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Dienstag, 23. Juni 2015

Nicht Goethe, sondern Herder

"Ein Mann wie Goethe vermag kein Volk zu verwandlen, das vermag nur der Typus Herder. [...] Nicht Goethe, sondern Herder war es, der im späten 18. Jhd. das deutsche Antlitz zu verwandeln begann. Goethe hat in erstaunlich geringem Maße den geistigen Wandel der Deutschen um 1800 bewirken können. Er verstand die klügste aller Künste, zu dem neuen Leben, das rings um ihn aufschoß, in immer neuen glücklichen Redewendungen Ja zu sagen. Und dieses Jasagen erweckte den Anschein, als sei das alles von ihm bewirkt, 'sein Werk'. [...]

Zu einem Kinde Ja sagen heißt nicht, daß man es auch erzeugt hat. Herder dagegen hat zu vielem und mit Ingrimm Nein gesagt, was dennoch von ihm bewirkt war. Es ist Herder gewesen, der die deutsche Seele verwandeln half. Sein schöpferisches Werkzeug war die Romantik. Das meiste, was romantisch heißt, stammt von Herder. [...] Der Sammelname Romantik hat den Namen Herder verschluckt. [...]

Zurück zu Herder. Denn was könnte uns Goethe helfen, der Bildungsaristokrat und Individualist, wo es um die entscheidenden Fragen unsere Gesellschaftslebens geht. Die entwurzelte Masse, die sich heute als Volk gebärdet, der gerade fehlt, was Herder suchte, das Unentwickelte, das Ursprüngliche, das Erneuernde, die muß in Herders Sinn wieder mit der Erde verflochten werden. [...] Der Kulturtypus unseres werdenden Zeitalters ist nicht Goethe, sondern Herder." 


Josef Nadler in "Deutscher Geist - Deutscher Osten", ca. 1937






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Freitag, 12. Oktober 2012

Nur Not bringt Reformen

Josef Nadler zeigt in seiner Literaturgeschichte - die sich bewußt ist, daß sie eine Deutung zugrunde liegen hat, und man kann über die Deutung streiten, nicht aber über das Deuten selbst, erst Deutung macht überhaupt Ereignis zur Geschichte - daß die deutsche Literatur immer wieder von jenen Gebieten am stärksten geprägt wurde, in denen die Kultur selbst um ihr Leben ringen mußte. 

Historisch aufweisbar, sind somit gerade die geographischen Randzonen der deutschen Völker - dort, wo die Menschen erst zu sich kommen, sich in der Welt als Gestalt festigen mußten - jene gewesen, aus denen jeweils die entscheidenden Anstöße kamen. Und das waren immer auch die Gebiete, die im politisch-historischen Geschehen dann im Brennpunkt standen, in denen sich die Spannungen, längst gefühlt und durchlitten von den Literaten, auch in historischen Umbrüchen entluden. 

Das erklärt das im Verhältnis zur Einwohnerzahl starke Gewicht schlesischer, deutsch-baltischer und ostpreußischer, elsässischer und ... tschechisch-deutscher und generell österreichischer Schriftsteller im Rahmen der deutschen Gesamtliteratur. Das erklärt das Hin- und Herwogen von literarischen Einflüssen und Entwicklungen zwischen oft recht klar abgrenzbaren geographischen Räumen. Und das erklärt das auch enorme Anwachsen höchster geistiger Kräfte in Zeiten eines Einbruchs, so wie es in Deutschland und vor allem Österreich zur Zeit nach dem 1. Weltkrieg der Fall war. Wo regelrecht eine neue Welt geschaffen und rekonstruiert werden mußte, weil die Gebäude abgerissen, im Schutt die Fundamente neu gesucht werden mußten. Eine geistige Atmosphäre, in der leider auch die Blender und Täuscher Hochkonjunktur haben und hatten.

Ein Volksteil oder ein Volk aber, das sicher und satt war, dessen Existenz und Selbstbehauptung nicht (mehr) gefährdet war, ließ auch bald in der Literatur die Dynamik vermissen, sich zu entwickeln. Denn sie verlor wesentliche Aspekte ihrer existentiellen Bedeutung. Was sehr viel über das Wesen der (schriftlichen) Literatur, aber über das Wesen von Sprache überhaupt aussagt.

Aber dieses Gesetz läßt sich nicht nur in der Literatur ablesen. Es herrscht für so gut wie alle Bereiche des Lebens, nicht zuletzt in der Politik. Auch hier kommen die massivsten, drängendsten Anstöße zu Änderungen von den Rändern, in jeder Weise, und in jeder Richtung. Es wäre deshalb verfehlt zu meinen, daß Veränderungen, nach denen heute alle schreien, von etablierten Eliten ausgehen könnten. Das wird nie der Fall sein - warum auch? In ihren Köpfen und Herzen hat sich nie jene Spannung aufgebaut, die existentiell nach Lösungen für Bruchstellen sucht, in denen sie gesamtgesellschaftliche Fehlentwicklungen in ihnen durchlitten haben.

Es waren immer Außenseiter, die zu großen Reformen aufriefen, die Oppositionen, die Verstoßenen, die Leidenden, von denen Anstöße zu Änderungen kamen, und ... auch die Rezepte. Aus dem Mund etablierter Eliten klingt deshalb jeder Aufruf nach Reform wie eine groteske Lüge. Nur wer das, was gut und anstrebenswert, entbehrt, bildet es in sich zu einem Bild, zu einer Sehnsucht aus, und das ist das Bild eines besseren Ganzen. Der Versuch, alles "in die Mitte zu integrieren", wie er selbst bei Migrationsüberlegungen herrscht, ist deshalb eine Reaktion der Bequemlichkeit. Die nur versucht, durch Beteiligung möglichst aller an ihrem fetten, bequemen Leben, in dem sie es sich eingerichtet haben, möglichst NICHTS zu verändern. Nichts nimmt einer Reformkraft so rasch ihr Drängen, als sie ins Gesamte "wohlmeinend" zu integrieren, sie mit Geld zuzuschütten, um sie in Watte zu packen. Der Sozialstaat heutiger Prägung hat deshalb nur ein Ziel: die Macht im Sattel zu halten. Die sich bestens wie eine subkutane Dornwarze ins vitale Fleisch verspreizt hat, sodaß sie nur noch durch großflächige Resektion zu entfernen ist.

