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Sonntag, 31. Juli 2022

Gedankensplitter (1426b)

Zum Abschluß noch ein Punkt in der Reihe der vergangenen Hüftschüssse, und das ist der der Ungelöstheit des Problems der Kultur überhaupt. Gatto et al. setzen still voraus (und wir dürfen zurecht vermuten, wo die Gründe dafür liegen - sie sind in Richtung Neid, Unzufriedenheit, Verletztheit, Invertiertheit usw. zu suchen) daß diese Kulturformen in sich unsinnig, zufällig, also unbedeutend und lediglich illegitim interessengesteuerte Unterdrückungsmechanismen sind. 

Woher das Menschenbild kommen soll, das den Menschen SO sieht, kann gleichermaßen vermutet werden. Der Realität entspricht es nur dort, wo das Menschsein bereits in seinem Scheiterern ist. Sodaß es eine "Möglichheit zum Bösen" bleibt, ohnd deshalb das Prinzip der Welt ZU SEIN! Denn das Gute an der Welt ist, daßsie Schöpfung ist, und damit in ihrer eigentlichen Natur, die es aber erst in Gestalt zu bringen gilt, und das ist Erziehung, zur Wirklichung kommt.

Samstag, 30. Juli 2022

Gedankensplitter (1426a)

Der New Yorker "Pädagogik-Rebell" John Taylor Gatto (1937-2018) meinte einmal, daß er die Erfahrung gemacht habe, daß das amerikanische Schulsystem durch die Praxis, mit der Abschlüsse und Diplome zu erwerben sind, bewirkt hat, daß er laufend auf Absolventen treffe, die schon durch ihre gesmmelten Titel in hohe und höchste Positionen gelangen und unendliche Vorteile am Arbeitsmarkt haben, in Wirklichkeit aber selbst von ihrem studierten Fach absolut keine Ahnung haben. 

Das einzige was sie gelernt haben ist, solche multiple choice-Tests auszufüllen. Und diese sind als Leistungsmesser grotesk. Weil sie schon aus ihrer Natur heraus nahezu jeden "qualifizieren", der nur halbwegs weiß, wie man sie ausfüllt.

Eingeführt wurden sie, um quasi neutrales, rein auf Leistung zentriertes Abprüfen der Fähigkeiten eines Kandidaten zu ermöglichen. Darin zeigt sich also bereitrs ein technizistischer, funktionalistischer Begriff des Wesens der Welt als Summe von je vereinzelbaren, für sich stellbaren Funktionen. 

Die Realität schaut dann so aus, daß von vier Wahlmöglichkeiten (Standard bei solchen Tests) zwei ganz offensichtlicher Unsinn sind. Jeder, der nur halbwegs einen Bleistift bedienen kann, kann das erkennen. Bleiben also noch 50 Prozent der Möglichkeiten übrig. Wenn nun noch ein Funke von Hausverstand besteht, ist die Wahrscheinlichkeit, daß man sie mehrheitlich "richtig" ankreuzt so hoch, daß ein Durchkommen nahezu garantiert ist. 

Mittwoch, 24. Juli 2013

Ordnung in der Liebe

Das Sein selbst aber ist nicht das Prinzip der Einheit der Vielfalt der (im menschlichen Erkennen sich im schöpferischen Akt bildenden) Ideen, schreibt Leo Gabriel, indem er Plato bereits auf Plotin hin interpretiert. 

Es ist die Idee des Guten, als Spitze, die über alle Ideen hinausragt. Diese Besonderheit des Guten in seiner Stellung den Ideen gegenüber ist als Seinsweise des Guten gegenüber den Ideen zu sehen. 

Und dieses Gute wird in jedem Akt der Liebe zum Ausdruck gebracht, nicht als Akt einer rein rationalen Erkenntnis. Und in diesem Akt des Eros, der Liebe strebt die menschliche Seele zur Vereinigung mit dem Guten selbst - Gott.

So fügt sich die Ideenwelt in der Liebe zu einer kosmischen, Gott analogen (ähnlichen) Ordnung, der Mensch wird in seinem Ideenkosmos wie in seiner Liebe zum Abbild Gottes. Und zwar in aller historischen Relativität, in der sich das Sein, das das menschliche Denken abbildet (und insofern enthält), je neu zeigt.
 
Ideen aber sind des Menschen. Dieser Genitiv bezeichnet den Ursprung der Idee als generatio (nicht als ein nasci, nicht als natura, das ist sehr wesentlich), sondern als geistige Schöpfung und somit als sinnhafte Gestaltung und als Form des Ausdrucks geistiger Innerlichkeit. Ideen können sich daher integral-logisch nicht als reine Begriffe, als formal logische Abstraktionen, sondern nur gestaltlogisch darstellen lassen. Ideen und Ideensysteme sind Gestaltungen des inneren Menschen und als Ideen erschließender Ausdruck seines Wesens, seines inneren Selbst. (Gabriel, a.a.O.)



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Montag, 17. Juni 2013

Erhaltungsgesetze

Was immer auf der Welt ist, jedes Ding, ist nur deshalb und insoweit und so lange, als es seinen Gründungsimpuls lebendig hält. Nur aus ihm heraus ist überhaupt etwas. Man hat A. N. Whitehead für diese seine Ansichten sogar starren konservativen Liberalismus, eine Art Fatalismus vorgehalten.*

In menschlichen Gesellschaften erfüllt diese Trägerschaft, die eine Trägerschaft der Existenz ist, die Tradition. Nur solange und wenn sie die Grundkräfte einer Gesellschaft präsent hält, kann eine Gesellschaft (Whitehead nützt diesen Begriff für jedes Ding, das auf eine Weise ja immer eine Gesellschaft von zueinander Wirkendem, aus einem Ganzen Geprägten ist) überhaupt bestehen.

Verliert sich dieser Grundimpuls, löst sich eine Gesellschaft auf, und wird der höheren Einheit zur Nahrung. Eine Metapher über die Natur also, die er hier einsetzt. 

Man hat Whitehead vorgeworfen, daß er damit keinen Raum für Neues mehr ließe. Nichts könne also entstehen, weil auf eine Weise alles von Anfang an - als Wirkeinheit, als Wirklichkeit - da gewesen sein muß, sich nur im historischen Spiel in der Gestalt geändert hat.

Aber man übersieht dabei das, was Whitehead von Anfang an als eigentlich schaffendes Element ansetzt - das Leben. Es ist das "dazwischen", es ist das, was in sich schöpferisch ist, es ist der Grundimpuls - Gott - der alles zu einer Welt überhaupt treibt und getrieben hat. Und in dieser Variabilität ist es unendlich. Nicht prädestiniert, ja gar nicht im Konkreten prädestinierbar, denn dann wäre es bereits tot, sondern in dem historischen Wechselspiel, dem Gott "neutral", gleichgültig gegenübersteht, unvorhersagbar weil nur als Aktuelles vom Leben getragen.

