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Dienstag, 2. April 2019

Die Geburt der Neuzeit aus dem Geist der Magie

Eigentlich würde es schon reichen, wenn man zur Einführung in diesen Vortrag über die Rolle, die Venedig in der europäischen Kulturgeschichte der Neuzeit spielt - als Treibsatz der Moderne, die auf der Magie aufruht, nicht auf der Vernunft, wie fälschlich kolportiert wird - die Stichworte bringt, die vom VdZ diesem Beitrag beigegeben wurden.

England, Esoterik, Frankreich, Französische Revolution, Freimaurerei, Korruption, Leibniz (Gottfried Wilhelm), Magie, Metaphysik, Newton (Isaac), Physik, Revolution, Tarpley (Webster), Venedig, Video, Wissenschaft.

Denn was der Historiker Webster Tarpley hier zündet, ist ein wahres Feuerwerk an Namen und Querverbindungen, Wurzeln und Verästelungen. Wo man sich entscheiden kann, sie entweder alle zu bringen oder keinen. Um sich damit zu begnügen, die Hauptaussage herauszustreichen. Die da lautet, daß die Zersetzung des Abendlandes von venezianischen Kaufleuten und Juden direkt betrieben wurde. Die über ihre Mittelsmänner Einfluß auf die gesamte europäische Geistes- und Wissenschaftsgeschichte nahm. Allen voran auf Isaac Newton, diesem Alchemisten, der nichts anderes tat, als das Weltbild der Magie zu übernehmen, in ein Kleid ausgefuchster mathematischer Formeln zu kleiden, und dann als "Wissen" zu verkaufen.

Es war also Venedig, das in seinem (jüdisch-) revolutionären Antrieb dem Abendland die Ideen gab und sie vor allem dort durch Schaffung von Einfluß und institutionalisierter Autorität ebenso wie durch Schaffung geheimer Verbindungen verbreitete, nach denen es sich ab dem späten Mittelalter zunehmend orientierte. Sodaß sich seine geistige Grundlage mehr und mehr in Luft auflöste. Sämtliche Fäden der die Neuzeit dominierenden, dem klassischen, letztendlich thomistisch-aristotelischen Weltbild aber widersprechenden Gedanken und Weltbilder, von der Renaissance über die Aufklärung, die rationalistische Wissenschaft, die Revolutionen die Europa erschütterten, alle laufen am Markusplatz zusammen, geht man ihnen nur sorgfältig genug nach. Und wir sind geneigt, ihm die Sorgfalt seiner Nachforschungsarbeit zu glauben.

Auch wenn der Gedanke vorerst kühn scheint: Unsere gegenwärtige Landschaft geht auf einen spätmittelalterlichen, venezianischen Geheimbund zurück, deren Ziel war, das Abendland zu beherrschen, indem man es von außen - über Geld - und von innen - über Ideen - zur Selbstauflösung bringt. Also schwächt, die angestammten Ordnungen auflöst, um dann über die isolierten, verwirrten Individuen zu herrschen.

Eines ist mit Sicherheit richtig an dem, was Tarpley aufzeigt: Das angeblich so rationale, ach wie denkerisch hochgerüstete Weltbild, dessen wir uns heute erfreuen (und das wir fälschlich als "Denken" bezeichnen), ist in Wirklichkeit die Afterfrucht eines Weltbildes der Alchemie, der Magie, als der Wurzel unseres Technizismus. Der in einer um seine innerste Dimension beraubten Welt nur in Anwendung besteht, ohne daß wir in Wahrheit wissen, was wir tun. Wir befolgen lediglich Regeln, die wie Geheimlehren an Eingeweihte weitergegeben werden, und versuchen so, "Kräfte" einzusetzen und zu beherrschen. Was macht ein Magier anderes?

Damit wurde unser Weltbild völlig auf den Kopf gestellt. Das davon ausging, daß die Welt im logos, im göttlichen Wort gründet und die Wirklichkeit aller seienden Dinge in Gott liegt, der die Wirklichkeit selber ist.  Sodaß sich in allem Seienden Sein nur dann und insoweit zeigt, als es am göttlichen Sein (in entsprechender Haltung also) teilhat. Insofern gründet jeder Umgang des Menschen mit der Welt in einem Gehorsam Gott gegenüber, der in allem eine Ordnung festgelegt hat, wo alles zu einem Teil dieser Gesamtordnung wird, wenn es denn überhaupt ist. Die Welt ist Analogie zu Gottes Ideen, der Mensch Analogie (Ähnlichkeitsbild) zu Gott, aber nicht Gott selbst.

Die Magie ersetzt Gott und versucht, selbst Gott zu spielen, indem Gottes Vorsehung und Wille zu "mechanistischen Naturgesetzen" wird. Sodaß die Aufgabe des Menschen darin besteht, eine neue Weltordnung zu begründen, die Teile in Zusammenhänge zu stellen, die eines eigenen Willen und Vorstellung entspricht. Hier ist der Eingeweihte der Mächtige, und seine Aufgabe ist es, die Welt zur Glückseligkeit zu führen. Die Mittel dazu sind gleichgültig, sie haben in sich keine moralische Qualität, sondern sind Element des Geheimwissens. Denn mit diesem läßt sich Macht akkumulieren, die notwendig ist um das Übel aus der Welt zu bannen.

Je größer diese Macht ist, desto besser wird die Welt zu ordnen sein. Und Macht hat mit Geld zu tun. Über das Geld läßt sich Macht am klarsten konzentrieren. Und dieser Macht hat die Menschheit letztlich zu dienen. Wer ihr entgegensteht muß überwunden, ausgeschaltet, gebunden werden. Das ist in a nutshell (in einer Nußschale) der Hintergrund sämtlicher Geheimbünde und -verbindungen der Weltgeschichte. Die immer aus jenen bestehen, die die wahren Geheimnisse der Welt und der Geschichte "kennen". Und begreifen, daß sie die Welt erst besser machen können, wenn sie Macht über die restliche Menschheit gewinnen. Denn der größte Störenfried ist der Mensch. Sagt das nicht sogar die Klimaalarmistik?

Was Tarpley zu zeigen versucht, ist, wie sehr alle diese Ideen, die auch unsere Geschichte bestimmen, womöglich mehr bestimmen als wir uns vorstellen können, einmal in konkreten Interessen gründen, und zum zweiten real miteinander zusammenhängen. Weil sie auf eine reale Wurzel zurückgehen - auf Venedig, diesem ersten Hotspot des Kapitalismus in Europa. Dessen Geist schon aus diesem Grund den ganzen Kontinent durchsäuert hat.