Deshalb zeigt sich ein wirklicher Niedergang einer Kultur, eines Staates, vor allem dann an, wenn die Eliten immer ausgefeiltere Beteiligungssysteme einrichten, in denen sie - scheinbar - möglichst viele Menschen "nach oben" ziehen, zu sich. Sodaß ihre Interessen scheinbar zu Interessen möglichst vieler Menschen werden. Solche Organismen verlieren jede Regenerationskraft für Krankheiten. Ihre "Reformen" enthalten nur Rezepte, die die bestehenden Mechanismen "optimieren". Die Krankheit eines Organismus schafft also tatsächlich ihre Gegenmittel selber. Aber sie tut es nur durch wirkliches Leid.

Nicht weniger grotesk, ja geradezu fatal ist es deshalb, Künstler, Literaten, Philosophen, wohlversorgt ihres Außenseitertums zu entheben, indem man sie "fördert" und mit Belobigungen versorgt. Das nimmt ihnen alle Kraft, macht sie zu Ohrenbläsern des Etablissements, zu fetten Hofnarren, als Salz schal und wertlos. Denn ihre reale, existentielle Situation bildet - so wie bei allen Menschen - jene Strukturen, die die Inhalte und Werke hervorbringt. Wer etwas zu verlieren hat, wird bewahren wollen, was er hat. Wer das nicht, wer erst alles zu gewinnen hat, nur der wird versuchen zu verändern. Der entscheidende Punkt in jedem Werdegang eines Künstlers war der, wo er festgestellt hat, daß er nichts mehr im Außen zu verlieren hat. Wenn er erkennt, daß er nur sich selbst hat. Dann ist er allen Etablierten wirklich voraus - weil er sich in seiner Weltentbehrung eine Welt neu schaffen muß. Seine Kraft endet - historisch nachvollziehbar - genau dann, wenn sein Drängen angenommen wird, wenn er "Erfolg" hat.

Reformen ohne existentiellen Kampf gibt es prinzipiell nicht. Außenseiter, die es nicht wirklich sind, denen im Bestehenden kein wirklicher Gegner erwächst, sind nur noch Teil des Establishments, und Außenseitertum wird zur manierierten Attitüde.



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Sonntag, 7. Oktober 2012

Umgebung als Lebensaffizierung

Der Boden ist der erste Punkt, den der Mensch in der Geburt erfährt (wenn nicht schon vorher). Auf ihn bezieht sich jeder weitere Moment seiner Existenz. Damit wird die Bedeutung der Architektur erfaßbar, die nicht einfach mehr oder weniger ästhetizistische Funktionsweiche ist, sondern unmittelbar das Lebensgefühl der Menschen an- und aufruft. Weil Menschen aber aus Selbstgefühl reagieren, handeln, agieren, formt Architektur das zum Habitus werdende Gemüt, und trägt so zur Lebenssteigerung bei (oder nicht), als die jedes Tun des Menschen, jedes Begehren das er zu stillen sucht - darunter das erste: das der Selbstbewegung, weil Leben ALS Selbsterfahrung nur in der Bewegung zu sich kommt* - zu sehen ist.

Weil aber Architektur selbst bereits wieder auf die vorgefundene Welt reagiert, interagiert, ist das primär Prägende die Landschaft, sie ist das zuerst Vorgegebene. Man muß ja beileibe kein Tiefenpsychologe sein, um die Zusammenhänge zwischen Landschaften und den in ihnen vorgefundenen Charakeren zu erkennen. Und weil kein Mensch "bei Null" beginnt, sondern in vorgefundenes Erbe - auch fleischlich - eintritt, prägt sich so gewisse charakterliche Geschlossenheit und Bezüglichkeit zur jeweils in einer Landschaft lebenden Menschen.

Deshalb ist auch Walter Muschg's Kritik an Josef Nadler in "Die Zerstörung der deutschen Literatur" schlicht falsch, und er wirft sie unberechtigt in einen Topf mit "Blut und Boden-Ideologie". So sehr aus diesen Zusammenhängen Ideologie werden kann, wo aus dem Vorgefundenen Imperativisches wird. (So mag man meinetwegen die letzte Auflage seiner monumentalen Literaturgeschichte, jene die 1938 in Weiterführung entstand, bereits unter deren Eindruck sehen - was sich übrigens in einer gewissen "Kriterienlosigkeit" ausdrückt, in der Nadler kaum noch auswählt, sondern die damalige Gegenwartsliteratur fast kritiklos aufnimmt; darin mag man sie also kritisieren, gut; aber seine eigentliche Leistung schmälert das nicht, nehme man eben die Ausgabe 1929/30, die sich ja auch in der letzten fast lückenlos aufgenommen findet.)

Sehr wohl hat aber Landschaft und Mensch jenen Bezug, der sich in "stammhaftem Gefüge" (Nadler) ausdrückt: als Mentalitäten, als Bezug eines landschaftlich (in etwa) abgrenzbaren Organismus zur Welt, zu den übrigen "Stämmen". Soweit sie auf den übrigen Sprachraum ausgreift tut sie es "als" geburthaft regionale Literatur.**

Sodaß sich auch kulturelle Eigenheiten ausdrücken, die für Nadler bemerkenswerte Schlüsse auf die Entwicklung der Literatur (bezogen auf die Rolle der Sprache) ermöglichen. In der sich auf den gesamten Sprachraum bezogen klare Positionen ausmachen lassen, sodaß sich das Bild der gesamten deutschen Literatur nur vor dem Hintergrund dieser Spannungsfelder ausmachen und verstehen läßt.



*(Was wichtige Implikationen die Kunstrezeption betreffend hat)

**(Das nicht zu tun könnte man vielfach der Gegenwartsliteratur vorwerfen, die selten noch von einem Selbstsein ausgeht, sondern sich unmittelbar an einen abstrahierten, bodenlosen Gesamtsprachraum richtet, deshalb nicht zufällig dort erfolgreich ist, wo sie in "Ereigniszentriertheit" einfach raumlos und damit abstrakt charakterlos ist, nicht selten eine Persönlichkeitsstruktur in ihren Figuren aufweist, die selbst bereits abstrakte Fiktion ist, oder sich in inneren Wortgeräuschen erschöpft, also gar keine Welt mehr trägt. Und ihre Leser dort findet, wo diese Zweitwirklichkeit einer Sprache, die gar keinen Boden mehr findet, bereits dominierendes Selbstelement ist.)


