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Mittwoch, 10. Oktober 2018

Der Mensch in idealistischer Selbstüberforderung

Dem VdZ gegenüber wurde einmal geäußert, er lebe "in ständiger idealistischer Selbstüberforderung". Natürlich war das als Vorwurf gemeint, der ihn nicht nur endgültig entwaffnen weil bis auf die Knochen bloßstellen sollte, sondern aus dem definitiven Grund heraus, daß der VdZ eigentlich überhaupt nichts weiter zu äußern habe, weil er eines nicht treffe: Die Realität. Während der Kläger ihn durchschaut und an Einsicht übertroffen habe.

Nun mag das nicht nur die Rede eines Jorge Bergoglio sein, sondern der VdZ weiß schon: Es ist die Rede einer ganzen Generation der Priesterschaft (und der Dunstkreis des Klägers ist eine solche), die einen eigentümlichen Begriff von "Realität" und "Realismus" hat. Einen Begriff, der damit meint, daß sich alles "auf sich selbst zurücksetzen" könne, nein müsse, um so fern jeder Selbstüberspannung, eben: entspannt, der Gegenwart zu begegnen. 

Das ist aber ein großer Fehler. Es ist der Fehler, den Ortega Y Gasset meint, wenn er schreibt, daß der Mensch in seinem Wesen "utopisch" ist. Damit meint Y Gasset nämlich nicht, daß er sich ständig "überfordern" und nie "er selbst sein" soll, sondern daß dieses Hinausspannen auf etwas, das den Menschen übersteigt, nicht nur dem Wesen aller Dinge entspricht - in der Selbsttranszendierung auf einen Ort hin, auf ein Ideal hin (ohne daß es mit Idealismus etwas zu tun hätte, denn Idealismus ist wiederum etwas völlig anderes als das Hinspannen auf eine Idee) - daß also dieses Hinspannen erst und überhaupt bewirkt, daß etwas es selbst IST. 

Was sich nämlich nicht auf die Idee von ihm (vereinfacht gesagt) hinspannt, IST überhaupt nicht.  Leben ist ein Hinspannen auf etwas Übersteigendes. Wer sich nicht "idealistisch selbst überfordert" lebt also nicht, sondern ist tot. 

Es gibt dagegen leider den Gebrauch, "Realismus" und Leben als ein "auf sich selbst zurücksetzen" zu sehen. Er ist überall weit verbreitet, drückt sich in dem ziemlich dummen Sätzchen "So bin ich eben" am plakativsten aus, und hat vor allem bereits Generationen von Künstlern auf dem Gewissen. Die Wirklichkeit und Realität damit verkürzen, daß sie der Gegenwart ihr eigentliches Lebensmoment, den des Hinausspannens auf ein Morgen, auf eine Utopie, auf eine Idee, abschneiden. Das Ergebnis ist nicht aber ruhige Selbstgewißheit aus der solcherart definierten Gegenwart hinaus - denn eine Gegenwart als statischen, zeitlichen Moment gibt es gar nicht, kein Mensch hat sie je gesehen - sondern ein Abschlaffen im Sinne eines Zurücksteigens, eines Degradierens, also einer Minderung. 

Nimmt man den Dingen (als allem, was es da als Welt und in Welthaftigkeit gibt) ihre Spannung auf eine Idee hin, nimmt man ihnen ihre Gegenwart, man nimmt ihnen buchstäblich ihr Sein. Denn wie schon Thomas v. Aquin sagt, ist das Sein ein Actu, ein Aktivum. Oder es ist nicht. Es ist eine Tätigkeit, kein ruhendes "eben so und so sein".  Und diese Tätigkeit besteht für alles Lebende darin, daß es, auf daß es überhaupt lebe, sich nach der Idee von sich ausstrecke.

Ein "Sei Du selbst" ohne Telos, ohne Ziel, ohne etwas auf das sich der Mensch hinstreckt, ist nicht nur "schwierig" (weshalb sich ja alle Menschen, die diese "Philosophie" von sich behaupten ständig so anstrengen müssen, was sie auf "die Gesellschaft", die "Tradition", den "Konservativismus" etc. zurückführen), es ist überhaupt unmöglich. Wer das OBEN (Ideal, Idee) aber ablehnt, das Bessere, auf das er sich hinstreckt, streckt sich nach dem Unteren. Er bleibt also nicht "in der Gegenwart" (im Realismus) stehen, nein, seine Utopie ist lediglich das Vernichten-Sollende als Ziel. Denn des Menschen Gegenwart ist lediglich der Punkt des "auf dem Weg seins" - hierhin oder dorthin - liegt in seiner Freiheit.

Was also als tödliche Waffe in dem erwähnten Vorwurf gemeint war, ist in Wahrheit eine erschütternde Selbstaussage eines Todes, den zu sterben der VdZ lieber noch einige Jahre oder Jahrzehnte hinausschieben wollte. Der aber leider, und zwar wirklich: leider enorm viele Menschen befallen hat.* Die meinen, es gäbe diesen Stuhl, auf den zurückzusetzen "Gegenwartsbezogenheit" und "Realismus" wäre. Aber ein solches Zurücksetzen gibt es nicht. Es würde Tod, also: nicht mehr leben bedeuten.

Damit also etwas "realistisch" sein kann, muß es sich nach sich selbst ausspannen, um sich so, in diesem eigentümlichen Tod den das Sein als Zustand bedeutet, in die Welt zu aktualisieren. Als Frucht einer Gnade, die nicht verdient, aber umso realer ist. In der Gegenwart leben heißt nämlich genau das: In der Gnade des Teilhabens am Sein zu leben, das je neu in die Welt hereinplatzt. 

Wenn die Kirche diese Sichtweise in vielen Fällen aufgibt, wird sie nicht zu einer "realistischeren Kirche", die also vermeintlich barmherziger wäre, weil sie nicht ständig "überfordere", oder an den anderen Forderungen stelle, die dieser nie erfüllen könne, sondern sie wird zu einer nicht mehr vorhandenen Kirche. Weil sie das Wesen der Weltwerdung nicht nur verfehlt, sondern durch das Wesen der Nichtung ersetzt.




*Im Besonderen hat es nicht nur die Kirche in Gestalt zahlloser "Seelsorger" befallen, sondern auch die Kunst, namentlich vor allem die Filmbranche, die Schauspielerei. Die durch diesen Verlust jeder Spannung, durch diesen vermeintlichen "Realismus" buchstäblich vor die Hunde geht und notgedrungen die Häßlichkeit - als das inkarnierte Ahnen des Nichts - zum Ideal erhoben hat. Also ohne es zu wissen erst recht eine Hinspannung lebt, aber diesmal als Hinspannung ins Nichts. 

Wer etwa die Filme eines Ulrich Seidl oder Andreas Prochaska gesehen hat, weiß, was gemeint ist. Interessanterweise weiß der VdZ aus persönlicher Erfahrung, daß genau dieses Ziel aber nie erreicht wird, weil gar nicht erreichbar ist, so daß an seine Stelle, also an die Stelle des Realismus, tatsächlich das Ziel des Häßlichen eintritt. Vor dem man dann fallweise doch wieder zurückschreckt (Prochaska; Seidl geht da brutal drüber, denn "Wahrheit ist ja zumutbar", und diese Realität sei ja die "Wahrheit" - nein, ist sie nicht!), und so weiter, und so fort. In Wahrheit weiß keiner dieser Generation von "Künstlern" und "Realitätssuchern", was sie tun.






*120918*

Montag, 1. September 2014

Es gibt kein Denken

Jedes Denken, schreibt Husserl einmal, ist kein "Denken", sondern es ist immer ein "von/an etwas Denken". Es läßt sich aber nicht loslösen von einem zuvorgehenden Prozeß, der das eigentliche Wesen des "Denkens" ausmacht - nonverbal, symbolisch, und intersubjektiv: immer einem Du gegenüber.  Aus der Symbolisierung in Sprache ergeben sich die intentionalen ("funktionalen") Schichten des Sprechens.

