern in ihrer Fähigkeit erweist, die Weltbeziehungen erschöpfend zu begründen. Sodaß das Gemeinweisen allen gleichermaßen zum Gedeihen wird.

Hat aber eine Gesellschaftsform, ein Staat etwa, diese gemeinsame Vernunft als Bezug zu einem Grund NICHT, so kann in ihm nicht die alles Zusammenleben tragende Liebe entstehen. Nur sie läßt Zusammenhalt zu. Deshalb muß das Handeln eines Staates - die Politik - sich auf das beschränken, was diese Gemeinsamkeit fördert bzw. ihr entspricht. Seine Politik kann nur so weit stark sein, als sie sich auf der Grundlage des gemeinsamen Grundes bewegt.

Das muß er durch seine Institutionen auch vertreten, genauso wie es die Kirche tun muß: Sie müssen die einende Lehre vertreten und verkünden und den Grund in Symbolen und im Kult zugängig machen weil lebendig halten**. Denn Menschen unterschiedlichen Grundes wissen im Gespräch miteinander mit der Zeit nicht mehr, wovon der andere überhaupt spricht, und eine Gesellschaft bricht zwangsläufig auseinander.

Voegelin sieht wie Aristoteles und Heraklith dabei klar, daß es nur unter transzendentem Bezug auf Gott (das Sein als Ursprung von allem, das IST) hin Gemeinschaft und Würde des Menschen gibt. Nur wenn Geist als Schatten Gottes (in Ähnlichung) gesehen wird, kann es zur Einung weil zur Harmonie und Ausgewogenheit kommen.




*Jeder Totalitarismus ist vom äußeren Zwang gekennzeichnet, einen bestimmten Grund vorzuschreiben, der sonst nicht von allen akzeptiert würde, weil er nicht aus sich heraus die Potenz hat, die Vielfalt der Welt widerspruchsfrei in der Vernunft zu einen. Insofern ist Totalitarismus von Autoritarismus zu unterscheiden. Letzterer setzt zwar einen Grund (und damit eine Art der Vernunft) bindend, aber er beschränkt sich darauf als Doktrine offiziellen Handelns und der Gesetze. Er beschränkt anders gelagerte Vernunfthandlungen in ihrer Offiziösität, verlangt aber nicht das je innere Beitreten, und er läßt deshalb etwa Ausreise zu. Er kann also nicht "gemeinsame Werte" verlangen, er kann aber bestimmte Verhaltens- und Vernunftweisen vorschreiben. Wenn er auch auf lange Sicht nur Bestand haben wird, wenn er sich (wieder) in dem einen Grund eint. Deshalb hat Voegelin den Ständestaat unter Dollfuß unterstützt, weil in Zeiten - was damals von innen (Sozialisten) wie von außen (Deutschland bzw. Nationalsozialismus) gegeben war - drohenden Zerfalls kann ein autoritärer Staat notwendig sein.

**Einen Staat ohne Symbole kann es deshalb gar nicht geben, er wäre eine Mißgeburt, die nicht lebensfähig ist. Genauso wenig wie es eine Kirche ohne priesterlichen Kult geben kann.





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Samstag, 8. Februar 2014

Autorität als Grund der Vernünftigkeit

Weil aber Erkenntnis (der Welt) nur möglich ist, wenn das zu erkennende Objekt in seinem So-sein gesehen wird, ist Erkenntnis nur möglich, wenn ich dem Objekt Autorität einräume. Nur, wenn das Objekt der Erkenntnis "sich selbst" frei im Erkennenden entfalten kann, kann der Erkennende seine Eigenschaften abnehmen. Die aber immer einen geheimnisvollen Rest enthält, weil der Verstand nur Allgemeines ablösen kann, das hinwiederum auf Objekte zurückgeht, die immer individuell sind. Individuelles aber kann nicht anders erkannt werden als durch personale Beziehung, es ist im Verstand nicht weiter auflösbar.

