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Donnerstag, 14. Juli 2011

Um seiner selbst willen

Leopold Ziegler weist auf ein Denkproblem hin, das, wie er meint, das gesamte 19. Jahrhundert regelrecht eingenebelt, verblendet hat - es ist der Gedanke, daß  sich mit zeitlichem Ablauf auch "Fortschritt" im Sinne einer "Verbesserung" verbinde.

Nicht nur, daß dieser Gedanke von der höchst bedenklichen, ja lächerlich kindischen Prämisse ausgehe, daß der heutige Zustand nur aufgrund seiner Aktualität einen jeweiligen Höchststand der Entwicklung darstelle. Sondern weil er den Kosmos einer heimlichen Zielgerichtetheit unterwirft, der als Denkprämisse die gesamte Forschung unreflektiert duchdrungen hat.

Er verhindere damit, daß das Leben sich als spielhafter Ablauf von Varianten, in einem unendlich komplexen Zueinander, darstelle - wie es Goethe sah! Als "Ondulation" gewisser Grundtypen und -arten, wo sich niemals sagen ließe, was "weiter" oder "weniger weit" entwickelt sei - seil es jeweils nur Ausformungen des je selben Potenzenpools sind.

Das Leben, schreibt er, hat in seinem Wandel, seiner Morphologie aber vielleicht kein anderes Ziel - als sich selbst! Und in seiner jeweiligen Form ist es vollendet, so gut es ging, und steigert sich im Menschen zum wahren Selbstbesitz, im ewigen Leben: einem unentwegten, unendlichen Formenwandel.

Darein fände sich der Gedanke von Georg Cantor, der Unendlichkeit gleichfalls als unendliche Aneinanderreihung unendlicher Unendlichkeiten sah.

So aber, schreibt Ziegler, wird eine anspruchslosen, aber unanfechtbaren Morphologie eine anspruchsvolle aber anfechtbare Metaphysik hingefälscht. Damit überschreite sich die Naturwissenschaft kategorisch!

Dafür spräche auch das Bestreben der Arten, sie selbst zu bleiben - zwar nach wie vor unterscheidbar, von einzellig zu vielzellig, etc., aber nicht mehr unter dem Gesichtspunkt, daß das Moos eine Weiterentwicklung der Alge wäre, der Farn eine Vorstufe zum Lindenbaum etc., was in sich bereits eine Wertung trägt, die sich zweifellos in der Ehrfurcht allem Lebendigen gegenüber auswirkt. Damit erst entsteht auch das Element des (prinzipiellen) Kampfes der Arten, entstehen die Kategorien von Sieg und Niederlage, von minder- und höherwertigem Leben, je nach "Fortschritt". Erst unter dieser Prämisse ist das jeweils Aktuelle zum "Besseren" geworden, weil es mehr dem Leitsatz Darwins "Survival of the fittest" entspricht. In Wahrheit würde doch eine jeweilige Formveränderung als Weiterentwicklung das Überleben der jeweiligen Art - unter dieser Prämisse - eher voraussetzen, als erklären!

"Das Leben ist offenbar nirgends schöpferisch in Hinblick auf eine stets fragwürdige Vervollkommnung, sondern schöpferisch lediglich in Hinblick auf den Wandel seiner Erscheinungen und Verkörperungen." Sinnentsprechender wäre also von einem "élan formal" oder gar "élan figurel" zu sprechen, als von einem "élan vital".

Immerhin - und alleine dieser Gedanke hat doch noch kaum Eingang in die heutige Naturwissenschaft gefundne, nein: er wurde wieder ausgeschieden, "Feldtheorien" gab es längst zuhauf, doch wurden sie wegen ihrer zunehmenden Nähe zur Metaphysik als "unwissenschaftlich" ausgeschieden - haben wir es in der Natur mit jeweils abgeschlossenen, für sich seienden  Einheiten zu tun, ob Teich, dieser oder jener Teich, Wald, Wiese, Insel, etc. etc. , die in sich Regel- und Erhaltungsmechanismen - wie ganzheitliche Entitäten, Seins-Einheiten, ja Organismen - aufweisen!*

Unter diesem Gesichtspunkt brennt der Gedanke, daß auch die seltsame Verschränkung, von der die Quantentheorie berichtet (Zeilinger), in dieser Richtung eine fruchtbare Erklärung finden könnte. Denn so, schriebt Ziegler, würde sich auch erklären, daß sich so viele Entwicklungsmerkmale in den paläontoogischen Zeugnissen finden, die gleichzeitig, nicht linear-kausal entstanden sein müssen: wenn jedes Lebewesen (ja jede Dingheit) in engster Verbindung mit einer "Lebewesen-Welt" begriffen würde.