*251018*

Donnerstag, 6. März 2014

Großes entscheidet sich im Kleinen

Es ist zwar menschlich verständlich und verführerisch, große Wirkungen mit großen Ursachen in Zusammenhang zu bringen. Doch die Kybernetik zeigt etwas anderes. Sie zeigt, daß sich Systeme kleiner Teile durch die jeweiligen Rückkoppelungen lange Zeit in stabilem Gesamtzustand befinden, das Große sich also nicht ändert. Und dann, plötzlich, löst eine kleine Änderung, wie sie zuvor bereits viele male passiert ist, ohne etwas zu verändern, eine Gesamtkatastrophe aus - das Gesamtsystem kollabiert.

Alles, was etwas ist, jedes Seiende, hat in sich die Grundeigenschaft, im Sein zu bleiben, das heißt (um die sehr komplexen Überlegungen etwa Heinrich Beck's in "Der Akt-Charakter des Seins" auf einen simplen Leisten zu brechen, der nur illustrieren soll, keineswegs freilich die Gesamtheit der Überlegungen darstellen kann) daß das Wesen der Dinge ein sich selbst Ergreifen ist. Der Leitniz'sche Begriff der Monade hat hier seinen Platz. Denn ihn brachte diese Erkenntnis über die Grundwirklichkeit der Dinge zum Gedanken, daß alles beseelt sei. Das aber wollen wir hier nicht ausführen.

So erklärt sich das Bestreben alles Seienden, im Bestand zu bleiben. Und das heißt: es selbst zu bleiben. Denn im Bestand bleibt nur, was es selbst bleibt (und ist). Nicht Veränderung also ist das Wesen aller Dinge, und alles Lebenden, das diese Grundeigenschaft auf andere, höhere, je vollkommenere Weise (bis zur Vollform des erst im Geistigen voll dargestellten Selbststandes im Menschen) ausfaltet, sondern Bestand. Und in diesem Selbstsein Interaktion mit dem Angrenzenden.

Was hier so theoretisch - und dabei so vereinfacht - ausgesagt wird, zeigt sich in der Kybernetik. Das Zueinander je kleiner Systeme faßt sich in je größeren Systemen zusammen. Und diese werden nicht fließend, sukzessive verändert, sondern auch sie bleiben gleich, so lange es geht. Doch entwickeln sie sich durch die Interaktion der kleinen Teile zu kritischen und schließlich hochkritischen Systemen. Mit einer interessanten Folgewirkung: Eine (nur katastrophisch mögliche) Totalveränderung des Ganzen passiert nicht im Gleichschritt mit einzelnen Veränderungen, sondern sprunghaft.  Und zwar nicht durch große Ereignisse, sondern der Zustand der Spannungen der Einzelteile zueinander entlädt sich in einer Gesamtkatastrophe.

Der Leser möge nachsehen, es sei wiederholt: Es geht hier um eine Illustration, um ein Bild, das erahnbar, nicht in allem begründbar machen soll, was gesagt sein will. Als Verstehensansatz, der erhellt, was sich auf allen Ebenen und Dingbereichen abspielt. Zumal in einer Welt, die ein gigantisches, ja tatsächlich unendliches Zueinander von Teilfaktoren ist, wo alles mit allem zusammenhängt, sich alles aus unendlich kleinen (!) Wirkfaktoren aufbaut, die ihr Sosein aber aus je größeren Einheiten, ja eigentlich Beziehungen, erhalten.

Gesagt sein will Folgendes: Daß wir uns nach wie vor in sehr vielen Bereichen eine völlig falsche Vorstellung davon machen, was große Veränderungen bewirkt. Die ja, sind sie groß, das Endes des einen (die Katastrophe) und den Beginn eines Neuen bedeutet. 

Das betrifft alle Felder, mit denen wir zu tun haben.

Wenn heute in Kalifornien auf den Ausbruch des nächsten Supervulkans gewartet wird, weil er statistisch (!) kommen MUSZ, so stimmt das. Aber es ist nicht vorhersagbar, das hat die Erdbebenforschung mittlerweile erkannt, weitgehend zumindest, wann die gesamte tektonische Einheit der Erdkruste in diesem Bereich kollabiert und sich die Entladung der angesammelten Spannungen in einem Megabeben äußert. Denn eines weiß man mittlerweile mit Sicherheit: Daß es KEINE außergewöhnlichen, großen Anlässe sind, die auslösend wirken, sondern einer der vielen vielen, bislang problemlos absorbierten, aufgespeicherten Kleinspannungen sein werden.

Wenn wir also - wie in diesem Artikel im Standard - feststellen, daß sich an der Grenze der Erdzeitalter Perm und Trias eine katastrophische Artenumwälzung abspielte, in der 70 % aller Meeresbewohner und fast alle Landbewohner ausstarben, so gehen wir fehl, wenn wir dafür eine große Ursache suchen. Genauso wie wir fehlgehen, wenn wir - wie in diesem Artikel in der Kronen Zeitung - meinen, daß Windparks keine großen Veränderungen auslösen können. Weil sich die Wirkungen (Luftverwirbelungen, Vermischungen der Luftschichten, Temperaturerhöhung im direkten Umfeld) "meßbar" nur auf Kleinräume beschränkten, keine "meßbaren" Auswirkungen auf das "Erdklima" hätten.

Oder man nehme den Ausbruch des 1. Weltkriegs, der etwas Analoges darstellt: Über Jahrzehnte haben sich zahlreiche Teilspannungen aufgebaut. Niemand wollte einen Weltkrieg, die Entscheidung zum Krieg war jeweils nur noch ein kleiner Schritt, und jeder dachte sein Wirkung als begrenzt, überschaubar, klein - dem (gefühlten) Entscheidungsschritt gemäß. Aber man hatte nicht mit der Wirkung der davorliegenden 50 Jahre "Frieden" gerechnet. In dem es nie zu Entladungen von Teilsystemen gekommen war. Im Ganzen, im Zusammenwirken aller Faktoren, explodierte nunmehr der Kontinent, explodierten die Gesellschaften aller europäischen Länder, explodierte eine ganze Kultur.

Es ist das berühmte winzige Korn, das austreibt und zu einem riesigen Strauch wird. Es ist die Kleinheit der Geburt des Erlösers in einem lächerlichen Stall in Bethlehem, der die gesamte Welt durchdrang und grundlegend veränderte. 

