Dieses Blog durchsuchen

Posts mit dem Label Marx (Karl) werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Marx (Karl) werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 1. Mai 2022

Nur der Himmlische sieht den Himmel von innen (2)

Womit wir bei der ersten Sünde angelangt wären: Dem Neid - Wir sind hier unvermittelt auf ein real sehr wirksames historisches Wirmoment gestoßen. Denn in dem, was hier ausgeführt wird, hben wir auch den NEID vor Augen bekommen. Diese erste Sünde des Menschen ist ein Aufbegehren gegen diese Zuordnung der Sphären, die ein ontologisches Grundverfaßtsein der Welt bedeutet. Die aus der göttlichen Ordnung hervorgegangen ist (Trinität), die diese Ordnung also widerspriegelt, weil alles von sienem Schöpfer kündet: Das Geschaffene trägt die Grammatik des Hervorbringers, SOWEIT es als Geschaffenes eben seine Grenzen hat. 

Der Tisch erzählt vom Tischler, aber IST weder der Tischler, noch erzählt es ALLES über den Tischler. Von seiner Vorliebe für Flötenspiel ist nichts enthalten, höchstens in Spuren, als Aroma gewisermaßen, und für den, der einen gebildeten Geschmack hat, der also noch mehr Nuancen ausdem Tiosch erkennen kann. Wie also Gott in seiner ganzen Fülle ist, ist uns nie nachzuvollziehen, und zwr aus Prinzip nicht. Nur wo Gott Vater es dem Sohn bzw. durch diesen uns (imHeiligen Giest mit ihm geeint) mitteilt, ist es auch uns erkannt und erkennbar: Als Geoffenbartes.

Sonntag, 6. März 2022

Die neue ÖVP-Methode - Verhinderung des Überblicks (2)

Die Strategie der Lüge als Legitimationsgrund, der Ausnahmezustand als Normalzustand der Politik einer Partei. Und was Marx dazu gesagt hätte - Die ÖVP ist sozusagen mein familiärer und traditioneller Herkunftsstall, ich wüßte nicht warum ich mich dessen schämen sollte. So, wie sie der Herkunftsstall all der aufgeklärten Bürgerlichen ist, die sich in Liberale (nicht zu verwechseln mit "Freiheitlichen") und Grüne weiter aufgesplittert haben. Was nur eine Spaltung mehr war, denn alles Volk stammt letztlich aus dem Bauernstand.

Die ÖVP mit ihrem Bezug auf die christliche Soziallehre ist aber sogar mehr. Sie ist sogar als "Ursuppe" des Volkes und seiner "politischen Präferenzen" zu verstehen. Anders ist diese Weltanschauung nicht zu begründen, als durch ihren Anspruch auf das naturrechtlich definierte "Volk". Als Ursuppe.

Donnerstag, 4. September 2014

Technik als Vollendung zum Tier

Das Interessante an einer Theorie, schreibt Hermann von Keyserling einmal, liegt höchst selten in ihrer inneren Wahrheit. Es liegt in ihrer psychologischen Aussagekraft und Bedeutung. 

In diesem Sinne ist der (amerikanische) Behaviorismus höchst aussagekräftig. Der ja sagt, daß der Mensch nur als höheres Tier zu sehen ist. Das Entscheidende sei bei ihm die Gewohnheit. Von Freiheit und Geist ist da keine Rede mehr, die gibt es nicht, sie sind Täuschungen, Epiphänomene.

Diese Thesen sagen viel über seine Hervorbringer aus, und sagen viel aus über die Amerikaner, die diesen Thesen so überwiegend anhängen. Denn, so Keyserling, wer so denkt verrät, daß  in ihm nichts von Freiheit und Geist vorhanden ist, das ihn auf den irrtum dieser Ansichten hinweisen könnte. Über die er stolpern würde, wenn er sie über ihre Wahrheit befragt. Der Amerikaner findet nichts, das ihn zur Annahme anderer Thesen nötigen würde! Er IST ein Tier. 

Denn der Technizismus der Zivilisation, der Wohlstand generiert, ist keineswegs die genuin menschliche Seite des Menschen. Sie ist im Gegenteil die Vollendung der tierischen! Denn durch die Technik erreicht der Mensch das, was das Tier von Haus aus mitbringt: Die völlige Zusammenstimmung mit den Lebensbedingungen, den Platz in der Welt, der seine Möglichkeiten zur Entfaltung bringt - das hat jedes Tier selbstverständlich.

Das, was aber den Menschen zum Menschen macht, weil es ihn übers Tier hinaushebt, ist die Frage nach dem Sinn. Sind im Behaviorismus nur die Tatsachen das Prägende, so ist es für den Menschen anders: Es ist der Sinn, den er über die Tatsachen stellt. Er ist nicht von Tatsachen geprägt, er ist vom Sinn geprägt. Es ist seine eigene geistige Initiative, die ihn zum Menschen macht, und nicht der Druck der Außenwelt.

Desgleichen gründet darin die "demokratische" Auffassung, daß alle Menschen gleich seien. Sie ist genuin tierisch. Denn wer so denkt, hat sich nie als einzigartiges Individuum mit Freiheit und Geist begabt erlebt. Sondern alle Unterschiede hängen von der Umgebung ab, zu der die Erziehung mitgehört.

Das Frappierende an dieser - so amerikanischen - Haltung ist, daß sie absolut deckungsgleich mit der ... des Kommunismus (der Sowjetunion)* ist. Es sind sich im Kalten Krieg also gar nicht zwei "grundverschiedene" Systemgeister gegenübergestanden. Vielmehr haben sich gleiche Strömungen und Grundansichten anders ausgeprägt, und sich dann zu Antagonisten gemacht.





*Der Behaviorist John Dewey hat übrigens auch die Schulsysteme in der UdSSR und in China mit zu reformieren begonnen. Es ist alles andere als ein Zufall, daß Dewey aus dem Hegelstudium heraus gekommen ist. Denn auch für Hegel hat sich der objektive Geist (der Pantheismus liegt quasi am Fensterbänkchen) in den Systemen der Welt seine Emanation gesucht, woraus zum einen die Priorität des Staates (als quasi Gott selbst seiend) folgt, zum anderen aber die Bedeutung des Faktischen, der "Tatsachen" hervorgeht, wie sie Marx dann so folgerichtig aufgegriffen hat.




***

Samstag, 25. Januar 2014

Umverteilungsmaschinerie

Weil hier die höchst komplexen Zusammenhänge nicht aufgezeigt werden sollen, so möge der Leser den hingeworfenen Satz akzeptieren, daß Blüte und Fortpflanzung in der Natur phänomenologisch als Reaktion auf einen erfahrenen Mangel gesehen werden können. Steht ein Lebewesen im Überfluß der Versorgung, hört es auf, sich zu reproduzieren.

Dieser simple Satz korreliert mit dem eigentümlichen Umstand, daß die Fertilität einer Gesellschaft fällt, je höher ihr Wohlstand ist. Was heute so selbstverständlich klingt, weil die Fakten zu offen liegen, war übrigens noch vor wenigen Jahren von der Linken das Gegenteil behauptende Hebelargument für Umverteilung, das nur nebenbei. Die Geschichstheorien sind Legende, die da behaupten, daß Anstieg von Bevölkerung mit Wohlstandswachstum einhergehe. Das Gegenteil hat sich mittlerweile herausgestellt.

Volkmar Weiss nun schreibt an einer Stelle einen weiteren originellen Satz, der gleichfalls für sich stehen gelassen werden soll. Er schreibt, daß die Einführung der Rentenversicherung nichts anderes war als eine Versicherung gegen Kinderlosigkeit. Am meisten und adäquat profitiert haben dabei nicht die Versicherungsteilnehmer, sondern die Kinderlosen. Und das waren seit dem 19. Jhd. vor allem die Frauen, die in den Wirtschaftsprozeß, der Erwerbsarbeit von schöpferischem Lebensvollzug noch klarer trennen wollte (weil in seiner Eigenlogik mußte), eingegliedert werden mußten. Denn eine auf abstrahierte Kapitalleistung reduzierte Wirtschaft braucht Quantitäten und Funktionen, nicht Qualitäten.

Das System der Umverteilungsmaschinerien (wie das Rentensystem) stehen sohin in einem fundamentalen Widerspruch zwischen ihren angeblichen Ansprüchen und dem kapitalistischen, rein nur noch quanifizierenden Wirtschaftssystems (als Lebenssystem). Es siegt der beiden gleichermaßen zugrundeligende Satz: "Wer rechnen kann, nützt es aus, der kriegt keine Kinder." Während der, der Kinder hat, munter die Quellen des Umverteilungsstaates abschöpft. Eine Rechnung, die gar nie aufgehen KANN, die aber die geistige Leistungsfähigkeit einer Bevölkerung nach und nach korrumpiert.

Der Feminismus ist schon deshalb eine direkte Erscheinung des Kapitalismus (als Metastase weil Perversion der "freien Marktwirtschaft", die nur am Rande damit zu tun hat), der ohne ihn in der heutigen Form gar nicht möglich gewesen wäre. Schon alleine daraus ist das abzulesen, daß sich der Feminismus seine ihn vorgeblich rechtfertigenden oder gar auslösenden "Tatsachen" selbst schafft. Schon Marx ist ja daran regelrecht verzweifelt, daß seine Revolution nicht und nicht "von unten" kommen wollte, und überall eine rein bourgeoise Erscheinung blieb, die sich das "unten", für das sie vorgeblich eintrat, einfach schuf.

Die heutigen Rentensystem (die im 19. Jhd. aufkamen) sind aber eine reine Umverteilungsmaßnahme von kinderreichen Familien zu kinderlosen und Singles.* Mit denen beiden letzten Phänomenen sich der moderne Staat jene Schichte heranzog und erhält, die er zum Überleben braucht: die der Geldproduzenten. Denn der moderne, zentralistische Staat braucht vor allem eines, ja er braucht NUR dieses: Geld, und Vereinzelte, die er zu seiner Produktion versklavt.



*Man beachte dazu eine erst jüngst erschienene Studie der Bertelsmann-Stiftung, die die fiskalische Bilanz von Kindern ermittelt. Sie ergibt, daß das Rentensystem "für alle" als Umlageverfahren von den Familien mit Kindern finanziert wird.




***

Dienstag, 13. August 2013

Im Bette einer Weltanschauung

Nun wäre es verfehlt zu meinen, der dialektische Materialismus (Marxismus) wäre eine in sich völlig stringente Theorie, die sich aus sich heraus begründen könnte. Das tut er nicht. Er hat eben Postulate. Und er hat seine impliziten Annahmen, wie die Welt ist. Eben: teleonimisch, material(istisch)-physikalistisch aufgebaut.

Hegel wir Marx gemeinsam ist die Tatsache, daß der Dinghaftigkeit der Welt kein Eigensein zukommt. Dieses wird erst durch den Menschen, der sich zu den Dingen dialektisch verhält. Während in Hegel aber noch der Geist das alle Wirklichkeit schaffende ist, das im Menschen, in der dialektischen Erkenntnis, das Gesicht des Wirklichkeitsschaffenden ist, während sich bei Hegel alles zur Konstruktionstat des Menschen (der als gottmenschlich gedacht irgendwann und mit dialektischer Notwendigkeit zur Universalvernunft, dem sich selbst erkennenden und alles schaffenden Allgeist wird), lehnt Marx dieses idealistische Seite ab. Für ihn erschöpft sich alle Dingwirklichkeit in den Dingen selbst, und in ihrer praktischen Gegenständlichkeit den Menschen betreffend. Der sich in der Arbeit ihrer bemächtigt, wobei die Welt für ihn nur ist, was sie real in ihren Bezügen auf ihn ist. 

Auf den ersten Blick also gibt Marx den Dingen ihr Eigensein zurück. Aber er tut es nicht wirklich, nicht metaphysisch: Denn solange sie ein Eigensein hätten, wären und sind sie dem Menschen feindlich. Durch die menschliche Arbeit und Bearbeitung aber werden sie zur Wirklichkeit selbst, zur einen Wirklichkeit, von der der Mensch ebenso dinghafter Teil ist wie das bearbeitete, angeeignete Ding, sodaß die Welt zu einem menschenhaften Antlitz wird, der Heimat, Einheit, nach der sich jeder Mensch sehnt.