Wann immer wir von einem Denkvorgang sprechen, von einem Nachdenken, sind jene Prozesse gemeint, die aus den Ereignissen und Zustoßungen, in Verbindung mit Haltungen, Sinn abstrahieren, Gefühle etc. ordnen und in ihrer Bedeutung abstimmen. 

Ein Denken im Sinne des Rationalismus, der aus den sprachlichen Denkbewegungen alleine Welt rekonstruieren möchte, ja meint, daß diese "Denkbewegungen" selbst Welt abbildeten, man müsse sie nur von Welt lösen, gibt es also gar nicht. Selbst die sprachliche Logik bezieht sich auf ein vorausgehendes Sinnahnen und -bestimmen. Welch letzteres bereits aus einer Selbstsetzung des Menschen herstammt, in dem er Sinn ergreift und sich so zur Basis seines Selbstseins macht.

Dieser Sinnsetzungsvorgang ist aber keineswegs willkürlich, auch das ist ein Mythos, und ein Irrtum noch dazu. Denn zwar kann der Mensch Akte setzen, die positivistisch und willkürlich gesetzt aussehen, aber hinter ihnen verbergen sich weit andere Vorgänge. Vielmehr sind diese Selbstfundierungsakte posthoc gesetzt. Denn der eigentliche Akt geht aus dem Gehorsam einer Autorität gegenüber hervor, der vertrauend geglaubt wird. 

Ohne die Autorität einer vorausgehenden Wahrheit gibt es auch keine Vernunft (die sich des Denkens bedient bzw. dadurch äußert). Jeder Akt der Vernunft bewegt sich aber immer innerhalb eines absoluten Wahrheitsrahmens (siehe die Untersuchungen von Y Gasset). Auch und gerade dort, wo das Gegenteil behauptet wird - mit einer Aussage, die für sich Wahrheit beansprucht und schon durch ihre Aussage selbst (etwa wie: "Die Wirklichkeit ist nicht erkennbar") zu erkennen gibt, daß der Aussagende auf eine vorausgehende Wirklichkeit Bezug nimmt, sonst könnte er über ihre Eigenschaft gar nichts sagen. (Sodaß eine Aussage wie jene einen Selbstwiderspruch in sich darstellt.) Diese Wirklichkeit (als das, was wirklich wirkt) geht uns voraus, und sie verlangt Gehorsam, weil der Mensch unmittelbar erlebt, daß sich nicht die Wirklichkeit nach ihm richtet, sondern er mit ihr zu kommunizieren hat, sie ihm despotisch vorausgeht.

Nur auf diesen Bezug einer unmittelbaren Wirklichkeitsbegegnung hin - und damit konkret: auf Autorität - kann überhaupt von Vernunft gesprochen werden, schreibt Franz von Baader einmal. Und dieses "in der Wirklichkeit stehen" ist das erste Begegnungselement des Menschen. Denn Vernunft ist der Bezug auf eine solche Autorität hin, die auch zuweilen Treue und Behauptung gegen Widerstände verlangt. Sie kann als Mensch nur einer Person gegenüber entstehen, und das sind in der Regel die ersten Bezugspersonen, also die Eltern.* Auch wenn ihre ontologische Dimension als logisch erstes eine Begegnung dem Sein selbst gegenüber darstellt. 

Aus dieser autoritativen Begegnung heraus erwächst - mit dieser als erste Grundlage - jener Persönlichkeitsgrund, auch im Wort (Sprache, Begriffe als zuerst "Übernommenes") der zur Haltung gegenüber der Welt befähigt.



*Werden dem Kind die Eltern genommen, oder wird es ihrem Einfluß entzogen, so ist die Frage nicht, ob sie nun ohne Autorität aufwachsen, sondern sie begegnen sofort und unmittelbar nächsten Autoritäten - der Antiautoritarismus der Gegenwart ist also nicht "autoritätslos", sondern ersetzt die verantwortliche Autorität der Eltern durch eine andere.




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Dienstag, 29. Juli 2014

Erster Schritt

Was aber ist überhaupt ein "Problem"? Was ist es, das uns "denken" läßt? Als ein erster Schritt in dieses Thema soll auf Y Gasset zurückgegriffen werden. 

Der zeigt, daß das Sein als Gedankending, als Reaktion auf eine vorgefundene Welt, in unserem Bewußtsein, das immer ein "Bewußtsein von" ist, sich auf Beziehungen von Gegenständlichem bezieht. Unsere Sprache drückt diese Beziehungen aus, stellt sie dar.

Zum Problem wird, wenn diese Beziehungen sich verändern. Sei es, weil das Gegenständliche sich wandelt, das unserer Erfahrung zugrundeliegt, und gegenübersteht, oder weil sich unsere eigene Haltung wandelt.

Deshalb sind Zeiten "hoher Wortdichte" immer Folgen von Veränderungen in realen Bezügen. Im Denken, im Sprechen, wird versucht, das Vorgefundene wieder in ein Gesamtsystem von Beziehungen zu stellen, es so verstehbar und damit behandelbar zu machen. Behandelbar nicht einfach in dem Sinn, als wir es damit manipulieren können, sondern in dem Sinn, daß wir unseren Boden in der Welt wiederfinden. 

Denn Denken kann auch Unlösbares enthalten, ja es baut auf Unlösbarem auf. Es kann krank sein, das Unlösbare auf Manipulierbares umbrechen zu wollen. Das letzte Geheimnis des Lebens und der Welt ist nicht auflösbar, es übersteigt uns. Deshalb ist das Transzendente, der Bezug auf dieses Nicht-Auflösbare aber zweifellos vorgängig, kein Spleen krankhafter Unselbständigkeit. Es ist Grundbedingung des Menschen überhaupt, dessen Rationalität (nach unserer Logik) nie in sich begründbar ist. (Siehe u.a. Gödel, der sogar den mathematischen Beweis dafür erbrachte, daß die Mathematik nicht aus sich begründbar ist.) 

Jede Logik, jede Rationalität geht auf ein quasi Sinnbild zurück. Die Logik des 2+2=4 ist keineswegs "logisch aus sich", sondern trägt weitreichende Vorentscheidungen in sich, die wir lediglich ohne sie zu problematisieren akzeptieren. Aber es ist eine sehr bestimmte Sicht der Welt, die sich darin verbirgt, und sie ist keineswegs für alle Menschen der Welt gleichermaßen verbindliche "Logik".

So wird die Glaubensentscheidung zur Grundgewißheit des Menschen, sein Boden, auf dem er sein Selbst weiter aufbaut, in dem er es fundiert. Und sie bleibt eine Entscheidung. Das Geglaubte selbst bleibt in dem Maß stabil, als es weit genug ist, um alles im Laufe des Lebens auftauchende Problematische zu integrieren.




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Donnerstag, 24. Juli 2014

Was tut, wer an einen Gott glaubt?

Die Frage nach Gott ist, schreibt Ortega Y Gasset einmal sinngemäß, die Frage "Womit rechne ich?" Sie ist deshalb eine Frage nach der Realität jenes Du, das ich als Gott bezeichne. Aber sie ist schon noch mehr. 

Denn was Gott überhaupt ist - nicht einfach nur für jemanden einer bestimmten Religion oder Theologie, sondern von der reinen Begrifflichkeit her, soll sprechen nicht überhaupt sinnlos werden - unterliegt nicht irgendwelchen Gedankenkonstrukten - es unterliegt dem Bezug des Begriffes, den er symbolisiert. 

Was also ist mit Gott gemeint? Was ist es, was die Menschen zu allen Zeiten als "Gott" bezeichneten? Es ist der reine Gute, es ist der Urheber von allem, es ist der Lenker und Herr über Welt und Schicksal, dem alles zu verdanken ist, der Eine, der Wahre, der die Wahrheit selbst ist, das Sein das das Sein selbst ist. Das von ihm ausgeht, und das deshalb von ihm erbeten werden muß. Nicht nur von mir, sondern von allem. Hierin gründet das, was man Heidentum nennt. 