Es sind die kleinen Fehler, die alltäglichsten Versagen, die kleinsten Naturwidrigkeiten, die große Katastrophen aufbauen. Nicht einfach summarisch, sondern in einer neuen Qualität.

Um es mit noch einem Beispiel abzurunden: Wenn Österreich heute mit der Hypo-Alpen-Adria-Bank vor einem Gesamtdesaster steht, das die Hälfte, wenn nicht zwei Drittel der gesamten Steuereinnahmen des Staates eines Jahres auffressen werden, so ist das die Summe zahlloser Fehlverhalten aus der Vergangenheit. Die für sich betrachtet nie groß genug schienen, um eine Gefahr für das Ganze darzustellen. Und doch, und plötzlich (noch 2007 war die FPÖ der Meinung, einen Milliardengewinn durch den Verkauf von Anteilen an die Hypo-Bayern einzufahren, die Presseaussendung aus der Zeit liest sich sehr erhellend!) entlud sich die ständige Aufspeicherung von scheinbar kleinen Risken, die man fortlaufend erhöhte, die beim Bankverkauf als Geldbeschaffungsmaßnahme für die Politik Jörg Haiders in Kärnten über sehr sicher völlig falsch geführte Verhandlungen im Rückkauf der Bank durch den Staat bis zum entscheidungsschwachen, furchtsamen laufenden Umgang mit dem Problem, das genau damit von Jahr zu Jahr größer wurde) zu einer wahrlich staatserschütternden Tragödie.

Die, die meinen, auf große Lösungen gehen zu müssen - Weltwirtschaft, Erdklima, Gender, etc. etc. - werden nicht nur nicht bewirken, was sie sich vorgenommen haben. Sondern ihre katastrophische Wirkung, die sich ganz anders entladen wird, als sie je vorhersehen werden, baut sich aus den vielen kleinen Veränderungen auf, die sie durch großen Regelungen bewirken. Und - es werden Katastrophen sein. Denn sie sehen Schimären, Phantome. Sie zerrütten das Kleine.




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Sonntag, 20. Januar 2013

Ein wahrer Sonderfall der Renaissance

aus 2007) Dem Sekretär des Kardinals Casanata, Magliabechi, eilte der Ruf eines wahren Sonderlings, und eines für die Renaissaince wohl repräsentativen Typus Mensch, voraus:

Er, Custode der Vatikanischen Bibliotheken, aß und schlief inmitten aller der damals schon gewaltigen Bücherbestände. Man sagte sogar, daß er sämtliche Bücher auswendig hersagen konnte - ohne dieses Wissen aber synthetisch nutzen zu können, ohne mit diesem Wissen etwas anfangen zu können. Er verstand es nicht, die Fakten einzuordnen.


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Freitag, 16. November 2012

Sekten liegen richtig

aus 2007) Leibnitz: "Die meisten Sekten sind dadurch gekennzeichnet, daß sie etwas sagen, das eigentlich richtig ist. Sie irren aber fast immer in dem, was sie ablehnen!"


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Sonntag, 12. Dezember 2010

Das höchste Gut, das uns gegeben ist

Daß sich bei Herder die folgende Stelle findet, zeugt von der beeindruckenden Einheit des Denkens, das im 17. und 18. Jhd. in Europa noch geherrscht hat. Denn Herder diskutiert es mit Shaftesbury, in Bezug auf Fénelon, dem er nachweise möchte, daß seine Religion sich mit der Spinoza's deckt. Und es geht um die LIebe. Und: wer denn dann liebt, in der reinen Liebe, in der Selbstvergessenheit und Interesselosigkeit.

Ist es denn dann ein Aufgehen in Gott? Ist es ein Hineingehen in den Allgeist, in dem man verschwindet?

Ganz klar nicht, sagt Herder. Und er begründet es recht einfach nachvollziehbar:

"Selbst wenn ich mich, wie der Mystizismus will, in Gott verlöre, und ich verlöre mich in ihm, ohne weiteres Gefühl und Bewußseyn meiner: so genöße ich nicht mehr; die Gotheit hätte mich verschlungen, und genäße statt meiner."

"Die Natur fängt immer vom Einzelnen an ... wer nicht zurückstoßen kann, kann auch nicht anziehn; beide Kräfte sind nur ein Pulsschlag der Seele"

"Zu unserer Seligkeit können wir nie den Begriff unseres Dasyns verlieren, und den menschlichen Begriff, daß wir Gott sind, erlangen .... Das höchste Gut, das Gott allen Geschöpfen geben konnte, war und bleibt eigenes Daseyn, in welchem eben Er ihnen ist und von Stuffe zu Stuffe mehr seyn wird. Alles in Allem."

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Montag, 12. Juli 2010

Naheliegend

Es sind oft die einfachsten Verbindungen und Schlüsse, die naheliegendsten, die man aber übersah - so, als ich bei Nadler ("Geschichte der Literatur der deutschen Stämme und Völker") den Satz las, daß Entwicklungen immer von und in jener Landschaft anheben, in der sie stattfinden.

Nadler behauptet, und seine Behauptung ist nur noch ein Schlußstein unter so vielem, dem man vorbehaltlos zustimmen konnte, daß es Unsinn ist, davon zu sprechen, daß die Aufklärung "von Frankreich her über uns gekommen" sei.

Einen Schmarren ist sie. "Die Menschheit ist keine Herde von Affen, die geschichtlich handeln, indem sie wechselweise Geschichte vor- und nachmachen."

"Es sind nur ältere Bewegungen, die auf jüngere treffen, die wir als "von woher kommend" einstufen," schreibt er weiter, und zitiert Leibniz: "In die Seele kommt nichts von außen hinein. Sie wird sich lediglich dessen bewußt, was sie hat." Die Aufklärung in Deutschland (worunter in diesen Zusammenhängen natürlich immer auch Österreich - samt den ehemaligen Ostgebieten Preußen, Schlesien, etc. - gemeint ist) hat sich seit Jahrhunderten vorbereitet, und sie kam in drei Wellen, in denen jeweils dieselben Gedanken - aus identifizierbaren Wurzeln und Geisteshaltungen - eruptierten, in der "Aufklärung" (ein Begriff, den Klinger schuf) dann ihren endgültigen Ausdruck fanden und einen Bogen bilden, der um 1400 bei den böhmischen Hussiten ansetzt, um 1600 als mystisch-neuplatonische Gedankenmasse, und um 1800 als Romantik seine Vollendung findet.