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Dienstag, 14. Dezember 2010

Den Rhythmus tragen

"Du sollst nicht den Baum singen, der Baum muß sich singen. Die Eigenbewegung der Vorstellung und die Eigenbewegung des Rhythmus müssen sich decken. Eigenbewegung der Vorstellung ist folgerichtiger Fortgang des Erlebnisanstoßes, gewissermaßen natürlicher Ablauf des Gehwerkes im Leibe der Vorstellung. Eigenbewegung des Rhythmus, das ist der einer Sache innewohnende Rhythmus, Bahnfahrt, Dreschen, müdes Gehen.

Beide, Vorstellung und Rhythmus, haben den Trieb fortzuschreiten ohne sich zu wiederholen"

"Werte keinen Vorgang ästhetisch. Nenne alles bei seinem Namen. Übertragene Worte darf es nicht geben. Der Dichter ist gänzlich unverwickelt, alltäglich, bürgerlich, wie auch [Langbehn] wollte. Kunst ist niemals Selbstzweck, sonder nichts als Betätigung des Künstlers. Die Kunst an Stelle der Religion setzen ist Gotteslästerung. Kunst ist bestenfalls Herberge auf dem Wege zu Gott. Natur ist eine höher Kunst und einziger Wertmesser der, daß ein Gedicht der Werdestufe des Dichters gemäß sei."

Josef Nadler über Otto zur LInde, bzw. diesen zitierend

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Mittwoch, 24. November 2010

Weltsprache, nicht Mundart

"In Wahrheit lebt in [dem Schriftsteller] Groth das Niedersächsische, das niemals aufgehört hatte, Schriftsprache zu sein, zu neuem Selbstbewußtsein auf. Was heißt Mundart und was Sprache? Mundart ist Spielart einer sprachlichen Grundform. Doch weder das Alamannisch Peter Hebelsnoch das Bayerisch Franz Stelzhamers noch das Sächsisch Klaus Groths sind Mundarten in Beziehung auf das Gemeindeutsch. 

Es sind Sprachen mit eigenem Auftrieb zur Literatur, nicht weil sie etwas von verwandten Zungen weit genug abstehen um aus eigenem Vermögen zu klingen, oder gar weil ihr Bereich sich mit eigenen Staatsgrenzen deckt, sondern weil sie geistiger Abdruck eines weiten völkischen Organismus sind, der für sich leben könnte und gelebt hat. Es steckt nicht im Lautbestande, sondern im Volkswesen, das aus ihnen redet.  

Wie vermessen die Sprache eines Volkes, das sich von Britannien und Nordamerika aus zwei Weltreiche schuf, die Sprache, deren Urform fortgewachsene Weltsprache wurde, Mundart zu nennen zugunsten des Mischerzeugnisses, das aus den Kanzleien kam und nach dem Tonfall fremder Sprachen gebildet wurde."

Josef Nadler zur Entwicklung der Volksliteratur in Sachsen im 19. Jhd.

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Samstag, 20. November 2010

Dem Medium gemäß

"Es sind tragische Dichtungen, ohne inneren Zwang zur Bühne. Nach seinem Grundsatz, Göttliches aus der Erde zu entwickeln; nicht Körperliches zu vergeistigen, sondern Geistiges zu verkörpern, bieten diese Dichtungen ein Höchstmaß von Weltgedanken an einem Mindestmaß von Weltstoff. Sie sind wie Uhrwerk unter gläserner Glocke. 

Und wie bei Grabbe sind es zweckvoll gegliederte geschichtliche Aufzüge, nur nicht berichtet, sondern gesprächsweise ersichtlich gemacht. [...] Und die angelsächsische Verserzählung von Geoffrey Chaucer bis George Lord Byron wäre ihr gemäße sächsische Form gewesen. Sie sind nicht dem Auge empfangen und können daher nicht geschaut, sie müssen gehört werden. 

Wie in den sächsischen Geschichtsschreibern so sättigte sich auch in Hebbels tragischen Gedichten der Wille zum Staat, denn sie erhöhten Staat und Gesellschaft über das Einzelwesen."

Josef Nadler über Friedrich Hebbel

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Freitag, 17. September 2010

Mit Staatsidee - Fülle

Es ist auch der Schlüssel zum Verständnis des 18. und beginnenden 19. Jahrhunderts, das für Deutschland und Österreich ein Zeitalter unglaublichen geistigen Schaffens war. Und die Frage, zu der sich die Antwort augenblicks wandelte, lohnte eine Untersuchung, ob es dafür nicht Parallelen in der Geschichte gibt, ob sich diese Disposition nicht ständig zeigt - dann, wenn nämlich ein Volk - aus einer Phase der Suche und Orientierung - um seine Staatswerdung ringt! In dieser höchsten Spitze des Menschseins aufgehangen, befeuert und getrieben vom und zum Höchsten, das der Mensch zu leisten vermag, lag nämlich eine geistige Befreiung zur kulturellen Großtat, die weiterer Beschreibung nicht bedarf!

Befeuert, ja getrieben von der Idee des Eigenen, vom Suchen nach Wegen, dieses Eigene darzustellen, zu konstituieren, in einem Staat auszudrücken, wuchs der Schmelztiegel "Romantik" zu einem Vulkan der Kultur. Alle die Namen, die wir als Fundament unseres Selbstseins betrachten, als Ausweis des uns Möglichen, von Mozart, Beethoven, Goethe, Schiller, ja wo wäre ein Ende mit den Namen, sie alle wurden letztlich aus dieser einen einzigen Idee heraus befeuert und geboren, und wenn nicht direkt, so indirekt, aus allem, was herum geschah.

Aus dem, was sich geschichtlich als Ringen um einen Staat fand, zu dem sich Gleiches zusammenbinden wollte, weil zu sollen meinte. Weil der Staat als Ausdruck und darstellender Organismus des seine Bewohner Verbindenden, Vorhandenen begriffen wurde. In einem neu entstehenden Deutschland, in einem neu entstehenden Österreich (das sich ja spätestens ab 1804 ebenfalls neu zu definieren begann), in den Nationalstaaten rundum, so vielschichtig auch alles zu verstehen ist, das da geschah. Staat hieß hier logische, fast unausweichliche Folge des bewußt gewordenen Gemeingeists.