Aber natürlich, es kann über den Grundsatz an Ideen - die aber eben ohnendlich sind - nicht hinaus, der Organismus "Kosmos" ist auf gewisse Weise abgeschlossen, aus diesem Ideenkosmos heraus. In dieser Konzeption ist Whitehead also direkter Platoniker, greift dessen Konzept auf. 

Unter diesem Licht läßt sich aber gleichermaßen das menschlich-gesellschaftliche Ringen, in allen Umbrüchen, als Versuch der Anbindung an die "Urideen" verstehen. Gerade die revolutionärsten Umbrüche fanden ja stets als versuchter Neuanschluß an "Ursprünglichkeit" statt. Indem der vorhandenen Tradition vorgeworfen wurde, diese Ursprünglichkeit nicht mehr (ausreichend) weiterzugeben bzw. zu enthalten.

Wird aber das Historische, das real Gewordene tatsächlich ignoriert, beiseite geschoben, dann fällt, zeigt Whitehead schlüssig, ein Ding (das immer eine Gesellschaft ist) ins Nichts, s.o., geht im Nächsthöheren, in das es (und damit seine Einzelteile, in die es zerfällt) eingebettet ist, als Nahrung auf. Es hört auf, die reale und wirkende Umgebung dieser Einzelteile zu sein, die damit einem weiteren Zerfallsdruck ausgesetzt sind. Denn die Teile sind geprägt von ihrer sie eingreifenden Ordnung (Gesellschaft), die ihr Nexus, ihr bestimmendes Wesen als Verbindendes ist, das sie selbst bestimmte. Dieses historisch Gewordene "Jetztige", in aller Faktizität, ist deshalb auch der (einzige!) reale Träger des Lebens selbst, und damit Quelle des Weiterbestandes eines Dings, einer Gesellschaft. 

Die Tradition also, im faktischen Gegenwärtigen, das es ja nur deshalb gibt, weil die Urimpulse noch vital sind, ob und wie weit beschränkt oder nicht ist dafür gleichgültig, ist die Träger- und Willensspitze des Lebendigen selbst, der Ordnungsrahmen, aus dem heraus es sich alleine weiterentwickeln kann. Es kann keine Weiterentwicklung, keinen Weiterbestand einer Gesellschaft geben, die nicht auf dem Vorhandenen mit größtem Respekt, mit "Heiliger Scheu" weiter aufbaut. Denn dieses ist Träger des Lebendigen - es ist das Actu, aus dem alleine etwas ist.



*Und zweifellos, man hört bei ihm die Stoa durch, hört Heraklith, und fern vom Pantheismis ist er beileibe nicht.


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Aber jede Gesellschaft ist in sich wiederum ein vom Leben umspanntes Zueinander von Idee und Realem (Leiblichkeit). Jede Gesellschaft hat (und braucht) also ihren Ort der Ideen, als Impulsgeber. Wie es sich konkret in den Religionen zeigt: Keine Religion hat überlebt, wenn sie nicht zur Ausbildung eines Priester-, Dichter-, Philosophenstandes kam. Denn in diesen hat die Reinheit der Idee überlebt, und wurde als spendendes Element weitergebbar, weil es aktuell und direkt präsent blieb. Das ist auch der unverzichtbare Gegenpol in jenem Verständnis als Kirche, die den Einzelnen selbst als Kirche und Träger des Kircheseins begreift. 

Die kleinste mögliche Kirche ist deshalb immer noch das Zueinander von Zweien - einem Priester, und einem Gläubigen. Anders kann der "nur-"Gläubige gar nicht sein Leben in Vollgestalt erfüllen, weil ihm die existentielle Dimension des Selbstüberschreitens in die Welt hinein - Wesen des Menschseins - nicht mehr möglich ist. Gesellschaften, Religionen, die deshalb "keine Priester" (in ihrer Wesensnähe, oft Personalunion zum Dichter und Denker) mehr haben, verlieren zwangsläufig ihre Weltdimension, wenden sich unweigerlich von der Welt ab, die ihre substantielle Bedeutung als Wirklichungsort des Lebens verliert. Weil der Mensch seine Position als "Gebärmoment" der Weltgestalt auflöst, in sich nicht spaltbar ist: denn das Wesen des Priesterlichen ist mit dem Welthaften nicht vereinbar. Es steht ihm eben als Zeugendes gegenüber.*





*Das zeigt sich deutlich am Protestantismus, der das Priestertum aufgelöst, den Ort dieses bipolaren Zeugungsaktes in den einzelnen hinein verlegt hat. Damit pendelt der Protestant faktisch aufweisbar in seinem realen Leben in Zerrissenheit zwischen diesen beiden Polen: Entweder er löst sich völlig von der Welt, oder er geht in ihr mit dem Gestus der Verachtung auf. Daß das faktisch nur selten so rein vorkommt hat damit zu tun, daß der Protestantismus kulturell immer noch vom Katholizismus geprägt ist. Es ist eine höchst bemerkenswerte Facette, wenn Thomas Mann in seinen Buddenbrooks den Proponenten gegen Ende ihres Lebens hin eine Tendenz zum Katholischen - nicht zufällig eingehüllt in scheinbar "nur" Realismus - beilegt, um die Last dieser Spaltung endlich ablegen zu können. Wie er es wohl beobachtet hat, denn auch seine Schilderung der Pastoren erzählt dieselbe Geschichte, aber als manifestere Gegenwehr.




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Montag, 10. Juni 2013

Charakterprägungen

"So kommt es, daß sie durch alles dies [eine streng reglementierte Rhetorik bzw. Sophistik, Anm.] zwar eine bedeutende Spannkraft des Willens und eine große Schärfe des Verstandes erlangen; denn sie verstehen sich darauf, den Herren mit Worten zu umschmeicheln und mit Handlungen zu begütigen; aber an ihrer Seele werden sie kleinlich und unehrlich.

Denn die Knechtschaft von Kind auf hat ihnen den Zug zum Großen, Geraden und Freien geraubt durch den Zwang krumme Wege zu wandeln, den sie ihnen dadurch auferlegt, daß sie ihren noch zarten Seelen mit großen Gefahren und Ängsten zusetzt, die sie nur mit Verletzung der Gerechtigkeit und Wahrheit überstehen können.

So wenden sie sich denn zur Lüge und gegenseitigen Verunglimpfung, wodurch sie viele Verunstaltungen und Verstümmelungen erleiden, sodaß, wenn sie aus Jünglingen zu Männern werden, sie nichts Gesundes mehr in ihrer Denkart haben, ihrer eigenen Meinung nach freilich gewaltige Helden und weise Männer."


