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Donnerstag, 7. Juli 2022

Reposte - Spiel ersetzt Realität

Die Implikationen dieser naturkundlichen Tatsache sind so immens, daß wir erinnerlich bereits zum dritten mal darüber schreiben. Denn was heißt das? Es heißt, daß sich Fähigkeiten ZUERST im Inneren bilden, zumindest: das Könne, und zwar als eine zuerst geistig- oder psycho(!)forme, auf jeden Fall dem physischen Apparat VORAUSGEHENDE Weise als Gestalt bilden, um dann durch die Muskulatur, Sehnen etc. bei Notwendigkeit abgerufen zu werden. 

Wir stellen solche in uns angelegten Fähigkeiten ja auch im Alltag fest. Wer hat noch nie erlebt, daß er einen Bewegungsablauf (auch im Rahmen eines Organisationsablaufs, der über mehrere Stationen geht) im Geiste gut durchgehen kann. 

Man denke etwa an Slalom-Ski-Fahrer oder Formel 1-Rennfahrer, wie man sie in Fernsehbildern sieht, wo sie den gleich zu absolvierenden Kurs mit geschlossenen Augen durchgehen, alle Bewegungsabläufe vorstellend durchspielen, usw. Um dann unter zeitlich knappen Bedingungen, unter denen nicht jeder Schritt noch einmal durchgedacht werden kann, diesen Durchlauf in immenser Präzision und Schnelligkeit vornehmen zu können. 

Freitag, 14. Januar 2022

Warum wir aber schreien

(Ich wiederhole einen Beitrag aus diesem Blog vom 28. Mai 2010, den ich bei der Durchsicht der Zugriffsstatistik fand. Denn ein Leser hatte wohl danach gesucht. Dabei erlaube ich mir die Frage, ob wir überhaupt noch in der Lage sind, sinnvoll zu klagen. Wirklich das zu beklagen, was zu beklagen ist. Oder ob nicht unsere Gehirne bereits in einger Gesamtbewegung der Kultur mitfließend so vernebelt sind, daß das Beste, wozu wir noch fähig sind, irgendwelche subjektivistisch-gefühlige, sentimentale Ausrülpsungen sind, die so irgendwie in eine Richtung weisen sollen. Denn irgendwie muß ja doch gerülpst werden, ohne aber noch einen konkreten Begriff aus dem Geschehen, das uns umflutet wie einen Korken die Brandung, in der er hin und her geworfen wird.

Was uns das über den Menschen sagen könnte, den man seiner Freiheit beraubt? Das, werter Leser, möge er selbst fortspinnen. Vielleicht ist manches anders, ganz anders, als die Erzählung wiedergibt, die sich derzeit rund um Tagesgeschehen aufbaut. Manchmal, ich bin ehrlich, habe ich das Gefühl, daß wir uns sämtlich in einem einem Schneegestöber vergleichbaren Rauschen bewegen, ähnlich dem bei einer Bildstörung im Fernsehen, wo wir kein Bild mehr entdecken können außer jen, die wir selbst ins "Sehen" hineinstellen. 

Dienstag, 7. Dezember 2021

Vom Rückstieg zu Larve und Ei (2)

Seltsame Zeiten. Sogar in diesen Vorgängen könnte man Querverbindungen zum Corona-Geschehen erkennen. - Dazu muß man einfach vor Augen behalten, daß die Vorgänge in der Natur lediglich in der Konkretion differieren. Die Prinzipien bleiben bei allen Lebeweisen, ja bei allen Dingen sogar die gleichen. Nur die Ausformung geschieht der Art eines Lebewesens gemäß.

Aus diesem Geschehen bei Insekten kann man somit (natürlich: vorsichtig) Hinweise auf die Bedeutung der Lockdowns im besonderen für Kinder und Jugendliche erblicken. Und was solche Niederschlagungen von Leben für sie in ihrer Entwicklung bedeuten. 

Montag, 6. Dezember 2021

Leben zielt auf Sichtbarkeit (1)

Adolf Portmann weist auf eine Erscheinung hin, die ihm das erste Mal bei Caliphylla aufgefallen ist, einer kleinen, hauslosen Schnecke, die so in die Algen des Meeres eingepaßt ist, daß sie eigentlich nicht sichtbar ist. Denn ihre Verdauungsorgane erweitern sich in ihrem Lebenszyklus in Hautblätter, die sie verästelt durchdringt (und formt), die den Algenblättern so ähnlich sind, daß sie nicht unterscheidbar sind. Die Schnecke ist also "nicht auf Sichtbarkeit ausgerichtet", wie Portmann festhält. Das macht eine Erscheinung umso merkwürdiger, die er beobachtet hat, und die etwas von Gesetz an sich hat, das uns etwas ahnen läßt, ohne daß wir es der Kritik einer Formulierung aussetzen könnten. Wie so vieles eben in der Natur.