Das geht nur, wenn er den Dingen eben keine eigene ontologische Selbstheit zuspricht. Sie haben dem Menschen nichts zu sagen, sie stellen ihm nur (funktional) die Aufgabe der Aneignung.

Damit ist der Marxismus klare Frucht der rationalistischen Aufklärung, liegt im geistigen Strom jener Zeit, der seine breiten Bette erst heute so richtig gefunden hat. Die meint, die Welt wäre mit der Ratio endgültig und universal zu begreifen. Begreifen als Wissen, wie sie funktioniert, wie man sie manipulieren kann. Wir erinnern uns an Blog-Einträge der letzten Wochen, wo der grundlegende Wandel des Wissensbegriffs seit der Renaissance dargelegt wurde: Wissen ist nur das Wissen um das experimentell Nachvollzieh- und Wiederholbare, die Handhabung auf einen menschlichen Zweck hin also, nicht das "Verstehen" des Wesens der Dinge, das ohne persönlichen Akt undenkbar ist.

In der heutigen Diskussion über Teleologie und Teleonomie - letztere wird geminiglich als "richtig" gesehen - zeigt sich genau das. WAS die Dinge sind sind nachträglich rein menschlich geschaffene Begriffe. Es gibt kein Eigenwesen der Dinge. Sie "sind" nur, was wir daraus machen, darin sehen (wollen). Ein Widerspruch in sich, den hier auszuführen den Rahmen sprengen würde (denn, kurz und vereinfachend gesagt, ohne dinglich-begriffliches "Vor-Sein" würde sich überhaupt nie etwas wie eine Tatsache und Kausalität und damit "verstehen" bilden; das Wissen, wie etwas funktioniert, verschiebt lediglich die "Was-"Frage immer weiter nach hinten).

Hegel wie Marx rekurrieren darauf. Aber für Marx bleibt alles praktisch, geerdet. Die Philosophie, sagt er einmal, hat nur die Welt interpretiert. Aber das ist nutz- und sinnlos. Es kommt darauf an, sie zu verändern. 

Sodaß der Marxismus und sein Materialismus durchaus wie ein nüchterner Realismus wirkt. Aber ihm haben die Dinge kein Eigensein mehr, keinen ontologischen Selbststand, kein Sein im Dasein. Der Mensch ist es, der allem ein Sein gibt, er ist es, der die Welt des Seienden schafft, und nur er. Die Fremdheit der Dinge ist Marx nur eine Feindlichkeit des noch nicht "Angeeigneten", durch menschlichen Entwurfe Verändertes, und damit zu ihm selbst Gewordenes.

Die Gegenstände haben als ihre Grundlage also nicht ein Seinsbild, damit ein Wesen, sodaß ihre faktische Gestalt eine Geschichte ihrer Selbstwerdung ist.  Sie sind, was der Mensch daraus macht. Was er nicht "brauchen" kann, hat keine Daseinsberechtigung.

Eben weil das Weltbild sich bereits so zugespitzt hat, daß die Welt nur noch als Zueinander von Interessen und Zwecken gesehen wird. Was keinen Zweck im Kampf ums Überleben hat, so lehrt es auch der längst aufkommende Darwinismus, geht unter.*



*Wer heute auch und gerade in sich als intellektuell verstehenden Medien Berichte über "wissenschaftliche Erkenntnisse" liest, wird regelrecht überschwemmt mit oft grotesken, ja lächerlichen "Erklärungen", in denen vorgesetzt wird, "was" dies oder jenes sei. Indem sich jemand Hirngespinste ausdenkt, was seine Funktion im Daseinskampf der Evolution sei. So jüngst, wo jemand erklärt, daß das Küssen aus dem alten Beschnupperritual der Afteröffnungen stamme. Oder ein anderer erklärt, daß der Mensch überhaupt eine Fehlkonstruktion sei, weil das menschliche Baby anders als im Tierreich so lange nicht in der Lage sei, selbständig zu existieren, der Mensch so vieles lernen müsse, was ihn anfällig und gefährdet mache. Die Welt also nicht als bergendes Sein, die Aufeinanderangewiesenheit nicht als Quelle der Einheit, Vorgänge deren Sinn also nachzugehen weil zu erfüllen ist, sondern als feindliche, irrationale Aufgabe zur willkürlichen Beherrschung. Der Mensch ist es, der allem Sinn GIBT, sonst hat es keinen. Trat bei Hegel dem Menschen seine gottmenschliche Natur noch im Erkennen theoretisch gegenüber, weil er in allem nur sich selbst sieht, so ist sie bei Marx gegenständlich, und nur gegenständlich.

Man übersehe dabei auch nicht die herrschende Lehre des Sensualismus (auch dieser wurde an dieser Stelle bereits mehrfach angesprochen), also die Art, wie menschliches Bewußtsein von der "Naturwissenschaft" (Psychologie) gesehen wird, wie sie seit Locke und Hume bis heute die Psychologie beherrscht: Als bloße, zur Sinneserregung parallele Spiegelung sinnlicher Eindrücke, in denen das Gehirn in mechanistischen Prozessen seinen aus dem Überlebenstrieb gesteuerten Kommentar abliefert. Daraus folgt zwangsläufig die Lehre der realen Einheit von Gegenstand und menschlichem Bewußtsein, die sich bei Hegel wie Marx so direkt wiederfindet. Menschlicher Geist wird bis zum heutigen Tag weithin als "Epiphänomen" gesehen, als Selbsttäuschung über die Natur mechanistischer Prozesse. Der Marxismus ist also ganz tief ein eine noch umfassendere Weltanschauung eingebettet, die eine metaphysische Vorentscheidung ist.





***

Montag, 12. August 2013

Kontrollzwang aus Beliebigkeit

Für Hegel vergegenständlicht sich der Mensch in der Arbeit. Im Produkt tritt er sich selbst gegenüber. Das heißt, daß seine ihm zuvor unbekannten weil unbewußten inneren Kräfte sich als Wesensmächte verobjektivieren, ihm als ihm nun fremdes, "anderes" (und negatives) Objekt entgegentreten, als Prozeß der Selbstentfremdung. Die Aufgabe des Menschen sieht Hegel nun darin, diese Kräfte zu abstrahieren, und damit, im Geist, in Gedanken, im Selbstbewußtsein, in sich zu reintegrieren, sich diese gegenständliche Welt also (dialektisch) wieder anzueignen, um so zu jenem gott-menschlichen Wesen der Vernunft zu werden, das er eigentlich ist. 

Diese gewissermaßen geistige "Vereigentlichung" des Menschen lehnt Marx als idealistische Flucht ab. Marx wirft Hegel vor, daß er die Negativität und Selbstentfremdung nicht in ihrer wirklichen negativen Dimension der realen kapitalistischen Produktionsprozesse sieht: der Enteignung der Produktion durch den Besitzer der Produktionsmittel (sagen wir, etwas vereinfachend). Alles wirkliche Menschsein ist konkret und gegenständlich, sodaß es um die materiale Wiederaneignung geht, nicht um die romantische "Vergeistigung". Hegel ignoriere das Faktische der Arbeit und Enteignung. Geistigkeit, Metaphysik, Religion sind für Marx lediglich entwirklichende, selbstentfremdende Machtinstrumente.

Es geht Marx um die konkrete Wiederaneignung der realen Dinge, IN DENEN der Mensch er selbst geworden ist, in seiner Eigentlichkeit, als soziales Wesen, als Kollektiv, in dem allen alles offensteht, damit allen das Menschsein offensteht. Alles andere ist idealistisches, "unwissenschaftliches" Gefasel. Praxis geht vor Theorie, sozusagen. Und genau das begegenet einem auch heute in dieser fatalen (weil in sich unsinnigen) Empiriesucht der Menschen, die glauben, daß Welt (und sogar "Überwelt") sich primär materialistisch aus Erfahrung erschließe, nicht aus Geist, sodaß die sinnliche Empfindung es sei, aus der sich Welt konstruiere.*

So richtig der Gedanke Hegels im Grunde ist, so radikal "entgeistet" ihn Marx, der das Wesen der Welt und des Menschen rein materialistisch sieht. Welt hat nur Wert, wenn sie vom Menschen "zum Menschen" gemacht wurde. Die Dinge haben keinen Eigenwert, der Naturzustand des Menschen ist ihm Entfremdung, solange er sich nicht die Welt angeeignet hat. 

Metaphysik ist ihm eine bourgeoise Ablenkung von der Ernsthaftigkeit des Materiellen als Menschwerdungsprozeß, um den es eigentlich geht. Dazu müssen die Dinge auf den Menschen "hingedreht" werden, alles andere ist illusionäres, wirklichkeitsfremdes Denken. Denn die Wirklichkeit IST das Materielle, und im Produktionsprozeß, in der Arbeit, gründet sich der Mensch als er selbst. Was nur geht, wenn er das vorgefundene Faktische der Dingwelt (als feindlich) ignoriert, und alles zu sich herdreht.  DAMIT wird die Welt zur Menschenwelt, ja zum Menschen, und nur diese Welt ist es auch, die Geschichte ist und macht. Der Rest ist uneigentlich und Täuschung. Der Mensch muß sich also den materialen Prozessen ausliefern, so kann er eigentlich werden.

Marx wischt alles Geistige als Hirngespinst vom Tisch. Es gibt (und da knüpft er an Hegel an) nur noch jene Wirklichkeit, die der Mensch konkret macht. Alles andere HAT keine Wirklichkeit, ist nur Illusion. Es gibt kein Gegebenes, das es auszulegen gäbe.

Auch das wieder eine fatale Umdeutung vieler an sich richtiger Gedanken: Denn in der geistigen Integration der Welt als Aneignung, ist auch in der aristotelisch-thomistischen Metaphysik der Mensch jener Schnittpunkt, in dem in seiner Vernunft die Ordnung der Schöpfung aufleuchtet, und sein Handeln damit die Welt zur Wirklichkeit Gottes - dem Reich Gottes - umgestaltet. Die zu einer Ausfaltung der göttlichen Vernunft wird, die in einem je schöpferischen Akt aus dem reinen Sein heraus lebt und existiert. Und auch das hat seine Richtigkeit, daß die Welt sich aus seiner je historischen Wirklichkeit heraus und aufeinander zu bzw. miteinander entwickelt. Aber sie tut es jeweils in der Spannung zum Sein als Akt des reinen Seins, das einem absoluten (wenn auch nicht schlechthin "konkreten, fixen") Wesensbild gegenüber in Spannung steht, das seine historische Gestalt annimmt. Sodaß uns das historische Bild der Gestaltengefüge immer als mehr oder weniger unvollkommene Seinswirklichung begegnet, das aber nicht einfach beliebige Gestalt annehmen kann, sonst wäre es gar nicht.

Dieses Wesensbild lehnt der Marxismus als Illusion ab. Auch dieser Grundgedanke ist heute tief verankert. Man beachte etwa die Diskussion um Gender/Geschlecht, Homosexuellenehe oder Form der Familie: Hier wird einfach so getan, als sei der Mensch beliebig definierbar, als sei das, worauf es bestenfalls ankäme, funktional bestimmbar und bestimmt, aber die Gestalt unwesentlich weil nicht Träger des Seins, sondern in seiner Faktizität schon das "Sein an sich". Alles andere ist falsche historische Machttradition. Wie der dialektische Materialismus es sagt, Fülle, Menschsein gibt es nur über das sinnlich-Konkrete, über das es zu verfügen gilt.**

Und wenn über "Kommunikation", Internet, social media diskutiert wird, geht es nie darum, was das Wesen des Menschen und damit der Kommunikation ist, sondern es wird genommen, als "wäre" es nun die Kommunikation. Und wenn über Genderisierung der Sprache gesprochen wird, ist dasselbe vorzufinden, wie wenn über Erziehung oder Ausbildung: der Mensch ist beliebig zu dem zu machen, was wir aus ihm machen. Was immer hindert, wenn Kinder immer noch Identitäten suchen, die in ihrem Familienumfeld vorhanden sind - es ist "falsche Überlieferung", die es auszurotten gilt. Marxismus pur, der uns bis in die hintersten Winkel des Alltags bereits unhinterfragt bestimmt, ja uns neurotisch bereits so eingepflanzt ist, daß wir andere Gedanken kaum noch zu erwägen wagen.

