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Sonntag, 20. Februar 2022

Die Kultur im Fleische

Die Klageweiber [mit ihren violett angemalten Gesichtern] waren [trotz des in von niemandem erwarteten ausgreifenden Schritten erfolgten, langen Aufstiegs zum Berge Mose, dem Musa Dagh] hinreichend bei Kräften - nicht einer ging auch nur der Atem schneller - um sofort an die Arbeit zu gehen. Nunik [die Nasenlose, deren Schneidezähne aus dem lippenlosen Gesicht starrten, und deren Alter der Legende nach hundertfünzig und mehr Jahre betrug], Wartuk, Manuschak und die anderen hockten sich zu den Toten. Ihre schmutzigen Klauen enthüllten die schon erstarrten Gesichter. Und dann hub an ihr Gesang, älter vielleicht als die ältesten Lieder der Menschheit. Er wurde ohne Unterbrechnung wiederholt, bis der letzte Stern sich im ergrünenden Himmel löste. 

So arm der Text war, so reich veränderte sich die Melodie. Manchmal wars nur ein langes gleichlautendes Stöhnen, manchmal eine Kette heulender Koluraturen, manchmal ein ödes, schmerzverschlafenes Nicken derselben zwei Töne, endlos, manchmal ein schrilles Aufbegehren, und dies alles nicht etwa frei und der willkürlichen Eingebung foldend, sondern gesetzmäßig und überliefert von jeher. Nicht jeder der Sängerinnen, [denen nicht viel zu den Chorgestalten der antiken Tragödie fehlte], besaß die altbewährte Kunst und Stimme Nuniks. Es gab unter ihnen auch mäßige und daher eigennützige Künstlerinnen, deren Gedanken während der Arbeit ausschließlich mit dem Geldbeutel der Hinterbliebenen befaßten. Was nützten dem reichsten Manne hier obern seine Pfunde und Piaster?

Samstag, 17. September 2016

Begreifbare Geschichte

Dem Mann hört man gerne zu. Denn Jan von Flocken stellt geschichtliche Ereignisse wunderbar in einen Gesamt- und Verstehenshorizont. Geschichte als Erzählung, die erhellend wirkt und damit die Gegenwart verstehbarer macht. Hier spricht er zum Genozid an den Armeniern. Zu dem es viel zu wissen gibt, was meist nicht gewußt wird. Nichts wird damit gerechtfertigt, aber vieles wird zumindest begreifbarer. Von Flocken wirkt damit wohltuend gegen die heutige Primitivität, in der Geschichtserzählung allmählich zum Teil der kollektiven Verdummungsmaschinerie versinkt.

"Es ist eine gesunde Reaktion der Türken, sich vom Ausland nicht diktieren zu lassen, wie sie sich ihrer Geschichte zu stellen haben. Das mag in Deutschland üblich sein, aber so dumm ist sonst kaum jemand. Türken sind eben stolz auf ihre Geschichte, und die lassen sie sich von anderen nicht schlechtreden. Niemand in der Türkei, der halbwegs Vernunft hat, leugnet die Tatsachen. Es gibt Erinnerungen, es gibt Berichte, es gibt Bilder, das kann man gar nicht vertuschen. Aber der Völkermord ist eine Angelegenheit der Türken, und eine zwischen der Türkei und den Armenieren. Das geht das Parlament in Paris oder Frau Merkel rein gar nichts an."

Nachsatz: Jan von Flockens Begriff des "Faschismus" kann nicht ganz akzeptiert werden. Denn es ist ebenfalls Teil der Verblödung, der wir unterzogen wurden, Faschismus mit ethnischen Verfolgungen, Rassenideen etc. etc. gleichzusetzen. Damit hat Faschismus genuin überhaupt nichts zu tun, der auch mit dem Nationalsozialismus nur so weit zu tun hat, als es Deckungsbereiche gab. Vielmehr ist Faschismus ein System, in dem "das Gute" durch durchgreifende zentralistische Politik auch unter Zwang "herbeigeformt" werden soll. Faschismus ist also, sich an der starren Form zu orientieren, die es unter allen Umständen herzustellen gilt. Insofern kann jede Weltanschauung in Faschismus einmünden.










*100816*

Dienstag, 19. Mai 2015

Unbequeme Tatsachen

Die Ausführungen des niederländisch-türkischen Historikers Prof. Ugor Ungor sind schon deshalb interessant, weil sie die Systematik des Genozids am armenischen Volk  zeigt, die als Folie für Völkermord überhaupt gelten kann.* Höchst systematisch wird dabei anhand eines sich immer mehr spezialisierenden Volksmerkmals - "rassisch" - von der Führungselite ausgehend, auf alle Männer, dann auf die Angehörigen, indem man alle verwandtschaftlichen Bande durch Separation unterbricht, und schließlich auch auf die Gruppen übergegangen, die im Dunstkreis dieser Gruppe leben, oder (in der Türkei: zum Islam konvertierte Armenier; in Deutschland später: getaufte Juden) einmal dazugehörten. Dann wird die kulturelle Grundlagen vernichtet, Klöster und Gotteshäuser eingeebnet, Kunstgegenstände geplündert, Bücher und Schriften und die Sprache vernichtet und verboten.