Solange die Schnecke noch durchsichtig ist, also "keine Haut" hat, ist alles, was an ihr sichtbar ist, wohl geordnet und symmetrisch. Dann beginnen die inneren Organe "Außen(haut)" zu entwickeln, das heißt, daß sie wie oben gesagt in die Verästelungen der "Blattimitationen" gehen. Je mehr sie das tun, desto blickdichter werden die Tierchen. Und desto mehr wird an ihnen ein Außen (Haut) sichtbar - und nur noch die. 

Dienstag, 19. Oktober 2021

Beim Lesen von Adolf Portmann (2)

Zwischen Tod und Blüte. - Noch eine für jeden Evolutionisten (der immer ein Materialist ist) unlösbare bzw. prinzipiell und notwendig falsch gelöste Vorstellung der menschlichen Gegebenheiten ist zu erwähnen, und es ist beileibe nicht die letzte oder einzige. Es geht um die Unterscheidng zwischen "Vererbung" und "Vorgegebenheit" kraft Schöpfung. 

Der Mensch hat bzw. ist im Moment seines Geschaffenwerdens eine Grammatik der Ontologie, die sich aus Beziehungsarchetypen etc. etc. zusammensetzt, die auch "Archetypen" genannt werden (können), wie etwa C. G. Jung es machte (und Portmann, natürlich, auch er hält den Begriff zumindest für vorübergehend tauglich.)

Montag, 18. Oktober 2021

Beim Lesen von Adolf Portmann (1)

Es hat etwas von Karneval, wenn man den Menschen mit Termini und Methoden der Biologie beschreibt. Betrachtet man ihn wie es Portmann tut - als nicht abgeschlossene Stufe der Evolution als naturimmanentes Entwicklungsgeschehen - dann fehlen aber für die bei ihm als hervorragendsten Phänomene beobachtbaren Wesenseigenschaften (siehe Anmerkung*) die wirklichen Wurzeln, Gründe, Motive und realen Orte der Präsenz.

Das führt zu völlig verfehlten Begriffsdeutungen, wie man am Beispiel ERINNERUNG so gut sieht. Die bei Portmann wie überhaupt bei allen Biologisten (Biologen) wie ein "Speicher" gesehen werden muß. Über dessen Ort gestritten wird, seit diese neue Anthropologie vor 100, 140 Jahren aufgekommen ist. Wo findet sich diese Erinnerung? Im Fleisch? Im Gehirn? Im Frontallappen? In einer Struktur und Verlötung von Synapsen? In immer komplexer werdenden, schließlich über mehrere Ebenen, fast schon Dimensionen - zumindest müßte man eigentlich so denken, ohne sich vorstellen zu können, wie und wo das stattfindet - Synapsenkomplexe?

Freitag, 24. September 2021

Der Verlust der Welt (2)

Aus dem Sehen wurde das Messen. Aus der Welt wurde ein technisches Gestell, und das Weltall begann wegzufliegen. - Diese Wahl - weg vom Naturforscher, hin zum Scientisten - wurde in ihren Grundweichenstellungen schon im 13. Jahrhundert beginnend, und endgültig in der Renaissance des 16. Jahrhunderts getroffen. Das innere Vorstellungsleben, wie es seit Descartes zum eigentlich Menschlichen erklärt wird, hat überhand genommen, während die Welt und ihre Gestalten verloren gegangen sind. Aus dem Wirklichen der Dinge, die in ihrem in-der-Welt-sein gesehen werden, das bestimmt ist von ihrer Beziehung zur Welt und zu einem selbst, wurde eine "gemessene" Größe und Einschätzung!

Aus dem unbedingten Wahrsein eines "Du bist mir nahe!" wurde ein Abstand von 82 Zentimetern, als wäre das eine Aussage von Wert. Und aus dem "Du bist mir nahe, auch wenn Du weg bist" wurden 700 Kilometer, von denen der eine dann sagt, sie seien viel, der andere also gar nicht nahe sondern fern, weil er 8 Stunden Fahrzeit rechnet (und die Welt der Orte als Beziehungsknoten in Fahrzeiten gegliedert hat), und der andere, der New York zum Wohnsitz hat, findet den Weg von Wien nach Stuttgart einen Katzensprung, zumal er mit dem Flugzeug fliegt, in dem überhaupt die Qualität von Raum und damit die Beziehung zum Zielobjekt zu einem ganz großen Teil buchstäblich verschwindet.

Ich saß in der Kirche und plötzlich wurde mein Blick in die Runde gezogen, zu den Bildnissen, Statuen, zur Muttergottes über dem Altar, der - im Bilde deutlich - aus ihrem Schoß stammt.

Donnerstag, 23. September 2021

Der Verlust der Welt (1)

Er sagt es so sanft, wie es einem wirklichen Wissenschaftler ansteht, voller Ehrfurcht vor der Wahrheit, voller Zurückhaltung, weil man so wenig wirklich fest sagen kann, und voller Dezenz und Feingefühl, weil man niemanden ungerecht angreifen oder verletzen möchte, und am beeindruckendsten: Mit unendlich viel Respekt und Ehrfurcht vor der Natur, die so voller Geheimnisse und extrem komplexer Strukturen steckt, an deren Wahrheitsoberfläche die Wissenschaft nur ganz ganz wenig zu kratzen vermag.