Die Welt ist aber nicht "fremd" und menschenfeindlich oder außerhalb unseres Bewußtseins gar nicht in einem Wesen existent, sondern sie ist abbildhafte Trägerin der göttlichen Vernunft, die in der Erkenntnis auch den Willen Gottes im Sinn entbirgt. Schon die Scheu, mit der dieser Gedanke heute auftritt, zeigt die Macht, in der sich der Marxismus als atheistische Deutungsautorität auch bei uns und gerade bei uns entfaltet hat.***

Einer der Grundzüge der Gegenwart läßt sich in seiner Tiefe direkt als solche Fremdheit und Feindschaft der Wirklichkeit gegenüber fassen. Vor allem bei jungen Menschen ist das Mißtrauen in natürliche Vorgänge auffällig. Ihnen wird nur, was sie selbst in die Hand nehmen. Auch - sie selbst. Wer sich nicht im Ringen mit der Welt selbst rational-bewußt und werkzeuglich definiert, HAT sich nicht. Das ist das Geheimnis von Facebook, in dem sich die Menschen als ihre eigenen Geschöpfe gegenüberstehen. 

Aber sie werden damit nicht, wie Marx es meint, damit mit sich geeint und eigentlicher - sondern sie werden genau damit aufgespalten, indem ein weltlich-konstruiertes "Selbst" einem unerfüllten "ich" gegenübersteht, dessen Impulse zur Selbstwerdung prinzipiell unaufgegriffen bleiben (weil nicht inhaltlich erfüllbar sind, genau das ist eben nicht "Geschichtswerdung", sondern strukturell, sinnhaft.)

Nicht also Selbstüberschreitung ins Ungewisse, auf eine empfangene Selbstheit in ihrer Polarität mit der Ergreifung als "ich bin" (als Akt) hin also kennzeichnet die Gegenwart, sondern ein vermeinter Zwang zur Planung, zur Beherrschung dieser Selbstwerdungsprozesse.**** Die Natur wird völlig abgeschottet, indem sich der Mensch abschottet, und sogar sein Welterleben virtualisiert. Indem er jeden Moment auf einen Photoknopf drückt, sich dem Begegnenden nicht mehr ausliefert, sondern zwischen sich und die Welt eine Linse hält, sinnliche Überraschung ausschaltet, indem er einen Geräuschvorhang in seinem Ohrstöpseln aufzieht.

Das Entgegengesetzte zwischen Marx und der Metaphysik besteht also darin, woher die Welt und woher der Mensch stammt - ob er sich auch in seiner Selbstwerdung aus einem reinen Sein, in das er bergend eingebettet ist, empfängt, oder ob er sich, inausgeschleudert in eine feindliche Welt, fundamental macht und noch mehr: machen MUSZ. Es geht um eine Ontologie, aus der heraus alle weiteren Konsequenzen nur noch Folge sind.




*Dabei ist genau das Gegenteil der Fall: Wo die überkommene Deutung abgelehnt wird, weil die Welt "neu" definiert werden soll, nimmt sich der junge Mensch genau das: Deutung. Die Welt wird ihm, der sich den Sinnesvorgängen ausliefert, nicht angeeigneter, sondern noch fremder, ja undeutbar. Im weithin bereits zu beobachtenden Verzicht auf Vernunft, in den esoterischen Süchten, zeigt sich genau diese - dem Wesen des Menschen, als in der Vernunft gegründet, widersprechende - Realität.

**Wo das hinführt, beschreibt u. a. Tatjana Goritscheva in ihren Büchern. Wo sie von der Sinnleere spricht, die ihre gesamte Umgebung - die sich mit Recht als Intelligentsija verstanden hat, Goritscheva, Philosophin, lebte im Milieu der intellektuellen Elite der Sowjetunion - sehr konkret empfand, und die im übrigen zu einer hohen Selbstmordrate führte. Das ausschweifende leben, das viele geführt hatten, hatte diese Leere nicht füllen können, sondern vergrößert. Anders also, als Marx sagt! So erklärt sich auch der Hunger, aus dem heraus sich so auffallend viele dieser Intellektuellen bekehrten.

***Im ehemaligen Ostblock wird über diese Dinge viel entspannter und offener diskutiert, wird der Marxismus viel direkter abgelehnt weil in seiner Gefahr für das Leben erkannt. Der Marxismus des Westens, der sich als political correctness tarnt, hat dort kaum fruchtbaren Boden. Wenn der Osten zu großen Teilen als "rechts" oder "faschistisch" verleumdet wird so stammt dies aus der marxistischen Position des Westens. 

****Mit der furchtbaren Konsequenz: daß man das wirklich Schöpferische ausschließt. Wer das Kunstgeschehen eine Zeit verfolgt, wird mit Erschrecken feststellen, daß es in Konventionalität regelrecht erstickt, und zwar gerade dort, wo es sich für innovativ ausgibt. Wir glauben heute, auch das Neue "machen" zu müssen oder überhaupt: zu können. Und bewegen uns doch nur im Vergangenen, dem der schöpferische Impuls als Öffnung ins reine Sein bereits fehlt.






***

Sonntag, 11. August 2013

Geistloser Materialismus

Nun unterscheidet sich der Marxismus (der auf Hegel fußt) auf den ersten Blick in seiner Auffassung der Arbeit gar nicht wirklich von der aristotelisch-thomistichen Sichtweise und Metaphysik! Denn auch er sieht selbstverständlich in der menschlichen Arbeit, in seiner Produktion, eine Vergegenständlichung des Menschen selbst, der sich darin "selbst" gegenübertritt. Das Sein vollzieht sich ins Seiende, wird zur Welt selbst, durch Heraustreten, durch Tun. Ja, im Tun wird - so wie überhaupt in allem Dinglichen - der Geist als Ursache, als Hervorbringer erkennbar, er stellt sich darin dar. 

Aber für Marx ist dies alles ein rein materialistisches, weltimmanentes Geschehen. Insofern gibt es gar keinen Geist, Marx lehnt auch jede Metaphysik ab, und Religion ist ihm die allererste Selbstentfremdung des Menschen. Alles bleibt dinglich. Was der Einzelne selbst denkt ist im Grunde irrelevant. Alles bleibt innerhalb der Gegenstandswelt und Mechanistik der Welt, mehr gibt es nicht.

Während in der aristotelisch-thomistischen Sicht der Mensch sich der Gegenstandswelt im Geiste eint, so die Welt im Erkennen in den reinen Geist (Gott) zurückreicht, und so (mehr oder weniger fensterhafter, aber nie erschöpfender) Spiegel des reinen Seins (in seinem menschlichen Sein) zu werden berufen ist (ohne dies direkt "machen" zu können). Der Mensch selbst findet sich so wie alles Geschöpfliche in einer Ordnung, die er als Ordnung erfaßt, und damit als Vernunft. 

Sein Erkennen ist also in dieser Hinsicht "auch" eine Teilhabe an der "Allvernunft", darin unterscheidet sich Hegel nicht wirklich. Aber bei Hegel wird es zur Dialektik, zum notwendigen Geschehen, aus dem heraus schon der Mensch die Negation die sich in den Dingen findet (denn sie müssen, um überhaupt zu sein, aus der Allvernunft vereinzelt, herausgelöst sein) auflösen, ins Eine der Allvernunft hinein zu holen getrieben wird. Die Welt wird damit zu einer Art "Maschinerie des Selbstbegreifens des Geistes", in der menschlichen Vernunft, die dialektisch-zwangsläufig zur Höherentwicklung der Welt führt. (Gedankenwege, wie sie sich u. a. bei Teilhard de Chardin im 20. Jhd. direkt wiederfinden, also auch in die Theologie eingedrungen sind, wo sich die Welt zum "Punkt Omega", zum All-Christus entwickelt.)

Diesen "Geist" lehnt Marx ab, hier scheidet er sich von Hegel. Alles ist dialektischer Materialismus. Die Unterscheidung Mensch - Tier findet bei Marx in dem Moment statt, wo der Mensch sich seine Lebensmittel selbst produziert, sich damit (ein im Grunde metaphysisches Bild, das sogar hierin noch verführerische Ähnlichkeiten zur Gottähnlichkeit der Metaphysik zeigt) aus sich selbst im (endlichen) Dasein erhält (dessen Ohnendlichkeit durch den Artcharakter ausgedrückt wird, so wie sich im Tierreich alles durch die Art erhält). Hierin zeigt sich seine Autonomie, seine völlige Unabhängigkeit von allem (und seine Gottähnlichkeit): in der Beherrschung der Natur, im "Leben aus sich selbst".

Die aristotelisch-thomistische Ontologie freilich begründet das Selbstsein aller Dinge anders (und: sie denkt es durch, man vergesse das nicht, es ist kein simples "Nehmen wir einmal an"). Das Sein der Welt, das nur als Einzelsein der Dinge existiert, ist nur insofern sein, als zum einen die Dinge aus sich selbst sind, als Akt, und zum anderen in diesem Aktsein nur sind, indem sie wieder ins reine Sein - sterbend (Stirb und Werde ...) - zurücksinken. In dieser Pulsarik gewissermaßen existiert die Welt, als Gleichnis des reinen Seins, des trinitarischen Gottes, der in sich gleichfalls lebendiger Akt ist.

Das Erkennen des Menschen zielt also nicht auf das Abbilden der materialen Dinge selbst ab (auch wenn das passieren muß, sonst sind sie nicht erkennbar, als "Material des Verstandes" gewissermaßen), sondern auf ihren Seinsgrund, auf ihren Sinn (logos), dem wirklichen Wirklichen. Im einen einzigen ganzen Sinn läßt sich so die Einheit allen Seins (und damit die Wirklichkeit der Welt) am vollkommensten finden, um in der Vernunft, die (vereinfacht) ist was sie denkt, an der Allvernunft teilzuhaben*. Insofern aber ist das Verstehen als personaler und ganzmenschlicher Akt unersetzbar, ja Voraussetzung, aber sie zielt auf Transzendenz, ja diese ist ihr Wesen: sich selbst zu übersteigen, um so zu sein, weil Geist selbst Transzendenz ist.

Im Marxismus findet sich also auch die paradigmatische und rationalistische Wende des Wissensbegriffes als Fundament, wie er in der Renaissance stattfand. Wissen wird zum "machen können", alles darüber hinaus, das Wesen der Dinge, wird uninteressant, weil rational nicht produzierbar. Für ihn ist nichts, was nicht im Bewußtsein ist, als eigentlicher Ort menschlichen Seins. Und Bewußtsein ist für Marx Sprache, Gedanke. Weil aber im Bewußtsein nichts Ungegenständliches sein kann, ist die Möglichkeit von Sprache und Denken materialistisch begrenzt. Transzendenz ist Illusion. Das Sein bleibt Materie und Mechanismus, der Mensch Teil des Weltganzen (nach Hegel: als Geschehen des Unendlichen), aber er wird im dialektischen Erkennen in der Intentionalität zur Form der Materie, er wird in seiner Arbeit also Geschichte, ja nur Arbeit wird Geschichte. Objekt, Produkt und Mensch sind nicht mehr getrennt, sie sind eins, und zwar indem die Welt Mensch wird - WENN er sich selbst zum Sinn und Zweck der Natur setzt, die so zu sich selbst wird, der Mensch in der Arbeit die Dinglichkeiten zu sich selbst produziert.** "Die Natur abstrakt genommen," schreibt Marx einmal, "ist für den Menschen nichts." Das heißt: die Natur außerhalb der menschlichen Zwecksetzung hat gar nicht zu sein, der Mensch muß Mitte und Kern aller gegenständlichen Gegebenheiten sein.