Plato, aus "Theätet"




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Samstag, 8. Juni 2013

Wirklichkeit, keine Idee

Platonismus und Christentum durcheinanderzuwerfen ist ein Übel. Christus ist nicht die zeitliche Verkörperung einer ewigen Idee, und der Mensch ist nicht in dem Maß christlich, als er abstrakt formulierte Dogmen nachspricht, schreibt Ferdinand Ebner in einem Artikel im "Brenner". Das hinter einem Dogma Stehende ist nicht eine Idee, sondern Lebendiges selbst, wo das Dogma historisch bedingt die Wahrheit dann in die Todesstarre eines abstrakten Gedankens bannt, der kein Heil mehr bringt. Es wird dann stumpfes Schriftgelehrtentum und die Heuchelei der "Frommen", der Pharisäer.

Aber denen ist es schwerer, in das Reich Gottes zu gelangen, als den Huren und Zöllnern. Denn das ist gekommen zu jenen, die nie aufgehört haben, die Erfahrung der Wirklichkeit jeder abstraktiven Selbstentfremdung vorzuziehen. Nicht zu jenen, die nicht einmal mehr den Mut haben, in die Wirklichkeit hinauszutreten, aus Angst, sie könnten "sündigen".* Die aber damit die Wirklichkeit der Erlösung, die Erfahrung der Erlösungsbedürftigkeit als Anfang aller Wahrhaftigkeit, gar nicht mehr erfahren, die sie aus ihrer Sünde wieder herausholt und aufrichtet.

Der Glaube an Jesus Christus - als der Anfang jedes wahren geistigen Lebens im Menschen und dessen stets sich bewährende Stütze - kann niemals und in keiner Weise und keinem Sinne die ethische Forderung im Worte "zugunsten der Wirklichkeit" beeinträchtigen und entwerten, schreibt Ebner weiter. Er entwertet auch keineswegs, wie es der Idealismus insgeheim immer tut, die Wirklichkeit des Menschlichen Lebens; im Gegenteil: in ihm erst erfüllt sich alle Wirklichkeit - der "Natur" ebenso wie des menschlichen Lebens - mit ihrem wahren Wert.

Das Dogma hat den Menschensohn in "metaphysische Ferne" gerückt, es hat ihn "transzendent" gemacht. Diese Ferne und Transzendenz ermöglichte es, den Traum der Menschheit vom Geiste "christlich" weiterzuträumen; das Verhältnis des Menschen zu Christus, in tiefsinnige Kultformen verhüllt, ein bloß "platonisches" sein zu lassen; an einem stilisierten Kreuz festzuhalten und dieses schließlich zum brillantengeschmückten Ordenskreuz - dem Zeichen von Ruhm und Ehre in den Augen der Welt - und sogar zum Eisernen Kreuz des deutschen Soldaten - [im Ersten Weltkrieg] erworben durch Bombenwürfe aus Flugzeugen und tapferes Verhalten vor Gasangriffen** - zu machen. 

Diese metaphysische Ferne hat die menschliche Wirklichkeit Christi entwirklicht und des Menschen Menschlichkeit ihrer Fragwürdigkeit überlassen. Sie hat den eigentlichen Sinn des Wortes Christi - diesen die reinste Menschlichkeit gewordenen göttlichen Sinn - unkenntlich und fast unwirksam gemacht.



*Wenn es heute eine wirkliche Auffälligkeit gibt, die alle vereint - sogenannte "Christen" mit sogenannten "Fernstehenden" - so die, daß die Menschen ja gar keinen Mut mehr haben, selbst zu sündigen, quasi als Kostenfaktor ihres geführten Lebens! Ihr Leben "passiert" heute, irgendwie, stolpert von Halbblindheit zu Halbblindheit, von Schein zu Schein, ihre Moral von Verhaltenswohlgefälligkeit (Pharisäertum) zu Verhaltenswohlgefälligkeit, und ihre Ethik und ihre Politik ist das Fordern, die Folgen dieses Lebenspassierens zu beseitigen, seine Askese die Kostümierung und Mechanisierung seines Verhaltens. Sich lieber auf ein Umdeuten der Wahrheit zu wenden, zu der sie gar kein persönliches Verhältnis mehr haben wollen, anstatt ihre Lebenswirklichkeit zur Kenntnis zu nehmen. Ihre Ferne vom Christentum, ihre Gottesferne drückt sich gar nicht in "Sünde" aus, sondern in Wirklichkeitsphobie. Der Todfeind des Heutigen ist die Wirklichkeit!

**Der VdZ hat diese Bemerkung nicht weggelassen, auch wenn sie ganz gewiß in der historischen Dialektik zu sehen ist. Ebner ist ganz sicher kein "Pazifist", wie aus seiner Forderung nach unbedingter Wirklichkeit erkennbar ist, und diese Bemerkung ist auch gewiß nicht im Sinne so mancher heutiger Kirchenkritiker zu sehen, die mit ihrer Kirchenkritik (das "böse Segnen von Waffen") in Wahrheit einen Kampf gegen die Wirklichkeit selbst führen. Man sehe in dieser Bemerkung also nicht mehr als sie explizit sagt: die klar abgrenzbare ethische Verwerflichkeit von Bomben- und Giftgasangriffen. Ebner meint nicht mehr und nicht weniger. Nicht den Kampf oder Waffen selbst.



*080613*

Sonntag, 2. Juni 2013

Personen als Kulturträger

Es ist ein ganz aberwitziger Trugschluß zu meinen, Kultur wäre jemals über (technische) Medien weitergegeben worden. Misch zeigt in seiner grandiosen "Geschichte der Autobiographie", daß sich durch die ganze Antike bis in die Neuzeit Zweige und Linien, regelrechte Stammbäume persönlicher Lehrer aufweisen lassen, die sich über die Jahrhunderte ziehen. Wissen, Weisheit wurde immer nur persönlich weitergegeben, und steht auf dem Fundament, daß Erkenntnis eine Frage der persönlichen Sittlichkeit ist, nicht eines formalen "Wissens" oder Sprachspiels. 

Dabei zählte der nominale Inhalt immer eher wenig, manchmal war er überhaupt Nebensache. Die meisten Lehrer sind in ihren Lehren kaum wirklich einzuordnen, oder auch nur eindeutig. Sie haben aber erfolgreich gewirkt - als Erzieher zu einer sittlichen Lebenshaltung, IN DER Philosophie, Wissen, zu lebendigem Atem und Blut, und damit zur Religion wurde.

Träger der Weitergabe waren immer Personen, das persönliche Beispiel, die persönliche Wirkung. Plato, Aristoteles (... wer zählt die Namen ...) - sie alle haben durch persönliche Schulen (und Schüler) gelebt und gewirkt. 