Aber umso überzeugender ist das Lamento, das Adolf Portmann, dieser große Naturwissenschaftler, 1957 in seinem großartigen Buch "Biologie und Geist" wahrscheinlich ohne es zu wollen komponiert. Und in dem er den Schrecken formuliert, der ihn befällt, wenn er die Entwicklung der Naturwissenschaften als Ganzes betrachtet. Das gesamte Bild, der Rang, die Stellung des Naturwissenschaftlers hat sich nämlich seit dem 19. Jahrhundert völlig auf den Kopf gestellt. 

Bis dahin waren Leute wie Humboldt, Linné und wie sie alle hießen auch bloß "NaturFORSCHER".

Samstag, 18. September 2021

Man wird weiß, gelb, schwarz oder rot (2)

Was wir vererben, was wir erwerben, was wir verderben. Die feuchten Träume vom Schokoladenpudding - Was hinsichtlich der oben angerissenen "Rassenfrage" auffällt ist, daß weltweit die Kinder annähernd gleich geboren werden. Die Stufen der Entwicklung sind gleich und auch die Zeiten, zu denen sie auftreten. Und zwar unabhängig davon, wie groß die "Rasse" später ist, unabhängig von vielen weiteren Merkmalen, die sich dann als "Rassenmerkmale" erkennen lassen. Sodaß ein Wind in jene Richtung weht, die in der gesamten weiteren Entwicklung der Individuen "innerhalb einer Rasse" das Insgesamt, die Umwelt, die Geographie, das Spezifische des Sozialen und so weiter und so weiter die entscheidende Rolle in der Herausformung solcher "unterschiedlicher" Gestalten spielt.

Freitag, 17. September 2021

Man wird weiß, gelb, schwarz oder rot (1)

Ja aber ist es nicht so, daß die Menschheit sich in verschiedenste Typen unterscheidet, die man als "Rassen" bezeichnen kann? Wo sich umfassendere Typologien zeigen, innerhalb derer es wiederum eine kaum faßbare Vielzahl an weiteren Typologien und Typen gibt, und so weiter?

Nehmen wir als Anregung, wohin die Reise gehen wird, der VdZ ist sicher, einigen Notizen von Adolf Portmann entgegen, die er in einem Vortrag vor bald achtzig Jahren äußerte. Er meint zu dieser Frage, daß er sich nicht in der Lage sähe, sie zu lösen. Alles was sich bisher dazu angeboten hat, alles was bereits als Lösung der "Rassenfrage" angeboten hat, hat sich immer als unhaltbar herausgestellt. Keine physischen Merkmale lassen sich so verallgemeinern, daß man sie nur einer bestimmten, als "Rasse" bezeichneten Typologie im "zoologischen Sinn" zuschreiben könnte.

Dafür zeigt sich viel, wenn man es umgekehrt anstellt. Wenn man nach dem Allgemeinen sucht, nach Charakteristiken, die alle Menschen gemeinsam haben, oder mehr oder weniger gemeinsam haben. Typologien wie die in der Unterscheidung von Mann und Frau, wo sich die Zweigeschlechtlichkeit bis ins unterste Reich des Lebenden zeigt, wo sie aber zu verschwinden beginnt, wo also das als Vereinzeltes feststellbare Wesen, das Individuum, in die Zweigeschlechtlichkeit übergeht. Aber selbst dort - mit der Ergänzung der beiden Geschlechter. Einen geschlechtslosen Kern aber, an den sich dann Männliches oder Weibliches "anlagert", gibt es nicht.

Freitag, 28. Mai 2010

Spiel ersetzt Realität

Adolf Portmann berichtet in "Das Spiel als gestaltete Zeit" über ein Experiment, das er in den 1930er Jahren auf seinem Institut in Basel gemacht hat, und mit welchem er die utilitaristische Auswirkung des Spielens - im konkreten Fall: aus Ausbildung von Muskeln und des Nervenapparats bzw. der Neuronen/Synapsen im Gehirn - in Frage stellt:

Dort hatte er Stare aufgezogen, denen durch sehr enge Wolljäckchen die Übung der Flugmuskulatur bis zum Tag der normalen Flugfähigkeit völlig verwehrt war. Das, so Portmann, bedeutete keinen schädigenden Zwang für die Jungvögel: sie hatten eine sehr lebendige, bewegte Kindheit. Aber seine Frage war eindeutig beantwortet: die erste Flugbewegung sowohl wie die Reifung der Muskelgewebe erfolgten trotz der Beschränkung völlig normal, eine Tatsache, die auch an anderen Nesthockerjungen nachgeprüft werden konnte.

Sinngemäßes läßt sich, so Portmann, für das Singen der Vögel aussagen, auch wenn sie völlig isoliert aufgewachsen sind.



*280510*