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Freitag, 28. Juli 2017

Es begann bei Benedict XVI.

Es ist kennzeichnend für E. Michael Jones, daß er für seine Aussagen über Papst Franziskus nach Argentinien fuhr, und sich vor Ort ein Bild zu machen versuchte. Und dieses Bild flog ihm förmlich zu, denn Bergoglio ist in Argentinien nicht nur kein unbeschriebenes Blatt, sondern seine Philosophie, die Art seiner Regentschaft als Papst, spiegelt das wieder, was er in Argentinien erlebt hat. 

Kurz zusammengefaßt: Als (erklärter) Anhänger der Peronismus in Argentinien ist der Papst exakt derselbe Opportunist geworden, wie es Juan Peron war. Nicht nur das: Perron hat seine Bürger gelehrt, daß es keinen Sinn ergibt, logisch zu bleiben. Er hat die Argentinier gelehrt, daß Philosophie, klares Denken, für die Welt bedeutungslos ist. Es kommt auf die Praxis an. Mehr als ein bißchen Teilhard de Chardin, der mit seinen schwurbeligen Thesen (in denen er, wie man heute weiß, es nicht immer mit der Wahrheit um paläo-archäologische Funde ganz genau nahm) mit aller Gewalt eine Vereinbarkeit von moderner Welt mit katholischer Metaphysik versuchte, war da nicht drinnen.

Und GENAU DAS zeichnet sich in der Regierungslinie des Bergoglio-Papstes ab. Von Anfang an hat er bewiesen, daß er auf die Wirklichkeit der Wahrheit, des logos, nicht vertraut. Sondern vertritt offen, daß es durchaus einen Widerspruch zwischen Doktrin, Wahrheit, Philosophie und "notwendiger" Praxis gibt. Diese letztere hat eine eigene, ja hat die maßgebliche Wirklichkeit. Damit hat Bergoglio das Chaos in der Kirche direkt zu verantworten und trägt es sogar noch weiter.

Besonders deutlich wird dies in der Realpolitik, in der Bergoglio ohne es zu wissen (sic!) - denn Bergoglio hat die tiefen logischen Begründungen des Katholischen nie verstanden, das läßt sich lückenlos zeigen - die katholische Lehre zu verändern trachtet. Zu verändern, wie gesagt, nicht in die Zeit hinein auszulegen. Dieser zweitausendjährigen Wahrheit widerspricht er mit leichter Hand. Und nicht zufällig auch in der Frage um die Juden, wo er verkündet, daß für die Juden offenbar gar keine Taufe notwendig sei, um zum Heil zu gelangen. 

Ein KLARER WIDERSPRUCH zur eigentlichen Katholizität. Aber aus seiner argentinischen Vergangenheit eindeutig erklärbar und verstehbar. Denn auch Peron hat die reale, faktische Macht der Juden anerkannt, in der er seine ursprünglich bzw. scheinbar richtigen Ansätze - Arbeit als einzige Quelle von Wert - zugunsten des jüdischen Zins-Kapitalismus verändert hat. Weil er Geld brauchte. 

Papst Franziskus macht es nicht anders. Er biedert sich den Finanzmächten der Welt an, da lasse man sich in seiner scheinbaren Antikapitalismushaltung nicht täuschen, um seine "sozialen" Programme zu verpreisen. Er sieht aber nicht die wirklichen Zusammenhänge. Wie sollte er auch? So hat er es von Peron gelernt und dort erfahren, der dieselbe Flexibilität bewies, wenn es ihm nützte. Und erfahren, daß der Judaismus (der die Medien beherrscht) realpolitisch notwendig ist, um abstrakte Ideen umsetzen zu können. Franziskus schreit zwar - richtig, meinetwegen, zumindest irgendwie - um mehr Ökologie, aber er unterstützt real genau jene Kräfte, die diese Ökologie konterkarieren. 

Und im Namen dieser "Realpolitik" setzt er die katholische Doktrin außer Kraft. Erklärt, daß die Taufe nicht heilsnotwendig sei, was der gesamten katholischen Tradition widerspricht. Warum? Nur, sagt Jones, um die Gunst der Juden zu behalten, die ihn ab dem Moment unterstützt (und zum Papst gemacht) haben, in dem er das Judentum zu dem Katholischen äquivalenten Heilsweg erklärt und damit dem Finanzkapitalismus den Weg geöffnet hat. Wie Peron es getan hatte. Denkschwach und ungebildet glaubt Bergoglio nicht an die Kraft der Philosophie, der Wahrheit selbst. Wie sollte er.

Bergoglio hat damit - wie im Islam vor tausend Jahren - den Widerspruch für salonfähig erklärt. Er steht damit eindeutig in der Sukzession des anti-logos. Er steht damit in der Tradition des Dämonischen, und zerstört so die Basis des Katholischen. Dem nunmehr ein ähnliches (der Kultur gegengesetztes) Schicksal wie dem Islam droht. Der keine Wirklichkeitsrelevanz mehr hat, sondern nur noch dort siegt, wo er gewaltsam genug ist, sich "eine eigene Wirklichkeit" (die nur noch auf Moralismen, auf strikte Gerüste des Verhaltens beruhen kann) zu "schaffen". Dem aber die Wahrheit selbst zur panisch zu vermeidenden Gefahr wird. Und die deshalb nur noch Chaos in der Welt anrichten kann, geradegebügelt eben durch aktualistische Gewalt.

Das sei nur eine theoretische Diskussion um des Kaisers Bart? Nein. Der VdZ hat erst jüngst wieder einmal erlebt, wie einer logischen Argumentation damit begegnet wurde (und explizit diese als irrelevant abgelehnt), weil die Praxis anderes geböte. Von wem? Von Leuten, die selbst die Wirklichkeit immer gescheut hatten, weil sie in unzwingbarer Logik Forderungen aufgestellt hätte, die mangels Mut nicht erfüllt werden sollten. Also - von Kreuzverweigerern. Die mittlerweile programmatisch herumgehen und erklären, warum es eine Wirklichkeit (und Moral) auch ohne bzw. im Widerspruch zur Logik gäbe.

Aber noch auf andere Wirklichkeiten verweist E. Michael Jones. Er stellt in den Raum, daß noch nie die persönlichen Meinungen eines Papstes so eine Rolle gespielt haben wie von Johannes Paul II, über Benedict XVI. bis zum jetzigen. Die wiewohl Papst munter private Bücher um private Bücher herausgegeben haben. Seit wann veröffentlichen Päpste Bücher (und Lehrschriften mittlerweile auch schon), die nur persönliche Meinungen repräsentieren? Wer Papst ist hat zu vergessen, zumindest öffentlich, daß er eine private Meinung hat. Aus und Punkt. 

Die Glorifikation auch von Benedict XVI. Josef Ratzinger hat damit keine sachliche Fundierung. Aus und Punkt. Wer aus seinen früheren Schriften und gar seinem realen, praktischen Pontifikat seine Vorbehalte gegen ihn hatte - wie der VdZ - lag also nicht so falsch. Oft überwog halt (wie zugegebenermaßen auch beim VdZ) der Wille, endlich ein positives Pontifikat zu sehen, nach den Hungerjahren unter Johannes Paul II. Aber Grund für eine Vorseligsprechung, wie sie mittlerweile üblich ist (als narzissitisches Indiz, praktisch Folge eines sich notwendig mißverstehlichen entwickelnden Unfehlbarkeitsdogmas; mittlerweile fühlen sich ja schon die meisten Kleriker als unfehlbar) ist es nicht gerade. Trotzdem wird es an Schwammköpfen nicht fehlen, die auch für Papst Franziskus die Erhebung zur Ehre der Altäre fordern werden, da hat der noch nicht einmal seinen letzten Schnaufer gemacht. 

Vielleicht hat Franziskus deshalb erst jüngst die Kriterien für Heiligsprechungen und insbesonders die Definition des Martyriums um ein seltsames Kriterium erweitert: Das des Martyriums "um einer Überzeugung willen", und zwar im Grunde: egal welcher. Wo erstmals nicht mehr der Grund des Martyriums (um Christi willen) zählt, sondern die Tatsache der Tötung (für andere/eine Sache) reicht. Dann zählt endlich auch nicht mehr diese lästige Katholizität, haben auch Häretiker die Chance der Sanktifizierung. Immerhin hatten sie ja eine private Meinung.













*280617*

Montag, 10. August 2015

Von Frauen am Leben erhalten (3)

Teil 3) Denn Leben ist mehr als überleben - 
Frauen aber wollen nur überleben




Aber waren die Frauen Paraguays wirklich stellvertretend für die Männer? Stellvertretend, wie jeder Mensch es tut, der Stellvertreter letztlich sogar seiner selbst ist. Denn seine Rolle, seine Idee zählt für ihn in seinem eigentlichsten Personskern, der sich nur zum Menschen wirklicht, wenn er sich in diese Rolle hinein überschreitet. Aus ihr ergeben sich die Anrufe zum Handeln.

Stellvertretend waren die Frauen Paraguays möglicherweise darin, daß sie nie beansprucht hatten, effektive Macht auszuüben. Es gab keine Emanzipationsbewegung als Folge in Paraguay, wie eine vom VdZ unlängst eingesehene Studie bedauernd und verständnislos vermerkte. Sobald wieder genügend Männer da waren, übernahmen die das öffentliche Leben. Selbst die faktische Männerlosigkeit hatte den Mann faktisch nicht verdrängt - er war immer in den Frauen vorhanden, als Hinordnung, als Verweis auf das, was fehlt, aber kommt, dem sie es dann aushändigten. Aber in diesem Fall doch mit den typischen Angsthaltungen und Hemmungen des Weiblichen. Große Ideen sind in der Politik Paraguays Tabu. So haben es seither die Söhne gelernt.

