Dieses Blog durchsuchen

Posts mit dem Label Vatikanum I werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Vatikanum I werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 7. November 2020

Wider Enzykliken (4)

 Teil 4) Wie das Katholische zur Ideologie wurde
Aus einer Ideologie aber folgt Totalitarismus

Nun geschieht aber Folgendes, und dem Leser wird nun vielleicht klarer, warum der Anfang den Inclusivismus aufs Spielbrett holte: Dieses Selbstgefühl der Schwäche ist notwendige Konsequenz des Verzichts auf jene männliche Vernunft, die sich nicht selbst von der intellektuellen Rechtfertigung abhängig macht, sondern diese zwar liefern kann wenn sie möchte, aber um die prinzipielle Problematik des Intellektualismus weiß: Der eine prinzipiell andere Sphäre mit Mitteln beweisen soll, die gar nicht dieser Ebene zugehören. 

In den Augen dieser Welt ist die Kirche, ist der Glaube "unterlegen". Aber eben nur in den Augen DIESER Welt! Nicht in den Augen Gottes, nicht in den Augen der Wirklichkeit. Die mangelnde Selbstverfügung, die man mit dem Schritt in den Wettbewerb alleine innerhalb der Mittel dieser Welt ausgelöst hat, hat den Verlust des Selbstwerts bewirkt. Was nun einsetzte ist exakt das, was mit dem Inclusivismus des Inders beschrieben wurde.**** 

Man hat, mit den Worten von Abszessium Kuhschneider formuliert, diesem weltweit berühmten Bänkelsänger aus dem Inneren Allgäu, mit dem Zweiten Vatikanum auf die allumfassende Wirklichkeit und Macht verzichtet, um sich der Welt "verständlich" zu machen. Man hat den Ferrari in der Garage gelassen, um mit dem Tretroller um die Wette fahren zu können. Den der andere nicht als Seinsmangel fährt, sondern der fortan der Maßstab der Fortbewegung sein soll. Man hat dieses unendliche Licht des Glaubens und der Wahrheit ausgeklammert, um fortan mit dem beschränkten Verstand des Nichtgläubigen zu denken. 

Die Folge ist, daß sich das gesamte katholische Denken in Widersprüche zu verheddern beginnt. Aus dem unendlichen Wahrheitsgebäude wurde ein irrationales Gefühlsgelände. Von dem nun (weil es keine Grenzen mehr kennt weil scheinbar hat) behauptet wird, daß es "alles" enthält, was in der Welt der Fall ist (um einen Satz von Wittgenstein zu mißbrauchen). 

Fortan war die Kirche mehr und mehr nur noch bemüht der Welt zu beweisen, daß sie in ihren Kategorien denken und handeln konnte. Mit der unausbleiblichen Folge, daß sie auch die Kriterien der Welt aufzugreifen begann, ohne deren wirkliche Wirklichkeitsrelevanz noch beurteilen zu können. Was nach sich zieht, daß dieses Bestehen-können vor der Welt von dieser selbst abhängig wird: Die weltliche Instanz wird für die Kirche, die auf jede Kohärenz und Widerspruchsfreiheit in ihrer Lehre verzichtet, bindend.³

Daß dabei die katholische Soziallehre beispiellos verzerrt wird kann nicht ausbleiben. Diese hat sich von einem befreienden Regelsystem in ein System von schwerfälligem Emotionalismus und theoretischer Inkohärenz verwandelt. 

Die Rolle der katholischen Soziallehre bestand nie darin, eine politische Plattform oder Ideologie vorzuschreiben. Sie wollte nie mehr als die Grenzen festlegen, außerhalb derer der gefallene Mensch in geistigen Verfall geraten würde. Dazu mußte sich der Mensch seiner Rolle in der Politik ermächtigen und sie mit katholischem Blut durchdringen. 

Hier sind die Grenzen, das soll uns die katholische Soziallehre dabei sagen. Aber innerhalb dieser Grenzen bist Du frei. Diese Grenzen SCHAFFT aber nicht die Kirche, sondern sie weist nur darauf hin. Die Kirche schafft nicht die Wahrheit. Die Wahrheit schuf die Kirche! Heute aber erlebt der katholische Denker eine Kirche, in der das Denken abgelehnt wird. Weil der Klerus in eine Atmosphäre führen will, die er selbst schafft. Und zu der er sogar zwingt. 

Das ist totalitär!

Alle, die nicht mit dem Geist des Papstes, mit der Atmosphäre, die er geschaffen hat, übereinstimmen, werden immer eingeschüchterter. Und warten wie furchtsame kleine Parteifunktionäre von Jahr zu Jahr mehr, welches Denkverbot mit einer jederzeit verkündbaren neuen Anweisung von oben kommen könnte. Noch nie (!) hatten deshalb päpstliche Verkündigungen dermaßen großes Gewicht wie heute.

Das hat zu Schizophrenie und immer unüberschaubareren, zahlreicheren De-facto-Schismen in der Kirche geführt. Denn da stehen auf der einen Seite jene, die an der modernen Atmosphäre festhalten, und auf der anderen Seite die, die nach den alten Regeln leben wollen, die die Kirche zwei Jahrtausende vertreten hat. 

Mit der unausbleiblichen Folge, daß diese Verwirrung auch den Papst selbst erfaßt, der diese Widersprüche zumindest ahnt, aber nicht mehr auflösen kann. Was er mit Leutseligkeit zu versöhnen bzw. zu überspielen trachtet. 

Ich kann Laien nur empfehlen, schreibt Richard Greenhorn abschließend, dieses Spiel nicht mitzuspielen. [...] Wir schulden den Päpsten Respekt. Sie aber schulden uns Kohärenz.

Ein kleiner Tip für die alltägliche Praxis: Stelle sich der Leser vor, er wäre Analphabet. Oder taubstumm. Oder beides. Dann versuche er sich vorzustellen, welche Rolle der Papst nun in seinem Glaubensleben spielte. Vielleicht findet er so eine Position, mit der es sich als Katholik leben läßt. Zu der er jedenfalls keine weiteren Enzykliken - schon gar nicht solche wie Laudato Si und Fratelli tutti - braucht. Und da gehen wir mit den Sichtweisen des Greenhorns völlig d'accord.


³In seinem Begriff vom "Wirken des Heiligen Geistes" hat Franziskus sogar explizit das Vernunftauflösende, das jede Widersprüchlichkeit in Atmosphäre, in Gefühl auflöst, zum expliziten Moment dieses Wirkens erhoben.

****Also sollte sich der Leser Fratelli Tutti einmal unter dem Gesichtspunkt des Inclusivismus lesen. Dann wird ihm der Aufruf zur Geschwisterlichkeit und Interreligiosität, den er dort findet, in ganz neuem Sinn aufscheinen.


*141020*
Unterstützen Sie dieses Blog!

Freitag, 6. November 2020

Wider Enzykliken (3)

Teil 3) Ein Paradigmenwechsel mit schweren Folgen


Diese Realität, die wir im Glauben bekennen, hat aber eine strenge Grammatik. Die besser zu hören dienen vor allem jene Grenzen, die das Papstamt setzte, indem es das ausschied, was sicher NICHT dazugehörte. Ansonsten aber konnte sich jeder innerhalb dieses Glaubensgutes bewegen, wie es ihm quasi beliebte.

Auf die Grenzen zu verzichten bedeutet aber etwas ganz Schwerwiegendes: Das Wissen um diese innere Grammatik der Wahrheit geht mit der Zeit verloren. Der nun einsetzende Versuch einer positivistischen Rekonstruktion durch Festlegung der Wahrheit in Wahrheitssätzen hat schwerwiegende Konsequenzen: Das Katholische wird von einem System der Freiheit und Weite zu einem System der beschränkten Ideologie.
Den Beweis für diese Einschätzung liefert das, was nach 1965 einsetzte: Der Wettstreit um die richtige Interpretation. Der sich auf einen Geist des Vatikanums berief, den zu unterscheiden nur für den wirklich Glaubenden möglich ist, sich aber einem (sozusagen) kommunikationellen Disput entzieht.

Weil ein Disput vor allem keine moralischen Kategorien kennt, die auf derselben Ebene wie er selber liegen. Das heißt, daß Glaubensfragen im Grunde auf logischer Ebene alleine (!) nicht zu entscheiden sind, wenngleich sie niemals unlogisch und widersprüchlich sein können. 

Dem Disput über theologische Fragen steht also jedes Tor offen, mißbraucht und Opfer von Äquivokation, Scheinlogik und der Lüge des Schizoiden zu werden. Dementsprechend blieb eines: Immer mehr wurde das Katholische überhaupt dem Irrationalen überantwortet. 

Erlaube der Leser einen Querverweis: Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht, hat die Entwicklung des "Wissens" (in der sich nun als solche formierenden "Wissenschaft") eine ganz analoge, parallele Entwicklung genommen! Auch hier wurde in ihrer kulturellen Bedeutung Wissenschaft zu einer Ideologieformulierung. Man sehe sich doch die gegenwärtigen Dispute um Klima und Corona, aber auch um Themen wie Schöpfung/Evolution oder Kosmologie an. 
Ja, die gesamte Bildung einer sogenannten Weltanschauung der Gegenwart unterliegt haargenau demselben Problem, das hier an der Kirche sichtbar gemacht wurde. Wir sehen hier dogmatische Konflikte, keine wissenschaftlichen Auseinandersetzungen.

Die Folge war eine immer vollständigere Aushebelung des individuellen Urteilsvermögens. Was denn nun katholisch sei, was zu tun und zu lassen sei, fiel zwar einerseits mehr und mehr in die Hand der Obrigkeit, denn es gab kein verbindliches Urteil mehr. Die Kirche, der Papst beanspruchte für sich lediglich noch, so wie jeder nur zu denken.

"Nach dem Zweiten Vatikanum," so Greenhorn, "sieht es ganz anders (als zuvor; Anm.) aus. Seit dem Konzil fungiert der Papst in seinen Enzykliken nicht als Herrscher oder Lehrer, sondern als Akademiker, der versucht, eine These zu unterstützen: Das Zweite Vatikanische Konzil. [...] 
Wann immer nun die Entscheidung ansteht, die Kirche oder die Konzilsväter zu zitieren, wählen die Päpste die Konzilsväter. Die vage, unbestimmte Autorität von Enzykliken ist hervorragend für die vage und widersprüchliche Natur der damaligen päpstlichen Lehre geeignet. Man merkt sofort, daß moderne Enzykliken nicht von Männern geschrieben wurden, die sich als Repräsentanten der Kirche verstehen. Das päpstliche "Nein" wird durch das "Ego" ersetzt."

"Das ist bereits bei Johannes Paul II. erkennbar, von dem so vieles geschrieben wurde, so Greenhorn weiter, das nichts als ein Versuch ist, die Lehre der Kirche in die kantische Ethik zu übertragen. Es gibt keinen Grund, dies außerhalb der intellektuellen Zufriedenheit zu versuchen. Die neunundneunzig Prozent der Katholiken, die keine Ahnung haben, was Kantsche Ethik bedeutet, haben weitgehend unlesbare und meist stumpfe Bücher vor sich liegen, die wenig oder gar keine Bekehrungskraft haben."