Und damit wird der Marxismus zu einer Fundamentalontologie, das das gesamte Verhältnis des Menschen zum Sein, zur Welt verändert und auf den Kopf stellt. Dessen Tragweite gar nicht hoch genug veranschlagt werden kann. Selbst knappe und zutreffende Zusammenfassungen wie "Gott wird durch den Menschen ersetzt" reichen nicht.

Nehmen wir als Indiz wenn wir beobachten, daß wir heute einem Weltgefühl begegnen, das den Menschen tatsächlich bereits als Ursache und Urheber sämtlicher Weltvorgänge betrachtet, die ihren Wert nicht mehr "in sich" haben, sondern nur noch Ausfluß menschlichen Tuns sind (bzw. sein sollen). Wenn wir etwa glauben, alles hinge von uns ab, und wir könnten uns selbst sogar willkürlich gestalten.

Weil sich der Mensch als Sein alles Seienden sieht, das jedes vorgefundene Sein nach seiner Willkür im Tun zu übersteigen, zu verändern habe, damit er zu sich selbst wird.***

Und damit genau das Gegenteil dessen tut, was er ... tun sollte. Weil sonst genau die Einheit zerfällt, die er nur in jenem reinen Sein hat, das alles umfängt, und aus dem alles Seiende in einem zeitlosen und ohnendlichen Akt der Liebe zur geschaffenen Welt der Dauer ersteigt.



*Ohne sie sein zu können! Denn das Sein der Welt ist nur als Teilhabe am reinen Sein überhaupt Sein, es kann es sich nicht selbst geben, und verdankt sich auch nicht erstursächlich: es ist geschöpflich. Nichts was ist (als Seiendes Sein hat) ist aus sich selbst entstanden - und das ist im Grunde eine Lehre der Empirie: kein Ding der Welt ist "aus sich" in diese Welt gekommen. Das ist deshalb die Kernfrage des Materialismus par excellence. Und hier hat die Naturwissenschaft der Gegenwart physikalisch-materialistische Konzepten des 19. Jhds. verwirklicht, denn die Atomphysik des 20. Jhds. erkennt diese Bedingtheit der Materie bereits, der Materiebegriff löst sich in ihr bereits auf, kann also naturwissenschaftlich gesehen gar nicht Erstursache sein.

**Man kann die Fülle der metaphysischen Topoi, die sich im Marxismus wiederfinden, kaum abgrenzen, die eine so verführerische Ähnlichkeit - bei diametraler Entgegensetzung! - mit der aristotelisch-thomistischen Metaphysik herstellen, sodaß sich bei enorm vielem sagen läßt: "Das ist nicht ganz falsch, wenn nicht sogar sehr richtig". Aber nur so kann man die geschichtswirksame Macht des Marxismus begreifen, den mit dem "Fall der Mauer" als "erledigt" zu betrachten ein katastrophaler Fehler ist. Denn dieses naiv-dämliche Schlagwort läßt übersehen, in welchem Ausmaß der Marxismus das Denken der Gegenwart bereits beherrscht - und zwar: unerkannt, weil als historische Geistesströmung, als historisch so nachvollziehbar und "organisch" gewachsene Entwicklung längst Fundament der Weltsicht der heutigen Menschen. Man unterschätzt ihn völlig, wenn man meint, er sei mit der historischen Episode der kommunistischen Staaten abgetan.

***Das reicht bis hinein in die plan- und sinnlosen "Demokratie-Bewegungen", die derzeit weltweit Rebellionen auf ihre Fahnen geheftet haben, wo alles so werden soll, wie es die Menschen sich vorstellen, und vernunftloses Chaos folgt. Weil Ordnung als "machbar" empfunden wird, anstatt vorgefundenes, eingeschriebenes Zueinander allen vorgängigen Seins.




***

Samstag, 10. August 2013

Sohn der Zeit

"Den Grundstock aller marxschen Gedanken bildet mithin eine medizinale Philosophie, d. h. eine solche, die eine Selbstentfremdung des Menschen feststellt und den Weg zu seiner Selbstversöhnung sucht und weist. Marx ist, indem er so die Philosophie grundsätzlich als Befreiung des Menschen begreift, nur ein Sohn seiner Zeit. Im 19. Jhd. bietet sich die dialektische Methode dem Menschen als Ausweg aus einer umfassenden Krise seiner Kultur an. Der Mensch findet sich mit der gegenständlichen Welt heillos auseinandergeraten, die Welt der Sachen erstickt ihn, und die Gesellschaft droht unter den Folgen des Liberalismus und Individualismus auseinanderzubrechen. 

In der damit verursachten Einzelheit, auf die sich der Mensch so mutig gestellt hatte, bekommt er es nun mit der Angst zu tun, aber anstatt zu seiner von Natur wachsenden Verbindung mit den anderen Wesen zurückzukehren - jener natürlichen Gemeinschaft der Einzelwesen, die vom Schöpfer aller Dinge und des Menschen gestiftet ist - schreitet der Mensch gegenüber der ihm entglittenen und nun fremd gegenüberstehenden Welt zu einer gewaltsamen Wiederaneignung dieser Sachwelt. 

Eben diese gewaltsame Wiederaneignung der Welt, bei der sich der Mensch zum uneingeschränkten Herren aller Dinge macht, bildet das Wesen der dialektischen Methode in der Hand von Hegel und Marx."


Jakob Hommes, in "Der technische Eros"







***

Freitag, 9. August 2013

Entfremdung und Arbeit

Wenn aber, so Marx (mit Hegel), der Mensch durch die Arbeit sich die Welt aneignet, und sich damit selbst zum Menschen macht, so ist es folgerichtig, daß in dem Fall, wo man ihm den Zusammenhang seiner Arbeit mit dem Produkt nicht mehr gewährt, wo dieser zerreißt, ihm auch die Selbstwerdung vorenthalten wird. Die im wahrsten Sinne "Selbstverwirklichung" werden sollende Arbeit.

Deren Wesen sich erst erfüllt, wenn es als gesellschaftliches Gesamtprodukt gesehen wird. Denn die Bestimmung des Menschen ist nur als Kollektivwesen erfüllt. Nur im Kollektiv wird "der Mensch" überhaupt wirklich und universal.

Marx lehnt dabei lediglich Hegels "Mystifizierung" des Vorgangs ab. Der für Hegel das zu-sich-Kommen des Geistes in der menschlichen Vernunft ist. Denn auch der Einzelne kann ja (und dagegen ließe sich nichts sagen) nur an dieser einen, allumfassenden Vernunft TEILhaben, er bringt sie nicht absolut hervor, sondern nur in ihrer jeweiligen und aspekthaften Geschichtlichkeit. Darin eignet sich der Mensch im Selbstvollzug die Welt an.

Im Kollektiv fügt sich damit die je vereinzelte Welthaftigkeit zu einer - nein, zu ihrer ursprünglichen - Gesamtwelt (wieder) zusammen.

Die (s. Hegel) aus der Dialektik erfolgt, als Impuls, als Auftrag: Denn in der Wahrnahme der Welt nimmt der Mensch die durch Negation (aus dem Unendlichen, dem unendlichen Geist) aus sich herausgestellte, vereinzelte Dingwelt wahr. Sein Zusammenführen in der Vernünftigkeit, im Geist, in das Eine, ist also die dialektische Reaktion einer "Weltheilung", die sich im geschichtlichen Prozeß (Fortschrittsgedanke!) von selbst zum Universalen, zum Ziel der Geschichte führt. These - Antithese - Synthese, die zur nächsten These wird, usw., bis zur Vollendung der Welt im Kommunismus, dem repräsentierten Alleinen sozusagen, das im Individualismus auseinandergebrochen ist.

Die Naturwirklichkeit wird dabei nur zum "Stoff seiner selbst", aus dem das Eigentliche vom Uneigentlichen auszuscheiden ist. Denn das Vorgefunden ist das Fremde - weil der Arbeiter sich zum Produkt seiner Arbeit fremd verhält. Weil (und sofern) dieses Produkt nicht ihm gehört. Damit verliert der Mensch sich selbst, kann nicht er selbst werden. Das tatsächliche Leben (im Kapitalismus) unterscheidet sich also von dem zu führenden "eigentlichen" Leben, es tritt auseinander. Und damit hat sich auch der Mensch "falsch" (bzw. mit gefälschten Teilen gewissermaßen), nicht zu sich entwickelt. Was sich darin am deutlichsten ausdrückt, daß der Mensch sich der gegebenen Ordnung einfach unterwirft, indem er die überlieferte Ordnung aufrechthält, sich ihr gemäß verhält.

Die Tradition zu übernehmen heißt also für Marx, auch die Selbstentfremdung zu übernehmen, die sich historisch verwurzelt hat. Sein "Verhältnis" zur Mitwelt, zur gegenständlichen Welt liegt also der entscheidende Punkt der Unordnung. Hierin hat sich der Mensch in einen Widerspruch mit sich selbst verfangen. Der Mensch hat also nicht sein vorgefundenes Wesen und Sosein zu verwirklichen, sondern "sich selbst" - und dabei mit seinem faktischen Sosein zu brechen. Er muß seine eigene Genese korrigieren. (Und schon dieser Grundgedanke ist wie das Fundament der Gegenwart!) Er hat sich also seiner momentanen Verfaßtheit "kritisch" zu stellen, die Welt in ja und nein zu scheiden, er muß das Gegebene dazu prinzipiell einmal ablehnen.* (siehe: Die heutige Pädagogik der Befindlichkeit. Wo schon das Kind selbst unterscheiden soll, was ihm "gut" tut oder nicht. Dahinter steht eine klare - marxistisch-spätromantische - Anthropologie des 19. Jhds.)

Denn in dieser Selbstentfremdung steht dem Menschen der andere gleichfalls als Fremder gegenüber. Im anderen steht ja dem Menschen er selbst gegenüber (denn man erkennt ja das andere nur auf eine Weise, die einem selbst gemäß ist, in der Art, wie man selbst gewissermaßen ist). Im aus dieser Entfremdung entspringenden Individualismus verkennt sich damit der Mensch als Gattungswesen, als Kollektivwesen, und damit den anderen. Aber letzteres ist sein "eigentliches" Wesen. Bzw. erfährt er als Anleitung, was sein eigentliches Wesen IST, aus der Wissenschaft (die in den Augen von Marx bzw. der damaligen Zeit den Menschen evolutionistisch und mechanistisch als "zufälliges Tier" zu erklären begann; was ihn gleichermaßen höchst "modern" macht.) Die Welt aber, die ihn umgreift, ist per se Gefängnis, von dem es sich zu befreien gilt.

Solange der Mensch seiner "Naturwüchsigkeit" (in der sich individuelle Interessen von den "Artinteressen" abspalten) folgt, schafft er sich aber selbst die Entfremdung von sich selbst. Nur wenn er sich die Welt ganz als "seine" unterworfen hat, sie ihn ganz wiederspiegelt, ist sie auch er selbst, und findet er sich in ihr, ist sein eigentlicher Heilszustand wiederhergestellt. Um zu scheiden, muß er sich also "verinnerlichen", die Welt abstoßen.

Die historisch gewachsene, faktische Gesellschaftsordnung ist nämlich für Marx eine Zwangsordnung der Unfreiheit. (Auch das - wie modern! Die Rebellionen der Gegenwart tragen vor allem ein Merkmal: das Abwerfen ALLER Verbindlichkeit ... vor kurzem las der Verfasser dieser Zeilen einen Artikel über einen "Sonnen-Ernährer", der davon berichtete, wie "frei" er nun sei, sogar die Zwänge der Essensrhythmen hätten sich aufgelöst.) Der Mensch befindet sich pausenlos in einem Krieg mit sich selbst - und der faktischen, historisch entstandenen Gesellschaft, von der er sich zu befreien hat.**

So wird deutlich, in welchem Ausmaß auch der Marxismus im Bett des sich herausbildenden gesellschaftlichen Selbstbefindens der Menschen fließt, wo im 19. Jhd. so definitiv alles auseinanderfiel, dieses Haltlossein (mangels Einbindung in ein Gesellschaftsganzes) nunmehr sich aufgreift und sehr praktisch zu bewältigen sucht.




*Der Marxismus ist also echte "Lehre", Wegweisung, Verhaltensanweisung.