Ob Lopez ein Schurke war, oder ein Heiliger - darüber gehen die Meinungen auseinander. Die Paraguayani sind sich wohl eher einig. Denn diese Episode ihrer Geschichte hat sie und ihr Selbstgefühl tief geprägt. Sie ist zu einem Heldenlied aus früheren Zeiten geworden, aus dessen heroischer Kraft, von der er erzählt, auch die Heutigen leben könnten, der Staat seine Kraft bezieht. Oder aber auch sein Trauma. Paraguay, das 1870 ein Armenhaus war, geht es heute moderat gut. Es hat relativ wenige Schulden, und die Wirtschaft prosperiert, mal mehr, mal weniger.

Es sind zwar die Frauen, die eine Idee in einem Volk leben lassen können. Kein Mann kann das. Sie geben die Mythen des Ursprungs weiter, aus denen Menschen wieder zu sich finden. Nur so kann aus einem Zusammenbruch eine Wiederauferstehung folgen. Auch wenn sie sie nicht erfinden, auch wenn sie sie empfangen, nur treuhänderisch verwalten, und nähren, in ihrem Herzen verbergen, bis Männer, ihre Söhne, sie wieder aufgreifen, weil sie sie übergeben erhalten. Denn so kann ein Volk leben, selbst wenn es fast tot war.

Aber sie können diese Idee auch verändern. Größer, groß, aber auch kleiner machen. Mutig, aber auch mutlos machen. Und so kann ein Volk auch zur bloßen, unterwürfigen, pragmatischen und prinzipienlosen Überlebenshaltung degredieren. Wer Deutschland oder Österreich ansieht, könnte daraus gewisse Schlüsse ziehen.

Und vor allem aber: Sie können keine Ordnung geben. Sie können Ordnung nur vollziehen - stellvertretend. Oder ihren Vollzug verhindern - in der Verweigerung dieser Stellvertretung. Denn wenn man die innenpolitische Verworrenheit der auf 1870 folgenden Jahrzehnte, ja nächsten drei Generationen verfolgt, so ist deren Zerfahrenheit bestenfalls die erste Zeit mit dem Einfluß der Sieger erklärbar, die die Regierung Paraguays, das völlig am Boden lag, bestimmten. 

Daß sich auch in späteren Jahren aber keine Ordnung bilden wollte, deutet wohl eher auf dasselbe Phänomen hin, das in Familien zu beobachten ist, in denen der Mann verschwindet, das Männliche von der Frau abgefalbt wird. Die Folge? Niemand hat mehr einen weil seinen Platz - Identitätslosigkeit und -unbestimmbarkeit ist die Folge, und damit keine schöpferische Handlung in der Gestaltung von Beziehungen (die nur in der Ordnung der Ideen möglich weil real sind). Denn es ist der Mann, der die Dinge beim Namen ruft. Und er ist es damit, der ihnen ihr Sollensbild, und damit den Platz in der Ordnung der Welt vorgibt. 

Ordnung und Mut zog in Paraguay erst wieder ein, als sich ein Diktator - Strössner - erhob? Ob das so war, oder ob es sich nicht um eine weitere Episode der Folge weiblichen Überlebensinstinkts handelt, wo wieder nicht der Mann, sondern der geweiblichte Wollensmann auftritt, das müßte eigens untersucht werden.





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Sonntag, 9. August 2015

Von Frauen am Leben erhalten (2)

Teil 2) Der Zusammenbruch - Die Wiederauferstehung



Auslöser war die Eroberung der Hauptstadt durch die Argentinier 1869, die Asuncion dem Erdboden gleichmachten. Damit versiegte der Geldnachschub im Land. Die Bürger hatten nämlich zwar Gold gehortet, aber es war als Zahlungsmittel für den Alltag unbrauchbar. Es fehlte nun an Geld, am kleinen, konvertiblen Geld, für den kleinen, alltäglichen Bedarf. Die Wirtschaft, die bis dahin unter Mithilfe der ausländischen Fachkräfte noch so halbwegs funktioniert hatte, brach mangels Währung völlig zusammen. Es gab keinen Handel, keine Produktion mehr, jeder versuchte nur noch, irgendwie zu überleben. Wo noch Rinder waren, wurden sie einfach an die Front getrieben, wo sie die Soldaten schlachteten.

Überall fehlte es an Arbeitskraft. Die Männer waren an der Front, und das hieß fast sicher den Tod. Die Schlachten hatten eine Verlustrate von über 50 %. Selbst Waterloo hatte den Franzosen "nur" 33 % Verluste der eingesetzten Soldaten gebracht. Doch Lopez trat nicht zurück, obwohl ihn sogar seine Mutter und seine Schwestern bedrängten, er solle dadurch den Krieg beenden - er ließ sie auspeitschen, weil sie die Moral untergruben. Dafür trieb er seine Bürger immer wieder zum Widerstand bis zum Äußersten an, und die folgten in einer regelrecht apokalyptischen Haltung. (Ähnliches ist ja schon 100 Jahre zuvor als Folge der brutal aufgelösten Jesuitenreduciones bei den Guarani-Indianer zu beobachten, die sich oft bis aufs Blut wehrten, lieber starben als ihre neue Heimat aufzugeben, oder als Sklaven zu enden.)

Kinder und viele Frauen, viele mit aufgemalten oder aufgeklebten Bärten, standen bald an der Front, die meisten Männer waren längst tot oder verkrüppelt. Die Verluste waren gigantisch, stiegen auf 70, 80 % bei manchen Schlachten, die nicht mehr wie jene der Triple-Allianz ersetzt werden konnten.

Ein immer verzweifelterer Patiotismus loderte im Volk, dessen emotionale Homogenität nur ncoh mit der der Japaner auf Okinawa zu vergleichen sein dürfte. Selbst wenn der Präsident sich immer schärfer, bald fast paranoid, gegen jedes Anzeichen von Opposition wandte, reicht das nicht, um diesen Opfer- und Durchhaltewillen eines ganzen Landes über sechs Jahre hin zu erklären.

Angesichts des fanatischen Widerstands an strategisch wichtigen Orten mieden die Alliierten zunehmend direkte Konfrontationen, und wichen auf eine Umgehungsstrategie aus. In der sie alles vernichteten, was ihnen begegnete, um dem Land den Boden unter den Füßen wegzuziehen. So, wie es die Nordstaaten in den Südstaaten Nordamerikas bis 1865 gemacht hatten. Bis eine Umfassung der paraguayanischen Hauptstreitmacht gelang, und diese im Dezember 1868 nahezu aufgerieben wurde.

Für die Feinde, die immer weiter ins Land eindrangen, war jeder dort Feind. Totale Verwüstung war die Taktik der Schwächung gewesen, und war nun sogar begründbar. Morde, Massaker, Vergewaltigungen ... es wurde alles vernichtet, um den Widerstand des Volkes zu brechen. Kurioserweise gilt heute dieser Krieg als Schlüsselmoment für die Bildung eines jeweiligen Nationalbewußtseins in ganz Südamerika.

Doch wieder gelang es Lopez, eine Armee aufzustellen. Und im Mai 1869 verfügte er bereits wieder über 12.000 "Mann" und 18 Geschütze, die 32.000 Gegner erneut herausforderten. Und teilweise wieder Orte zurückerobern konnte, unter enormen Verlusten auf beiden Seiten. Längst waren auch die Alliierten grimmig entschlossen und fanatisiert, und wüteten gegen alles und jeden mit brutalsten Mitteln. Selbst Massaker an Frauen und Kindern waren längst üblich.  Bis in einer letzten großen Schlacht die Paraguyanische Armee fast aufgerieben wurden.

Doch Lopez gab immer noch nicht auf. Bis er mit seinen letzten 400 halb verhungerten, verwundeten, viel zu jungen oder viel zu alten Soldaten gestellt wurde, und durch einen Herzschuß fiel (und 200 der letzten Treuen mit ihm), war das Land eine einzige Wüste. Und gab auf. Es war wehrlos, und wurde bald um 50 % seines Territoriums verkleinert. Relativ übereinstimmend schätzt man die Zahl der überlebenden Paraguayani auf 150-250.000, alles fast nur Frauen.

Denn es gab so gut wie keine Männer mehr, und die, die es gab, waren entweder Greise, oder Kinder. Frauen zu Männern standen in einem Zahlenverhältnis von 8 : 1. Alles lag in den Händen der Frauen, es gab nur noch Frauen. Und tatsächlich - diese bauten das Land wieder auf, das sich allmählich wieder erholte, und in einer Art Neuauflage dieses Krieges, diesmal gegen Bolivien, das schon seinerzeit Chaco-Gebiete beansprucht hatte, in den Jahren 1935-38, erhielt es manche der 1870 verlorenen Gebiete sogar wieder zurück. Obwohl sein gesellschaftliches Klima als vom Trauma des Krieges gegen die Triple-Allianz gezeichnet gilt.

Die Frauen Paraguays hatten aber dennoch die Idee des Staates, die Idee des Lebens aufrechterhalten. So, wie es in der gesamten Menschheitsgeschichte auch war (denn der Bachofen'sche Mythos vom ursprünglichen Matriarchat ist eine "schöne Mär"; die Umstände waren - wenn es historisch zum Matriarchat kam - viel komplexer.)



Morgen Teil 3) Denn Leben ist mehr als überleben - 
Frauen aber wollen nur überleben



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Samstag, 8. August 2015

Von Frauen am Leben erhalten (1)

Die Einwohner von Paraguay gelten heute als die glücklichsten Bewohner Südamerikas. Immer wieder bestätigen Erhebungen, daß kein Volk des Subkontinents sich so rundum zufrieden fühlt. Und kein Volk hält die Rolle des Pazifismus so hoch. Warum ist das so? Diese Haltung erwuchs als Folge eines der schrecklichsten Kriege der Weltgeschichte, dem Krieg Paraguays gegen die Triple-Allianz aus Argentinien - Brasilien - Uruguay 1864-1870. Denn dieser Krieg hatte nicht nur das Land total verwüstet, sondern 3/4 der Bevölkerung das Leben gekostet. Das sind in absoluten Zahlen, je nach Schätzung der Gesamtbevölkerung vor 1864, zwischen 350.000 und 800.000 Menschen.