Aber die bisher schlimmste Form dieses Intellektualismus findet sich nun in den Enzykliken von Papst Franziskus. In seiner jüngsten Enzyklika findet sich schon rein gar nichts mehr, was sich in ein wirksames Gesetz oder sogar in ein umsetzbares moralisches Prinzip verwandeln ließe. Es ist einfach ein persönliches Grübeln darüber, wie sich der Papst gerne die Welt vorstellte. 

Er nimmt damit aber nicht mehr die Rolle eines Papstes ein. Das ist die Rolle eines Ideologen.

Sämtliche der letzten drei Päpste waren keine Führer mehr. Alle drei überwachten lediglich einen beispiellosen institutionellen Zusammenbruch. Sie waren schwache Führer und schlechte Gouverneure, die nicht führen wollten oder konnten. Stattdessen taten sie alles eine moralische Atmosphäre zu schaffen, in der sie nicht mehr als oberster Hirte weil Papst auftreten mußten. Die Päpste des 19. Jahrhunderts waren lange im Clinch mit dem Staat. Die Päpste unserer Zeit sind es mit ihrer eigenen Institution.

Selbstgefühl der Schwäche und Unterlegenheit - Das Katholische als Inklusivismus
 
Morgen Teil 4) Wie das Katholische zur Ideologie wurde
Aus einer Ideologie aber folgt Totalitarismus


*141020*
Unterstützen Sie dieses Blog!

Donnerstag, 5. November 2020

Wider Enzykliken (2)

Teil 2) Der Kampf um Bedeutung und Autorität
- Was sich durch das Erste und Zweite Vatikanische Konzil geändert hat


Das Problem begann in Wahrheit schon 1519 mit Luther, mit den gesellschaftlichen, politischen, kulturellen Verwüstungen, die der Protestantismus anrichtete. Was wir weiter unten genauer ausführen wollen, hat da bereits angefangen, und zwar auch und vor allem in den Festlegungen in der Liturgie, der langfristig die Luft abgeschnürt wurde. Spätestens hier begann eine Entwicklung, die wir mit "Identität als Apologetik und Angstbehauptung" betiteln wollen und nach dem Zweiten Vatikanum einen vielleicht nicht mehr zu überbietenden Höhepunkt erreicht hat.

Wobei im noch größeren Rahmen gesehen auch diese Festsetzung des Anfanges unzulänglich ist. Denn um präziser zu sein müssen wir schon im langen 13. Jahrhundert ansetzen. In jenem Zeitraum, wo dieses fast traumähnliche Ganze, das Europa als die Kultur des Abendlandes gewesen ist (und das jede Kultur im Grunde ist, ist sie noch eine Kultur und nicht ein verwesender Leichnam), zu zerfallen begann. Wir sehen es also noch schärfer als das Greenhorn in seinen Ausführungen, die wir hier so schamlos als Sprungbrett zu unserer eigenen und umfassenderen Deutung benützen.¹ 

Aber offensichtlich schlagend wurde es 1789, bei und nach der Französischen Revolution. Und der von ihr verwirklichten Schwächung der gesellschaftlichen Position der Kirche, namentlich ihrem Autoritätsverlust durch die aufoktroyierte Aufklärung. Das hat zu einer veränderten Haltung der Päpste als oberste Autorität geführt. Sie sahen sich mehr und mehr (und warum auch immer) genötigt, dem Wust an aufkommenden Ideen und Ideologien etwas entgegenzusetzen, das zuvor gar nicht notwendig war. Zumindest nicht von Päpsten direkt. 

Denn zuvor waren es die Priester und Katecheten, die Mönche und Heiligen, vor allem aber durch die Liturgie und den Jahreskreis, der die Gesellschaft (als und zur Kultur) geformt hatte und völlig selbstverständlich gewesen war. Diese Selbstverständlichkeit war nun ins Wanken geraten, und das sahen auch die Päpste als oberste Autorität. Und sie taten eines, sie griffen zur einzigen Waffe, die ihnen angesichts des realen Bedeutungsverlustes noch blieb: Sie griffen zum Stift. 

Das heißt nichts weniger als daß, was nun in der Kirche einsetzte, bereits aus einer Position der Schwäche heraus entstand. Die Kirche erfuhr sich unterlegen, und integrierte nun das Überlegene - den Staat (und das heißt letztlich, von anderer Seite aus gesehen, den Zeitgeist) und dessen Begierden.

Das 19. Jahrhundert war das Zeitalter der Revolutionen, des Zerfalls gesellschaftlicher Strukturen und politischer Organisation von Völkern. Der Staat stand im Vordergrund des Denkens, und damit auch die Autorität und Stellung der Kirche. Die erstmals etwas begann, was es in dieser Form zuvor noch nicht gegeben hatte. Sie begann, ideale Strukturen und Bilder zu entwerfen. Vom Staat, von der Kultur, von ihrer eigenen Struktur. Und mit einem Mal stand die Position des Papstes zur Diskussion. Innerhalb der Kirche! 

Diese Frage wurde bekanntlich sogar Anlaß einer nächsten Kirchenspaltung, die der (so genannten) Alt-Katholiken. Aber der wahre Anlaß war, daß eine positive Definition³ (sofern sie nicht Poesie ist, die man aber Spekulative Theologie nennt) für eine wissenschaftliche philosophisch-theologische Auseinandersetzung damit untauglich weil zwangsläufig mangelhaft bleibt. Und so mancher katholische Eckpfeiler, darunter der zum Kirchenlehrer erklärte Kardinal Henry Newman, sah das Problem (speziell bei der Dogmatisierung der Päpstlichen Unfehlbarkeit) nicht weniger wie der bayrische, dermalen hoch angesehene, aber heute katastrophal miß- und unverstandene (wofür der Wikipedia-Eintrag einmal mehr ein Beispiel ist) bayrische Theologe Ignaz von Döllinger. Der dafür exkommuniziert wurde. 

"Das Papsttum," schreibt dazu unser Greenhorn, "beschränkte sich im Allgemeinen auf die Rolle, Streitigkeiten beizulegen und damit die Grenzen der Orthodoxie festzulegen. Die Moraltheologie wurde mehr oder weniger den Moraltheologen überlassen. Und die positive Theologie den Poeten, Mystikern und Spekulativen, fügen wir hinzu.  
Der stetige Strom von positiven Erklärungen nach 1789 war vielleicht eine notwendige Gegenmaßnahme gegen das Revolutionäre, aber er war zumindest außergewöhnlich. 
Die Weisheit und moralische Integrität der Männer, die in diesen Jahren das Papsttum innehatten, verlieh ihnen viel Autorität. Es ist jedoch wenig vorstellbar, daß irgendjemand eine solche moralische Führung der Päpste während der 'Pornokratie' des 9. Jahrhunderts ernst genommen hätte.  
Dennoch waren die besten Enzykliken alles andere als akademisch. Sie waren vielmehr Versuche, die unsterbliche Lehre der Kirche auf konkrete moderne Situationen anzuwenden. [Enzykliken waren] kein Selbstzweck, sondern unterstützten ein größeres Betriebsprogramm. [Sie waren] niemals Wiederkäuer um ihrer selbst willen."

Waren zuvor kirchliche - also päpstliche - Lehrentscheidungen kaum jemals mehr als Abgrenzungen gewesen, konsultierte man Lehrkompendien lediglich in Fragen, was NICHT katholisch ist, setzte eine neue Bewegung ein, die sich darauf zu konzentrieren begann positiv zu formulieren, WAS KATHOLISCH SEI. So etablierte sich Schritt für Schritt eine Form der päpstlich-lehramtlichen Äußerung, die als "Enzykliken" betitelt das aufzuarbeiten begann, was denn die Kirche immer schon geglaubt hatte.² 

Damit aber passiert etwas scheinbar Seltsames, es beginnt zwangsläufig, das Denken vorzugeben und es damit EINZUSCHRÄNKEN. Ja damit wurde die Vernunft des Menschen, diese unverzichtbare Basis der katholischen Theologie und Anthropologie! beschränkt weil als Säule der Freiheit festgelegt.*** 

War das Katholische zuvor das Unbegrenzbare, das in seiner Weite und Größe niemals erfaßbare, das mehr durch Grenzen als durch positive Beschreibung zu erfassen war, begann nun eine neue Art des Umgangs damit um sich zu greifen. 
War bislang grosso modo alles das katholisch gewesen, was nicht explizit NICHT katholisch war, war immer mehr nur noch das katholisch, was DEFINIERT war. Der Leser möge das in Ruhe bedenken, und so nachvollziehen, wo der gravierende, wirklich gravierende Bruch in der Haltung des Getauften zu Glaube, Sakrament und Liturgie besteht.

Aber die Lage hat sich mehr und mehr geändert, ein Stein wurde auf den anderen gesetzt. Schon keineswegs zufällig wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Neothomismus ausgerufen. Er war nicht weniger als Restaurationsversuch, ein Selbstbefestigungsversuch, die Rückbesinnung auf Thomas von Aquin. Der immerhin auch so gesehen werden kann, daß er am weitesten aller Denker und Beter im katholischen Kulturraum dabei kam, eine geschlossene, positive Theorie aufzustellen.² 

Die in seinen zweifellos großen und großartigen Hinterlassenschaften wie der "Summa Theologiae" und der bewußt als Abwehrkompendium gegen die Irrtümer des Islam (die ja in ihren Prinzipien keineswegs Einzelfälle sind, sondern als Archetypen für den gesamten menschlichen Geistesraum gelten können) verfaßten "Summa contra Gentiles" als Bastion bereits genug war und es noch immer sein sollte, den leidenschaftlichen Anstürmen der Ideologien des 19. und 20. Jahrhunderts zu widerstehen.

Das hat sich mit und nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil grundlegend geändert. Schon die Texte dieses Konzils kann man als Versuche begreifen, die Gesamtheit des Katholischen zu definieren, OHNE noch auf die Grenzen einzugehen. Ja, die Grenzen verschwanden sogar nahezu, und wurden nur noch für den existent und erkennbar, der ausreichend theologische und philosophische Bildung und Herzensreife hatte, sie mit den Texten des Konzils still mitzudenken.

Entsprechend verschwommen und "flexibel" sind viele, oft sogar die entscheidenden Formulierungen. Und das ist auch kaum anders möglich. Denn will man das Katholische positiv formulieren, ihm als "Lehre" eine Kontur geben, die in der intellektuellen Welt bestehen kann, muß man nicht nur scheitern, sondern der Versuch, es dennoch zu tun liefert, was wir tatsächlich geliefert bekommen haben: 

Texte, die dermaßen ambivalent sind, weil so viel zu berücksichtigen ist, weil so viel offen zu bleiben hat. Weil jede positive Formulierung² im intellektuellen Disput bestehen können muß. Sodaß am Ende dieses langsamen Scheiterns aber die Auflösung, die positive weil unbestimmte (weil in den Augen mancher ohnehin unbestimmbare) Vieldeutigkeit, und damit letztlich der Verzicht auf das eigentlich Mitzuteilende steht.

