Dieses Blog durchsuchen

Posts mit dem Label Finland werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Finland werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 1. August 2015

Wie ganz Europa einer Fata Morgana folgte (2)

Teil 2) Eine Bombe schlug ein -
Wer sich mit fremden Federn schmücken will, verleumdet einmal die Vergangenheit.
Die wird erst zum Verursacher, wenn man versagt


Sahlgren untersuchte 2014 also die Gründe in Finnland, und das Ergebnis - die hohe Wahrscheinlichkeit der Zusammenhänge, und Sahlgren ist keineswegs ein Vertreter des Autoritarismus, liest man die Studie: fast im Gegenteil; er findet zumindest das, was in Finnland passiert ist, gar nicht schlecht, und die Welt, die darüber breit berichtet, schon gar nicht - schlug ein wie eine Bombe:

Finnlands Schulsystem war deshalb so gut, weil es bis in die 2000er Jahre von den alten Lehrern und Lehrmethoden zehrte.

Kein Schulsystem Europas war bis zu den Reformen derartig streng hierarchisch und von Disziplin geprägt, mit einem Wort: von der ganz alten Schule gewesen. Das gleiche, wie in den asiatischen Schulen gilt, nach wie vor, die heute die Leistungslisten weltweit anführen. Doch die machten nie einen Hehl daraus, daß sie auf Autorität, Disziplin und Strenge setzten - für die Bildungsreformer Europas waren sie deshalb als Vorbild ungeeignet. Und niemand erinnerte sich daran, daß das in Finnland ja bis vor kurzem auch noch so gewesen war, wo es doch jetzt so kollektiv und antiautoritär zuging.

Finnische Lehrer wurden früher streng gesiebt, nur die Besten durften unterrichten, und sie galten im ganzen Land als unnahbar und autoritär. Gehorsam spielte eine enorme Rolle, und das war ganz gesellschaftskonform, weil Gehorsam in Finnland traditionell eine sehr große Rolle spielte. Zumindest länger, als im Rest von Europa. Schon 1991, wie sich nun ergab, damals, als die autoritäre Schule erstmals zu reformieren begonnen wurde, war die Leistung finnischer Schüler europaweit unschlagbar. Durch genau jene Schule also, der hierzulande als antiquierte Seelenvernichterin und Menschentod jedes nur verfügbare Beil in den Rücken geworfen wird.

Offenbar hat Finnland aber an den Mythos, den andere über das Land verbreitet haben, geglaubt, als es vor fünfundzwanzig Jahren auf die Reformpädagogik umgestellt. Der Erfolg hielt ja an! Offiziell zumindest. Denn lange wirkten ja noch die früheren Leistungsfundamente nach. Und auch die alten Lehrer, denen das asiatische System überaus vertraut war, blieben ja noch lange am Werk, wurden ja nicht sämtlich auf einen Schlag pensioniert.

Daß zu Anfang die Testleistungen noch so hoch lagen, waren also nichts als die Nachwirkungen des alten Schulsystems. Selbst wenn nun das System umgestellt wurde - und dieses Neue sahen die Politiker, die da von überallher anreisten - so blieb diese Stellung der Schule und des Lernens noch lange in der finnischen Gesellschaft wirksam.

Obwohl allen klar war, daß ein so tiefgreifender Reformschritt zehn bis fünfzehn Jahre brauchte, um überhaupt sichtbar zu werden, taten aber alle Verantwortlichen so, als hätte es nie ein anderes System als dieses der Reformpädagogik gegeben. Dessen Erfolge ja für sich sprachen, die den Reformern mehr als gelegen kamen, weil sie ihnen völlig freie Hand gaben.

Bis die sichtbaren Erfolge nachließen, die schulischen Leistungen immer schwächer wurden. Schwächer, weil es mittlerweile gelungen war, diesen Geist aus der finnischen Gesellschaft auszutreiben, und vor allem weil die alten Lehrer nach und nach in Pension gegangen waren.

