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Sonntag, 16. Februar 2020

Irland - Die Mutter über den Vater gestellt (4)

Teil 4) Die Beseitigung aller Torwächter



Worum es heute für Katholiken geht, ist auf jede Form von öffentlicher Anerkennung - in den Medien, in der akademischen Landschaft, in der Politik, im privaten Umfeld - verzichten zu lernen. Katholiken, Menschen, die sich der Wahrheit verpflichtet fühlen, müssen begreifen, daß sie von der gesamten öffentlichen Landschaft keine Anerkennung mehr erhalten werden, im Gegenteil: Sie werden entweder bekämpft, oder - und das ist effizienter - total ignoriert.

Gerade als Publizist muß man neue Wege finden, ins Sprachbewußtsein der Menschen vorzudringen. Die herkömmlichen Wege werden mehr und mehr verlegt. Und sei es, daß man unter dem Titel "hate speech" gerichtlich verfolgt wird, wie die UNO nun unter Umkehrung der Beweislast (sic!) - der Beschuldigte muß nachweisen, daß die Beschuldigung zu Unrecht erfolgt, sonst ist er automatisch schuldig - festgelegt hat. Unsere nationalen Rechtssysteme schaffen keinen Schutz mehr. Sie befassen sich neuerdings vielmehr mit Dingen wie "Die Verantwortung der Iren für den Kolonialismus in der Karibik". (Was umso grotesker ist, als viele Sklaven dort ... Iren waren. Schwarze waren den Bedingungen auf den dortigen Plantagen gar nicht gewachsen.)

Für eines ist die emotionale Lage in Irland ohnehin bereits weit gediehen, es wird vermutlich ein nächster Punkt, in dem man die Verfassung außer Kraft setzen wird, ohne daß es jemandem auffällt oder stört: Das Recht auf freie Meinungsäußerung. Hier ist das subjektive Bewußtsein vieler bereits dergestalt, daß sie meinen, daß bestimmte Ansichten strafbar sein sollten. Es kommt heute bereits häufig vor, daß Menschen bei der Polizei anrufen, weil ihnen irgendeine Twitternachricht irgendeines anderen nicht gefällt, man solle das gefälligst unterbinden.

Die formale Rechtslage spielt immer weniger eine Rolle im Bewußtsein der Menschen, wird immer unwichtiger. Vielmehr sehen sie sich über den Hebel einer "Moral" dazu bemüßigt, ihre Mitmenschen zu maßregeln und anzuzeigen, wenn deren Denken nicht ihren Vorstellungen (bzw. den Vorstellungen der neuen Moral) entspricht. Das Rechtsbewußtsein der Menschen hat sich schon so weit verändert, daß die Rechtslage selbst unwichtig wird, sondern die Basis für "Unrecht" die subjektive Rezeption ist: Wo ICH mich angegriffen fühle, muß auch der Staat eingreifen. Die gesamte Konstruktion der "hate speech" dient dazu, zumal rechtlich gar nicht ausdefinierbar ist, was "Haßrede" (hate speech) überhaupt sein soll.

Waters meint, daß dies auch mit einem sehr schwach ausgeprägten Gefühl für Unabhängigkeit und Integrität bei den Iren zu tun hat. Zuletzt hat sich das 2008 gezeigt, wo als Folge des finanziellen Staatszusammenbruchs (der im übrigen durch die falsche Entscheidung erfolgt ist, die Schulden der privaten, überschuldeten Banken zu verstaatlichen) ausländische Kapitalgeber mit den niedrigsten Steuern der Welt eingeladen wurden, in Irland Einfluß zu nehmen weil zu investieren. In den 1970ern hat sich das mit der Pharmaindustrie abgespielt, wo Konzerne wie Pfizer ins Land geholt wurden, indem man ihnen jede Umweltauflage ersparte und niedrigste Steuern für Gewinne zusagte. Das hatte verheerende Auswirkungen! Ganze Landschaften wurden verwüstet, und die Iren selbst haben in keiner Weise profitiert, weil keine Steuern bezahlt wurden.