Denn das Heidentum kannte diesen Gott nicht, die Religionsgeschichte (P. Wilhelm Schmidt zeigt das so großartig in seinem gigantischen Werk "Der Ursprung der Gottesidee", in dem er die Religionen des gesamten Erdkreises durch Feld- wie Quellenforschung und Einarbeitung der gesamten ethnologischen Erkenntnisse bis dato kennengelernt und analysiert hat*) ist eine Entwicklung von dieser Unfaßlichkeit des Einen Gottes hin zu "Subgöttern" der Mythen, bis zur Entartung in der Magie, zur Technisierung des Religiösen und damit zur Immanentisierung, zum Nihilismus. Wo immer aber Gott zum Begriff wird, ist er gegeben, so wie Sprache und Begriffe überhaupt gegeben sind. Es ist ein Irrtum zu meinen, der Mensch würde die Welt seines Denkens, seiner Sprache je neu erfinden (können). 

Nein. Er empfängt sie. Und er empfängt, WAS er glaubt, ob er das für wahr halten will oder nicht. Deshalb übermittelt sich Religiosität nie direkt, sondern immer indirekt, auf dem Weg über Menschen, und hier zuerst über die Eltern (man beachte die erhellenden Analysen von C. G. Jung), und über sie über den Kult. (Denn es gibt keine Religion, es gibt keine Religiosität ohne Kult.) 

Das, und auf eine Weise "nichts anderes", ist die Kirche: der Hort der Präsenz Gottes, des Ungreifbaren, der in Greifbarkeit herabgestiegen ist. Und selbst wenn man diesen Begriff neutralisiert auf  "Religionsgemeinschaft" (die alle ja um die Frage der Be-/Greifbarkeit Gottes kreisen), so läßt sich dasselbe anthropologische Prinzip darunter erkennen: Wer diesem Gott also gegenübersteht, kann gar keine andere Wahrheit neben ihm anerkennen. Denn dann wäre es ja gar nicht "Gott".

Was wahr ist, schreibt Y Gasset an anderer Stelle, ist nicht nur "für mich" wahr, sondern in dem Moment wo ich etwas für wahr halte, ist es das absolut. Und - es ist (immer!) das, was ich glaube. Denn an die Wahrheit selbst so scheinbar simpler Sätze wie 2+2=4 läßt sich nur glauben. Und was ich glaube, ist nicht das was ich gleich mal sage, sondern das, was ich als Seiender wirklich, gestalthaft, durch meine gesamten Lebensvollzüge vollziehe.

Wenn jemand also an Gott glaubt, an "einen" Gott (noch einmal: lassen wir die Frage "welchen?" der Gedankenführung halber einfach weg) glaubt, so ist die Frage, wie verhält er sich dann also diesem Absoluten, diesem Einen gegenüber, dem er und die Welt alles verdankt? Es erhebt sich die Frage der Angemessenheit des eigenen Verhaltens. Und darin gründet die Religiosität zu allen Zeiten und bei allen Völkern - im Kult, und in der Durchdringung des Alltags durch die Gestalten und Formen des Kultes.

Deshalb läßt sich aus dem realen Verhalten läßt eines Menschen erkennen, woran man auch selber glaubt. Alles konzentriert sich auf die Gretchenfrage - welchem Kult gehört er an? Wie sieht sein Kult aus, in dem er sich seinem Gott gegenübersieht, und wie drückt er sich im Alltäglichsten aus? NICHT als Moral (als die man Sittlichkeit gerne mißversteht), die ist nur der Wachsabdruck der Sittlichkeit selber. Dort nämlich liegt die Religiosität, so gerne diese Frage viele heute vernebeln wollen. Und darüber zu urteilen ist keine Frage von Überzeugung, sondern sie ist denknotwendig. 

Und dort liegt, was der Apostel Paulus einmal auf den Punkt bringt, und was alle Heidenvölker so bewegt hat, und was überhaupt erst den Siegeszug des Christentums ermöglicht hat, und von dem das Alte Testament im übrigen so bildhaft aus der Geschichte erzählt: Wie historisch wirksam ist dieser Gott? Daran nämlich sind alle übrigen "Weltregligionen" gescheitert, oder scheitern. Oder - werden eben zum Nihilismus oder zur bloßen praktischen Gesellschaftslehre (wie etwa der Konfutianismus). Oder zum Kantianismus (den Franz von Baader auf überzeugend klare Weise als Form des Nihilismus entlarvt). Oder zum Synkretismus oder Pantheismus, allesamt Formen des Nihilismus.

Der, wie derselbe Franz von Baader glasklar erkennt, in der menschlichen Trägheit (Acedia) - also in der Lebensführung, die zum Habitus wurde - begründet liegt. Womit wir bei der geistigen Struktur der im Sozialstaat heutiger Prägung (als Frucht jahrzehntelanger Einwirkung realer Lebensstrukturen) aufgewachsenen Generationen sind.




*Es gab in den 1920ern - erwähnt sei etwa noch der brillante Pater Paul Schebesta, oder Rolf Bernatzik - eine weltweit richtunggebende "Schule der Wiener Ethnologie". Nur einer der unüberbietbaren Geistessterne, die Österreich damals der Welt geschenkt hat, aus dessen Grab damals wirklich so etwas wie der geistige Leitstern der Welt stieg. Man denke an die Physik, an die Philosophie, an die Theologie, an die Kunst ... vielfach getragen (oder in Reaktion damit) von der Katholischen Kirche.




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Montag, 16. Juni 2014

Aus dem Vollzug genommen

Nun ist die Welt ja  nicht eine Summe von Bäumen, Steinen, Kubikmetern Wasser, Lebewesen etc. Sondern das, was wir als Wald bezeichnen, ist das, was wir als umfassendere Wirklichkeit dieser hier stehenden Bäume bezeichnen. Und es ist mehr - es ist eine höhere Wirklichkeit, die sich auf die Bäume selbst bezieht, und diese wiederum auf sie, in untrennbarer Zweiseitigkeit. Deshalb läßt sich die Welt nicht in eine Summe von Funktionen auflösen, die als "chemische Reaktionen" oder "mechanische Wirkung" bezeichnen lassen, wie es die Wissenschaft tut, die sich ja nur auf diese Teile beziehen kann, insofern zwar Wissen schafft, aber dieses Wissen erhält nur Sinn und Bedeutung, wenn es in seinen höheren Bezügen gesehen wird.

Im alltäglichen Leben ist der Mensch (bzw. ist alles) als Vollziehendes aufgenommen wie aufgefaßt. Der Mensch hat es als gewissermaßen ersten, begegnenden Gegenstand mit  dem Baum zu tun, mit dem Kubikmeter Wasser. Die höhere Wirklichkeit, in die alles eingebunden ist, gleichfalls wahrzunehmen, gleichfalls in diese umfassendere Wirklichkeit (die, noch einmal, real ist, kein rein "gedachtes Ding", ohne das es auch ginge) ist das, was wir als Kultur bezeichnen. In die hinein deshalb ein Mensch erzogen werden muß, weil sonst die Kultur mit jeder Generation wieder abreißt, von vorne beginnen muß. Auf der Ebene des Baumes, sozusagen, gibt es nämmlich gar keinen Wald, auf der ersten Ebene der gegenständlichen Begegnung gibt es ihn überhaupt nicht.

Das Darstellen dieser Wirklichkeit ist nun die Aufgabe der Kunst, (die sich hier mit Religion berührt). Sie stellt die Dinge des Weltraumes, der uns umgibt, in ihrer gewisermaßen höheren Wirklichkeit dar, sie stellt diese Wirklichkeit selbst dar. Und damit macht sie sie zu einem "vollziehenden Ding" für den Betrachter. Sodaß er, auf einer höheren Ebene, damit umgehen kann. Darauf reagiert, damit hantiert, damit lebt, damit und auf es bezogen handelt.

