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Freitag, 28. Oktober 2016

Aber die größere Gefahr ist der Relativismus (5)

Teil 5)





Aber das Heilsgeschehen, der schöpferische Weltengrund, ist kein berechnbares, rein menschlich-irdisches Nutzengeschehen

In keinem Fall kann aber diese liturgische Formenstrenge als "fanatische Starrheit" bezeichnet worden, wie es neuerdings selbst höchste vatikanische Stellen plötzlich wieder definiert sehen wollen. Das ist nicht nur falsch, sondern ungerecht, nicht nur oft verleumderisch, sondern Gotteslästerung. Denn nur sie ist der Garant, nur der direkte Nachvollzug dessen, was Gott selbst als Gegenwärtigsetzung des Heiles in dieser Welt tat und somit zum Sakrament - der jedes Symbol durch seine Realität übersteigenden wirklichen Wirklichkeit des reinen Geistes in der Gestalt - hinterließ, das alles ins Sakramentale hebt, in diese reale, fleischlich-dinglich konkrete Verbindung von Übernatur und Natur, die die endgültige, ewige Welt unter die Menschen getragen hat, für jeden guten Willens zur Teilhabe an ihr offen. Eine Wirklichkeit, die 2000 Jahre lang die Menschen so überwältigte, daß nichts die Grenzenlosigkeit erreicht, mit der sie diesem Vollkommensten alles gaben, was sie hatten, Gold und Silber gegen den Geist gaben, der sich der Hingabe bedient, um unter ihnen zu wohnen, auch wenn sie die Kirchentore verlassen. Das ist der Grund der Üppigkeit, die die liturgischen Formen annahmen - Hingabe, Freude, Spiel, grenzenloser Gestaltungsüberschuß, der jede rein irdische, banale Alltagsform überhöhte, in ihre größte Möglichkeit trieb, der reinen Schönheit, dem reinen Symbol wegen. Auf daß dieser Himmel das ist, was er ist: Lückenloses Gewebe aus Geist, in dem keine Form, kein Ding, keine Gestalt nur "weltliche Funktion" ist, sondern auf das Schöne hin aufreißt, weil er erst dann wirklich es selbst ist.

Das Motiv hinter der heute so beklagenswerten, ja sogar oft angestrebten Entwertung der Form aber scheint klar: Denn in der Ablehnung dieser Formenstrenge, die als Haltung eine der dogmatisch sehr abgesicherten, philospohisch sehr klar erkennbaren Gnadenevokation ist (siehe oben), soll das Tor zu einem Relativismus geöffnet werden, der aber dogmatisch wie philosophisch genau das nicht ist: Wahrheit. Er ist vielmehr der simplifizierende Weg zu einer Gnadentheorie, die das subjektive, rein menschliche Erleben, damit auch die Sentimentalität (als unreines Gefühl der Psychogenese, also: rein innerpsychisch entstandene Realitätssimulation) als den eigentlichen Ort des Gnade - im bewußten "Feststellen, daß es so ist", als eigentlichem Glaubensakt - ansieht. 

Damit wird klar, daß hinter der Auflösung der liturgischen Formen, deren nachlässige Praxis, deren Ersetzen durch menschliche Gesten, ein völlig anderes Glaubens- und Gnadenverständnis steht. Es ist genau das, was Paul Hacker als den eigentlichen Moment des dogmatischen Abfalls von Martin Luther so überzeugend identifiziert hat, wie er in der Kirche aber etwa über charismatische, freikirchlich-protestantische Annäherungen längst Eingang gefunden hat, nur notdürftig dogmatisch "gezähmt" ("katholisiert") wurde, sich aber als Grundstruktur vor allem junger Menschen zu einer breiten, bereits protestantischen und damit nicht mehr allumfassenden, katholischen Erlebensstruktur verfestigt hat.  

Aus dieser Haltung heraus haben sich auch seit Jahrzehnten philosophische Ansätze entwickelt, die unter oft offenen Rückgriff auf Hegels Dialektik das rein Faktische als den eigentlichen Ort der Gnade identifizierten. In dem die Form selbst keinen immer gleichbleibenden Part mehr einnimmt, sondern aus den zufälligen Wechselspielen der menschlichen Lebensvollzüge sich ohnehin "immer" das "Wahre" in einer immer weitergehenden Annäherung zum "Punkt Omega" (T. de Chardin) auf Jesus Christus hin annähert. Damit braucht es keine Formenstrenge mehr, denn wenn letztlich jeder menschliche Impuls, jedes menschliche Handeln einen absoluten Zug hat, der sich in jedem Fall in der Auseinandersetzung mit der Antithese der Begegnung durchsetzt, ist die konkrete Gestalt menschlicher Verfaßtheit völlig gleichgültig. SOLANGE gewissermaßen die Erlösungsfrüchte selbst bejaht werden, zum einen. Zum anderen wird das menschliche Bewußtsein zum eigentlichen Ort des Seins des Menschen. Damit wird auch der Glaubensakt in dem Moment zum "glauben", in dem dieses Bewußtsein als "wissend" formiert ist, daß es sich so verhält, wie der Glaube sagt.

Machen wir es an einem Beispiel konkret: Wer den anderen umarmt, macht ihm die Liebe erfahrbar. Nicht mehr der, der wahr am anderen handelt, der gerecht handelt, auch wenn das meist gar nicht direkt "als Liebe" erfahrbar wird, sondern der, der den anderne "glauben macht", daß er nun gliebt würde, der würde auch die Liebe Christi weitergeben. Nun soll nicht gesagt werden, daß das überhaupt nicht auf diese Weise möglich ist. Aber sehr wohl soll gesagt werden, daß dies als Weiterreichen der Flamme des Reiches Gottes kategorial völlig ungenügend ist. Denn die Weitergabe des Reiches Gottes ist die Weitergabe der fleischgewordenen Gestalt der zur Welt hernieder gekommenen Gnade. Und diese Gnade, dieses göttliche Leben ist (potentiell, nicht mechanisch-automatisch, s. o.) präsent ... in den Formen der Symbole.

Wer deshalb die Menschen liebt, und nicht nur davon redet, gibt und achtet (und vor allem: läßt) die Welt als Geflecht der Symbole. Wer Mensch sein will lebt, wer Lehrer sein will leitet sie an, in diese Symbolwelt hinaufzusteigen. Und das geht nur über Liebe zur Form. Selbst der dunkelste Materialismus als politisches System kam nicht aus, ohne eine Welt der Symbole zu schaffen - er hätte sich bei den Menschen sofort als Todbringer entlarvt. Und keine Frau glaubt dem Manne die Liebe, der ihr keine Welt der Symbole schafft, denn die Frau ist wesentlich reines Symbol, sonst ist sie überhaupt nicht. Wo die Frau in eine Welt des reinen, weltbegrenzten Nutzendenkens hineinfällt, verfällt sie beobachtbar und körperlich binnen kurzem. Sie braucht deshalb die Form, fast noch mehr als der Mann, auf die hin sie sich transzendiert, die ihr nur der Mann als Geber der Idee vermitteln kann, weil erst das ihrer Körperlichkeit Körperlichkeit, also Gestalt gibt. Wo der Mann sie nicht mit dieser Heiligkeit der Formensprache umgibt, tobt sie bald in sich, weil ihre Kräfte im Leeren bleiben.

Und deshalb gilt dies nicht nur für die Kirche, sondern für jeden Leib, dem jemand vorzustehen hat. Leib, der deshalb alles daran setzt, die Gesetze die ihm die Form vorgibt zu halten, zu beachten, auszutragen und zu gebären. Nicht einmal das kleinste Unternehmen kann ohne diese Polarität - Form und gehorsamer Inhalt, in wechselseitiger, aber andersgearteter Zubehörigkeit aus Geben und Nehmen (meinetwegen: das ist sogar im Yin-Yang-Symbol ausgedrückt, ein tiefes Symbol einer der Grundwirklichkeiten der Welt) - bestehen. Wehe aber dem Yin, das der Form des Yang nicht exakt gehorcht. Außerhalb dieser Form ist das reine Nichts.

Nur so kann eine wahrlich menschenwürdige - weil an der Göttlichen Weisheit anhangende - Welt geschaffen werden. Die aus der Opferdramatik heraus lebt, und weiß, daß ihre Aufgabe nicht darin liegt, ein rein irdisch-menschliches Paradies zu schaffen. Das nämlich genau das nicht hätte, was es zu simulieren versucht: Liebe und Geglücktheit, die sich an "irdischem Erfolg" oder "Wohlstand" niemals bemessen kann. Denn die Welt ist mehr als Stein und Materie, als geistlose Lebensdynamik in Pflanze und Tier, deren geistige Analogie nicht in ihnen begründet liegt, sodaß sie sie halten könnten - sie vereht mit ihrem Tod. Der Mensch aber ist mehr als irdisches Fleisch und Gebein. Er ist jenes Wesen, das zwar mit den Füßen auf der Erde steht, aber mit dem Kopf, dem Geist, dem "Führungsorgan", in den Himmel ragt, und so die Wege seiner Füße bestimmt. Er ist jenes Wesen, das die banalen Verrichtungen der Aktions-Reaktionswelt der unbelebten, der vegetativ-belebten, der animalisch-belebten Welt zu übersteigen hat, um sie über die Form des Symbols in den Geist Gottes zu heben.







*Das Reich Gottes in der Neuen Schöpfung, nach allem Ende dieser ersten Schöpfung, nach dem Jüngsten Tag, wird nicht mehr untergehen, weil dann auch die in der jedem Menschen als Erbe weitergegebenen Hinfälligkeit, Brüchigkeit des Menschen - der Grund für die ständige Gefährdung der Welt, aus Gott zu fallen, und damit ins Nichts - wegfällt, das ewige und höchste Glück für alle also (wieder) Bestand hat, weil auch kein Teufel mehr Versuchung zum Abfall bilden kann.




