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Samstag, 27. Juli 2013

Unterschied

Aus vieljähriger Deutung der Handschriften, schreibt Ludwig Klages in einem seiner Alterswerke, kann er sagen, daß die "moderne" Frau, je mehr sie sich dem Manne angeglichen hat, von diesem zwar die Eigenschaften seines Willens übernommen hat, aber nicht seine Geistigkeit.




*270713*

Mittwoch, 24. Juli 2013

Vom Werturteil über Menschen

Man kann, schreibt Ludwig Klages einmal, aus dem Verhalten eines Menschen nur sehr bedingt auf seine Tugend- oder gar Willensgröße schließen. Denn es läßt sich nicht sagen, ob jemand, der die Wahrheit spricht, dies nicht nur tut, weil er die Lüge gar nicht kennt und erkennt, ob jemand der friedliebend auftritt dies vielleicht tut, weil er den Streit nicht kennt (oder flieht), oder ob jemand der mutig ist dies nur tut, weil er die Furcht nicht kennengelernt hat.

Ähnliches gilt etwa von Erregbarkeit oder Gleichmut im Willensprozeß. Aus bloßem Verhalten läßt sich nicht schließen, ob jemand gleichmütig weil harmonisch ist, oder nur Mangel an Feinfühligkeit und Gleichgültigkeit hat, oder ob jemand der leicht erregbar ist dies nur aufgrund hoher Feinfühligkeit ist, oder ob launisch und unausgewogen.*

Man kann also aus dem bloßen Vorhandensein willkürlicher Kraft nicht direkt auf den Charakter eines Menschen rückschließen. Denn man weiß nicht, welchen Widerständen er gegenübersteht.** Jedes Merkmal eines Menschen kann zum einen aus einer Kraft ihr Dasein haben, oder aber aus dem Fehlen einer hemmenden Gegenkraft entstehen. Der eine ist gütig, der andere läßt sich nur gehen - beides äußert sich wie Großmut und Wohlwollen. Der eine schimpft laut, poltert drauf los und sieht böse aus, der andere flüstert leise die bösartigsten Verleumdungen und lächelt dabei milde. Der eine ist gütig und wohlwollend, der andere nur schwächlich und beeinflußbar. Der eine ist vielseitig, der andere zerfahren, beides ist oft äußerlich nicht zu unterscheiden.***

Zwar, schreibt Klages, entspricht jeder inneren Bewegung eine zugehörige äußere Bewegung, aber so wenig wie es einen Willensakt für sich gibt, so wenig tut es jemals die Bewegung des Eiferns, Hoffens, Fürchtens, Liebens oder Zweifelns. Immer fürchtet, liebt oder zweifelt das unteilbare Anlagensystem der bestimmten Persönlichkeit. Kein Lieben, Hassen, Zweifeln oder Hoffen von Menschen ist deshalb einander gleich, jedes hat völlig individuelle Gefüge und innere Bewegungen zu ihrer Grundlage, und ist in seiner Äußerung im Ausdruck unterschiedlich.

Eigenschaften sind Seiten, nicht aber Teile eines Persönlichkeitsgefüges im Ganzen.

Menschen mit hohem Energie- und Triebpotential benötigen unvergleichlich mehr Willenskraft, um ihr Handeln bewußt zu bestimmen. Wille, den man in erster Linie als Hemmkraft verstehen muß, der ungeordnetem Trieb entgegensteht, steht immer in einem Verhältnis zur reinen Lebenskraft des Vitalen. Aber diese Kraft ist bei jedem Menschen anders, und anders verteilt.

Daraus läßt sich auch die Bedeutung kultureller Vorgänge erschließen. Sind diese contra naturam ausgerichtet, sind sie es auch mit der Vernunft, sodaß sich in jedem Individuum eine Triebkraft aufbaut, die zu lenken (in ihrem Fehl zu hemmen also) eine entsprechend gesteigerte und ausgeprägte Geistes- und Willenskraft verlangen würde, um sich dem "höheren" Ziel zuzuwenden. Eine der Menschennatur entgegenstehende Kultur treibt also den Menschen in einen Widerspruch mit sich selbst, nimmt sich in allen ihren einzelnen Gliedern und Teilen ihre Wirkkraft.