Der Künstler muß damit zuerst die Dinge "zerschlagen", er muß sie in gewisser Weise entwirklichen, aus ihrem Realzusammenhang herausnehmen, um sie aus dem Vollziehenden herauszunehmen. (Es ist etwas anderes, eine Würstelbude vor sich stehen zu haben, die verkauft, oder eine Abbildung der Würstelbude zu sehen, die nur noch "virtuell" verkauft. Hier tritt etwas anders in das vollziehende Wahrnehmen (über die Sinne) - die höhere, ja eigentlichere, wirklichere Wirklichkeit, die damit zum Objekt der Erfahrung wird, und damit Gefühlswert erhält (und so den Menschen als Kulturwesen bereichert, formt). Das ist mehr als "Erkenntnis", die abstraktiv wieder nur in vollziehenden Gedanken abzulösen vermag. Und es ist der Quell des Denkens.

Dazu muß der Künstler sich selbst von diesen Dingen aber gelöst haben. Er darf sie nicht als die Objekte verwenden wollen, die sie im alltäglichen Vollziehen (bloß) sind. Er muß sie "entschärfen", sie werden zum bloßen Material einer darzustellenden höheren Wirklichkeit.

Und nun, um beim Beispiel zu bleiben, kann der Künstler "den Wald" zum Objekt der Erfahrung machen, und damit wird er als erkanntes Ding zum Objekt der Welt des Betrachters. Auch wenn dieser "Wald" "in den Bäumen" steckt. Je höher er in seinem Erkennen steigt, desto höher, umfassender wird deshalb auch die dargestellte Wirklichkeit als Erfahrungsgegenstand. (Worin, übrigens, das Phänomen begründet liegt, daß Künstler von ihrer Zeit nur selten verstanden werden, ihr immer voraus sind - weil sie die "nächste'" Zeit ... gründen.)

Weil aber diese dargestellte Wirklichkeit real ist, ist sie nicht einfach "hinzuzudenken", oder gar "zu erfinden". Der Geist des Menschen ist nicht einfach ein bliebiges Gedankenkonstrukt, ja er wird überhaupt erst zum Geist, wenn er in persönlicher, das heißt sich selbst in Freiheit vollziehender Gestalt auftritt.

Gleichzeitig ist es nicht "egal", anhand welcher Qualität der Darstellung der Gegenstände eine Wirklichkeit gezeigt wird, wie jüngst jemand meinte, als er es als gleichgültig bezeichnete, ob man "Liebe" durch einen mickrigen Blumenstrauß oder ein großartiges Bucket ausdrücke. Es ist nicht egal, wenn auch im Einzelfall komplex und erklärungsbedürftig. Aber versuche man die selbe Darstellung mit einem Strauß Disteln sich vorzustellen - und schon ist die dargestellte Wirklichkeit völlig anders, so gleich das Lachen im Gesicht des Gebers auch (trechnisch) sein möge. Diese Wirklichkeit hängt untrennbar mit den Gegenständen zusammen! Eine Ansammlung von Rumpelstilzchen wird kein "Wald" (bzw. bestenfalls im übertragenen, eingeschränkten Sinn.)

Diese Wirklichkeit kann nur GEfunden werden, nicht ERfunden, und nimmt im Sichtbarmachen automatisch die Formenwelt und (auch ästhetische) Charakteristik der Zeit an, weil auch der Künstler ja nur aus dieser Zeit heraus kommen kann (aus der er heraussteigt, sie somit - mehr als der Mensch des Alltags - erkannt und in letzter existentieller Kraft, die auch ihren Tod enthält, den der Vollziehende ja notwendig ausklammert, erfahren hat: dem Künstler muß alles gestorben sein, damit es vollkommen leben kann). Sonst wird das Objekt ("Kunstwerk", das aber dann gar keines mehr ist) zum bloßen Gegenstand einer ästhetisierenden Geste. (Der weil in jedem Fall so auch hier eine ethische, sittliche Haltung zugrundeliegt.) Und es wird durch die Kunst, deren Einfließen in und als Kultur damit deutlich wird, keine unreale Wirklichkeit geschaffen, sondern jene Wirklichkeit dem Menschen mehr und mehr erschlossen, in der er ohnehin lebt, der er sich aber nicht in Freiheit zuwenden kann, die ihn einfach beherrscht. Deshalb muß Kunst - wahr sein. Und Kunst, die solche ist, ist wahr, wenn in ihrer Reibung zum alltäglichen Vollzug auch nicht immer bequem.*




*Auf das Spezialgebiet "sakrale Kunst" wollen wir hier nicht näher eingehen. Die sich in vielem Grundsätzlichen ja gar nicht von "profaner" Kunst unterscheidet, aber etwa im Sakralraum oder liturgischen Dienst eine neue Ebene der Gesamtwirklichkeit betritt, die es noch einmal überhöht. Denn in der Liturgie, im Kult, wird die höchste, alles umfassende, göttliche Wirklichkeit dargestellt, IST diese Wirklichkeit. (Oder, wie im Heidentum, in allem Nicht-Katholischen, SOLL sie sein.)




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Sonntag, 8. Juni 2014

Dem Geiste nach sehen

Die Welt ist nicht selbstevident, sie erschließt sich nicht aus den Empfindungen. Diese sind selbst bereits auf die Theorie angewiesen, auf die (geistig-menschliche) Deutung. Diese nimmt aus der Sinneswahnehmung lediglich ihr inhaltliches Material, an dem sie bzw. der Mensch wirkt. Was Ortega Y Gasset schreibt, ist auch der vielleicht tragendste Gedanke bei der Verfassung von "Helena oder: Das Gute ist was bleibt" (Eberhard Wagner, Passagen Verlag, Wien, 2. Auflage) und begründet den für manche so schwierigen Anfang. Der genau das zeigen soll: Die Dinge selbst sprechen nicht.

Man sagt nicht zu Unrecht, daß das gemeine Volksempfinden den Entwicklungen der Philosophie- UND der Wissenschaft - um ein- bis zweihundert Jahre hinterherhinkt. Nicht nur glaubt der VdZ, daß es bedeutend mehr sein kann, sondern die Disparatheit des heutigen Lebens, der Auseinanderfall des gesellschaftlichen Ganzen, das die Individuen auf sich zurückwirft, woraufhin dieses verzweifelt versucht, die Einbindung wiederzufinden, sondern die Tatsache, daß der heutige Mensch mit Sprache, mit Information pausenlos zugeschüttet wird, macht es dem gemeinen Mann in seinem Wechselspiel aus Notwendigkeiten kaum noch möglich, das Sinnesmaterial zu deuten.

Gefährlich wird es nämlich, wenn die Menschen glauben, wie es heute so oft verkündet wird, daß es nicht so sei. Daß eben die Empfindung auch die Erkenntnis gänzlich enthalte. Das verweist den Menschen auf etwas, das ihm keinen Halt zu geben vermag. Weshalb er von einem Ding zum nächsten eilt, um es zu genießen, um davon zu kosten - und nicht klüger, geeinter wird daraus. 

Aus den Empfindungen darf und kann nichts Originäres geschlossen werden, sie sind selbst Ergebnis einer Theorie. Vielmehr weisen die Empfindungen auf ein Problem hin, das nur in einer Theorie, von der sie als Glieder einer Kausalkette aufgefaßt werden, zu lösen ist. Außerhalb der Tätigkeit gibt es nur das Problem. Vor dem Urteil aber wiederum liegen die Akte, die der Erkenntnis ihre Materie liefern. Die Welt kann nur in diesem Doppelgesicht gesehen werden.

Doch die Welt ist für den Menschen, sie ist auf ihn ausgerichtet. Und über ihn erst auf Gott. Deshalb streben alle Dinge, alle Lebewesen auf ihn hin, und über ihn - auf Gott. In allem findet sich sohin  Verweisendes erst dann, wenn es der Mensch überzuführen vermag in den Geist. Und das ist nicht einfach "Denken", sondern dieses muß selbst in der Intuition liegen, sich auf das beziehen, was aus der "wahrhaftigen Wesensschau" (die die Reingung der Sittlichkeit braucht) erwächst.