*070916*

Donnerstag, 27. Oktober 2016

Aber die größere Gefahr ist der Relativismus (4)

Teil 4)




Die abendländische Kultur ist eine Kultur der katholischen Messe und Meßliturgie

Daß aber die Formenstrenge der Liturgie die eigentliche Dimension ERST UNTER DIE MENSCHEN TRÄGT wird dabei sogar leicht vergessen und aus menschlich-allzumenschlichen Regungen und Befnagenheitsneigungen sogar zur Nebensache. Damit wird die Liturgie nach und nach abgeschwächt, mit der Zeit sogar unnötig. Und wer die Liturgieveränderungen in den letzten 45 Jahren ansieht sieht auch, daß es tatsächlich zu einer immer weiterführenden "Vermenschlichung" der Liturgie kam, während das geistige Leben - und das erkennt man ganz konkret an der Lebensweise, die Ausdruck des wirklich, nicht nur im Gewußtsein vielleicht aus logischen Gründen Plausiblen, sondern des wirklich Geglaubten ist - einen vor 50 Jahren kaum vorstellbaren Tiefstand erreicht hat. Was der VdZ in seiner Kindheit in den 1960er Jahren noch erlebte war verglichen mit heute eine Dichte einer katholischen Kultur und eine Gegenwart von Symbolik, die vor dem Horizont der Gegenwart wie ein Paradies der Lebensfülle, wie eine Erzählung aus 1001 Nacht erscheint.

Das ist der Grund, warum schon bald nach den ersten dieser Reformen, als diese Gefahren auszurechnen waren, wie sie sich auch tatsächlich realisiert haben, Bewegungen entstanden - erst waren es nur vereinzelte Priester, Theologen, Gläubigengruppen, heute ist diese Bewegung schon etwas breiter - die Forderung nach "Reform der Reform" laut wurden. Und einzelne Gruppen wenigstens in musealem Gestus die Liturgie als lückenloses Flechtwerk der Symbolik zu bewahren suchten. So, wie Kaiser Karl im Untersberg schläft, um eines Tages wieder hervorzutreten, ist dies in einem ersten Schritt in den entsprechenden Dekreten der Päpste Johannes Paul II. und vor allem Benedict XVI. geschehen, in der diese symbolvolle Liturgie nunmehr wieder allgemein zugängig gemacht werden soll. (So wenig das in der Praxis auch geschieht, so haben die, die es tun, heute wenigstens einen offiziellen Status der "Gestattetheit", was manche Verkrampftheit aus "Verteidigungs-Reaktion" - siehe "Rubrizismus" u.ä. - mittelfristig wieder lösen sollte.) 

Weil aber der Mensch ganz real zu allererst auf das Sein selbst - auf Gott - ausgerichtet ist, weil alles Leben sich in seinem innersten Kern als "Stehen vor Gott" erweist (man muß es nur sehen lernen, dann - sieht man es, in jedem Leben!), ist der erste menschliche Lebensvollzug ein Symbol des Herkommens von diesem Gott. Der Geburtsvorgang ist seltsamerweise noch von niemandem (zumidneste ist dem VdZ niemand bekannt) als das begriffen worden, was sich doch so offensichtlich vollzieht: Als geheimnisvolle Synthese aus Opferschmerz der Mutter (als Symbol der Kirche, ja Erde, hineingezwungenin einen phantastischen Ritus, in dem ihrer Öffnung auf den logos hin etwas mit ihr geschah und nun im Geburtsvorgang passiert, das "über sie kommt" wie die Macht Gottes) und Hereinbrechen des Transzendenten, des "von außen, aus dem Geheimnis kommenden", dem Kind. 

Alles Leben geht deshalb von jener Grundgestalt aus, die der Mensch "als" göttliches, sakrales Geschehen voller Symbolik - als Symbol - zuerst erfährt. Kein banales Nutzendenken kann sie noch zerbrechen, liegt das Würmchen in den Armen der Mutter und sucht die Brust. Das denkt sich der VdZ immer, wenn er in Sopron/Ödenburg, wo er seit geraumer Zeit wohnt, auf auffallend vielen Tabernakeln die Statue der Gottesmutter plaziert sieht, immer in ihrem Mantel, der die gewobene Welt ist, sodaß der fleischgewordene Gott "unter" ihr wirkt, als gebäre sie den Schöpfer und Erlöser in einem durch die Kunst der Schöpfer dieser Sakraleinrichtungen immer gleich präsenten, deshalb immerwährenden Akt der Geburt.

Das macht noch verständlicher, wenn man in Zusammenfassung so vieler weiterer Symboliken begreift, daß jedes menschliche Leben im Gottesdienst, diesem Gesamtkunstwerk der Symbole, diesem in der Liturgie real präsenten Reich Gottes, seinen Ausgang nimmt. Von dort ging jede Kultur aus - von ihren Sakralstätten, die heute noch oft die eigentlichen menschlichen Ansiedlungen rein architektonisch weit überragt (Chartres, Mariazell, immer noch: Wien, Köln, Jerusalem, etc. etc.; von anderen Religionen und archäologischen Zeugnissen gar nicht erst zu reden) Es war die sakrale Architektur, die die menschlichen Rhytmen und Bewegungsdynamiken und Harmonikonstellationen gestaltete, und es war die Liturgie, der Sakraldienst, der ihnen jene innere Bewegungsmotivik gab, aud der heraus sie dann sechs Tage lang ihr Alltagsleben gestalteten. Wer an dieser Religion nicht teilhatte, hatte deshalb auch am Leben eines Volkes nicht teil.*

Es ist das Fest - Symbol reinster Form, reines Geschenk der Freude und Schönheit - aus dem eine Kultur entsteht. Das Fest, das an sich Symbol ist, weil es "einen Sinninhalt" zelebriert. Bis heute hat selbst das banalste Bierzeltfest, die simpelste Kirmesfeier, einen Kranz von Symbolen, der es zum Fest "macht", der es zu einem Festkranz zusammenschließt. Was allen Kulturen also schon eigen ist, ist es dem christlichen Abendland schon lang, denn anders als alle übrigen ist sein Fest REAL, eine andere Welt, ein Hineintreten in die jenseitige Welt.

Es ist deshalb die heilige Messe als Ort größten Kunst- weil Symbolgenusses, ja "Verzehrs", die sogar noch die Symbolik übersteigt, weil es REAL macht, weil es das überbordende der Formensprache zum "realen Weltgeschehen" macht - als Sakrament. Was allen anderen Religionen nur "im Gedächtnis" real bleibt, bleibt dem katholischen Christentum als "Weltending" real, greifbar, sichtbar, konsumierbar. Real selbst dem, der es nicht in seiner geistigen Dimension sehen kann, wie der Stein an dem sich der Fuß blutig stoßt, obwohl man ihn nicht sah. Und real und der willentlichen Teilhabe aller menschlichen Ebenen offen auf jeden Fall dem, der glauben will und sich deshalb diesen Ebenen und dieser Dimension öffnet.


 Morgen Teil 5)




*Es kann oder muß gegenüber dem Islam nur eine Abgrenzung der Unvermischtheit, also der Ausgrenzung aus dem Kulturraum Europa als Kritikpunkt geben. In so vielem aber, was am Islam kritiseirt wird, zerlegen wir unsere eigenen kulturellen Grundlagen, daß es oft nur noch schauderlich ist. Ja, gut, manche Formen - als Symbole und Riten, die auch im Abendland letztlich noch existieren - sind überzogen, eigentlich entsymbolisiert und erschreckend banalisiert. Aber das kann nur ein Problem des Islam selbst sein, den wir von unserer Kultur einfach fernzuhalten haben. Dann können oder dürfen wir ihn sogar wieder ob seiner zweifellos großen Poesie als Menschheitsgut (freilich, nicht als Religion, die wir attraktiv finden könnten) lieben!





*070916*

Mittwoch, 26. Oktober 2016

Aber die größere Gefahr ist der Relativismus (3)

Teil 3)





Ein Abendland gibt es nur noch, weil in seinem Inneren ein Skelett der Symbolik ruht

Viele sind nämlich präsent, und immer noch Gegenwart, die wir gar nicht mehr als christliche Symbole kennen! Manche sind einfach so liebgewonnen, daß wir sie aufrechthalten, auch wenn wir sie "bewußt" bzw. im Denken von christlichen Inhalten entblößen, wie das Weihnachtsfest, Ostern, Namenstage (als Geburtstage für das Reich Gottes). Und immer noch wollen viele heiraten, taufen lassen oder gefirmt werden, oder die Toten von einem Priester begleitet begraben, die von den eigentlichen Symbolgehalten nicht mehr den blassesten Schimmer haben. Und selbst der "heilige Sonntag" hat noch seine Wertschätzung. Immer noch bieten viele Gasthäuser am Freitag ein Fischmenue an (eine ganz spezifisch katholische Symbolik, die die eines fast schon wieder banal-nützlichen "Opfers der Fleischlosigkeit" (früher aber noch wenigstens wirklich ein Verzicht für alle) weit übersteigt, denn Fisch ist das Symbol für Christus), und wenn in fast allen unseren Städten und Dörfern die Kirchenglocken läuten, so ist das weit weit mehr als Zeitansage oder Botschaft des Meßbeginns.

Die Glocke selbst ist ein Symbol für Christi Fleischwerdung, sie durchdringt mit ihrem Schall alles, buchstäblich, läßt alles im Glockengeläut in eine neue Dimension steigen, tatsächlich: "sich wandeln". Und was gibt es für Wesen und Wirklichkeit Christi an besserer Symbolik? Alles bleibt zwar es selbst, aber alles ist von einem neuen Schwingen - von der Kirche aus - verwandelt und IN diesem Klang geeint, geeint gerade in der Unterschiedlichkeit und Offenheit für den Anruf Gottes. Das ist die Wirklichkeit, die zur Einführung der Glocke geführt hat, kein pragmatischer Nutzen, der mag zufälliger Auslöser gewesen sein. Sie ist deshalb nicht einmal "Aufruf" zum Gebet, den ihr Klang IST bereits Gebet, und der der sie hört, der der sich von ihrem Klang erfassen und formen läßt, betet bereits.