Alfred N. Whitehead schreibt völlig richtig, daß das, was Plato wirklich gedacht hat (beziehungsweise gedacht haben muß), aus seinen überlieferten Dialogen direkt niemals hervorgeht. Es ist einer Geisteslähmung zu vergleichen, die schriftlichen Festlegungen zu direkt zu nehmen, sie gar zu einer "Lehre" einzudampfen. Sieht man Plato in der Lebendigkeit eines hinter seinen Schriften zu erfassenden Geistes, wird die Größe seines Denkens erst überhaupt bewußt, und seine Inhalte stehen in neuer, lebendiger Gestalt vor Augen. Und dann sieht man, wie organismisch Plato dachte, wie falsch es ist, seine Aussagen als abstrakt-mathematische Logikgebäude zu sehen.

Der Verfasser dieser Zeilen sieht den künstlerisch-dialogischen Charakter der Platonischen Texte übrigens genau in diesem Bezug: Als erstaunlicher Versuch Platos, über die lebendige Wirklichkeit von geschaffenen Figuren, Personen zu sprechen, im Personsganzen also, mit Schicksal, Charakter und Färbung, je auf ein Du gerichtet. Kein Sprechen (und kein Denken) ist anders möglich und zu sehen.

Verlagerte sich die Weitergabe auf technische Medien, geschah das immer zu einem Zeitpunkt, wo die Vermittlung von Kulturwissen und -inhalten schon gar nicht mehr funktionierte. Noch Plato wetterte deshalb (in seinen Schriften ...) gegen die Rolle der immer gebräuchlicher werdenden Schriftlichkeit. Denn in ihr kann Gewußtes gar nicht weitergegeben werden, sie hat bestenfalls hinweisenden Charakter, trägt aber die Gefahr in sich, daß sie für das Wissen selbst gehalten, also auf ihren Nominalwert reduziert wird.

Das läßt erneut begreifen, in welchen Wahn wir uns begeben zu meinen, über Internet "Wissen", über Algorithmen "Weisheit" weitergeben oder gar ausbauen zu können. Stattdessen wird Wissen zu bloßer Kenntnis, und bleibt kulturbezogen gesehen ohne Wirkung.

Der Verfasser dieser Zeilen weiß, daß man ihn als "Alarmisten" sehen könnte. Wie auch immer, aber er kann nicht anders als aufzuschreien, wenn er sieht, daß wir einer wahren Wissens- und Erkenntniskatastrophe mit Riesenschritten entgegeneilen, ja bereits mittendrin sind. Und sie ist vermutlich schon irreversibel.* So daß das eigentliche Kulturgut der Menschheit des Abendlandes gar nicht mehr vermittelbar ist - es kann gar nicht mehr aufgenommen werden, die Grundrezeption der Wirklichkeit ist bereits zu sehr deformiert. Wie die Jesuiten in Paraguay bleibt nur noch festzustellen, daß die Menschheit in tiefe, a-sittliche Kindheit gefallen ist.

Das, was wir täglich vor Augen haben, das uns vorgaukelt, daß doch noch alles stehen würde, sind nur noch die Fassaden und Museenwände, hinter denen bereits eine erschreckende Leere gähnt.** Spielzeug gleich, das ein Kind dem anderen staunend zeigt, mit dem es irgendetwas anzufangen versucht. Aber die Dinge sprechen nicht mehr, weil die Menschen nicht mehr sprechen. Nur das Sein-Denken hat überhaupt etwas zu sagen, und das verlangt "zu sein". Am Horizont ist sie längst aufgestiegen - die lange, dunkle Nacht. Der Tag ist erloschen. Unser nächster Blick wird der zu den Sternen am Nachthimmel sein (ja, ist er es nicht längst, wörtlich?), aus denen wir versuchen, wieder einen Gang und Sinn der Welt abzulesen.






*Wer sehen will, wie so ein Niedergang vor sich geht, der sollte zum Beispiel nur die Buddenbrooks von Thomas Mann aufmerksam lesen: Als Gesamtbewegung, in der kein Teilchen "großartig" oder "umwälzend" wirkt. Sondern als Zueinander fast unendlich vieler kleinster Faktoren zu sehen ist. Dazwischen mit einem größeren Geschehen politischer Natur, wo ZUM BEISPIEL eine Zollunion nicht laut schreit "seht her, was ich verändern werde!", sondern subtil das gesamte Geschäfts- und Privatleben der Menschen (mit) ändert. Und nach einiger Zeit, in der Rückschau, stellt man plötzlich fest, daß sich das Ganze verändert hat, daß das Ganze, in einer gewissen Unheimlichkeit fast, an vitaler Substanz verloren hat. Wenn die Buddenbrooks aussterben, so wird es zu einer großartigen Metapher einer Kultur als komplexer Gesamtbewegung, in ihrer Doppelgesichtigkeit - als Schicksal wie als Folge des Handelns Einzelner.

**Man erlaube in aller Beschränkung und Angreifbarkeit den Hinweis auf Platos "Theätet" (etc.), sowie auf sein berühmtes "Höhlengleichnis", die Wortwahl der Ausführungen oben ist nicht zufällig. Denn die sinnlichen Daten der Wahrnehmung können keine Gewißheiten liefern, das liegt in ihrer Natur als veränderliche Daten, und in der vielfachen Täuschbarkeit. Einzig die Umwendung "ins Licht", auf das, was die Erscheinungen erscheinen läßt, sie zum Schattensein beleuchtet, die gedankliche Abstraktion vermag das Wesen der Erscheinungen zu erfassen - das Unveränderliche ihrer Wesensidee, das nun allen Denkenden gleich erscheinen kann. Wer nur in den Sinnesdaten bleibt, kommt über subjektives und veränderliches Meinen nie hinaus, selbst wenn sein Meinen auch "richtig" sein kann, und Erkenntnis selbst nur subjektiven Charakter haben (weil im Subjekt stattfinden) kann. (Die "Generation Internet" hat auch deshalb viel Ähnlichkeit mit der antiken Epoche der "Sophisten".) Richtiges Meinen (das aber nie dem Wissen gleichkommen kann, weil ihm dazu die Sicherheit fehlt, also auch nicht durch die Festigkeit des Urteils dem Wissen gleichkommt) und noch mehr aber eben Wissen bedeutet immer deshalb ein Übereinstimmen des Erkennens mit dem Sein einer Sache - im Begriff. Je mehr Einzelnes (auch als Sinnesdatum) nun ein Sein (mit Vorsicht und lediglich als Analogie sei der Begriff hier verwendet: Seinsidee) in sich birgt, desto höherstehend ist es, bis zum höchsten Begriff, bis zum Sein an sich - Gott. Deshalb mündet jedes Wissen - in Gott, deshalb muß Gott allwissend (und sein Name allumfassend) sein. Während alles Wahre in einer Stufenfolge miteinander logisch verbunden ist, sich auf keiner Stufe widersprechen kann, wenn auch nicht im Aufbau nach oben quasi "additorisch" einfach ausrechenbar - wenngleich in der Mathematik, der reinsten Idee, darstellbar - wird.