Denn in der wahrhaftigen Reflexion muß dem Akt, dem Sinnesmaterial, seine Vollzugskraft genommen, diese ausgeschaltet werden. Es verlangt also die "Klammersetzung" über das Denken selbst, die Betrachtung des aus Akt und Wahrnehmung entstehenden inneren und reaktiven Bewegtseins.* Denn das Wirkliche ist nicht das "Bewußte", sondern klammert alles mit ein, übersteigt es.

Dem Empirismus, der meint, aus den Dingen (und Empfindungen) alleine erkennen zu können, liegt natürlich ein Funke Wahrheit zugrunde. Nämlich der, daß sich tatsächlich in der Erfahrung der Schlüssel zur absoluten Wirklichkeit selbst birgt. Aber er übersieht, so wie es heute generell übersehen wird, daß der Mensch nicht in jedem Zustand diese Wirklichkeit erkennt. Er übersieht den schweren Kampf den es braucht, um diese Wirklichkeit erkennen zu können. In einer Zeit wie der heutigen, in der sich jeder selbst heilig spricht, in einer Zeit, die sich selbst heilig spricht (und deshalb allen ihren Akten den Stempel des Absoluten aufprägt), in der die autonome, sich (etwa auch durch öffentliche, institutionalisierte Sühneakte - die political correctness läßt sich so verstehen - die Vergebung zur kulturellen Geste geworden ist, ein fundamentales Problem, ein Kulturproblem.

Deshalb sieht nur der geläuterte Mensch IN Gottes Geist (und nur vor dem Hintergrund des Glaubens an die göttliche Vorsehung, denn erst dann öffnet er sich dem Begegnenden, derst dann kann er überhaupt erkennen) in allem einen Gruß Gottes, überbracht von den Dingen, in denen er noch je nach Stufe allgemeiner leuchtet, ehe er sich im Menschen (und das macht die zentrale Bedeutung von Jesus Christus aus) zur Vollgestalt seiner Möglichkeit erhebt. Er sieht es tatsächlich, nicht virtuell (als Einbildung oder Selbsttäuschung gemeint). Deshalb kann man vom Geist Gottes als der einzigen, totalen Wirklichkeit sprechen, die je nach der sittlichen Reife des Menschen zugängig wird. Ohnendlich, weil das, was sie umfaßt, alles umfaßt was überhaupt möglich ist, und das ist ohnendlich.

Deshalb sieht aber auch der Mensch, der nicht in Gott ist, der nicht aus seinem Geist atmet, nirgendwo Gott. Und weil er in den Dingen, ihrer (ohnendlichen) Vielfalt, nichts sieht - sieht er nichts als menschliche, separate/disparate Gebilde, aus einer menschlich-reduktiven (endlichen) Theorie heraus, denen aber ihr Wesentliches fehlt: ihr Wirkliches.

Man sieht dem Geist nach, in dem man atmet.



*Man wäre geneigt zu sagen, daß hier auch die Psychologie viel beizutragen hätte. Wäre. Hätte. Hätte  man es nämlich heute nicht mit einer Psychologie zu tun, die ihre Grundproblematik nicht gelöst hat, Prämissen setzt, ohne es sogar oft zur Kenntnis nehmen zu wollen, damit "nicht weiß was sie tut", sich dabei aber verabsolutiert, und damit ihre Teilerkenntnisse oft völlig entwertet und irrelevant macht. Erst eine Psychologie, die ihre Begriffe (philosophisch) geläutert hätte, wäre brauchbar. Oder ist es wenigstens in beschränktem Rahmen, was derzeit nur von der Logotherapie gesagt werden kann, die genau diese Begriffsklärung im "Behandelten" zum Inhalt hat, freilich noch ohne ihren ontologischen Rahmen gefunden zu haben. Die besten Psychologen haben sich deshalb zu allen Zeiten im Beichtstuhl gefunden. Denn sie hatten auch den ontologischen Rahmen und Horizont, in dem der Mensch gesehen werden muß.




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Mittwoch, 4. Juni 2014

Wir sind, deshalb denken wir

Es ist nicht möglich, schreibt Ortega Y Gasset, das menschliche Denken (weil: überhaupt den Menschen) aus seiner Geschichtlichkeit lösen zu wollen. Denn es bleibt auch in der Reflexion zeit- und damit und vor allem ortsgebunden. Nicht also gilt "cogito ergo sum" des Descartes, sondern "sumus, ergo cogitamus": erst SIND wir, und deshalb denken wir auch. Aber dieses Denken bleibt in seiner Weise immer naiv an die begegnende Welt gebunden, steht mit dieser in einem Dialog, der in Haltungen, Überzeugungen wurzelt.

Deshalb ist dem Menschen das "absolute Denken" gar nicht möglich. Er selbst ist vielmehr nur aus seinem Insgesamt heraus zu verstehen - aus seiner ontologischen Situation, die eine des Lebens ist. Und die es aus den bloß faktischen Vollzügen herauszulösen gilt.

Die absolute Gewißheit aus dem Denken heraus ist dem Menschen unzugänglich. Wo er das glaubt - also: zu glauben vorgibt - versucht er etwas anders damit zu bewirken. Er findet sich aber immer an jenes Licht gebunden, das ihm das Geglaubte spendet, und deshalb offenbart sich im Reden und Denken des anderen auch, wenn man genau hinsieht, woran er glaubt.

Nicht die Denkinhalte also sind es primär, die das menschliche Denken kennzeichnen. Vielmehr ist es die Melodie seines Denkens als lebendigem Akt, der wir in diesen Äußerungen gegenüberstehen. Wir haben uns also bei dem, was ein Mensch als Gedanken hat und äußert zuerst zu fragen, was ist das, was er damit will, und: was will er eigentlich?

Der Mensch aber bleibt ein Verlorener, ein Fremder, ein Schiffbrüchiger. Der der Welt gegenübersteht, einerseits, der anderseits nur in dieser Parallelität - Mensch und Umwelt - verstehbar wird. Die sich ihm als Problem stellt, der er zum Problem wird.

Deshalb ist auch die Gestalt der Wahrheit nur als lebendige - und damit: als Person - denkbar. Und sie ist etwas, das dem Menschen auferlegt ist, die er sich nicht "machen" kann, ja, das Licht, das das menschliche Denken erst wirklichkeitsrelevant macht, muß geoffenbart werden. Sodaß sich die Wahrheit seines Denkens aus der Wahrhaftigkeit dieser personalen Begegnung, der Haltung, in der er ihr entgegensteht, ergibt. Denn das Wirkliche, das ein prozessuales Geschen ist bzw. sich darin zeigt, können wir nur staunend annehmen, um so an ihm teilzunehmen.

Die Wirklichkeit des Menschen, der er nie entfliehen kann, in die er immer eingebunden bleibt, erschließt sich deshalb weder in einem archäologistischen Rückgriff, noch in einem utopisch starren Bild eines "vollkommenen Lebens". Das Ewige bricht je nur ein in ein geschichtlich bedingtes Jetzt.




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Freitag, 23. Mai 2014

Unbestimmbarkeit des Menschen

Der Mensch ist und bleibt - der Unbekannte. Was er heute ist ist, was er gewesen ist. Aber das ist nicht "streng logisch", sondern birgt sich in einer Erzählung. Und er ist auch keineswegs damit ungewisz, er ist für unser Denken nur nicht ausreichend faszbar, wir kennen ihn nur mangel- und schattenhaft.

So, wie die (streng systematische) Logik eine Erzählung ist, die gewisse - irrationale - Prämissen und Glaubensüberzeugungen in sich abschließt. Aber sie reicht nicht, um die Wirklichkeit zu erfassen, sie ist selbst ein starres Konstrukt, das sich ihr nur annähert. Wie weit, wissen wir nicht einmal, können auch das nur rückfolgern. Aus der Geschichte, die uns widerfahren ist.

Niemand weiß das besser als die Physik, an deren Substanz wir - irrational - glauben, ohne sie zu kennen. (Und: auch die Physik selbst kennt sie nicht.) 