Im Jubel bei den Festglocken, in der nüchternen Trauer der einsilbigen, akkordlosen Totenglocken, deren Ton ein bereits verhaltenes, letztes Abschiedsweinen ist, das den Leichnam auf seinem nun wirklich einsamen letzten Gang durchwirkt. Im erdaufbrechenden, alles erschütternden Triumph, wenn zu Ostern das volle Geläut gar nicht mehr enden will und in der Glocke das Licht aufbricht. In der mitleidigen Trauer des Läutens am Freitag um 3, der Todesstunde Christi. Im Flehen, in der scharfen Warnung, im Aufrütteln und im Sturm zu Gott, oder bei den Mittagsglocken, die zu Besinnung, zur stärkenden Rast, zum Heraustreten aus allen Weltstrudeln rufen. Man hört und fühlt bei jedem Läuten, was sie als Gestimmtheit über das Land werfen, was sie als durch das Schicksal geworfene Stimmung einen, damit dem Leben seine Ordnung zurückgeben und zur Zeit machen. Sollten wir das Glockengeläut der Kirchen eines Tages aufgeben (müssen), und es wirkt nicht mehr unmöglich, werden wir unserer Einheit in Stadt, Land und Staat einen letzten Todesstoß geben, wird das alltägliche Leben in unbarmherziger Fron versinken, weil  nichts mehr das Leben selbst aufruft. Daß wir ausgerechnet mit der Einführung des Vergleichs der Lebensabäufe mit einem mechanischen Uhrwerk - was wir "Messen der Zeit" bezeichnen (als ließe sich Zeit überhaupt "messen"!) - die Zeit selbst (buchstäblich, nicht nur im übertragenen Sinn) zu verlieren begonnen haben, denn fortan ist sie nicht mehr von uns (in Gott) gesetzt und damit geschaffen, fortan bestimmt sie despotisch über uns und alles Heilige, reißt die Welt regelrecht in Stücke, ist eine der tragischesten Wendungen des Abendlandes - und Symbol, und welches noch dazu.

Oder man denke an die Gipfelkreuze, die Bezug auf die Wirklichkeit des Berges geben - denn es sind die Berge (!), die eine abstrakte Masse Land zum Raum machen, die also Raum und Landschaft schaffen. Sie sind die Schöpfer der Regionen, sie ordnen die Welt, und teilen dem Menschen in der Orientierung diesen Raum mit. Sie ragen zum Himmel, in ihnen ist man dem Geist näher, ja das Reich Gottes ist immer als "Stadt auf dem Berg" bezeichnet worden. Die heilige Verehrung der Berge ist so alt wie die Menschheit. Was kann dieses Symbol mehr überhöhen als das ihr eigentliches Geheimins - das Symbol des Kreuzes, das in der Hingabe (Voraussetzung, um den Berg zu erklimmen) diese Höhe und DAMIT Gottesnähe noch einmal zur wirklichen Gotteesnähe (in der Hingabe, im Selbstopfer) übersteigt?

Wenn der ehemalige Rekordbergsteiger Reinhold Messner die Abschaffung der Gipfelkreuze fordert, wie jüngst tatsächlich geschehen, dann beweist er, was für ein hohler Flachkopf er in Wahrheit ist- Der offenbar lange schon aufgehört hat (wenn er es je tat), die Symbolik seines eigenen Tuns noch zu begreifen und es als Methode einer Erfolgstechnik und -gier sieht (denn seine Rekorde in ihrer unvernünftigen Waghalsigkeit (der sein Bruder sogar zum Opfer fiel) muß man so begreifen - als wäre es ihm um viel und noch mehr gegangen), mit der er viel Geld verdienen kann, weil genug Menschen heute flach und hohlköpfig wie er sind. Aber die Berge gehören zu unserer Kultur nicht als Dekor im Zimmer, sondern als kulturprägende weil raumschaffende Gegebenheiten, die wir zu hören und zu verstehen und noch weiter auszudeuten wußten. Sie mit Kreuzen zu bestücken ist kein willkürliches Herrschaftssymbol, sondern Ausdruck abendländischer Geistigkeit. Wenn Muslime dagegen wettern dann zeigen sie nur - wieder: als Symbol weit verräterischer, als sie selbst es wissen - was an Europa sie in Wahrheit stört.

Denn ein Berg ist eben NICHT ein abstrakter, zufälliger "Berg". Er ist in sich ein Symbol, erst dann ist er überhaupt Berg. Sonst wäre er nur leerer, aussageloser Gesteinshaufen, den bestenfalls noch Bulemiker und Ehrgeizbesessene wie ein tecnisches Gerät besteigen. Wer aber einmal auf einem Gipfel stand - er muß gar nicht hoch sein, sollte nur aus einer Landschaft herausragen, sie dominieren, probiere es der Leser; der Sonntagberg im Mostviertel, oder Maria Taferl in der Wachau, beides in NÖ, genügt - wird etwas erleben, das ihm auf der Ebene versagt bleibt. Die Völker beweisen es, denn Religionen der Tiefebenen und Steppen sind völlig anders strukturiert als solche von Bergvölkern, deren "Gottesvorstellung" viel konkreter, fast dingverliebter ist.

Die Ebene neigt zu Pantheismus, weil das konkretisierbare Erlebnis als Gott "hinter den konkreten Dingen der Welt" fehlt. Die Tibeter aber haben sogar einen inkarnierten Gott (Buddha), den Dalai Lama, und eine Religion oft sogar barbarischer Ritualität. Während schamanisch-pantheistische Vorstellungen bei den Ungarn (die aus der Ebene des Ostens kommen) noch bis in die Neuzeit (lt. völkerkundl. Literatur) eine beachtliche Rolle spielten. Von den sibirischen Völkern gar nicht zu reden.

Vergleiche man damit die feinfeinste, bis ins kleinste Detail symbolschwere Religiosität der Schlesier der Grafschaft Glatz, der auch der VdZ letztlich entstammt. Er war immer wieder ob dieser allen gemeinsamen Eigenschaft erstaunt, wenn er mit (deutschen, also: "früheren") Glatzern konfrontiert wurde, wie erst vor wenigen Monaten bei seiner Reise dorthin. Die sich die Bewahrung des Katholizismus sogar gegen Friedrich II. erstritten, und wo noch das einfachste Volk ein wahres Märchenland des Symbols vor sich ausgebreitet fand, wo jeder größere Stein Bedeutung hatte. (Ganz so hat auch der VdZ seine Kindheit - allerdings schon in Österreich - durchlebt.) Was für eine reiche, übervolle Kultur!

Der Leser möge sich doch selber umsehen, in unseren Ländern - er möge sich selbst wieder erziehen, zu sehen, wie voll unsere Kultur mit Symbolen ist. Dann wird er erkennen, daß sie es sind, die die Welt aus dem banalen materialen, toten, stummen Funktonsablauf zu schöpferischer, geistiger Gestalt heben, die erst Leben überhaupt bedeuten. Das ist keine nette Fleißaufgabe nervöser, übersensibler Träumer, im Gegenteil: Es ist das eigentlich erst eine humane Welt Schaffende. Halte der Leser also inne, wie es sich auch der VdZ immer wieder mahnend vor Augen stellt, trete er heraus aus dem Fluß der Träume einer dumpfen Verlorenheit, diesem Reich des Todes, und hebe er die Welt ins Licht des Geistes des Lebens, aus dem sie stammt, und hauche er den Steinen wieder Leben ein. 

Und das heißt: FORM, das heißt Ritus. Das heißt nicht Mühevermeidung und Bequemlichkeit, sondern Girlande und Umweg, Versagung, Gehorsam dem Gehörten gegenüber, heißt Heraussteigen aus aller Automatik - und plötzlich hebt sich ein Erleben, nein, Erleben überhaupt, das sonst vorenthalten bleibt und von dem man nicht mehr genug bekommen kann, weil sich Himmel und Erde küßt.

Selbst wenn sich das heutige Europa so viel auf seine "Menschlichkeit" einbildet, auf seine "Liebe", wenn es sich in manchen Ideologien für "die Unterdrückten" einsetzen möchte, so ist unübersehbar, daß es diese Ideen ohne christlichen Untergrund gar nie gegeben hätte und nicht mehr gäbe, so wenig es auf Dauer auch ausreichen wird, was sich ja längst abzeichnet. Weil diese vom eigentlichen symbolischen Grund losgerissene "Menschlichkeit" allerorten bereits zerstörerische, abstoßend banale Züge annimmt (wie im Gleichheitswahn, im Gendering, in der plumpen "sozialen Forderung", etc. etc.)

Aber immer noch wird Höflichkeit geschätzt, wenn auch immer seltener praktiziert, weil als Spiel von Symbolen gar nicht mehr weitergegeben, übernommen und gekannt, sondern durch einen tatsächlich neuen, banalisierten, auf Funktionserledigung abzielenden, entsymbolisierten mitmenschlichen Umgang ersetzt. Der etwa einen Wert darin sieht, dem anderen brutal ins Gesicht zu kotzen, was man gerade von ihm dächte, möchte oder nicht möchte - während wahre Mitmenschlichkeit, das Reich der Poesie als Reich des gelungenen, schönen Lebens ohne Kreuztragen an der Schwäche des anderen, ohne Haltung der Bereitschaft an ihm auch zu leiden, gar nicht möglich ist. 

Stattdessen wird es fast schon zur Tugend, sich am anderen direkt schadlos zu halten, sich zu rächen, ihn gleich gar zu bestrafen, wenn er einem - vermeintlich - Unrecht getan hat. Hier zeigt sich am Augenfälligsten, wie ohne Formenstrenge der Symbole menschliche Kultur völlig zusammenbricht und zum primitiven vegetativen Überlebenskampf wird, in dem sich als selbsterfüllende Prophetie die Evolutionsphantasien, die bereits eine tote, entsymbolisierte Welt vorwerfen, "beweisen".

Niemand achte aber das noch Bestehende, so schwach es auch schon oft sein möge, einfach so gering, auch wenn es meist kaum noch artikulierbar - "bewußt gewußt" - ist. Es ist das feste, geheimnisvolle, immanente Symbol-Skelett unserer Kultur. Erst wenn diese Dinge ebenfalls fallen, auch übrigens weil mancher Bischof oder Priester irrigerweise meint, er müsse auf "volles, bewußtes Begreifen" Wert legen, oder wenn wir sie durch Rituale aus anderen Kulturen und Religionen ersetzen, dann ist auch diese Kultur wirklich tot. Denn es ist ohne jeden Zweifel eine zutiefst christ-katholische Kultur.