Dabei hatte sich alles so gut entwickelt, nach der Unabhängigkeit von Spanien im Jahre 1811. Unter dem Diktator Lopez hatte das Land in den 1840er Jahren aufzublühen begonnen. Der in Europa ausgebildete Sohn eines Großgrundbesitzers sprach Englisch, Französisch und Spanisch, und hatte unter europäischem Geist begonnen, das Land auf neue Füße zu stellen - weg von der dominierenden Landwirtschaft, hin zu Industrie und modernem Leben. Viele ausländische Fachkräfte kamen ins Land, und mit diesem Know-How blühte es auf. Es war ausgezeichnet organisiert, und galt bald als führender Staat in Südamerika. Mit einer modern ausgerüsteten, starken Armee. Dabei baute es seinen Erfolg keineswegs aus den Einwanderern auf, die die Nachbarstaaten, die von Europa aus mit Zuwanderern überschwemmt wurdenn. Nur wenige fanden den Weg nach Paraguay. Doch fehlte Lopez ein Baustein zum Glück: Das Land hatte keinen direkten Anschluß ans Meer. Damit war es in seiner Entfaltung verwundbar. 

Und so versuchte Lopez ein Interventionsansuchen Urugays in Streitigkeiten mit Argentinien und Brasilien für mehr zu nutzen, als es gedacht war. Er schielte nach Meereszugang, und scheute auch nicht zurück, Gebiete im südlichen Brasilien - das um ein Vielfaches größer, aber auch ärmer war als Paraguay - zu reklamieren. Als er von Argentinien Durchmarschrechte zum militärischen Beistand in Uruguay verlangte, kam es zum Eklat. Längst hatte ja auch Uruguay begriffen, daß der Beistand der Paraguayani nicht ganz folgenlos bleiben würde. Und so verbündeten sich die Staaten Brasilien, Uruguay und Argentinien gegen den neuen gemeinsamen Feind. 1864 brach der Krieg aus, Paraguay erklärte ihn als Folge der Machtdemonstration der Argentinier auf dem Rio Parana, dem einzigen indirekten Zugang zum Meer für das Binnenland. 

Und es schien zuerst nicht die schlechtesten Karten zu haben. Trotz der riesigen Länder der Feinde, waren die Streitkräfte Lopez' mit fast 35.000 Mann unter Waffen zahlenmäßig kaum schwächer, und materiell sogar besser aufgestellt als die ersten Feindkontingente. Aber nun begann sich auch hier, wie im Sezessionskrieg in Nordamerika zur selben Zeit, das Gesetz des Krieges des 20. Jhds. durchzusetzen: In die Kriegsführung zog überall (seit Napoleon auf jeden Fall) das Gesetz der Erschöpfung als Kriegsfaktor einzuziehen. Kriegsziel war nicht mehr der kontrollierte Kabinettskrieg, wo man in einer begrenzten Schlacht einen Sieg zu erringen suchte, und der Krieg beendet war, sobald der Feind sich selbst als besiegt ansah. Nun warfen die Länder alles in die Schlacht, was sie überhaupt ausmachte - Menschen, Wirtschaft, Seele, alles.

Der totale Krieg, die enorme Loyalität der Bewohner mit Lopez, war spätestens ab dem Moment gegeben und brauchte kaum diktatorische Maßnahmen, wo die überzogenen Forderungen der Triple-Allianz bei versuchten Friedensverhandlungen den Paraguayani klar machten, daß es eine Friedenslösung nicht geben würde. Sieg - oder totale Niederlage, darum ging es, und es machte auch jede Opposition gegen Lopez sinnlos. Es lief aber auf einen Abnützungskrieg hinaus, denn durch Schlachten war der Krieg für Paraguay nicht mehr zu gewinnen. Paraguay gingen die Menschen aus.

Lopez mußte schon alleine aus der Mengenbilanz den Kürzeren ziehen. Nicht gleich, nicht am Anfang, aber nach und nach, und immer schneller. Schlachten verliefen gemäß dem ausgeprägten Ehrencodex der meist spanischstämmigen bzw. mestizen Bevölkerung ungemein blutig und verlustreich. Während die Triple-Allianz diese Verluste aber immer wieder ausgleichen konnte, fiel es dem eingeschlossenen Paraguay mit seiner begrenzten und sowieso kleinen Bevölkerung immer schwerer. Bald wurden die Einberufungsalter ausgedehnt, schließlich kamen die Alten dran, noch 70jährige wurden zu Obristen berufen, dann die 13-16jährigen eingezogen, und bald wurden ganze Einheiten aus 10-11jährigen Buben aufgestellt. Schließlich kamen sogar Frauen zum Einsatz, oft, wie berichtet, an der Seite ihrer minderjährigen Söhne.

Transportmittel waren Mangelware. Siebenjährige mußten Ochsenkarren fahren. Invalide, Zwangsarbeiter aus Gefangenen rekrutiert, Beamte und Lehrer wurden in die Rüstungsbetriebe geschickt.

Das Land selbst war ursprünglich durch die straffe Organisation relativ leicht auf Kriegswirtschaft umzustellen gewesen. Die Landwirtschaft war ohnehin weitgehend in autarken Betrieben organisiert und damit lange Zeit noch recht funktionsfähig. Größere Produktionsbetriebe, vor allem die der Stahlindustrie, waren ohnehin meist in staatlicher Hand. Wenn auch alles von Mängeln bestimmt war. Denn auch hier gingen bald die Rohstoffe zur Neige, und waren nur teilweise so zu substituieren, wie die fehlende Baumwolle für Uniformen, die durch die Fasern einer Urwaldpflanze ersetzt wurden. Trotzdem gaben die Soldaten bald ein Jammerbild der Abgerissenheit ab, und die meisten trugen nur noch Ponchos.

Aber weit schlimmer wirkte sich der Mangel an Salz aus, das zuvor nur importiert werden konnte, in der Hitze Südamerikas ein großes Problem. Und der Kriegsbedarf mit seiner Nachfrage brachte viele Landwirte dazu, eher Baumwolle anzubauen, als Tabak oder Obst. Mangelernährung und Krankheiten begannen sich auszubreiten. Fehlende Medikamente mußten durch Kräuter und Heilpflanzen ersetzt werden. Cholera brach verschiedentlich aus. Trotzdem hatte Paraguay 1868 noch immer 18.000 Kämpfende unter Waffen, mit 70 Geschützen, die 30.000 Alliierten mit 200 Geschützen gegenüberstanden.

Mit der Dauer des Krieges war aber längst schon die Finanzierung für Paraguay zum Problem worden. Mit Kriegsbeginn war ohnehin auf fast reine Papierwährung umgestellt worden. Trotzdem war es lange Zeit gelungen, die Inflation auf "bescheidene" 150 % zu limitieren. Was bei den enormen Kosten des Krieges, bei gleichzeitigem Steuerausfall durch den zurückgegangenen Handel, erstaunlich ist. Vieles konnte in diesem längst als nationaler Überlebenskampf begriffenen Krieg sogar noch durch Juwelen-, Schmuck- und Goldspenden der Frauen (wie im alten Rom mehrmals, übrigens) ausgeglichen werden. Aber auch diese Quelle versiegte einmal. Bis 1869 etwas Interesssantes passierte: Es ging das Geld aus, obwohl es noch Gold gab. 




Morgen Teil 2) Der Zusammenbruch - Die Wiederauferstehung





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Donnerstag, 27. Februar 2014

Leistung sucht sich Währung

Was aber macht nun eine Bevölkerung, wenn die Landeswährung gecrasht ist, oder kurz davor steht, sodaß was man abends eingenommen hat, am nächsten Morgen nur noch einen Beruchteil wert sein könnte? Sie sucht sich andere Leistungsparitäten - sie sucht sich eine andere Währung als Tauschmedium.

Argentinien, das mitten im nächsten Zusammenbruch nach 2000 steht, zeigt es vor. Die Welt berichtet in einem Sittenbild. Wenn aber eine Regierung meint, sie könne die Bildung von Parallelwährungen in den Griff bekommen, so hat sie sich geschnitten. Das schaffte nicht einmal die DDR. Die Leistungs- und Wertparitäten suchen sich Wege. Da nützt keine staatliche Preisregulierung und kein offizieller Mindestlohn. Regelt der Staat die Wechselkurse, sucht sich die Flucht in Parallelwährungen- im Falle Argentinien: in den Dollar*, leicht zugängig durch den Außenhandel - andere Wege. 

Wittfogel zeigt in "Die orientalische Despotie", daß es für einen Staat nur bis zu einer gewissen quantitativen Grenze sinnvoll ist, seine Bevölkerung zu überwachen und zu steuern. Alles darüber hinaus verursacht nicht nur mehr Kosten als es Nutzen stiftet, sondern entzieht dem Staatsapparat progressiv steigend Kräfte, die invertiert werden, sodaß er zunehmend anderen Aufgaben, Kernaufgaben, nicht mehr nachgehen kann, der Apparat sich selbst aufzufressen beginnt.

Also muß man auch in Argentinien mehr oder weniger dulden, daß sich das Wirtschaftsleben mehr und mehr in den schwarz, aber realistisch gehandelten "blue Dollar" verlegt. Bis auch die offizielle Währungspolitik dem Druck der Wirklichkeit nachgeben muß, und es nur noch einen Dollarkurs gibt. Aber ein Land braucht Geld, das in seiner Menge dem entspricht, was an Leistungen entstanden ist, und damit Tauschware wird. Und vor allem: Das Leistungsverhältnisse stabil auszudrücken vermag, und leicht handhabbar ist.