Damit wird Erkenntnis auf das zurückgeworfen, das wir uns seit Jahrhunderten, ja Jahrtausenden zu ersparen suchen: auf einen personalen Akt. Und damit auf den Akt der Selbsttranszendenz, auf das leben selbst, auf einen ethischen Akt.

Heißt das nun, dasz sich Identität doch ins Unbestimmbare auflöst, ewig unbestimmbar bleibt, ein Akt der Willkür ist, die wir so gerne und fälschlich mit Freiheit gleichsetzen? Nein, genau das nicht. Weil das, was wir sind, nur in der Selbstüberschreitung sich aktualisiert, braucht es wesensnotwendig einen festen Ort, in dem erst wir überschreiten kennen - man kann nur ein "was" überschreiten, Geschichte ist immer konkret, und so ist es die Gegenwart, wo sie überhaupt Geschichte IST. Sie ist immer nur konkret, kann  nur konkret sein. Es braucht um sich zu überschreiten ein Gegenständliches, ein Begegnendes. Und das kann nur konkret sein, sonst löst sich der Mensch selbst auf.

Denn also müssen wir dem Begegnenden in einer Doppelhaltung antworten: Es ernstnehmen, als käme es nur darauf an, und das heißt wesentlich: es durchhalten, und es doch wieder loslassen, um dem Leben selbst Raum zu geben.

Das musz sich etwa in der Erziehungsverantwortung so aeuszern, dasz sie feste Gerüste und Identitäten zum Inhalt und Ziel hat, damit tradiert, übernimmt, im Ernst. Aber zu jener Selbsttranszendenz - im Opfer, im Sterben - anleitet, weil sich erst in jener Selbstlosigkeit (nur wer sich verliert, gewinnt sich), durch Raumgeben für ein Bild, dem Leben selbst der Raum gibt, das als es selbst eine Urtatsache, aber unbestimmbar ist.

Es braucht also das Konkrete, weil nur am Konkreten der Raum des Lebendigen entstehen kann. Erst dort entsteht Geschichte. Nicht durch Beseitigung, sondern genau das Gegenteil: durch Selbstüberschreitung auf dieses Konkrete hin.

Es braucht deshalb die Haltung des Spiels, des Sports, wie der VdZ in seinem Roman "Helena" bereits darzulegen versucht hat. Spiel aber funktioniert nur dort, wo die Regeln ernstgenommen werden.

Der Kardinalfehler der Gegenwart (nicht nur in der Pädagogik) besteht darin, alles in der Unbestimmtheit belassen zu wollen. In Wahrheit will man sich damit die ethische, personale Haltung ersparen, weshalb man sie in Selbsttäuschung durch Moral ersetzt. Denn Menschsein ist an sich eine ethische Haltung.

Damit aber erstarrt alles erst recht. Weil das Leben keinen Raum mehr hat. Den es nur in der Selbstüberschreitung findet, der die Form ernstnimmt, um auf sie hin zu sterben. Und DAMIT, um so erst zu leben, dieses Geschenk, das sich niemand selbst geben kann, von Geburt an, anzunehmen. 

Der heutige Relativismus setzt erst recht die Form absolut. In dem er jede Form aber ablehnt, löst er das Menschsein auf. Umso mehr musz davon geredet werden. Aber man ist nie absoluter Mensch, immer nur ohngefähr, halbwegs.

Zu leben braucht also sehr wohl eine anarchische Komponente, ja. Aber sie fungiert aber nur als Pol, festgezurrt an der tradierten Form. Als Nacht, die auf den vergangenen Tag bezogen ist, um so den kommenden neu zu gestalten.




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Freitag, 16. Mai 2014

Was die Erde ist

Die echte Wirklichkeit der Erde hat keine Gestalt, keine Lebensform, ist ein reines Rätsel. In ihrer ursprünglichen und nackten Konsistenz begriffen, ist sie der Boden, der uns im Augenblick traegt, ohne dasz er uns die geringste Sicherheit dafür böte, dass er sich nicht im nächsten Augenblick versagen wird. Er ist es, der uns die Flucht vor einer Gefahr erleichtert hat? er ist es auch, der uns in der Form der Distanz von der geliebten Frau und unsren Kindern trennt? er ist es, der manchmal den Charakter des mühsamen Bergauf und manchmal die angenehme Beschaffenheit des Bergab aufweist.

Die Erde an sich und losgelöst von den Ideen, die der Mensch sich von ihr gebildet hat, ist also kein "Ding", sondern ein unsicheres Repertoire an Erleichterungen und Erschwerungen des Lebens.

Die älteste Interpretation von dem, was die Erde ist, schimmert durch die Etymologie des Wortes hindurch. Tierra, terra, so scheint es, kommt von tersa, was soviel wie das Trockene, d. h. das Feste, wo man Fusz fassen kann, besagt. Im Rahmen dieser primitiven Interpretation der Erde ist diese - wie man sieht - mehr dadurch definiert, was uns mit ihr - im Gegensatz zu einem flüssigen Element - widerfährt.

In diesem Sinne sage ich, dass die echte und ursprüngliche Wirklichkeit keine Gestalt besitzt. Daher ist es nicht zutreffend, sie Welt zu nennen. Sie ist unserer Existenz als Rätsel vorausgesetzt. Sich lebend zu fühlen, heiszt, sich unwiderruflich ins Rätselhafte eingetaucht zu fühlen.

Auf dieses ursprüngliche Raetsel, das seinem intellektuellen Leben vorhergeht, reagiert der Mensch, indem er seinen intellektuellen Apparat spielen lässt, der vor allem anderen Einbildungskraft ist. Er erschafft die mathematische Welt, die physikalische Welt, die religiöse, moralische, politische und poetische Welt, die tatsächlich "Welten" sind, weil sie eine Gestalt besitzen und eine Ordnung, einen Plan darstellen.

Diese imaginären Welten werden dem Rätsel der echten Wirklichkeit gegenübergestellt und werden als wahr angenommen, wenn sie sich dieser in größter Annäherung anzugleichen scheinen. Aber, wohlverstanden, niemals verschmelzen sie mit der Wirklichkeit selbst.


Ortega Y Gasset, Vorlesungen zur "Historischen Vernunft"



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Dienstag, 6. Mai 2014

Getragen von dem, womit man rechnet

Ortega Y Gasset vergleicht einmal den Menschen mit einem Pfeil, der abgeschossen ist, aber unterwegs vergessen hat, wo er hinfliegen soll. Dazu musz der Mensch aus dem Zeitlichen heraustreten, und sich das Ziel überlegen. Denn erst dann handelt er seiner Konstitution gemaesz, die da Freiheit heiszt. Die ihm auch niemand, keine Masse, keine öffentliche Meinung, kein Zeitgeist abnehmen kann. Er musz sich dazu stellen.

Dabei wird er von zwei Polen getragen - dem Denken (das aus dem aufsteigt, was fehlt) hier, noch mehr und grundlegend aber von dem, womit er rechnet: es ist das, was er glaubt. Dieses ist vor allem, was ihn bestimmt. Waehrend das Denken genau das ist, woran er (noch) nicht glaubt. Aus dieser Ideenwelt heraus aber setzt er sich jene Wege, die forthin praegen, was zu einem Geglaubten werden kann.

Dazu aber musz das Denken frei von Leidenschaft bleiben. Der Mensch musz aus dem Getriebe der Notwendigkeiten heraustreten, um sein Denken frei, wie in einem ernsten Spiel (weshalb Y Gasset Denken mit dem Sport vergleicht, dieselbe Haltung verlangt), zu manifestieren.

Als der VdZ vor Jahren sein Stück "Paradas" aufführte, wurde er von einem Zuseher gefragt, warum er darin so "moralisch" waere. Das ist natürlich Unsinn. Und doch steckt ein Funken Wahrheit in dieser Frage. Denn im dramaturgischen (dramatischen) Akt der Katharsis, der Reinigung, findet die Figur zu dieser Wirklichkeit - dem Geglaubten - zurück, befreit sich, getragen vom Leid der mangelnden Kongruenz seines Denkens mit dem Wirklichen, zum aus der Wahrnehmung heraus Geglaubten, aber nicht Gedachten. Insofern also das Gedachte zum Handeln wird, ist es tatsaechlich moralisch.