Wieviel wird durch diese Erkenntnis doch erhellt, wie sehr taugt sie als Schuhlöffel, um in der Geistesgeschichte der Völker, unseres Volkes, nach Zusammenhängen dieser Art zu suchen, und sie nicht nur mit einem Mal zu sehen, sondern ein Gefühl zu erleben, als hätte man in das Innerste eines bislang welchern Apparats geblickt.

Augenblicks auch wird einem verständlich, was in den 1920er, 1930er Jahren geschah, als diese Kräfte erneut eine Gestalt suchten. Und aus dieser Feuerquelle heraus so gewaltige Geistesleistungen zeugte wie gebar. Gerade in Österreich - was nicht nur gerne vergessen, sondern so oft denunziert, verleumdet wird. 

Aber bis zum heutigen Tag (!) lebt die Wissenschaft der Politik und der Wirtschaft, der Staatsgestaltung, des Naturrechts, von den Leistungen gerade aus Österreich. Und auf künstlerischem Gebiet? Wer den Gedanken Hollywood ausspricht, und dies nur als plakativstes Beispiel, kann es nicht tun, ohne die ungeheure Riege an Österreichern, die im Film der ganzen Welt eine neue, und historisch maßgebliche Kunst des Darstellens formte. In Namen wie Billy Wilder, Fred Zinnemann, Robert Altmann, Fritz Lang, etc. etc., Ausfluß einer Kunst die gerade in Österreich eine heute kaum begreifliche Dimension angenommen hatte, unabhängig von allen Furchtbarkeiten, die in den späten 1930ern eintraten. Und die als Pervertierung, gezielten Frevel all des Guten anzusehen ist, das sich da anschickte, wahrhaft schöpferisch zu sein.

Bis aus diesem Ringen dann - ein Staat erwuchs, und die Politik, das Dasein selbst, das jeden Einzelnen betrifft und betraf, ans Tageslicht trat, und alle Kraft benötigte, allen schöpferischen Willen an sich band. Ehe er sie, zuzeiten, wieder entließ ... und sei es, in die Katastrophe stieß.

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Jedes Zeitalter, meint Josef Nadler einmal, hat nur eine begrenzte Menge an schöpferischer Kraft zur Verfügung. Es ist eine jeweils historisch zu entscheidende Frage, wohin diese Kraft fließt. Wird es in der Kunst verbraucht, so bleibt für den Staat und die Wissenschaft nur Ausschuß. Saugen Staat und Wissenschaft das Zugemessene auf, so feiert der Kunstbetrieb.
 
Jedes Zeitalter setzt die verfügbare Lebenskraft dort ein, wo die Not brennt. Diese Brandherde wechseln den Ort von Geschlecht zu Geschlecht; sie liegen bald im Umkreis des Wissens, bald in dem der Kunst, der Wirtschaft, des Staates. Darum muß die Frage lauten: auf welchem Felde war Brache und auf welchem die Reihe an der Arbeit. Dann wird sich zeigen, ob die staatsschöpferischen Kräfte sich künstlerisch oder wirtschaftlich entladen oder ob künstlerisches und wissenschaftliches Vermögen sich staatsbürgerlich befriedigt. Und so wird denn der künstlerische Wille oft genug nicht in den überlieferten Kunstformen wirksam, die man erfahrungsgemäß erwartet, sondern etwa im Entwurf und Werk und Beihilfe einer großen staatlichen Schöpfung.

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Aber, kann man hinzufügen, es geschieht im Dialog mit den höchsten Ideen - die Staatsidee ist im Wirken in der Welt gewiß die höchste, und sie betrifft in ihrer Dimension jeden Bürger, der in ihr seine größte Möglichkeit hat.

 
 
*170910*

Was den Schauspieler bildet

"Bei dem besten Willen und schönsten Ideen einzelner Männer fehlt es einer kleinen Stadt an einem Publicum, welches die großen Verhältnisse des Lebens aus Erfahrung kennt und einen anschaulichen Begriff hätte von dem Wesen und der Art außerordentlicher Menschen, wie besonders der Tragiker sie darstellen soll. 

Die Sitten ihrer Bewohner sind ängstlich abgemessen und werden vielmehr bizarr in ihren Äußerungen sein, als daß sie durch die Welt und durch bedeutendes Wirken auf dieselben eine lebendige Gestalt und eine gewisse freie Beweglichkeit erlangt hätten. Nach welchen Mustern kann also der Schauspieler dort seine Darstellungen bilden? Ist es nicht wahrscheinlich, daß er in der Regel ebenso manieriert und kleinstädtisch sein wird als es seine Umgebung ist."

Josef Schreyvogel über die Auftritte von Weimarer Schauspielern in Wien Anfang des 19. Jahrhunderts und über Zusammenhänge von Schauspiel(er) und Realität eines Ortes.

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Das Schauspiel einer Zeit ist das wirkliche Spiegelbild der menschlichen Haltungen jenes Ortes, an dem es stattfindet. Das kann gar nicht anders sein, und das muß auch so sein. Hier kann "Internationalisierung" also schwersten Schaden anrichten, und einer der beklagenswertesten Umstände ist, daß die internationale Fernsehunkultur auch die Urteilskraft der Menschen so schwer beschädigt hat.

Der Schauspieler muß zwar nicht aus dem Ort kommen, wo er spielt. Er muß aber die Menschen dieses Ortes in sich tragen, um Identifikation zu ermöglichen: das allgemein Menschliche muß in jener Form erkennbar sein, die es in dieser Stadt eben angenommen hat. Das kann nicht einfach angezogen werden wie ein Rock, so wird's nur zur symbolistischen Stilisierung, bestenfalls, wenn auch ein so oft durch das tägliche Theater im Wohnzimmer, auf fünfzig mal achtzig Zentimeter, verbildetes Publikum gar nicht mehr mehr zu verlangen scheint - nein, das muß gelebt, erkannt, im Besitz sein.