Ja, weil sie sich auf eine gewissermaßen "niedere", rein menschlich-irdische, weltimmanente Ebene einer verzweifelten selbstevozierten Scheinwelt beziehen, sind sie einer gottweisenden, ihn erst erfahrbar machenden Symbolik nicht nur nicht angemessen, haben also in einer Liturgie der Kirche rein gar nichts zu suchen, sondern bergen sogar eine immense Gefahr. Daß nämlich die eigentliche Dimension der Symbolik, wie sie nur und über eine meist lange, noch wichtiger aber: in der historischen ersten Zeit, also in noch recht unmittelbarer historischer, realer Anwesenheit Gottes selbst (bzw. die noch sehr originale Erinnerung daran), wutzelnden Genese in einer immer weiter ausgearbeiten (immer reiner! reiner! nicht verwaschener, unreiner! gewordenen) Formenstrenge eingefangen ist, daß also diese eigentliche Dimension des Symbolik gar nicht mehr erfahrbar wird, weil sie von rein menschlich-weltimmanenten Gesten und Gefühlsinhalten überlagert wird. Mit der sich viele Menschen oft sogar schon abfinden. Damit stirbt die Liturgie, damit wird sie zur ein menschlichen Veranstaltung, die durch jede Gruppentherapie (die ja auch bei den Teilnehmern eine gewisse gebesserte Befindlichkeit erreichen will) oder jedes Rockkonzert (bewußt: Rockkonzert, denn der heutige Rock setzt nicht auf Musik, sondern auf Mechanismen der Erlebensformung; der Besucher von Rockkonzerten muß also nicht mehr selbst erleben, erlebt also gar nichts mehr, sondern konsumiert vorgesetztes Erleben, indem er sich dazu von 80.000 Watt Lautsprechern schon rein schalltechnisch-mechanisch überwältigen, ja freiwillig vergewaltigen läßt*) ersetzbar würde.


Morgen Teil 4)



*Die Gewalt an der Erlebensfähigkeit, der sich oftmalige Konsumenten lauter Rockmusik (Ohrhörer ersetzen dabei die Lautsprecherboxen problemlos) erkennt man u. a. an der seelichen Trägheit bzw. kommt die "Musik" jener entgegen. Zur Frage, wieweit Rockmusik in der Kirche konstruktiv sein kann, muß nicht mehr viel gesagt werden - sie ist aus ihrem Wesen heraus sogar nachgerade anti-religiös und lebensfeindlich. Daß Besucher solcher Veranstaltungen aber von "Erlebnis" sprechen ist kein Wunder.  Nur ist es eben kein Erlebnis, sondern eine "reaktive, passiv hingenommene Zugestoßenheit" von Regungen, die aus dem schon rein physischen Geschehen hervorgehen, das über sie ergangen ist. 

Jedes Hören aber ist ein aktives, schöpferisches Geschehen! Jedes Erleben der Sinninhalte von Musik ein eigenschöpferisches Formen! Jedes um Verstehen bemühte Zuhören ein aktives Selbstsprechen. Erst so kann man sich als "gehörter, objektivierter Inhalt" dazu verhalten.




*070916*


Dienstag, 25. Oktober 2016

Aber die größere Gefahr ist der Relativismus (2)

Teil 2)




Fällt die strenge Form der Symbolik, dann stirbt die Welt


Fällt die Symbolik, wird sie ausgelöscht, fällt die Welt, wie Cristina Campo einmal schreibt, in den Tod. Die Welt wird tot. Das Ende der Zeit (und damit das Ende der Geschichte) ist in dem Moment gekommen, in dem alle Symbolik ausgelöscht ist. Denn in dem Moment ist die Welt nicht mehr das fleischliche bzw. fleischgewordene Reich des Geistes - das Reich Gottes besteht (oder: bestünde) nicht mehr (würde die Zeit nicht abgekürzt, darauf dürfen wir hoffen).

Aus diesem Grund muß die ganz konkrete, architektonisch errichtete Kirche ein vollkommenes Abbild (oder: soll es sein ...) diese Reiches Gottes, der Kirche in jeder Dimension, eingegliedert in den Ewigen Chor der bereits vor dme Angesicht Gottes steht, und immer dort steht, weil das Symbolische in seiner Ewigkeitsdimension keiner weltlichen Zeit mehr unterworfen ist. Speziell in den Kirchenbauen bis zur Moderne ist dieses Begreifen zu einer Blüte gediehen, die etwa in den gotischen kathedralen zu einem lückenlosen Ensemble purer Symbolik wurde, wo alles einen Ewigkeitswert hat und als Gesamtkomposition ein Fenster zum Ewigen Geist ist. Womit wir beim Wesen der Kunst sind.

Keineswegs also ist es zum einen egal, ob das Leben in Symbolik und Symbolhaftigkeit stattfindet, denn es ist sogar seine Voraussetzung. Und keineswegs ist es auch egal, in WELCHER Symbolgestalt die geistigen Inhalte in die Welt hinein verfleischlicht werden. Denn das konkrete Symbol ist über das menschliche Erkennen jener Ort auf jener Ebene, die der menschlichen Verfaßtheit als sinnliches und sinnenhaftes, aber auch in den Geist ragendes Wesen (der Mensch also in Dialogik mit dem Geist, analog zur göttlichen Dreifaltigkeit - "Nach seinem Abbild schuf er ihn.") über die Dramatik dieses Zueinandergeschehens entspricht. Einen anderen Weg gibt es nicht, bzw. ist kein anderer Weg "verantwortbar" (wenngleich "für Gott alles möglich" ist), weil dem Menschen gewiesen. 

Auf einen anderen Weg zu spekulieren - und erst recht, die Symbolik als nebensächliches Brimborium zu sehen, dessen Form unwichtig ist - ist also Hochmut und Vermessenheit, ist in Wahrheit sogar ein Schlag in das Gesicht Gottes, dessen Weisheit als Abbild in der konkreten Schöpfung als unwesentlich dargestellt wird. Meist mit dem Scheinargument, daß es ja nur auf seinen reinen Geist ankäme. Das heißt, daß sich z. B. über das ganz konkrete Abbild des gekreuzigten Jesus Christus - das Kreuz ist ein Symbol - im Menschen jene Erkenntnis zuerst über die Sinne abbildet, die er dann (als Eigenleistung, gewissermaßen) in seinen menschlichen Geist hineinholen muß, wo sie auf jeder Ebene des menschlichen Daseins ihre Entsprechung bilden kann, bis sie im Geist die höchste Form annimmt - als reine Form.

Es wurde schon angesprochen, aber soll noch einmal ausgeführt werden - das, was das Symbol vom menschlichen Zeichen unterscheidet. Denn innerhalb der menschlichen Weltlichkeit bzw. aus ihrer faktischen Zuständlichkeit alleine heraus ist eine Symbolik kaum oder sogar gar nicht möglich. Nur in der Selbsttranszendierung AUF FORM HIN vermag der Mensch eine Gestaltdynamik abzubilden, die tatsächlich das Ewige in die Welt hereinholt. Nur so bleibt das Bleibende, das Eweige von Anbeginn, auch in der Welt - im stets neuen Rückgriff. Rein menschliche Geste mögen einen gewissen vorübergehenden Wert (auch in der Klugheit) haben, sie können aber niemals die Größe und Bedeutung der Symbolik erreichen.

Noch mehr aber, hat die Kirche das alltägliche Leben der Menschen dieses abendändischen Kulturkreises durch eine nach und nach immer dichter werdende Gestaltung des gesamten Tages- wie Jahreskreises immer mehr in diese Welt der Symbole hineingeholt. Und die Menschen haben ihr Leben aus diesem Rahmen zu gestalten begonnen, nach und nach, und nach und nach auch die Fülle des Lebens aus dieser Welt der Symbole - der Kirche, dem Reich Gottes also - in ihrem Leben realisiert. Das war bei weitem nicht immer, ja nicht einmal ansatzweise sogar "bewußt" so, sondern es war ein immer innigeres, immanentes Verhältnis zu diesem Reich der Poesie, in das von den allermeisten fast jeder Lebensvollzug hineingeholt wurde: Die Menschen haben ihre Lebensvollzüge zu ritualisieren begonnen. Man denke an immer noch bestehende formen die das Morgen- und Abendgebet, die regelmäßige Teilnahme an den kirchlichen Liturgien und Festen sowieso, das Tischgebet, das Kreuzzeichen beim Anschneiden eines frischen Laibes Brotes, der berühmte, an so vielen Orten gepflogene "In Gottes Namen ...", die Wegkreuze, die Kreuze in den Häusern und öffentlichen Gebäuden, die Rituale der Rechtssprechung, um nur einige der Auffälligsten zu nennen.

In diesem Rahmen nimmt das Symbol deshalb auch immer eine gewisse kulturspezifische Form an, aber nur in diesem Rahmen. Dann wird es zum "Kreuz der Johanniter" - weil es in dieser spezifischen Form noch weitere Konkretion in die Welthaftigkeit hinein angenommen hat - oder zum "Stern Davids", zur "Liturgie der Franziskaner" oder zur "Liturgie der Arberesh" auf Sizilien, jener im 15. Jhd. vor den Türken übers Meer geflohenen albanischen Bevölkerung, die bis heute ihre alten Liturgien und Symbole - bis hin zur alten Sprache der Liturgie - bewahrt hat. Aber mehr als das. Diese spezifische Hineinprägung des Symbols zur Welthaftigkeit ist sein eigentlicher Ort der Weltwerdung und der Fensterhaftigkeit. Denn Heil ist IMMER spezifisch, ist immer regional, ist immer sehr in eine bestimmte Situation hinein gesprochen.

Es muß deshalb davor gewarnt werden, die Symbole selbst wieder zu abstrahieren, in eine abstrakte Gestalt gegossen zu sehen. Das wird ihrer lebensspendenden und lebenstragenden Aufgabe nicht gerecht. So schwierig diese Frage oft auch zu beantworten ist, weil es genau darum geht: Ob diese Gestaltenindividuation noch den eigentlichen Symbolwert erfaßt oder ihn zur bloßen Kulturerscheinung stilisiert, zur bloß ästhetischen Frage oder gar einer Kultivierung einer Unkultur, einem Defekt in der Regionalkultur macht. Der Inkulturationsstreit der Symbole in der Kirche hat eine lange Tradition und ist bis heute natürlich eine immer gleich brennende Frage.