Ausgangspunkt und nicht unwesentlicher Zielpunkt aber ist die lt. Ugor Ungor (der sich in mehreren Büchern mit dem Werden der modernen Türkei und den Zusammenhängen mit dem Genozid an den Armeniern befaßt) nachweislich zentral geplante Enteignung dieser Bevölkerungsgruppe, die im Fall der Armenier bislang aber noch wenig untersucht ist. (Anders, als fürs spätere Hitler-Deutschland.) Immerhin war der Anteil der Armenier an der gebildeten, wohlhabenden Mittelschicht überdurchschnittlich hoch.** Interessant dabei ist auch, daß (und es war in Deutschland ja nicht anders; Hitler hebelte ja das deutsche Rechtssystem über die Notstands-Ermächtigungsgesetze aus) diese Erlässe türkischen Gesetzen, ja sogar der Verfassung widersprachen. Aber sie waren belegbar von Istanbul aus geplant und koordiniert.

Der Genozid an den Armeniern begann also mit der Enteignung, deren Widerstand man mit wohlklingenden Versprechen möglichst hinauszuzögern versuchte. Auch das kennt man aus unserer eigenen Geschichte.

Die Motive kann man in drei Ebenen teilen: Die türkische Führungsschichte hatte ideologische Gründe. Dem Mittelstand ging es schlicht um Eigentums- und Konkurrenzvorteile. Die Motive der unteren Schichten, des "gemeinen Volkes" einzuschätzen, sei aber dem Leser überlassen.

Nicht zuletzt wurden offiziell-inoffiziell Flüchtlinge aus dem Balkan bedacht (von wo nach dem verlorenen Krieg 1912 als Ergebnis der "Entislamisierung" der Balkangebiete hunderttausende Muslime in die Türkei geflüchtet waren.)

Geheime Erlässe aus Istanbil bereiteten diese Übernahme armenischer Unternehmen und armenischen Vermögens durch türkische Bürger gezielt vor. Das konfiszierte Vermögen wurde anschließend zu niedrigsten Preisen an die Zielgrupen veräußert. Darüber gibt es sogar Verzeichnisbücher, in denen die Provinzen den Fortschritt dieser Vermögenstransaktionen meldeten. Das war der eher geordnete Teil des Vermögenstransfers. 

Dem ein weit größerer Anteil unterer Schichten von Türken folgte, der sich armenisches Vermögen schlicht durch Plünderung aneignete. Dorf für Dorf, Ort für Ort wurde systematisch durchgekämmt, und zwar auch durch offizielle Polizei. Eine von Ungors Thesen ist deshalb, daß besonders die Osttürkei einen Schub an aggressivem Nationalismus erlebte, der zu besonders brutalen Ausschreitungen führte. Aus den Zusammenhängen mit den Enteignungen kann man also davon ausgehen, so der VdZ, daß eine Aufarbeitung von Schuld durch Sperren des Schuldbewußtseins behindert wird, weil sie die gegenwärtige Lage in Frage stellen.

Natürlich war der "unkontrollierbare Volkszorn", den man entschuldigend anführte, nicht offiziell organisiert, so wie später in Hitler-Deutschland. Aber es gab inofizielle, organisierte Banden, die sich aus der lokalen Bevölkerung rekrutierten, und mordeten und plünderten, und deren Anführer dadurch reich wurden. Der Anteil an Toten bei der Armenieraustreibung ist in der Ost- und Südosttürkei besonders hoch.

Ungors Fazit: Ein beträchtlicher Teil der späteren und heutigen türkischen Eliten verdankte seinen Aufstieg dem Genozid, der zu einem der größten Vermögenstransfers der jüngeren Geschichte wurde. Vorzeigeindustrien der heutigen Türkei - etwa Baumwolle und Textilien, oder Haselnüsse, Tomaten, überhaupt landwirtschaftliche Produkte - gehen zu einem nicht unerheblichen Teil auf konfisziertes armenisches Vermögen zurück.








*Daß Hitler die Umgestaltung durch die Türkei, die Nationalisierung des Atatürk eingehend studierte und als Vorbild für die Umgestaltung Deutschlands heranzog, ist ja bekannt.