Hier muß man freilich Plato ergänzen, denn die Wesenserkenntnis ist selbst empirisch verankert, die Erkenntnisarten (empirisch, mathematisch, philosophisch) vereinigen sich zu einer einzigen Erkenntnis. Im übrigen sei auf so manche Ausführung über das Wesen von Sprache hingewiesen (siehe unter anderem unter dem Stichwort Josef König), die sich hier findet oder noch finden wird. Denn auch der Begriff "Denken" müßte dazu weiter hier auseinandergelegt werden, als es vielfach geschieht. (König unterscheidet anhand eingehender Sprachanalyse zum Beispiel in "Sein-Denken" und "das Sein denken"; das genüge als Hinweis.) Der Verfasser dieser Zeilen hat den Verdacht, daß der Denk-Begriff Platos (bzw. sein Ideenbegriff) weiter zu fassen ist, als vielfach geschieht.

Dennoch - siehe die Ausführungen in dieser Zeit zu den Erkenntnissen von Melchior Palágyis Wahrnehmungsthesen - kann auch der Sensualismus (psychophysischer Parallelismus) nicht stimmen, wonach Erkennen mit Sinnesdaten parallel verläuft. Damit würde der Mensch nie zu Gewußtem kommen, was jeder Empirie widerspricht. Denn so beschränkt es auch immer sein mag: der Mensch KANN wissen. 





*020613*

Sonntag, 9. Dezember 2012

Vollzug des Weltbildes

Niemals, schreibt Plato, kann verschriftlichter Text Weisheit und Erkenntnis "vermitteln". Er kann nur daran erinnern. Ja, er kann nicht einmal selbst "Gedächtnis" bilden. Denn menschliches Gedächtnis bezieht sich auf eine viel umfassendere Wirklichkeit, auf Bilder, Bezüge, Verhältnisse, und Bedeutungen, die man selbst aus eigener Subjektivität Dingen beimißt. Deshalb war auch seine Verschriftlichung - u. a. der Lehren von Sokrates, der überhaupt nie etwas niederschrieb - kein erschöpfendes Medium, in das er sich ergoß. Es war nur eine Hilfestellung für die Mündlichkeit.

Aus dem Grund sind auch die ältesten schriftlichen Aufzeichnungen der Menschheit keine Weisheitslehren oder gar religiöse Texte, sondern Verwaltungsnotizen, Aufzeichnungen über Wirtschaftsvorgänge, die Eckdaten realer Prozesse festhielten. Als Erinnerungshilfe.

Entsprechend war auch die Bildbeifügung in Aufzeichnungen keineswegs dokumentarisch verstanden, einer Photographie vergleichbar. Sie waren Dekoration, Stimmungshilfen, die der entsprechenden Geisteshaltung, aus der sich ein Inhalt über die Erinnerungshilfe Buchstabenschrift leichter erschloß. Niemand dachte sich etwas dabei, wenn in Schedel's "Chronik von Nürnberg" von 1467 ein und derselbe Dürer-Schnitt die Berichte über Damascus, Ferrara, Mailand und Mantua illustrierte. Es ging um das Wesen von Stadt, die Art, wie der Mensch denkt und rezipiert. Den eigentlichen Inhalt erwartete jeder aus der persönlichen, mündlichen Überlieferung. Auf die der Text hinwies, an die er erinnerte, die er wachzurufen helfen sollte. 

Denn der Mensch sieht nur, was er im inneren Licht sieht. Und er formt die gesehene Welt seinen inneren Kompositionen gemäß. So werden sie zu begrifflich gefaßten "Dingen". Glauben (als Konstituens des Weltbildes) kommt vom Hören - nicht vom Sehen.

Der Übergang zu den beweglichen Lettern bei Guttenberg war deshalb keineswegs eine technische Errungenschaft an sich. Alle Elemente, die er verwendte, waren seit Jahrtausenden in Gebrauch, auch der Druck selbst, ja selbst die Verwendung beweglicher Pictogramme. Es muß eine innere, seelisch-geistige Blockade gewesen sein, die diese Verwendung verhinderte. Eine innere, geistig-seelische Veränderung mußte also den Zugang zum Wort selbst verändert, es technisiert haben. Und deshalb war der Weg für die beweglichen Lettern Gutenbergs offen, in denen die Drucksprache von der lebendigen Sprache abgekoppelt, in eine - ihre - eigene Logik gestellt wurde, und damit einen geistigen Prozeß nachvollzog: Gutenberg's Erfindung hat ein inneres Weltbild dargestellt.


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Schon deshalb kann das Internet "andere" Inhalte gar nicht weitergeben. Es kann sich nur auf reale, bereits erlebte Inhalte beziehen, sie in bestimmter Begrifflichkeitsgenese stärken.* Im Maß der Realität, in der der Teilnehmer lebt, und in der er der spezifischen Realität des Internet - fernab von allen vermeintlichen, expliziten "Inhalten" - begegnet. Mit der ständigen Gefahr, daß er dem Irrglauben verfällt, diese spezifische Realität für die Lebensrealität selbst zu halten. Gefährdend deshalb, weil dieser Fehlglaube von der (durch enorme Propaganda gestützte) Verlockung gestützt wird, hier eine Realität ohne Schmerz und Gefahr - immer kontrollierbar, immer im Rahmen des bereits bestehenden Selbstseins - zu erleben. Weil er sich im Bildschirm immer nur ... selbst begegnet, wie überhaupt nur dem Bildschirm, nie einer Welt dahinter begegnet. Auf diese weist Schriftsprache (bzw. alles, was sich auf diese Weise zeigen läßt, auch Bilder, Filme) ja nur hin, und zwar (durch die technischen Bedingtheiten) noch weit abgeminderter, als es z. B. Druckwerke, oder Kinofilme tun, die (als Photos) ja auch nur auf etwas Reales außerhalb hinweisen.
 


*Das ist auch erkenntnistheoretisch begründbar: denn was wir begrifflich an einem Ding (Einzelding) bestimmen, ist nur das, was allgemein ist. Das dem einzelnen Ding Eigene können wir nur in seiner Bindung und Stellung in Zeit und Raum als "das was es ist" ("tode ti" - als "Diesda") erfassen. Erkennen ist aber abhängig von der Begegnung mit einem "tode ti", mit "Diesda"-Dingen, und erst daraus läßt sich Allgemeines ableiten. Dinge gibt es nicht als Allgemeinheiten, nur als Einzeldinge, als "Dies da".Deshalb ja können wir uns selbst nur in Gott erkennen, in dem alle "tode ti"'s sind, weil nur in ihm - dem Sein alles Seienden - etwas wirklich ist.

Bleiben wir in Worten, ohne "tode ti"'s, bleibt unser Erkennen und unser Reden/Denken leer, abstrakter Formalismus. (So zeigt dies die wesentliche Natur des Internet - als Austauschmedium der Wissenschaft, die ja auch keine Aussage über das "Was" der Dinge treffen kann, nur Sinn hat, wenn sie sich auf "Was'se" bezieht, die sie über eine Matrix abstrahiert, nur das Verhalten innerhalb dieser Matrix "weiß".)