Diesmal werden wir kolonialisiert

Nicht zuletzt durch den EU-Beitritt wurde die irische Politik zur bloßen Empfangsstelle von Direktiven aus Brüssel. Das hatte zur Folge, daß sich nur noch bestimmte Charaktere dazu bereit fanden, in die Politik zu gehen - Personen mit dem niedrigsten Niveau irischen Individualismus und Willen zur Selbstbestimmtheit. Jeder schöpferische Mensch meidet solche demütigenden Bedingungen, die ihn zur Marionette machen. Politik wurde deshalb zu einer Art "Sport", wo man am Abend feine Essen und am Monatsanfang fette Gehälter genießt. Die gesamte Führungsschichte wandelte sich. Die zuvor größten Idioten wurden nun zu Führungsgestalten. Und diese Menschen haben natürlich auch keinerlei Widerstand gegen die Invasion mit neuen Werten, dieser neuen Moral der Moderne. Und sie haben keine Skrupel, das der Bevölkerung zu diktieren, ja im Gegenteil, sie können damit ihre Macht demonstrieren - als Dominanz, die alles bis in den letzten Winkel bestimmen will.

Was sich in Irland abspielt, und das ist wohl das Auffälligste, ist aber nicht einmalig. Vielmehr fällt auf, daß sich diese Vorgänge weltweit wiederholen. Irland ist nur eines von vielen Beispielen, wie ideologische Mächte höchst professionell und systematisch jede nationale, lokale Rechtsgrundlage - sowohl formal wie im Rechtsempfinden - außer Kraft setzen, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Das geht so weit, daß man mittlerweile sagen muß, daß es gar keine Regierungen mehr gibt, die wirklich die Bevölkerung repräsentieren. Vielmehr sind es Umgestaltungsjuntas, die in fremdem Auftrag die eigene Bevölkerung vergewaltigen, allen sagen wie zu denken ist, und skrupellos die lokale, traditionelle Lebensweise umformen.

Übrigens fällt noch etwas auf - die Parallele zum Kolonialismus der Vergangenheit. Waters greift den Gedanken auf, indem er darauf hinweist, daß früher eintreffende fremde Mächte der einheimischen Bevölkerung erklärt haben, daß alles, was bisher geschehen ist, schlecht, alles was nun kommt gut ist. Daran mußte geglaubt werden, und so wurde auch vorgegangen, damit wurde alles legitimiert. Aber erleben wir heute nicht genau dasselbe?  

Erleben wir nicht auch, daß ständig von außen kommende Kräfte uns erklären - man nehme doch das Klimawandel-Thema, hier wird es ganz offensichtlich! - daß alles, was wir bisher gemacht, gedacht, gelebt haben schlecht, ja katastrophal ist. So daß wir uns neue Regeln und neue Lebensweisen anbequemen müssen, wie sie uns von außen ("international", "Konsens" etc. etc.) entgegengetragen werden. Denen wir sogar das Recht übertragen, über uns zu bestimmen, und Regeln zu verhängen, die wir selbst gar nicht nachvollziehen können, die bei uns selbst auch gar nie entstanden wären. Was bis in die Wirtschaft geht, die Produkte herstellen und vertreiben soll, die von außen diktiert werden.

Was sich in Dingen wie "Ehe für alle" oder "Abtreibung", was sich in "hate speech" etc. etc. abspielt entstammt derselben Quelle eines geringen Selbstwertgefühls. Wo wir selbst bereits bereit sind, Dinge und Gesetze über uns zu verhängen, die uns selbst weiter schwächen, ja auslöschen. Nicht andere Länder töten uns, nein, wir töten unsere Kinder selber. Nicht andere Länder schwächen unseren Staat, nein, wir tun es selber. Nicht andere Länder zerstören die natürliche Solidarität des Volkes, die auf der Familie aufbaut, nein, wir zerstören sie selber. Nicht andere Völker erobern uns und diktieren eine andere Kultur, nein, wir selbst holen Fremde in Massen ins Land und ordnen uns ihrer Kultur unter und geben die eigene auf. Nicht andere verbieten uns unsere Religion, sondern wir selbst erklären unsere Religion für relativ, also unwichtig, wenn nicht anderen unterlegen.