*Nach wie vor "Weltreservewährung Nummer 1",  und darin für die USA freilich ein Schuldenvolumen, das gigantisch ist.




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Dienstag, 18. Februar 2014

Folgen von Kurzschlüssen (2)

Teil 2) Wenn das Kapital wieder auf Reisen geht




Nun werden diese Kapitalien wieder abgezogen. Weil sich in den entsprechenden Volkswirtschaften die unausbleiblichen Anzeichen einer Abnüchterung zeigten. Argentinien, das seine Krise von 2000 mit genau diesen Mitteln bekämpfen wollte, mit denen Europa hantiert, zeigt als Vorreiter bereits, was dann passiert. Das Land steht vor seinem nächsten Kollaps. Einer bloßen, aber unausweichlichen Folge. Vielleicht sogar die gesamte Wirtschaft des südamerikanischen Kontinents ist in ihrer nominellen Performance ihrer wahren, inneren, "sittlichen" Leistungsfähigkeit deutlich voraus, muß also über kurz oder lang kollabieren. Ein später Fluch der Verbindung mit dem Abendland, übrigens, denn die Nominalwirtschaft orientiert sich (und das in allen Schwellenländern, um die es hier geht) an der inneren Leistungshöhe der Europäer, hat sich wie eine luftdichte Decke über die Menschen des Kontinents geworfen. Noch drastischer formuliert: Die meisten Schwellenländer haben eine Wirtschaft hochgezogen, die nicht aus ihr selbst generiert wurde und ein fremdes Gesetz aufzwingt, das von der gesamten sittlich-sozialen Struktur des Volkes nicht erfüllt werden kann. (Wenn man von hoher Korruption gerade in vielen Ländern spricht, so hat sie genau hierin ihre tiefen Wurzeln.)***

Graphik: Die Welt
Die rechts angefügte Graphik aus Die Welt belegt das, wenn sie alleine natürlich nicht ausreicht: Dem Aufblasen von Volkswirtschaften folgt regelmäßig ihre Abnüchterung, der bisher genauso regelmäßig neue Geldzufuhr folgte, mit denselben Effekten.²

Das heißt: Das Geld sucht auch dort seinen wahren inneren Wert, und der ist auf das Realleistungsvermögen einer Volkswirtschaft ausgerichtet. Die Währung - im Außenverhältnis zumal - muß angesichts einer drohenden oder bereits realisierten Inflation abgewertet werden, denn Geld ist immer nur ein Leistungsversprechen zweier Leistungsträger. Übersteigt die nominelle, mathematische Leistung einer Volkswirtschaft ihre reale Potenz, muß es mittel- und langfristig zu einer Entwertung (oder Reduktion) dieser Nominalleistung kommen. Derselbe Irrtum übrigens, der dem Sozialstaatsdenken eigen ist.****

Die Türkei liefert ein gutes Beispiel dafür: Der Verfasser hat sich vor Jahren sehr persönliche Kritik anhören müssen, weil er angeblich die Wirtschaftsdaten der Türkei, die so hohe Performance anzeigten, nicht zu kennen schien. Oh doch, er kannte sie, aber er interpretierte sie auf eine viel fundamentalere Weise.***** Denn zwar hat der Staat einen niedrigeren Verschuldungsgrad als die meisten europäischen Länder, und sein staatliches Sozialnetz ist mit dem Europas nicht annähernd vergleichbar, aber dafür ist der Verschuldungsgrad der Privaten und Unternehmer sehr hoch. Das war in Irland oder Spanien nicht viel anders. Die Individualleistung war aber auch damit nominell überbewertet, der volkswirtschaftliche Effekt derselbe. Nun suchen diese Gelder einen Ausweg, der ihre ursprünglichen Absichten noch erfüllen soll - sie wollen sich zurückziehen, flüchten, ehe es zu einer Verwurzelung ins Geflecht der Volkswirtschaft kommt, ehe der Abnüchterungsprozeß einsetzt. 

Der Kapitalabfluß aus der Türkei ist derzeit enorm, wie zu lesen ist. Weshalb der Staat mit Erhöhung der Zinsen reagiert. Was im Grunde nichts anderes ist als der Versuch eben solcher Abnüchterung zu verhindern, indem er weiteres Kapital anlocken möchte. Womit nicht mehr erreicht werden wird als daß sich die KapitalSTRUKTUR der Türkei verschieben wird, noch mehr nämlich zum Geld hin. Was alles nichts daran ändern wird, daß zumindest langfristig der Türkei ein enormer volkswirtschaftlicher Korrekturbedarf ins Haus steht. Was der Verfasser dieser Zeilen schon seit vielen Jahren auch behauptet, und sich nun erstmals abzeichnet. Nur durch immer stärkere Abhebung des Geldmarktes von der Realwirtschaft - wir nennen bereits die Abstrakta, der Raum wäre zu klein, um alles konkret auszuführen - kann dieser Prozeß scheinbar überwunden, in Wahrheit nur verlängert werden, mit einem umso größeren Korrekturbedarf, der aber in die Zukunft verschoben wird.




***Hier also zu meinen, man könnte mit Umverteilung, nach "brüderlicher Teilhabe am Wohlstand der Industrieländer", usw. usf., etwas verändern zeigt nur eine wahrhaft erschreckende Ahnungslosigkeit "sozial bewegter" und sehr schlichter Gemüter. Kulturaufbau, und nur um den kann es überhaupt gehen, gerade katholisch bewegten Geistern, passiert niemals durch geschenkte, generelle (nominelle) Wohlstandserhöhung.

****Wovon deutlich die sogenannte "soziale Marktwirtschaft" in ihrem ursprünglichen Sinn ausgenommen werden muß! Aber wer etwa heute die Schriften deren "Erfinder" liest (für Deutschland maßgebend etwa Ludwig Erhard) hat den Eindruck, es hier mit Turbokapitalismen zu tun zu haben, verglichen mit den krankhaften Auswüchsen heute, die einer Perversion dieser alten Idee gleichkommen. Die soziale Marktwirtschaft nimmt den Organismen nicht ihr Eigenleben, sondern baut zum Gegenteil darauf auf, daß sie ihre Gesundheit bewahren, wozu auch da und dort Heilungsanstöße gegeben oder Krankheiten, Harmoniestörungen dieses Eigenlebens eines Organismus vermieden werden müssen. Aber sie baut immer auf dem Grundsatz der Äquivalenz von Wirtschaftsleistung und Eigenkraft einer Bevölkerung auf, und nur um die kann es einer Politik gehen.

*****Aus vielfacher eigener Erfahrung kann sogar ein Gesetz formuliert werden: Daß eine bestimmte Höhe des Aktivitätsniveaus eines Organismus keineswegs seine sich vollendende Gesundheit und Prosperität anzeigt, sondern im Gegenteil zeigt sich darin das dräuende Ende, das nur noch durch immer weitere Erhöhung der aktuellen Aktivität vermieden werden kann. Klartext: Ein Betrieb, der scheinbar extrem wächst, und alles auf Wachstum setzt, hat (wahrscheinlich IMMER) mangels wahrer Rentabilität keine andere Wahl mehr. Vorsicht also vor besonders expansiven, SCHNELL wachsenden Unternehmen - Vorsicht vor besonders schnell wachsenden Volkswirtschaften!






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Montag, 17. Februar 2014

Folgen von Kurzschlüssen (1)

Nun passiert also genau das, was schon vor Jahren (auch an dieser Stelle) vorhergesagt war, und es ist ein "leichter Sieg" der Prognose, denn er hat eine Zwangsläufigkeit: Die Währungen der Schwellenländer, auf denen die Performance der Weltwirtschaft in den letzten Jahren ausruhte, werden teils massiv abgewertet.

Bildquelle: Die Welt
Was war dabei logisch? Auf der Flucht vor den geplatzten Spekulationsblasen der Industrieländer haben sich die Kapitalien der Welt (davon zwei Drittel direkt oder indirekt staatlich) auf Länder konzentriert, die noch Entwicklungspotential hatten - Entwicklungsländer (v. a. Rohstoffe) und (meist bevölkerungsreiche) Schwellenländer wie die Türkei, Brasilien, Indonesien, Rußland, Argentinien, Chile, Indien, um China (trotz Sonderbedingungen dieser halbstaatlich-dirigierten "freien" Situation) nicht zu vergessen.

Rein technisch gesehen bewirken aber zugeflossene Kapitalien dasselbe wie Verschuldung, ja SIND Verschuldung, nur mit anderer Risikokomponente. Rein technisch gesehen werden durch zufließende Kapitalien, ob als Investition oder als Kredit, ja sogar als Geschenk, dieselben Wirkungen ausgelöst. Nachfrage wird über den einem volkswirtschaftlichen Organismus eigenen Takt hinaus erhöht, was kurz- und mittelfristig tatsächlich "belebende" Effekte hat. Wer in Kuala Lumpur eine Fabrik baut, erhöht dort kurzfristig die Bautätigkeit, das Liefervolumen für Ziegel, die zu leistenden Arbeitsstunden, usw. usf. Aber dann tritt etwas Seltsames ein. Der Verfasser dieser Zeilen nennt es "Abnüchterung". Es erfolgt ein Anpassungsprozeß der lokalen Wirtschaft an diese zusätzlichen Nachfragesteller, das Kapital (aus dem Ausland). 

Weil das in überwiegendem Ausmaß europäisches Geld war (sogar dadurch, daß die USA weit mehr Kapital im eigenen Land anlegten, wie das nominelle Ansteigen der Industrieproduktion dort zeigt), zeigt sich dieser Abwertungsprozeß also vorerst in einer Veränderung dem Euro gegenüber.