Und nach und nach veränderte sich der Erfolg der finnischen Schule in einen aufgelegten Mißerfolg mit großen Problemen für die Schulen. 2012 waren die Leseleistungen beim PISA-Test bereits dramatisch gesunken. Erstmals begann man nun, das Prinzhip des "gemeinsamen Lernens" wieder aufzubrechen. Spezialklassen werden allmählich wieder eingerichtet, um die unterschiedlichen Leistungsniveaus zu berücksichtigen, schwache Schüler besonders zu fördern. Was in Europa auf Verwunderung stieß, selbst Deutschland hatte ja längst auf den finnischen Erfolgsweg umgestellt. Wobei sich dort die Folgen rascher meldeten, vor dem Hintergrund dieser Aussagen eine interessante Tatsache, übrigens.

Eine Totalreform der Reform ist natürlich nicht zu erwarten. Dafür ist bereits zu viel an der geistigen Substanz des Landes ruiniert. Immerhin ist ja nun wirklich zeitgemäß - ganz Europa macht es ja auch so. Und Schüler, die keine Autorität mehr kennen, sind doch zumindest glücklicher? Also ... theoretisch müßte das so sein. Denn die Rousseau'sche Menschensicht sagt es ja so. Und immerhin fühlen sich ja nun alle in der finnischen Schule so wohl. Theoretisch. Und die Lehrer sind so empathisch. Theoretisch.

Auch wenn die jungen Finnen nichts mehr lernen. Und eine Unicef-Studie im Jahre 2007 zu dem für alle überraschenden Ergebnis kam, daß nirgendwo auf der Welt die Schüler so ungern zur Schule gehen, wie in Finnland. (Und trotzdem wird - wie im selben Welt-Artikel - behauptet, daß das Konzept zum Wohlfühlen der Kinder beitrage! Als sollte eben einfach sein, was sein sollte, und das Ergebnis ist gleichgültig.) Vielleicht wollen sogar Kinder von der Schule etwas anderes, als sich kuschelig zu fühlen?

So aber, zum Abschluß dieser Ausführungen, sind wir am eigentlichen Punkt, dem der Archetypik dieses Falls Finnland angelangt. Dem gegenüber die praktischen Überlegungen weit weit zurücktreten. (ff.)


*010815*

Freitag, 31. Juli 2015

Wie ganz Europa einer Fata Morgana folgte (1)

Es ist zum Lachen, wenn es nicht zum weinen wäre. Jahrelang wurde uns eingetrichtert, daß Finnland das Musterland der zeitgemäßen Schule wäre. Mühelos erklomm das Land nämlich im Jahre 2000 die Spitze im Pisa-Test. Ab da war der Mythos in Beton gegossen: Finnland führt uns vor, wie es zu gehen hat. Jeder der sich gegen die Reformpädagogik stellt, stellt sich dem Fortschritt in den Weg. Denn wie da unterrichtet werde, hieß es! Man habe es doch mit eigenen Augen gesehen, und Pisa bestätigt es: die Quadratur des Kreises ist möglich.

Ganz Europa sehnte sich alsbald nach finnischen Lehreren, nach finnischen Schulverhältnissen, wo Schüler an autonomen Schulen sich ihr Lernen völlig frei und selbständig im Kollektiv organisierten, die Lehrer zu bloßen Verstehern und Anleitern mutiert waren, und alles in brüderlichster, liebevollster, individualistischester Atmosphäre - samt den großartigsten Leistungsergebnissen, die Gott für den Menschen ausgedacht hat. Schüler lernten von anderen Schülern, und das alles fast ohne Hausarbeiten, in einer Gesamtschule bis zur 9. Schulstufe.

Auch hierzulande berief man sich natürlich auf Finnland, und verhöhnte alle Kritiker: Die Gesamtschule sei in Finnland erprobt, sie einzuführen ist also nichts als einem bewährten Weg zu folgen.