Umso mehr aber hat die Kirche immer Wert darauf gelegt, einmal in diesen Hinsichten geklärte Fragen und damit Kult- bzw. Symbolvarianten hochzuschätzen und zu bewahren. Wenn es stimmt, was katholisches.net schreibt, daß der Vatikan jüngst die erwähnten (letztlich: orthodoxen) Kulte - Erinnerungen an Zeiten, in denen Byzanz und Rom noch in ein und derselben Kirche geeint waren - vereinheitlichen, damit "abstrahieren" will, um so einen "gemeinsamen kleinsten Nenner" zu finden, dann kann man sich nur über diese lieblose Gewalt wundern. Noch dazu, wo dieser uralte albanische (immer als katholisch anerkannte!) Kult ein Ausgangspunkt für eine wirkliche Union des Katholischen Kreises mit der Orthodoxie des Ostens sein kann, weil in ihm beide noch vereint waren.

Aber es wäre - leider - typisch für das, was man heute als gefährliche Tendenz in der Kirche feststellen muß. Die die Wahrheit der Form relativiert, auf eine minimale allgemeine Form herunterbrechen will, auf die es letztlich gar nicht - weil sowieso nicht - ankommt. Nichts ist deshalb unkatholischer als eine Zentralisierung der Symbolik des Kultes bis ins Detail. Noch dazu wo man ganz konkret befürchten muß (wir führen das aber hier nicht weiter aus), in der die Symbolik des Heils durch eine banale Symbolik einer abstrakten, spiritualistischen Zwischenmenschlichkeit ersetzt werden soll, wo rein menschliches Fühlen und Wollen und vor allem (!) subjektives Befinden angestrebt werden soll, das die Symbolik ersetzen soll. Genau das, was in vielen Pfarreien unseer Länder heute bereits Alltag ist - und die Kirchen wie die Theater "leergespielt" hat (wie ein Regisseur zum VdZ einmal meinte.)

Wo im selben Maß, wo beim Friedensgruß alle durch die Kirche zu laufen begannen, um sich zu herzen und zu küssen und nach dem Befinden des letzten Babies zu fragen, wo im selben Maß, als die Liturgie regelrecht "leergeräumt" wurde, sodaß heute nur noch ein Entertainer am Altar steht, der dem Volk zugewendet eigentlich nichts tut als zu reden und vor allem zu erklären, was angeblich nun passiert (aber nicht mehr zu sehen ist, weil die Symbole weggelassen wurden, dabei soll ja genau das passieren: es soll gesehen werden, es soll ja ganz real passieren!), die Menschen den Gottesdiensten fernblieben. Denn Mitmenschlichkeit auf dieser Ebene - und mehr ist es ja nicht mehr, was der durchschnittliche Gottesdienstbesucher heute am Sonntag erlebt und sieht die eigentlichen liturgischen, symbolischen und realen Akte sind auf ein kaum noch sichtbares Minimum reduziert; am meisten bewegt sich da noch, wenn der Pfarrer zu den Menschen rennt und ihnen die Hand zum Friedensgruß schüttelt wie ein um Wahlstimmen werbender Bürgermeisterkandidat - liefert jeder Stammtisch ums Eck um Dimensionen besser.

Es kann aber in der Liturgie nur eine Wirklichkeit geben - die der Symbolik. Denn nur sie ist der Himmel, im Sakrament sogar ganz real. Und ihre Freuung ist die des Geistes. Geist aber ist eine Dimension, die ein Sterben gerade des Menschlich-Allzumenschlichen voraussetzt. Nur dann ist auch seine Freiheit zu erreichen - wenn der Mensch von rein zwischenmenschlichen Antrieben völlig frei ist. Nicht durch die Liturgie - auch noch gerade vor der Kommunion, der Begegnung mit dem reinen Geist in der Brotsgestalt, in der das Symbol zum realen Zeichen des Himmels wird - sogar noch dazu getrieben wird, also bereits die reale Erfüllung des Symbols ist, dessen Zerbrechlichkeit damit übersteigt.

Dahinter steht das, was Antonio Rosmini als einen der sich im 19. Jhd. endgültig abzeichnenden Allgemeindefekt des Abendlandes erkennt - die Verdinglichung des Geistigen. Als Für-sich-nehmen eines in einem formalen Vollzug immanent enthaltenen, aber nicht voraussetzungslos Konsumablen: Liebe, Geborgenheit, Vertrauen ... Dinge, die für sich nicht "machbar" sind, auch nicht explizit als Erlebensquant vermittelbar, sondern bestenfalls Folge, Frucht eines ganz anderen, wahren, realen Geschehens, bestenfalls Punkt, auf den sich Hoffnung bezieht. Der aber für sich praktisch kaum je erlebt werden kann. Der sich deshalb aber hervorragend für Täuschungsabsichten und die Lüge der Schizoidität (der "Behauptung", der kein Sein entspricht) ausnützen läßt.



Morgen Teil 3)





*070916*

Montag, 24. Oktober 2016

Aber die größere Gefahr ist der Relativismus (1)

Es gibt etwas, das man "Rubrizismus" nennt. Damit ist ein bis zum Fanatismus geführtes Festklammern an Formen gemeint, das den unbedingt notwendigen freien Zugang zu Riten und Liturgien, zu Symbolen also, überlagert und sich an formalen Vollzug klammert, als würde alles bereits darin enden. Damit wird eigentlich jenes Kreuz der Hingabe erstickt, das als Transzendierung des menschlichen Tuns auf das Göttliche hin das eigentliche Einlaßtor der göttlichen, ungeschuldeten, also freiwilligen Gnade ist, die immer nur herbeigefleht werden kann - und ein Akt der Freiheit wird. Der Freiheit, die ein Akt ist, der in dem Moment entsteht, als in Bindung ein freier, objektiverter Umgang mit der Form stattfinden kann. Denn es ist die Bindung, die die Freiheit erst ermöglicht. Freiheit ist eben kein dauernder Zustand der Freiheit von etwas, und was man sonst noch damit gemeiniglich verbindet, sondern ein Zustand des Verhaltens gegenüber einer bindenden Anforderung, die auch abgelehnt werden kann.

Demut gegenüber dem Ritus, der Form, ist also zwar einerseits das Selbstüberschreiten in das sakramental und liturgisch aus der Tradition heraus nach und nach immer feiner festgelegte Zu-Tuende hinein, ist aber anderseits auch jene Demut, die die menschliche Schwäche nicht als endgültiges Hindernis ansieht. Es braucht also auch, ja gerade bei strengster Liebe zur Liturgie und zur Symbolik jene Gelassenheit, die den Vollzug erst zum lebendigen, präsenten, fleischgewordenen Gnadenort macht. Soweit zum Rubrizismus, den man aufgrund seiner Nähe zur Magie (auf die Luther die Form überhaupt eindampfte) tatsächlich ablehnen muß.

Dem gegenüber steht der Relativismus

Dem steht aber eine Haltung gegenüber, die ebenfalls in Philosophie klar nachzuzeichnen ist, die die Form für überhaupt gleichgültig erklärt, nennen wir sie "Relativismus". Die im liturgischen Vollzug den eigentlichen Ort der Gnade nicht in der Transzendierung auf die Form hin sieht, sondern diesen Vollzug an die rein subjektiven, zufälligen, momentan sogar entstehenden Formen gebunden zu wissen meint. Sie sieht den Entstehungsort der Gnade in rein subjektives Wollen gelegt, sodaß der reale Vollzug unbedeutend wird, ja sich das Symbol auflöst bzw. zu einer spontan werdenden Symbolhaftigkeit wird. Zwar sieht sie richtig, daß die Zeit ein Ergebnis der Aktualität ist, denn nur sie ist das heraustreten aus der Traumhaftigkeit, die eigentliche Geschichtswerdung als Geschichtsschaffung durch bzw. über den Menschen. Aber sie sieht nicht, daß die Grundformen der Welt ewig gleiche Dynamiken und entsprechende Bewegungsbilder sind, die in ihrer Grundstruktur niemals geändert werden können, wollen sie nicht EIN ANDERES werden. 

Ein Symbol muß also über alle Geschichte hinaus, die in der Identifikation ein gewisses historisches Kleid kennt, sich also in gewisser Peripherie "variabel" fortentwickelt (in der "Mode", im "Stil"), immer es selbst bleiben. Sein Merkmal ist, daß es nur als es selbst auch jenen Inhalt in der Welt repräsentiert, den es analog zu seinem rein geistigen Inhalt auf anderer (geschöpflicher, dinglicher) Ebene in die Welt als Wirkung trägt. Denn die Welt muß als "analogia entis" verstanden werden, als eine andere Ebene als reiner Geist, aber eine dem Wissen und der inneren Dynamik ähnliche geschaffene Gestalt in Fleischlichkeit.

Weil es somit die eigentliche Welt ist, weil es somit eine Welt als Darstellung des Wirklichen ist, als Anknüpfung an die Wirklichkeit selbst (die Gott ist), ist damit auch die Welt des Menschen als Welt des Lebendigen ein Welt der Symbolik. Sie unterscheidet sich somit auch klar von einer rein situativen Symbolik, die etwa als spezifische Verinbarung unter Menschen zwar möglich ist, aber schon sehr dem Zeichen nahe kommt oder gleich mit ihm verschwimmt. 

Das Wesen der Symbolik ist also nicht nur tief in der Anthropologie verankert, die das Abendland im Grunde seit je und in einem ununterbrochenen Strom des Denkens ("philosophia perennis") zu begreifen und zu verstehen versucht hat, sondern sie ist Ausfluß eines grundsätzlichen Weltverständnisses. In der "ein Tag den anderen grüßt", ein Ding das andere, ein lebewesen das andere, ein Mensch den anderen, in einem ununterbrochenen und gigantischen In- udn Zueinander, das eben di eWelt ist. Die im Menschen ihren dauernden Bestand haben soll. Im Menschen, der am göttlichen Geist durch Angleichung an den fleischgewordenen Gott die Welt (in der Demut, im Opfer - denn die Welt ist ein in Jesus im Hl. Geist an sich selbst adressiertes Opfer Gottes) ebenfalls im ewige Bestand hält.*



Morgen Teil 2)





*070916*

Samstag, 11. Juni 2016

Ohne Logik keine Welt

(Der Vdz wird damit immer häufiger konfrontiert:) Der Schritt vom Erkennen der Wahrheit (durch den anderen) zur Feststellung, er würde einen bekämpfen, ist zumalen heute oft sehr sehr klein, ja nicht mehr als eine Umwendung. Und mit einem Schlag wird der Wahrheit ihre Weltkompetenz abgesprochen, um Welt, Wahrheit und Weisheit in irgendwelchen nur über Gefühle und Befindlichkeiten definierbare Faktizitäten festzulegen. 