Denn der volkswirtschaftliche Effekt eines produzierenden Betriebes etwa wird weitgehend überschätzt bzw. falsch eingeschätzt. Keineswegs erhöht sich die Produktivität einer Volkswirtschaft, sondern sie schichtet sich nur um. Der einzige wirkliche und nachhaltige Faktor, der eine Volkswirtschaft vergrößert, ist nämlich ausschließlich menschliche und höchst individuelle Leistung, und das hat mit Sittlichkeit, und damit mit Wirklichkeitsrezeption und Persönlichkeit zu tun. 

Die Kapitaleffekte bewirken das aber nicht. Die finanzmathematische Berechnung von Investitionen hinkt also um einen gewaltigen Faktor, und liefert im Ganzen gesehen höchstens Hilfsdaten, aber nicht die entscheidenden Daten. Im Gegenteil, weil zufließende Kapitalien Blüte vortäuschen (und zwar nur über Geldwirkungen, also über technische Performance) bewirken sie ein Abschlaffen der einem Organismus eigenen Kräfte. Das Fremdkapital wird zum Dauerbedarf, ja durch dieses Abschlaffen wird ständig höherer Kapitalzufluß notwendig, unbesehen der Fehleinschätzung des aktiven Werts von Investitionen (die nämlich nie "dauernde" Werte schaffen, sondern wie jede Maschine einen Zusatzbedarf nach Zuwendung, nach Energiezufuhr bewirken, um erhalten zu werden. Jede Maschine braucht mehr Energie, als sie ausstößt! Das ist ein logisches Ergebnis aus dem Energieerhaltungssatz, weil jede Maschine Reibungsverluste hat. Georg Friedrich Jünger zeigt das so gedanklich klar in seiner großartigen Untersuchung über die Maschine.

Graphik: Die Welt
Aber darauf ist eine Investition nicht ausgerichtet. Sie will "kassieren", und das sogar mit gewissem Recht (der Verfasser beklagt also nicht die Zinswirtschaft an sich, und beteiligt sich auch nicht den dummen Kurzschluß der  "Zinseszinsklage"). Aber eine Investition, eine Fabrik, eine Maschine(rie) funktioniert NIE als reine Geldmaschinerie. Sie ist aus ihrem Wesen heraus ein Ding, mit dem der Mensch lebt, und das seine Kapazitäten im Gleichschritt mit menschlichem Leistungsvermögen entfaltet, aber NICHT das liefert, was der Verfasser als einen der großen Irrtümer der Volkswirtschaftslehren (Ludwig von Mises als Beispiel ausgenommen, aus dessen Schriften der Verfasser dieser Zeilen durchwegs Stützung seiner Thesen herausliest) sieht, und was man als "Effizienz" bezeichnet. Diesen Faktor gibt es nicht. Nicht in der Form, wie er sich mathematisch zwar ergibt, aber seltsamerweise nie so in der Realität eintrifft, betrachtet man eine Investition etwa über einen sehr engen Rahmen hinaus.* Klartext: Wer investiert, kann dies immer nur tun, wenn er sich selbst damit wirklicht. Die Fabrik selbst betreibt, in ein sozial entsprechend mitgewachsenes Umfeld eingebettet ist, das sich in jede Stufe anschmiegt, gewissermaßen, also im selben oder annähernd selben Persönlichkeitsgrad steht, wie der Investor, dessen Maschine (Fabrik usw.) ja Ausdruck seiner Persönlichkeit ist. Darüber werden wir hier gewiß noch mehr erzählen.**

Lange Rede, kurzer Sinn:  Eine Volkswirtschaft verträgt nur so viel an Investitionskapital und Investitionen, als sie aus ureigener Leistung der sie tragenden Menschen und Sozialgefüge heraus generieren kann oder will. Geld kann nie mehr als ein Äquivalent menschlicher Leistung sein, sein Nominalwert ist defacto gleichgültig, tatsächlich eine abstrakte mathematische Größe.

Zurück zum aktuellen Thema ...


Morgen Teil 2) Wenn das Kapital wieder auf Reisen geht




²Natürlich werden andere mit anderen Thesen daherkommen, die genau erklären, warum welche Entwicklungen stattfanden. Aber der Verfasser behauptet, daß sie sich sämtlich auf rein technische, sekundäre Vorgänge beziehen. Ihm ist kaum eine fundamentale Aufarbeitung der Kreisläufte bekannt, die sich auf primäre Ursachen bezieht. Die meisten Volkswirtschaftler oder gar Betriebswirtschaftler erklären nicht mehr als "technische Ablauffunktionen." Das ist einer der Gründe, warum Wirtschaftsprognosen, wie sich in den letzten Jahren gezeigt hat, oft so dramatisch und bis zur Sinnlosigkeit falsch waren. Aus dem Vielfältigen heraus läßt sich etwas nie erklären. Es liefert nur Hinweise und Belege für viel grundsätzlichere Zusammenhänge. Ein Wirtschaftsexperte, der nicht von der Anthropologie ausgeht, kann nie mehr als herausgegriffene Ablaufszenarien kennen. Weshalb bei allen großen Wirtschaftstheorien der Vergangenheit IMMER eine ausgeprägte Anthropologie am Anfang steht und stand. Das ist es, was die viel zu wenig rezipierte, noch weniger aber verstandene (USA ...), Österreichische Schule der Volkswirtschaft so einzigartig macht - sie geht nämlich von einer sehr wahren Anthropologie aus, ist alles andere als bloße Theorie von Abläufen. Und das ist es, warum sämtliche (anderen) Großthesen heute versagen.

*Beispiel aus dem Buch von Jünger: Zwar erhöht bessere Technik die Performance eines hochstufigen Produkts wie des Computers, gleichzeitig wird aber die Gesamtmenge an zu leistender Arbeit in den untersten Stufen gleichfalls erhöht, nur in einer globalisierten Situation verschleiert. Globalisierung funktioniert also überhaupt NUR, wenn sie auf Ungleichheiten abzielt, sie ist in der heutigen Form also ein Widerspruch, wenn nicht eine zynische Heuchelei in sich, weil sie gar nie - in der heutigen Form - funktionieren kann.

**Etwa das nach Wissenstand des Verfassers noch nie eingehender untersuchte Kapitel der amerikanischen Volkswirtschaft im 20. Jhd., deren Performance nämlich auf dem Zufluß von Fremdkapital (vorwiegend aus England) im 19. Jhd. beruhte, das vor allem nach dem 1. Weltkrieg volkswirtschaftlich gesehen enteignet wurde. Die Charakteristik der heutigen US-Volkswirtschaft weist in den Augen des Verfassers alle Anzeichen solcher Überlagerungs-Überhitzung auf, was die Richtigkeit seiner Thesen untermauert. Was als amerikanische Wirtschaftspolitik bezeichnet wird, ist deshalb als Versuch zu deuten, diese Abnüchterungsprozesse zu vermeiden oder wenigstens hinauszuzögern.

Wenn heute der britische Historiker Neil Ferguson mit der These aufregt, daß England 1914 mit seinem Kriegseintritt einen schweren Fehler gemacht habe, so kann man ihm - zumindest aus rein "historisch-technischer Sicht" - nur zustimmen. Modris Eksteins zeigt in seinem leider so wenig bekannten "Rites of spring" (so viele aktuelle Publikationen, etwa "The Sleepwalkers" von Clark, oder "Der taumelnde Kontinent" von Bloom, wirken als wären sie daraus abgeschrieben; in der Meinung, daß Eksteins ohnehin zu wenig bekannt oder längst vergessen sei), wie sehr England diesen Krieg aus einem Idealismus heraus führte, in dem es scheinbar um die Verteidigung einer Kultur ging, die in England selbst gar nicht gefährdet war - aber nachher erst recht zusammenbrach. Indem es das Commonwealth, noch mehr aber die globale Stellung Europas verspielte, die Weltordnung auflöste und ins Chaos stieß, und die Rolle der USA als neue, dabei kulturell überforderte Weltmacht regelrecht präformierte.






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Dienstag, 28. Mai 2013

Das Heilige Experiment (4)

 Teil 4) Das Ende des Experiments ist das Ende der Jesuiten. Fast.




Das Ende des Heiligen Experiments kam aber nicht nur durch Intrigen am spanischen Hof, durch staatliche Behörden, irrationalem Neid und die Gier weißer Siedler, sondern vor allem seitens der Kirche selbst. Dabei hatte der Borbone auf Spaniens Thron, Philipp V., 1743 nach eingehender Prüfung durch Ministerialen vor Ort und in Spanien die Reduktionen - die u. a. all die Legenden und Verleumdungen über die Profitgier der Jesuiten entkräfteten, darunter die von einem sagenhaften Goldschatz der Jesuiten in Paraguay" - vermeintlich ein- für allemal bestätigt. 

Doch da kam es im Vertrag von Madrid 1750 in Abtauschgeschäften zu neuen Grenzziehungen zwischen Portugal und Spanien in Südamerika, getragen bereits von tiefem Haß auf die Jesuiten, die auch das Jesuiten-Gebiet auseinanderreißen, dabei die blühendsten Reducciones an Portugal abtreten sollten. Erstmals kam es zu einem Versagen der Autorität der Jesuiten, die Guaranis folgten ihnen nicht mehr, sondern ein Selbstverteidigungsreflex machte sich breit. Und sie weigerten sich nicht nur, die Siedlungen zu verlassen, sondern erhoben sich gegen die Portugiesen.

Da bildete sich eine seltsame Allianz der Todfeinde - Spanien half Portugal, den Aufstand 1754 und 1756, wo er in Schlachten kulminiert war, brutal niederzuwerfen. Als die Portugiesen nach dem Ende des Gemetzels bemerkten, daß sich in den Reduktionen keineswegs die kolportierten Goldschätze häuften, wollten sie das Tauschgeschäft mit Spanien sofort rückgängig machen, was Spanien verweigerte, woraufhin Krieg ausbrach. An diesem wurden ... die Jesuiten für schuldig erklärt, selbst vom spanischen Jesuitengeneral. Plötzlich waren sie also Rebellen.

