Dieses Blog durchsuchen

Posts mit dem Label Satié (Eric) werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Satié (Eric) werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 11. Februar 2011

Zweifach

Eric Satié (1866-1925) - Gymnopedie No. 1

Jean Cocteau schreibt in "Hahn und Harlekin" über den Komponisten: "Satié ist das Gegenteil eines Improvisateurs. Man könnte meinen, daß sein Werk im voraus fertiggestelt wurde und daß er es gewissenhaft Note für Note loslöst. [Er] lehrt unsere Epoche die größte Kühnheit: schlicht zu sein. Hat er nicht den Beweis geliefert, daß er raffinierter sein kann als jeder andere? Er deckt jedoch den Rhythmus auf, befreit und entblößt ihn. Handelt es sich erneut um die Musik, auf der, wie Nietzsche sagte, 'der Geist tanzt, nach jener Musik, in der der Geist schwimmt'?"


***

Dienstag, 21. Dezember 2010

Das höchste Natürliche

Man hat sich genug über die Absonderlichkeiten des Musikers Satié aufgehalten. Sie waren im Bereich der Musik dasselbe wie die Seltsamkeiten des Hl. Philipp Neri im Reich der Gnade. Und hier ist der springende Punkt: Die Kunst ist ein Gleichnis der Gnade. Dichtkunst und Heiligkeit stehen zueinander im Verhältnis einer Analogie; ich nehme das Wort in der vollen starken Bedeutung, die es bei den Metaphysikern besitzt, als Ausdruck der Verwandtschaft wie der Verschiedenheit zweier Wesen. Aus der Verkennung dieses Analogiebegriffs kommen alle Irrtümer über das Wesen der Kunst. Die einen übertreiben die Ähnlichkeit und verwechseln die Kunst mit der Mystik, die anderen entleeren sie und machen aus der Kunst ein Handwerk, eine Technik. 

Doch die Kunst ist von oben, nicht wie die Gnade, die wesenhaft übernatürlich ist und uns an Gottes eigenem Leben teilhaben läßt. Aber die Kunst ist das vollkommenste natürliche* Ebenbild des göttlichen Wirkens. Unsere Kunst ist, nach den Worten Dantes, die Enkelin Gottes. Und sie stammt nicht bloß von jener Kunst ab, die als ihr reines Urbild die Welt geschaffen hat. 

Um eine Vorstellung von ihrem Adel zu erhalten, muß vielmehr das Geheimnis der ewigen Zeugung des Wortes angerufen werden: Die schauende Erkenntnis ist nämlich als solche fruchtbar, und wo sie nicht wie in Gott ein anderes Selbst hervorbringen kann, da will sie wenigstens ein Werk zeugen, das nach unserem Bilde gemacht ist und darin unser Herz fortschlägt."

Jacques Maritain in "Der Künstler und der Weise"


*Ich sage natürlich im Gegensatz zum übernatürlichen Wesen der Gnade Christi. Das hindert jedoch nicht, daß die Kunst in anderer Hinsicht, so wie die erste Philosophie, die Metaphysik heißt, über-natürlich genannt werden kann, insofern sie zwar nicht über die Ordnung der geschaffenen und erschaffbaren Natur schlechthin, wohl aber über die sinnliche Natur und über alle Gesetze der körperlichen Natur hinausragt, insofern also ihr Seinswert der transzendentalen Ordnung angehört.


***

Sonntag, 19. Dezember 2010

Ordnung machen

Eric Satié (1866-1925)
Jacques Maritain erzählt seinem Freund Jean Cocteau in einem Brief von der Bekehrung von Erik Satie, dem Komponisten. Der was schwer erkrankt, und Maritain hatte ihn noch wenige Wochen vor seinem Tod besucht.

"Als ich das erste mal sein Zimmer im Spital St. Josef betrat - Pierre de Massot hatte mich hingeführt und für einen Augenblick zurückgezogen - flüsterte er mir ins Ohr: "Sie wissen, ich bin nicht so ein hartgesottener Religionsfeind. Wenn ich gesund werde, werde ich mein Leben ändern. Aber nicht auf einmal, um nicht meinen Freunden Ärgernis zu geben. Und dann, ich habe jeden Morgen ein Kreuzzeichen gemacht ..."

Als der Spitalsgeistliche wie gewöhnlich am Karfreitag durch die Säle ging, um zu fragen, wer Ostern halten wolle, antwortete er: "Aber gewiß, ich bin katholisch!" Er beichtete des  Abends noch; da er die Gebete vergessen hatte, bat er die Pflegeschwester ihm bei der Buße zu helfen. Sie verrichteten zusammen das Gebet des Herrn und den Englischen Gruß; Satie weinte. Zweimal noch verlangte er nach der Heiligen Kommunion. Zu Reverdy, seinem Vertrauten, sprach er von seinen frommen Übungen in seinem unnachahmlichen, halb ernsten, halb schalkhaften Ton, den die Schamhaftigkeit ihm eingab, wenn er von sich selbst sprach.

Zu mir sprach er vor allem von Musik und von Küchensachen. [...] Einmal fuhr er mich derb an, weil ich eine auf seltsame Weise verschwundene Büchse Konfekt nicht mehr finden konnte. Alle Schubläden mußten durchstöbert werden. "Es ist doch nicht weit her mit einem katholischen Autor, wenn er nicht einmal imstande ist, eine verschwundene Büchse Konfekt zu finden. Man braucht sie bloß sehen, wie sie suchen, um zu wissen, daß sie sie nie finden werden."

Alles in allem zeigte er in seiner rätselhaften und grausamen Krankheit musterhafte Geduld. Und stets diesen seltsamen - von Überlegung und Ironie, von Ängstlichkeit und Absonderlichkeit getragenen - Ordnungssinn, der bei ihm eine so tiefe Bedeutung besaß. Zuletzt befiel ihn eine nur durch wache Momente unterbrochene Ohnmacht. Als ich an seinem Bette sitzend leise meinen Rosenkranz betete, erwachte er und sagte: "Es ist gut beisammen zu sein, wenn man zusammen denkt." Dann fiel er in Schlaf. Das sind die letzten Worte, die ich aus seinem Munde hörte. Nach einer halben Stunde ging ich leise fort. 

Ich sah ihn erst wieder, als er auf der Bahre lag. Er hatte die letzte Ölung bei vollem Bewußtsein erhalten. Ich glaube, daß er seinen Freunden viel erbitten wird."

"Gott kann man nichts vormachen," schreibt er dann an anderer Stelle. "Er verachtet die Literatur. Er hat das reine Auge Satié's geliebt."

Aus "Der Künstler und der Weise - Jean Cocteau und Jacques Maritain - Briefe"

***



***