Wenn aber die Wahrheit abgelehnt wird, wird jede Kommunikation unmöglich. Dann wird der Sprache ihre Kompetenz zur Welterfassung, zum Begreifen der Welt, abgesprochen. Dann wird der wahrhaftigere Mensch zur Bedrohung.

Man übersieht dabei (aber nicht nur das), daß es kein wahres (und das muß immer das wirklichkeitserfassendere) Denken gibt, ohne sittliche Haltung. Es gibt deshalb auch keine überlegene Logik ohne überlegene Wirklichkeitsrelevanz.

Das Wesen der heutigen dominierenden Weltideen ist genau deshalb nicht Logik, sondern die Verweigerung der Logik zugunsten einer sopra-logischen, irgendwie "moralischen" Wahrheit. Die jenen Spalt nutzt, den jede Sprache in sich trägt: Daß keine Logik zu einer umfassenden, ganzheitlichen Welterfassung nicht ausreicht. 

ABER sie ist die Wahrheit dieser geheimnisvollen Welt - in einer bestimmten Ebene. Wo keine Logik, gibt es deshalb auch keine (wie auch immer "gefühlte", intuitive, oder was sonstwelche) Welt und Wirklichkeit. Ein Denken, das die Logik verweigerte, wäre auch ein weltverweigerndes Denken.

Nicht vor der Logik muß sich jemand fürchten. Niemals! Im Gegenteil. Sondern von der Vermischung der Ebenen, auf denen sie ihre jeweilige Darstellungsbedeutung hat. Die Irrtümer der Gegenwart sind nicht der Logik zuzuschreiben, sondern genau dem Gegenteil: sie zeigen in der Wirklichkeit, was ihrer Gedachtheit in deren eigentlichen Gründen fehlt: Logik.

Deshalb zeigt unser Zeit eine immer ausgeprägtere Neigung, in der Urteilsfindung die Logik fernzuhalten. Und sich auf irrationale Gründe der Welt zu berufen, während in Teilen eine in ihren Fundamenten unlogische, in ihrer Gedanken-Ablaufrichtigkeit aber zu stimmen scheint - der es also am logos, am Sinn fehlt und darauf zielt solches Vorgehen auch ab.* Aber die Welt ist niemals irrational, niemals. Sie ist  nur in einer höheren Logik geborgen, die sich in ihren tiefsten Tiefen nicht mehr durchdringen läßt. Auf die aber jede Logik, ja nur die Logik hinweist.



*Unverständlich? Versuchen wir es mit einem simplen Beispiel: Selbstverständlich würde eine Erhöhung des CO2-Gehalts die Erde vernichten, wenn die Denkvoraussetzung ist, daß CO2 die Welt bis zur Lebensfeindlichkeit aufheizt. Nur - diese Vorausetzung ist nicht mehr logisch, und in mehreren Hisichten sogar. Totalitarismus zielt nie auf vereinzelte Gedankenunrichtigkeiten ab, sondern auf im Denken enthaltene Gedankenvorausetzungen und -vorentscheidungen, die es zu dogmatisieren gilt. Weil sie das eigentliche Ziel des Handelns in Zwecken (die wieder logisch sind) berühren.




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Freitag, 3. April 2015

Warum denn etwas schwer wird

Aus dem Imago, dem Bildnis Gottes heraus, in das Äußere hinein, ist der Weg alles Geschaffenen, in seinem Selbstsein, und am vollkommensten im Lebendigen, das sich in je höherer Weise bereits selbst erhält, bis es im Menschen aus der Freiheit (in Gott) heraus sich selbst erhält. Deshalb hat alles Dingliche, Geschaffene, die dem Wesen Gottes analoge (ähnliche) Tendenz, es selbst zu sein.

In diesem Selbstsein vertieft es sich zugleich wieder in sein Inneres, das in seinem Wirklichwerden äußerlich ist. Sodaß ein Ding dem anderen (im Maß seiner Vervollkommnung im Selbstsein) wiederum ein Gleichnis Gottes, des Ursprungs, des Seins selbst, mitteilt.

Das macht die Schwere der Dinge einerseits aus, anderseits ihre Anziehung. Denn alles trägt in sich die Polarität des Nichts, in das es in dem Moment fällt, in dem es es selbst wird, und ZUGLEICH und genau darin, im Selbstsein, sich in den Ausgleich des Getragenseins durch das "Hinaus" des Imago (Strebens) hebt.*

Denn so, wie die Luft auf alles drückt, was nicht mit ihr erfüllt ist, so wie das Wasser auf jene Dinge und Lebewesen drückt, die nicht mit ihm ganz erfüllt sind (weshalb auch im tiefsten Meer Lebewesen bestehen können), so drückt auch der Geist auf jene, die nicht von ihm - also von innen heraus - erfüllt sind.

Dem Gottfernen muß deshalb Gott, das Sein, Last sein, die ihn bedrückt. Und nur, weil und soweit er ist, wird er davon nicht erdrückt. Und so fällt jeder Mensch zu Staub, als er stets nur mangelhaft den Geist in sich leben läßt, und aus selbem Grund fällt er zu Tode.

Indem aber alles es selbst ist, soweit es aus sich herausstrebt (von innen heraus bewegt und geformt weil vom Ursprung her "informiert", mit dem er verwurzelt ist, sofern er sich dem nicht widersetzt), sich also auf etwas zu überschreitet, ist es dieser Tod der Ich-Verkrümmung (die sich selbst erhalten will), der es im gleichen Moment (ontologisch nachgereiht, aber nicht zeitlich) vom Ursprung her leben (weil durchpulst sein) läßt. Das uns durchpulst sein läßt aus der Liebe des Hervorgangs.**


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Eine sehr erhellende Analogie bildet Franz von Baader zwischen der Zeit und dem Raum: So wie bei allem, das vom Ursprung (als der alles umklammernden Ewigkeit) getrennt ist, im Nacheinander (des menschlichen Bewußtseins) auseinanderfällt, zur Schein-Zeit, so fallen im Raum die Dinge auseinander.***


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*Deshalb ist es nicht die Sonne, die "anzieht", sondern das Selbstsein der von ihr herausgeschleuderten Planeten, das sie vom Sonnenlicht erfüllt (innerlich ausgefüllt) sie selbst sein, und DESHALB nicht in die Sonne zurückstürzen läßt, schreibt Franz von Baader.

**Nicht also aus einer Mechanik heraus, die notwendig so verlaufen würde, sondern aus freiem ungeschuldeten Akt und Willen des Ursprungs - des Seins.

***Wie sehr deshalb die Idee des Internet, die mit der Idee der Überwindung von Zeit und Raum verbunden, von einem metaphysischen Konzept getragen ist, wird gleicherweise damit illustriert. Das Internet ist deshalb nur in einer Epoche möglich, in der eine Welt (als Gefüge der Dinge) aus dem Ursprung herausfällt, und "schwer geworden", inmitten der Bewegung ins Nichts, Bestand (in dder quasi "irdisch-schweren" Scheingeistigkeit der "Information", in der "Geist" in Daten auseinanderfällt) sucht.  




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Mittwoch, 17. Dezember 2014

Aus den täglichen Heften

Nun würde aber dem hermaphroditischen Menschen, dem Androgyn, jenes Element fehlen, das seine Spezifizität, das im (Gott, dem Sein selbst als Akt analogen) Grundstreben der Schöpfung als Selbsterhalt, im Bestand aus Eigenem gründet, erst zur Gestalt führen könnte. Und das ist die Selbsthingabe, die Selbstüberschreitung. 

Die Polarität des Geschöpflichen, als Puls aus Wärme und Kälte vorstellbar, als Rhythmus aus Selbstauflösung ins Alleine und reiner Form, aus der sich im Grunde die gesamte Physik und Chemie erklärt, kann nur so - im Vereinen der Geschlechter - zum Analogon des Göttlichen werden. 

Durch Selbstüberschreitung auf das andere hin, als Handeln an ihm (ihm gemäß, nur durch Selbstvergessenheit möglich) wird das ihm Wesensgemäße (je Polare) zur Gestaltwirklichkeit "gehandelt" - die Liebe, die sohin alles zur Gestalt bringt, die die Schöpfung zutiefst begründet.

Fehlt dieses im Ergänzen zum Ganzen werdende, äußerst sich dieses Streben nach Selbstheit in hier einem Erkalten als tote, ordnungslose Endform (wie bei einem Kometen), und dort als Zerfließen in der Wärme des Rückstrebens ins Alleine, das Licht und Wärme selbst ist, die aber noch keine Form hat. Der Verstand als Persönlichkeitskonstituens erstarrt in der Mechanik der Logizismen, in der Kälte somit. Das menschlich "Warme" hingegen zerfließt in bestimmungslosem, indifferentem Verglühen als eben auch nicht Liebe, sondern Auflösung. Denn beide verfehlen die Liebe, beiden fehlt das Herz. 

So sehr beiden Teilen das ursprüngliche, aus tiefsten Seinsanalogien kommende Streben nach Einheit eingeschrieben, nie ganz auslöschbar ist. Der im kalten Verstand erstarrte Mensch versucht die Evokation von Wärme (als psychologischer Selbsttäuschungsvorgang, der eine Wahrnehmung imitiert), der in indifferenter Wärme zerfließende Teil aber rechtfertigt diese Wärme durch gedankliche, rationale Absicherung, die lediglich Schild zur Gegenwehr ist, weil er immer gefährdet ist, von anderer Form überwältigt zu werden.

Strebt das Eine Indifferente aber zur Besondertheit, die gerade in seinem Besondertsein des Indifferentseins besteht (Geist), so das Besonderte ins Eine Universale (Geist), an dem es im Maß (des selbstüberschreitenden Vollzugs, als Schritt auf das Zentrale, in gewissem Sinn, hier, indifferente Eine zu) seiner Besondertheit teilhat bzw. sich eint - aber nur ALS Besondertes.

Das nur in der Gesamtordnung besteht, sonst in sich zusammenfällt und erkaltet und tot und wirr durchs All schießt.

Und in dieser Polarität der Streben wirkt das eine als Schwere, das andere als Leichte. 