Daraus aber schließt sich weiter, daß es ein Erkennen ohne Offenbarung, ohne Geglaubtes, gar nicht gibt. Es ist das Erste, auf dem alle weitere Erkenntnis aufbaut. Denn Vernunft bedeutet ja das Herstellen (und Halten) der Beziehung zum Grund von allem, und das ist das Sein (Gott). Im Sein ist alles enthalten, was IST. Damit alles, was erkannt werden kann.

Unterliegt nämlich - wie es der Positivismus meint - dieses Erste, dieser Grund der Autorität des Erkennenden selbst, als (primär) "zu Setzendes", so schließt dieser sich vom zu Erkennenden ab. Denn das Objekt läßt sich nicht erkennen, wenn ich die Bedingungen seiner Erkenntnis, das Resultat damit, bereits vorgebe.

Ohne "Staunen" (mit einem anderen Begriff) gibt es also keine Erkenntnis. Es bedeutet jene Ergebnisoffenheit der Sinne zum einen, die die Objekte in den Erkennenden "einläßt", ohne Offenbarung zum anderen sind sie nicht in Wahrheit zu fassen. In diesem Sinne läßt sich das Sein (im Seienden) gar nicht erkennen, wenn sich das Sein nicht selbst offenbart.

Und das tat es ja auch. Im Alten Testament als "Jahwe" (="Das seiend Seiende", das "was das Sein als sein tätig sein läßt" - Sein als Akt), und dann im ultimativen Akt: mit der Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus.*

Damit zeigt sich aber auch, daß es eine Vernunftoffenheit OHNE Vertrauen in die Tradition, in das Weitergegebene, gar nicht geben kann. Darin gründet das vordringliche Recht der Eltern, als Einzige, die Verantwortung für ihren Nachwuchs tragen können (und müssen), und das in der Regel in Liebe tun, für die Erziehung (zur Vernunft) ihrer Kinder zuständig zu sein. Und niemand darf sie darin einschränken oder zu ersetzen versuchen. 

Sinngemäß dasselbe läßt sich von den weltlichen Ordnungen ("Identität") sagen, in die ein Mensch bei der Geburt ja hineingeworfen wird. Weshalb er ja einen Namen VON dieser Ordnung erhält, weil er FÜR diese Welt etwas/jemand ist.

In einer sich von Gott entfernenden Welt, wie wir sie heute erleben (was einem Abschneiden vom Grund ist, der die Vernunft begründet), streiten zum einen die strukturell IMMER notwendige Angebundenheit an eine Autorität mit dem Anspruch, diese Autorität NICHT zu wollen. Was zu nichts anderem führt als daß die Menschen schlicht nicht mehr wissen, weil verdrängen, WEM sie glauben. Und damit in Verwirrtheit enden, weil sie keine widerspruchsfreie Wahrheit mehr kennen. Ja, im letzten zerfällt eine solche Gesellschaft in immer mehr und immer kleinere Sekten, die alle die Begründungen zum Inhalt haben, warum sie dieser oder jener Autorität (die ihre Erkenntnis begründet) glauben.

Das Konzept des "frei sich selbst entwerfenden Menschen" (Autonomismus) ist reine Illusion. Sie entspricht nicht dem, was der Mensch überhaupt ist. Ein Mythos, der wirklich NUR die Selbsttäuschung verschleiern soll.** Denn das Entscheidende in der Erkenntnis (und der Vernunft) ist eben eine persönliche Haltung. Insofern ist Vernunftverweigerung (bzw. Gottesverweigerung) immer persönliche Schuld.***

[Eric Voegelin führt diese Geisteswende, die im 11./12. Jhd. erstmals in großem Umfang in Europa erkennbar ist - damals traten erstmals die großen "mystischen Bewegungen" auf, die genau das zum Inhalt haben: die Autorität wird in die subjektive Erfahrung, dem eigenen Urteil eingesenkt -, genau darauf zurück: Auf das Verschieben des autoritativen Horizonts hin auf sich selbst. Damit wird das Selbstverständliche, Geglaubte, das autoritative Gefüge, das einem durch sein Bestehen Erkenntnis vermittelt, die Einbettung in einen Kosmos, zur "Idee", Erkenntnis zum subjektiven Gefüge, und Kosmos wird zur "Welt", in der der Mensch nur noch Funktion ist, weil alles Funktion ist. 