Nicht der erscheint uns aber als willensstark (als WIRKstark), der besonders starke Hemmkräfte besitzt, sich also von der Ratio her besonders zu steuern vermag. Sondern der, in dem Wille und Trieb in einer Richtung steht, der also ruhig und harmonisch wirkt. Weil er nicht in innerem Streit, sondern in innerem Gleichgewicht steht. Tugendhaftigkeit als Fähigkeit, Tüchtigkeit sich auf ein "gutes" Ziel auszurichten, verlangt also durchaus keinen "starken Willen", sondern eine richtige Bündelung der Zielungskraft. Ein Übereinstimmen der gewissermaßen verfleischlichten Strebungen mit den von der Vernunft erkannten Zielen.


*Dies betrifft natürlich so ziemlich alle Charakteristiken und Ausdrucksmerkmale eines Menschen. Jemand, der in gehobener Stimmung aus der Tiefe eines freudig überquellenden Herzens ist kann dies durchaus auch sein, weil er geistig gar nicht in der Lage ist, den Ernst des Lebens zu begreifen. Jemand, der seine Gefühle im Zaum zu haben scheint, kann gleichermaßen bereits gar kein Gefühlsleben mehr haben und abgestumpft sein. So wie jener, der gefühlsbetont wirkt, dies zwar auch aus tiefer Gefühlsfähigkeit schöpfen kann der sogar ein großer Wille gegenübersteht, während er umgekehrt einfach einen schwachen Willen haben könnte und haltlos ist. Oder: Fähigkeit zum abstrakten Denken kann zwar auf übergewöhnlicher Fähigkeit zu begrifflicher Anschauung beruhen, aber sie kann auch Mattheit der Anschauungsgabe und innere Bilderarmut bedeuten, die das begriffsgenaue Denken erleichtert. Vorherrschaft sinnlichen Vorstellens kann einerseits auf einer hohen Gabe zur Phantasie, wendigen Geist hinweisen, aber sie kann auch Mangel an Geistesschärfe bedeuten, die Bilder gar nicht exakt fassen läßt, sodaß sie deshalb "lebendig" wirken weil ineinander verschwimmen.

**An dieser Stelle kann man direkt auf ADHS zurückkommen. Denn es offenbart sich auffällig als Syndrom genau aus dieser Faktenlage heraus: Ist die identitäre, institutionalisierte, kulturelle Prägung niedrig - und das ist der klarste Effekt heutiger Pädagogik, die sich selbst schon fast rein darin versteht, dem jungen Menschen (etwa durch "Förderung") alle Widerstände, die ihn aber fleischlich prägen würden, aus dem Weg zu räumen oder gleich vorzuenthalten, findet also ein Mensch keine Widerstände in seiner Umgebung vor, dann wird seine Willenskraft "ungebunden". Überspitzt formuliert: Er bleibt in seinem Fleisch ein "Nichts", rohe ungeformte Energie, die von seinem Willen, seiner Vernunft, die als Kind oder Jugendlicher noch dazu gar nicht entwickelt genug ist, nicht ausreichend zu steuern ist. Diese ungelenkte, ungeformte Energie drückt sich in einem erhöhten Aufmerksamkeitspotential gegen "alles und jedes" aus, das ihn sofort mitreißt. ADHS, sofern es überhaupt als "Krankheit" zu bezeichnen ist, ist also ein Symptom eines allgemeinen gesellschaftlichen Zustands, die man gar nicht als alleine in der Verantwortung des Einzelnen (Eltern) stehend sehen darf.

***Das betrifft natürlich auch Bereiche wie geschichtliche Werturteile: Ein Renaissancegrab mit prächtigen, überlebensgroßen Statuen und Sarkophagen, in einem Raum mit gigantischen Fresken und Wandmalereien, läßt uns unweigerlich den Bezogenen und die ganze Zeit als "groß" ansehen. Ganze Epochen, deren Menschen vor allem aber durch Selbstüberschätzung und Egomanie geglänzt haben, erscheinen uns deshalb rasch einmal als "groß". Ob sie das wirklich waren, verlangt aber ganz anderen Maßstab. Dasselbe gilt natürlich auch umgekehrt. Gerade oft die größten Menschen blieben im Verborgenen, und wurden in schlichten Holzkisten auf Massenfriedhöfen verscharrt. 
 