Als Descartes, auf den im Grunde die gesamte heutige Technik zurückgeht, das erkannte, zog er sich völlig aus der Welt zurück. Denn inmitten der Betriebsamkeiten, so Descartes, könne sein Denken nicht klar werden, bleibe nur Instrument.




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Montag, 25. Februar 2013

Utopie

Aus 2009) Ortega Y Gasset meint einmal sinngemäß: Entscheidend sind nun nicht mehr die großen Geschehnisse und Handlungen. Es gibt nichts mehr aufzuhalten. Entscheidend sind jene Einsamen (denn: eine Einbindung in gesellschaftliche Verantwortungen ist nicht wirklich möglich, weil andere Gesetzmäßigkeiten und Prioritäten zu wirken beginnen, wobei Y Gasset gewiß nicht meinte: Museen oder Ghettos zu bilden, denn Rezepte "gegen" Krankheiten entwickeln sich nicht ohne Kontakt zu jenen ... Y Gasset war ja fast "Aktualist"), die es noch schaffen, regenerative Brunnen zu bleiben - den Geist durchzutragen.

Nur so kann ein Verbleiben (!) in jener Barbarei, zu der alles absinkt, verhindert werden.

Y Gasset schrieb das wohl 1939 (und Solches und Ähnliches wurde in allen deutschen Auflagen seiner Werke zensiert), aber das relativiert nur für jene, die nicht so wie ich der Auffassung sind, daß wir, 2009, in der Flut des (nach 1918 nur noch logischen, weil aus der Beseitigung der kulturellen Tragestrukturen - was am Versagen der Faschismen sich zeigt - wahrscheinlich unausweichlichen) DAMALIGEN Dammbruchs der Dämonie dieser Moderne (von 1933-1945) ersaufen.




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Montag, 18. Februar 2013

Von der (wirklichen) Freiheit

Aus 2010) Was Kate Millett in "Herrschaft des Sexus" beschreibt, und was das Grundmotiv der feministischen Bewegungen - ob in radikaler oder milderer Form - ist, ist die sinnlose Rebellion gegen das Sein selbst, das es nur in der Form einer Gestalt gibt, der zu begegnen immer (!) und im Wesen der Welt begründet das Aufeinanderprallen von bestimmter Gewalt ist.

Insofern ist das Ideal der "Gewaltlosigkeit", das aus einem fatalen Grundirrtum - einem Kopulationsprodukt aus Bergpredigt und verfehlter Anthropologie - entstand, der sich politisch geworden Liberalismus nannte (und gleich das Wort Freiheit mit in den Orkus riß), bloße Gegenwehr gegen die Welt überhaupt. (Und in , wie ich bereits häufig schrieb, ist der Kampf gegen den Mann ein Kampf gegen Gott, weil diese Rebellion letztlich dahintersteht.)

Leben und Menschsein, Gestaltsein, heißt immer Gewalt am Nichts, am Formlosen auszuüben. Diese Gewalt ist nicht das Kriterium der Freiheit, sondern: wo diese Gewalt ihre Grenzen überschreitet. Selbst wenn wir uns schnell bewegen, wird die Luft vom scheinbar widerstandslosen Medium zur harten Aufprallfläche, auf deren Oberfläche (die Raumkapsel, zum Beispiel) das Begegnende zerschellt. Wo immer sich Gestalten begegnen (die immer auch noch sie selbst sind, ab- oder zunehmend), begegnen sich Gewalten.

Deshalb kann man auch so viele Facetten heute verlangter Freiheit und Gewaltlosigkeit als sinnlose Rebellion und Täuschung klassifizieren, als Gegenwehr gegen das Leben selbst sogar. "Der Mensch ist nicht frei, dem ständigen Druck der Gemeinschaft zu entgehen," schreibt Ortega Y Gasset einmal, "den wir mit dem ausdruckslosen Namen Staat bezeichnen, aber manche Völker haben in manchen Epochen in freier Weise disem Zwang die Verfassungsform gegeben, die sei vorzogen, sie haben den Staat ihren Lebensneigungen angepaßt." Denn eine Gesellschaft an sich gibt es nicht, sie hat entweder die Form eines Staates - oder sie ist nicht einmal eine Gesellschaft, denn nicht jede Menschenanhäufung ist eine Gesellschaft.

Und das ist dann (politisch gesehen) das Leben in Freiheit: die gewünschte Lebensweise zu sichern. (Die wiederum in ihrem Konnex mit der Natur - dem, wozu etwa aus sich selbst heraus drängt - zu sehen ist, um die Grenze zur Beliebigkeit des bloß Faktischen zu ziehen.) Freiheit als "Freiheit von allef Form und aller Gewalt" zu definieren, ist eine unglückliche Fehldefinition des (auf den nativsten Annahmen Rousseaus etc. aufbauenden) Liberalismus des 19. Jhds., der politisch manchem lediglich sehr genehm war und von der an sich absurden Annahme ausgeht, menschliche Gesellschaft würde sich von selbst strukturieren und zur Familie/Ehe oder zum Staat formen.

Der Feminismus (und so viele Pädagogiken und Forderungen heute) verlangt also nicht weniger als die Abschaffung der Welt. Er ist in sich zutiefst sinnlos, und die direkte Ablehnung von Erkenntnis überhaupt. Und weil er das auf andere Weise gar nicht sein kann, ist er eine sich verschleiernde Kraft ganz anderer Natur, und er entdeckt sich damit auch ganz klar als satanisch.

Tyrannis selbst - und es erhellt viel, macht man sich die Bedeutung des Wortes bewußt - bedeutet (umgekehrt) nichts also die Anpassung der Lebensform an die Gesetze des Staates.




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Mittwoch, 7. April 2010

Es uns zu eigen machen

"Das Leben ist uns gegeben, da ja wir selbst es uns nicht geben, sondern uns plötzlich in ihm finden, ohne zu wissen wie. Aber das Leben, das uns gegeben ist, ist uns nicht fertig gegeben, sondern wir müssen es uns, jeder jeweils das seine, erst zu eigen machen. Das Leben ist Tätigkeit. 

Und die wichtigste dieser Tätigkeiten aus denen das Leben besteht, ist nicht der Zwang, sie auszuüben, sondern in gewissem Sinn das Gegenteil: ich meine, daß wir immer unter dem Zwang stehen, etwas zu tun, aber genau genommen niemals gezwungen sind, etwas Bestimmtes zu tun, daß uns nicht diese oder jene Tätigkeit auferlegt ist so wie dem Stern seine 'Bahn oder dem Stein die Schwerkraft."

Jose Ortega Y Gasset, "Geschichte als System"



 *080410*

Samstag, 3. April 2010

Welch ein Aufwand

Ortega Y Gasset sagt einmal, daß ein Leben ohne Glaubensüberzeugung schon theoretisch undenkbar sei, praktisch aber ohnehin. Ja, Gott sei uns sogar so nahe, er (das Sein) so präsent, daß es einen enormen Aufwand koste, ihn von unseren Augen wegzubringen.

Aber es ist verlorene Liebesmüh - schiebt man ihn hier weg, taucht er im selben Maß dort auf - aus den Augen, aber umso mächtiger im Rücken ... Denn selbst wenn es uns gelingt, nicht daran zu denken - wir rechnen (unbewußt) ständig damit.

Manche Menschen verbringen ihr ganzes Leben ausschließlich mit solch unnützem Unterfangen.



