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Dienstag, 2. Juli 2019

Chaos als Resultat autonomer Freiheit

Aber auch der atonale Komponist erlangt gerade dasjenige nicht, wonach er mit allen Kräften strebt - die absolute Autonomie. Seine "neue" Freiheit vermag sich nicht aus sich selbst zu konstituieren. Denn in und aus sich selbst ist sie - gemäß ihrer Selbsteinschätzung - nichts vorgängig Gestaltetes, das heißt Indifferenz bzw. "Nichts". Da aber aus Nichts nichts kommen kann, bedarf sie eines Anderen - des "Alten" - , um sich in der Negation desselben hervorbringen zu können.

Damit aber ist und bleibt sie konstitutionell abhängig. Und das bedeutet: Die zum Zwecke der Vermeidung von Tonalitätsstrukturen ausgedachten "streng rationalen" Organisationsregeln sind von Beliebigkeit durchgriffen*. Sie finden keinen Seins- und Sachkontakt zu dem, was sie "organisieren" sollen.



*Die völlig durchkonstruierte Musik erweckt deshalb beim Hörenden den Eindruck des Chaotischen. Anders als in tonaler Musik sind 'wahre' und 'falsche' Töne nicht mehr zu unterscheiden, nicht einmal mehr vom Komponisten selbst. So berichtet ein Klarinettist der Berliner Staatsopernkapelle, er habe erst nach der öffentlichen Aufführung von Schönbergs 'Pierrot Lunaire' bemerkt, daß er bestimmte Teile seines Partes irrtümlicherweise, statt auf der a-Klarinette, auf der b-Klarinette (also um einen halben Ton zu hoch) gespielt hatte - und dies nach zwanzig vorangegangenen Proben, bei denen der Komponist selbst zugegen war. 

So genannte 'Gehörprotokolle' zu neuer Musik bestätigen dies in gewisser Weise: dreizehn Klavierstücke wurden vorgespielt, eines davon war von Schönberg, die zwölf anderen völlig zusammenhanglose 'Improvisationen'. Von den etwa vierzig Hörern, Dozenten und Studenten der Musikabteilung der Universität in Cleveland fanden zwei das 'echte' Stück heraus, was sogar unter dem der Wahrscheinlichkeit entsprechenden Prozentsatz blieb.

Erwin Schadel in "Musik als Trinitätssymbol"





Montag, 24. September 2018

Vom Umsturz durch Musik (2)

Teil 2)



Der Mensch ist an sich auf Schönheit ausgerichtet, er braucht und sucht sie. Sie ist die unmittelbare Kraft, die ihn auf Ordnung und Sinn hinweist und entsprechend formt. Somit ist sie auch eine, wenn nicht die erste, vornehmste kulturbestimmende Kraft (wenn man auch Architektur als Musik begreift). Findet der Mensch diese Schönheit nicht mehr in der Kunst, in der Liturgie (und darauf läuft es hinaus), so sucht er sie woanders. 

Und er sucht sie in Ersatzformen, sprich: in Wirkungen, die denen der Wirkung der Schönheit ähneln. In Erschütterung, in Rhythmus, in selbst evozierten Gefühlen. Wie sie der Jazz bedeutet, der ebenfalls die Ordnung aufbricht und als Quelle der Musik den Musiker selbst sieht, ebenso wie den Hörer, von dem bedingungslose Auslieferung verlangt wird.  Und wie sie die Rockmusik bedeutet. Niemand wußte um die revolutionäre Kraft von Musik besser als die Rockmusiker selber! Die die Crux erlebten, daß ihre Intentionen durch die eine immer größere Rolle spielende Elektronik (heute: Digitalisierung) eine ungeahnte weitere Dimension der Entfesselung wie auch der Breitenwirkung (Schallplatte, Radio, Tonband, Fernsehen, bis zum Digitalspieler*) erfuhr.