Wie es in der Erde, auf einer grundsätzlicheren Stufe betrachtet, selbst erkennbar ist, allem Erdhaften, Erdzubehörigen damit innewohnt. Die aus der Hitze des zum Besonderten Auseinanderstreben des geschmolzenen Kerns (immer mit einem gewissen Eigenlicht aus Selbstbestand) zum Differenzierten Erkalteteren an der Erdoberfläche - im Licht (bei der Sonne: als Licht) - steigt, in dieser Bewegung aber gleichfalls pulst. Sich aber in einem unermeßlichen, niemals teilhaft festhaltbaren, wirklich separierbaren Ineinanderwirken dieser Grundstrebungen wiederfindet. Niemals separierbar, niemals quasi bausteinartig vom Separierten, Aspekthaften her aufrichtbar, wie es eine mechanistische, immer dabei reduktive Weltauffassung versucht.

Wie im Weltall die je besonderten, aber nirgendwo zu einem Ganzen wie bei der Erde in sich zusammengeführten Teil- und Einzelelemente existieren. Hier, im Kern der Erde also das (alles Seiende heraustreibende) Eine, Indifferenzierte, dort, als Gegendarstellung, das Besonderte aller jener Einzelelemente, die auf der Erde im Geist zur Ordnung der Gestalt und des Lebens - als alles im Bestand Erhaltende - geführt sind.

Während im Unorganischen die Welt noch in je Einzelaspekte auseinanderfällt, so sehr alles zueinander in Beziehung steht*, faßt sie der Organismus, je nach Höhe, mehr und mehr zusammen, um schließlich im Menschen die Einheit zu repräsentieren, und als Analogon (Gleichnis) zu Gott zu "sein". Und TRITT in Beziehung, führt in Beziehung, ordnend, als Selbstvollzug als Gestalt.

Als kosmische Nachbildung im Kult (der ja bis ins Brauchtum als quasi "kleinere Liturgie", ja selbst bis in jede, wirklich jede menschliche Handlung geht, deren Sinn sogar ist) vollzogen. Weshalb jede Kultur - als der menschlichen Lebensform selbst - im Kult beginnt. Denn alles Handeln, das ein Bewegen ist, geht von einem Symbol aus, ja das menschliche Innere ist letztlich selbst ein geistiges unbildliches Bild, das in der Bewegung zum Symbol wird, in dem sich Geist und Materie zur geschöpflichen, welthaften Gestalt verbinden. Teilhaft in seinen Aspekten, aber zum Ganzen geeint, noch sie selbst, aber in ein größeres Selbstsein eingefügt und untergeordnet als einzelne Organe, Nervensysteme in ihren Stufungen, Muskeln etc.

Denn im Menschen finden sich sämtliche Bedingungen des Kosmos wieder und vereint, und er wird in der Wahrheit (die weit mehr ist als bloße Ratio - sie ist personalisierter dreifaltiger Geist, im Menschen aber nur als Analogon, als Ähnlichkeit möglich) zum universalen In- und Wesensbild der gesamten Schöpfung selbst, ja zum Gestaltträger des Kosmos. Woraus sich sein höchstes Ziel - Gottähnlichkeit in Einheit wie Besondertheit, im Atem des Geistes - erfassen läßt.




*Es ist dieses Streben, diese Bezüglichkeit, die einerseits als Eigenschaft der Welt empirisch wahrnehmbar ist, anderseits aber, falsch gewichtet, zum Irrtum einer "Entwicklung aus sich heraus" (Evolutionismus) führt, Indem es dieses Streben (das gewissermaßen ein Inkarnationsaspekt des schöpferischen Geistes ist), eben entgeistet (Geist bleibt damit psychisch/psychologisch material). Oder, vom Personalen getrennt, zur (damit wiederum geistlosen, lediglich rationalen) Gnosis führt.

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Donnerstag, 13. März 2014

Innere Dynamik der Welt

Auf diese subsistente Relationalität [der Dreipoligkeit in allem Seienden aus Sein, Wissen und Wollen; Anm.] von Sein, Wissen und Wollen übertragen heißt dies: SEIN enthält impolikativ (auf "noch" unentfaltete Weise) Wissen und Wollen bzw. Lieben. Wie sollte beides sonst nämlich aus ihm hervortreten können? Das Wissen weist als solches auf das Sein zurück, das in ihm explikativ zur Darstellung kommt. Was sollte nämlich ein Wissen von nichts sein, wenn nicht ein Nicht-Wissen, ein Widerspruch in sich selbst? 

Als Seins-Wissen führt das Wissen - als real fundierte Theorie - aber zugleich über sich hinaus, nämlich zur Praxis des voluntativen Liebens. Ein solches Lieben aber würde in launenhafter Willkürlichkeit zerfallen, wenn es nicht komplikativ das Sein und das Wissen in sich zur Auswirkung kommen ließe."


Erwin Schadel, in "Trinität als Archetyp?"




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Mittwoch, 1. Januar 2014

Stirb und Werde

An dieser Stelle haben wir bereits über die Fliess'sche Bemerkung geschrieben, in der er seine Beobachtungen zusammenfaßte indem er meinte, daß die Natur in dem Moment (bzw. zeitlich folgend), wo sie ihre höchste Vollendung findet - stirbt, ins Wesensbild ihrer Art aufgeht.

Daran läßt sich durch die Beobachtungen von Hans André wunderbar anknüpfen, einordnen in ein Gesamtgesetz allen Werdens, ausgedrückt im Kreuz. Bildhaft im Zellgeschehen dargestellt, wo sich das Zeugen, das Werden eines Neuen als zu Neuem zusammenfassendes Geschehen aus zwei zuvor folgenden Schritten ergibt.

Denn das Weibliche, Passive, läßt sich zurücksinken, gibt gewisermaßen das Formprinzip auf, um es DANN und in dieser Passivität vom Männlichen, Aktiven, zu empfangen. Die Zelle löst sich zum Nährgrund auf, in passive Bereitschaft, um das Gestalterische entgegenzunehmen. Wobei sich rein im physischen Geschehen noch gar nichts ableiten läßt - das Neue nämlich, das daraus dann im Nachwuchs erwächst, wird bereits von einem neuen Wesensbild geprägt und gestaltet und zur neuen Pflanze (etc.) hervorgetrieben. 

Die Blüte ist diese höchste Selbstrepräsentation, die höchste Gestalt, in der sie das Sonnenlicht expliziert, differenziert, als Kelch der Empfängnis, der Hingabe, um sich selbst dahinzugeben, ins Braun der Erdhaftigkeit zurückzusinken, zum grünen Brautkranz zu dem sich die Blüte zurückbildet, bereit im Sterben für ein neues Leben, in dem sich im Herabneigen der aktiven Potenz die Polarität von Mann und Frau zu einem neuen Einen zusammenfaßt.

Yrjo Hirn - auch darüber findet sich hier geschrieben - hat in seiner bemerkenswerten Untersuchung über den "Schrein" darauf hingewiesen, daß der Altar der Kirchen auf dieses Stirb und Werde zurückgeht, daß sich alle Symbolik der Gottesmutter auf dieses Schreingeheimnis bezieht. Denn auch der Altar war und ist als Schrein, als Totenschrein (der er ursprünglich buchstäblich war) zu verstehen, auf dem in einem nie auflösbaren Geheimnis neues Leben vom Leben selbst, vom im Geist herabgekommenen Gott Vater gezeugt wird, Sakrament, das sich dem Menschen als Nahrung gibt.




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Mittwoch, 24. Juli 2013

Ordnung in der Liebe

Das Sein selbst aber ist nicht das Prinzip der Einheit der Vielfalt der (im menschlichen Erkennen sich im schöpferischen Akt bildenden) Ideen, schreibt Leo Gabriel, indem er Plato bereits auf Plotin hin interpretiert. 

Es ist die Idee des Guten, als Spitze, die über alle Ideen hinausragt. Diese Besonderheit des Guten in seiner Stellung den Ideen gegenüber ist als Seinsweise des Guten gegenüber den Ideen zu sehen. 

Und dieses Gute wird in jedem Akt der Liebe zum Ausdruck gebracht, nicht als Akt einer rein rationalen Erkenntnis. Und in diesem Akt des Eros, der Liebe strebt die menschliche Seele zur Vereinigung mit dem Guten selbst - Gott.

So fügt sich die Ideenwelt in der Liebe zu einer kosmischen, Gott analogen (ähnlichen) Ordnung, der Mensch wird in seinem Ideenkosmos wie in seiner Liebe zum Abbild Gottes. Und zwar in aller historischen Relativität, in der sich das Sein, das das menschliche Denken abbildet (und insofern enthält), je neu zeigt.
 
Ideen aber sind des Menschen. Dieser Genitiv bezeichnet den Ursprung der Idee als generatio (nicht als ein nasci, nicht als natura, das ist sehr wesentlich), sondern als geistige Schöpfung und somit als sinnhafte Gestaltung und als Form des Ausdrucks geistiger Innerlichkeit. Ideen können sich daher integral-logisch nicht als reine Begriffe, als formal logische Abstraktionen, sondern nur gestaltlogisch darstellen lassen. Ideen und Ideensysteme sind Gestaltungen des inneren Menschen und als Ideen erschließender Ausdruck seines Wesens, seines inneren Selbst. (Gabriel, a.a.O.)



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Sonntag, 17. März 2013

Grundformel

Man kann eine einfache (erste) Linie ziehen: liegt das Wesen des Lebens in einer Darstellung der Ideen Gottes, auf der Basis des Gehorsams der Geschöpfe (Erbsünde!) nur möglich, folgt die imitatio Dei als Wesen menschlichen Lebens. In der Struktur des Menschen vorgezeichnet, als Abbild der Dreifaltigkeit, wo sich die Idee (Vater) im Hl. Geist (Liebe) zum Fleisch formiert (Sohn). Im Grunde hat man darin bereits die Struktur des menschlichen Seelenlebens vor sich.

Von dieser Imitatio, die im Kult ihre Reinform hat (Paradies als Gemeinschaft des reinen Kults), deriviert sich die "säkulare" Form menschlichen Handelns, die aber immer in den Reinformen - Kult (= Kunst*) - ihre Grundformen hat und suchen muß, weil sich sonst jedes menschliche Handeln als formlos verliert, wird so zur Kultur, und Kultur zur analogia entis, mit der Rein- und Gesamtform der Kultur, der Kirche, als societas perfecta. Außerhalb derer, im Abweichen vom Sein selbst, an dem nur in der Anähnlichung teilgenommen wird, nur sie läßt sein, weil Sein Gott IST, es gar keine Alternative gibt. Alles, was diese Anähnlichung verweigert, ist dem Verfall ausgeliefert, dem Nichts.