Was sich im 5. Jhd. VOR Christus erstmals als genau das, und zwar fast weltweit, zeigt: die kosmischen Ordnungen (die alten Reiche) zerbrechen, und die Philosophie, die Ideensysteme treten auf. Man denke nur an diew griechische Tragödie, wo mit einem mal und binnen zweihundert Jahren aus dem noch mit einem Bein kosmologischen Äschylos heraus die Entwicklung über Sophokles bis zum "intellektuellen", psychologischen Euripides (und von dort bis zur Satire und Komödie des Menander) folgt. Während sich die ekstatischen Kulte (derselben Setzung des Subjekts als Ort der Theogonie, der Gotteszeugung) etablieren. Wenn man nichts über die Geschichte Griechenlands wüßte - daraus könnte man sie erkennen.

Diese Verlegung des Grundes auf das erkennende Subjekt selbst ist der sicherste Weg, um dem Erkennen den Kontakt mit der Realität, die ihre Autorität verliert, abzuschneiden. Verstand wird zum entwurzelten Rationalismus, der immer weniger Realität enthält, zu einer zweiten Realität wird. Für Voegelin ist es aus seinen historischen Analysen heraus DIE Grundkrankheit des Abendlandes, die als Grundkonzept eines ganzen Kulturentwurfs wie in der Renaissance geschehen, einer puren Sackgasse, nur in Verwirrung und Irrationalismus enden kann. Die Philosophie Europas, ja die Wissenschaft seither ist gerade dort, wo sie innovativ sein will, nahezu eine einzige rhetorische Fluchtbewegung vor der immer dräuenderen weil immer unbekannteren Wirklichkeit.]




*Um diese Vernunft-Notwendigkeit wußten auch sämtliche Religionsstifter. Auch die Veden der Inder führen sich auf göttliche Offenbarung zurück, und das Wesen von Religion kann überhaupt nur sein, das Geoffenbarte zu enthalten und dem Menschen weiterzugeben. Die Frage kann nicht sein, ob es der Offenbarung bedarf, sondern ob die Quelle der Offenbarung WAHR ist. Das zu prüfen ist dem, dem geoffenbart wurde, aber nicht in der Lage. Er muß nämlich dazu JEMANDEM, einem realen Gegenüber glauben. Eine rein subjektive Erfahrung hebt nie über diesen Notstand hinaus. Der Glaubensakt dieser Art ist nie über die Selbstgebung enthoben, weil das Urteilsforum zugleich der Boden der Vernunft ist - eine Aporie, die nicht ohne menschliche Beimischung durch einen Willensakt - und damit NICHT Geoffenbartem - lösbar ist. Deshalb zeigt sich auch bei näherer Analyse in allen Weltreligionen ein menschlicher, bedingender, die Umfassendheit des Seins einschränkender Faktor im Gebäude der Wahrheit, der einer objektiven Prüfung durch den Verstand - als Widerspruchsfreiheit - nicht standhält. 

Die einzige Religion, die genau diesen Faktor übersteigt, ist tatsächlich der Katholizismus, der insofern die einzige "Nicht-Konfession" ist, weil er immer dem Sein gegenüber offenbleibt, die Erkenntnishaltung nicht einschränkt. Entsprechend sind die Vorwürfe, die ihm "als Religion" unterstellt werden, so gut wie immer von Personen entworfen, die selbst in solchen Einschränkungen gefangen sind, sodaß ihnen ein "System" der Offenheit der Vernunft (bzw. des Verstehens) gar nicht vorstellbar ist.

**H. v. Doderer meint deshalb einmal (in den "dDmonen"), daß Reife nur heiße, "auf sich selbst nicht mehr hereinzufallen".

***In den meisten Fällen - deshalb der Zusammenhang zwischen Kulturniedergang und Atheismus - ist dies schlicht auf Trägheit des Geistes (Acedia) zurückzuführen. Wo der Einzelne die geistige Konsequenz aus dem sinnlich Erkannten verweigert.