Das aber der sensus fidei, der existentielle Glaubenssinn, keineswegs als offen erfaßt. Es ist nur kaum oder gar nicht zu formulieren. Hinter jedem Glaubenstext steht also etwas, das mehr ist als Text, das ein reales, vollwirkliches und geschichtswirksames wie - schaffendes Glaube(n) ist! 

 
Morgen Teil 3) Ein Paradigmenwechsel mit schweren Folgen

¹Über diese Explosion des Abendlandes, die im "langen 13. Jhd." (der Begriff wurde von Jacques Le Goff gebildet und meint den Zeitraum vom späten 12. bis zum frühen 14. Jahrhundert) ablief, werden wir einen eigenen Beitrag in den nächsten Tagen veröffentlichen. Der vor allem darauf eingeht, daß es sich um eine "architektonische" Wende, um eine Architekturexplosion, also um eine Erschütterung des Raumes und damit des Ortes aller Dinge gehandelt hat.

²Der Leser kann es auch an manchen Texten in diesem Blog erkennen, die oft nicht zufällig so weit zu schweifen scheinen. Sie tun es, weil es sehr sehr schwierig ist, das, was man erfährt, das was vor einem steht, real, in Worten zu fassen zu kriegen - und "positiv" zu beschreiben. Also von innen heraus, nicht von seinen Grenzen her. Eine Aufgabe, die normalerweise der Poesie zugeschrieben wird, ja die zum Wesen der Kunst behört. Deshalb waren fast immer die Mystiker - sie sind die, die das Ganze sehen, dem Ganzen begegnen - zugleich wahre Poeten, man denke etwa an Johannes vom Kreuz.

***Vernunft ist dabei in einem viel umfänglicheren weil holistischen Sinn gemeint, als es die Aufklärung tut. Die die Vernunft auf die Ratio beschränkt - und damit unvernünftig wird. Dasselbe ist nun auch in der Kirche passiert.

³Wir müssen uns bewußt sein, daß einer der fundamentalsten Gründe, warum sich die Orthodoxie nicht in die Kirche eingliedern will und wird, genau das ist: Die Orthodoxie lehnt die positiven Definitionen (nach dem Konzil von Nicäa, das im Glaubensbekenntnis gewissermaßen die einzige positive Definition festlegte) ab, in die sich die Kirche mehr und mehr begeben hat. Dabei werden gar nicht so sehr die Glaubensinhalte abgelehnt, auf den sich die katholischen (päpstlichen) Definitionen im Grunde beziehen, sondern diese Definition. Die den Inhalt nur ungenügend erfassen, und damit irreführend sind oder sein (können)! 

Zugleich wird aber auch das Elend deutlich, das damit einhergeht. Denn OHNE solche Definitionen entstehen neue Gefahren, und die sieht man in der Orthodoxie tatsächlich. Es entsteht die Gefahr einer Inclusion von Inhalten, die ursprünglich auszuschließen wären. Es entsteht bei einem Bruch der persönlichen Überlieferung (sic!), die in der Orthodoxen Theologie eine weit größere Rolle spielt als in der römischen Kirche, die Gefahr einer Zulassung von Inhalten, die ursprünglich ausgeschlossen waren. Selbst bei einer so großen Rolle, die die Kirchenväter in der Orthodoxie spielen. Und damit entsteht die Gefahr einer der Häresie einhergehenden Selbstausschließung aus der Kirche, weil es keine Korrekturinstanz gibt. 


*141020*

Mittwoch, 4. November 2020

Wider Enzykliken (1)

Die neueste Enzyklika von Papst Franziskus, "Fratelli Tutti", verstärkt den Eindruck, der einen angesichts der Kirche befallen muß, nämlich den der Erbärmlichkeit und Schwäche. Das schreibt der Amerikaner Richard Greenhorn in einem Artikel, der am Blog von William M. Briggs unter dem Titel "Against Papal Encyclicas - Gegen päpstliche Enzykliken" in diesen Wochen erschienen ist. 

Aber es ist nicht die Zuflucht zu irgendeinem - fremdverfaßten, damit nicht so deutlich der eigenen Verantwortung unterstehendem - Pejorativ, das den an kirchlichen Angelegenheiten noch Interessierten verlocken sollte, diese Ausführungen zu lesen. Sondern es ist die Gedankenlinie, die so bemerkenswert ist, daß sie dem VdZ die Wanderung in diese Bibliothek der Orientierungssuche inmitten einer verrückt gewordenen Welt wert ist. Der sie aufnimmt und in der respektlosen Art, die wir von ihm gewohnt sind, in sein Weiterspinnen einbindet.

Dabei schadet es nichts, sich die Anmerkungen von Greenhorn von vor einigen Wochen vor diesen, Fratelli tutti zum Anlaß nehmenden Gedanken zu Gemüte zu führen. Die unter dem vielsagenden Titel "Integralismus als Verzweiflungsakt des Liberalismus" erschienen sind. 

Das Greenhorn, das den Artikel verfaßt hat, meinte mit Integralismus, die aktuelle Diskussion in den USA, ob man nicht die Kirche (und überhaupt die Religionen) in eine Art von Mitspracherecht in der Politik ausstatten solle. An sich ist zwar die Verfassung der USA die einzige und erste, in der Kirche/Religion und Staat strikt getrennt sind (wir haben darüber hier, unter Bezug auf die Arbeiten von David Wemhoff, ausgiebig gehandelt), der Staat also eine rein weltliche, laizistische Angelegenheit ist. Das ist in der Praxis natürlich gar nicht möglich, weil Glaube und Religion immer eine Rolle, ja eine so große Rolle spielen, daß sie der Politik sogar Vorgaben macht, ja meint, machen zu MÜSSEN. 

Insofern geht es nun darum, der Kirche bzw. der Religion auch offiziell diese Rolle strukturell einzuräumen. Sie also in den Staat, in die Gesellschaft offiziell (wieder) zu integrieren. Denn bislang ist es möglich, und es wurde auch immer mehr der Fall, daß religiöse Motive bei Richterentscheidungen ausdrücklich auszuschließen und aus der Rechtsprechung herauszuhalten waren. Aber damit war die Mehrheit der Amerikaner so gar nicht zufrieden, und das ist ziemlich verständlich.

Wir sehen damit, daß dieser Integralismus nicht mehr als eine Spezialform dessen ist, was der VdZ mit Paul Hacker Inclusivismus nennt: Der Staat gibt von seiner Macht ab. Das heißt nicht weniger als daß man aus einer (vermeintlich) überlegenen Position heraus das Verlangen aufgibt, das öffentliche Bekenntnis zu einer hierarchischen Ordnung zu verlangen, in der man überlegen ist und großmütig zuläßt, daß die (in den eigenen Augen unterlegene) Position des anderen "auf Augenhöhe gestellt wird." 

Insoweit verschwimmen also die Begriffe, denn dieser Integralismus ist nicht nur Ausfluß des Liberalismus, er ist noch umfassender gedacht Inclusivismus. Und als solcher ist es bereits beschrieben, weshalb wir im weiteren Voranschreiten diesen Begriff verwenden werden. Weil er damit seine Aktualität besser vor Augen stellt.

Deshalb sehen wir uns verpflichtet, die Schrift von Paul Hacker, diesem großen deutschen Indologen (und die meisten Indologen von Weltruf sind interessanterweise Deutsche), zum Inclusivismus anzupreisen. Die dankenswerterweise von Gerhard Oberhammer 1983 herausgegeben und somit der Nachwelt zugängig wurde. 

Wo Hacker, der sich zeitlebens mit indischer Religion und Philosophie und Lebenswirklichkeit* befaßte aufgezeigt hat, daß die typisch indische Grundhaltung**, die wir gerne - aber irrtümlich! - als extrem tolerant und liebevoll (also liberal) einschätzen, aus einem Unterlegenheitskomplex geboren ist, den Indien über seine letzten tausend Jahre Geschichte kultiviert hat. In der es von lauter überlegenen Mächten bestimmt worden ist - vom Islam, vom Christentum und von der abendländischen Kultur, also dem Westen, in der Gestalt von Portugal, Frankreich, England, und zuletzt USA. 

Mit dem Grunderleben, daß das eigene Schicksal, das Weltschicksal immer noch von anderen Mächten bestimmt wird, OBWOHL Indien mittlerweile das einwohnerstärkste Land der Welt ist. Da wacht aber heute etwas auf. Wir sehen es in einer immer feindlicheren Haltung gegenüber dem Christentum. Und wir sehen es im Inclusivismus der Inder. Wer schon mit Indern zu tun hatte wird an deren ganz subtiler Arroganz erkennen, was der VdZ meint.

Inclusivismus ist, grob gesagt, eine Haltung, in der alles, was einem begegnet, mit einer stillen, nie wirklich explizit gemachten Theorie (die mehr eine Haltung, vor allem eine Behauptung einer Theorie, also mehr eine These denn eine durchgedachte Theorie ist) umfangen wird. Diese Behauptung lautet in etwa so, daß dieses einem begegnende Phänomen oder Theorie oder Philosophie oder Religion in der eigenen Theorie oder Philosophie oder Religion (oder in allem zusammen) längst enthalten ist. Deshalb ist man ihr DOCH überlegen. Auch wenn man das nicht durchsetzen (und schon gar nicht beweisen) kann.

Noch ein Gedanke soll wie eine Saite angeschlagen werden, auf daß im Kommenden ein Ton mitklingt, den der Leser hört, während er den Textgedanken folgt. Diese Integration, dieser Inclusivismus ist erst möglich geworden, weil die vordem unterlegene Seite dieser Trennung bewiesen hat, daß sie der überlegenen Seite nicht schadet. 
Das Wesen des Inclusivismus ist also auch, daß es der Unterlegene ist, der sich integriert. Obwohl er in Wahrheit meint, der Überlegene zu sein. 
Schwirrt Ihnen, werter Leser, nun der Kopf? Geduld. Es ist nicht so kompliziert. Es ist nur komplex, und nicht simpel. 

Nun haben wir endgültig das Bett des Flusses vorgegraben, in das sich die Gedanken des Greenhorns ergießen, dessen Ergüsse wir zum Anlaß weiterer Erörterung nehmen. So können wir die Richtung deutlicher machen, in die der Fluß des Wirklichen fließt. 

Auch hier geht es nämlich um Unterlegenheit, und einer daraus erwachsenen Beweis- und Behauptungshaltung, die aber von keiner Theorie wirklich getragen und zu tragen ist. Zu widersprüchlich, zu wirr sind die Wünsche, und um solche handelt es sich, die der Verfasser von Fratelli Tutti vorträgt. Schon gar, sieht man sie im Rahmen der katholischen Lehre, die seit zweitausend Jahren unverändert steht.