**Gleichzeitig wird das Verhalten des anderen deshalb so relevant, weil er es ist, der mich in seinem Fehlverhalten mir selbst vorenthält - es braucht also den Kollektivzwang. Und wieder, auch das: eine Grundbefindlichkeit der Gegenwart (die v. a. in der Familie zur wahren Blüte als Sprenghebel kommt), wo jeder die Schuld an der Selbstverfehlung am anderen sucht. Mit ihrer besonders pikanten Nahtstelle: der Ehe. Die längst "vermieden" wird, weil man der Geschlechterergänzung gleichfalls nicht mehr traut, weil Gelingen nur noch materiale Dimension hat. Wer die Medienlandschaft der Gegenwart studiert wird rasch entdecken, daß wir uns pausenlos und immer intensiver mit "Schuldfaktoren" befassen - wo diese oder jene Schuld an der Selbstverfehlung oft schon ganzer gesellschaftlicher Gruppierungen tragen. Selbst die "Mißbrauchsdebatten" tragen diesen Zug.




***

Donnerstag, 8. August 2013

Zeitalter des Marxismus

Die Selbstentfremdung des Menschen und das sie zu heilen suchende Unternehmen der Wiederaneignung der Welt - das ist der Grundgedanke von Karl Marx, mit dem er heute noch immer weiter siegreich vordringt, schreibt Jakob Hommes in "Der technische Eros". Ja, diese hegelianisch-marxistische Vorstellung kann heute mit Fug und Recht als die geistige Grundlage der Gegenwart gesehen werden, die auch vor der Theologie und Philosophie nicht Halt gemacht hat.

Wenn die Welt der in der Dialektik zu sich kommende Ort des absoluten Geistes ist, der im Menschen jeweils nur als Aspekt (der Weltvernunft) zu sich kommt, so ist der Ort der Geschichte auch der, in der sich der Mensch selbst findet. Und in diesem Selbstfinden - im Vollzug an der Welt, in der Arbeit - wird er selbst mehr und mehr absoluter Geist = Gott, als die Summe aller Menschen gewissermaßen: Kollektivismus, aufgehen in dem "einen Menschen", den alle Menschen zusammen darstellen, und damit: Gott. 

Diese Strömung des 19. Jhds., entstiegen aus einer Selbstbefindlichkeit des Menschen, ist im 20. Jhd. zur vollen Blüte gelangt, als sich der Mensch einer Welt gegenübersah, in der er sich (nach dem endgültigen Zerbrechen der alten gesellschaftlichen Gefügtheiten) nicht mehr heimisch fühlte. Und sie bestimmt unsere heutige Welt in einem Ausmaß, das einem selten wirklich bewußt wird. Geistige Haltungen, die an sich nicht neu sind, die sich über Jahrhunderte aufgebaut haben, und sich bis hinein in die Gnostik und die Esoterik, aber auch die Politik und die Theologie (s. u. a. Teilhardismus, "Neue Theologie") entfaltet haben. So, wie sich die Dinge derzeit darstellen, inmitten all der Katastrophenszenarios, die wir aufbauen, stehen wir sogar vor einem regelrechten weiteren Durchbruch dieser Anschauungen. Die angebliche Beendigung des Kommunismus war nur ein Scheingefecht mit einem Scheinsieg. Die wirkliche geistige Grundlage ist längst allgemein, und hat sich nicht an West- und Ost-Schemata gehalten.

Marxens Überlegungen, wie das Menschenwesen aus seiner Selbstentzweiung herausgeführt werden und zur Wiederversöhnung mit sich selbst kommen könne, nähren sich aus einem uralten mystischen, ja ersatzreligiösen Traum der Menschheit. In der Feststellung, daß der Mensch in der gewöhnlichen Form seines Daseins sich selbst entfremdet sei, äußert sich offenbasr eine leidenschaftliche Auflehnung des Menschengegen die Gegebenheiten des Daseins. Diese will er überspringen, denn sie erscheinen ihm als ein lähmender Bann, mit dem sich die gegenständliche Welt auf sein Inneres legt - ein Bann, den er zu brechen sich aufmacht, um in den reinen, ungetrübten Besitz seiner selbst zurückzukehren.

Zweifellos geht dem Menschen an dieser Stelle die Ahnung von einem dunklen Geheimnis seines Daseins auf, die für das natürliche Denken nicht erklärbare Zwiespältigkeit und Widersprüchlichkeit seines eigenen Strebens und Wollens. Aber es ist nicht nur das Gefühl für die eigene Brüchigkeit, das bei der dialektischen "Selbstermannung" im Menschen wirksam ist. 

Aus jener Feststellung des Menschen, in der gewöhnlichen Form seiner auf die gegenständliche Welt gerichteten Beziehung sei er sich selbst entfremdet, und aus der daraus gezogenen Folgerung, er müsse sich in das Eigentliche der gegenständlichen Welt wie in eine Stätte der Zuflucht zurückschwingen, spricht offenbar doch auch der titanische und vermessene Sinn, unbedingt nur sich selbst gehören und auf sich selbst stehen zu wollen. (Hommes)

Denn in der dialektischen Methode will der Mensch in der Welt sich selbst wiederfinden. Er macht die Mitte seines Daseins zur Mitte der Welt. Welt und Mensch wird eins. Geht der Mensch in sich, geht er in das Innere der Welt. Der Andere wird nur noch zum "anderen seiner selbst".

Darin steckt natürlich ein gehöriger Funke Wahrheit, der allerdings nicht neu ist. Aber er wird und wurde überzogen, die Selbsteinheitlichkeit des Menschen weil zu wenig klar in seinen Grenzen gesehen übersteigert, und das führt zu einer ebenso verführerischen wie aber auch zerstörerischen Fehltheorie und Fehlpraxis des Daseins. Wir werden die genauen Zusammenhänge an dieser Stelle gewiß noch weiter ausgeführt bekommen.

Bei Marx wird nämlich der Mensch erst durch die Arbeit (an der Natur) überhaupt  Mensch, und in dieser Bearbeitung der Natur wird die Natur selbst zum Teil des Menschen. Aber er verkennt, daß im Arbeits- und Selbstwirklichungsprozeß Natur und Mensch je ihr eigenes Wesen behalten (weil zuvor haben). Produkte sind für Marx lediglich die von der Geschichte erzeugte Natur. Die Welt ist damit nur noch Produktion und Handel. Die Natur ist nicht mehr mehr als der stoffliche Grund der Menschwerdung einer industriellen Welt. Menschliche Kultur ist damit die aus Produktion und Handel zu sich selbst aufstehende Natur, im Menschen. Die Kultur gründet damit nicht in der Natur, sondern in sich selbst. Naturwissenschaft wird zur bloßen Beherrschung und Aneignung dieser Materialqualität der Natur, und damit steht auch der Mensch unter ihr, weil die Wissenschaft seine Arbeit leitet. Das Vorgefundene, Begegnende der Natur, ja alles Seiende schlechthin wird damit in seinem Eigensein negiert, es ist nur, was der Mensch daraus macht. (Und auch darin steckt ja eine gehörige Portion Wahrheit, die bei Marx aber zum Monismus wird.)




***

Montag, 3. Juni 2013

Selbstverspeisung

Es ist kaum zu fassen, aber wahr: In der Verhandlung anläßlich der Strafanklage gegen jene Banken, die den Libor - den Zinssatz, zu dem sich Banken untereinander Geld leihen - brachte der Verteidiger der Banken folgendes Argument vor:

Wenn Regierungen dadurch Geld verloren haben, so ist es nur ihrer eigenen Unfähigkeit zuzuschreiben. Denn niemand ist dumm genug zu glauben, daß es wirklich freie, nicht manipulierte Marktmechanismen gebe, sodaß jemand mit Kompetenz nicht davon ausgeht, daß diese Zinssätze eine wirkliche Aussage über die Lage der Banken treffen.*

Der Artikel im Rolling Stone ist lesenswert. Denn er zeigt, daß dies keinesfalls ein Einzelfall böser Banker ist, sondern daß so gut wie alle Preise, die sich heute bilden, in diesem Sinn manipuliert sind. Ein dreifach Hoch also allen Verschwörungstheorien!

Nur: ist es nicht  naiv, anderes anzunehmen? Und zwar nicht, weil alle pöhse und gierig sind. Sondern weil die extreme Informationsvernetzung, deren Entwicklung progressiv vorangeschritten ist, zu einem nicht mehr differenzierbaren Gemengelage von Vortäuschung und realem Marktpreis geführt haben. Die letzteren zu einem Hefeteig aufgeblasen haben.**

Als letzte Phase des Kapitalismus, darin muß man Marx zustimmen, der es in Ansehung der fundamentalen Schwäche des Menschen prognostiziert hat. Weil er richtig vorhersah, daß die Steigerung der Bedeutung des Kapitals über den gestiegenen Wert der Zukunft für die Bewertung der Kapitalkraft der Gegenwart eine ganz neue Dynamik in Gang setzt: Wo auch sogenannte freie Preisbildung aussagelos weil ausgehebelt wird. Damit aber frißt sich der Kapitalismus vom eigenen Schwanz her auf, denn er ist (mechanistisch betrachtet) nur noch mit diktatorischen und internationalisierten Mitteln überlebensfähig. Weil aber nur Arbeit Wert schafft, sammelt eine organisierte Arbeiterschaft jene Macht, die durch sehr reale Gewalt alles letztlich in die Hand bekommt. So ist der Kapitalismus für Marx die Endstufe vor der mit historischer Notwendigkeit folgenden Diktatur des Proletariats. Wäre (!) die Welt wirklich ein materialistischer Apparat, wäre das Wesen der Welt wirklich so, wie Marx es sah, als bloße Apparatur der Interessen, hätte er Recht. Daß er es in gewisser Hinsicht sogar tatsächlich bekommt, liegt aber nicht am Wesen der Welt, sondern an der richtigen Nase, die Marx für die Schwächen des Menschen und den Zustand der Kultur hatte.

Das Funktionieren der Marktmechanismen ist aber nie die Frage gewesen. Sie wurde erst problematisch (und zur Staatsangelegenheit), als nicht mehr akzeptiert wurde, daß Krisen unausweichliche Selbstkorrekturen der Freiheit sind, die nicht einfach "zu eliminieren" sind. Und hier spielt die Politik die maßgebliche Rolle, die sich über direkte Eingriffe (Sozialsysteme, stehende Heere, Eingriffe durch staatliche Infrastrukturprojekte wie Eisenbahnen, Autobahnen, etc. etc.) an Geldbedarf band. Weniger Geld (durch Krisen) bedeutete schließlich "keine" Politikmöglichkeit. Bis die Politik der Gegenwart vor der Aporie steht, einerseits einen funktionierenden Mechanismus lebensnotwendig zu brauchen und deshalb direkt erhalten zu müssen, anderseits aber damit die "Geldproduktion", die nur einer freien Wirtschaft auf dem Fuß folgt, denn nur dort gibt es überhaupt Wertbezüge, zu erwürgen.

Und genau damit hat sich die Politik - freiwillig! - von reinen Geldflußüberlegungen her erpreßbar gemacht. Die Krise seit 2008 wurde damit zu einer Geldflußkrise gemacht (sie war es aber nicht, nicht nur zumindest), und alle politischen Maßnahmen seither sind Geldflußmaßnahmen. Während "neue Inhalte" - man denke nur an die "Energiewende" - zu regelrecht aberwitzigen In-sich-Spielen wurden, sogar mit dem Charakter bloßer Ablenkungsmaneuver.

Die Frage ist aber die nach dem Wesen des Menschen selbst. Freiheit quasi auszusetzen, um Glück zu erreichen, ist eine Aporie. Solange diese Welt besteht, wird sie auch Irrtümer und Fehlhandlungen enthalten. Weil es eben nicht darum geht, Glück zu  maximieren, sondern der Sinn des Lebens ganz woanders liegt - eben: in der Freiheit des ethischen Verhaltens, das erst ist "Glück" weil Geglücktheit (oder halt: Versagen, das der Mensch aber immer noch mehr will, so seltsam das aussehen mag, als Verlust der Freiheit durch "garantiertes Gelingen"; in Freiheit zu versagen, zu scheitern, ist aber tatsächlich immer noch Geglücktheit!) überhaupt erst möglich. Kein Volk der Welt, kein Mensch will Zwangs-Beglückung, als Vollzug eines idealisierten Maßstabs des Lebens.