*170910*

Mittwoch, 15. September 2010

Eulen nach Athen

"Doch die Romantiker, die als neubekehrte Christenbekehrer dem gläubigsten Volke Glauben predigte, die ein Volk "national" machen wollten, das seit 1500 und wie oft gegen die eigenen verwelschten Volksgenossen für die deutsche Sache blutete und eben allein noch mit unbeflecktem Schilde aufrecht stand, die eben diesem Volke nach hundertfünfzig Jahren Barocktheater von spanischen Dramen und italienischen Märchen erzählten, die befanden sich hier in einer so schiefen Stellung, daß nur Wunder nimmt, wie die schlagfertige Wiener Parodie sich des dankbaren Vorwurfs noch nicht bemächtigt hatte."

Josef Nadler über die Bemühungen und Haltungen deutscher Romantiker, allen voran Friedrich Schlegel, bei ihrem Aufhalten und Wirken in Wien 
zu Anfang des 19. Jahrhunderts

 
*150910*

Dienstag, 14. September 2010

Wirkungslose Zensur

Aus mancherlei Quellen wird deutlich, daß die vormärzliche Pressekontrolle, die "Zensur" der kaiserlichen Stellen unter Metternich, davor, danach, ja gar nicht als solche funktionierte.

Nadler schreibt in seiner Literaturgeschichte sogar, daß nicht ein Werk verhindert wurde, sondern die Zensur hatte lediglich Auswirkungen auf den Stil der Schreibenden. Die lernen mußten, sich so auszudrücken, daß ihre wirklichen Aussagen verdeckt und hinter Zweideutigkeiten unangreifbar und versteckt waren. "Aber sie hat das gesamte Schrifttum weder verfälscht noch gewandelt."

Selbst zerstörerischeste Literatur (wie Feuerbach's Bücher) wurden gedruckt. Sehr zur Verwunderung der Franzosen, zum Beispiel. Beranger meinte, daß in Österreich Literatur gedruckt würde, die den Autor in Paris "auf den Mont Michel" (Verbannung) bringen würde.

"Die Frage der Preßaufsicht ist für das Schrifttum des frühen neunzehnten Jahrhunderts eine Frage des Stils und der Lesarten. In Sachen des freien Gedankenwuchses spielte sie keine Rolle."
 

*140910*

Mittwoch, 18. August 2010

Rechtmäßigkeit ist Freiheit

Völlig zu Unrecht wird Schiller, sieht man von Jugendsünden ab, als der Künder des Individuums gefeiert, das sich gegen die Ordnung auflehnt. Vielmehr muß gelten, betrachtet man seine gesamten mittleren, späteren Dramen, daß Schiller die Legitimität der Ordnung über alles stellt. Sein Auflehnen ist nur ein Auflehnen gegen die ungerechtfertigte Regierung.

Ob in Maria Stuart - "Regierte hier Recht, lägest du vor mir auf den Knien, denn ich bin dein König!" - oder Johann von Orleans - "Hier steht die Gottgesandte, die Euch den angestammten König wiedergab!" - zu Wallenstein - "Das Jahr übt heiligende Kraft; sei im Besitze, und du wohnst im Recht, und heilig wird's die Menge dir bewahren." - Geht es ihm immer sehr deutlich um die Beseitigung aller Illegitimität, und die Herstellung eines in heiliger Ordnung fundierten Ordnung. Selbst im Freiheitsdrama par excellence, im Wilhelm Tell, heißt es: "Ein Oberhaupt muß sein, ein höchster Richter, wo man das Recht mag schöpfen im Streit."

So stellt sich Schiller's Freiheitskampf als Kampf gegen die Usurpateure der Macht dar, um die heilige und alte Ordnung wiederherzustellen - nicht, um eine neue zu schaffen. Die Mißstände der Gegenwart sind in der Ungemäßheit der Regierung gegründet. Sie fortzuschaffen heißt, dem Volke den Weg freizumachen zu seiner Natur gemäßen Gestalt - und erst dann kann sich Schönheit und Glück einstellen.

Nicht vergessen darf man, daß Schiller alle diese Dramen in einer Zeit schrieb (1798 bis 1805), in denen überall in Europa von einem Usurpateur, Napoleon, die alten Ordnungen beseitigt wurden. Der Glaube an die Kraft der Rechtmäßigkeit des im Gestern sich zeigenden Ewigen, Echten, das den Daseinsgrund gar bietet, hat die Unterjochten aber überleben lassen.

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Nadler weist darauf hin, daß Schiller Wallenstein sogar sprechen läßt:

Ein unsichtbarer Feind ist's, den ich fürchte
Das ganz Gemeine ist's, das ewig Gestrige,
Was immer war und immer wiederkehrt
Und morgen gilt, weil's heute hat gegolten.
Denn aus Gemeinem ist der Mensch gemacht,
Und die Gewohnheit nennt er seine Amme.
Weh dem, der an dem würdig alten Hausrat
Ihm rührt, das teure Erbstück seiner Ahnen.

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Ja, es verklärt sich sogar - himmlische Mächte steigen dann schon hernieder, um für den rechtmäßigen König einzutreten und zu kämpfen. (Johanna von Orléans) Ein bemerkenswert barocker Gedanke, übrigens, auf den zu Schiller - mitten in der Romantik rund um ihn - sich hingearbeitet hat. Und nicht nur inhaltlich - die Jungfrau ist schon als Textmatrix angelegt, auf die Musik und Chöre (Massenszenen, auch im Tell!) gesetzt werden sollen. Schiller steht (wie Grillparzer) damit am Höhepunkt der Theaterkunst aus Humanismus und Barock.



*180810*

Montag, 12. Juli 2010

Naheliegend

Es sind oft die einfachsten Verbindungen und Schlüsse, die naheliegendsten, die man aber übersah - so, als ich bei Nadler ("Geschichte der Literatur der deutschen Stämme und Völker") den Satz las, daß Entwicklungen immer von und in jener Landschaft anheben, in der sie stattfinden.

Nadler behauptet, und seine Behauptung ist nur noch ein Schlußstein unter so vielem, dem man vorbehaltlos zustimmen konnte, daß es Unsinn ist, davon zu sprechen, daß die Aufklärung "von Frankreich her über uns gekommen" sei.

Einen Schmarren ist sie. "Die Menschheit ist keine Herde von Affen, die geschichtlich handeln, indem sie wechselweise Geschichte vor- und nachmachen."