So wie sein Gegenbogen sich um 900 im Klassizismus erhob, und über die Scholastik um 1500 sich im 19. Jahrhundert schloß.

Die deutsche Aufklärung aber war eine Frucht der Entwicklungen in den deutschen Siedlergebieten - Baltikum, Preußen, Schlesien, und vor allem Böhmen. Alle (!) ihre maßgeblichen Denker und Dichter kamen entsprechend auch von dort.
                                                                           

*120710*

Freitag, 9. April 2010

Die hinzugedachte Welt

Anhand der von jedem zu machenden Beobachtungen am Sehvorgang zeigt Schopenhauer den Anteil von Verstand wie, in der Unterscheidung: der Vernunft, am menschlichen Wahrnehmen (und insofern: begrifflich konstituieren) der Welt. Wie am Beispiel eines Schiffes, das unter einer Brücke, auf der wir stehen, durchfährt. Was, wer bewegt sich? Das Ufer scheint sich zu bewegen, der Verstand "sieht" in seiner Annahme einer Kausalität "immer" richtig, denn er geht von Ursache und Wirkung aus. Erst im Abstrahieren, dem Zusammenführen und Abwägen vieler Eindrücke und Fakten, wird die wirkliche "Wirklichkeit" erfaßt.
Das vom Verstand richtig erkannte, schreibt er in "Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde", ist die REALITÄT. Das von der Vernunft richtig erkannte ist die WAHRHEIT, das ist ein Urteil, welches Grund hat: jener ist der SCHEIN (das fälschlich Angeschaute), dieser der IRRTHUM (das fälschlich Gedachte) entgegengesetzt.

Obgleich, schreibt er weiter, der rein formale Theil der empirischen Anschauung also das Gesetz der Kausalität, nebst Raum und Zeit, a priori im Intellekt liegt, so ist ihm doch nicht die Anwendung desselben auf empirische Data zugleich mitgegeben: sondern diese erlangt er erst durch Übung und Erfahrung. Daher kommt es, daß neugeborene Kinder zwar den Licht- und Farbeneindruck empfangen, allein noch nicht die Objekte apprehendieren und eigentlich sehen; sondern sie sind, die ersten Wochen hindurch, in einem Stupor befangen, der sich alsdann verliert, wenn ihr Verstand anfängt, seine Funktion an den Datis der Sinne, zumal des Getasts und Gesichts, zu üben, wodurch die objektive Welt allmählig in ihr Bewußtsein tritt. Dieser Eintritt ist am Intelligentwerden ihres Blicks und einiger Absichtlichkeit in ihren Bewegungen deutlich zu erkennen, besonders, wenn sie zum ersten Mal durch freundliches Anlächeln an den Tag legen, daß sie ihre Pfleger erkennen.

Das zeigt sich sogar an Blinden, die durch Operation wieder "sehend" werden: sie "sehen" nämlich erst, trotz wiederhergestellter Sinnesreizungen, "gar nichts". Sondern sie müssen erst lernen, diese Reizungen zu bewerten, in Erfahrung umzusetzen, und schließlich abstrakten Anschauungen zuzuordnen, um so endlich zu "sehen".

Damit wird nicht nur der Anteil des Ich (und damit der Sittlichkeit, im erweiterten Selbst) am Urteil über die Welt klar, klar dessen Aufgabe des Konstituierens selbst - ein Satz, der stimmt, solange man dieses Konstituieren nicht im ontologischen Sinne versteht (wenn auch die Quantenphysik in ihren Aussagen aus Beobachtungen in dieser Richtung zarte Hinweise nahelegt: denn manche Ergebnisse könnte man dahingehend deuten, daß das Bewußtsein den kleinsten Bestandteilen der Materie ihre Eigenschaften mitteilt, Anm.) - sondern auch die Bedeutung übernommener "a priorischer" Urteile sowie der Qualität wie Quantität schon der als Kind gemachten - realen, nicht der "erzieherisch gedachten" - Erfahrungen als abgelöste Eigenschaften der Wirklichkeit.

Das Anschauungsbild geht dem sinnlich Erfaßten voraus - das nun erst zum Gesehenen, zum Etwas wird. Epicharmos, ein griechischer Philosoph, sagt es einmal so: Der Verstand sieht, der Verstand hört, alles andere ist blind. Weil die Empfindung in den Augen und Ohren keine Sinneswahrnehmung bewirkt, wenn nicht das Denken dazukommt. Und Plutarch, der davon berichtet, schreibt weiter: Es ist der Physiker Straton der beweist, daß ein Wahrnehmen ohne Verstand ganz unmöglich ist.

Es gibt sie nicht, die weltanschauungsfreie Wahrnehmungswelt, und insofern - aber nur insofern - weltanschauungsfreie Welt der Objekte. Daher müssen alle wahrnehmenden Wesen Verstand (zumindest in der Erkenntnis der Kausalität als Welteigenschaft, Anm.) haben, denn nur durch den Verstand nehmen sie wahr.

Aber nicht alle haben Vernunft - die bleibt dem Menschen eigen. Und hier tatsächlich: jedem, und prinzipiell in gleichem Ausmaß. Die menschlichen Unterschiede in der Leistungsfähigkeit liegen im Verstand, der über die Sinne je sein "Material" zu bearbeiten, sein Menschsein zu konkretisieren hat.

Die Gliederung, Ordnung aber ist allgemein menschliche Leistung.

Die Kausalität der Welt, aus der heraus erst Verstandestätigkeit (in unterschiedlicher Ausprägung und Veranlagung) aussagbar ist, muß also, so Schopenhauer, eine a priori Erkenntnis sein, die sogar den Tieren eignet. Aus der Wahrnehmung über die Sinne alleine erschließt sie sich nicht: denn sie setzt voraus, was die Sinne erst liefern sollten. (Dies, in Schopenhauer'scher Diktion, gegen den Empirismus von Locke und Hume gesagt.)

Doch geht es ja nicht um die Kausalität, hier, sondern ... um die Kunst, und deren Wirkung. Und deren Aufgabe. Weshalb ein Wort von Leibniz angebracht ist, der in diesem Zusammenhang sagt: "Die Wahrheit der Sinnendinge besteht nur in der Verknüpfung der Erscheinungen, welche ihren Grund haben muß, und das ist es, was sie von den Träumen unterscheidet. [...] Das wahre Kriterium, wo es sich um Sinnendinge handelt, ist die Verknüpfung der Erscheinungen, welche die tatsächlichen Wahrheiten hinsichtlich der Sinnendinge außer uns verbürgt."