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Freitag, 7. Februar 2014

Unaufrichtiges Unbewußtes

Das Unbewußte, schreibt Voegelin in einer Replik auf Sartre, ist ein interessantes Problem ganz anderer Art und Ebene, als gemeiniglich geglaubt wird. Denn es gibt überhaupt kein Unbewußtes!

Vielmehr beweisen gerade die Mechanismen im Umgang damit, daß das Unbewußte nur ein Gewußtes ist, das verdrängt werden soll. Dazu aber müssen seine Inhalte gekannt werden, und aus der Stellung des Menschen dazu entschließt er sich, sie zu verdrängen, zu verbergen, meist in einer spontanen Bestimmung unseres Seins. (Sartre über die Unaufrichtigkeit)

Man läßt sich unaufrichtig werden, so wie man einschläft, und man ist unaufrichtig, so wie man träumt. Und der Aufwand, ein Aufwachen zu vermeiden, nimmt in dem Maß zu, als durch die Dauer die Wahrheit aus der Wirklichkeitsrezeption anklopft. Es ist keine willentliche, reflektierte Entscheidung, sondern Reflex aus Haltung. Verglichen damit ist der direkte Lügner, der bewußt falsche Fakten behauptet, ein aufrichtiger Mensch.

Der Unaufrichtige aber versucht sich selbst (und die anderen in ihrer Funktion für das eigene Selbst) in diesem Widerstand gegen das Gewußte zu befestigen, in dem er es "nachweist", als Eigenschaft der Welt behauptet, seine Erhebung zum Allgemeingesetz durchzusetzen sucht (indem man vor allem gegenteilige Behauptungen unterdrückt oder gar verfolgt), und andere dazu bringen oder zwingen will, dasselbe zu tun: Die Prämissen dürfen nicht mehr in Frage gestellt werden.

Die Unaufrichtigkeit ist eine Weise, in der Welt zu sein, die durch sich selbst danach strebt, fortzubestehen, auch wenn ihre Struktur zum metastabilen Typus (Sartre) gehört.

Ist die Unaufrichtigkeit institutionalisiert (wonach sie strebt), vergibt sie deshalb bevorzugt Autorisierungen an jene, die sie stützen. So entsteht eine neue und aggressive Elite - der Unaufrichtigen, die sich zunehmend nur noch damit befaßt, sich selbst zu erhalten. So entsteht eine ganze Welt der "zweiten Realitäten", die die Bewußtseinsschicht (als "Wissen", und das heißt: als allen vorgeschriebene, tabuisiert, unangreifbar gemachte Lüge) von ganzen Gesellschaften ausmachen können, und dabei nur institutionalisiertes Symptom der Verdrängung der Wirklichkeitsverweigerung sind.

Die Unaufrichtigkeit ist sich [dabei] ihrer Struktur bewußt und hat ihre Vorkehrungen getroffen, indem sie beschlossen hat, daß die metastabile [unbalancierte] Struktur die Struktur des Seins und daß die Nicht-Überzeugung die Struktur aller Überzeugungen sei. (Sartre) Nichts darf mehr "wahr" sein, alles wird zur "Meinung".

Infolgedessen ist der ursprüngliche Entwurf dieser Unaufrichtigkeit nur die Benutzung dieser Selbstzerstörung des Bewußtseinsfaktums, schreibt Sartre weiter. Wenn jeder aufrichtige Glaube ein unmöglicher Glaube ist, dann ist jetzt Raum für jeden unmöglichen Glauben. Weil der Unaufrichtigkeit nicht gelingt zu glauben, was sie glauben will. Aber sie ist ja genau deshalb Unaufrichtigkeit, weil sie das gar nicht glaubt, was zu glauben sie vorgibt. Die Unaufrichtigkeit will vor dem "Nicht-das-glauben-was-man-glaubt" in das Sein fliehen, vor dem sie anderseits ins "Nicht-das-glauben-was-man-glaubt" flieht. Damit wird die Unaufrichtigkeit zur allgemeinen Menschennatur erhoben.

Erfüllungsbefriedigung gibt es entsprechend nur noch im Traum. Weshalb Droge, Selbstentfernung (Ekstase), Wirklichkeits- durch Wahrnehmungs-Betäubung und Zweitwirklichkeit einander bedingen.