Was war passiert? In einer Art Massenpsychose waren die Jesuiten europaweit durch gezielte Verleumdungspropaganda zu wahren kollektiven Haßobjekten geworden. Das ging so weit, daß sich selbst der Papst dazu hinreißen ließ, die Vernichtung der Jesuiten zum Gebot der Stunde zu machen. 1764 wurden die Jesuiten aus Frankreich vertrieben, dasselbe für Spanien konnte gerade noch abgewendet werden. Da wurde 1766 ein Attentat auf Karl III. verübt, das man wieder nachweislich falsch den Jesuiten in die Schuhe schob. 1767 wurden alle Jesuiten Spaniens ausgewiesen, 2617 Missionare im gesamten überseeischen Reich, von Südamerika bis zu den Philippinen, verhaftet. Die Padres der Reduktionen wurden in Buenos Aires in den Kerker geworfen, und 1768 nach Spanien verfrachtet.

Weil aber der Kirchenstaat (!) sich weigerte, sie aufzunehmen, kreuzten sie monatelang bleibelos auf dem Mittelmeer, bis ihnen Korsika Zuflucht gewährte. 1773 hob Papst Klemens XIV. die Societas Jesu weltweit auf. Wäre nicht in Rußland und Preußen aus naheliegenden Gründen jeder päpstlicher Ukas ignoriert worden, gäbe es sie heute gar nicht mehr. Denn aus diesen Ländern heraus haben sich die Jesuiten später wieder restrukturiert. Mit ihrem Verschwinden aus Amerika aber zerfiel auch Spaniens Weltreich, und mit ihrer versuchten Auslöschung schwand die Liebe aus der Mission. Es blieben nur noch auszubeutende Kolonien, deren Besitzer das Heilige Experiment immer ein schmerzhafter Gewissensdorn gewesen war.

Die Guaranis waren verzweifelt, als die Jesuiten verhaftet wurden. Die Reducciones, soweit sie nicht ohnehin bereits verwüstet waren, verfielen schnell, und die Indios wurden versklavt. Damit schritt der wirtschaftliche, sittliche und biologische Niedergang unaufhaltsam voran. Es kam noch da und dort zu kleineren Revolten, aber ohne Erfolg. Teils flüchteten sie in die Wälder, oder verkamen in den Städten. Aber sie versanken insgesamt in jene Apathie, die Vorstufe und -bedingung zum Aussterben ist.

Als Steyler Missionare 1910 in diesen Gebieten wieder beginnen wollten, das Christentum zu verkünden, waren sie erschüttert: Sie sahen sich in der Stunde Null. Sie fanden nur noch leere Ruinen.






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Montag, 27. Mai 2013

Das Heilige Experiment (3)

 Teil 3) Ein Muster wirklicher Entwicklungshilfe, 
das aber an menschlicher Schwäche scheitert




Das ganze Leben in den Reducciones kreiste aber um Religion. Die Indios besuchten gerne und täglich die Messe, und kein Tag klang ohne Abendandacht aus. Ihr ganzes soziales Leben wurde umgemodelt: die Vielweiberei erlosch, die völlige Vernachlässigung der Kinder - von Familien konnte man gar nicht sprechen - wich einer Erziehung, und nach und nach wurden Ehen üblich, auf freier Partnerwahl. Mit einer Konzession an früher: es war die Frau, die wählte. Aber es erwies sich auch hier, daß die Polygamie eine Degeneration der Geschlechtsgemeinschaft in die beliebige Formlosigkeit ist, nicht eine "freiere Vorstufe".

Die Jesuiten wußten, daß es sinnlos war, einem Nomadenvolk eine "Demokratie" bzw. eine hochentwickelte Staatsform überzustülpen wie einen Konfektionsanzug. Die Guarani waren einfach maßlos faul und träge, wie es von den meisten (wilden) Indianerstämmen bekannt war, und wollten nur tun, was ihnen gerade Spaß machte. 

Die Menschen mußten erst höhergeführt werden, und das gelang: Binnen 80 Jahren wurde aus einer primitiven Kazinkenherrschaft (der alten Dorfhöchsten) und Hordensoziologie eine Selbstverwaltung nach spanischem Muster, die selbstverständlich auch Tribute und Steuern zahlten, ja in Kriegen (wie mit Portugal) sogar besonders zuverlässige und tapfere und freiwillige Truppenkontingente stellten, in denen sie von Laien aus ihren eigenen Reihen geführt wurden und keinen Sold verlangten.

Und obwohl die Guaranis das Privileg des Waffenbesitzes hatten, kam es nie es auch nur zur geringsten Insubordination. 7-12.000 Guaranis kämpften so in über 50 Auseinandersetzungen für die spanische Krone, bei einem Einwohnerstand, der sich von insgesamt rund 28.000 innerhalb der Reducciones auf bald 100.000, ja mit einem Höchststand von 130.000 sogar, entwickelte.  Übrigens mit interessanten Schwankungen, auch durch eingeschleppte Krankheiten.

Sie blieben damit übrigens auch der einzige Indianerstamm ganz Amerikas, der sich - bei erheblichen Schwankungen - über die Zeit damals vermehrte, nicht verminderte oder verschwand. BIS zur Auflösung der Reducciones 1768. Denn dann schwand auch ihre Bevölkerung rapide, bis 1801 nur noch 300 (!) gezählt wurden.

Eine Ordnung, in der sich die Befähigungen der Einzelnen aus ihrer Sittlichkeit allmählich heranbilden mußte - zu späteren Bürgermeistern und Schreibern, Richtern und Ratsherren und Polizisten.

In ihrer jeweiligen dörflichen, klar patriarchalischen Ordnung waren die Guaranis hingeordnet auf den Pfarrer, dem von allen geliebten und glaubwürdigen Hort der Gerechtigkeit und des geordneten Wohlergehens, dem Schutz auch gegenüber schlechten Regeln des eigenen Stammes. Dabei erwies sich das jesuitische interne Ordenssystem als besonders fruchtbar, weil es die Vielfalt und charakterliche Prägung der Einzelnen hervorragend nützte. Wobei sich herausstellte, daß deutsche Pater - die bald ein Viertel der Missionare stellten - bei den Indios ganz besonders beliebt waren. Die rund 80 Pater, die eingesetzt waren, wurden immer als eine erstaunliche Mannigfaltigkeit der Individualitäten gerühmt.*

Natürlich gab es auch Straftaten und Strafen. Sie orientierten sich an Strafsystemen für Kinder: Stockhiebe auf den Allerwertesten etwa, oder in schweren Fällen (begrenzt auf 10 Jahre) als Gefängnisstrafe, die VOR ORT, also im Dorf, in dem der Täter gelebt hatte, zu büßen hatte. Eine Todesstrafe gab es nicht, wohl aber eine Ausweisung aus dem Gebiet. Alle Berichte erzählen, daß die Indios das Strafsystem als gerecht empfanden, ja mit Genugtuung zur Kenntnis nahmen und sogar forderten.

Man verlangte von den Menschen also nicht, was sie gar nicht leisten konnten. Auf den Säulen patriarchaler Struktur aber bildete sich Wohlstand und friedliches Leben. Das immer mehr Neid und Mißgunst erweckte, auch in Europa, immer wieder als verschwörerisches Treiben verleumdet wurde, bei dem die Jesuiten der Machtlüsternheit und unersättlicher Geldgier bezichtigt wurden. Der Hintergrund war freilich ein anderer: Denn der immer drängender aufkommenden "modernen Zeit" des maßlosen und wurzellosen Individualismus, der Gier, ja auch des Protestantismus, denen allen die Welt auszubeutendes weil an sich wertloses ("gefallenes") Nutzgefäß war, standen die Jesuiten auf der Grundlage ihres strengen Gehorsamsgebots eindeutig entgegen.

Nie ist das quasi von selbst zusammengewachsene Reduktionsgebiet in Südamerika ein Staat gewesen. Die Jesuiten hatten keinerlei entsprechende Befugnis, und auch nie die Absicht. Der König war für die Indios ohnehin höchst willkommene, natürliche Verkörperung des Weltengesetzes der Dreifaltigkeit, des Höchsten Gottes. Nicht anders hatte man ja in Europa bis ins 18. Jhd. empfunden.

Alle zivilisatorische Entwicklung - die erste Entwicklungshilfe also, die diesen Namen wirklich verdient - aber sollte  nur einem dienen: der Höherentwicklung des religiösen Lebens. Das aber eine Grundlage bereits in der kulturellen als persönlichen Sittlichkeit haben muß. Man kann Religion nicht einfach überstülpen, sie kann nur auf natürlicher Religiosität anwurzeln.


*"In Geduld unüberwindlich, in ihrem Tun und Lassen starkmütig, in dem Umgang mit den Leuten freundlich, in Sitten ernsthaft und an Tugenden bewährt" mußten sie sein. Nicht aber "zarte, gleichsam aus Wachs possierte Männlein, denn die taugen auf die Missionen so wenig als der Haas zum Sturm-Lauffen," erzählen Berichte aus der Zeit. Im besonderen aber mußten die Missionare, die aus Europa hinübergeschickt wurden, Kenntnisse der Landwirtschaft, der wichtigsten Handwerke, Bewandertheit in Heil- und Arzneikunde, und die Beherrschung der Indianersprache aufweisen.



Teil 4 morgen) Das Ende des Experiments ist das Ende der Jesuiten. Fast.