Die Aufgabe der Wahrheitsfindung ist also: das Herstellen (bzw. Finden) jener Ordnung (im wiederherstellenden Darstellen), die sich auch in der (vielfach als Ursache-Wirkung-Stränge verflochtenen) Realität ("...") findet, und sich an ihr "erweisen" läßt. Und in diesem Sinn: die Realität zur Wahrheit erhellt.

Wenn es also eine Poesie überhaupt geben kann, so muß sie auch hinter aller Realität - als Wirklichkeit - stecken. Dies vorbeugend gesagt: um Poesie von Traum (Schein), und wie erst von einer völlig mißverstandenen, willkürlich gedachten (also: positivistischen) "Phantasie" abzugrenzen.

Der Dichter, der Mensch, denkt also der Welt sie selbst, in ihrem Wesen, hinzu, und macht sie begreifbar ...

Bildrechte bei Dieter Huemmer


*090410*

Freitag, 29. Januar 2010

Geldvermehrung

Eine zu früheren Zeiten gerne verwendete Art der Geldvermehrung - die aber von der heutigen Art, über nur durch Zukunft gedeckte Kredite, nicht wirklich unterschieden ist - war die "Münzverschlechterung", wie sie z. B. per am 18. Januar 1622 gegründeten "Münzkonsortium" des Habsburgerreiches durchzuführen beschlossen wurde:

Der Kaiser verpachtete (gegen jährliches Fixgeld von sechs Millionen Gulden) die Münzprägung an Wallenstein, Karl von Liechtenstein, den Finanzmann Hans de Witte (einem Calviner!), Graf von Weitzenhofen, und, neben einigen weiteren, dem jüdischen Prager Finanzfachmann Bassevi (an dem der Ruf hängenblieb).

Damit war das Recht erkauft, auf 46 Gulden, durch Reduktion des Gold- u Silbergehalts, 70 zu schlagen.

So war mit einem Schlag sogar der Krieg (halbwegs, und scheinbar) finanziert: durch eine (stille) Inflation von 30 Prozent, hervorgerufen - durch eine Geldvermehrung um eben diesen Betrag, den man an zusätzlichem Geld in die Wirtschaft steckte.

Natürlich war es nur eine Frage der Zeit, bis die Realwirtschaft darauf - durch Preiserhöhung - reagierte. Was, wie im Falle Wallenstein, nur den Kaiser in nächste Bredouillen brachte: denn Wallenstein war zugleich auch der Ausrüster der von ihm aufgestellten Heere.

Wie wurde solch ein marodes Finanzsystem wieder saniert? Durch Roßkuren. Leibniz hat es in Braunschweig-Hannover vorexerziert: Durch "Münzbesserung" wurde dem Markt nach und nach wieder Geld, und damit: Nachfrage, entzogen, wobei Leibniz dafür sogar noch zusätzlich gewonnenes Edelmetall verwendete, was ja riskant war - weil den inneren Kaufwert der Währung erhöhte. Was hinwiederum, vor allem durch selektiven Import, aber auch durch staatliche Unternehmungen, wie den Bergbau, die Salpetergewinnung, die Wirtschaft denn doch ankurbelte! Denn nach der Hannoveranischen Währung bestand nun hohe Nachfrage: man wollte mit dem Land ins Geschäft kommen. Dadurch ... senkten sich die Preise wiederum.


*290110*

Freitag, 4. Dezember 2009

Nicht Wahrheiten - geistreiche Voraussetzungen

König Friedrich II., der Preußenkönig, in seiner Grabrede für seinen geliebten Neffen Prinz Heinrich: 

"Mit achtzehn Jahren wußte er die Systeme von Leibniz, Malebranche, Descartes und Locke darzustellen. Ja sein Gedächtnis hatte nicht nur diese abstrakten Dinge erfaßt; seine Urteilskraft hatte sie auch geläutert. Er war erstaunt, in den Forschungen dieser großen Geister weniger Wahrheiten als geistreiche Voraussetzungen zu finden, und er war mit Aristoteles zu der Ansicht gelangt, daß der Zweifel der Vater der Weisheit ist."




*041209*

Mittwoch, 9. April 2008

Empiriker sind Tieren gleich

(Leibniz - Sinngemäße Zusammenfassung einer Passage) "Der Streit um den Ursprung unserer Begriffe, ob angeboren oder ganz aus der Sinneserfahrung erworben, ist also ... ein Streit um den Wissenschaftsbegriff: Sollen unsere wissenschaftlichen Sätze nur Wahrscheinlichkeiten oder sollen sie Gewißheiten einschließen? Das ist der tiefere Sinn der Problematik um den Empirismus und den Sogenannten Rationalismus. Der Empirismus kommt mit seiner Induktion immer nur zu einer Summe von Beispielen; mag diese Summe aber noch so groß sein, sie liefert niemals allgemeine, ewige oder streng notwendige Wahrheiten. Die Folgerungen, die Tiere ziehen, stehen auf derselben Stufe wie die von reinen Empirikern. Erst in den Vernunftwahrheiten haben wir sichere, ewige und notwendige Wahrheiten vor uns. Erst dann haben wir es mit Wissenschaften zu tun. Und dort liegt auch unsere Gottähnlichkeit."




*090408*

Dienstag, 8. April 2008

Leibniz' Metaphysik

Das überraschende Ergebnis: Die Metaphysik (und: daß er überhaupt eine hatte!) des Protestanten Leibniz war zutiefst scholastisch, also thomistisch-aristotelisch, und damit ungemein offen. Aber damit ist auch klar, warum er die katholische Theologie dermaßen gut verstand.

So verstehe ich auch seinen Begriff der "Monade", in welchen er die Schöpfung teilt bzw. aus welchen diese sich zusammensetzt, in Hierarchien, Mächten und Ordnungen zueinander - es dürfte sich mit dem treffen, was ich mit "Seinseinheit" bezeichne. Wobei Leibniz diesen Monaden auch entelechiale Kraft zuschreibt. Etwas, das für mich beim Lebenden endet. Noch mehr aber sehe ich hier Schnittstellen mit der Engelslehre. Etwas, das bei Leibniz allerdings völlig fehlt. Das er so der potens, dem Möglichen der Seinseinheiten zuschreiben muß, um ihr actu, die Entelechie dieser Substanzen zu erklären.