Samstag, 15. Februar 2020

Irland - Die Mutter über den Vater gestellt (3)

Teil 3) Als er zur Kirche zurückkehrte, fand er keine Kirche mehr



Während er die linksliberale Landschaft als bar jeder Vernunft zu sehen begann, die lediglich mit Gerüchten und Verleumdungen arbeitet, die auf leeren und sinnlosen Begriffen (wie "homophob") aufbauen, die nur Stimmungen, Gerüche, Vorurteile erzeugen sollen, aber keinerlei rationalen Wert haben. Keineswegs baut diese Ideologie auf "Evidenz" auf, ja nicht einmal auf Mehrheit, wie oft behauptet - es war die Meinung einer Minderheit, die sich über die Mehrheit hinwegsetzen und diese bzw. deren Weltanschauungen und Moralverstehen umdefinieren weil beherrschen wollte. Dazu braucht es diese oben besprochene Ablehnung des Vaters.

Waters war in der Folge widerfahren, daß er öffentlich und wiederholt mit abwertenden Aussagen über ihn konfrontiert war, für die es keinerlei Evidenz gab. Allmählich begriff er, wie gefährlich und skrupellos die Vertreter dieser neuen Moral waren und vorzugehen bereit waren. Diese Gefährlichkeit haben viele Katholiken bis heute nicht begriffen, und auch in Irland vor der Volksabstimmung über "Ehe für alle" im Jahr 2014 nicht. Man hat mit den Methoden nicht gerechnet, die angewendet wurden, um das gewünschte Ergebnis zu erbringen. Niemand hat vor allem damit gerechnet, wie professionell die Befürworter der "Ehe für alle" bereits waren, wie organisiert sie vorgingen: Die hatten sich "im Krieg" verstanden, und mit allen "Notstandsgesetzen" agiert, die im Krieg angewendet werden, weil das Ziel unbedingt Sieg heißen muß, egal mit welchen Mitteln. Während er und die Katholiken bzw. die Kirche mit "intellektueller Auseinandersetzung" vorgingen, ging es dem Gegner keineswegs um intellektuelle Redlichkeit und Vernunft, sondern um eine unbedingte Änderung der Gesetze. Und die Kirche hat bis heute nicht begriffen, daß sie sich in einem Krieg befindet, und kann damit nicht umgehen. 

Auch er war überrascht von dem, was ihm begegnete. Wie konzentriert und professionell vor allem die social media eingesetzt wurden. Damit wurde auf Personen des öffentlichen Lebens, Journalisten, Reporter, Kleriker ungeheurer Druck ausgeübt, die in der Folge reihenweise in die Knie gingen. Sogar der Erzbischof von Dublin, früher ein prononciert katholisch-traditioneller Mann, unterstützte schließlich die "Ehe für alle", um dem medialen Sturm, der entfacht wurde, zu entkommen. Wobei man ihm mit den gleichzeitig publik gemachten Mißbrauchsskandalen geschickt desavouierte und die Hände band, so daß er nur noch das Bild der Kirche in der Öffentlichkeit beschönigen wollte. 

Waters war zur Kirche zurückgekehrt, um nun zu erleben, daß es diese Kirche "gar nicht mehr gab"! Sie war nicht mehr vorhanden! Er erlebt heute die groteske Situation, daß er in seiner ganzen Kindheit und Jugend einer Umgebung gegenüberstand, die konservativ war (und mit seinen heutigen Ansichten übereinstimmen würde), er heute aber als Konservativer einer links-liberalen Umgebung gegenübersteht, mit der er sich in unvereinbarem Konflikt befindet, und wo ihn der Klerus bis auf wenige Ausnahmen im Stich läßt, ja ihm sogar als Gegner gegenübersteht. So geht es heute wohl vielen, auch dem VdZ übrigens. 

Es gibt keine Bischöfe mehr, die noch die Wahrheit verkünden, das ist das bittere Fazit. Irland steht heute in der historisch einmaligen Situation, einer Gruppe von Menschen - den Ungeborenen - alle Rechte abzusprechen. Das haben nicht einmal die Nazis gewagt. Damit widerspricht man sogar der irischen Verfassung. Wenn heute eine fremde Armee das Land erobern und erklären würde, daß ab sofort diesen und jenen Iren jedes Lebensrecht aberkannt würde, würde es allen sichtbar und man würde sich dagegen auch mit Widerstand auflehnen. Aber mit den neuen Abtreibungsgesetzen hat man so einen Krieg geführt und gewonnen, ohne auch nur einen Schuß abzufeuern. 