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Dienstag, 6. September 2011

Im Vernünftigen verankert - II

Teil II) Wo sich der Kreis schließt - und wo er sich nicht schließt

Anders die Mystik des Abendlandes, die auf der Metaphysik Platos und Aristoteles aufbaut: Für sie ist alles Seiende nur insofern, als es ANTEIL am Sein hat. Diesen Anteil kann es verlieren, es kann nicht mehr sein, ins Nichts fallen. Nur insofern also hat alles Anteil am Sein, als es indirekt nur dann ist, als es gut und schön ist! Das ist etwas dann, wenn es seine eigene Aufgabe am vollkommensten erfüllt - je nachdem, was es ist. (Es gibt also ein Sein der Dinge, der Ideen.)


Deshalb ist alles Schöne (hier eint sich das Christentum mit der antiken Auffassung) auch gut, und deshalb IST alles, insoweit es schön ist. Je mehr etwas also es selbst ist - aus eigener Kraft, aus eigenem Willen, am Sein teilzuhaben (zu "sein" ist also hier nur bedingungsweise gemeint) Dieses "Denkkonzept" hat also Raum für menschliche Freiheit! Denn es ist vom Menschen verlangt, sich für das starke Selbstsein zu entscheiden. Alles Seiende hat hinter sich einen "Willen", ganz zu sein - die Liebe. Der Mensch, der selbst lieben kann, ist also am vollkommensten Gottes Ebenbild, je mehr er liebt. Denn desto mehr IST er.



Während der Neuplatonismus seine höchste Erfüllung im Hineinsinken ins Alleine sieht, das er erreicht, indem er sich auflöst: das Seiende hat keine spezifische Aufgabe, der Kosmos ist im Grunde eine Störung des Alleinen, nach dem alles strebt (interessant: es findet sich hier also mit der Entropie, dem Zerfall in den alles treibt, das keine Energie aufbringt bzw. zugeführt erhält - verliert, sich damit, auch physikalisch, in ein abstraktes Gesamenergetisches zurückzieht). Denn im Neuplatonismus ist alles umso reiner SEIN, weil direkt Sein, als es nicht durch Individualisierung in Dinge von ihm quasi separiert. Die Dinge sind belanglose, ja wie Warzen im Gesicht des Seins.


Im Christentum hat alles auf je gleiche Weise Anteil am Sein - wenn auch hierarchisch abgestuft, alles an seinem Platz! Je mehr also ein kleines Seitenrad "kleines Seitenrad" ist, umso vollkommener ist es. Gleiches gilt für den Kaiser. Im Neuplatonismus hat das kleine Seitenrad aber weniger Sein, sonst ... wäre es Kaiser, der das Sein mehr ausdrückt, als das kleine Seitenrad. (Da finden wir also sogar im Lutherismus diesen Neuplatonismus aufgelöst, wo die Höhe der weltlichen Stellung etwas über die Nähe zu Gott aussagt!)



Bleibt noch die Frage, wie sich der Wille des Alleins mitteilt? Im Neuplatonismus sind es die göttlichen Kräfte, separiert, in den Polytheismus hinein aufgelöst, der ja auch Hierarchien kennt, und direkt einwirkt. Im Christentum sind es die Hilfswesen der Engel, die als rein geistige Wesen keine körperliche Wirkmöglichkeit haben, sondern eben nur geistig wahrnehmbar (und nur insofern wirksam) sind. Deshalb ist ihr Medium auch das Wort, weil ihr Sein auf den Geist beschränkt: es ist das Wort (Gottes, weil auch ein Guter Geist nur Gottes Wort weitererzählt) das bewirkt, daß etwas ist. ("In principio erat verbum, et verbum erat apud Deum ..." - "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott ...") Entsprechend ist es das "Herz" des Menschen, das die Fähigkeit zur Vollkommenheit ausmacht: es hört (hören - Gehorsam ...) das Wort, und das Wort wird in ihm bewegende Kraft. So wird der Mensch (ja, sein Herz!) Symbol für die Wahrheit.


Und damit sollte sich der Kreis schließen: denn hier greift wieder die Vernunft, die allem innewohnt weil alles strukturiert (weil: wo keine Vernunft, fällt die Dingwelt ins Nichts), und in der es keine Graduierung gibt, die vom Inhalt abhängt, sondern die an der Wahrheit teilhat, egal in welchem Stadium und in welcher Konkretion.




Man kann es hier nur andeuten, nur anreißen - keine Bibliothek der Welt kann es ganz ausverbalisieren, so sehr das versucht wurde und wird. Daß ein Anlaß vorlag bzw. vorliegt, das Thema zu behandeln, darf der geneigte Leser aber annehmen.

Montag, 5. September 2011

Im Vernünftigen verankert - I

Wo liegt der Unterschied zwischen der Mystik und dem Neuplatonismus? Das eine ist das Erfaßtwerden vom Unerschöpflichen - das andere ist der Schritt ins Irrationale. Die Mystik geht von einer ohnunterbrochenen Linie des Verstehbaren aus, das irgendwann begreift, daß es unendlich überstiegen wird, also am Nichtmehrverstehbaren endet, nein, beginnt. Aber es weiß, daß diese Unerschöpflichkeit in sich wiederum lauter Verstehbarkeiten erschließt - es ist nur die Verstehbarkeit unerschöpflich. Das höchste Erreichbare ist ja die Erkenntnis Gottes, als (indirektes) Werden "wie Gott". Indirekt, über die Teilhabe an der Wahrheit, die ein (ethisch verankertes) Zulassen der Wahrheit im Erkennenden ist. (Hier ist also der Anker zur Tugend, zur Sittlichkeit, der nicht primär ein Anker der Kasteiung o.ä. ist, sondern einer des Gemäßen, des Richtigen.)

Die Irrationalität der Esoterik bzw. des Neuplatonismus aber läßt aber auch Widersprüche zu, ist also im Grunde ein gewolltes, nur "zu glaubendes" System. Der Zugang zum Höchsten ist deshalb kein Fortschreiten im Vernünftigen, sondern ein quasi Komponieren (Zusammenstellen) von für-wahr-Gehaltenem. Deshalb kennt sie Methoden der "Erhöhung", des Höhersteigens, kennt Techniken etc.

Dazu muß man also auch das Menschenbild aufgeben, das die Vernunft als die dem Menschen gemäße (weil sich ja alles aus seiner höchsten Möglichkeit definiert, erst dort es selbst ist) Weise seines Erkennens und Handelns sieht. Der Neuplatonismus, und jedes System des Irrationalen, muß also (interessanterweise) das Menschsein selbst übersehen (wollen), um relevant zu sein.