*080408*

Montag, 7. April 2008

Scheitern der Reunion 1694 (Leibniz)

Alle Bemühungen Leibnizens um eine Union der christlichen Kirchen scheiterten schließlich 1694 nach einem spektakulären Briefwechsel mit dem Theologen des französischen Königs, Bossuet. Der schrieb:

"Warum wollt Ihr zu uns kommen, wenn ihr so denkt? 'Ihr Katholiken setzt voraus' werdet Ihr Protestanten sagen, 'daß Ihr allein die allgemeine Kirche seid.' Ja, wir setzen es voraus, anderswo haben wir es bewiesen. Aber es ist sogar genug, es bloß vorauszusetzen, weil wir es mit Personen zu tun haben, die mit uns zu einer Reunion kommen wollen, ohne uns zu nötigen, von unsren eigenen Prinzipien abzugehen."

Leibniz wies, um den Unionsgedanken zu retten, unter anderem darauf hin, daß es eben Advokaten und Vermittler gebe, also die einen plädierten, die anderen negoziierten - Bossuet solle doch zu den Vermittlern wechseln. Der aber antwortete:

"Was die Zuvorkommenheit betrifft, die Sie von unserer Seite über die Dogmen der Lehre zu erwarten scheinen, so habe ich Ihnen oft geantwortet, daß die Verfassung der römischen Kirche keine andere Zuvorkommenheit duldet als auf dem Weg der Erklärung und Auslegung. Die Angelegenheiten der Religion lassen sich nicht wie die weltlichen Angelegenheiten behandeln, die man oft beilegt, indem jede der beiden Seiten etwas nachgibt; weil nämlich weltliche Angelegenheiten Dinge sind, deren Herren die Menschen zu sein pflegen. Die Angelegenheiten des Glaubens aber hängen von der Offenbarung ab, die man einander gegenseitig zwar ERKLÄREN kann, um einander besser zu verstehen; über die man aber KEINE GESCHÄFTE abschließen darf. Es würde der Sache gar nicht nützen, wenn ich andere Wege einschlüge; und es hieße wahrlich, höchst unzeitgemäß den Gemäßigten spielen. Die wahre Mäßigkeit, die man bei solchen Dingen beobachten muß, besteht darin, den Stand, worin sie sich befinden, nach der Wahrheit zu sagen: indem jede andere Willfährigkeit, die man suchen könnte, nur dazu diente, Zeit zu verlieren und in der Folge noch größere Schwierigkeiten entstehen zu lassen."

Als Leibniz die theologisch nicht widerlegten Argumente gegen das Konzil von Trient häufte, dessen Beschlüsse zurückzunehmen nachweisbar die Bereitschaft Roms vorlag (!), fragte Bossuet nur kühl, wozu soviel Gelehrsamkeit denn gut sei. Denn selbst, wenn das geschähe, man das Konzil von Trient fallen lasse, blieben noch immer alle Meinungsverschiedenheiten über Transsubstantiation, Oberhoheit des Papstes, Fürbitte der Heiligen etc. etc. Man müsse also die Konzile bis auf sieben-, ja achthundert Jahre zurück aufheben. "Finden Sie ein Mittel gegen diese Unordnung, gegen diese Verwirrung, oder verzichten Sie auf die Auswege, die Sie vorschlagen!" schrieb Bossuet.

Die Reunion war gescheitert.

Unbestritten ist, daß die politische Situation Frankreichs so war, daß ein geeintes Deutsches Reich alles andere als seinen Interessen gelegen kam. Die so waren, daß man den Türken Unterstützung gab (die 1683 dann ja prompt vor Wien aufgetaucht waren), um das Deutsche Reich so weit zu schwächen, als man es leicht in Besitz nehmen konnte. Von Osten die Türken - von Westen also Frankreich.

Der sogenannte "gallikote" Zug der Kirche Frankreichs - ihre Verschwisterung mit der nationalen Politik - war damals schon Jahrhunderte alt, und er dauert in gewissen Strömungen bis zum heutigen Tage an. In jedem Fall ist bei Leibniz ab einem bestimmten Punkt der Debatte zu bemerken, wie er selbst begann, mit seinem Nationalgefühl zu ringen, mit dem Bossuet spielte.



*070408*

Was Geschichte ist

Als Leibniz vom Hannoveraner Welfen-Herzog Ernst August den Auftrag erhielt, die wahre Herkunft der Welfen zu erforschen, gab es in Europa defacto keine Geschichtswissenschaft. Wozu auch? Bis dato hatte allen genügt, aus einem Geflecht von Legenden, Mythen und Wunschvorstellungen heraus die Vergangenheit zu "kennen" - als Zerrbild gegenwärtiger Vorstellungen und Nutzanwendungen. Nutzanwendungen, wie sie Ludwig XIV. austüftelte, der anhand verschiedenster und oft genug obskurster "historischer" Fakten daranging, die rechtsrheinischen Gebiete Deutschlands eines nach dem anderen für sich zu beanspruchen.

In Italien fand Leibniz die Herkunftszeugnisse der Welfen - und sie stammten tatsächlich vom legendären Azos von Este ab, dessen Grabstein aus dem 8. Jahrhundert stammt.

So nebenher aber legte Leibniz in seinem Nachforschen der europäischen Geschichtswissenschaft den Grundstein. Indem er dieser erstmals eine Grundlage, eine Definition gab, nach der sie sich hinkünftig ausrichtete. Leibniz, 1690 endlich zum Reichsfreiherr Gottfried Wilhelm von Leibniz geadelt, definierte Geschichte "als die Betrachtung vergangener Weltenläufe und ihrer Stufenfolgen unter dem Kriterium einer Idee." Ob es sich um die Idee des Guten, der Macht, des Fortschritts, der zunehmenden Gottesnähe oder was auch immer handelte. "Geschichte ist Prüfstein des Erreichten, ist Richtungspfeil des Zukünftigen, das eine Extrapolation aus dem Gesetz der Gegenwart in die kommende Zeit zu sein scheint."

Niemals dürfe Geschichte ein Phantom sein, das sich eine zweckwollende Gegenwart unabhängig von wirklich beglaubigter Vergangenheit gewissenlos und wahrheitsfremd zurechtstutze. "Das verstehe ich unter jenem TESTIMONIIS NITENDUM ESSE, jener Forderung, daß nur beglaubigte Quellen als Stütze wahrer Geschichtsdurchdringung dienen dürfen."