Kein Mensch agiert außerhalb dieser Grundstruktur, sie IST seine Struktur, er kann sie gar nicht fliehen. Außer er stürbe. Aber diese Wahl liegt gar nicht in seiner Macht (siehe Genesis: "... damit er nicht vom Bauem des Lebens auch noch esse")

Die Kunst, die im Kult gründet, sucht diese Reinformen. Jede kulturelle Form ist sohin eine Spiegelung der höchsten Ideen. Und von dort her wirkt sie befruchtend im wahrsten Sinn - Ehe als Grundform des Lebens, als Verhältnis von Form zu Materie, im Geist - auf das alltägliche Leben.**





*In ihrer Spielhaftigkeit als Ausprobieren des Wirklichen (aus Wirklichem heraus), insofern "wirklicher" als die faktische historische Realität. In ihren zwei Grundformen: der Fuge (als reines Spiel des Perfekten, als Anrufung und damit Herbeirufung des Seins), und als Drama (als Herausschmelzen des Seins aus dem Faktischen, in seinem Ergebnis wieder in einer Anrufung des Seins mündend.) Und insofern immer auch kultisch.

**Nur als weiterführender Hinweis gelte hier das Wort der "Tradition", ohne die es gar keine Entwicklung geben kann. Wird Tradition gewaltsam abgeschnitten, fällt eine Kultur ins Nichts. Gleichermaßen können Traditionen nicht aus einer beliebigen historischen Epochen geholt werden. Denn der Akt der Erneuerung kommt aus der Liebe, die im Selbstopfer ihre einzige Gestalt hat - im Selbstopfer des Selbsttranszendierens, der Selbstaufgabe an einen zugewiesenen Platz. Die - wahre - Tradition ist also nicht das Absolutsetzen von Formen und Gestalten, sondern die überkommenen Formen sind der Spannungsraum, auf den hin sich der Mensch transzendiert, und aus dem heraus die Liebe und damit das Schöpferische geheimnishaft (also: nicht planbar etc.) erwächst.




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Dienstag, 26. Februar 2013

Kultur stammt nicht aus Sublimation (7)

7. Teil) Der selbstverständliche Urtrieb der menschlichen Seele - 
Der Trieb zur Selbstauszeugung




Entgegen häufiger Behauptungen, daß der Mensch, so wie alles Lebendige (das ja alles auch eine Seele, wenn auch unterschiedicher Art hat), sich im bloßem "Überlebenstrieb" erklären ließe, zeigt Alexander Pfänder in "die Seele", daß dies keineswegs ausreicht, um das tatsächlich beobachtbare Verhalten der Seele aus einer Wurzel heraus zu erklären. Ja im Gegenteil. Das bloße Überleben selbst ist lediglich eines der Mittel, deren sich die Seele in ihrem Bestreben, sich zur Fülle auszuzeugen, bedient. Und es ist keineswegs das einzige oder hauptsächlichste Ziel des Menschen.

In ihm finden alle anderen Triebe ihr Maß und ihren Sinn, hier schließen sich erst und endlich die Kreise. Er befeuert das Seelenleben zu seiner Vielfältigkeit und Komplexität. Sämtliche übrigen Triebe lassen sich aus ihm heraus als Partialtriebe verstehen, die einem einzigen Gesamtziel dienen. Dem Ziel der Seele, sich ihrem Wesen gemäß in die Welt hinein zu entfalten, ins Fleisch hinein genauso, wie im Weg zu sich selbst, in der Reflexivität. Umgekehrt verlieren alle Partialtriebe - die dann als Mittel zu sehen sind - ihr Maß und ihr Ziel, wenn sie aus diesem aus sich heraus alles einenden Urtrieb heraustreten.

Geht man noch einen Schritt weiter, so läßt sich alles Lebendige in einem Stufenaufbau erfassen, wo das Physische im Psychischen integriert ist, und dieses wiederum im Geistigen, wie beim Menschen konkret, sodaß das je Höhere (als Übergeordnetes Prinzip) das je untere in sich einschließt und nach ihren Prinzipien prägt. Was heißt: Zur Vollauszeugung in gewisser Hinsicht prägen sollte, weil unausbleiblich ohnehin prägt. (S. u. a. der Entelechiegedanke bei Hans André, "Die Einheit der Natur") Es gibt den Menschen also nicht, der keine geistige Weltanschauung hätte. Es gibt aber den, der sie nicht kennt oder kennen will.

Und hier, aber auch genau hier, schließen sich somit die Kreise des Konkreten, Dinghaften, zur Metaphysik des Seins überhaupt. Denn selbstverständich fällt das menschliche Dasein, die menschliche Seele, in ihrem Wesen und in ihrem Sinn nicht aus dem Wesen und Sinn des Daseins der Welt überhaupt heraus.  Erst wenn - und in dem Maß und in der Art, wie man es tut - man das Wesen des Seins überhaupt, das Wesen aller Dinge begreift, erschließt sich auch das Wesen des menschlichen Seelenlebens, wird es verstehbar. Denn das Wesen der Welt IST Selbstauszeugung. Dieser Grundzug läßt sich allem Seienden, allen Dingen, allen Sachen letzterklärend, aber letzterhellend, beimessen. Erst wenn man weiß, versteht, was die Welt überhaupt ist und soll, versteht man auch den Menschen.

Alle, und gerade die heute geläufigsten, Erklärungsversuche und Sinnmodelle des Menschen gründen deshalb in einer Art und Weise, die Welt - das Seiende als Sein - überhaupt zu sehen. Ob sie das explizit wissen und ausdrücken, oder nicht (was am häufigsten der Fall ist). Wird hier schlampig, fehlerhaft gedacht, zerfällt alle übrige Erklärungsmöglichkeit, wird bruchstückhaft und ungenügend. Gustav Siewerth schreibt deshalb völlig zurecht, daß wenn die Ontologie der Philosophie versagt, einerseits die tiefsten Rätsel des Seins unverständlich werden (ausgehend ganz konkret vom Wesen der Dreifaltigkeit, das ohne Chance auf Verstehen bleibt), so wie sich in diesem unauflöslichem Zusammenhang aller Stufen des Denkens - wo die Erstprinzipien alle übrigen Gedanken formieren und bedingen, ja in einer gewissen Zwangsläufigkeit, Logik zueinander stehen - auch die konkreten Dinge der Welt verschließen.*

Darein reihen sich dann auch weitere Beobachtungstatsachen - wie die, daß alles was ist, auch und vor allem ein Sein für die anderen ist. Und erst in diesem "Sein für" ein "Sein für sich". Womit auch jene Grenzen berührt werden, wo der Mensch, seine Seele, selbst zum Geheimnis wird. Ohne in Irrationalität oder "Unverständlichkeit" zu versinken. 

Und damit schließt sich diese kleine Artikelserie, die natürlich nicht beansprucht, in jeder Hin- und Rücksicht ausgeführt zu sein. Sie konnte und wollte nur anreißen, zu einem kleinen Überblick zusammenfassen. Zeigen, daß hier, und genau hier, Sinn und Wesen von Kultur beginnt. Als Ausfluß wie Kontur menschlicher Gestalt, der Frucht der Selbstauszeugung der Ideen Gottes, der diese Ideen auch ist. Und in deren ohnendlicher Realität unser Personsein als Geschöpf gründet. Das im Zueinander von für-sich-Stehenden Entelechien das immer je aktuelle und darin geschichtliche Gesicht einer Kultur darstellt. Entfernt sich also eine Kultur vom Sein selbst, so fällt sie in sich zusammen. Umgekehrt lebt sie erst und nur aus der Selbstauszeugung der Menschen. Denn es gibt keine inhumane oder "andere" Kultur, so viele Scheinformen von Kultur es geben mag. Es gibt nur eine Kultur, die sich in dieser Grundwesenheit des Lebendigen verfehlt, und damit zum Tode zerfällt.

Völlig zum Gegenteil also von Freud ist Kultur kein Produkt eines Staus von Trieben "niedrigerer" Qualität zugunsten höherer Tätigkeit, sondern überhaupt nicht aus Triebstau erklärbar. Vielmehr kommt es auf das vom Ich, der zentralen Mitte her definierte Zueinander und auf die richtige, dem jeweiligen Individuum gemäße, also von Mensch zu Mensch verschieden gewichtete Entfaltung und Bewahrung vor Entartung (Maßverlust durch Loslösung vom zentralen Ich) aller Strebungen im Dienste einer zentralen Aufgabe: Der Selbstauszeugung, der Entelechie.

Kultur ist also kein Ersatzprodukt beengter quasi untermenschlicher Natur. Sie ist die Vollendung der Zielung aller Natur, auf all ihren Ebenen. Die in ihrer Entfaltung sohin graduell mehr oder weniger, je  nach Seinsstufe ausdifferenzierte, vollkommenere Abbildhaftigkeit Gottes wird. In dessen Einem, dem Sein, das alles umfängt und als Akt erhält, sie ihre Einheit findet, Ecclesia wird.






*Es gibt deshalb keine, und zwar wirklich keine Psychologie, die nicht eine Weltanschauung und eine religiöse Haltung wie Entscheidung zu ihrer Grundlage haben. Es gibt deshalb auch keine psychologische oder psychoanalytische Methode, die NICHT metaphysische Modelle und Vorentscheidungen zur ihrer Grundlage hat, und in ihrem Sinne auf eine "Lösung" hinarbeitet und ausgerichtet ist. Das zeigt das ganze Elend der heutigen praktischen Psychologie auf. Die diese Tatsache noch dazu häufig verweigert, und damit ihre eigenen Grundlagen - aus den unterschiedlichsten, selbst psychologisch untersuch- und verstehbaren Gründen - unbewußt und ununtersucht läßt. Sodaß die Psychologie in den allermeisten Fällen der Gegenwart (es gibt nur ganz wenige in dieser Hinsicht verdachtsfreie "Methoden", sofern das überhaupt Methoden sind) subjektives Mittel zu subjektiven Zwecken der Psychologen selber wird.






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