Morgen Teil 2) Der Kampf um Bedeutung und Autorität
- Was sich im Ersten und Zweiten Vatikanischen Konzil wirklich geändert hat


*Aus welchem Durchmessen des geistigen Raumes des Menschen er zu seinem äußerst empfehlenswerten Alters- und Weisheitswerk "Das ICH im Glauben bei Martin Luther" kam.

**In ihrer religiösen Form bezeichnen wir Westler diese Lebenshaltung gerne als "Hinduismus", und nennen sie "Weltreligion". Kaum etwas könnte verfehlter sein. Wir tun das, weil wir es so gewohnt sind, aber in Indien ist es völlig anders. Hacker kommt aus der intensiven Befassung mit dessen Religion zu dem Urteil, daß man von "einer" Religion gar nicht sprechen kann. Praktisch hat nämlich jedes Dorf, manchmal jede Familie eine ganz eigene Religion. Alleine die Zahl der Hauptgötter und deren Interpretationen, die wenigstens noch so halbwegs durchgängig sind, beläuft sich auf mehrere zehn-, wenn nicht hunderttausend. Und sie sind mit unseren Denkkategorien kaum zu ordnen. 

Was uns in Europa als "hinduistische Religion" oder "Weisheit der Veden" etc. etc. vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts begegnet, ist, und hier teils beachtlich reüssiert hat (man denke nur an die Beatles und den Run, den diese ausgelöst haben), ist durch bestimmte Figuren geprägt und vor allem gemacht, die uns mit einer Religion (oder Religionen) bekannt gemacht haben, die es so in Indien gar nicht gibt. Die eine regelrechte Erfindung ist, die von diesen Leitfiguren bereits durch das Scheidewasser europäischer Philosophie gemangelt wurde. Denn diese alle haben in Europa studiert. Somit ist es eine Illusion zu glauben, uns würde in diesen Heilslehren und -lehrern eine uralte indische Weisheitsreligion begegnen, geprägt von uralten Schriften, den Veden. Nichts wäre falscher!


*141020*
Unterstützen Sie dieses Blog!

Sonntag, 18. Februar 2018

Das Nullte Vatikanum (2)

 Teil 2) Beide Reformen hatten dasselbe Ziel - und denselben Effekt




Der Leser erinnere sich: Alle Reformen sollten im Namen einer Widerherstellung einer "unverfälschten, echten" Tradition stattfinden. Zwar gab es für diesen Anspruch nie den Funken eines Beleges, denn Forschungen haben gezeigt, daß die Liturgie von 1962 ganz exakt dieselbe war die im Jahre 62. Warum sollte sie das auch nicht sein? Immerhin hatten die zwölf Apostel drei Jahre im wohl besten Seminar gelebt, das denkbar ist - in der Gegenwart Jesu Christi. Warum also sollte ihre Liturgie infantil sein? Und wenn sie ihre höchste Aufgabe darin sahen, die Worte Jesu zu überliefern, und zwar ganz genau, warum sollte damit auch die Liturgie nicht auf diesem Stand einfrieren, den sie doch von Jesus direkt empfangen hatten? So wurde die Tradition geboren, und deshalb wurde auch Latein als universale Liturgiesprache eingeführt - eine tote Sprache. Denn eine solche war ganz sicher "rein", von keiner Alltagssprache jemals verunklart und verändert. 

Im Vaticanum 0 passierte exakt dasselbe. Auch hier forderten die Reformer im Namen der ursprünglichen Tradition eine Veränderung der gegenwärtigen Praxis. Ausgehend von Bestrebungen der russischen Zaren, zu den griechischen (byzantinischen) Wurzeln zurückzukehren. (Vermutlich hatte das einerseits Legitimationsgründe, denn die Romanows waren noch nicht lange an der Macht und hatten sich nach ihrer Machtergreifung mit einem aufmüpfigen Bojarentum herumzuschlagen, dann aber auch den Sinn des Beweises einer Tradition des Byzantinischen Reiches, das in Moskau weiterbestehen sollte; Anm.) Zwar bestehen Zweifel, ob der Anstifter zu den Reformen nicht doch der Patriarch Nikola gewesen ist, aber es spricht einfach mehr dafür, daß sie vom Zaren ausging. 

(Und die vom VdZ angedeuteten Gründe würden diese Variante ebenfalls bevorzugen, denn solche Motivgemengelage sind in der Kirchengeschichte häufig: Nicht zuletzt dürfte die Kirchenspaltung in Ost und West, Byzanz und Rom, auf Kaiser Karl zurückgehen, und zwar aus ganz ähnlichen Gründen wie hier bei den Romanows.) 

Auf jeden Fall kam die Idee zu einer Reform beiden entgegen. Zar Alexis wollte ganz sicher Moskau zum Dritten Rom machen, und der russische Patriarch nichts anderes. Beim 2. Vatikanum ist dass nur scheinbar genau umgekehrt, wenn Kardinal Bugnini, der spätere Initiator der Liturgiereform, Rom quasi "abschaffen" wollte - nur schuf er damit eben viele, nicht mehr faßbare weil unbekannte Roms, als Teil einer ökonomischen Kirche, in der auch die Anglikaner und deutschen Lutheraner ihren gleichberechtigten Platz fanden, weil nicht mehr "unter" einem Rom standen. Und natürlich auch Konstantinopel, natürlich. Moment, und wie sähe es mit sagen wir Salt Lake City und seinen Mormonen aus? Natürlich, auch die haben dann ihren Platz. Moment, hieß Mons. Bugnini mit Vornamen nicht Hannibal - "Gnade von Baal", dem berühmten Todfeind von Rom? Tschuldigung, das war nur ein Scherz.

Erstaunliche Parallelen, bis auf einen Punkt

Tja, die Geschichte mit Roms 2. Vaticanum und Moskaus 0. Vaticanum zeigte entsprechende Parallelen. Beide suchten (angeblich) eine Versöhnung mit der Welt, indem sie "an die Ursprünge" zurückgehen wollten und die jeweils gegenwärtige Gestalt veränderten. Beiden Konzilen folgte eine Zeit der fanatischen Verfolgung dieser Gestalt, sie wurde strikt verboten.

Sowohl der Zar als auch der Patriarch waren überzeugt, daß die liturgischen Bücher sowie die Liturgien voller Übersetzungs- und Übermittlungsfehler steckten. Die Kirche mußte wieder "gereinigt" werden. Der Zar beauftragte den Patriarchen Nikon, den Ursprüngen nachzugehen. Und der tat es, ging nach Athos, und studierte dort sämtliche Bücher. Und siehe da, er fand die "ältesten Formen". Drei Finger, nicht zwei. Drei Halleluja, nicht zwei. Und so weiter, und so fort.

Nur gab es da ein unscheinbares Problem. Nein, mehrere. Nicht nur, daß sich Zar und Patriarch zerstritten, und während der Patriarch darauf wartete, daß sich der Zar bei ihm offiziell entschuldigte, tat dieser etwas ganz anderes, denn er hatte ja die Macht: Er stieß den Patriarchen aus der Kirche aus, und setzte ohne lange die versammelten Patriarchen zu fragen, die auf der Seite von Nikon waren, die Reformen in Kraft. Und zwar aus dem offensichtlichen Grund, daß er eine Homogenisierung der russischen mit der griechischen (originalen) Kirche wollte, um der unbezweifelte Nachfolger des Kaiserstuhles von Konstantinopel zu sein, beide Glaubensgemeinschaften bzw. alle Orthodoxen zu vereinen. Und das stimmt mit zahlreichen weiteren historischen Analysen überein: Denn das war und ist seit tausend Jahren das große Ziel der Russen.

Für dieses Ziel waren die Russen bereit, auch etwas zu geben - eben ihre eigene Tradition aufzugeben zu Gunsten der vermeintlich originaleren griechischen Liturgie. Immerhin waren diese ja wohl getreuer als die russischen Bücher? Lustigerweise - nein. Die russischen Bücher waren, wie man heute weiß, allen Traditionen ganz exakt gefolgt, nicht aber die griechischen! 

Die Spaltung war die Folge

Die Katastrophe war perfekt. Denn nunmehr spaltete sich die russische Kirche, in Raskolniki (die Altgläubigen), und die Narodniki, die Volkstreuen, die in den Augen der Altgläubigen der Antichrist persönlich waren. Noch dazu wurden diese Reformen 1666 beschlossen - man sehe die Zahl! Nur hatten diese Narodniki auch die Macht, und schwere Verfolgungen setzten ein. Die in ihrer Härte nur noch von den nächsten Narodniki übertroffen wurden - den Bolschewiken.

Und hier haben wir wieder die Parallele zum 2. Vatikanum. Auch hier setzten schwere Verfolgungen der "Altgläubigen" ein. Freilich waren manche Mittel scheinbar umgekehrt. Aber nur zum Schein, denn das Ziel war dasselbe wie in der Orthodoxie: Sämtliche christlichen "Kirchen" in einer ökumenischen Gesamtkirche zu vereinen.

Wohin hat das alles geführt? 

Nun, im Grunde zum gleichen Ergebnis. Bei beiden Kirchen. Jähe Veränderungen führen zu Verwirrung. Verwirrung schafft Richtungsstreit. Streit untergräbt die Disziplin und die Fähigkeit, einen Organismus zu leiten. Und diese Unfähigkeit verhindert eine wirkungsvolle Verteidigung der Lehre. Und damit ist ein Sieg der wahren Lehre unmöglich gemacht. Es ist deshalb klar, daß solch ein Vorgehen einer Revolution direkt in die Hände spielt. Während es für die Tradition verheerend wirkt. 

Deshalb kann man eine Lehre ziehen: Wer ein System revolutionieren will, der tut das am wirkungsvollsten unter dem Banner der ... Wiederherstellung der echten, wahren Tradition, definiert als Rückgang zu einer weit zurückliegenden Rekonstruktion eines Anfangs, der den ganzen Weg dazwischen als Verfälschung entwertet. 

Und dieser sogenannte Reformwille ist das Herz der Entwicklung des Abendlandes seit der Aufklärung. Es war in Wahrheit das Einreißen einer Kultur, weil jeder Erfahrung entgegen, den Generationen dazwischen abgesprochen wird, sich immer wieder neu reformiert und an den Anfängen und Prinzipien orientiert zu haben. Als Schlag ins Gesicht der Eltern.


***



Hinweis: Der Streit um "zwei oder drei Finger" (etc.) scheint nur uns bereits völlig entgeisteten West-Barbaren lächerlich und völlig unwichtig. Er entfaltet seine Schwere aber, wenn man die Bedeutung und Rolle des Konkreten, Bildlichen, Dargestellten in der Orthodoxie bedenkt. Wo zwar das Zeichen selbst nicht angebetet werden kann oder darf (was den Altgläubigen ja vorgeworfen wurde, zu Unrecht, sieht man von einzelnen Mißständen ab), aber dieses Zeichen als Symbol verstanden wird, in dem geistig der transzendente Inhalt - damit der Himmel, bzw. ein Teil davon - gegenwärtig ist.