*070408*

Ein Protestant als Kardinal!

(Leibniz 1685 im Gespräch mit dem Sekretär des Kardinals Casanata, Magliabechi, in welchem er vorgeschlagen hatte, die Naturwissenschaften weit stärker als bisher den Orden zu übertragen.)

"Nichts ist der Frömmigkeit gemäßer als die Betrachtung der bewunderungswürdigen Werke Gottes und der Vorsehung, die nicht weniger in der Natur als in der Geschichte und der Regierung der Kirche hervorleuchten. Solcher Beschäftigung die Frömmigkeit absprechen, hieße dieser Frömmigkeit die gediegene Nahrung entziehen und ihr nur trockene Meditationen übrig zu lassen, von denen die unbefriedigte Seele leicht zu leeren 'Spekulationen übergehen würde; die wieder alle Gefahr von eingebildeter Weisheit mit sich führen könnten. ... Ein "beschauliches" Klosterleben ist oft recht nur die Sehnsucht fauler Bäuche, so daß dadurch die ganze Kirche noch außerdem in den Verdacht käme, aus Angst vor wahrer Wissenschaft die Wissenschaft der Natur zu unterdrücken. Eben jene Naturwissenschaft, die recht eigentlich Domäne und Sprungbrett aufgeblasener Freigeister und Gottesleugner ist. (Leibniz war einer der europaweiten Vordenker wie -kämpfer gegen den pantheistischen Spinozismus und den rationalistischen Cartesianismus.) Während nach meinem Vorschlag die vereinigte Kerntruppe gelehrter und weiser Mönche, der edle Wetteifer uralter Orden untereinander, mit Leichtigkeit den Freigeistern auch auf ihrem eigensten Gebiet vor aller Welt den Rang ablaufen würde."
Zwar wurde dem Protestanten Leibniz die Stelle des Custoden der Vatikanischen Bibliotheken - eine Position, die traditionell und "automatisch" zum Kardinalat führte - angetragen, doch seine Vorschläge blieben denn doch unberücksichtigt. Im Gespräch mit Cardinal Casanata, dem das "Rosenkranzwunder" vorangegangen war, bei welchem Leibniz der Rosenkranz - Matrosen wollten den protestantischen "Ketzer" berauben und ermorden, als zufällig Leibniz anstatt des Messers in seiner Tasche nur einen Rosenkranz griff, den er zuvor geschenkt bekommen hatte, woraufhin die Matrosen in die Knie sanken - das Leben gerettet hatte, hatte Leibniz aber doch um Bedenkzeit gebeten, denn mitten in seine Gedanken war ihm die Lösung eines mathematischen Problems eingeschossen, so daß er die für einen Protestanten unfaßliche Ehre - Kardinal! - vorerst (und später überhaupt) ausschlug. Denn selbstverständlich sollte Leibniz - "vom katholischen Standpunkte aus noch mehr" - protestantisch bleiben.

Der Jesuit Grimaldi, der von diesem Gespräch berichtet, tat dies am Vorabend seiner Reise nach China, wo er am Hofe des Kaisers von diesem berufen die Stelle eines Präsidenten des mathematischen Tribunals in Peking im Gehorsam dem Orden gegenüber, der ihm die Annahme des Amtes befahl, bekleidete.

Übrigens: welche Entdeckung hatte Leibniz während des Gesprächs mit Cardinal Casanata? Pater Grimaldi SJ berichtet auch darüber: Leibniz hatte das binäre Zahlensystem (er nannte sie "Onadik") entdeckt. Er hatte entdeckt, daß sämtliche Zahlen aus EINS und NULL bildbar sind, zumal auch das Zehnersystem von der Ganzheit der Finger an den Händen ausgeht, sodaß mit acht vierziffrigen Zahlen die gesamten Möglichkeiten der Darstellung ausgeschöpft sind, während das Zehnersystem neuntausend vierziffrige Zahlen benötigt. Leibniz sah die Zahlen als Sinnbilder letzter Mysterien, demgemäß waren die NULL und die EINS Symbole für den Schöpfungsvorgang Gottes - creatio ex nihilo.

Und die Kardinalswürde? Leibniz hatte sie dann doch abgelehnt. Und zwar aus der Überlegung heraus, daß er - in Gehorsam der Kirche gebunden - eine Philosophie entwickelt hatte, die zwar bei Kirchenleitung, Kardinälen und Gelehrten größte Zustimmung fand, doch aus "pädagogisch-politischen" Gründen dennoch oder auch nur vielleicht "verboten" würde. Einem "vielleicht" aber wollte er seine Lebensaufgabe, zu der er sich sehr nüchtern berufen sah, nicht leichtfertig opfern: der Entfaltung seines Geistes im Dienste des (deutschen) Volkes.



*070408*

China's natürliche Theologie

Leibniz wurde, als er nach Rom gereist war, von sämtlichen katholischen Institutionen mit größtem Respekt aufgenommen. Besonders wurde sein Ausspruch berühmt, demgemäß er (etwa 1685) davon sprach, daß es angesichts des Zerfalls Europas gut wäre, wenn chinesische Heiden nach Europa kämen, um die natürliche Theologie zu predigen - während Europa's Theologen nach China reisen sollten, um die Offenbarung bekanntzumachen.

Das Tor zu China erhoffte man sich vor allem von den Jesuiten geöffnet zu erhalten. Denen spielte auch tatsächlich ein "Zufall" in die Hände:
Der Kaiser von China, Cham-Hi, war an einem schweren Wechselfieber erkrankt. Ausgerechnet noch dazu zu einem Zeitpunkt, da die Mongolen das Land bedrohten. Gegen enorme Widerstände der einheimischen Ärzte und Gelehrten, gelang es den Jesuiten, das Vertrauen des Kaisers zu gewinnen - denn fünfzig Jahre zuvor war in Peru (!) durch die Gattin des peruanischen Vizekönigs, der Gräfin von Chinchon, die "Chinarinde" - das "Polvo de los Jesuitos" - bekannt geworden, weil die Gräfin die heilende Wirkung der Rinde an sich bzw. Ihrem Gatten erfahren hatte. ("Quina" bedeutet in der Inkasprache zusätzlich "Rinde".) Mithilfe dieses "Chinin" wurde der Kaiser tatsächlich gesund.