Seit 2000 pilgerten Experten und Politiker aus ganz Europa ins Paradies des Egalitarismus, des Endes des Frontalunterrichts, der Begabtenförderung und des Eingehens aufs Individuum - Finnland, Finnland, hoch preis ich Dich, sang die Linke (und in der Bildungspolitik gibt es ja nur noch solche, das System hat sich längst selbst reproduziert) abends, bei einem Glaserl Toskana-Rosé im lauen Sommerlüfterl, und alle fühlten sich bestätigt, auch unseren Schulen, die dem Glück der Menschheit so im Wege standen, den Todesstoß zu versetzen. Denn das ist es. So wie in Finnland, so muß es auch bei uns werden.

Und natürlich fühlten sich auch hierzulande viele eher traditionell Denkende irritiert. Der Widerstand gegen die Gesamtschule auch in Nicht-Linken-Kreisen schwand wie Butter in der Julisonne. Nur wenige blieben bei dem, was sie über Pädagogik und Lernen in seinem Zusammenhang mit Identität und Autorität wußten, die uralten Erkenntnisse über den Menschen und das Wesen seiner Erkenntnis schienen in Finnland seltsam widersprüchliche Wege zu gehen. Bei DEM Erfolg?

Die Jubel-Stimmen sind mittlerweile aber schon recht leise geworden. Weil in Finnland etwas Seltsames passiert ist.

Nein, damit ist nicht der Zusammenbruch von Nokia gemeint, das noch vor zehn Jahren den weltweiten Handymarkt beherrschte, und plötzlich mangels Innovationen weg von der Bildfläche war. Dann stieg Microsoft ein, auch nicht gerade Führer in Innovationen, und erstickt mittlerweile fast an dem Bissen. Man munkelt bereits von Aufgabe der Hardwaresektion überhaupt. Oder hängt das alles irgendwie mit dem finnischen Schulsystem zusammen? Klammern sich in beiden Fällen nicht Ertrinkende an Ertrinkende, um gerettet zu werden?

Denn mit einem Schlag fällt Finnland in den letzten Jahren in den PISA-Reihungen zurück, und zwar dramatisch. Plötzlich brechen die Schulleistungen ein. Und Umfragen ergeben, daß nirgendwo in der Welt Kinder so ungern in die Schule gehen, wie in Finnland. Zwischen 2003 und 2012 sank die PISA-Leistung des Landes um ganze 25 Punkte. Das ist der Lernerfolg eines ganzen Schuljahres. Also doch die Einwanderer, wie andere bereits wußten?

Was ist da passiert?

Nun, den Politikern, die in Massen nach Suomi gekarrt wurden, und dort ausgewählte Spezialschulen besuchten, die im Sonderstatus von staatlicher Lenkung freigestellt waren, war das natürlich nicht aufgefallen. Man mag Schulsysteme verändern, umbrechen, radikal umstellen - aber verstehen muß man ja doch nichts davon?! Der heutige Mensch ist doch schon prinzipiell darauf eingestellt, daß er von einem Moment auf den anderen ganz Neues in der Welt entdecken kann. Die der Vernunft widerspricht, aber was macht das schon? Die Empirie ist die Königin! Denken? Das war einmal. Wir bewußtseiteln ohne Regeln, dafür innovativ. Oder doch nicht?

Diese Frage - Was ist da in Finnland passiert! Woher kommt dieser Leistungseinbruch im Schulsystem? - stellten sich schließlich auch Bildungsforscher wie der Schwede Gabriel Heller Sahlgren, Research Director am Centre for the Study of Market Reform of Education (CMRE), und Affiliated research fellow beim Research Institute of Industrial Economics in Stockholm. 

Nicht ohne nationales Eigeninteresse. Denn Schweden hat ja wie so viele andere den vorgeblich so erfolgreichen Weg der Finnen nachgeahmt. Und schon erste negative Folgen zu verspüren. Etwa mit der Schulautonomie. Denn plötzlich müssen Schulen um Schüler werben, weil die Guten sich nur die besten Schulen aussuchen, was zu der schrecklichen Situtation geführt hat, daß es zwei Pole gibt - sehr gute Schulen, und sehr schlechte - aber keinen Mittelbau. Gleichzeitig wurden die Leistungen aber nicht besser, weil die Schulen nun damit zu werben beganne, daß auf ihrer Schule besonders viele Schüler mit guten Noten wären - was einer allmählichen Senkung des Leistungsniveaus zu verdanken war.