*270118*

Samstag, 17. Februar 2018

Das Nullte Vatikanum (1)

Einen weiteren sehr interessanten Artikel fand der VdZ am Blog von William M. Biggs. Er stammt aus der Feder von Ianto Watt, und stellt die These in den Raum, daß es vor dem 1. und 2. Vatikanum ein "Nulltes Vatikanum", also ein "Vaticanum 0" gegeben hat. Wie kommt er darauf? 

Zuerst einmal führt Watt an, daß sich das 1. und das 2. Vatikanum unterschieden haben wie Tag und Nacht. Im Vaticanum I  ging es (grosso modo) um Gewißheit ("Laßt uns einem Anführer zuhören"),  im Vaticanum II ums genaue Gegenteil, nämlich "laßt uns auf jeden hören, und am besten auf alle auf einmal.") Im eigentlichen Sinn meint also Watt einen Vorgänger zum 2. Vatikanum, wenn er von Vaticanum 0 spricht, und dieses ist der wirkliche Vorgänger zum Vatikanum II. Denn auf beiden Konzilen ging es um dasselbe, und beide gleichen sich auch frappierend.

Dieses Vaticanum 0 freilich ging in der Orthodoxen Kirche Rußlands vor sich. Um genau zu sein: Im Schisma das sich rund ums Jahr 1666 dort abspielte. Und das hier die Raskolniki (Die Altgläubigen) sah, und dort zur Entwicklung ihrer Opponenten, den Narodniki (Den ans Volk Glaubenden) führte. Das Schisma hatte profunde Auswirkungen auf die orthodoxe Welt Rußlands, und hat es bis zum heutigen Tag. Genau so, wie es das Vaticanum II auf die Welt hatte, wie sie von Petrus bis zu den Beatles bestanden hatte. 

"Was ist es, dass wir vom Vaticanum 0 lernen und auf unsere nach-jedermanns-Welt von heute anwenden können? Nun, nahezu alles. Aber speziell den Aufstieg der westlichen Narodniki und ihrer Herrschaft, und zwar sowohl in der Kirche wie auch im Staat. Beide werden nunmehr angetrieben von einem Neuen (wenn auch alten) Gott, den man "Demokratie" nennt. Und der der Demokratie der Toten gegenübersteht - der Tradition. Wo jeder mitreden kann, egal wie hoch einem auch der Puls dabei steigt."

"Was geschah im Vaticanum Null, das diese umfassenden Änderungen innerhalb der gesamten russischen Orthodoxie hervorrief? Es ist ganz einfach: Nur ganz kleine Änderungen. Aber sie waren wichtig. Sie kennen das ja: Laßt uns mit drei Fingern anstelle von zwei bekreuzigen. Laßt uns drei Halleluja anstatt zwei sagen. Laßt uns gegen den Uhrzeigersinn in der Liturgie schreiten, anstatt mit ihm (oder war es umgekehrt?) Verstehen Sie, was gemeint ist?

Es wurde nichts beschlossen, was man als Doktrine bezeichnen könnte. Es ging nur um kleine Änderungen "in der Praxis", in den Rubriken. Aber in einem Land, wo Schulbildung selten war, waren Gebetsvorschriften alles. Und weil die meisten orthodoxen Priester nie Theologie studiert hatten, waren Liturgie und Rubriken alles, was sie hatten. Um genau zu sein: Wenn man orthodoxer Priester war, war es mit hoher Wahrscheinlichkeit auch schon der Vater gewesen. Und auch dessen Vater. Und so weiter. Man wuchs damit auf, die Liturgie einfach zu sehen, nicht sie zu analysieren. Und weil die meisten Gläubigen genau dasselbe gemacht haben, waren sie ziemlich wahrscheinlich Ihnen gleich in der Erinnerung der Bewegung. Sinn war bedeutungslos."

Und jetzt folgt etwas, das man verstehen wollen muß, sonst ist alles sinnlos, was nun folgt, schreibt Watt weiter. Wir werden aber nun nur zusammenfassen:

Beide Konzile beriefen sich bei diesen Änderungen in der Praxis auf ... "uralte Tradition", auf die Anfänge also. Die Fortschrittlichen des 2. Vatikanums deklamierten, daß es keinen Sinn habe, in der modernen Welt bestehen zu wollen, wenn man sich nicht auf die reinen Anfänge rückbesann. Und weil sie annahmen, daß diese alte Welt noch etwas weniger gescheit, vor allem kindlicher als die heutige war, reduzierten sie auch alles auf ein infantiles Niveau. Das Latein wurde abgeschafft, genau so wie der Kalender, der Rosenkranz, Heilige und Heiligenstatuen und vor allem alles, was nach Hierarchie roch. Denn, so erklärten die Reformer, die Urkirche kannte keine Hierarchie, sie war demokratisch. Das Ergebnis also war sie nun, die wirkliche Tradition. Denn die gegenwärtigen "Traditionen" waren Ergebnis von napoleonischen Revolutionen, und zwar seit Konstantin. (Hatten nicht auch die Proponenten der Französischen Revolution den Anspruch, die "alte griechische Tradition" der Demokratie als Urzustand wieder aufzugreifen?) 

Klingt das übrigens in den Ohren von Protestanten nicht besonders vertraut?

Dasselbe geschah in der Ostkirche

Im Namen des Volkes (russ.: Narod) wurde auf eine Rückkehr zu einer pureren, älteren Tradition, einer Tradition der Anfänge verlangt. Sieht man da nicht schon die Aufstecknadeln der Gegenwart leuchten, auf denen "Wir sind Kirche!" steht? Wie sollte das aber praktisch stattfinden? Zuerst einmal laßt uns so viele Menschen wie nur möglich ins Allerheiligste (den Zelebrationsraum also, das Presbyterium, den Chor) stopfen. Davon sollen so viele Frauen sein, wie nur möglich ist. Wenn sich dann einmal alle um den "Vorsteher der Liturgie" (wie der Priester nun genannt wird) drängen, wird es kein Problem mehr sein, ihn überhaupt wegzudrängen. Laßt uns ferner diesen ganzen Chor von hinten nach vorne holen, damit ihn auch alle sehen können, und dort soll er auch seine neuen Lieder singen. Am wichtigsten dabei: Laßt möglichst alle (und vielleicht gleich noch ihre Hunde) direkt mit dem Allerheiligsten in Berührung kommen.


Morgen Teil 2) Beide Reformen hatten dasselbe Ziel - und denselben Effekt






*270118*

Samstag, 2. März 2013

Zur KIärung

Im Zusammenhang mit den in den letzten Tagen erschienen Repliken zum Rücktritt von Benedikt XVI. scheint ein Mißverständnis möglich zu sein. Das läßt sich aus einzelnen Reaktionen schließen.

Denn keineswegs war die Stellungnahme des Verfassers dieser Zeilen als "Korrektur der Konzilien" im Sinne einer Korrektur ihrer dogmatischen Inhaltlichkeit zu verstehen. Das meint er auch ausdrücklich genug zur Kenntnis gebracht zu haben, anderes zu unterstellen wäre unredlich. Vielmehr war und ist eine Korrektur in den kirchenpolitischen wie -praktischen Auswirkungen der Verkündigung dieses Dogmas gemeint. Und die Gründe für solch eine Denkweise meint der Verfasser dieser Zeilen argumentativ in seinen Stellungnahmen belegt zu haben.

Und NUR SO ist zu verstehen, wenn der Verfasser dieser Zeilen meint, daß die Verkündigung des Dogmas der Unfehlbarkeit des Papstes (in seinem strengen Sinn) sich PRAKTISCH - auch - auf gefährliche Weise dahingehend ausgewirkt hat, als sie falschem Zentralismus und Papismus Vorschub geleistet hat. Dies betrachtet, lassen sich in seinen Augen so manche Phänomene der Gegenwart erhellen, die nicht zum Wohle von Kirche und Glaube, vor allem im Volk, wirksam waren und sind. Ohngeachtet der Frage, ob diese gewisermaßen subkutane Fehlinterpretation nicht ausschließlich willentlicher Fehlinterpreation zuzuschreiben, damit im Rahmen des generellen Kulturzusammenbruchs, der im 19. Jhd. so unselig einsetzte, zu verstehen ist. Das heißt auch daß davon ausgegangen werden kann, daß es dennoch und prinzipiell besser war, es zu verkünden, als nicht. 

Man könnte ja durchaus generell die Verkündigung eines Dogmas als rein kirchenpolitischen bzw. -praktischen Akt verstehen. Denn kein Dogma erfindet Neues, sondern faltet lediglich explizit Rahmen und Grenzen eines immer schon implizit enthaltenen Glaubensgutes aus, und reagiet somit auf historische Konstellationen. IN DIESER HINSICHT ist tatsächlich ein Dogma historisch zu sehen. 

Gleichzeitig hat jede solcher Grenzziehungen - das ist ja ihr Sinn - Auswirkungen auf das reale, praktische Glaubensleben bzw. gesellschaftliche Leben. Und darin, bitte schön, können sehr wohl auch Fehlentwicklungen stattfinden. Unter Umständen ist so z. B. ein guter Teil des 2. Vatikanischen Konzils überhaupt nur unter diesen Hinsichten zu verstehen bzw. zu kritisieren bzw. so manche Kritik (die Entwicklung der Liturgie etc.) daran zu verstehen. In diesen Punkten erlaubt sich der Verfasser dieser Zeilen auf zahlreiche Schriften und Äußerungen gerade dieses letzten Papstes zu verweisen.

"Wenn ich unwahr geredet habe, so weise es mir nach."




***

Freitag, 1. März 2013

Linien der Kontinuität (2)

 2. Teil) Eine Kehrtwendung - und eine Korrektur der beiden Vatikanischen Konzile



Aber noch etwas, und noch einmal der Hinweis auf die Regierungszeit Kaiser Friedrich II., des Staufer: zwangsläufig hat eine solche Entwicklung, in der faktische Person mit Amt in eins fällt, auch einen Zentralismus zur Folge, der ebenfalls in der Kirche zunehmend zu beobachten war. Denn es wird das persönliche Element eindeutig überbewertet. Hier muß man manchen Kritikern also zustimmen, so problematisch manche ihrer anderen Haltungen (Ungehorsam) und Sichtweisen sein mögen, in denen sie sich allzu deutlich als faktische Kinder ihrer Zeit, aber auch in erstaunlicher Kontinuität mit erwähnten Entwicklungen in der Kirche (!) seit dem 1. Vatikanischen Konzil selber zeigen. Die Kirche hat ihre Feinde also selbst gezeugt.