Der Knackpunkt in der Unterscheidung liegt in der Deutung des Materiellen, des Dinghaften: während der Neuplatonismus alles aufzulösen trachtet, weil alles "Geist IST", somit das Geschöpfliche Gott (Allgeist) WIRD/IST (der Neuplatonismus ist also immer eine Form von Pantheismus!), ist für den Mystiker die Welt Symbol: Die Dinge erzählen von Gedanken Gottes, die in ihrer Gutheit - je mehr desto mehr - an der Gutheit und Schönheit und Wahrheit Gottes teilhaben, sie damit präsent machen. Die Dinge müssen also SIE SELBST SEIN, um in dieser Schönheit von Gott zu erzählen. Je mehr, desto mehr. Sie sind aber nicht DIREKTE Erzählung Gottes.

Natürlich ist es dazu hilfreich und interessant, den Neuplatonismus als System zu begreifen, das die gedankliche Brücke zum Polytheismus der griechischen Mythologie schloß! Denn in dem Stufenbau des Kosmos - von der Idee, dem Geist zum Materiellen herunter - spielen diese Götter (Kräfte) die Rolle der jeweiligen Transformatoren, Mittler zwischen den einzelnen Seinsstufen.

Anders im Christentum: wo Jesus zwar auch "Mittler" ist, aber über seine reale Präsenz in den Sakramenten im Symbol den geistigen Inhalt - der die Offenbarung BRAUCHT, denn das Symbol braucht das Erkannte, Bekannte, sonst wird es zur Magie - darreicht, gegenwärtig hält.

Im Pantheismus gibt es logischerweise keine Sakramente, es gibt nur den technisch-erlebnishaften "Rausch" (als Selbstverwandlung, bzw. der -entschränkung, dem Aussteigen aus dem Vernünftigen also) der Wanderung zwischen den Welten, der wirkliche Neuplatoniker hat also als höchstes Ziel den Eremiten, den völlig Herausgenommenen. Und das war in der Tat Pflicht des Priestertums in den betreffenden Epochen.

Nun bleibt natürlich die Frage - gehen wir das Thema von einer anderen Seite her an - warum denn überhaupt etwas IST, noch mehr: WIE etwas sein kann. Denn was ist, hat etwas mit "Sein" zu tun, und Sein ist das Eine, das alles umfaßt, was ist. (Es gibt nur etwas, das ist - also eint sich alles im Sein.)

Der Neuplatonismus sieht in allem, was ist, allem Seienden also, die direkte Äußerung des Seins. WARUM ist es? Weil dahinterstehende göttliche Kräfte (in abgestufter Hierarchie) es bewirken. (Daher: Polytheismus) Es gibt also Seiendes, das in geringen Spuren nur noch Sein enthält - aber prinzipiell sehen wir in allem Seienden, allen Dingen, DIREKT Gott, weil göttliche Kräfte.

Morgen: Wo sich der Kreis schließt - und wo er sich nicht schließt


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Sonntag, 4. September 2011

Die Personalität des Wortes

Der Geist der Lüge, dem alles Menschliche im Menschen zum Opfer fällt, der alles erwürgt, dem Menschenmörder von Anbeginn, hat seine Macht über die Welt erst so richtig gewonnen, als das Papier erfunden war, schreibt Ferdinand Ebner in einem Artikel in der Zeitschrift "Brenner" im Jahre 1922.

Erst die papiergewordene Lüge, die den geistvernichtenden Widerspruch zur Wahrheit, die im Worte war im Anfang, nicht mehr so recht fühlbar werden läßt, sie erst richtete den Menschen ganz zugrunde. Das geschriebene Wort - mehr aber noch gilt das vom gedruckten - kommt, wie Platon sagt, überall hin, auch zu denen, die es nicht verstehen, und weiß selbst nicht zu sagen, für wen es bestimmt war und für wen nicht. Auf dem Wege durch Druckerschwärze und Maschine wird es, eben weil es durch einen Mechanismus der lebenserfüllten Unmittelbarkeit des persönlichen Moments bereits entrückt ist, selber zu etwas Unpersönlichem, und läuft zuletzt nur gar zu leicht Gefahr, dem Ursprung des Worts im Geist und in der Wahrheit sich zu entfremden. 

Die Phrase, von der das Herz nichts weiß und nichts wissen kann, die die Gehirne verklebt, die Urteilskraft knebelt und den Quell des Lebens im Gemüt verstopft, wird nicht aus dem Mund des Menschen geboren. Zuerst steht sie auf dem Papier, und von da erst kommt sie in den Mund des Menschen, um nun ihre Herrschaft in einer geistlos werdenden Welt auszuüben. 

Hat Platon, der durch Sokrates im Gespräch mit Phaidros seine Überzeugung ausspricht, daß niemals eine Rede in Versen oder in Prosa geschrieben worden sei, die von Anfang bis zum Ende ganz ernst zu nehmen wäre, das Unheil des Journalismus und einer in 'Welträtseln und Lebenswundern sich popularisierenden und prostituierenden Wissenschaft' geahnt, [...] das einem Geschlecht eignet, das viel zu wissen meint, während es nicht weiß, nicht einmal, wie fern vom Wissen und der Wahrheit es lebt?

Ein wichtiger Gedanke - das Wort ist nicht gültig und wirksam, ohne es im Insgesamt der Kommunikation gesehen zu werden: als Wort VON jemandem AN jemandem. Ein personaler Akt! Nicht ein (genuin) rational-rationalistischer, wie (entschuldigend, der Verantwortung, auch für die Lüge, entheben sollend) gerne behauptet wird. Wieviel mehr gilt das, was Ebner da schreibt, vom Internet, einer nächsten Stufe der Entpersönlichung der Kommunikation!



*040911*

Samstag, 14. Mai 2011

Alles wird nichts

Wenn Platon die Gründer einer Demokratie als die Absteiger aus den früheren Ordnungen, der aristokratischen Ordnung (die zerbricht), identifiziert, deckt er so nebenher das Schema der Revolutionen auf.

Der Weg der Demokratie, schreibt er in seiner "Politeia", hat zur Konsequenz, daß nun nicht mehr Bildung (als sittliche Qualität) zum Auswahlkriterium der Besten wird, sondern der Weg zum Aufstieg führt nur noch über die Fähigkeit, sich darzustellen und sich als gesinnungstüchigen Volksfreund zu profilieren. Allmählich fallen alle Privilegien, was aber auch heißt, daß sich die Lebensformen einander angleichen. Damit fällt weg, was die Unterschiede der Menschen definiert, und es bleibt nur noch der direkte Vergleich zur Identitätsbildung.

Undefiniert, folgt der Versuch, alles an Möglichkeiten, was sich nun bietet und einem an einem anderen Leben attraktiv und erstrebenswert erscheint, in eines Leben hereinzuholen. Die Menschen können nicht mehr zwischen notwendigen und nicht notwendigen Begierden unterscheiden. Weder Ordnung noch Konsequenz ist noch in ihrem Leben. Sie können und wollen alles, aber es geht ihnen um nichts mehr.