Maßgeblichen Anteil an diesem Verlust des Begreifens von Wirklichkeit haben die Medien. Die Waters als "korrupt" bezeichnet. Sie haben den Leuten eingeredet, daß es eine "Zeitgemäßheit" von Moral gäbe, diese mit dem Wesen des Menschen nichts zu tun hätte. Sondern mit der Evolution der Menschheit generell. 2015 wurde die Ehe von den Medien als nicht mehr zeitgemäß dargestellt, weil es angeblich keine substantielle Geschlechtsidentität gibt. Also wurde die "Ehe für alle" eingeführt. 2018 war das Abtreibungsverbot den Medien folgend nicht mehr zeitgemäß. Also wurde die Abtreibung freigegeben. Was wird 2022 sein? Die Euthanasie, weil deren Verbot nicht mehr zeitgemäß ist? Es ist zu erwarten. 

Mit diesen massiven Eingriffen in Grundrechte, die das erklärte Ziel von Rechtsanwaltskanzleien auf der ganzen Welt sind, die sich der LGBT-Agenda des "Transgenderismus" widmen, wird man den Eltern jedes Recht nehmen, auf die Erziehung und Identitätsbildung ihrer Kinder Einfluß zu nehmen und verantwortlich zu handeln. Irland ist nur das erste Land in Europa. Ihm werden bald Norwegen und Dänemark folgen. Das wird höchst professionell unter Ausnützung des bestehenden Rechts vorangetrieben, da stehen hoch professionelle Anwaltskanzleien dahinter, bezahlt von allen möglichen Seiten. 


Morgen Teil 4) Die Beseitigung aller Torwächter





Freitag, 14. Februar 2020

Irland - Die Mutter über den Vater gestellt (2)

 Teil 2) Man stellte in Irland die Mutter über den Vater



Und das hat in Irland eine lange lange Tradition. Waters verweist auf den interessanten Umstand, von dem man sich auch bei Besuchen in Irland überzeugen kann (wie der VdZ es tat, dem fiel es ebenfalls auf), daß das irische Geschichtsbewußtsein sich seltsam häufig auf frühere legendäre "Königinnen" beruft. Irland war eben nie (oder ist schon lange nicht mehr) ein wirkliches Patriarchat! Es war immer bzw. ist seit langer langer Zeit ein Matriarchat. Die Männer waren dafür da, funktionale Dinge zu tun. Die ihnen aber die Frauen auftrugen, die die Autorität auch in moralischen Fragen hatten. 

Der irische Katholizismus hatte damit keine intellektuelle Basis, sondern war in dieser Mutterbezogenheit lediglich "etabliert", war nur mit der Mutterverbindung eingesogene Verhaltensprägung, mit allen Folgen (wie: Angst vor Individualismus und Widerstand gegen Masse und Mehrheit).

Waters ist das erst in den 1990ern aufgefallen, als er einerseits mit dem ehemaligen Sozialismus der Tschechei zu tun bekam, anderseits selbst Vater wurde. Und mit ungläubigem Staunen feststellte, daß in Irland Väter keine Rechte hatten, ebenso wenig Kinder in Bezug auf ihre Väter. Das gesamte Rechtssystem war auf die Frauen und Mütter ausgerichtet, um deren Rolle und Rechte zu stärken.