Damit würde die Welt zu einer Gegenwart sich immer wieder bedingender wie wiederholender Grundtypen - von den Pflanzen, Tieren, bis zu den menschlichen Charakteren - zum immer wiederkehrenden, sich wiederholenden Spiel derselben Typen in je anderen Konstellationen. Weil es um anderes geht, als um scheinbare Form, und doch genau um die Gestalt einer jeweiligen Form, in Bescheidenheit auszufalten, in die Mit-Welt einzufalten, zu korrespondieren. Womit auch Kultur in diesen Spiralreigen der Form sich einfügt, in ihren jeweiligen Formen - der Pubertät (dem Primitiven), dem ersten Mannesalter (Klassik), dem zweiten (Barock), dem Greisenalter, der Dekadenz - und würde doch, in dieser (Goetheanischen) Art es zu sehen dem unseligen Fatalismus entkommen: das Element des handelnden Menschen würde nicht entschwinden!

Aber die Welt würde als ein Spiel der Form gedacht sein, um ihrer selbst willen da, in ihrer Ausgestalt zur puren Fülle des Hervorquellens der nie endenden Gedanken Gottes.



*Ein Hinweis auf die Arbeiten von u. a. Gurjew, Wernadse's etc. sei gestattet, aber auch wurde hier bereits ausführlich über die Arbeiten von Woltereck hingewiesen, die ähnliche Fragen aufwerfen.


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Montag, 13. Juni 2011

Und ob er arm wäre

Es gibt kein Argument, das die Arbeit als schöpferischen Selbstvollzug des Menschen überhaupt bezahlbar macht - nicht so, nicht so. Die Forderung nach "gerechtem Lohn" ist also in jedem Fall unsinnig, sie ist sogar kontraproduktiv: denn sie nährt die Illusion, Geld (Ware) und Arbeit stünden in einem auslotbaren Verhältnis. Der sittliche Wert der Arbeit geht aber in dem Maß verloren, als der wirtschaftliche Entgelt zum Motiv wird.

Arbeit hat Selbstzweck und ist Ausdruck menschlicher Würde und Größe. Ihr "Lohn" hat mit zählbarem Nutzen nichts zu tun, ja die Reduktion der Arbeit genau darauf - wie sie seit Jahrhunderten sich mehr und mehr zuspitzt - hat den Menschen erst entwürdigt: als wäre sein Wert wirklich bemeßbar! Die Bemessung am wirtschaftlichen Erträgnis hat nur dort ihren Wert, wo sie ein Verhältnis von Stand und Gütern ausdrückt. Denn der sittliche Wert einer Arbeit würde sich sogar an ihrem Gegenteil bemessen: je geringfügiger ein Dienst ist, desto höher sein sittlichender und sittlicher Wert! Daraus läßt sich die Groteske bemessen, daß seit Jahrzehnten von den Gewerkschaften (und mittlerweile im allgemeine Bewußtsein - zu meinen Kindheitszeiten war das übrigens noch anders, der Neid in diesen Ländern ist feststellbar gestiegen!) der Lohn danach gefordert wird, wie hoch der vermeintliche Zugewinn DES ANDEREN durch eines Arbeit ist. Nicht, wie die Arbeit den Arbeiter selbst gewinnen oder verlieren läßt. Selbst der gleichfalls herangezogene Begriff des Wohlstands bemißt sich am Wohlstand der anderen.

Aber im franziskanischen Ideal der Armut wird jede Arbeit (auch die schwere und niedrige Arbeit!) zum Spiel - in der Distanz, in der Gottergebenheit. Es kann deshalb durchaus kein oberstes Ziel sein, Wirtschaft um jeden Preis am leben zu halten. Denn eine Wirtschaft, die die Selbstschlachtung desjenigen verlangt, der zum Futtertrog zu kommen trachtet, ist unsittlich.