Und deshalb hat Joseph Ratzinger mit seinem Rücktritt, in dem er erklärt, daß seine Natur die spezielle Gnade des Papstamtes nicht mehr tragen kann, seine vielleicht klarste und kräftigste Aussage als Theologe, Philosoph und Papst getätigt. Die den Nerv der Zeit traf, wie nichts sonst aus seiner Amtszeit, die schon aufgrund des Alters des 2005 Erwählten nur als Zwischenpontifikat zu verstehen war.

Ja vielleicht sogar noch viel mehr - ob er es bewußt so sah, oder nicht. Denn ob er es so beabsichtigte oder nicht, so hat er damit einen historischen Schritt gesetzt, indem er eine über hundertjährige Entwicklung, die bei weiten Bevölkerungskreisen zu einer längst unzulässigen Verklärung des Papstes führte, zu einem Ende brachte. Mit einem Schlag hat er eine Nüchternheit aufscheinen lassen, die nur gut sein KANN. Mit einem Akt hat er das Papstamt auf sein ihm zugehöriges realistisches Maß gestutzt, und  - hoffentlich - vielerorts Ernüchterung bewirkt.

Der weiß, daß er nicht mehr in der Lage ist, den realen Anforderungen seines Amtes zu genügen. Das im Amt des Regierens, des Ordnens, des Kampfes der Autorität als Dienst an der Einheit besteht, der sich nicht mit frommen Formeln erledigt. Da braucht es konkrete Manneskraft. Denn es geht um das Amt, nicht um seine Person. Der deshalb bescheiden zurücktritt, weil er es real nicht mehr ausfüllen kann. Weil er offenbar noch Respekt vor der Würde hat, die er zu repräsentieren hat.

Wenn es heißt, daß sein Rücktritt historisch problematische Folgewirkungen haben könnte, indem nämlich das Papstamt "entsakralisiert" wird, so ist das in dieser Hinsicht absolut wünschenswert. Indem die Kirche selbst nicht auf das faktische Vorhandensein ihrer Glieder eingeschränkt wird, sondern über allem ihre wahre, noch ungewirklichte Gestalt, der nie verstummende Anspruch neu gesehen wird.

Oder war das Papstamt sakraler mitgeteilt, wenn ein Kranker durch den Petersdom geschleift wurde? War es sakraler aufgefaßt - hier ist von Fakten die Rede, die es nur zu sehen gilt! - wenn Jugendliche in Massen auf Flugfeldern "Benedetto" skandierten, oder kamerabewaffnete Touristen nach einer Papstmesse im Petersdom klatschten, oder per Twitter "I love You!" hören ließen? War das sakrales Papstamt, wenn polnische Bischöfe ihre Macht demonstrierten, und selbst unter Drohungen, ihre Landeskirche würde sonst Schaden nehmen, eine Seligsprechung durchdrückten? War das sakrales Papstamt, wenn der Papst regelrecht zum Messias verklärt (und das heißt: daß die Sichtweise zahlloser Menschen beeinfußt wurde!) wurde, weil ein solches Trugbild angeblich (auch das hört man in diesen Tagen) wesentliche Säule des Ansehens der polnischen Kirche sei?

Wenn es so ist, dann hat Papst Benedikt vulgo Dr. mult. Joseph Ratzinger eine historische Heilstat vollbracht, die zu wagen wirklich Mut zum Kreuz beweist, weil Mut zur Wirklichkeit bedeutet: die Schleier und Nebel der Täuschung aufzureißen, Licht hereinzulassen, weil den nötigen Realismus, den auch das Papstamt, den aber gerade die Kirche mehr als dringend benötigt. Durch einen vorgenebelten Papst mit virtueller Aura kann niemals Kirche lebendig werden. Glaube, Gott, Gnade ist zutiefst real! Da braucht es keine Gruppendynamik, keine künstlichen Sakralitätsschleier. Macht lieber die Liturgie wieder zu dem, was sie eigentlich ist, befreit sie endlich vom Subjektivitätsschlamm. Und vergeßt nicht die schiefköpfig-fromm lächelnden Kommunionhelferinnen, die meinen, es käme auf ihre Gefühlsausbrüche an, wenn sie den realen Gott zur Speise geben.

Daß Benedikt's Rücktritt historisch quasi beispiellos ist, nämlich durch seine absolute Freiwilligkeit, und daß dieses Beispiel fortwirken könnte, hat aber doch ganz sicher auch seinen Grund darin, daß die Medizin heute Lebensalter wahrscheinlich macht, die vor 100 oder gar 500 und mehr Jahren undenkbar waren. Es wäre gut gewesen, hätten das schon manche Vorgänger mehr mit erwogen, daß ein 85jähriger vielleicht nicht mehr die Kraft hat, zu tun, was ein Papst, und nur darum geht es, zu tun hätte. Der mehr sein muß als ein abstraktes Symbol, das Parkinsonkranken zeigt, daß sie mit ihrem Leiden nicht alleine sind. Von einem Kranken diesen Dienst zu verlangen, den Papstdienst, ist im übrigen nichts anderes als lieblos.

Damit aber wäre seine Entscheidung wirklich wegweisend, und viel deutlicher, als viele wahrhaben wollen: Denn Benedikt XVI. zerreißt damit (ob bewußt oder nicht) auch diesen unsäglich verqueren Schleier des Papismus, der - und mit welcher Paßgenauigkeit zur Zeit des Internet, der Ortslosigkeit, und damit der Unwirklichkeit - so unermeßlichen Schaden angerichtet hat. Der ganz sicher kein Weg der Neuevangelisierung - im Jahr des Glaubens! von diesem Papst ausgerufen! - ist. Wo die Kirche zum Eventverein entwürdigt, der Papst zur faktischen Identifikationsfigur der Vermassung, zum "Star" abgehalftert wurde. Den es zuletzt sogar noch auf Twitter kostenlos zu beziehen gab.**

Auch das übrigens: Zentralismus der schlimmsten Art. Wozu braucht es überhaupt noch eine Ortskirche? Na geht eh ein, überall, raunte ein griesgrämiger Rapottensteiner unlängst. Vielleicht mit Grund? Mit klaren Ursachen? Mittlerweile scheinen sich ohnehin die meisten Bischöfe die Päpste zum Vorbild genommen zu haben, ihre eigenen Diözesanstrukturen verkommen zu lassen, um sie durch "zentrale Bewirtschaftung" zu ersetzen. Während sie vom Kreuz jammern das darin läge, daß die Kirche aus der Öffentlichkeit verdrängt wird. Verdrängt wird? Sich selbst, durch Zentralismus nämlich, verdünnisiert. Und Zentralismus überall, in allen Diözesen, auf allen Ebenen, führt zum Erlöschen der Zwischenstrukturen. Er erhöht dabei nicht das Untere, er erniedrigt das Obere, als das "Nächstliegende".

Vielleicht hören die Leut, ernüchtert, gezwungen zum Realismus auch in der Betrachtung des (nächsten) Papstes, nun endlich auf, pausenlos über den Vatikan zu diskutieren, anstatt in ihrer Pfarre das Kreuz zu schultern, von dem sie so gerne hätten, daß es jemand anderer für sie beiseiteschafft. Der Papst, zum Beispiel. Während man das Feld allen möglichen Umtrieben überläßt - WIR, wir haben ja unsere virtuelle Kirche, rechtgläubig und superfromm, per iPod

Es ist krank, wenn der Gesundheitszustand des Papstes die Leute mehr interessiert, als der ihres Pfarrers. Wenn die Leute in Internetforen und Sondertreffen über Zölibat und Enzykliken diskutieren, anstatt ihrem Pfarrer das zu sein, was seiner Stellung entspricht und jede Zölibatsdiskussion obsolet macht: Braut. Was aber auch ihr einziger Ansatz wäre, am Heil teilzuhaben, das die Kirche sehr real ist.
Das Urteil der Geschichte über den mit heutigem Tag gewesenen Papst kennt auch diesmal noch niemand. Das wird die Zeit sprechen. Nicht wir, die wir so flott geworden sind mit Meinungen, mit "groß" und "heilig", die wir nur noch Vokabular abgleichen, nicht einmal mehr sprechen können. Und aus deren Mund eine Forderung nach "santo subito" wie das Bewerten einer guten Fernseh- und Internet-Show klingt. Denn: woher sollen wir, in dieser Distanz, einen Menschen wie einen Papst überhaupt wirklich einschätzen? Aus seiner Fernsehwirkung? Aus der Virtualität, in die wir tauchen?

Betrachtet der Verfasser dieser Zeilen aber, was der Kirche heute nottäte, sieht er woran sie wo elendig würgt, sieht er diesen Sopranaturalismus, diese Virtualität, die sich als '"pastoraler Weg" wie ein Aussatz überallhin ausgebreitet hat, dann kann er nicht anders als tatsächlich ... diesen Rücktritt als vom Heiligen Geist inspiriert zu sehen. Gerade in seiner Ernüchterung. Und daß Joseph Ratzinger, gewesener Papst, nicht genau überlegt, daß er keineswegs simuliert hätte, daß er in seinem Urteil über seine Kraft also einfach und schlicht ernstzunehmen ist, daß er aber auch in seinem Urteil, wie er es in seinen Schriften und Äußerungen so zahlreich dokumentiert hat, sehr fest und inspiriert ist - davon geht der Verfasser dieser Zeilen aus.

Man steigt nicht vom Kreuz herunter, meinte Dziwisz. Das ist richtig. Aber das Kreuz des Papstamtes ist nicht der sabbernde Mund eines von vielen Parkinsonkranken, sondern braucht die Kraft der schwertführenden, ordnenden Hand eines Fürsten, das hat sich gerade am Vorpontifikat erwiesen. Und die Liebe zum Papst ist nicht eine (auch hier: virtuelle) Liebe zu einem Schwerkranken weit weg, sondern es heißt jenes Amt zu akzeptieren, dessen jeweiliger Innehaber leitet, führt, ermuntert und ermahnt. Und das ist der Pfarrer ums Eck, dem ich einfach weil ich dort räumlich bin angehöre. Der mir jene Andockstelle an die Wirklichkeit der Kirche ist, letztendlich mit dem Papst als Haupt.*** Auf daß die Glieder des einen Leibes in ihren je eigenen konkreten Aufgaben, am Ort wo sie stehen, in der Aufgabe die ihnen als Amt auferlegt ist, als Kernbaumzieher, als Vater, als Chef, als Arbeiter, als Obmann des Kaninchenzüchterverbandes, erstarken und heilig werden. Und darin ist er Urbild des Königs, an dem alle ihr Maß nehmen. Der fern ist. Weil sein Amt so sakral ist, daß es jeden Alltag sprengen würde.

Geht heim, sagt uns Joseph Ratzinger, ich bin zu müde, zu alt, zu schwach. Kreuz tragen heißt, mit Verstand jenes Gewicht zu tragen, das dieses Kreuz hat. Zu viel aber wäre zu tun, zu viel Widerstand zu brechen, zu viel zu ordnen. Ein Amt zu tragen - und das heißt: einen Namen, einen Anspruch auszufüllen -  braucht eben reale Kraft. Dann kann auch sein spezielles Charisma wirksam werden. Braucht also Ernsthaftigkeit. Das wird nun ein Nächster übernehmen. Auch Jesus hat Simon sein Kreuz übergeben.