Der Staat sieht sich mit der Zeit, in solcher Verfaßtheit, nur noch mit der Notwendigkeit konfrontiert, möglichst viele weitere Optionen in sein Gefüge zu integrieren. Seine Aufgabe wird die Egalisierung von Lebensformen und -chancen sowie die Schaffung neuer Erfüllungsräumen. Die Frage nach Gerechtigkeit und deren Inhalten wandelt sich in eine Frage der Strukturen um, es entsteht der reine Gesetzesstaat, Gesetzlichkeit wird zum Kriterium, weil es an Menschen, die Gerechtigkeit als Inhalt des Regierens sehen, fehlt.




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Montag, 11. Oktober 2010

Die, die man verdient

Weil man eigentlich nur erkennt, was man in sich trägt - was man also IST - so wählt man auch jene, die diesem Erkenntnisstand entsprechen. Denn zu entscheiden ist nicht Sache eines "rationalen Diskurses" - dieser sicher nur das ab, was letztlich dem Erkennen zugrundeliegt: die direkte Anschauung.

Wirklich zwischen gerechte und ungerechte Führer zu unterscheiden, fehlt dem Volk das Beurteilungsinstrument, fehlen die Kriterien. Somit wird es den Sophistiker wählen, den der "schön redet und behauptet" - der Philosoph wird als bedrohlich empfunden, weil er alles hinterfrägt, keine Sicherheit zuläßt.

In diesem Sinne muß der Satz "Jedes Volk erhält jene Führer, die es verdient" verstanden werden.

Weil das Volk, die Masse, wirklich selbstloses Handeln sich nicht vorstellen kann, ist auch der noch so hochstehende Philosophenkönig nicht vor Mißtrauen gefeit - Mißtrauen, wie es der Sophist setzt, der Schönredner. Und aus diesem Grund greift das Volk zur zweitbesten Regierungsform weit eher, als zur vollkommenen, dem Staat der von einem Weisen geführt wird, und klammert sich an den Verfassungsstaat. (Spaemann)

Denn wie bei Adam und Eva, ist es das Mißtrauen, das vollkommene organische Gefüge zerbricht.

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Daß das philosophische Wissen eigentlich, wenn es an seinem höchsten Punkt angelangt ist, nicht mißbraucht werden kann [weil im Wissenden das erlebte Gut - in der Lust - mit der erkannten Ordnung zusammenfällt, während das Wesen der Sünde ja genau dieser Auseinanderfall ist, Anm.] weiß die Menge nicht, vor allem, weil sie erlebt, daß es sehr wohl mißbraucht werden kann: dann nämlich, wenn es an seinem höchsten Punkt noch nicht angelangt ist. 

(Robert Spaemann, in "Platons Philosophenkönige")

Mit diesem institutionalisierten Mißtrauen ist also das Beste ausgeklammert! Allerdings ist auch dem Schlechtesten vorgebeugt, vor allem, wenn der Mythos vom vollkommenen Staat lebendig und heilig bleibt, oder große Vorbilder, die sich gegen alle Regeln bewährt haben, in Erinnerung bleiben.

[Das Bemühen um Exzellenz, wie hier schon mehrfach ausgeführt wurde, ist also in Österreich nicht zufällig - und nicht zufällig, dafür zunehmend zwangsläufig, von Erfolglosigkeit begleitet.]
 

*111010*

Samstag, 9. Oktober 2010

Sein ist Wissen

Das Gute zu wissen heißt, mit dem Guten zusammenfallen, heißt es auch tun - hier gibt es keine Differenz mehr. Da braucht es keine weiteren Tugenden mehr. Denn im Erkennen zum Erkannten werdend ist gleichbedeutend mit das Gute sehen - und es abbilden.

Bei der Gerechtigkeit ist es umgekehrt: sich der Gerechtigkeit zuwenden heißt, sie auch schon haben.

Nach Plato

*091010*

Sonntag, 15. August 2010

Wie eine durchleuchtende Idee

Immer sind es einzelne Lebensformen, die wir als edel empfinden, einzeln stehende Bäume, ein einzelner Falke, ein einzelner menschlicher Körper. Und immer sind in dieser Einzelerscheinung die zufälligen Mängel überwunden, die aus äußeren Einflüssen und aus inneren Schlacken kommen und in so vielen anderen Fällen die Reinheit des Sichausdrückenseine trüben. Es ist stets eine determinante Idee, die sich ausdrückt, aber nur in ausgezeichneten Fällen geschieht das in völliger Reinheit. Ein vollkommen gestalteter Baum oder Mensch ist gleichsam transparent, etwas Rein-gestaltendes, eine Idee leuchtet durch den gestalteten Körper hindurch.

R. Woltereck "Philosophie der Lebendigen Welt"
über Lebensvollendung durch Aristie von Gestalten.


*150810*

Freitag, 1. Mai 2009

Kunstwerk und Prophetie

Noch nie war der Eindruck so stark, wie beim Lesen von Schelling, bei dem genau dies so plastisch zu werden scheint (als dächte er nicht, sondern schlüge er wie ein Bildhauer am Stein, bis das Bild der Idee gleiche), daß Denken ein Anpassen der Vorstellungs- und Ideenordnung an das Gefühlte, über die Welt Geahnte, ist. Gerade, wenn man "Menon" von Plato dazufügt, wo Sokrates über das Erkennen als reinen Akt des Erinnerns spricht.

Damit ist auch das Sprechen an sich als Gestalt ein Akt der Gewohnheit, sohin in direktem Zusammenhang mit Tugend und Wahrhaftigkeit stehend, das Denken ein Akt der Sprachgestaltung, bis es im Logos kopuliert.

Gleichzeitig ist - auch hier ist Schelling zu folgen - das Urgrund allen Weltfühlens ein Herzensakt der Poesie, wird der Künstler zum Priester und Propheten, das Kunstwerk zum einzigen die Schöpfung als Akt der Liebe und Selbsterkenntnis Gottes wirklich entfaltenden Akt.

Heinrich Reinhardt weist wohl in gleicher Gedankenlinie auf die zentrale Bedeutung des "Wohlwollens" als Tor zur Philosophie hin.

In dieser Sicht - der Welt als Explikation Gottes, dem Sein, das sich enthüllt, sodaß Wahrheit menschlicher Erkenntnis im Maß Ihrer Übereinstimmung mit Gott (als der Wahrheit) darstellende Teilhabe an Gott (mit dem Schlüssel: Kreuz, wie Dante es ebenfalls ausdeutet: laß alles fahren ...) bedeutet - trifft sich Schelling absolut mit Thomas v. Aquin, Cusanus, Plato etc. etc.

Nietzsche wirft Schelling vor, kein Denker zu sein. Während Schelling diesen Anspruch gar nicht mehr erhebt, sondern sich als "Mythologe der Vernunft" begreift.


*010509*