"Es sind nur ältere Bewegungen, die auf jüngere treffen, die wir als "von woher kommend" einstufen," schreibt er weiter, und zitiert Leibniz: "In die Seele kommt nichts von außen hinein. Sie wird sich lediglich dessen bewußt, was sie hat." Die Aufklärung in Deutschland (worunter in diesen Zusammenhängen natürlich immer auch Österreich - samt den ehemaligen Ostgebieten Preußen, Schlesien, etc. - gemeint ist) hat sich seit Jahrhunderten vorbereitet, und sie kam in drei Wellen, in denen jeweils dieselben Gedanken - aus identifizierbaren Wurzeln und Geisteshaltungen - eruptierten, in der "Aufklärung" (ein Begriff, den Klinger schuf) dann ihren endgültigen Ausdruck fanden und einen Bogen bilden, der um 1400 bei den böhmischen Hussiten ansetzt, um 1600 als mystisch-neuplatonische Gedankenmasse, und um 1800 als Romantik seine Vollendung findet.

So wie sein Gegenbogen sich um 900 im Klassizismus erhob, und über die Scholastik um 1500 sich im 19. Jahrhundert schloß.

Die deutsche Aufklärung aber war eine Frucht der Entwicklungen in den deutschen Siedlergebieten - Baltikum, Preußen, Schlesien, und vor allem Böhmen. Alle (!) ihre maßgeblichen Denker und Dichter kamen entsprechend auch von dort.
                                                                           

*120710*

Montag, 5. Juli 2010

Nicht einmal eine Legende

Willy Andreas schreibt es in seinem im übrigen sehr empfehlenswerten Buch "Deutschland vor der Reformation" ganz klar und deutlich, und niemandem wäre es eingefallen, überhaupt jemals daraus gar eine "Volkslegende" zu machen - die Idee mit der "Päpstin" entstammt dem Stück "Die Päpstin Jutta" aus der Feder des Thüringer Dichters und Priesters Dietrich von Scherenberg. Das Josef Nadler in seiner Literaturgeschichte als häufig aufgeführt nennt.

Es war ein Spottstück, das in erster Linie den Zweck verfolgte, auf die große Barmherzigkeit Gottes hinzuweisen, der selbst solche Vergehen - Amtsanmaßung und Unzucht - noch so gnädig beantwortet. Der Kern der Geschichte war ja nicht "Feminismus", quatsch, sondern die Käuflichkeit des Amtes, die sogar einer Frau den Papststuhl ermöglichte: WAS FÜR EINE SCHANDE! Eine Frau am Papstthron!

Erst nach der Reformation wurde das Stück gegen das Papsttum ausgespielt - als bewußte Waffe, die Verwirrung stiften, damals aber vor allem: das Papsttum lächerlich machen und seine Autorität im Volk, die stärkste Bastion gegen den neuen Glauben, untergraben sollte. Latent romfeindlich war ja die Stimmung in Deutschland ohnehin, und nicht einmal alleine durch das Verschulden der Kirche selbst, sondern auch durch die Geldgier der Städte und Fürsten und des Kaisers selbst, die sich gerne der kirchlichen Autorität bedienten, um abzukassieren. Gerne unterstützten sie selbst die Ablaßkisten, die in vielen Kirchen aufgestellt wurden, um sich bei Gelegenheit daraus zu bedienen. Den Haß zog sich ohnehin die Kirche zu.

Gerade die Literatur war bald unerschöpfliche Agitationsquelle die Hohn und Spott über die Priester und den Papst ergoß. Das einzige, was Andreas dazu bemerkt ist, daß sich die Kirche diese Posse (um die "Päpstin Jutta") stets erstaunlich ruhig gefallen ließ, und nicht wirklich energisch dagegen eingeschritten war. Der Gedanke einer "Päpstin" steht dem Wesen des sakramentalen Priestertums und damit des Papsttums (natürlich auch heute) so entgegen, daß es jedem denkenden Menschen gar nicht vorstellbar war, daß so eine Idee überhaupt jemand ernst nimmt. Es war eben ... eine Verspottung.


*050710*

Sonntag, 4. Juli 2010

Ein Gärboden

Man könnte es sehr nüchtern sehen - das hinter einer freikirchlichen Mystik Stehende, abstrahiert man aus dem, was sich zu Ende des 15. bis ins 16. Jahrhundert im thüringischen Erzgebirge abgespielt hat, im Grenz- und Mischgebiet zu Böhmen.

Das erste deutsche Bergbaugebiet, vom Herzog in Meißen als Gewerbe freigegeben, und dann wurde auch noch Silber gefunden. Eine Goldgräberstimmung setzte ein, Orte wurden über Nacht gegründet (Annaberg!), errichtet. Und in dieser Stimmung aus Gier, Neid und Angst wuchs viel Sumpfblüte aus einem neuen reformierten Glauben, der keine Obrigkeit und keine Gemeinschaft mehr dulden wollte.

Also hatte jeder seinen eigenen Draht zu seinem Gott, in allem Bangen, Hoffen, und Reichwerden, und Verarmen. Unsummen wurden gespendet, alleine in Annaberg eine Marienstatue um damals zehntausend Mark, ein Vermögen, in diesem zwiespältigen Gefühl des Gottesdienstes und der Sühne und des Opfers, um die Gunst zu zwingen.

Und daneben das tief ehrliche, einfache Handwerk, das sich auch dort ansiedelt, mit ganz spezieller Kundschaft und Erzeugnissen. Mit dramatischen gesellschaftlichen Unterschieden, vom größten Reichtum Sachsens, bis zur tiefsten Armut. Jeder konnte durch Glück von heute auf morgen auf die andere Seite fallen, so wenigen auch Reichtum glückte: die Möglichkeit alleine zählte. Und erstmals taucht Proletariat auf, "der Arbeiter" als Stand, arm, schlecht bezahlt, am unteren Ende der Skala.

Der Nährboden auch für die mitteldeutschen mystisch-protestantischen Bewegungen, Bruderschaften und Schwärmerkirchen, im Einflußgebiet auch der böhmischen Hussiten und Nikolaiten, ja sogar die Geißler halten sich hier erstaunlich lange, bis 1520 und länger. Dann kam noch Thomas Münzner, die Brandwut der Tschechen - und der Funke flog. Luther war ihnen nicht mehr radikal und konsequent genug. In Münzer loderte die Mystik auf, innere Offenbarung war alles. Nur der sei Gott würdig, der ihn gehört oder gesehen.