Elvis oder Jesus, Intelligenz oder Geist

Der irische Journalist, der als äußerst frommer Katholik in einer äußerst frommen katholischen Umgebung aufgewachsen ist, erzählt aus seiner eigenen Jugend in den 1960ern/1970ern, wie er das Einbrechen der Pop- und Rockkultur des Westens erlebt hat: Als fundamentalen Konflikt mit der Welt, in die er hineingeboren worden war. Jesus war, so wie er es erlebt hatte, ein lieber, netter, weicher, unmännlicher Kerl. Aber diese neue Welt, die sich in der Rock- und Popmusik, mit neuen (und rebellischeren, individualistischeren) Vorbildern wie den Beatles oder dem Fußballer George Best war viel aufregender, interessanter, attraktiver. Und beides zugleich ging nicht, das fühlte er damals, ohne das Warum (wie heute) zu kennen. Also entsorgte auch Waters den "süßen Jesus" und wandte sich von der Kirche ab. Moderne Zeit und alter Glaube schienen ihm unvereinbar: Vor die Wahl gestellt "Elvis oder Jesus" wählte er Elvis. Dort schien auch alles viel "gescheiter", intellektuell überlegen zu sein.

Was er damals nicht erkannt hatte, war, wie hoch intelligent sein Vater, seine Vorfahren gewesen sind. Trotz nur geringer Schulausbildung hatten sie die geistigen Fähigkeiten zu hochwertigster Arbeit und Weltbewältigung. Die den heutigen Menschen völlig fehlt, die zwar mit Bergen von Zeugnissen ausgestattet werden, in deren Leben es aber keinerlei Evidenz für Intelligenz gibt, die mit dem Leben und der Welt zu tun hat. Der heutige Begriff von Intelligenz richtet sich nur auf eine institutionalisierte Definition, nicht auf Welt und Leben. Mit dem kulturellen Bruch seiner Jugend aber wurde auch diese neue Form von "Intelligenz" allgegenwärtig. Endgültig wurde im letzten Jahrzehnt die alte Form von Geist erledigt und zum Verschwinden gebracht.

Aber Waters war nicht zufrieden. Was da vor sich ging in der Welt blieb ihm ein Rätsel. Also begann er in den 1980ern und 1990ern erneut zu suchen. Und stieß in Ratzinger und Johannes Paul II. erstmals auf einen anderen, ihm neuen, vernunftbetonten und vernunftbasierten Katholizismus, der sich von dem bloß frommen, den er kannte und der ihm in seinem anti-intellektuellen und die Welt draußen lassenden Affekt nicht gerade attraktiv erschien, völlig unterschied. Nach und nach entdeckte er stattdessen, daß der Katholizismus auch diese neue Welt zu begreifen half. Ja erst in seinem Licht begann er zu verstehen, was er in der Welt und Irland erlebte.  

Früher hatte er den Katholizismus für ein Gebäude von Regeln und Vorschriften gehalten, das eine Clique alter Männer über die Menschen verhängt hatte. Nun begann er ihn als tiefes geistiges, konsistentes, großartiges Gebäude, der Verfaßtheit der Welt in toto zu begreifen, von dem ihm nach wie vor viel noch nicht klar ist, auf welche Klärung er aber mit immer mehr Vertrauen auch warten kann, weil er deren Lösung in der Kirche ahnt. Denn Zeit spielt im Erkennen eine immense Rolle. Keinesfalls ist ihm heute die Kirche diese Art von Desaströsität, als die er sie in seiner Jugend bzw. im Licht der "neuen" Kultur gesehen hatte. Aber um das zu sehen, hat er lange gebraucht.

Auch um zu sehen, wie eng linke, liberale Ideen von Gerechtigkeit mit dem Sozialismus verbunden sind. Dabei war er lange noch ebenso ein links-liberaler Denker, dem die pro-life-Bewegung etwa suspekt war. Bis er allmählich sah, daß hinter der Abtreibungsfrage ein völlig anderes Begreifen von Leben stand. Als er sich damit an seine frühere (linke, liberale) Kollegenschaft wandte, erlebte er aber eine seltsame Reaktion der Ablehnung. Mehr und mehr erkannte er sogar, daß dort von Anfang an eine Zielsetzung am Werk war, die auf eine Neubewertung der Homosexualität abzielte. Und das ging von der Verantwortung seiner Tochter gegenüber aus, die er in ihren Schulen und Einrichtungen mit einer ständigen ideologischen Erziehung konfrontiert sah, die allem bodenständigen Verstehen widersprach. 