Der einzig wirkliche Bezug zum Lohne kann nur der eines menschenwürdigen, und das heißt eigentlich nur: sittlichen Lebens sein, findet sich sohin auf dem franziskanischen Ideal der Armut wieder - die aber keine Reduktion auf "generelles Nichtshaben" ist, die auch kein kommunistisches Ideal der Eigentumslosigkeit ist, denn damit fiele auch die Schöpfungsverantwortung. Sondern im Gegenteil, die jedem in seinem Stand und Aufgabenbereich leben läßt, daß sich nichts ändert, ob er morgen auch nichts mehr besäße. So wird auch Besitz zur schöpferischen Größe, und nicht zum Rechenexempel. Weil menschliche Arbeit prinzipiell unbezahlbar ist, kann sich Warenwert nur aus einer Fülle von sonstwie wertbestimmenden (nur in Bezügen zu einem Kulturgesamt bestehenden) Faktoren verstehen. Nicht aus der Arbeit, die daran getan wurde.

Aber das einzige, wo der Mensch wirklich zum Menschen wird, ist das, wo er spielt. Und er spielt dort, wo er es wirklich ernst nimmt. In sittlich (=kulturell) hochstehenden Zeiten ist deshalb oft nach heutigem Gesichtspunkt "wertvollste" Arbeit niedrigst entlohnt, gerade weil das Hohe allen verfügbar ist. Und diese Arbeit war fast prinzipiell die zeitlich aufwendigste. Der Tauschwert (Preis) einer Ware bemißt sich also niemals nach der Fülle an menschlicher Arbeit. In dem Moment, wo dies gedacht wird, wird Arbeit entwürdigt.

Es ist nie die "Leistung", es ist nur die Ware, die einen Preis hat. Es geht hier um die Freiheit des Arbeiters selbst, der sich sonst einspannen läßt in einen Kosten-Nutzen-Ring, der ihn zum Teil einer Ware macht. Ein Mindesmaß an Nahrung und fahrender Habe, auch für die für die er in Verantwortung steht, sei das, worauf er einzig anheischig ist, formuliert es Leopold Ziegler deshalb, in Anlehnung auf die Mönchsregeln.

Es war gerade diese Zuspitzung des menschlichen Maßes und Lebens auf die Lohnfrage als Frage des Preises für Arbeit, die die Entmenschlichung der Wirtschaft gebracht hat. Sie hat die Existenzfragen in den Gesellschaften entsittlicht, und damit die Schöpferischkeit der Kultur ausgehöhlt, bis sie entschwand. Heute ist fast jeder nur noch Lohnsklave. Ziel von Lohn kann nur die Person des Arbeitenden sein, nicht seine preisgemessene Leistung.

Daraus kann, übrigens - und es sei gesagt, um falsche Rückschlüssen den Weg abzuschneiden - durchaus die Pflicht zu einer "aufwendigen" Lebenshaltung genauso hervorgehen, abhängig vom Stand und seinen Pflichten! Denn eines Menschen Leben ist immer historisch-relativ, eingebunden in das Insgesamt eines Wertgefüges, das sich auch aus Bezügen nährt und formt, und sich deshalb erst in diesen historsichen, relativen Bezügen überhaupt erfüllt.

Die Güter, die Waren sollen und müssen aber ihrem oft genug rein zufälligen Spiel von Wert und Preis ausgeliefert sein. Der Mensch hingegen muß dem entzogen sein. Und das geht nur bei einer Entkoppelung von Preis und Arbeit.

Denn der Sinn menschlicher Geselschaft - und der Mensch ist ein Gesellschaftswesen! - besteht in der Darstellung der geistigen Hierarchien und Bezogenheiten, keineswegs in "Gleichheit" und "Einförmigkeit". Daraus aber kann sich auch die Pflicht ergeben, das "Höhere" zu fördern und in seiner Darstellung zu schmücken. 

Der aber, der spielt, der weiß, daß auch seine Pracht Daseinsjubel ist, den zu erhalten er arm ist - nicht persönliche Leistung.



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Mittwoch, 8. Juni 2011

Zeit ist nicht nur zu sparen

Es macht durchaus Sinn, die Zeit zwischen Straftat und Urteil (Strafe) zu dehnen. Gerade in Zeiten der Diskussion um Verwaltungs- und Staatseffizienz ist dieser Hinweis Leopold Ziegler's gar nicht unzeitgemäß. Denn diese Frist erfüllt in vielen Dingen die höheren, ja eigentlichen Zwecke einer Strafe. Sie ist eine Frucht humaneren (im Sinne des Seelenheils aller gesehenen) Strafvollzugs!