*030410*

Freitag, 26. März 2010

Verlust der Einheit

Ortega Y Gasset beschreibt in "Geschichte als System" unter erweisendem Rückgriff auf Cicero die Prozesse, die im letzten Jahrhundert v. Chr. in Rom abliefen: als die Einheit des Landes zerfiel. Und sie zerfiel nicht zufällig just in dem Moment, wo sich der Glaube an die Legitimität des Regierenden, auflöste. Nun standen sich unterschiedliche Religionen gegenüber, die erstmals auch den gemeinsamen Rahmen - die Republik - zu sprengen nicht mehr zurückscheuten.

Als dieser Glaube zerfiel, zerfiel das Land in die Bürgerkriege der Zeit Cäsars. Der bereits die kommende einzige Lösung ahnte - wie sie dann Augustus im Imperium, in der gottgewollten Alleinherrschaft verwirklichte.

Einheit, so Ortega Y Gasset, ist nicht eine simple Übereinstimmung von Meinungen, sondern baut auf einer wirklichen religio auf: sie ist das Rechnen mit einer übergeordneten Macht, der man verpflichtet ist. Und deren Wille (von daher die zentrale Stellung der Zeichendeuter in der Antike) ist entscheidend und muß gelesen wir befolgt werden.

Von da her ist Religion und Staat nicht zu trennen, und er ist es bis heute nicht. Denn auch die Republik heutiger Facon beruht um nichts weniger denn je auf einem den Menschen eines Landes gemeinsamen Glauben.

"Wesentlich ist, daß der Mensch mit etwas rechnet, das über ihm steht. Dies Verhalten, das uns dazu bringt, nicht leichthin zu leben, sondern mit Bedacht vor einer transzendenten Realität - ist die ganze Bedeutung, die das Wort religio für die Römer hatte, und es ist die wesentliche Bedeutung von Religion. Wenn der Mensch an etwas glaubt, wenn etwas ihm unbestreitbare Wirklichkeit ist, so wird er religiös in Bezug auf sie. [...] Religiosus bedeutet soviel wie gewissenhaft, daher: wer sich nicht leichthin, sondern mit Bedacht beträgt."

Mit dem Gegenteil, der Nachlässigkeit, der neclego, der negligens.
"Die Auspizien stellten für Cicero den festen und einmütigen Glauben in Bezug auf die Welt dar, der die Jahrhunderte der großen römischen Eintracht möglich gemacht hat. Sie waren daher das Grundfundament jedes Staates. Es bestand eine so enge Verbindung zwischen diesem und jenem, daß Auspizium zur Bedeutung "Herrschaft" (imperium) überging. [...] Von ihm stammen auctoritas und augustus."

"Die Begriffe des Glaubens und des Staates durchdringen einander. In der Politik gibt es Epochen der Religion und Epochen der Nachlässigkeit, des Bedachtes und der Unbedachtsamkeit, der Gewissenhaftigkeit und der Frivolität."




*260310*

Mittwoch, 24. März 2010

Denken ist Ironie

"Mit all dem habe ich nichts getan als ein Theorem entworfen. Theoreme sind erdachte Figuren, die wir mit Linien von geometrischer Reinheit ausarbeiten. Aber die Wirklichkeit stimmt niemals mit diesen Theoremen überein. Und trotzdem gibt es kein anderes Mittel, sie zu verstehen, als ihre immer schwankenden Züge anzuschauen durch die irrealen Profile, die von unserer Phantasie geschaffen werden.

Das Theorem erlaubt uns, uns in der Verworrenheit zu orientieren, die jede Wirklichkeit auf den ersten Blick ist, und auch genau zu messen, wieviel Diskrepanz zwischen ihr und dem Spinngewebe unserer Ideen besteht.

Denken ist eine ironische Handlung; was wir sagen, ist die "reine Wahrheit", aber wir sagen es in dem Bewußtsein, daß die Dinge ein wenig von ihr unterschieden sind, denn alle Dinge sind die unreine Wahrheit. Nur wer nicht denkt, nur der Dummkopf glaubt, daß das, was er sagt, ohne weiteres die Wirklichkeit selbst sei."


Ortega Y Gasset in "Geschichte als System"




*240310*

Donnerstag, 18. März 2010

Heute aus gestern

Der Mensch - und zwar jeder für sich - hat sich zu schaffen, sich in jedem Augenblick handelnd in die Zukunft zu werfen. Was er also jetzt ist, ist er aufgrund seiner Vergangenheit. Und somit kann er nur die Zukunft vorauswerfen, wenn er auch weiß, was er jetzt ist - also seine Vergangenheit kennt.
 
So schreibt Ortega Y Gasset in "Geschichte als System". "Der Mensch hat nicht Natur, sondern er hat Geschichte." Das Individuum ist kein starres (elastisches) Wesen, sondern es lebt (unwiederholbar und immer neu) in dieser Konstellation der Offenheit der Gegenwart, auf dem Boden der Vergangenheit, die eine nie abreißende Kette der kausalen Zusammenhänge bildet - wo in jeweiliger Gegenwart zur Vergangenheit und den nun präsenten Kräften reagiert (beziehungsweise in diese Gegenwart hinein gestaltet) wird.

Im Gegensatz zum Tier, das immer als "erstes Tier" da ist, immer gleich, wesentlich geschichtslos, ist der Mensch der zweite, dritte, etc. Mensch, mitbestimmt und umgeschaffen aus der Vergangenheit.

"Die Geschichte ist eine systematische Wissenschaft der Grundrealität, die mein Leben ist. Sie ist daher Wissenschaft der Gegenwart in dem strengsten und aktuellsten Sinn des Wortes. Wäre sie nicht Gegenwart, wie sollten wir die Vergangenheit finden die ihr gewöhnlich als Thema vorgeschrieben wird?

Die entgegengesetzte und übliche Interpretation läuft darauf hinaus, aus der Vergangenheit eine abstrakte und irreale Sache zu machen, leblos in der Zeit in der sie geschah, während hingegen die Vergangenheit die lebendige und wirksame Kraft ist, die unser Heute trägt. Es gibt keine actio in distans. Die Vergangenheit ist nicht drüben, wo sie geschah, sondern hier, in mir. Die Vergangenheit bin ich, daß heißt mein Leben."




*180310* 
 

Mittwoch, 24. Juni 2009

Standortlosigkeit heißt: Erkenntnislosigkeit

Der große Irrtum ist nicht, subjektive Erkenntnis für Unwahrheit zu halten, sondern nicht zu sehen, daß weil der Bezugspunkt (das Objekt) gleichbleibt, die Vielzahl der Sichten ein mosaikartiges Ganzes ergibt. Der große Irrtum besteht darin, eine standortlose (perspektivlose) Wahrheit zu fordern! So schreibt sinngemäß Ortega Y Gasset. "Die species aeternitatis des Spinoza existiert nicht," meint er weiter. [Es kann also nicht um die Ausschaltung der Individualität des Subjekts gehen, sondern um dessen Läuterung: als Öffnung zu seiner Perspektive gegebenen Lichtspiegelung aus dem Erkenntnisobjekt; Anm.] "Jede Kollektiv- und Einzelseele erfaßt die Wirklichkeit von einem Blickpunkt aus, der nur ihr gegeben ist. Wenn verschiedene Menschen dieselbe Landschaft von verschiedenen Punkten aus betrachten, so bedeutet das nicht, daß alle diese Blicke illusionär sind, sondern daß jeder legitim ist." Die Wirklichkeit ist eben immer eine "Wirklichkeit für".

Selbst die Quantenphysik läßt sich so weiter erhellen - die keine objektiven Erkenntnisgegenstände mehr kennt, ja genau das zur Aussage hat. Und Y Gasset zieht sogar tatsächlich auch eine Linie zur Physik, zu Einstein's Relativitätstheorie. Die formal zwar mit der Quantentheorie nicht vereinbar ist, aber wohl genau dort ihre Gemeinsamkeit finden wird.

Die Summierung aller dieser Perspektiven in erstgenanntem Sinn freilich - dort findet sich Gott, meint Y Gasset.

So sei dem VdZ noch gestattet, den Querverweis zum Künstler zu vollziehen - in dem die Figuren (Perspektiven) der Welt lebendig sind.




*240609*