Einen Ausweg daraus gibt es nur, wenn man Kontakt zur Wirklichkeit aufnimmt und Evidenzen akzeptiert. Denn diese Deformationen des Bewußtseins entstehen aus der Vernachlässigung eines Teiles der Realität. Und sie sind als Folge des Herausfallens aus einer (kosmischen) Ordnung identifizierbar, wo sich das einst "Selbstverständliche" zu einer Idee ausfällt. Wo Kosmos zur "Welt" wird, die einem als Objekt in funktionaler und ideenhafter Beziehung gegenübersteht. Wenn aber auf der Ebene der wichtigste Teil des Bewußtseins, der Grund, durch Konstruktionen verstellt wird, ist praktisch die gesamte relevante Realität aus dem Bewußtseinshorizont der Symbolisierung herausgerückt, und es kommt zu vielerlei mentalen Störungen, schreibt Voegelin.




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Samstag, 1. Februar 2014

Der Diskussion entzogen

Zieht man die luciden Deutungen Eric Voegelins heran, erscheint die Geschichte der Moderne seit dem Mittelalter noch deutlicher als Geschichte der Neubildung von Eliten. Die von einer entscheidenden Wendung ausgeht: Vom subjektiven Berufungsgefühl (!) von Einzelnen.

Voegelin sieht dabei klar die Ursachen im Verlust der inneren (und damit äußeren) Stärke der kulturellen Institutionen, vor allem der Kirche. Denn das Aufkommen solcher Personen ist am sichersten mit der Suche nach einem Platz in der Gesamtordnung zu erklären. Die Reformation konnte sich vor allem deshalb so rasend schnell ausbreiten, weil sie keinen substantiellen Widerstand mehr antraf - den zu provozieren ja eigentlich die unausgesprochene Absicht war. Wie ein Magnet sammelten sich dabei alle möglichen Formen von Unzufriedenheit an ihren Enden.

In Luther und seiner Berufung auf den Einzelnen als letztgültige Deutungsinstanz endgültig entfesselt, in Calvin in ein gesellschaftliches Deutungssystem gebracht, wird die Geschichte des Abendlandes zusehendes zum Kampf Auserwählter für die richtigen Ideen, die sie zu jeder Konsequenz berechtigt, bestehende Ordnungen umzustürzen.

Damit wird subjektives Elitegefühl selbstbestimmten Kriterien unterworfen, der Objektivität des Denkens entzogen. Wer sich auf solche Erweckung und Bewußtheit davon beruft, ist logisch nicht mehr zu widerlegen. Auf dieser Rechtfertigung steht eine Entwicklung, die das Zeitalter der Emporkömmlinge einläutet. Und deren Siegeszug sich erst heute in vollem Ausmaß zeigt. In einem Subjektivismus, der seit dem 12. (in allen möglichen Erwählten-Bewegungen, die sich sämtlich etwa auf persönliche Mystik beriefen), vor allem aber dann im 15. Jhd. durchbrach.

Es ist eine anti-philosophische Haltung, denn dahinter steht kein konsistentes System, das sich bemüht, denkerisch die Widersprüche aufzulösen. Widerspruchslösung wird zur reinen zweckbestimmten Argumentation, die den Menschen guten Willens schon deshalb verwirrt, weil er von sich ausgehend dem anderen den Willen zur Widerspruchsfreiheit unterstellt. 

Dazu muß die Vergangenheit als gleichfalls und prinzipiell inkonsistent umgedeutet und entwertet werden. Wie sie in einer regelrechten Kulturwelle das Mittelalter nicht mehr verstehen wollte, sondern ins Dunkel des Bösen abdrängte - eine erst spät entstandene, absichtsvolle Deutung!