Was sich dann vor allem ab der Mitte des 20. Jahrhunderts abspielte, war wie in allen Bereichen, nicht nur in der Musik, aber stark von ihr ausgehend, eine Ausfaltung dieser philosophischen Schlüsse, die so nebenbei auf einer völlig neuen (von Evolution und Darwinismus geprägten) Anthropologie aufbaute. Das Bild von dem, was der Mensch war, hat sich vollständig geändert, wir sehen es heute in aller Macht.**

Und in der Postmoderne eines Michel Foucault ihren vorläufigen Höhepunkt fand. Der ebenfalls aus persönlicher Erfahrung - Foucault war nicht nur homosexuell (und schon damit gesellschaftlicher Außenseiter, ein Mann "außerhalb des logos" also), sondern lebte seine Neigung in San Franzisco, wo er Vorlesungen hielt, in dessen Möglichkeiten extrem aus, bis er an seinen Exzessen krepierte. Für ihn (bzw. die Postmoderne) war Wissen (Nietzsche!) eine Angelegenheit der Macht und damit der herrschenden Klasse. Und damit der bestehenden Ordnung. Nur die dionysisch-befreite Sexualität vermag diese Banden aufzubrechen und die Menschen auf der Grundlage ihrer eigenen Erfahrung zu Wissen über die Welt gelangen. Dazu müssen sämtliche Denkmodelle aufgebrochen werden, denn in ihnen manifestiert sich lediglich die Macht derjenigen, die die kulturelle Ordnung beherrschen.

Ein Instrument dazu, wenn nicht das wesentliche Instrument dazu, war die Musik, die im 20. Jahrhundert aufkam und durch neue Medien und Technik rasch populär werden konnte. Die Sehnsucht der Menschen nach Schönheit war nach dem Abdanken der klassischen Musik, in der Schönheit noch der wesentliche Inhalt von Kunst war, um die sich jede Musikdramaturgie abspielte, um die der dramaturgische Aufbau in Oper, Symphonie, jedem Kunstwerk rang, ehe sie sich in der Katharsis (dem Freilegen der Schönheit) zu neuem Menschsein erhebt, unbefriedigt geblieben. 

Umso mehr stürzten sie sich auf die neuen Formen der Musik, wie sie eben aus den ausgeführten Impulsen, diesem Paradigmenwechsel, ja diesem Umsturz (Nietzsche, "Umwertung aller Werte") in der Musik, aufkamen. So wurden aber die Grundfesten unserer abendländischen Kultur buchstäblich erschüttert. Die Rolle der Musik in diesem Kulturumwälzungsprozeß, wie wir ihn seit 50 Jahren definitiv erleben, ist gar nicht zu überschätzen. Denn es war immer die Kunst, und noch mehr der Kult (als Quelle aller Kunst), die gesellschaftliche Haltungen und Stimmungen bewirkte, die sich dann in allen kulturellen Bereichen, bis hin zur Arbeit, ihre Realisierung suchte.







*In der Digitalisierung erfuhr diese dargestellte Wirkgeschichte der Musik im 20. Jahrhundert noch eine Wirkdimension zusätzlich. Denn die Digitalisierung ist bereits eine Reduktion der Musik von ihr weg hin zur reinen Wirkgeschichte. Der Programmierer geht nicht von der Musik selbst aus, diese ist nur noch abbildhaft (im Hörbild) vorhanden, sondern von der Wirkung, der entsprechend er sie programmiert. Das Digitale erzeugt also Wirkungen, keine Musik mehr. Oder wenn, dann eine eigene Musik, die mit der Ursprungsmusik nur noch einen rationalen Zusammenhang hat. Zur Illustration: Auf der Schallplatte ist noch eine direkte Wirkung der Ursprungsmusik in physischer Übertragung weil Präsenz - die Plattenprägung wird von den Schallwellen der Musik selbst hervorgerufen - enthalten. Wer das einmal erkannt hat, wird nie mehr digitalisierte Musik wollen, die nur "Bericht liefert, wie diese Musik ist", sie aber nicht mehr selber, sondern eine Interpretation des Programmierers ist. (Siehe unter anderem die Medienkritikansätze von Friedrich Kittler.)

**Es ist ein schweres Versäumnis, weithin zu beobachten, daß in vielen Diskussionen über Zeiterscheinungen ausgeklammert wird, daß diese Diskussionen sinnlos geworden sind, weil die Frage "Was ist der Mensch?" in zwei unvereinbaren Extremen gespalten ist und somit eine dialogische Klärung unmöglich ist. Das geht bis hinein in Fragen der Wirtschaft.