Zumal er selbst mehr und mehr den Wert der Tradition erkannte. Selbst im Torfstechen, wo er und sein Bruder die alte Methode des Abhebens von Hand wählten, wofür sie von allen Nachbarn verlacht wurden, die längst mit riesigen Maschinen die Torflandschaften auszuheben und zu zerstören begonnen hatten. Aber genau diese neue Art zu denken, alles in abstrakte Vorgänge umzubrechen, ohne Rücksicht auf irgendetwas, war auch die Basis des kulturellen Umbruchs. Dort ging alles an Verbundenheit und Verantwortung, also Verwurzeltheit verloren, und wurde zum bloß intellektuellen Ding, zu dem man sich persönlich nicht stellen mußte. Mehr und mehr begann er auch seine Verbundenheit und Liebe zu Irland, seinen Menschen, dem Boden neu zu erfahren. Aus dem Linksliberalen wurde ein Traditionalist, der überall den Finger seines Vaters im Rücken spürte. Und wo immer er Vernunft erlebte, war sie in der Tradition bereits enthalten.


Morgen Teil 3) Als er zur Kirche zurückkehrte, fand er keine Kirche mehr




Donnerstag, 13. Februar 2020

Irland - Die Mutter über den Vater gestellt (1)

Noch 2010 wäre unvorstellbar gewesen, was sich in Irland seit 2011 abspielte: Das einstige Flaggschiff des Katholizismus brach binnen nicht einmal eines Jahrzehnts auseinander, und wurde zum Schlachtschiff des modernistischen Liberalismus der westlichen Welt, in dem die Kirche in atemberaubendem Tempo ausgebootet wurde, daß heute Irland wie zuletzt in den Fragen der Abtreibung oder der "Ehe für alle" sogar "vorbildhaft" wirkt. Auch im Haß auf die Kirche.

Wie konnte das geschehen? Wie war ein solcher Sinneswandel eines ganzen, durch und durch katholisch gewähnten Volkes in so kurzer Zeit möglich? E. Michael Jones geht im Gespräch mit dem in Irland sehr bekannten (und kontroversiellen) Journalisten John Waters dieser Frage nach.

Und Waters stellt gleich zu Beginn fest, daß der frühere Eindruck eine Täuschung gewesen ist. Eine Erzählung war lange Zeit aufrecht erhalten worden, die von der inneren Realität immer weniger bis gar nicht mehr gedeckt war. Der starke, hohe, weit ausladende Baum inmitten der Wüste der Neuzeit, als den man Irland wahrnahm, war von innen heraus bereits durchfault. Als in dem bekannten koordinierten Einwirken von NGOs, Medien und Ideologien, wie es auf bewährte Weise bereits sämtliche westliche Völker und Kulturen überwältigt hat, die ersten massiven, gezielten Axtschläge auf ihn einprasselten, stellte sich blitzschnell heraus, wie wenig Substanz und damit Widerstand noch vorhanden war, wie bereitwillig man aber diese Welt einer neuen Moral aufnahm und sogar herbeisehnte. Die irische Gesellschaft war und wurde in Wahrheit bereits seit langen Jahrzehnten geistig ausgehöhlt, und damit sturmreif geschossen für die "Neue Zeit", die "neuen Werte", wie sie den gesamten Westen bereits erfaßt haben.

Der legendäre irische Katholizismus war nur Fassade, war nur ein braves Nachlaufen und Festhalten an Gewohnheiten. Sobald diese - wie in der ernsten Finanzkrise 2011, in der Irland vor dem Bankrott stand - ihre Gefügtheit und Sicherheit verloren, brach die "Gesellschaft der Tradition" zusammen, und nichts blieb mehr übrig. Bislang eher nur unter der Hand gepflegte Sichtweisen kamen plötzlich nach oben, weil das Überkommene hinterfragt wurde. Mit einem Mal brach auch ein latenter Anti-Klerikalismus auf, den sich die irische Kirche (leider) gar nicht nur zu Unrecht selbst zuzuschreiben hat. Denn auch die hatte es sich bequem eingerichtet, und schien machen zu können was sie wollte, weil die Gesellschaft "dicht" hielt. Damit war nun Schluß.