 
*240713*

Donnerstag, 20. Juni 2013

Gefühl geht auf Art

Gefühle, schreibt Ludwig Klages, gehen nicht auf das Spezielle, sondern auf die Artung einer Situation. Und zwar sowohl im reaktiven Gefühl - dem Affekt, der Emotion, die aus sich heraus blind sind - als auch in der Stimmung - als Arterlebnis.

Im Affekt, in der Reaktion kann man deshalb auch in der Zielung irren, ja kontraproduktiv sein. Hiezu braucht es des geistigen Aktes, des Urteils, und damit der Wahrheit. Der Stier, den den Samenbock bespringt, reagiert nicht auf den Bock sondern auf das artende Erfassen der Situation in der Bewegtheit, in der er sich durch den (artenden) Reiz befindet. (Und irrt darin in seiner Natürlichkeit, weil es keine Kuh ist.)

Jede Ausdrucksbewegung, jede Handlung letztlich, ist damit auf eine Weise nur das Gleichnis einer Handlung.

In keinem Fall ist aber die Ausdruckshandlung einem Zweck zugeordnet - sie kommt aus sich selbst heraus, und dient sich selbst. Der Zweck ist das, was durch geistige Akten (beim Menschen) bzw. als Faktor der Geordnetheit dazukommt. Ein Kalb saugt auch bis zum Hungertod an einem zitzenähnlichen Plastikstutzen, der gar keine Milch hergibt.

Das Vorstellungsvermögen des Menschen richtet sich in gleicher Weise primär auf Eigenschaften (Gefühltes). "Härte" oder "Weichheit" vorzustellen ist deshalb wesentlich einfacher, als einen konkreten harten Gegenstand vor die inneren Augen zu holen. Aus solchen Arteigenschaften setzt sich die Welt schließlich zu immer komplexeren Bildern zusammen, die mit Symbolen (Sprache) belegt, darunter subsumiert werden. Auch wenn es in Französisch oder Bantu völlig verschieden heißt, meinen beide Völker unter den Eigenschaften dasselbe. Und selbst in den Sprichwörtern treffen sich die Völker weltweit in denselben Inhalten - aber unter meist ganz anderen Gleichnissen.

Die konkrete Sachbezogenheit aber, die muß der Mensch lernen. Und sie wird in den Bewegungen als (gewissermaßen) Bewegtheitscluster in immer komplexeren Abläufen automatisiert. Das mühsame Gehenlernen des Kleinkindes formt sich mit der Erfahrung zum Bergsteiger, der ohne nachzudenken Schritt um Schritt setzt, während er in Gedanken bei den Eisblümchen ist, die er in der Wand sieht.

Das betrifft auch das Sprechen - daß es der Kommunikation dient, ist das Hinzukommende! Es ist zuerst die bloße artliche Umsetzung einer Bewegtheit, die mehr und mehr dem Bewußtsein, den geistigen Akten angegliedert wird: Der Geist verschmilzt in seinen Bewegungen zu unwillkürlichen, bewußtseinslosen Akten durch Übung und Erfahrung, durch "in Fleisch und Blut übergehen". Die Willkürbewegung wird zu einer Lebensbewegung, das heißt, daß etwas wirkt, auch wenn man es gar nicht mehr bewußt bemerkt. Prinzipiell wird jeder lebendige Akt mit der Wiederholung immer weniger eines spezifischen Willensaktes bedürftig.

Mit allen Möglichkeiten der Fehlbildung durch ebensolche Übung - in der Faulheit, dem anerzogenen, gewohnheitsmäßigen Nichtsetzen geistiger Akte, oder in der Überzogenheit, sodaß der Mensch ständig von Gewohnheiten überrannt wird, die seinem geistigen Urteil nicht entsprechen. Wird ein Handeln, ein Reagieren, eine Ausdrucksbewegung des Menschen nur noch automatisch, wird sie gleichzeitig - ausdruckslos.





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Donnerstag, 2. Mai 2013

Medien und Wirklichkeit

Im letzten, schreibt Ludwig Klages in "Vom Wesen des Bewußtseins", ist jede Sinnesempfindung eine Berührungsempfindung. Deshalb sind die Sinnesorgane bei übergroßer Eindrucksstärke auch selbst der Ort, an dem Schmerzempfindung (überschreiten Sinneseindrücke eine bestimmte Stärke, werden sie zu Schmerz) lokalisiert werden. NICHT also in der Wahrnehmung selbst, nicht im Geist.