Samstag, 22. September 2018

Vom Umsturz durch Musik (1)

Das hier jüngst in einem Radiointerview mit E. Michael Jones besprochene, von diesem verfaßte Buch "Dionysos rising - The birth of cultural revolution out of the spirit of music" ist zwar schon 25 Jahre alt, aber es hat nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Auch wenn Jones heute meint, daß er die Hauptconclusio damals noch nicht in der Schärfe gesehen hat wie heute - daß hinter den Entwicklungen in der Musik des 20. Jahrhunderts konkrete Personen und Personengruppen standen - so hält seine These über das, was sich in der Musik abgespielt hat. Denn auch dort hat sich ein Kulturbruch abgespielt. Ja, vor allem dort nahm er seinen Ausgang.

Und er nahm ihn bei Richard Wagner, führte von dort über Nietzsche hin zu Schönberg und Michel Foucault. Signalpunkt war die Wagnersche Beschwörung der dunklen Kräfte, des Chaos gewissermaßen, wie es in "Tristan und Isolde" programmatisch (man beachte die Rolle des Venusbergs) vor Augen kommt. Wo die Befreiung des Menschen anhebt, wenn er sich den Leidenschaften hingibt. Die sich aber direkt gegen die Ordnung der Welt, gegen die Kultur wenden.

Nietzsche war von Wagner (zuerst; später hat er sich von ihm abgewandt) so beeindruckt, daß er sein erstes Buch "Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik" verfaßte (und sich in der Erprobung dieser Freiheit gleich die Syphilis holte). In dem er die durch Wagners Musik gemachte Erfahrung in eine Kulturtheorie ummünzte: Erst hat die Auslieferung an die Mächte der Nacht, des Chaos, des Erdinneren (Höhle), des weiblichen Uterus zu erfolgen, dann ersteigen daraus jene (rhythmischen; man beachte die Zusammenhänge mit der Architektur) Kräfte, die die Musik als noch bildlose, aber umso wirkmächtigere Grundverfaßtheit der Welt im Menschen hervorbringen.

Nicht logos, Sinn, Ordnung und Gerichtetheit auf diese vorgegebene, vorzufindende Ordnung (in Gott, also in der Vorsehung*) ist das zutiefst, innerste, grundlegendste Wesen der Welt, sondern die frei aus dem Chaos aufsteigenden Mächte. Und das ist auch die Grundaussage Wagners, die er in seinen Opern immer mehr herausschält. Die Welt selbst ist letztlich sinnlos, Moral hat nur pragmatischen und kulturbezogen relativen Charakter. Ein im logos fundiertes Wesen der Dinge gibt es nicht. Es hängt umso mehr davon ab, wozu sich der Mensch als Heroe (jener "Übermensch", der den "Willen zur Macht hat") entscheidet und ermannt, um die Welt nach seinem Bilde zu gestalten. 

Diese Sichtweise öffnete die Tore zu dem 20. Jahrhundert, wie wir es erlebt haben. Das als Kampf des logos mit dem Chaos, als Kampf von Dionysos mit Apollo begriffen werden kann. Und Dionysos hatte mächtige Verbündete, die vorerst auch gesiegt haben. Denn hinter ihm stehen alle menschlichen Leidenschaften und deren Entbindung, Entfesselung. Die Geschichte der Musik spiegelt es exemplarisch.

Denn von Wagner geht die Linie direkt weiter auf Arnold Schönberg, dessen Zwölftonmusik - so meint Jones aufzeigen zu können - ein Racheimpuls gegen die Ordnung der Welt war. Der er eine willkürliche, "übermenschliche" Ordnung (in seiner mathematischen Beziehung der Töne) entgegensetzte. Die aber damit auch das Schöne verlor, und es durch Beeindruckung und Sentiment ("Verklärte Nacht" ersetzte. Schönberg, ursprünglich Jude, hatte sich zum Christentum bekehrt und als Protestant taufen lassen. Bis er erlebte, daß ihn seine Frau mit einem Komponistenkollegen betrog. Das hat ihn ins Mark getroffen. 