So mangelhaft also die Marktwirtschaft funktioniert - es gibt keine Alternative. Außer der einzigen, aber die würde wahrlich einen Systemwechsel benötigen: Indem die Politik in den Staaten aufhört, Druck zu erzeugen, aufhört Politikfelder zu bearbeiten, die ihr nicht zustehen. Und beginnt, die Freiheit der Menschen wieder als jeden Staat grundlegend zu achten. Freiheit aber heißt eben auch die Möglichkeit zum Bösen. Der Ausweg aus diesem Tollhaus, zu dem unsere Welt geworden ist, liegt nicht darin, die Verrücktheiten beseitigen zu wollen, um alles beim alten lassen zu können, sondern darin, die wirklichen Maßstäbe des Lebens und Handelns wieder zu entdecken. Deshalb ist eine desillusionierte Sicht wie die obige tatsächlich eine Chance, vielleicht die letzte, die das Abendland hat. Aber was die Menschen (und vor allem die Eliten) aus rekonstruierbaren Wirkmechanismen heraus heute in erschreckendem Ausmaß verloren haben, ist die Fähigkeit, Grundstrukturen der Wirklichkeit - die nur aus persönlichen Reifungsprozessen zu gewinnen sind - zu erfassen, und damit in Teillogiken (wie Geldsystemen etc.) zu erkennen. Das macht sie zu Getriebenen eben dieser verselbständigten Teilmechanismen.

Das ist die eigentliche Entwurzelung, das ist die wirkliche Selbstentfremdung, von der Marx (auch) spricht. Aber was Marx nicht sah, und worin er deshalb prinzipiell falsch lag, ist darin zu finden, daß auch die faktische Selbstentfremdung durch das Auseinanderreißen von Produktionsmittel (Kapital) und Arbeit den Menschen selbst nicht sinnlos macht. Das hat sich auch damals gezeigt, wo Marx feststellen mußte, daß gerade die "zu Befreienden", die Arbeiter, die Proletarier, die am wenigsten revolutionären Kräfte waren. Ja im Gegenteil: er stellte fest, daß deren Religiosität anwuchs. Sie erfuhren ihr Leben auch in der Not nicht zwangsläufig (wie Marx es gemeint hatte) sinnlos. Weshalb er sich ja umso vehementer gegen die Religion ("Opium") wandte. Elend entstand nur dort, wo die zentrale Frage des Lebens (und da muß man es noch gar nicht von der Religion her denken, wenn sie auch nicht anders zu lösen ist, keine Idee kann Religion ersetzen) - die nach dem Sinn - nicht beantwortbar war.

Die Stärke der abendländischen Kultur lag nicht und niemals darin, Krisen zu vermeiden oder direkt zu bekämpfen. Sie lag auch nicht in ihrer technischen Überlegenheit, das sollte man historisch deutlich wieder sehen. Ihre Stärke lag in der Revolution des Verhältnisses den Folgen der bösen Tat gegenüber. Ihre Stärke lag ganz real (!) im Kreuz, wo der Schmerz, das Übel plötzlich den Sinn des Lebens zur Kraft führte. Damit erst ging es plötzlich immer um Geglücktheit, ja damit wurde sogar der Schmerz zum Sieg. Damit ging es nicht um Quantitäten von Gütern. Wobei das Interessante ist, daß Güter wiederum in Zusammenhang mit der Vitalkraft der Menschen stehen, auch Schwierigkeiten zu trotzen, weil es um etwas anderes geht. Das Mittelalter, eine kulturelle Hochblüte, gerade im Volk, in einem letzten Aufbäumen (nicht zuletzt in der Gegenreformation, wo sie kluge Missionierung war) im Barock wiedererwacht, zeigt es deutlich.

Das Kreuz abschaffen, eliminieren zu wollen - das war der Anfang vom Ende. Erst von der Bereitschaft zum Kreuz aus ist die Öffnung zur Wirklichkeit hin, und damit die Freiheit, unbegrenzt möglich.




*Eine logische Konsequenz der Politik der EU war deshalb der Versuch, eine eigene Bewertungsagentur zu schaffen. Aber mit derselben Zwangsläufigkeit ist das gescheitert, wie sich nun herausstellt: Niemals würde ein Markt ein durch die Politik steuerbares Preisbildungsinstrument anerkennen. Wozu also eine europäische, politisch initiierte Ratingagentur gut sein sollte, außer als Zwangsinstrument, dessen "Glaubwürdigkeit" (als Relevanz) verordnet ist, weiß niemand.

**Mit einem kleinen Seitenblick wird sofort klar, daß diese Mechanismen bereits unser gesamtes Leben durchwirkt haben. An einem kleinen Beispiel ist das rasch illustriert: Im Spam-Ordner des Verfassers dieser Zeilen finden sich mit unbeugsamer Regelmäßigkeit nicht nur Bewertungen, Rankings, in denen Dinge wie "VIP-Ranking" oder "Webseitenrankings" ausgewiesen sind, sondern im selben Atemzug bieten diese "Bewerter" (Bewertung=Preis, bei Webseiten sogar oft in Geld ausgewiesen) Mechanismen an, wie diese Rankings ... zu verbessern seien. Nicht anders funktionieren "Like-"Buttons und "Friends" auf Facebook, oder Bewertungssysteme wie jene auf Amazon. Die Indikatoren unseres ganzen Lebens sind bereits rundum manipuliert, und niemand weiß mehr, was wirklich wirklich ist. Dadurch werden Aussagen von Wunschvorstellungen nicht mehr unterscheidbar. 

Da braucht es keine Verschwörungstheorien als Auslagerung dieses in jedem vorhandenen Selbstwissens um den Betrug, der uns umgibt. Der ein ganz markantes Merkmal hat: Er ist ... rational rechtfertigbar! Ein Ausstieg aus diesem System des Hereinholens möglicher oder angestrebter Zukunft in die Gegenwart ist - ohne reale Konsequenzen - gar nicht mehr möglich, etwa indem man "nicht mitspielt". Die Rückwirkungen sind fatal, weil sie zwingen wollen das einzige zu zerreißen, das dem Menschen Halt gibt: das Netz der wirklichen Wirklichkeit. Das erst einem sagt, nämlich: zuweist, wer man ist, und an welchem Platz man steht.





***

Mittwoch, 19. Dezember 2012

Herausfordern - nicht fördern

aus 2008) Eine der Fehlentwicklungen und Pervertierungen der an sich richtigen Sichtweise der Pädagogik - der Erziehung an der Formung zum Sein, im Positiven also, nicht im Antinomischen, Korrigierenden - ist, einen Menschen im Zuspruch völlig auf sich und jene Kräfte zurückzuwerfen, die aus ihm selbst kommen sollen. Denn diese Kräfte werden nur wirklich und sichtbar, indem sie sich mit dem Herangetragenen vermählen.

Die entelechialen Kräfte des Menschen sind maßgeblich und gestalterisch antwortende Kräfte, sind dem Willen (und damit dem Herzen) entstammende Reaktion auf den Eros des Begegnenden, das nach Ergänzung ruft. Das, was man "Selbstbewußtsein" nennt, ist eine Folge immanenter Vollzüge ist, die sich im laufenden Erfüllen von (auch kleinsten) Aufträgen vollziehen, also einer Haltung des Gehorsams (die eine Haltung des Sterbens, des Kreuzes ist) FOLGEN. Wirkliches Selbstbewußtsein entsteht immer nur durch die konkrete hingebunsvolle Erfahrung, es ist nicht vorweg ansammelbar, um dann wie von Vorrat davon zu zehren, und es ist auch nicht im Vorhinein als Gestalt selbst gegeben, die sich von selbst erfüllt. Es ist so das Derivat der Jahre des Handelns, ausgeschmolzen und geläutert.

Unter dem Titel "Förderung" aber hat sich eine Haltung festgesetzt, die nicht die organische Entfaltung einer Begabung im Gesamtbild einer historischen Persönlichkeit sucht, sondern eine dem Krebsgeschehen ähnliche Züchtung von partieller Grenzenlosigkeit und damit Neurotik (das Ziel des Handelns ist nicht der immanente Ursprung). Deshalb auch die sehr humoristische Art, wie mittlerweile mit dem Phänomen "Hochbegabung" umgegangen wird.

Vielmehr geht es darum, im Menschen jenen Willen, jene Kraft zu wecken, die ihn dazu treibt, sich gebraucht wissend, in die begegnende Welt hinein zu entfalten, ja sich auch gegen Widerstände hin zur historischen Gestalt zu entfalten. Und es geht darum, und zu allererst darum, ihn seinen Platz in der Welt finden zu lassen: was zwangsläufig seine Relativierung mit sich bringt (nicht die Verabsolutierung, die heute geschieht): im Antworten auf konkrete Herausforderung. Nicht im Sammeln von Kraft auf ein abstraktes Ziel hin.  Gebrauchtheit gibt es nicht ohne individuelle Antwort auf Bedarf, auf etwas Fehlendes, auf Leid und Schmerz. Deshalb heißt die Entwicklung einer Begabung immer auch Überwindung von Schmerz, ja sie IST die Überwindung: ihr Material ist aus dem real Begegnenden genommen, das erst macht sie wirklich. Und sie braucht die Einbettung in das Insgesamt einer Person, die auf die Zeit als Ganzes bezogen ist.

Entwicklung ist immer ganzheitliche Antwort auf einen subjektiv erlebten Widerstand, der sich aus der jeweiligen konkreten Situation ergibt, in allen subjektiven Gesichtern und ambivalenten Vermischungen. So erst bleibt sie eingebunden in den immer immanenten Sinn eines Ganzen, der besteht, solange man nicht danach fragen muß. Nur so bleibt sie im gebrauchten und damit gerechten Maß. Wer Förderung als Beseitigung von Hindernissen versteht, wirft den Menschen auf sich zurück, nimmt ihm den eigentlichen Antrieb, die zentrale Kraft der Selbstverwirklichung des Lebens, die zu leeren "Einzelbegabungen" fragmentiert wird. 

Deren "Erfordernis" von einer Generation erhoben wird, die nur aus den Ergebnissen ihres eigenen Lebens zu lesen sind, als Bilder des eigenen Leids, als Folge eigener Fehler. In den Förderungen verbirgt sich also ein brutaler Egoismus, der die kommenden Generationen nach dem eigenen Bild formen will. Und wo er das verweigert, vorgeblich aus "Großmut", zieht er sich einfach aus der Verantwortung zurück, ins Irrationale, fördert "alles", ohne zu wissen, was. Weil wir ja so "offen sind". Begabungsförderung in der heutigen Form ist aus ihrem Wesen heraus also entweder konservativ und starr, oder verantwortungslos. Wo man den Nachkommenden die Last umhängt, die eigenen Probleme zu lösen. Und damit erst recht der Zukunft den Weg verbaut. Die geradezu hysterische Suche nach "neuen Ideen", die man der Jugend herauspressen will, übersieht zudem den entscheidenden Moment, daß diese Ideen erst im Konflikt mit der Gegenwart ihre adäquate Formung finden können. Weshalb wirklich "neue Ideen" so gut wie immer erst abgelehnt werden "müssen". Wer wollte sie beurteilen? Was wäre dann noch an ihnen "neu", wenn man sie gleich erkennte? Es gibt sie nicht, "DIE Ideen". 

Alle großen Ideen der Menschheitsgeschichte, alle Revolutionen sind eingebettet in einen geheimnisvolle verwobenen historischen Strom, der nach meist langer Entwicklung schließlich an einem Punkt, in einem Menschen, zu seiner Frucht kristallisiert. Oft genug hatte dieser Mensch diese "neue Idee" gar nicht zum ersten mal, oft genug hatten andere sie weit besser, weit früher ausgearbeitet. Gute Ideen lagen so gut wie immer "in der Luft", betrachtet man sie nachträglich. Und gar nicht selten war sie den Personen, die sie gefunden hatten, so natürlich vorgekommen, weil von so wenig persönlichem Leid getragen, daß sie jeden Willen missen ließen, sie auch vorzutragen, durchzukämpfen. Sie mußte sich eben immer erst zum persönlichen Schicksal verweben, und nahm deshalb oft ein sogar unreineres Bild an, als sie eigentlich hat*.