Morgen Teil 2) Eine Bombe schlug ein - 
Wer sich mit fremden Federn schmücken will, verleumdet einmal die Vergangenheit.  
Die wird erst zum Verursacher, wenn man versagt






***

Sonntag, 27. März 2011

Finland

Der Filmemacher schreibt dazu: In the end of September I went from Helsinki to the far land of Khumo region near the russian boarder.
It's a beautiful trip,with special moments and feelings that I never had in my life.
Bears and nature are perfectly in armony and lot of wildlife sorrounded my self during my journey and I understood how little we are against nature.
Lot of forests,colors,lakes,flowers and animals and most important for me...all this in the silence that I never heard in my life.




Gefunden auf vimeo | via Glaserei

***

Mittwoch, 9. Februar 2011

Absehbares Schuldesaster

Während die PR-Maschinerien jener anzulaufen beginnen, die mit Brachialgewalt die Gesamtschule in Österreich eingeführt wissen wollen, trudeln erste Erhebungsergebnisse aus der seit zwei, drei Jahren laufenden Schulversuchen der "Neue Mittelschule - NMS" ein, einer Vorform der Gesamtschule, mit der über die Hintertüre die Bereitschaft für eine Gesamtschule erhöht werden sollte.

Vielleicht hat man dieses Ziel erreicht, denn die von der Presse dargelegten Rückmeldungen bestätigen, daß viele Schulen, die sich zu diesem "Schulversuch" angemeldet haben, ihn auf gefinkelte Weise nutzen, um mehr Geld zu lukrieren. Die Leistungen der Schüler aber entsprechen keineswegs den Erwartungen. Schüler der NMS (in Wien als "Kooperative Mittelschule" geführt), die Gymnasien und Hauptschulen über "innere Differenzierung" überflüssig machen soll, schneiden sogar schlechter ab als selbst die in 1. und 2. Leistungsgruppe zusammengefaßten besseren Schüler der "alten" Hauptschule. Vom Durchschnitt der "alten" Gynmasien sind sie ohnehin meilenweit entfernt, sie entsprechen lediglich denen der "alten" 3. und niedrigsten Leistungsstufe.

Nun sind solche Ergebnisse ja keineswegs neu oder überraschend! Aus Deutschland wird lange schon von solcher "Nivellierung nach unten" berichtet, und auch sozialpädagogische Ziele - Integration (!), Förderung begabter wie Nachziehen weniger begabter Schüler bei Eliminierung sozialer Unterschiede - werden nirgendwo erreicht, im Gegenteil! Stattdessen bewirkt eine Gesamtschule eine Differenzierung dahingehend, daß das öffentlische Schulsystem dramatisch an Niveau verliert, während begabtere, dabei aber nur entsprechend wohlhabende Kinder in Privatschulen untergebracht werden. Das Ausmaß an Verschleuderung von Talent ist in jedem Fall beachtlich.

Kurzes, knappes Fazit vergleichender (genauer!) Blicke auf Schulsysteme in Europa: je differenzierter, und je früher differenzierter ein Schulsystem ausgelegt ist, desto besser funktioniert es. Auch die Realität des Pisa-Dauersiegers Finland ist ja bei weitem anders, als hierzulande dargestellt wird: die Praxis zeigt auch dort ein hochdifferenziertes Schulsystem, das sich aufgrund der besonderen Länderspezifika (äußerst geringe Bevölkerungsdichte, 97 % Klein- und Kleinstschulen) nur keine Notwendigkeit sieht, eine Kategorie dafür zu erfinden.

Ein ausgezeichneter Überblick über den Stand einer sachlichen Diskussion findet sich u. a. auf diesen Seiten:  Schülerbehren.at (Ö) und Gesamtschule.de (D)

***