Sie trennt die Bestrafung vom Gedanken der Rache (dem ursprünglichsten, ältesten Motiv der Strafe) - was auch für allfällige Opfer hilfreich sein kann, um "abzukühlen", wenn nicht gar, um die Folgen einer Tat deutlicher, nüchterner zu sehen, auch wenn sie gravierender sind, als erst gedacht - und stellt den Gedanken der Sühne, zum Seelenheil des Bestraften letztlich, in den Vordergrund. Auch für diesen ist die Frist gewonnene Lebenszeit, die ihm zur Läuterung dient, und in der er sich seiner Tat bewußter werden kann.

Das geht nur über Zeit.


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Dienstag, 7. Juni 2011

Wie erlöst

"Das Gesetz macht ihn nicht gerecht, die Weisheit (die der Welt alleine zu entringen ist; Anm.) nicht weise. Gescheitert am Gesetz, gescheitert an der Weisheit, müßte Paulus an seinem heil endgültig verzweifeln, wenn es außerhalb der jüdischen und außerhalb der hellenistischen heilsmöglichkeit nicht eine dritte gäbe.

Diese dritte Heilsmöglichkeit abseit von der Sünde und abseit von der Torheit vor Gott liefert nun der Glaube an Tod und Auferstehung des Mittlers. Denn er bewirkt im Innern des Gläubigen vor allem zweierlei. Erstlich hebt er das Gemüt über die hoffnunglose Wechselbezüglichkeit Gesetz und Sünde hinaus, indem er das Fleisch, will heißen die Gesamtheit aller erdhaft dunklen Triebe, durch die wir zu fortgesetzter Übertretung des Gesollten angereizt werden, abtötet und damit Jahves Zorn besänftigt, ja gegenstandlos macht.

Zweitens aber teilt er dem Gemüt so viel von dem wahrhaften Geiste Gottes mit, daß es kraft dieser Teilhabe den Gott des Himmels und der Erden an und für sich zu erkennen und damit der leeren Menschenweisheit Überwinder zu werden befähigt wird. 

Wer mithin an den erwachten Heiland (der notwendig Leiden und Tod durchschritt) glaubt, wer sich im innersten Dasein mit dem Sachverhalt evangelischer Auferstehung durchdringt, der vermählt sich sozusagen dem Mittler selbst und erlangt dadurch eine bedingte Form der Vergöttlichung: jene Vergöttlichung nämlich, die wir an dieser Stelle zum ersten mal als das ausgesprochene oder unausgesprochene Ziel der menschlichen Religiosität überhaupt bezeichnen müssen.

[...] Der Gottmensch ist des Todes genesen, um hinfort in jeden, der ihn glaubt, einzuziehen als der heilige Geist, der da tötet das Fleisch, befreit vom Gesetz, erleuchtet mit der Weisheit Gottes."

Damit aber unterscheidet sich das Christentum entscheidend von allen vorhergehenden Lehren und Heilsweisen: Ob epikureisches Glück oder platonisch-aristotelischer Eudaimon oder Wohlbeschiedenheit, ob Stoa - sie alle sind eine durchaus selbst geschaffene und bewirkte Erlösung. Mit einem male aber kann man sich diese Erlösung nicht ertrotzen. Mit einem male ist sie freies Geschenk Gottes selbst. Der Glaube macht selig, wie zuvor die Weisheit selig machte. Aber jetzt ist diese Seligkeit Charisma und Gnadengabe.

"Erst diese Wechselbedingtheit von Glaube und Gnade [...] gestattet den Gedanken des Mittlertums bis in seine äußersten Grenzen fertig zu denken, weil gerade in ihr die unauflösliche Verflochtenheit zwischen Gott und Mensch völlig bemerkbar wird. [...] Niemals aus eigener Tatvollkommenheit erzielt das Fleisch die Vergemeinschaftung mit dem Geiste, und bis zu einem gewisse Grad verjenseitigt sich hier der Mittler selbst, indem er von seiner Seite aus nur dort wirklich heimisch wird, o er seine Einwohnung aus unbekannten Gründen für gut befindet, - nur der wird jeweils des Gottes, wessen des der Gott ist!"

Denn der Glaube an einen Gott, der sich menschlichem Willen beugte, sich von ihm zwingen ließe, würde den Menschen zwar entschränken, zugleich aber Gott so beschränken, daß an ihn zu glauben wertlos wäre.