Der Förderungswahn der Gegenwart, wie Doderer es einmal nennt, läßt lediglich annehmen, daß man das wahre Bild der Zeit (und damit eines selbst) verbergen, gar nicht sehen will. Die ihre Antwort immer im Stillen gibt. Um Zukunft zu formen. Bildlos. Wirklich. Gebraucht. Denn jedes Leben ist ein Geheimnis der Antwort. Seine Gestalt ist die subjektive Art der Reaktion auf die begegnende Welt.




*Ein gutes Beispiel ist die Marx'sche Philosophie in ihren Anfängen. Marx hat das Element der Entfremdung des Lebens von sich selbst, in seiner Natur als Selbstwerdung in der Arbeit, in der Antwort auf einen Bedarf, ja selbst als Bedürfen, nicht "erfunden". Er griff auf viele Gedankenströmungen zurück. Diese Gedanken sind im Grunde nämlich sehr alt, finden sich im Mittelalter gar als Kern einer Philosophie, die in der Renaissance fatale Schlagseite bekam. Er hat sie wieder aufgegriffen, er hat sie neu zusammengeführt, schließlich aber selbst zur Ideologie deformiert. Und DAMIT, in ihrem Mißverständnis, fügte er sie zur dialektischen Wirkmächtigkeit in der historischen Entwicklung.



***


Nachtrag: Der Vortrag (18 min) des Verfassers einiger populärwissenschaftlicher Bücher Steven Johnson auf "Ted" aus 2010 spricht (vermeintlich) Ähnliches an. Bei allen Vorbehalten - auch hier findet sich Geist zur Technik der Ratio umgebildet, Johnson baut auf einer Fülle von philosophisch-anthropologischen Postulaten auf, die "Ted" an sich bereits zum Irrtum machen, der im fluchhaften Ideenkomplex des "connected mind" (Internet) gründet - beschreibt er in seiner einer abbildhaften, zur Technik umgebrochenen Sichtweise das abstrahierte Gesicht von "Ideen": auf welcher Ebene sie als komplexe Verwobenheit in Vollzüge sichtbar werden. Sie sind keine "Blitze", die plötzlich einschlagen. Vielmehr sind sie konkrete Lösungen für spezifische, reale Probleme, ursprünglich oft ganz anderer Art, als sie sich später dann anwendbar zeigen. Aber hinter dem Gedanken, daß "Ideen" immer in ein network eingebunden entstehen, zeigt sich immerhin diese Verwobenheit mit Geschichte und persönlichem Schicksal. Johnson interpretiert diese richtige Erscheinung also nur falsch: eben technizistisch. Und DAS liegt ein seiner Persönlichkeitsstruktur begründet. Ideen sind eben Ausfluß der Persönlichkeit. Sie erzählen nicht einfach Sachstrukturen, sie erzählen immer vom persönlichen Umgang mit einem erlebten Problem. Die Intention, die Wirkweise einer Idee liegt oft also auf einer ganz, wirklich ganz anderen Ebene, als sie inhaltlich vorgeben möchte. Materiale Inhalte dienen ihr vielmehr.







***

Montag, 17. Dezember 2012

Fatale Logikkreise

Still und leise hat sich eine nächste Krisenbranche zu Wort gemeldet - die Stahlindustrie. Der Generaldirektor der Linzer voestalpine-Stahlwerke (früher: VÖESt, noch früher: Hermann Göring-Werke) hat zu Bedenken gegeben, daß der Branche in ganz Europa starke Einschnitte bevorstehen. Grund? Überkapazitäten von bis zu 25 %. Knapp 210 Mio Tonnen können und müßten produziert, nur 145 Mio Tonnen aber verbraucht bzw. abgesetzt werden.

Warum diese Meldung hier? Weil sich an ihr ein Regelkreis aufweisen läßt, als einer der Mosaiksteine eines aufgrund der Kapitallastigkeit völlig aus den Fugen geratenen Wirtschaftslebens.

Eine Wirtschaft, die nur noch über das nominelle BIP* - für den Staat, und über ihn auf die von ihm abhängigen Bereiche - interessant ist, steht im Druck der Effizienzsteigerung. Und das bedeutet gerade bei Massenprodukten: höhere Investitionen (durch billige Kredite), effizientere, neuere Maschinen, und das heißt wiederum fast ausnahmslos: höhere Mengen. Schon Marx hat gezeigt, daß sich auf diese Weise Investitionen in Maschinen selbst aushebeln. Indem sie die Gewinnmargen pro Stück drücken. Stückkosten ist ja ohnehin ein volkswirtschaftliches Zauberwort im Vergleich der Qualität von Volkswirtschaften. Dazu kommt der Weltmarkt, in seiner Konkurrenz mit Ländern mit deutlich niedrigeren Lohnkosten - der nächste Faktor, der die Effizienz preßt und quetscht: Schneller, billiger, vor allem aber: mehr. 

Und die Verlagerung von Produktion in Maschinenvorgänge, in Kapitalvorgänge, bewirkt den Verlust von Flexibilität, Wirtschaften wird zum starren Zahlenkorsett, dessen einzige flexible Teile ... die Menschen sind. Die müssen das ausgleichen.  Menschen werden zu Gummi-Ausgleichsdichtungen, eingeklemmt zwischen starren Maschinenblöcken.

Investiertes Kapital, das nur einer abstrakten Zahlenlogik folgt, MUSZ sich verzinsen, muß Erträge erwirtschaften, denn Kredite müssen getilgt, Zinsen müssen bedient werden. Sonst erhöht sich der Druck progressiv, über Zinseszinsen, über zusätzliche Liquiditätskapitalien. Kapazitäten können heute kaum mehr elastisch verändert werden, die Kalkulation geht zwangsläufig von Maximal- bzw. Minimalkapazität aus.

Gleichzeitig beginnt eine weitere fatale Logik zu greifen: der Verlust der Flexibilität, die Verringerung der Stückgewinne (weil mehr vom Geringeren das große Ganze wieder auffüllen soll), macht die Unternehmen noch sensibler für Marktschwankungen. Kleine Krisen werden sehr rasch zu Liquiditätskrisen. Und diese wirken sich am schnellsten und unmittelbarsten auf Produkt- und Kreditpolitik aus. Neue Kalkulationstechniken beginnen zu greifen (die nach Grenzkosten orientiert sind - wie: Surrogatprodukte), die fast ausschließlich davon ausgehen, die (eigene) Produktmenge am Markt noch weiter zu erhöhen.

Es wird in kapitalgetriebenem Wirtschaften nämlich NICHT mehr nach Bedarf produziert, die eigentliche Marktlogik ist längst ausgehebelt. Sondern Taktgeber ist die eigene Produktionskapazität, die eigene Kostenstruktur, die eigene Wirtschaftlichkeitsnotwendigkeit, die die Menge der produzierten Güter vorgibt.* Und es bleibt tatsächlich ausweglos, man MUSZ unter dem Druck der monetären Wirtschaftlichkeitsnotwendigkeit von sich selbst ausgehen, in der Hoffnung, im absehbaren mörderischen Verdrängungswettbewerb der Produzenten - den sogenannten Marktbereinigungsvorgängen - überstehen zu können.

Bis, ja bis zu einem Punkt, an den weltweit eine Branche nach der anderen - man wüßte gar nicht, wo anfangen, wo aufhören, diese Gesetze haben sich überall durchgesetzt - gelangt: Wo Märkte einfach nicht mehr aufnehmen können, die Stückkosten zwar niedrig sind, die rechnerische Rentabilität gewahrt, aber die Lager voller und voller werden, weil die Produkte nicht mehr "am Markt unterzubringen" sind. Die Folgen sind Arbeitslosigkeit, Betriebsstillegungen, Kapitalvernichtung. Eder spricht von Werksstillegungen mit 100.000 Entlassungen, die Europa bevorstünden, derzeit seien nur Werksauslastungen von 75 % gegeben. Die Balance zwischen Angebot und Nachfrage aber müsse wiederhergestellt werden.

Und mit einem mal befinden wir uns mitten im größten Schreckgespenst der Volkswirtschaftslehre, wie es seit den 1920er Jahren bekannt ist - der Stagflation, wo jedes politische Steuerungsmittel versagt. Wo die Wirtschaftsleistung sinkt, Arbeitslosigkeit entsteht, Unternehmer keine Gewinne mehr machen und schließen, und dennoch Inflation auftritt. (Die man derzeit ja mit allen Mitteln niedrig zu halten versucht. Die Rezession selbst haben wir bereits, auch wenn sie die Politik "Minuswachstum" nennt.) Weil einerseits viel Geld am Markt ist, aber anderseits die Produktion sinkt. Ob die Produktion sinkt, weil zuvor Überkapazität herrschte - wie in den 1920ern, übrigens - ist da irrelevant. Wie bei so vielen gesellschaftlichen Erscheinungen, kommt es auch in Volkswirtschaften maßgeblich auf das historisch-faktische Zueinander an.




*Es wäre interessant, aus den schrumpfenden BIPs der Länder herauszurechnen, wieviel davon rein auf aus dem rückläufigen Kapitalverkehr entstandenen Zins- und Ertragsrückgängen zurückzuführen ist, wie hoch der Anteil der sekundären und tärtiären Geldproduktion - die über Gewinne ja nominelle Einkommen generiert haben - am BIP generell war. Auch dies ist nämlich ein fataler Regelkreis: Um die Inflation bei hohen Geldmengenausweitungen in Volkswirtschaften (wie es passiert ist, um die Staaten und Volkswirtschaften liquid zu halten) wurden die Zinsen bis zur Marginalie gesenkt. Das wirkt sich aber auch auf die BIPs und die Nachfrage senkend aus. Während die zusätzlichen Geldmengen nicht nachfragesteigernd, sondern höchstens nachfragestabilisierend weil auf das alte Niveau bezogen wirkten, in hohem Maß nur entstandene Verluste ausgleichen oder (wie am Beispiel Griechenland deutlich) verhindern sollten. Solange wir also nicht bereit sind, reale Senkungen des nominellen Wohlstands hinzunehmen, wirklich zurückzusteigen, das dünne Eis zu verlassen, das wir schon lange betreten haben, gibt es da keinen Ausweg, riskieren wir etwas, bei dem wir gar nicht mehr wissen können, was wir alles riskieren. Die Politik befindet sich dabei längst auf irrationalem Gebiet. Die Zeit des diktierten Mythos ist angebrochen.

**Auch hier: siehe Marx, der diese Regelautomatismen als wesentliche Faktoren der Entfremdung des Menschen von seiner Arbeit als Lebensvollzug weil maßgeblicher Weg der Selbsterkenntnis sieht.




***

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Staatsentschuldung

Wie eine Staatsentschuldung im Prinzip funktioniert, und wer sie bezahlt, zeigt sich in Griechenland. Dort hat man Anfang Dezember den Besitzern von Staatsanleihen - viele Jahre galten Staatsanleihen für die sicherste Anlageform - das Angebot gemacht, Staatsanleihen, die man ohnehin kaum bedienen kann, zurückzukaufen. Und zwar zum Preis von 32 Cent pro Euro Nominalwert, bezogen auf insgesamt 30 Mrd. Anleihensumme. Damit erhofft sich Griechenland die schlagartige Senkung seiner Staatschulden von 300 Mrd. um 20 Mrd.

Selbstverständlich ist das ein Zahlungsausfall, und wird von den Ratingagenturen auch so bewertet. In Wahrheit ist es sogar eine Enteignung, weil man mit Enteignung droht - dem Totalausfall der Papiere in naher Zukunft. Also kann man davon ausgehen, daß viele Anleger auf das Angebot eingehen, um einen Totalverlust zu vermeiden.