Freie Liebe, völlige Zügellosigkeit, das sinnenbetörende Evangelium von der Erhöhung der Niedrigen, die Taboritenwut, man müsse die Ungläubigen mit Feuer und Schwert ausrotten, riß die Arbeitermassen hin - alleine die zweihundert Tuchmachermeister beschäftigten eine Unzahl von ihnen, darunter Böhmen und Österreicher. Und von den Tuchknappen sprang der Funken auf die Bauern über.


*040710*

Freitag, 2. Juli 2010

Nicht Luther war's

Josef Nadler ist in seinen Schriften keineswegs der Ansicht, daß das "moderne" Deutsch, das Neuhochdeutsche, wie es sich bis heute seine Bahn brach, von Luther "geschaffen" wurde, wie eine Mär gerne verkündet.

Vielmehr war es eher umgekehrt, und Nadler belegt das recht glaubwürdig. Luthers Deutsch war thüringisch-ostthüringisch und hinkte hinter dem modernen Deutsch der Meißner Druckereien, das wiederum vom Prag Karls IV. her so geprägt war - Kanzleideutsch, in dem im 15. Jahrhundert zunehmend auch kaiserliche Schriftstücke und Dokumente verfaßt wurden - kräftig hinterher. In Luthers frühen Schriften wurde von den Druckern Meißens deshalb noch kräftig verbessert, wenn auch die Satzstellung lutherisch geblieben war.

Ab 1530 war Martin Luther sichtlich bemüht, sich der längst abgeschlossenen Sprachentwicklung Ost-Mitteldeutschlands anzuschließen - frei nach seinem Leitsatz, daß man sich der Sprache bedienen sollte, die am meisten bewirkte, und das war eine allgemeine Hochsprache allemal. Die er dann für seine Bibelübersetzung benutzte, die auch keinesfalls die erste war, wie verschiedentlich gemeint wird.

Und so war es Luther nur indirekt - in seinen Schriften. Als Träger, aber nicht als Inititator des modernen Deutsch. Das in Prag (das tschechischer Nationalismus umprägte) wieder verkümmerte, sich aber aus Meißen heraus - das sich Prag gleichgestimmt hatte - in ganz Deutschland verbreitete. Meißen, erst die Stadt, dann das Land, nicht einmal die Buchhandelsstadt Leipzig, das als katholischer Pfeiler aus dieser Dynamik vorerst sogar ausgeklinkt blieb, ehe auch dort die "neue" Bildung des Humanismus Einzug hielt, war es also zuerst, das begonnen hatte, eine deutsche Zentralkultur und -literatur zu etablieren, weil dort die große geistige Befreiung stattfand, deren wichtigster Proponent Luther war.

In seinen (erstmals: staatlichen!) Schulen und Universitäten, und wo etwas wie eine deutsche Nationalliteratur geboren wurde. An der Schnitt- und Kittstelle des "alten" Deutschlands und den neubesiedelten Ostgebieten, bis zur Memel hinauf, die in ihrer Nationalkraft die Vereinheitlichung der Schriftsprache vorantrieben.


*020710*

Montag, 21. Juni 2010

Ein Geist - eine Literatur

Es ist etwas Bemerkenswertes um die Entwicklung des Schrifttums eines Volkes, und es läßt sich sehr gut rund um die parallel sich entwickelnden Bünde der Hansa - und der Schweizer Eidgenossenschaft ablesen.

Beide entstanden zur gleichen Zeit. Doch in der Schweiz begann sich sofort ein reges historisches Schrifttum abzuzeichnen, das sowohl die Entstehung des gesamten Bundes, wie die Geschichte der einzelnen Städte, bereichert durch noch zahllose weitere Geschichtswerke, darstellte. Sofort wurden die jeweiligen Legenden und Sagen gesammelt, umgeformt, und wieder umgeformt, sofort wurde alles ge- und begründet in historischer Entwicklung und Vorsehung, sofort wurden die Wurzeln der Gegenwart gesucht, gesammelt, bewahrt.

Ganz anders die Hansestädte. Ungleich reicher, ungleich mächtiger, zeichnet sich bis ins hohe 15. Jahrhundert, als die Macht der Hanse bereits verfiel, nichts ab, was man als Literatur ansehen könnte, die aus dem Volk selbst stammt. Lediglich im Auftrag der Verwaltungen verfaßte Chroniken, häufig Weltchroniken, die von Mönchen und Klerikern verfaßt wurden, sind zu bemerken, da und dort auch schon einmal in die Volkssprache übertragen. Aber sie bleiben vereinzelt, und sie zeitigen keine Nachahmung, trotz allen Wohlstands. Oder gerade: wegen?

Es hat keinen gemeinsamen Geist gegeben, wie in der Schweiz, aus dem alle geschöpft hätten.



*210610*

Donnerstag, 10. Juni 2010

Erschütternde Wirkung

Im Theater des Barock, dessen unzweifelhafte Blüte in München, noch mehr aber im Wien des 17. Jahrhunderts lag, konzentrierten sich sämtliche damaligen Bühnenmittel und geistigen Anlagen.

So beschreibt Josef Nadler es, wenn er über einen der Meister des barocken Dramas, Jakob Bidermann, zu sprechen kommt. Dessen Drama "Cenodoxus, der Doktor von Paris" griff 1609 das heikle Thema auf, ob die bloße seelenlose "gute Tat" zur Erlangung der Seligkeit genüge. Denn Cenodoxus galt dem Volk als Heiliger aufgrund seiner Wohltaten.

Bidermann bringt das Geschen auf eine doppelte Bühne - oben spielt der Himmel, wohin die Seele des Sterbenden und dann Verstorbenen zu kommen wünscht, unten liegt der Leichnam des Arztes - das Publikum sieht also im Doppelspiel das irdische Wirken, und oben die himmlische Bewertung. Und Bidermann zeigt, daß es auf mehr ankommt als auf bloße Werke, denen kein magischer Seligkeitsanspruch anhaftet. Selbstliebe ist das einzige und eigentliche Motiv, ist die Aussage.

So sehr erschüttert die Aufführung (1609), daß sich nach Spielschluß vierzehn junge Adelige - betäubt und zerknirscht - stante pede zum Eintritt in ein Kloster entschließen.

Solche Wirkung, schreibt Nadler, sei im Rahmen des Barocktheaters keinesfalls aber selten gewesen, und es würde öfters über ähnliche Ereignisse berichtet.