Hören wir dem Papst einmal wenigstens zu. Und glauben wir endlich.

Wer denn Papst werden solle, frug den Verfasser dieser Zeilen unlängst ein Leser. Wer, antwortete der? Es sei ihm gleichgültig. Er habe hier vor Ort, in Ungarn, eine Kirche in einer Normalität, die er für kaum noch möglich gehalten habe. Kein Priester mit Mätzchen, Sonntagsgottesdienste in denen gesagt wird, was es zu sagen gibt, und ein Volk, das kein großes Tamtam macht, weil es das Kirchenjahr selbstverständlich mitlebt. Wenn das ein Hinweis sein sollte, dann kann es nur einer werden - ein nüchterner Ungar. Die haben Realismus offenbar gelernt.

In Wahrheit aber müßte man antworten: Na ein Römer, ein Italiener, wer sonst? Als Bischof von Rom? Dann wäre die Linie der Kontinuität, des Realismus gewahrt, die seit 1870 so gefährlich entglitten, die Benedikt XVI. aber wieder aufgegriffen hat. Und das spricht wirklich für einen "großen Papst", als einen Joseph Ratzinger, der Größe hat.****

Und wissen Sie was, geneigter Leser? Wissen Sie, was das Ärgerlichste daran ist? Daß wir doch tatsächlich davon ausgehen müssen, daß uns das auch irgendwie bekümmern könnte. Womit sich der Kreis dieses Artikels schließt.






**War da nicht etwas, hier auf diesem Blog? Mit "Papst, Twitter und Ende"? Nur so als Anstoß ... es gibt keine Zufälle. Denn es ist ganz gewiß auch das eine hohe Anforderung, die enorme geistige wie physische Kraft - im Schwimmen gegen WELCHEN STROM! - benötigt, die heutige Kommunikationslandschaft auf ihre überaus problematischen Implikationen hin zu durchschauen und auch darin ein Leitbild zu geben.

***Wenn der geneigte Leser sich seriös mit der Frage des Verhältnisses von Kirche und Amtsträger, im besonderen mit der Frage der Indefektibilität der Kirche auseinandersetzen möchte, so sei ihm das Buch von R. Knittel, "Die unvergängliche Geschichtsdauer der Kirche in ihrer ekklesiologischen Entfaltung" empfohlen. 

****Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß natürlich die praktischen Implikationen eines solchen Papstrücktritts - gerade im Zeitalter der Medien - beträchtliche Verwirrung stiften können. Der Mensch ist ein Sinnenwesen - was nun? Gibt es nun zwei Päpste, beide in weißem Ornat? Weshalb zu hoffen ist, daß man von einem Joseph Ratzinger em. Pont. max., nie mehr mehr hört als von jedem Kapuzinermönch, der hinter hohen Mauern und in dunkler Kutte sein Tagewerk vollbringt, bis ihn der Herr in aller Stille abberuft. Leider ist anderes zu befürchten. Zum einen werden die Frommen (s.o.) dafür sorgen, zum anderen die Medien in ihrer Konstitution der Langeweile.





***

Donnerstag, 28. Februar 2013

Linien der Kontinuität (1)

Der polnische Kardinal Dziwisz, ehemaliger Privatsekretär von Johannes Paul II., hat den Rücktritt von Benedict XVI. kritisiert. Man steige nicht vom Kreuz, meinte er. So, wie es Karol Woityla so vorbildlich gemacht habe.

Es verwundert nicht, daß Dziwisz so reagiert. Denn er spürt ganz sicher, daß genau das der wunde Punkt ist, der das ganze Pontifikat des unter großem Druck von außen subito seliggesprochenen Vorgängers von Joseph Ratzinger zu einem tönernen Koloß macht. Und es steht selbst für eine ganze theologische Richtung. Die die Kirche seit Jahrzehnten, ja wohl von einem überinterpretierten 1. Vatikanischen Konzil an, gefährlich entstellt und unsichtbar macht. Das in seiner abstrakt gesehen richtigen, in seiner (v. a. durch die zunehmende Rolle der Medien) praktischen Auswirkung aber überbetonten Haltung der jeweiligen Person des Papstes gegenüber Wurzelgrund einer Theologie wurde, mit deren negativen Auswirkungen wir im Grunde heute einen Kampf auf Leben und Tod führen.

Das reicht von der popstarähnlichen Verehrung, die Johannes Paul II. durch seine Weltjugendtage sogar institutionalisierte, bis hinein in die alltägliche Wirklichkeit in den Pfarren. Und wer so wie der Verfasser dieser Zeilen der Auffassung ist, daß der Mensch in der Religion ansetzt, könnte sogar zur Meinung kommen, daß die katastrophale Gesamtentwicklung unserer Kultur zumindest auch darin ihre Wurzeln hat.

Es geht um genau das, was man Dziwisz streng genommen als häretisch, zumindest der Tendenz nach, zuschreiben muß: Um den In-eins-Fall von Amt und Person, um den (gewissermaßen: aristotelischen) Materialismus, wo die physische Wirklichkeit "alles" ist, und sich deshalb auch das Amt darin erschöpft.* Es geht um genau das, was Luther dazu bewog, am persönlichen Vertreter des Papstamtes zu verzweifeln, und weil das Denken dem Sein folgt das Amt einfach zu virtualisieren (um es in zeitgemäßen Termini auszdrücken). Es geht sogar um genau das, was das Problem von Gemeinschaften wie der Priestergemeinschaft Pius X. wurde, die aus Treue zum Papst (welchem?) dem (konkreten) Papst ungehorsam wurde. Es geht um das Verhältnis von Amt und Person. Und damit geht es um eine metaphysische Frage, die um des Verhältnisses von Form und Inhalt. Aber es geht in Folge sogar um mehr: es geht um das Verhältnis von Gnade und Natur. Und es sprechen viele Indizien dafür, daß die Sichtweise genau dieses Verhältnisses mittlerweile schwere Schlagseite erhalten hat. Die Zusammenhänge sind evident.

Versteht man die Kirche wie sie sich selbst versteht, als societas perfectas, als jenes Gesamtbild, das der Idealität der Gedanken Gottes und damit dem Schöpfungsplan (innerhalb seiner Vorsehung) entspricht, so bedeutet jeder Stand, jede Position, jedes Amt, das dem Menschen zugesprochen wird, ein Idealbild, dem er sich zu öffnen, das er in aller Historizität möglichst (also: gehorsam) darzustellen hat. Jeder Amtsträger wird also in einen bestimmten Wirklichkeitskreis hineingestellt, der ihm als Anspruch vorangeht, dem er nachzufolgen hat. Vereinfacht: als Kreuz, das jeder zu tragen hat.

Nur in einem Punkt gibt es eine Ausnahme, dem der Sakramentalität. Nur hier, und nur im Rahmen der engsten Darstellung (als: Seiendes), findet sich göttliche Idealwelt und menschlich faktische Welt untrennbar in eins gestellt. Durch die Liturgie in der Hl. Eucharistie, der Krankensalbung, oder in den Standessakramenten, der Priesterweihe, der Ehe, der Taufe und Firmung als Grundsakrament des Menschlichen selbst. Jeweils nur so, insofern die materialen Voraussetzungen gegeben sind. Das heißt auch für den Priester bei der Wandlung, daß er als Mensch "irgendwie" wollen muß, was die Kirche will, wie bei der Ehe, die die Willensentscheidung und -freiheit verlangt, anders sind vollbewußte Handlungen "als" Sakrament nicht möglich - eben, weil sie auch das Irdische mit hineinnehmen, den Himmel auf Erden verkörpern.

Kein Sakrament ist die Papstwürde. Der Papst ist im Grunde Priester, Bischof, als solcher Träger der voll ausgebildeten priesterlichen Gewalt. Die Binde- und Lösegewalt selbst, die mit dem Papstamt einhergeht und an der sämtliche Weiheträger teilhaben, ist aber kein Sakrament. Sie ist der Kirche übertragen, und sie spricht sie jemandem zu - dem gewählten Papst eben. Insofern ist diese Gewalt, das eigentliche Merkmal des Papstamtes, mit der die Verheißung der Unfehlbarkeit (bei Lehrentscheidungen im strengsten Sinn) einhergeht, von der Kirche verwaltbar, und verwaltet. Der Papst wird eben gewählt. Und selbst während der Zeit der Sedisvakanz, wie zwischen dem Tod des einen, der Wahl des nächsten Papstes, ist es ein zu erfüllender Anspruch, ist in seinem geistigen Wesen nicht "tot" oder verschwunden, sondern (sehr bildlich dargestellt) schwebt als Anspruch über der Kirche, bis sie einen Träger findet, von Menschen bezeichnet, auf dem sie sich niederläßt, der sie im Gehorsam ergreift.

Deshalb kann ein Papst sie auch wieder zurücklegen. Wie und warum auch immer, freiwillig oder unfreiwillig. Und die Kirchengeschichte hat zahlreiche Beispiele dafür, man blicke nur auf die Wirren der Spätantike oder des Mittelalters, als sich so vieles - auch und gerade in Fragen des Verhältnisses Amt und Person - noch abklären mußte.

Der jeweils gewählte Papst als Mensch hat also einen Anspruch zu erfüllen, der nicht sakramental an SEINE Person, aber abstrakt an EINE Person gebunden ist. Jene Person, die der Heilige Geist sich erwählt hat, der die Kardinäle inspiriert. Und: Gott schreibt bekanntlich auch auf krummen Zeilen gerade. Mit seinem ganzen Menschsein hat er also dafür zu sorgen, daß er diese hohe Würde darstellt, und erfüllt, was er in dieser Aufgabe, in diesem Amt zu tun hat. Entspricht er - persönlich! - dieser Würde nicht oder schlecht, und die Kirchengeschichte hat leider einige solcher Beispiele, dann erfüllt er dieses Amt nicht oder schlecht. Ist er krank, siech, körperlich bresthaft und unfähig, die aus dieser Gewalt erwachsenden Pflichten zu erfüllen, ist auch die Entfaltung dieser ihm übertragenen Gewalt beeinträchtigt.

Insofern ist die Heiligkeit eines Menschen daran zu bemessen, wieweit er für dieses jeweilige Amt (wie verflochten und komplex diese Ämter auch sind, sodaß oft enorme menschliche Klugheit gefragt ist) durchsichtig war. Wieweit er sein persönlich-faktisches Leben in den Dienst dieses Anspruchs gestellt hat. Als Papst heißt das: die Kirche zu leiten, die Brüder im Amt zu ermahnen oder zu ermutigen, zu binden und zu lösen. Deshalb können Päpste sehr real in diesem Punkt auch fehlen. Nicht in ihren letzthinnigen Lehrentscheidungen, aber in ihrer praktischen Arbeit. Auch hier ist die Kirchengeschichte trauriges Beispiel dafür, wie weit das gehen kann.