*070408*

Totengericht

Im alten Ägypten, aber auch an manchen europäischen Höfen, wie jenem der Welfen, den Fürsten von Hannover (und später England), war es üblich, beim Begräbnis des Fürsten ein "Totengericht" zu halten. Dazu wurden in einer entsprechend detaillierten Grabesrede nicht nur die guten, sondern auch die schlechten Taten eines Herrschers vor versammeltem Volk aufgezählt und abqualifiziert.



*070408*

Einigung durch Verzicht auf "Recht haben", ohne zu sagen, daß man im Unrecht sei

Leibniz als einer der führenden Köpfe Europas seiner Zeit war einer der treibenden Männer hinter dem Ende des 17. Jahrhunderts noch sehr warmen Wunsche aller, die protestantischen und die katholische Kirche wieder zu vereinen. Und es kam nahezu zu einer solchen Einigung!

Und zwar nicht so sehr, weil die dogmatischen (sprich: philosophischen und dadurch theologischen) Ansätze so vereint waren. Die waren zwischen Calvinisten und Lutheranern im übrigen weit gravierender empfunden als zwischen Lutheranern und Katholiken. Man sah diese Differenzen im Rahmen der Auffassungsunterschiede innerhalb der katholischen Kirche selbst.
Doch war der die Einigung schon fast formal abschließende Gedanke der, daß die Eingliederung in ein und dieselbe Körperschaft aus einer gewissen "Selbstformierungskraft der Gestalt" auch die Unterschiede in den Lehrmeinungen substantiell überwinden helfen würde.

Daß also die "zweite Natur", die formende Kraft der gemeinsamen Sitte, wieder eins machen würde, was die reine Kraft der Gedanken, ja die Entelechie der Worte selbst, auseinandertrieb.

Auch Leibniz verzichtete also - wie die katholischen Unterhändler (im Namen des Kaisers wie des Papstes übrigens) - auf die formelle Anerkennung des Umstandes, daß "sie im Recht seien"! Sondern überantworteten dieses "Recht haben" (denn natürlich: es war auch nicht möglich, daß "beide" im Recht waren, das war allen klar) der "purifizierenden Wirkung der von göttlicher Kraft durchwobenen Gestalt der Kirche." Ohne auch nur im Geringsten zuzugeben, daß sie im Unrecht waren.

Das macht auch deutlich, welche Bedeutung man der Aufhebung des wechselseitigen Bannes beimaß, und wie wichtig die Anerkennung der jeweiligen Eucharistie - mit Zulassung des jeweils anderen zum Gottesdienst, der "Interkommunion" - war. Ein für Protestanten eigentlich bemerkenswerter Schritt, weil diese gemeinsame Basis, zu der man nach langen Verhandlungen bereits gefunden hatte, für die Protestanten bereits ein gewaltiges Abweichen von ihren (impliziten, damals noch bei weitem nicht so herausgearbeiteten) philosophischen Grundsätzen. (Erst im Laufe der Jahrhunderte - unter anderem sei der Name Bultmann genannt - bildete sich aus der protestantischen Orthopraxie auch eine dezidierte protestantische Orthodoxie!)

Eine Haltung, die weit mehr als Synkretismus oder Relativismus war, den beide niemals für gut geheißen hätten.

Damals schmerzte die Trennung nämlich interessanterweise und offensichtlich noch weit mehr als heute. Die (allmählich) so klare Trennung entpuppte sich zudem mehr und mehr als politisch und von außen motiviert. So kann man heute eine grundsätzliche Differenz ausmachen, die zwar anfänglich in nucleo enthalten gewesen war, sich aber unter Umständen und durch andere Politik nie so kräftig heraus- und sogar wieder zurückgebildet hätte - sodaß eine Vereinigung zu EINER christlichen Kirche damals zumindest noch viel leichter möglich gewesen wäre.

Einen sehr ähnlichen Weg nahm ja auch die Geschichte des großen abendländischen Schismas Roms - Konstantinopels, das allem Anschein nach ebenfalls maßgeblich durch politisch ungeschicktes Verhalten das wurde, was es heute ist. Auch hier waren ja theologisch-philosophisch die Differenzen (zuletzt von Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert) quasi beigelegt. Theoretisch ...



*070408*

Ein einziges, riesiges "Auch"

"Ich bin ein einziges, riesiges Auch," sagte Leibnitz einmal. "Ich bin AUCH Philosoph, AUCH Mathematiker, AUCH Theologe, AUCH Jurist ..."



*070408*

Fürstenpflichten

Leibniz sah seine Aufgabe, ja seine hauptsächlichste berufliche Möglichkeit im "Hofratsein", das für ihn einerseits die Möglichkeit brachte, sich in Forschungen zu vertiefen. Das aber die andere wichtige Aufgabe hatte, Philosophen, Denker, Forscher und Künstler zu sichten, zu empfehlen, und damit zu versorgen.

Denn die Höfe der Fürsten sahen sich als Zentren, die den Geist nicht nur an sich zu binden hatten, sondern ihn pflegen mußten, weil vom Stande des Denkens auch das Wohlergehen und die Zukunft ihrer Reiche abhing! So hielt man sich für die einzelnen Fachgebiete Hofräte.

So kam es sogar zu einem Wetteifern der Höfe, um die fähigsten Köpfe zu holen und zu binden.

Starb der Fürst, kam ein neuer an die Macht, so warteten alle diese Hofräte etc., ob sie durch Bestätigung weiterhin in ihren Ämtern (und Pfründen) bleiben konnten (so sie wollten) - oder gehen mußten.



*070408*

Naturgesetze und Statistik

Im Grunde erledigt die Quantenphysik die mechanistische Weltsicht - indem sie nämlich klar macht, daß die beobachtbaren Vorgänge in der Natur alles andere als Automatismen sind, die von ihrer Stellung in der Welt unabhängig sind und ablaufen. Daß sich also die Dinge des Universums mechanistisch verhalten - und nicht weil alles in einem direkten Zueinander steht. Im Grunde wagt es derzeit nur niemand auszusprechen - aber die Quantenphysik scheint zunehmend als Darstellung des Satzes, demgemäß die Schöpfung auf ein personales Wesen hin geschaffen wurde. Selbst der (philosophische Zirkelschluß) Konstruktivismus ist nichts als eine solche Beschreibung eines von außen erkennbaren faktischen Verhaltens (das im Irrtum oder in Krankheit eben bis zur Wirklichkeitslosigkeit von Sprache führt).

"Naturgesetze" sind aber nie etwas anderes gewesen als statistische Wahrscheinlichkeiten!





 *070408*