**Als der VdZ vor Jahren ein Gespräch mit einem österreichischen Architekten führte, erzählte ihm dieser von einer Studienreise in die Türkei, wo die "türkische Architektur" in ihrer Großartigkeit studiert wurde. Bei näherem Betrachten der genannten oder am Bild gezeigten Objekte stellt sich zu dessen Überraschung aber heraus, daß der überwiegende Anteil dieser Gebäude - wenn nicht sogar ausschließlich - entweder armenischen, oder christlichen, orthodox-griechischen Ursprungs, oder von westeuropäischen (auch österreichischen) Architekten geplant war.  Daß die Hagia Sofia, die zum Vorbild sämtlicher Moscheen der Welt wurde, bis 1452 ein christlicher, eigentlich katholischer Bau war, muß da gar nicht extra erwähnt werden. Wir haben uns an dieser Stelle ja bereits mit den katholischen Wurzeln des Islam (Koran) befaßt, weshalb diese Affinität ohnehin nicht verwundert.




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Donnerstag, 16. Oktober 2008

Pogrom (Armenien)

Abdul Hamid sah sich einer von Ägypten und v. a. dem Sudan (Mahdi-Aufstände) ausgehenden panislamischen Bewegung gegenüber, der die realpolitisch schwache Stellung der Türkei - das osmanische Reich war längst eher eine Glaubensgemeinschaft als eine Nation - gar nicht mehr entsprach. Die Religionsführer, Aufwiegler etc. gingen längst im Palast ein und aus, drängten zur islamischen Tat: ein neues Zeitalter war angebrochen, Jahrhunderte der Demütigungen islamischer Mächte durch das Christentum sollten ein Ende finden. Dabei waren christliche Minderheiten ein Dorn im Auge - wie jene in Armenien, noch dazu politisch ein Risiko durch die Grenze mit Rußland, wo ebenfalls eine starke armenische Bevölkerungsgruppe lebte. (Das russische strategische Ziel ist ja bis in diese Jahre gleich geblieben: der Zugang zum v. a. eisfreien Meer, im Norden, wie im Süden über Kleinasien - die Arktisfrage muß man auch vor diesem geopolitischen Hintergrund sehen)

Dazu die Munkeleien, hinter vorgehaltener Hand, die nicht verstummen wollten: er stamme nicht nur von einer armenischen Mutter ab, sondern gar der Vater sei ein armenischer Sklave. Wozu kam, daß im Palast die Armenier gesuchte Kräfte waren, weil sie die islamischen, oft kleinlichen Moralbedenken nicht kannten. So bereitete sich auch der psychologische Boden beim Sultan auf.

So begannen die Provokationen gegen die (christlichen) Armenier. Die wiederum fühlten sich ermutigt wie gestärkt durch die internationale Presse, die Reaktionsbereitschaft sämtlicher westlicher Mächte, einschließlich Rußlands, vorgaukelten.

Aber Rußland hatte (wahrscheinlich aus den Erfahrungen mit Bulgarien heraus) plötzlich kein Interesse mehr an einer Unterstützung. Die Westmächte reagierten ebenfalls nicht, England sah sich Vorteile durch den schwachen Sultan am Suez (ihre Strategie geht mit dem arabischen Aufstand unter Lawrence und dem Einfluß auf den persischen Golf endgültig auf) und will damit den status quo erhalten, Frankreich nützte es gleichermaßen für seine Ambitionen in Nordafrika (wo es bald in Konflikt mit Italien geraten wird). 

Der Deutsche Kaiser wiederum war v. a. durch wirtschaftliche Kooperation bald der engste (sogar: persönliche!) Freund des Sultans, den die ganze diplomatische Welt meidet, ja den man öffentlich als "Mörder" tituliert. Denn auch die deutsche Strategie - Reaktion auf die Beherrschung der Meere durch England - beginnt zu arbeiten, und wird für Jahrzehnte im Rennen um die Machtverteilung in kommenden globalisierten Zeitaltern (DAS Problem europäischer Politikperspektive) unheilvoll weiterwirken: in Einflußnahmen auf den Osten und Südosten, vom Balkan ausgehend, mit dem Fernziel: persischer Golf, Irak, als Ausgleich für mangelnde Kolonien ("Volk ohne Raum!") und Rohstoffe ...

Die verbitterten, panislamistisch leicht beeinflußbaren Zwangsausgesiedelten aus den Einflußverlusten am Balkan wurden zwischenzeitlich in die armenischen Gebiete eingesiedelt. Die Träger der ersten Greueltaten aber waren Kurden, die durch steuerliche Daumenschrauben von den Armeniern nicht mehr bezahlt und damit stillgehalten werden konnten. Alleine in den ersten Tagen des "Volksaufstands" gegen die Christen wurden 60-70.000 Armenier niedergemetzelt. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis auch eine Radikalisierung armenischer Gruppen eintrat.

Zwischen 1890 und 1896 kamen, so schätzt man, mindestens 200.000 Armenier ums Leben. Manche Schätzungen sprechen von einer Million Opfer.



*161008*