Weil aber Berührungsempfindung immer mit dem Aufeinandertreffen der Widerständigkeit zweier Dinge zu tun hat, nur daraus Raumvorstellung möglich wird - als Bezug auf feste Örter, die selbst nur durch Widerstand erfahrbar werden - ersteht nur aus ihr die Erfahrung einer konkreten räumlich-zeitlichen Welt: Als abhängig von der Realität eines Hierseins der Dinge. Denn nur das Hierseiende ist empfindbar, reale Anwesenheit ist das Wesen des Empfindens. (Alles andere ist abgeleitet geschaut etc.) Und aus dem Fehlen dieses Hierseins/Empfindens ist das Dort/Abwesendsein ableitbar. Identifikation eines Dings überhaupt als Ding (und zwar eben: Als Ding/Sinnesobjekt ist es immer genau dieses Ding) ist nur mit einer Ortssetzung möglich.

"Was unterscheidet nun aber die Bilder im Spiegel und ebenso die Bilder des Traumes von den Wahrnehmungsdingen? Wir sagten es schon: Daß jene im Wahrnehmungsraum keine Stelle finden! (Im Traum spielt Raum und Zeit keine Rolle, wie jeder aus Erfahrung weiß; Anm.)

Auch der Raum des Landschaftsgemäldes mit seinen Wolken, Bäumen, Wiesen, Hütten, Figuren befindet sich nicht im Wahrnehmungsraum, worin sich das Gemälde selber (sic!) befindet; und wenn an der Wand zwei Landschaftsgemälde hängen, so ist der Bildraum eines jeden aus einem besonderen Weltall herausgeschnitten, und es gehören ebendarum die beiden Bilder zwei verschiedenen Wirklichkeiten an; woraus hervorgeht, daß die Gemeinsamkeit der Wirklichkeit auf der Gemeinsamkeit der Örter im Raum oder denn auf der Gemeinsamkeit eines Raumes beruht, den wir auf feste Punkte in ihm zu beziehen gewohnt sind.

Nehmen wir dem Bilde seinen bestimmten Ort, so haben wir es der Fähigkeit beraubt, Unterlage des Dinges zu werden, d. h. eines Sachverhalts, auf den die verschiedensten Geister zu den verschiedensten Zeiten als auf etwas für alle identisches zurückommen können."

Nur der Ort, und er allein, macht überhaupt ein Existentialurteil möglich. Unsere Erfahrung kennt es ja: Sind wir im Urteil über etwas nicht sicher oder unterschiedlicher Meinung, so greifen wir immer im letzten auf das Berührungserlebnis zurück. Vom Wort "begreifen" gar nicht erst angefangen.

Darin zeigt sich neuerlich, daß sich über Medien, je virtueller, je weniger haptisch bzw. räumlich-flüchtiger sie werden, wobei die Haptik selbst das tragende Erlebnis des Vermittelten, ja dieses selbst ist (!), existentielle Erfahrung gar nicht vermitteln läßt.*

Ist der Urgegenstand des sachlichen Denkens, nämlich das Ding, gar kein wirklicher, sondern ein bloß gedachter Gegenstand, so kann auch keine Gegenstandsforschung zu wirklicher Erkenntnis führen. Sie schafft nur "Kenntnisse" herbei, nicht Erkenntnisse. Erkenntnis aber ist eine Angelegenheit der Ereignisses der wirkenden Wirklichkeit.



*Das Wesen des Geistes ist es, Fleisch zu werden, um sich so im Erkennen AM DINGHAFTEN zurück zum Geist zu biegen, vereinfacht gesagt, den Kreis der Liebe, der die Schöpfung als Analogie Gottes ist, in sich zu schließen. Fleischlichkeit, Dinghaftigkeit ist also die eine Seite des reinen Geistes, und sie ist seine unabdingbare Seite - weil Sein im Seienden im Maß seines Selbstseins (als Anteilhaftigkeit) ist, und damit erkennbar ist. Das ist das Geheimnis der Inkarnation Gottes in Jesus Christus, in einer wechselseitigen Aushauchung des Heiligen Geistes, und das ist der Sinn der Schöpfung.






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