Zu sagen, daß dies oder jenes ja auch in diesen Lehren und Lehrgebäuden bedacht sei - weil erwähnt, weil da oder dort ja explizit ausgesagt, wie etwa die des so überaus heftigen Rückverweises Luthers und Calvins auf die Gottgegebenheit gesellschaftlicher Ordnung ist kein wirkliches Argument. Weil sie, wie Voegelin nachweist, nur Versuche darstellen, das in der Erstarkung als gesellschaftliche (und damit institutionelle) Kraft losgetretene Chaos durch praktische Maßnahmen wieder einzudämmen. Etwa mit starken, veräußerlichten Gehorsamsgeboten, wobei Gehorsam umgedeutet wird, um noch offen für die subjektive Rebellion zu bleiben. Aber sie sind nicht Ausfluß in sich konsistenter Theorien, die streng logischem Anfragen widerstehen könnten. Sie sind Argumente praktischer, in ihren Kriterien rein subjektiv bestimmter Notwendigkeiten.*

Ein erschütterndes Charakteristikum der Gegenwart ist nämlich genau das, wie Voegelin bereits vor 50 Jahren feststellt: Man hat es bis hinein in den täglichen Umgang nur noch mit Ausflüssen von praktischen Theorien zu tun, über deren wirkliche geistige Gründe sich niemand mehr Rechenschaft ablegt. Das geht einher mit dem Gefühl, die Welt prinzipiell bemeistern zu können. Das geht also einher mit der Zunahme von Wohlstand und (scheinbaren) Lebensbewältigungsmechanismen. Das geht einher mit Theorien, die nur  noch praktisch regeln zu müssen meinen, was theoretisch als "richtig" einfach nur noch vorausgesetzt wird, völlig der Subjektivität überlassen wird.**

Ordnung kann in einer der Ontologie (dem Sein) entrissenen Art zu "denken", Welt zu sehen, nur noch "von außen" (einerseits; anderseits durch subjektive Medialisierung für die Erwählung direkt durch Gott) kommen, und verlagert sich auf Staat und vor allem (Zwingli!) überstaatliche, weltumspannende Organisation. In Totalitarismen, in Zentralismen, in eine immer ausuferndere (und nur noch technische) Beherrschung äußerer Lebensvorgänge und -äußerungen, deren sichtbarer "Erfolg" Kriterium ihrer Berechtigung (wie Auserwählung) ist. Samt der Folge zunehmender Vehemenz, mit der die Befolgung dieser allgemeinen "göttlichen" Verhaltensregeln durchgesetzt wird. Getragen vom Paradiesesversprechen, das jenen verheißen ist, die sich je subjektiv bemessen*** im Stande der Auserwählung befinden.



*Damit kennzeichnet Voegelin einen Grundzug der Moderne, der zutiefst in persönlichen Konstellationen und Motiven ansetzt: Als Verzicht auf Wahrheit, um die Herrschaft (der Neuen) zu legitimieren. Im Selbstsein drückt sich einerseits (in der analogia entis) die Ähnlichkeit mit Gott aus, der aber im Umschwung das "Sein des Selbst" zum "Sein wie Gott" - die faktische Situation des Selbst als Anlandepunkt, quasi als Simulation des SelbstSEINS - folgt, als strukturell der Analogie nachgeformten Teilhabe an einem aber anderen Geist. Diese Bindung ans Faktische (der "gerade eben gegebenen" Motivlage, die das "gerade gegebene Selbst" konstituiert) ist damit eine Immanentisierung des Göttlichen (Hegel) ins Weltliche, und damit eine gnostische Bewegung.

**Selbst die Hl. Schrift wird von Luther, v. a. aber von Zwingli (der für den westeuropäischen, und von dort den amerikanischen Raum so bedeutend wurde) nur noch herangezogen, um subjektive Aussagen zu belegen. Widersprüche zu den eigenen Thesen werden entwertet oder als irrelevant (oder "anders zu verstehen") beiseite geschoben. Dieses Prinzip des Protestantismus - das ihm notwendig war, weil er sonst seine Widersprüche nicht "klären" könnte - findet sich heute sogar schon in der katholischen Kirche in erschreckendem Maß, die damit zeigt, wie sehr sie in vielen ihrer Vertreter bereits im Strom des Zeitgeists schwimmt.