Leopold Ziegler, in "Gestaltwandel der Götter"

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Sonntag, 11. April 2010

Inadäquates Wissen wirkt entsittlichend

Soeben war Wilhelm Meister durch ein Teleskop der Anblick des solcherart stark genäherten Jupiters mit seinem Trabanten entdeckt worden. Da trat er zurück, und wandte ein:

"Ich weiß nicht, ob ich Ihnen danken soll, daß sie mir dieses Gestirn so über alles Maß näher gerückt. Als ich es vorhin sah, stand es im Verhältnis zu dem übrigen Unzähligen des Himmels und zu mir selbst; jetzt aber tritt es in meiner Einbildungskraft unverhältnismäßig hervor, und ich weiß nicht, ob ich die übrigen Scharen gleicherweise heranzuführen wünschen sollte. Sie werden mich einengen, mich beängstigen.

[...] Ich begreife recht gut, daß es Euch Himmelskundigen die größte Freude gewähren muß, das ungeheure Weltall nach und nach so heranzuziehen, wie ich hier den Planeten sah und sehe. Aber erlauben Sie es mir auszusprechen: Ich habe im Leben überhaupt und im Durchschnitt gefunden, daß diese Mittel. wodurch wir unseren Sinnen zu Hülfe kommen, keine sittliche günstige Wirkung auf den Menschen ausüben. Wer durch Brillen sieht, hält sich für klüger als er ist, denn sein äußerer Sinn wird dadurch mit seiner inneren Urteilsfähigkeit außer Gleichgewicht gesetzt; es gehört eine höhere Kultur dazu, deren nur vorzügliche Menschen fähig sind, ihr Inneres, Wahres mit diesem von außen herangerückten Falschen einigermaßen auszugleichen."



J. W. v. Goethe in "Wilhelm Meisters Lehrjahre"



Leopold Ziegler schreibt dazu einmal, Goethe habe sich nie davon abbringen lassen, und nichts und niemand vermochte ihn je zu erschüttern in seiner glaubensähnlichen Überzeugung, der eine und ungeteilt ganze Mensch sei das vollkommenste Werkzeug, sei der vollkommenste Sinn der uns bekannten Welt und stehe deshalb für jedes sonstige Instrumentarium und Arsenal. Und damit zeigt er, daß Naturwissenschaft nach wie vor jedem, wirklich jedem offensteht, auch ohne Apparaturen und Hilfsmittel - so wie Goethe sich nie beirren ließ, von der Anatomie über Physik und Geologie jedes Wissensgebiet unbefangen zu erobern, das ihn interessierte.

Denn das Entscheidende an der Erkenntnis ist ihre Überführung und Gliederung in Vernunft, ist die richtige Relation, das Insgesamt - das Kriterium selbst ist nicht die Menge an spezifischer Information, der "künstlichen Nähe der Objekte". Denn dem Übergewicht an äußerer Welt (durch zuviel Detailinformation) entspricht, so argumentiert Ziegler (nach Freudscher Diktion), auch ein Übergewicht an äußerer Libido, die mit jedem Gramm vom Innenleben abgezogen wird, das sie außen zulegt. Damit stürzt der Mensch - wir sprechen hier auch von Technik, die an sich genau solcher "Detailkonzentration" entspricht und einer Ordnung bedarf - in ein Ungleichgewicht, das durch erhöhten Aufwand persönlicher Kultur wiederhergestellt werden muß.

Geschieht dies nicht, wird das Innenleben durch die nunmehr unmäßig geöffnete Wahrheit tragikomisch verstellt, und durch in die Tiefe gedrängte ungeformt bleibende Libido dämonisch verzerrt.




*120410*

Montag, 29. März 2010

Auslöschung des Menschseins

Es gibt für den Menschen keine gute und keine schlechte Geschichte - es gibt nur SEINE Geschichte.

Nicht nur, daß man heute die Geschichte auszulöschen versucht (und so nebenbei: neue schafft!), sondern man nimmt den Menschen auch die zukünftige.

Diese Gedanken kommen mir, als ich über "Osteopathie" im KURIER lese.

Ein Unfug reiht sich heute an den nächsten. Die Folgen sind immer unabsehbarer - und "ganzheitlicher". Leben wird zur Betriebsstörung. Gleichzeitig wird das Problem der ungebundenen Lebensenergie, der freibleibenden Libido, unlösbar, wird der Mensch sich selbst zum Problem (man beachte die Zunahme, aber auch die jeweiligen Krankengeschichten, der Autoimmunerkrankungen.)