Fortan war sein Schaffen nur noch von dieser Verletztheit geprägt. Und in einem nächsten Schritt hat er eine Anti-Ordnung konstituiert - seine Zwölftonmusik. Die eine fundamentale Wende in der abendländischen Musik bedeutete, in der er Wagner bis zur letzten Konsequenz weiterführte und den Boden für den Jazz (als Vorläufer) und die dionysische Rockmusik (später) bereitete. Sie stehen völlig logisch in dieser Entwicklungslinie. Und in dieser Linie steht die Entfesselung der Leidenschaften und Begierden der Menschen.  

Die Zwölftonmusik wirft jedes menschliche Harmonieempfinden über Bord und ersetzt es durch eine neue Dissonanz, die rein menschliches Werk ist. Aus dieser "Musik ohne Hören" wurde ein Hören ohne Musik. Es hatte tiefgreifende Auswirkungen. Denn in sehr rascher Folge gewöhnte es sich das Publikum ab, von der Klassik noch etwas - Schönheit! - zu erwarten.  


Am kommenden Montag Teil 2)


*Es wäre schon lange an der Zeit, einen wichtigen Punkt herauszustreichen, der seltsamerweise in der ganzen Diskussion noch nie berührt scheint: Nämlich die Analogie zwischen dieser Vorsehung Gottes "als Chaos" und dem dionysischen Chaos zu zeigen. Denn auf eine Weise verlangt auch der göttliche logos jenen entscheidenden Punkt, an dem die transzendenten Mächte (also die Gnade), in deren Händen alles (Gelingen, also alles Ordnende, Vernunftgemäße) liegt - Gott also, konkret sogar: Gott Vater (in dem alles Wissen ist) - über das Tor der Hingabe an diesen göttlichen Willen erst einzubrechen vermag. Der Unterschied zum Dionysischen liegt also nicht in diesem "Chaos", dem zu überantworten es ultimativ gilt. Das oft so rigoros abzulehnen hat der abendländischen Kultur (man betrachte vor allem den Protestantismus) nicht gut getan und vieles in eine kaum lösbare Aporie und Erstarrung geführt. 

Der an sich gar nicht so falsche Versuch über die "nouvelle theology", der im 20. Jahrhundert (parallel zu den Entwicklungen in der Musik) stattfand und heute die Theologie der katholischen Kirche zu überschwemmen droht, dieses Chaos wieder "hereinzubringen", diese Ganzhingabe, dieser "Steuerungsverlust" (durch letzthinnige Übergabe des Steuers an Gott), mußte aber insofern scheitern, als es vielen nicht gelang, dieses Geschehen, diese Akte in die göttliche Vernunft bzw. Vernunft überhaupt einzubetten. Damit endet auch diese Theologie dort, wo sie im Heidentum (Dionysos) endete, und in der Musikkultur des 20. Jahrhunderts sich exemplarisch zeigt: In einer Götzenanbetung, ja in der Dämonie der Verantwortung "an das nicht Gekannte und nicht zu Kennende". In einer Verneinung des dreifaltigen Gottes zugunsten anonymer (dämonischer) Mächte des Chaos. Wenn sich überhaupt Linien im theologischen Denken dieses Papstes (der VdZ bestreitet das) zeigen lassen, dann gehört diese dämonische, heidnische und letztlich nihilistische, weil vernunftverneinende Linie eindeutig dazu. 

Die Hineingabe in den Willen Gottes ist genau NICHT der Verzicht auf Vernunft, sondern ist die Hineingabe an die ultimative Vernunft, ist somit deren "Entfesselung" in die Welt hinein - aus Gott kommt nur Ordnung, niemals Chaos, das wäre ein Wesenswiderspruch. Chaos läßt er aber freilich zu, und es hat dann den Charakter einer Strafe, einer Gnadenlosigkeit aus menschlichem Abwenden und Versagen heraus. Wie sagt der VdZ in einem seiner Stücke ("Keiner hört auf Harvey") auf der Grundlage von Erlebnissen in Obdachlosenheimen? "Das ist die Hölle - wenn es keine Vernunft mehr gibt." Die Geschichte des 20. Jahrhunderts zeigt es eindrücklich.





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