***Es ist zumal heute fast schon generell zu beobachten, daß Menschen subjektiven "Offenbarungen" oder "mystischen Erlebnissen" einen Wert beimessen, der jederzeit den Verstand verdrängen darf. Enorm viele Menschen der Gegenwart gehen davon aus, daß subjektive Erlebnisse jedes objektive Ordnungsfeld der Vernunft verdrängen können. Und sie stürzen sich mit Gier auf jede mögliche Form von "Erwählungserlebnissen" - bei sich wie bei anderen. Die sie via Behauptung" jederzeit nüchterner Überlegung entziehen können. Wer die Erneuerungsbewegungen etwa der Kathol. Kirche ansieht, sieht exakt diese Grundstrukturen.






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Sonntag, 5. Januar 2014

Verdunkelung der Realität

"Durch einen Akt der Imagination kann der Mensch sich zu einem Selbst schrumpfen, das dazu verdammt ist, frei zu sein. Für dieses geschrumpfte oder kontrahierte Selbst*, wie wir es nennen, ist Gott tot, ist die Vergangenheit tot, ist die Gegenwart die Flucht aus der nichtwesenhaften Faktizität des Selbst auf das hin, was es nicht ist, ist die Zukunft das Feld des Möglichen, unter dem das Selbst seinen Entwurf für ein jenseits bloßen Faktizitätseins wählen muß, und ist Freiheit die Notwendigkeit der Wahl, die das Sein des Selbst bestimmt. Die Freiheit des kontrahierten Selbst ist die Verdammnis des Selbst, nicht imstande zu sein, nicht frei zu sein.

Die Kontraktion seines Menschseins zu einem in seine Selbstheit eingekerkerten Selbst ist das Charakteristikum des sogenannten modernen Menschen. Sie wird als personaler und gesellschaftlicher Prozeß im 18. Jhd. erkennbar, wenn der Mensch von sich nicht mehr als Mensch, sondern als Selbst, als Ego, als Ich spricht, als Individuum, als Subjekt, als transzendentales Subjekt, als transzendentales Bewußtsein und so fort; und ihre Struktur gewinnt im 20. Jhd. äußerste Klarheit [...].

Da der mit der Deformation zu einem Selbst beschäftigte Mensch weder aufhört ein Mensch zu sein noch die Realität seiner Umgebung aus Gott und Mensch, Welt und Gesellschaft ihre Struktur ändert und die Beziehungen zwischen dem Menschen und der ihn umgebenden Realität auch nicht abgeschafft werden können, muß es zu Friktionen zwischen dem geschrumpften Selbst und der Realität kommen. 

Der Mensch, der an der Krankheit der Kontraktion leidet, beabsichtigt jedoch nicht, das Gefängnis seiner Selbstheit zu verlassen, um die Friktionen zu beseitigen. Vielmehr wird er seine Imagination noch mehr anspornen und das imaginäre Selbst mit einer imaginären Realität umgeben, die geeignet ist, das Selbst in seinem Anspruch auf Realität zu bestätigen; er wird eine Zweite Realität, wie dieses Phänomen genannt wird, schaffen, um die Erste Realität, die der gemeinsamen Erfahrung, auszublenden.  

Weit davon entfernt beseitigt zu sein, wachsen sich die Friktionen nun zu einem allgemeinen Konflikt zwischen der Welt seiner Imagination und der realen Welt aus.

Die Spur dieses Konflikts führt von der inhaltlichen Diskrepanz zwischen imaginierten und erfahrenen Realitäten über den Akt des Entwurfes einer imaginären Realität bis zum Menschen, der den Akt vollzieht."


Eric(h) Voegelin in "Realitätsfinsternis", 
wo der gebürtige Wiener, der nach dem Verbot der Nazis 1938, als Geschichtsphilosoph zu lehren, in die USA ausgewandert ist, bereits in den 1950er Jahren die heutige Lebenswelt als zwangsläufige Konsequenz der geistigen Entwicklungen vorwegnimmt, und die Rolle von Internet und social media verdeutlicht.






*Voegelin versteht darunter die Konstruktion eines Selbst, das die Existenzoffenheit zu Gott verloren hat, ein Akt, der zur Verdunkelung der Realität führt.




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