Genauso aber hat sich ein Papst sehr wohl zu fragen, ob er (oder: ob er noch) in der Lage ist, diesen sehr reale Ansprüchen zu genügen. Sei es, weil er krank, sei es, weil er aus einem anderen Grund sehr real und sehr praktisch untauglich ist. Darauf zu hoffen - machen wir ein konkretes Beispiel daraus - mangelndes Verhandlungsgeschick, fehlende Kraft um Widerständen in den Weg zu treten, würde durch das Wirken des heiligen Geistes schon ausgeglichen, ist Vermessenheit, ist, schlicht und einfach, spekulieren mit einem Wunder. Denn die Gnade setzt die Natur voraus, die Schöpfung selbst zeichnet, wenn auch in gebrochenem Licht, den Wirkwillen Gottes vor.
Karol Woityla wurde in Rekordtempo seliggesprochen. Es steht dem Verfasser dieser Zeilen nicht zu, darüber letztlich zu urteilen. Aber er kann sehr wohl eine Position dazu vertreten, und in dieser weiß er sich beileibe nicht allein. er sieht es als evident an, daß hier klare kirchen-, ja nationalkirchenpolitische Interessen im Vordergrund standen, und hält vor allem die Schnelligkeit in der das geschah für nicht klug. Denn mit dieser Seligsprechung ist natürlich eine gewisse Sanktifizierung eines gewissen kirchenpolitischen Geschehens verbunden. Nicht so sehr theologisch, als rein praktisch, faktisch. Aber wenn Papst Benedikt XVI. in "Salz der Erde" sagt, daß er bei physischer Unfähigkeit, das Amt auszuüben, zurücktreten würde, so kann der Verfasser dieser Zeilen nicht anders als dies in Zusammenhang mit ... seinen Vorgängern, oder gar nur: seinem direkten Vorgänger zu sehen.

Denn Johannes Paul II. war in Wahrheit zehn Jahre und mehr gar nicht mehr in der Lage, sein Amt auszuüben. Er war ein todkranker Mann. Der Verfasser dieser Zeilen war schon 1993 schockierter Zeuge, wie ein kaum noch des Gehens fähiger Mann von Sicherheitsbeamten durch den Petersdom regelrecht geschleift wurde. Und das in einer Zeit, in der sich, wie sich erst in den letzten Jahren herausstellte, sehr sehr reale udn brandgefährliche Probleme in der Kirche aufgestaut hatten, die in einem wahren Knall - Stichwort: Mißbrauchsaffairen - sein nachfolger auszubaden hatte. Man stelle sich nur vor, wie ein agiler, tatkräftiger Mann voll des guten Willens und voller Mut hier schon frühzeitig viel hätte verhindern können!

Machen wir es kurz: Karol Woityla hat vielleicht mehr an sich selbst als am Amt gelitten. Sein ganz subjektives, faktisches  Menschsein wurde nämlich in eins gesetzt mit dem Papstsein. Aber dieses liegt als Gnade, als Einbruch des Himmels, wie ein zweiter Körper auf dem bloßen Menschen. Und seine Aufgabe ist, diesen zweiten Körper sichtbar zu machen. Sein persönliches Leiden, seine Krankheit, tut da nichts zur Sache.

Das alles ist auch keineswegs überraschend. Karol Wojtyla hat wie in allen seinen Schriften nachzuvollziehen und in seinen Taten zu sehen war, eine kirchenpolitsche bzw. "pastorale" Linie vertreten, die für höchst bedenklich zu halten der Verfasser dieser Zeilen nicht verschweigt. Seine Amtszeit, sein Handeln stand genau in dieser Linie, die einleitend erwähnt wurde.

Und es ist eine Linie, die der Kirche heute regelrecht das Genick bricht. Weil es längst auch im Volk angekommen ist. Das landauf landab zwischen Amt und Träger, zwischen Kirche und faktischem Zustand, nicht mehr zu trennen vermag. Da wird das Grinsen des Priesters zur "erfahrbaren Liebe Gottes", und das Händeschütteln vor der Kommunion zum allseitigen Liebesakt erklärt. Die Liturgie ist nahezu verschwunden, beschränkt sich auf pausenloses Gerede, das oft den Eindruck einer Suggestion annimmt, sich das, was nicht passiert, doch wenigstens als geschehen - und wirkend - vorzustellen, und seine Wirkungen zu simulieren. Oder per Gruppentherapie "erfahrbar" (was?) zu machen.

Aber genauso, wie heute jeder Priester glaubt, er müsse Alleinunterhalter spielen, und wie ein Entertainer die Sonntagsmesse "gestalten", genauso größenwahnsinnig wurden deshalb so viele Katholiken. (Denn der Einzelne formt sich nach dem Urbild.) Denen eben diese Lehre in Fleisch und Blut überging: daß ihr faktisches Menschsein in jedem Fall Gottähnlichkeit sei. Die sich in innerlichem Krampf im Grunde selbst seligsprechen, zum Vorbild der Christenheit erheben. Und genauso hatte auch Karol Woityla das Problem mit Gratia supponit naturam**, das wird hier unumwunden ausgesprochen.

Wenn man so will: Hegelianismus. Damit wird alles, was der Fall ist, auch "heilig". Der Staat. Die Kirche wie sie ist. Der Papst, wie er an Parkinson leidet. Und diese Selbst-Heiligsprechung zieht sich wie ein grüner Faden durch die ganze Gegenwart.

Weshalb es auch überhaupt nicht wunder nimmt, wenn heute so viele "Fromme" meinen, daß alles, was ihnen zustößt, in den Glanz des Besonderen, des Außergewöhnlichen genommen ist. Die Liturgie der Gegenwart hat es sie gelehrt. Und ... ein Papst, der hinter seinem Menschsein ("de labore sole" - so hat es der Verfasser dieser Zeilen stets gedeutet) das hohepriesterliche Amt verschwinden läßt.

Die sofort davon sprechen, daß alles was sie erleben, im historischen Maßstab groß und außergewöhnlich sein muß. Weil sie selbst es ja sind. Also wurde auch Ratzinger sofort zum Superstar erhöht, wird auch sein Pontifikat - noch mehr fast als das seines Vorgängers - sofort zum "großen Pontifikat" überhöht. Denn wenn es das nicht wäre - dann wäre ihre eigene Heiligkeit beschattet. Deshalb muß auch Benedikt XVI. sofort heiliggesprochen werden, wie man mancherorts hört - und warum?

Ganz offen: weil es für die erwähnte Form der Frömmigkeit gar nicht anders geht als daß alles, womit sie zu tun haben, dem sie das Papsttum (oder die Rechtgläubigkeit etc.) zusprechen (und DAS tun sie nämlich) auch heilig ist. Die Heiligkeit des Papstes Ratzinger ist also nur Ausdruck IHRER Heiligkeit.

Ihr Hängen am Papsttum ist nicht Treue. Es ist die Forderung, die sich aus ihrer Selbsteinschätzung ergibt. Und da kann es nur verklärte Gestalten geben, mit denen sie es zu tun haben. Derselbe Grund, warum kaum noch jemand in der Kirche sein Amt ausübt, sein Amt, sondern das Konkrete, das was seine Aufgabe als Mensch wäre, der Gnade überläßt. Das ist eitle Vermessenheit, der wahre Krebsschaden der Kirche. Der sie überall niederreißt, weil das Heilige nicht mehr sichtbar wird. Nur noch die Menschen stehen da, und behaupten, sie wären die Kirche, ganz persönlich. Und ist es nicht seltsam? Dieses "Wir sind Kirche" eint alle Richtungen, die man als einander widersprechend in der Kirche bezeichnet. Es ist ein Scheinwiderspruch. Die "Konservativen" und die "Progressiven" sind nicht unterschieden. Es ist ein Streit unter denselben narzißtischen Charakteren. 

Die nirgendwo mehr ihre konkrete Aufgabe erfüllen, dem Wesen ihrer Sendung als Mensch treu bleiben, in allen Formen, Gestalten und Hierarchien. Sondern die sich über die Welt "hinwegbeten". Deshalb überall, wo man hinblickt, so katastrophales Versagen. Deshalb überall die Infragestellung fundamentalster Wahrheiten, die nur noch per ständig zu erneuernder Verordnungen halbwegs zurückgedrängt werden können, und müssen. Und Bischöfe, die das nicht tun, was sie zu tun hätten. Lieber Parallelstrukturen aufbauen, in denen sie ihre Phantasien von Frömmigkeit und Neuevangelisierung ausleben können, ohne die wirkliche Bürde ihres Amtes tragen zu müssen. Während sie das Schiff der Kirche allen überlassen, die ans Ruder drängen. Und das sind viele: Eine Kirche, in der der faktische Mensch in den Vordergrund geschoben wurde, muß zwangsläufig zum Karrieristenstadel verkommen. Und in einer solchen Kirche wird auch Gehorsam zur Hörigkeit. Oder zum frechen Ungehorsam. Denn genau dem Gehorsam, der Grundlage alles Erkennens, fehlt das Maß. Er wird in Wahrheit zur Okkupation dessen, dem man angeblich gehorcht, das aber nur dem eigenen Machtrausch dient, wird zum schizoid genutzten, infamen Feigenblatt. Vernunft verkommt zur Logorrhoe einer subjektiven Frömmlerei.





2. Teil morgen) Eine Kehrtwendung - und eine Korrektur der beiden Vatikanischen Konzile




*Die Artikelreihe über Kaiser Friedrich II. findet sich ja nicht zufällig in diesen Tagen - er hat diese Problematik in historischem Ausmaß und mit enormer Tragweite (bis in den Hegelianismus hinein) ans Tageslicht gebracht, sodaß man Thomas v. Aquins Mühen um gedankliche Klärung des Wesens der weltichen Dinge - als analogia entis, und das heißt daß jedes Ding der Welt in seiner Grundverfaßtheit eine Analogie zur Dreifaltigkeit ist, im Zueinander von Vater (Idee) und Sohn (Fleisch) im Heiligen Geist, in dem sich beide liebend umarmen - in klarem historischem Zusammenhang sehen muß.

**Die Gnade folgt der Natur, ja sie setzt sie voraus. Denn in der Schöpfung findet sich die Vernunft Gottes, ihres Hervorbringers, eingeschrieben. Deshalb ist der Heilsweg der Kirche nicht von der konkreten Gestalt zu trennen, muß der Mensch durchlässig für diese "Ideenwelt" Gottes werden. Die konkrete Gestalt der Kirche wird so zum Abbild der himmlischen Ordnung, nein, nimmt sie vorweg, macht das Himmlische als inneres Wesensgesetz der Kirche irdisch, vorzüglich in den Sakramenten, in der Liturgie. Wo Himmel und Erde einander bräutlich umarmen. Wo das Haupt die Glieder formiert.






***