Kein Mensch hat ein konkretes Bild von sich vor ihm hergehend - seine Konkretion IST die Auseinandersetzung mit allem, sie WIRD erst, ausnahmslos, durch und in dem, was ihm begegnet. Und nichts davon ist unwesentlich, alles hat seinen Sinn, stellt eine Aufgabe dar, an der genau dieser Mensch zu reifen, zu wachsen hat. Jede Hürde ist genau jene, die er, und nur er, zu bewältigen, zu überwinden hat.

Das Leben aber wird zunehmend zur Betriebsstörung reduziert, die unnötig wäre, wenn ...

Wer aber auf diese, auf eine "Frühform Mensch" zurückgreifen, die Uhr darauf zurückdrehen möchte, irrt nicht nur prinzipiell - kein Säugling beginnt bei Null, jeder Mensch stellt die Gesamtgeschichte der Menschheit dar, und trägt sie in sich, es gibt sie also, die Erbsünde - sondern versucht Form auszulöschen. Selbst das neunmonatige Menschenkind, das nun geboren wird, hat bereits eine Geschichte, ist durch eine konkrete Situation geformt, und hat darauf reagiert, und ist im Dialog damit bislang konkret geworden. Und will noch konkreter werden, will noch mehr Gestalt annehmen, zur Gestalt wachsen.

Durch "Osteopathie" diesem Menschlein also seine Gestalt "auflösen", zu einer "Idealgestalt" (wovon?) zurück zu schmeicheln, ist Wahn, und lächerlich mißverstandene "Liebe", die schon im ersten Schritt gleich mal den Respekt ablegt, den es vor dem andern - und auch das kleine Winzige ist in dieser Hinsicht ein jemand, ein anderer - zu haben gilt. Du hast so und so auf Deine Welt reagiert? Na das lösen wir gleich mal auf ... ah schau, da wehrst Du Dich gegen Deine Welt, das wird aufgelöst, und dies, und das ... Das Resultat im übrigen ist genau das Gegenteil dessen, was behauptet wird - quasi Entspannung, um mehr "selbst" sein zu können. Die innerste Schicht des Menschen, sein unzerstörbarer Ich-Kern, zieht sich nämlich nur noch weiter "von der Welt" zurück.

Jede Form ist immer eine konkrete historische Gestalt. Oder sie ist gar nicht. Frühestens dann kann man von "ganzheitlich" sprechen - hier, wie in so vielen Fällen, ist es glatter Mißbrauch der Sprache. Denn wenn schon, dann heißt ganzheitlich den Zusammenfall von Innen und Außen, wie Leopold Ziegler es einmal ausdrückt. Und nicht die Selektion in wesentlich und unwesentlich, also ausscheidbar. Der Weg zur "Heiligung" (ich bleibe im Begriffskreis von Ziegler, der Heiligkeit, in Anlehnung an Plato, als "das Seiendste", das "Ganzeste" bezeichnet) verläuft also geradewegs umgekehrt, als er zum Beispiel durch diese Methoden verheißen wird.

Wer keine Form mehr hat, wird somit unweigerlich mit dem Leben selbst immer weniger fertigwerden. Also wird sein Leben zunehmend darauf abzielen, Leben selbst zu verhindern, Hindernisse möglichst stillschweigend und nicht wahrnehmbar aus dem Weg zu räumen (zu verlangen), als sie zu überwinden. Und was wäre ... was wäre heute nicht deutlicher zu beobachten?

Und, um bei Ziegler zu bleiben, der es so nachvollziehbar seziert, so werden sich diese zuinnersten Kräfte auf seltsame Weise dem Außen verschwistern, heimlich, und dieses zu einer immer totalitäreren, zum Schicksal und Verhängnis sich auswachsenden Ideologien auswuchern. Vor allem aber - ein eigenes Thema! - wird er zuerst sich selbst der größte Feind sein.

Menschliche Hilfe kann sich nur darauf erstrecken, Hilfestellung zur Selbstwerdung anhand konkreter Aufgaben zu geben - nicht die Hindernisse und Aufgaben aus dem Weg zu räumen (genau das passiert z. B. in der Schulpädagogik), indem man durch Weltauflösung beseitigt, was gerade den Betrieb zum vermeinten Glück stört. Wer so denkt wird - ohne es je zu bemerken - zunehmend alles im Leben als unüberwindliche Hürde befinden, und jede begegnende Form wird ihm zur unerträglichen Gewaltausübung der Welt.

So ist zu verstehen, wenn es da heißt: "Der Krieg ist der Vater aller Dinge!" Alles andere ist purer Schmonzes.




*290310*