Es stellte sich heraus, daß die Treue zur Kirche und ihre Stellung in der Gesellschaft oft einfach Indifferentismus gewesen war. Man nahm es hin, hinterfragte es kaum, ohne wirklich dahinter zu stehen. Waters meint am Beispiel seines eigentlich "tieffrommen" Vaters, daß der sein Gebetsleben pflegte, zur Messe ging, etc. etc., aber von Priestern und Bischöfen kaum Notiz nahm, ja eher amüsiert von diesen war, aber sie nicht ernst nahm. Er hatte seinen privaten Weg des Umgangs mit Gott in der und durch die Kirche. Und das war eine weit verbreitete Haltung in Irland!

Die Sichtweise der Kirche durch die Iren war generell sehr simpel. Man sah sie als regelbasiert, und daran hielt man sich. Eine in dem Sinn "personalisierte" Entscheidung war nicht nötig und traf auch kaum jemand. Wirklich tiefe Fragestellungen waren nicht üblich und wo immer sie auftraten, wurden sie auch vom Klerus abgetan und auf "das Gesetz Gottes" geschoben, basta. In dem Moment, wo es dazu kam, wo Kirche zu einer Angelegenheit der Treue durch persönliche Entscheidung wurde, wo das Individuum gezwungen war, seinen Glauben zu kennen und zu verteidigen, weil man TROTZ so vielem zu ihm hätte stehen müssen, weil die Moderne (die in vielem einfach eine Methodik des Zweifels ist) alles hinterfragte und rationale, geistige Antworten brauchte, kam der Abfall. Diese Argumente gab es nicht, man war nicht gewöhnt, sich damit zu befassen.

Dabei ist ein zweiter Aspekt zu berücksichtigen, der mit dem Genozid (der heute immer noch weithin fälschlich und in täuscherischer Absicht als "Hungersnot" bezeichnet wird) der Jahre 1845 bis 1949 zu tun hat und mit seinen fünf Millionen Toten* die Hälfte der irischen Bevölkerung auslöschte. Dies hatte beim Klerus eine Haltung bewirkt, in der das Thema "Sexualität" tabuisiert und auf Nachwuchsfragen konzentriert wurde, um die Geburtenziffern wieder hoch zu treiben, die Menschenverluste auszugleichen. Sie konzentrierten sich dabei vor allem auf die Mütter, die Frauen, und marginalisierten die Väter. So kam es zu einer symbiotischen Beziehung von Priestern und Müttern, um die Moral der Familie zu kontrollieren. Der irische Katholizismus wurde "unterwürfig" und weibisch.

Die Männer wurden irrelevant, wurden regelrecht zu Außenseitern des gesamten irischen moralischen Lebens. Mit Folgen. Denn während es im Zuge der Enzykliken Papst Leo XIII. (ab 1879) über die grundlegende Rolle des Thomismus als bestes philosophisches System des Katholizismus zu einem Aufblühen der Philosophie in Europa und Amerika kam, ging dieser intellektuelle Zug an Irland spurlos vorüber. 

Stattdessen wurden Erscheinungen der Muttergottes wie die von Knock (1879; Knock gilt heute als drittwichtigster Marienwallfahrtsort Europas von Erscheinungen, nach Lourdes und Fatima) ins Zentrum des kirchlichen Lebens gestellt, und das blieb auch so bis ins späte 20. Jahrhundert. Devote Frömmigkeit verhinderte so eine intellektuelle Auseinandersetzung, schien sie gar nicht notwendig zu machen, und damit eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Zeit und den geistigen Strömungen und Irrtümern der Moderne. Man stellte, so nennt es Jones beim Namen, die Mutter über den Vater.

 Morgen Teil 2) Man stellte in Irland die Mutter über den Vater





*Diese Zahl ist durch systematische Zählungen aus Massengräbern belegt, und wird heute von keinem ernsthaften Historiker noch bestritten. Nur die Engländer, die dafür direkt verantwortlich waren, weigern sich bis heute, das zuzugeben, und versuchen immer noch, die offizielle und zynische Version von einer von den Iren selbst verschuldeten Hungersnot durch "Kartoffelfäule", die eine Lüge ist, in der Welt aufrecht zu halten.