*100610*

Samstag, 24. April 2010

Und ein Volk vergaß seine Vorzeit

Mit der gewaltsamen Einigung aller Germanen unter den Franken - unter Karl dem Großen - brachen alle die vielen, ja zahllosen kleinen Fürstenhöfe zusammen und wurden bedeutungslos, lösten sich gar auf.

Mit ihnen aber wurden auch all die Bänkelsänger und Dichter brotlos, die an ihnen so selbstverständlich gedient hatten! Einst feste Bestandteile einer gesellschaftlichen, festgefügten Ordnung, die für sie Platz und Aufgabe hatte, fielen sie ins Bodenlose, ins Nichts, ins Volk, wo man ihnen noch zuhörte. Aber so verloren sie sich auch in der Menge, wenig geachtet, von den Großen des Reiches vergessen, verdrängt von den neuen Sendboten eines neuen Glaubens. Ja, mit dem Neuen kam sogar eine neue Sprache, romanisiert, den Stoffen entsprechend, die nun dominierten.

In der althochdeutschen Sprache kam ein "Kolonialstil" der Germanen auf, die auf römischem Boden ihre Kultur verändert hatten. Das Germanische, einem rasanten Lautwandel unterworfen, starb aus. Das Althochdeutsche siegte - eine Sprache, die aus dem Lateinischen entstand, das die Zuwanderer sprachen, die sich dem Germanischen anpaßten - dort, wo Römisches Reich zu Deutschland wurde.

Ja, auf dem Gebiete Galliens kam es aus der engen Verbindung der Franken mit den Romanen allmählich überhaupt zur Herausbildung eines neuen Volkes, das seine antikische Bildung, einschließlich des Reichsgedanken, dankbar von den Lateinern übernommen hatte. Selbst ihr Recht zeichneten die germanischen Franken - die Heerführer und Soldaten ihrer Gastgeber, der Römer - in lateinischer Sprache auf. Karl der Große führte schließlich einen Gedanken von Julius Cäsar weiter, der bereits von einer Lebenseinheit aus römischem und germanischem Volk geträumt hatte.

Und so verloren sich all die Heldenlieder und Balladen und Gesänge und Geschichten und Mythen, sanken sterbend binnen Jahrzehnten ins Nichts des Vergessens. Nur ganz wenig ist überliefert.




*240410*

Donnerstag, 22. April 2010

Aus fernen Zeiten ward berichtet

"In dieser Zeit gab es nur einen Stoff; er war Gemeingut wie Luft und Licht, in natürlicher Entwicklung nach den ewigen Gesetzen geistigen Trennens und Lösens, Verbindens und Schaffens erwachsen. Die Form war fest und kunstvoll geschmiedet, ein Becher, mit dem man nur zu schöpfen brauchte.
Dichten hieß erhalten und liebevoll hegend weitergeben, was allen gehörte und niemandem. Der Dichter war der Mundschenk, der den Wein in kundiger Wahl zu reichen hatte. In angemessenem Tonfall trug er sein Lied in rhythmischer Harfenbegleitung vor. Da waren alle Küsnte vereinigt: Tonkunst und Wortbild und die dramatische Weise, in einfacher, gewaltvoller Verbindung und Wirkung, was man in späten Jahrhunderten erst durch mühsame Arbeit zu verknüpfen suchte.

Und statt des einsamen Lesers eine Versammlung gleichgestimmter Zuhörer, statt des gelegenheitslosen Genießens der kommenden Geschlechter ein dichterisch gehobener Tagesabschnitt - festliches Mahl und frohe Gemeinschaft-, eine Jahreswende - Fest und Opfer - , oder der ernste Markstein eines Lebens - Hochzeit, Totenfeier - aber immer eine Gelegenheit und ein Anlaß.


Um was wir die Griechen so beneiden, das hat das deutsche Volk einmal schon besessen, in den Hallen der gotischen Fürsten, an den einfachen Höfen der Franken und Sachsen, Alamannen, Thüringen und Bayern, selbst an Attilas glanzvollem Fürstensitz, wo gotisches Leben und germanische Lieder heimischer waren als in Ravenna und Aachen
."


Josef Nadler in "Literaturgeschichte der deutschen Stämme und Landschaften" über die Rolle der Literatur bei den Germanen
vor dem Jahre 800.



*220410*

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Österreichische Hochzeit

Es gab Zeiten, da war in Österreich, vom Etsch bis nach Preßburg, und dem südlichen Deutschland, kein Ort, kein Dorf, keine Stadt, ohne ihr eigenes Theater, ohne ihre Festspiele, ohne ihre Volksspiele. Und immer wieder als Strahlungspunkte die Klöster, deren Theaterszene im 18. Jahrhundert kulturprägend war.

In Tirol alleine lassen sich innerhalb eines halben Jahrhunderts, 1750 bis 1800, an über einhundertsechzig Stätten, über achthundert Volksaufführungen zählen. Staatstragödien, Opern aus Italien und Deutschland, Weltgerichtsspiele, Legenden, Komödien, Tragödien, Fastnachtsspiele ... Und es spielten die Bürger vor Ort, die Schmiede und Zimmerer und Köhler und Holzschnitzer und Müller und Bergleute. Wenn in Hallein im Winter die Salzach vereist ist, spielen die Schiffer Theater: in Wirtshäusern, auf Schlössern, und sie werden als Schauspieler berühmter denn als Salzschiffer.

"Der Tiroler Bauer hat in diesem halben Jahrhundert einfach alles gesehen, was seit 1600 über deutsche Bühnen, vieles, was in dieser Zeit über europäische Bühnen gegangen war." (J. Nadler)

1690, sieben Jahren nach der Belagerung Wiens durch die Türken, war alleine in Niederösterreich Kara Mustapha auf zwanzig Bühnen "Titelfigur". Josef Nadler vergleicht diese Zeit mit der Blütezeit Attikas, wo ebenfalls das Theater eine ähnliche Rolle gespielt hat: Als Bannen des Dämonischen, Übermenschlichen, Dunklen, indem man ihm Form gibt, und sich in der Figur des "Hans Wurst", einer Kombination von Teufel und Narr, Distanz dazu schafft.

Mehr und mehr kristallisiert sich Salzburg als Zentrum heraus - und in diese Zeit hinein wird dort ... Wolfgang Amadeus Mozart geboren.




*211009*