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Sonntag, 26. Mai 2013

Das Heilige Experiment (2)

Teil 2) Keine kommunistische Utopie, sondern Höherführung




Aber für immerhin mehr als 150 Jahre konnten die Jesuiten ihr Bekehrungsprojekt entfalten, das vor allem einmal ein schwieriges Erziehungsprojekt war. Einem nomadisierenden Indianerstamm gegenüber, der in zahlreichen zuverlässigen Berichten als "Kinder" bezeichnet wird, die gedanken- und sorglos in den Tag hineinlebten, Arbeit in unserem Sinn nicht kannten und bewältigen konnten, und zu Recht als schwurunfähig galten, also mit Gesetzen bedacht waren, wie sie in Europa für Geistesschwache, Arme, Witwen und Waisen sowie dauernd Kranken galten.*

Die aber auffallend eines hatten: Eine große, allerdings nur (das dafür mit größter Begabung) interpretierende, nicht aber schöpferische Liebe zur Musik. Jedes Dorf hatte bald eine 40köpfige Kapelle und Chorgemeinschaft, die lateinische Choräle oder Tänze und Lieder darbrachte. Oder die Padres schrieben Stücke, inszenierten Theateraufführungen, oder kreierten wie in einem Fall 70 Ballettchoreographien, die von den Indios mit Begeisterung einstudiert wurden.

Nie nahmen die Jesuiten ab 1609, unter oft schweren Rückschlägen, mehrmaliger Notwendigkeit quasi neu zu beginnen, in ihren Reducciones die Hilfe der Staatsgewalt in Anspruch, sie wollten nur mit dem Evangelium siegen, selbst wenn es zu Anfang einige das Leben kostete. Nicht in den ersten 30 jahren zumindest, ehe sie die Erlaubnis erhielten, sich gegen die zahllosen Banditen und Räuber zu verteidigen, für die diese Reducciones Gier- und Beuteobjekt waren und fortlaufend plünderten und zerstörten, was aufgebaut worden war. Und sie in einer regelrechten Schlacht 1641 besiegten. Daraufhin war für über 100 Jahre Ruhe.

Sie begannen immer mit der behutsamen Einführung in eine andere, seßhafte Lebensform, mit vorsichtiger Gewöhnung an Arbeit, mit der Nachahmung an das vorgelebte Leben der Jesuiten selbst, die selbst, meist als hochgebildete Männer, zu Holzfällern, Zimmerleuten und Saatbauern wurden.

Die eigentliche Christianisierung begann erst ab diesem Zeitpunkt, und unter sorgfältiger Aufnahme alter Vorstellungen, deren religiöser Kern aufgegriffen und neu entfaltet wurde.

Dabei nützten die Padres die Musik- und Spielfreude, worin sich ein neues Band der Zusammengehörigkeit bildete. Und für das sich die Liturgie hervorragend eignete, für deren feierliche, ausgeschmückte Riten die Indios sehr empfänglich waren. Die geistige Abstraktion konnte so auf dem zuerst bereits Erfahrenen aufbauen. Soziales und religiöses Leben wurden so ein Ganzes. Und bald begannen die Indianer sich sogar schon untereinander zu missionieren.

Verfolgung und Zerstörung standen am Beginn - Vertreibung und Zerstörung am Schluß ihres Missionierungswerkes 1768. Mit dem sie aber zeigten, was Europa zu tun gehabt hätte. Dessen Menschen sich aber anders entschieden. Ein Experiment, das mit kommunistischen, aufklärerischen Utopien überhaupt nichts gemein hatte, sondern ein kluges Aufbauen auf dem vorgefundenen Kulturstand, mit behutsamer Weiterentwicklung zu höherer Kultur und damit Lebensentfaltung (größere Steinkirchen folgten erst nach etwa 100 Jahren) bedeutete. Kein Staatsvolk war der Krone mehr ergeben, als diese Reducciones. aber es wurde kein überlegenes Kultursystem einfach aufgepfropft, sondern eine sehr primitive Kulturstufe aufgegriffen, und behutsam weitergeführt.

Wo es Kommunaleigentum gab, war dies bereits eine alte Sitte der Indios selbst, und darin gar nicht unähnlich Europa, wo es auch Kommenden - Gemeindewiesen, -wälder etc. - gab. Diese wurde in bestimmtem Maß weitergeführt, ein Eigentums- weil Verantwortungsbegriff (und vor allem: der Pflicht zur Privatinitiative, die mit Eigentum verbunden ist, und die diese Menschen nicht aufbringen konnten!) mußte sich erst entwickeln. Die Jesuiten bauten also auch hier lediglich auf dem vorhandenen Fundament auf, führten keineswegs einen Kommunismus ein, wie oft dargestellt wird. Daß diese Gemeindegüter (bei zwei Tagen gemeinnütziger Arbeitspflicht pro Woche) freilich auch die eigentliche Versorgungsquelle war und meist blieb, die Privatäcker verkamen, lag eben an der Sittlichkeit der Guaranis selbst, nicht an der Ordnung.

Es gelang in diesen 170 Jahren nicht, die Indianer zu Vorratswirtschaft anzuregen, nur in ganz kleinem Maß zu Privatinitiative. Ein Erbrecht war deshalb obsolet. Sie blieben immer noch eine "Menschheits-Kindheit", wie es ein Pater niederschrieb. Ihre Arbeitsleistung über ein Jahr entsprach etwa dem, was ein europäischer Bauer in vier Wochen bewältigte.

Der Wohlstand der sich bald einstellte, und bald auch in Silber klang, war vor allem der Findigkeit der Padres - und der Geschicklichkeit und Fähigkeit zur Nachahmung der Guaranis - zu verdanken. Bald blühte vielfältigstes Handwerk, und die (kollektive) Rinder- und Schafzucht oder (die kollektiven) Anbauplantagen für Yerba-Tee, Tabak oder Mais brachten durch kluge Bewirtschaftung der Jesuiten höchste Erträge. Sogar eine Druckerei wurde installiert, wo 1705 das erste Buch Südamerikas** erschien.

Auch der Handel blühte. Aber auch der mußte von den Jesuiten durchgeführt werden, denn den Indios fehlte überall jede Eigeninitiative. Wo doch Kontakt mit (weißen) Siedlungen, z. B. durch unvermeidlichen Handel, stattfand, waren sofort die schädigenden, verrohenden Einflüsse durch Verführungen festzustellen, denen die Indianer nicht gewachsen waren. Weshalb er auf das Notwendigste eingeschränkt wurde.



*Natürlich soll diese Passage nicht verstreichen, ohne auf die Tumbheit jener hinzubeißen, die da meinen, welch überlegen Ethik sie selbst nicht verträten, verglichen mit den Vorvätern, und wie erst den Kirchenvätern, die die "Wilden" oft nicht als Menschen bezeichnet hätten. Auch unsere Gesetze kennen die eingeschränkte oder gar entzogene Mündigkeit und damit Handlungsfähigkeit - das "Menschsein" wird auch bei uns definiert und hat - Abtreibung! - eindeutige historische Definition. Nichts anderes war der Kern der damaligen Überlegungen, ohne zu berücksichtigen, daß die materielle Gier vieler sehr darnach verlangt hat, sich jeder menschlichen Gewissenspflicht zu entheben. Es waren die Könige und die Kirche, die diese Pflicht wieder und wieder eingefordert haben! Ohne sie würde es uns heute mit Sicherheit normal erscheinen, den Indianern nach wie vor Menschenqualität abzusprechen. So, wie wir es ja mit Föten oder in der Euthanasie (pardon, "Sterbehilfe" ...) tun. Nur aus dem Transzendenten, als Abbild Gottes, wird der Mensch unabhängig von seiner AKTUALISIERUNG, zu einem in jedem Fall zu Liebenden.

**"Temporal y Eterno" von Pater Nierenberg




Teil 3 morgen) Ein Muster wirklicher Entwicklungshilfe, 
das aber an menschlicher Schwäche scheitert






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Samstag, 25. Mai 2013

Das Heilige Experiment (1)

Durch zahllose Verbote und Gesetze hatten die spanischen (und portugiesischen) Könige versucht, die Landsleute in Südamerika dazu zu bringen, die vorgefundenen Bevölkerung menschlich zu behandeln. Aber Spanien war weit, und die Umsetzung der Gesetze scheiterte an der Gier und brutalen Ausbeitungsabsicht jener, die Europa nicht verlassen hatten, um die Welt zu christianisieren, der Erlösung zuzuführen, sondern die reich und mächtig werden wollten, ohne dafür zu arbeiten. Ausdrücklich waren Sklaverei und menschenunwürdige Behandlung verboten, und die Erlässe wurden sogar durch Todesurteile und Exkommunikation (durch den Papst) gestützt, aber ohne viel Erfolg.

Sämtliche Versuche, den riesigen neuen Kontinent, den dem Abendland entdeckt zu haben man sich im 16. Jhd. allmählich bewußt wurde, durch dem europäischen Lehenssystem (ein Gewährsmann des Königs übernimmt treuhänderisch Aufbau und Verwaltung eines Gebiets) ähnliche Gebilde zu organisieren mündeten in der nicht zu kontrollierenden Praxis neue Instrumente der brutalen Unterdrückung. Denn welche Europäer verließen den Kontinent? Die Abenteurer, die Gierigen, die Wurzellosen, denen das Leben in Europa zu mühsam war, die Nervenkitzel und Reichtum suchten. In einem Europa, in dem der Adel ja bereits sinnlos wurde, weil Beamtenmechanismen ihn verdrängten.

So wurde für die Indios Christianisierung zu einem Synonym für Unterdrückung und Sklaverei. Schon die Vorstellung eines Paradieses, in dem sie mit eben diesen Spaniern und Portugiesen neuerlich und auf ewig zusammengesperrt sein würden - Sklaverei für immer! -, war ihnen ein Greuel, welche Perspektive sie nicht selten den Freitod einer Taufe vorziehen ließ. Eine Christianisierung war so gut wie aussichtslos.

Den Orden, die den Kontinent (mit nur wenigen Priestern) christianisieren, den Menschen die Freiheit des Christen bringen wollten, war dies wohl bewußt. Ihre Bemühungen mußten scheitern. Was die Indios erfuhren, hatte mit Christentum nichts zu tun. Und die Erlässe der Könige, die immer wieder menschengerechte Behandlung der Einwohner der Neuen Länder verlangten, waren nicht durchzusetzen.