Nun sind Staatsanleihen keine Spekulationspapiere, sondern gleichen durch Sicherheit aus, was an niedrigerer Verzinsung geboten wird. Also haben sie eine wichtige instituionelle Funktion - entscheidend wichtig für Renten- und Versicherungsfonds, aber auch Kleinanlegerformen, und vor allem Banken - weil ihr Nominalwert normalerweise auch als "Kapital" zu Buche steht, also hohen Besicherungswert hat. 

Aber alle bauen eben auf diese Sicherheit: Daß ein Staat, der sämtliche seiner Einwohner als Bürgen hat, auch am verläßlichsten zurückzahlt, was er ausleiht. Bricht diese Sicherheit, bricht ein wesentlicher Pfeiler einer Volkswirtschaft heutigen Zuschnitts zusammen, weil diese selbst ihren Rückhalt verliert. Das betrifft weniger die Produktionsbereiche realer Werte (Landwirtschaft z. B.), als die allesamt darauf aufbauenden Sekundär und Tertiärkreise unseres Wirtschaftens, also Handel und Dienstleistung. Sowie sämtlichen darauf orientierten Produktionsbereichen. (Der Primärsektor braucht keinen Computer oder Autobahnen oder Autos.) Diesen aber erst verdanken wir den heutigen Wohlstand.

Ohne den verläßlichen Rahmen eines Staates, ohne die Rechtssicherheit (auch des Eigentums) und die Vertrauenssicherheit, kann eine Volkswirtschaft nicht in diese Bereiche aufblühen. Die individuelle Initiative zieht sich zurück auf Selbstrettung und Notwehr, aber auch Raub, das Recht des Stärkeren und partielle Sicherheit wird zum Handlungsprinzip der Einzelnen.

Das Kreditwesen, wie wir es kennen, stand am Anfang der Industrialisierung. Die eine abstrahierende Verlagerung von Wert von der individuellen Arbeit als Lebensvollzug und Bedürfnisreaktion hin auf die mathematische Logik von Geld und Maschine war (physisch, oder in Form der Organisation von hochgradig arbeitsteiligen Prozessen). Es wäre nicht möglich gewesen, wenn - zuerst in London im 18. Jhd. - nicht der Staat als Bürge und letztlich Zahler für die Banken erst indirekt, später direkt eingestanden wäre. Weil so erst die für diese Dynamik notwendige Überschreitung der Einlagesummen durch die Kredite als volkswirtschaftliches Prinzip möglich gemacht wurde. Nach und nach sind sämtliche Staaten der Welt dem Londoner Beispiel gefolgt. Mit einer Neudefinition von Allgemeinwohl, wo Wohlstand zur bloßen mathematischen Zählung wurde, aufbauend auf entsprechende Produktionsweisen: Massengüter und Konsum.

Anders als viele glauben, ist Geld aber keine Erfindung des Staates. Er hat sich dessen nur mehr und mehr angenommen, und es für sich selbst verwendet. Gewisse Wirtschaftsdynamik ist aber nur möglich, wenn die Rechtssicherheit der Zahlungsmittel gewährleistet ist. Und das ist der Ursprung der staatlichen Symbole auf den Zahlungsmitteln - Garantie. Die Symbole auf den Zahlungsmitteln waren in dem Maß Garantie, als der Bezogene verläßlich war. Aber jeder arbeitende Mensch ist "Herausgeber von Geld", und im reinen Tauschsystem war das auch noch deutlich erkennbar. Und noch heute ist Geld nur so viel wert, als individuelle Glaubwürdigkeit einer Leistungsbereitschaft oder Leistung es deckt. 

Bagehot zeigt in "Lombardstreet", wie sehr das Vertrauensproblem das Bankenwesen Londons bestimmte. Denn es war das zentrale Problem beim Umstieg von persönlicher Haftung auf abstrakte Haftungssysteme. Der Staat begann, Vertrauenswürdigkeit, der die Personen abhanden kamen, zu ersetzen. Immerhin war aber der englische Staat damals noch mit dem Privatvermögen des Adels abgesichert. Auf dieser Basis wurde London zum Finanzier der halben Welt, auch der Staaten.

Es war aber die mathematisierte Neubewertung von Kapital, aufbauend auf dem Vertrauen in die Wissenschaften, die Wirklichkeitssubstanz menschlichen Denkens, wie es seit der Renaissance herrschte, nicht menschliche Fehleranfälligkeit oder schöpferische Evolution, die die Verlagerung individueller Risken auf die Allgemeinheit (in die Eigenlogik abstrakter Systeme) zur Regel machte, die sich zwangsläufig über alle gesellschaftliche Bereiche ausdehnte. Weil das hauptsächliche Treibmittel auch des individuellen Wirtschaftens vom Menschen weg zum Abstraktionsmittel Geld wanderte. Das seine Eigenlogik in immer abstrakter werdender Werthaltigkeit allmählich zu entfalten begann. Bis es, so wie heute, auch die Politik aushebelt. Um sich furchtbar zu rächen. Weil es seine selbständig gewordene Logik allem aufzwingt.

Um irgendwann in sich zusammenzustürzen. Worauf es nur noch Verwüstung hinterläßt: wenn das Phantom Geld sich heute zurückzieht, bleibt nur noch das entfleischte technische Gerüst ehemals menschlicher Landschaft zurück. Darin hatte Marx ziemlich recht.

Unser Rechtsempfinden aber wurde gründlich geändert. Es ist heute geprägt von relativ jungen Prämissen. Die selbst eine Maßnahme wie in Griechenland bereits als Kavaliersdelikt sieht, oder gar nicht mehr versteht. Weil sie mit der Verläßlichkeit des Staates gar nicht mehr rechnet. Darin zeigt sich eine klare Veränderung des Verhältnisses der Menschen zueinander.

Heutige Staatsbankrotte abzuwiegeln, indem man auf die Geschichte verweist, denn Staatsbankrotte gab es immer und häufig, ist aber völlig unzulässig, weil nicht vergleichbar. Nie war der Staat grosso modo derartig in die einzelnen Vorgänge involviert, wie heute. Im wesentlichen bestanden unsere Staaten aus unzähligen kleinen, selbstregulierten Einheiten, die öffentliche Vorgänge, ja selbst Kriege, nur wenig oder abgegrenzt betrafen. Das Leben der meisten Menschen eines Landes war nur wenig davon betroffen. Das hat sich erst im 19. Jhd. gründlich zu ändern begonnen.

Wenn im 17. ein Staat pleite ging, so betraf es eine relativ begrenzte Wirtschaftseinheit, wenn nicht gar nur die Herrscherfamilie. Je zentralistischer aber der Staat wurde, je mehr er an sich zog, je mehr er sich in die einzelnen Vorgänge einmischte, um sie zu gestalten - Frankreich ist darin allerdings Vorreiter: Seine Staatsbankrotte waren schon im 17. Jhd. landesweit fatal - desto mehr wurde die gesamte Bevölkerung davon betroffen. Und es konnte aus dieser Spirale nicht mehr aussteigen. 

Aber damit zerfiel das Land innerlich. Was seine Gestalt und Wirkmächtigkeit endgültig in der französischen Revolution fand. Sie richtete sich ganz gezielt gegen alle bestehenden Formen selbständiger Organismen und deren Selbsterhaltungskraft, einschließlich der Familie, als logischer totalitärer Zentralismus. Kristallisationspunkt einer langen Entwicklung, die in Napoleon  ihre Erfüllung fand. Als einziger Kraft, die das Land noch als Ganzes bewahren konnte, auf Mythen - moderner Propaganda schon sehr verwandt - aufgebaut. Was eine Kettenreaktion in Europa, ja in der Welt auslöste. Ohne Napoleon hätte es das moderne Deutschland, wie wir es heute kennen, nicht gegeben. Das genau durch diese technizistischen Mechanismen groß wurde, und darin Frankreich bald übertraf. Der vielzitierte Bruderhaß der beiden Länder ist (oder, angeblich, war) also ein Kampf von Rivalen um denselben Siegerkranz. Ausgehend von einer preußischen - ortslosen, wurzellosen - idealistischen Staatsidee, die sich am Geiste Frankreichs entzündet hatte.*

Bei Staatsquoten von 60 % - wie in Österreich - wäre bei einem Staatsbankrott mittlerweile die gesamte Volkswirtschaft verwüstet. Es geht also weltweit bereits nicht mehr darum, wie die Staaten ihre Schulden zurückzahlen (was nur über Steuern geht), sondern darum wie sie es schaffen, sich so "sanft" über Enteignungen seiner Bürger zu entschulden, daß die jeweilige Volkswirtschaft dabei nicht kollabiert.

Das zeigt Griechenland vor. Das seine Schulden niemals mehr zurückzahlen wird können, die daraus zu erwartenden Verluste sind überall bereits eingepreist. Sämtliche Finanzhilfen der EU dienen lediglich der sanften Gestaltung dieses Übergangs, in Griechenland wie in den Geldgeberländern, um ihn mathematisch darstellbar zu machen. Weil das aber eine Frage der Glaubwürdigkeit ist, wird bewußt so viel verschleiert und gelogen.




*Man spricht es nicht aus, aber das heutige Deutschland geht exakt in dieser historischen Traditionsspur. Es ist überhaupt kein Wunder, daß die "Energiewende" erstmals in Deutschland stattfindet. Nur dort konnte sie so radikal verfügt werden, nur dort haben Abstraktionen - wie "Klimawandel" - so hohe Wirkmacht. Das ganze Land ist eine Abstraktion. Diese "Energiewende" ist nur einem ortslosen (das belastete Wort "raumlos", "Volk ohne Raum", tut nichts anderes: es weist genau darauf hin, nur anders, als meist verstanden) Land unter einer preußischen Ministerpräsidentin möglich. Die sogenannten "erneuerbaren Energien" zielen sämtlich darauf ab, das Land selbst zu enträumen, der Technik zu unterwerfen, schätzen es selbst gering, machen Deutschland zur Ruinenlandschaft einer technischen Struktur. Es ist der Schüler Frankreichs, das darin sogar noch im 20. Jhd. voraus war, und nun hinterdreinhinkt. Aber nicht zufällig hat Frankreich die Concorde erfunden, den TGV etabliert, so massiv auf Atomkraft gesetzt. Es hat seinen Lebensraum traditionsverbunden weiter enträumt. Seine Staatsidee ist pseudologisch, und war es fast von Beginn an. Als Karl der Große die Idee des Reichs wieder installierte. Auch wenn diese in ihren Wurzeln, in ihrer wahren Gestalt, tief metaphysisch zu verstehen wäre. 

Die Reichsidee selbst hat sich aber schon in seinen Söhnen gespalten, und Deutschland wie Frankreich je eine eigene entwickelt, aus der schließlich selbst die Träger des Reichs - damals Habsburg, Österreich - hinauskomplementiert wurden. In Deutschland unter Bismarck. Die Todfeinschaft Frankreich-Österreich bestand bereits viele Jahrhunderte lang, und fand in St. Germain 1919 - "l'Autriche - c'est le reste" - seinen Endpunkt. Der Kampf beider Staaten gegen Österreich war also sehr wohl ein Kampf gegen das Abendland selbst. Dessen Kultur in Vollgestalt nur noch in Österreich - wenn auch schon da im Todeskampf mit der Moderne - am Leben geblieben war. Mittlerweile, und in historischer Folgerichtigkeit, beherrscht Deutschland ganz Europa, und hat im Instrument der EU ganz Europa seinen Wirtschaftstechnizismus aufgezwungen - an dem die südlichen Länder zerplatzt sind. Wenn Deutschland (mit dem engen Partner Frankreich, beide auf derselben Grundlage) heute diese Länder "rettet", so rettet es seine eigene Wirtschaftsmacht. Es besteht für den Verfasser dieser Zeilen kein Zweifel, daß das Nachbarland am direktesten - weil nämlich real, nicht dem Wortgewitter nach - auf einen idealistischen, technizistischen Zentralstaat Europa hinarbeitet, zu dem es im Rahmen der derzeitigen Politikprämissen gar keine Alternative mehr gibt. Mit einem dankbar hechelnden Österreich im Schlepptau.
 



***