Also schlugen die Jesuiten einen Versuch vor: Man mußte die Identifikation von Christentum mit Europäern verhindern. Man mußte die Indios für sich lassen, und an der natürlichen Religiosität ansetzen, um von dort aus die Liebe Christi begreifbar zu machen. Als vollkommene räumliche Trennung von Kolonisten und Indianern hieß das auch für die zweifellos gut meinenden, verantwortungsbewußten Könige ein großes Wagnis eingehen: das Land konnte genau so gut erst recht in Chaos versinken. Schließlich stimmte aber die Krone zu.

Das "Heilige Experiment" der Jesuiten in der (als damalige Provinz flächenmäßig weit größer als der heutige Staat) Paraguay konnte beginnen. Nie als Staat konzipiert, sondern als Konzept des Kulturaufbaus, der Verbreitung der Liebe Christi. Der (spanische) Habsburger Philipp III. räumte das Gebiet vom Ober- und Mittellauf der Flüsse Paraná und Uruguay ein, dem Gebiet der Guarani-Stämme, streng separiert von der Welt der Weißen, ausschließlich dem missionarischen Einfluß der Jesuitenpatres ausgesetzt. Das sonst am Kontinent eingeführte Kommendensystem wurde dort für ungültig erklärt, in dem - ähnlich dem strukturellen Aufbau der europäischen Kultur seit je - eingesetzte Landherren ein gewisses Gebiet verwalten und ordnen sollten. Nominell und ausdrücklich mit Verbot von Sklaverei und unbezahlter, unfreiwilliger Arbeit. Das aber in der Praxis zu rücksichtsloser, brutaler Ausbeutung geführt hatte. 

Von 1607 an, in immer weiteren Erlässen und Ausführungen weiter ausgeführt und gestützt, wurden sämtliche Indianer dieser Gebiete von allen "servicio personals", von allen Tributen und Arbeitsleistungen* befreit, alle diese Pflichten reduziert. Mit diesen "Reducciones", diesen aus dem Allgemeinsystem herausgelösten Dörfern und Gebieten, wie mit allen Versuchen, die brutale Gier der Kolonialisten einzuschränken, zog sich die Krone aber auch jenen Haß der Siedler zu, der später den vielleicht entscheidenden Auslöser für die Unabhängigkeitsbestrebungen der südamerikanischen Länder liefern sollte. Die wie in den USA ja alles andere als "Volksbewegungen" waren, wie eben so gut wie alle "Revolutionen", sondern von so gut wie immer wirtschaftlichen Einzelinteressen getrieben werden. Aber das ist eine andere Geschichte.




*Es stellte sich sofort heraus, daß die Indianer Südamerikas für schwere Arbeit völlig ungeeignet waren. Ausdrücklich war deshalb z. B. Bergwerksarbeit für sie per königlichem Erlaß verboten, denn sie war ihnen wie der sichere Tod. Mit schweren Folgen, denn die "mehr an Sklaverei gewöhnten" Afrikaner ersetzten sie bald. An deren Handel die Niederländer und Engländer und wie erst die Araber bestens verdienten.



Teil 2 morgen) Keine kommunistische Utopie, sondern Höherführung




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Montag, 4. Februar 2013

Stadtkultur (2)

Buenos Aires, Argentinien, ca. 1923



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Donnerstag, 31. Januar 2013

Stadtkultur (1)

Buenos Aires, Argentinien, ca. 1923


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Freitag, 8. Juli 2011

Wenn es der Papa nimmer richtet

So realitätsfern wie manche vor allem junge Menschen Lebenszusammenhängen gegenüber stehen, überrascht doch immer wieder. So gab es unlängst Umfrageergebnisse zu lesen, aus denen hervorging, daß vor allem junge Menschen glauben, daß bei einem Staatsbankrott gar nichts passiere. Ihr Leben würde weitergehen wie bisher, zumindest im wesentlichen, Banken würden pleitegehen, gewiß, aber das wäre auch gut für Schuldner, und nach einigen wenigen Jahren wäre alles wieder normal.

Die Tatsachen liegen natürlich etwas anders. Und man kann die Folgen eines Staatsbankrotts anhand eines Beispiel jüngster Geschichte studieren - Argentinien im Jahre 2001/2002. Ein Land, das in der ersten Hälfte des 20. Jhds. zu den reichsten Ländern der Erde gezählt hatte!

Auch dort war die Währung zusammengebrochen´- und wie zu erwarten finden sich ausreichend Parallelen zu aktuellen Fällen in Europa.  Politische Instabilität hatte (nach Perron) jeweils Regierungen an die Macht gebracht, die den einzigen Hebel bedienten, über den sich - scheinbar! - kurzfristig Politik machen läßt: hohe Staatsausgaben.

Zum einen für Sozialausgaben, auch wegen der immer wieder ausgelösten Wirtschaftskrisen, auch durch staatliche Defizitbetriebe, zum anderen, um die Wirtschaft anzukurbeln (um die Sozialausgaben durch Steuereinnahmen zu decken), war die Inflation gestiegen. Zwar kam die politische Situation seit 1983 wieder zur Ruhe, aber das Finanzsystem war seither angekränkelt, das Land im Ausland sehr hoch verschuldet.

Um diese Probleme einzudämmen, wurden immer wieder die Zinsen erhöht. Das bewirkte einen enormen Zustrom ausländischen Kapitals, während die Landeswährung im Kurs stieg, was den Export noch weiter erschwerte, aber Importe erhöhte. Obwohl viele Argentinier längst begonnen hatten, ihr Geld ins Ausland zu transferieren, denn die Inflation betrug phasenweise mehr als 100 Prozent - im Monat.

Gleichzeitig wurden, um gegenzusteuern, Sparprogramme gefahren. So wurde aber die Wirtschaft im Lande, die bereits in hohem Maß vom Staat abhing, abgewürgt. Um die Inflation zu stoppen, wurde schließlich die Währung 1991 an den Dollar gebunden. Die Inflation sank, das war richtig. Aber damit wurden die Exporte noch schwieriger, die Produkte am Weltmarkt noch teurer.

Die Verschuldung des Landes stieg schließlich auf die kritische Marke von 90 % - ein Wert, ab dem der Staat bereits als Konkurrent der Privatwirtschaft am Geldmarkt auftritt, ein tödlicher Kreislauf beginnt. Bereits 1998/99 begann die entscheidende Rezession, in deren Zuge die Steuereinnahmen sanken, die Arbeitslosenzahlen immer dramatischer stiegen, die Immobilienpreise ins Bodenlose fielen. Das BIP sank um 25 %. Der Staat begann nun definitiv, Staatsbetriebe zu verkaufen - die meisten fielen an ausländische Eigentümer, das Land war noch weiter vom Ausland abhängig, konnte die Dollarbindung nicht ablegen, die seine Exporte ruinierte. Längst vertraute niemand im Land mehr der eigenen Währung.

Schließlich brach das Kreditwesen zusammen. Argentinien bekam nirgendwo mehr Kredit, mußte die Zahlungen einstellen, und im Februar 2002 einen Währungsschnitt machte, eine neue Währung einführte, und die Bindugn an den Dollar aufgab.

Viele sagen: zu spät. 27 % der Bevölkerung waren bereits arbeitslos, 57 % der Bevölkerung rutschte unter die Armutsgrenze, 20 % sogar unter die Elendsgrenze. Die verloren ihre Wohnungen und Häuser, täglich ging es ums nackte Überleben. Bisherige Versorgungs- und Handelswege waren zusammengebrochen, die Landwirtschaft konnte ihre Produkte nicht mehr absetzen, die Lebensmittelproduktion fiel. Es gab nichts mehr zu kaufen, bzw. konnte niemand mehr etwas kaufen, obwohl die Preise damit sanken, was aber z. B. Bewohner der Nachbarstaaten zu Einkaufstouren ins Land bewog.

Viele Landbewohner flüchteten in die Städte, Slums entstanden, aber schon seit Jahren waren dort Tauschringe gewachsen, in denen sich die Menschen ihren alltäglichsten Bedarf organisierten. Die Arbeitslosenquote weiter, aber bald bildeten sich ungeregelte Bedarfsarbeitsplätze, bis 40 % der Arbeitnehmer in sogenannten "informellen" Arbeitsplätzen, stundenweise bezahlt, oder als Tagelöhner, ihr Leben fristeten. Das kulturelle Leben, das Bildungssystem litt schwer.

Es dauerte mehrere Jahre, bis sich die Wirtschaft des Landes - auch durch kräftige Auslandshilfe - wieder halbwegs erholt hatte. Dabei aber viel seiner Souveränität abgeben mußte: die Auflagen des IWF, der Argentinien wieder Geld lieh, sind bekannt hart. Aber die Erholung Argentiniens profitierte auch davon, daß nun viele Argentinier ihre Gelder aus dem Ausland wieder zurückholten.

Mit dem Neubeginn wurden auch die informellen Beschäftigungsverhältnisse wieder formell. Noch heute aber, 10 Jahre später, schätzt man die ungeregelten Dienstverhältnisse auf 20 Prozent der Beschäftigten. Bis das Land seinen Standard wieder erreicht hat, den es bis zur Krise hatte, werden noch viele Jahre vergehen, nach wie vor ist der Aufschwung, der seit 2002, seit der dramatischen Abwertung des Peso, Jahre mit hohen Wachstumsragen kennt, fragil, immer wieder droht Inflation. Vor allem kämpfen die Bewohner mit dem Trauma, das diese Erfahrung - wenn plötzlich alles zusammenbricht - bewirkt hatte, in der das Grundvertrauen in Staat und Wirklichkeit nachhaltig gestört wurde.


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