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Freitag, 18. Dezember 2020

Wende der Optimierungstechnik

Auf Anregung von Leser R bringt der VdZ diesen Artikel aus dem Oktober 2010 noch einmal. Er sei, so R, so frisch und aktuell, dabei aber so vorausschauend, als sei er heute geschrieben. Gern geschehen!

Die Kosten nicht kalkuliert 

 

"Unbegrenztes exponentielles Wachstum, endgültige Überwindung von Knappheit war die gemeinsame Voraussetzung der technokratischen und der radikal-emanzipatorischen Ideologie. Marxistische Panegyriker einer verwandelten und humanisierten Natur und einer am Ende auch verwandelten Natur des Menschen dachten ja nur jene Utopie zu Ende, die, wie Jonas zeigt, strukturell in der wissenschaftlich-technischen Zivilisation verankert ist: die Verwandlung der Realität in Science-Fiction

Sie macht den Menschen im ursprünglichen Sinne des Wortes "utopisch", das heißt ortlos, indem sie ihn der ökologischen Nische entreißt, in der alles Lebendige angesiedelt ist. Jonas hat das Ruchlose dieses utopischen Optimismus sichtbar gemacht, und er läßt sich nicht verblüffen durch das Argument, wir könnten doch nicht zurück wollen zum Neandertaler, zur Sklaverei und zur Operation ohne Narkose. 

Man muß nämlich nicht leugnen, daß es in vielen Hinsichten für die Menschen auf der Erde Verbesserungen gegeben hat und daß viele Menschen heute noch vergeblich auf die Früchte dieser Verbesserungen warten, um gleichzeitig zu sehen, daß der Fortschritt im Singular ein Mythos war, daß jeder Fortschritt im Einzelnen verantwortlich in Beziehung zu seinem Preis gesetzt werden muß, und daß der wissenschaftlich-technische Fortschritt [was auf unser ökonomisches und zwischenmenschliches Verhalten gleichfalls längst anzuwenden ist, denn wir haben es hier mit einer allgemeinen Haltung in immer individueller Gestalt zu tun; Anm.] inzwischen bei uns längst unter das Gesetz des abnehmenden Grenznutzens geraten ist."

Robert Spaemann, in "Laudatio für Hans Jonas"

***

Vor mittlerweile fünfzehn Jahren habe ich über diesen letzten Satz mit dem so hochzuschätzenden Pädagogen und Philosophen Walter Braun (dem ich so viel verdanke) einen brieflichen Disput geführt, der - Kriegsgeneration, und deshalb aus völlig anderem Erlebenshintergrund als ich - diese Folgerung (die Spaemann, mit Jonas, sehr richtig sieht) zu ziehen verweigerte. Denn diesen Satz Spaemanns kann man an dem (damaligen) konkreten Diskussionspunkt illustrieren: 

Die Folgen für die menschliche Basis des einzelnen Kindes aus dem, was mit dem Schulbesuch (damals ging es darum) einhergehend auf ihn zukommt, sind so dramatisch zerstörerisch, daß das Wort '"Bildung" völlig neu durchgedacht werden muß, weil es vom Hintergrund eines verpflichtenden Besuchs öffentlicher Schulen abgelöst werden muß. Gleiches läßt sich auf mittlerweile nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche anwenden, deren fortlebende kulturelle Gestalt ursprünglich einem Übel abhelfen sollte (bzw. Wirklichung der Einzelnen zur Kultur institutionalisierte), längst aber weit mehr neue und vernichtende Übel hervorruft. Weil die humane Basis, die Fähigkeit sich noch aus eigener Kraft zu sich selbst zu regenerieren, nach diesem (Doderer) Kübel, der ihm über den Kopf gestülpt wurde den Dreck noch wegzuräumen, der an ihm zeitlebens herunterläuft, nachhaltig zerstört ist.

Besonders deutlich auch wird dieser Satz in manchen Bereichen heutiger "Medizin", deren "Kollateralschäden" (Stichworte: unter anderem Fortpflanzungsmedizin; Transplantationsmedizin) jeden Nutzen bei weitem übertreffen.

Dieser letzte Satz Spaemanns bedeutet tatsächlich historisch einen Aufruf zur "Wende", zu einem Abschied von Paradigmen, die Jahrzehnte und Jahrhunderte bestimmend waren. Wir stehen vor einem dramatischen Umbruch - den wir entweder gestaltend annehmen, oder aber über uns hereinbrechen lassen, wie es die Linke (interessanterweise, und gegen alle Beteuerungen) als die konservierende Kraft (denn die Utopie ist mittlerweile, weil als Handlungs- und Politikparadigma etabliert, konservatives Element) ansteuert.

Denn - wie oben formuliert - die Normalität wurde zerstört. Während sonst die Normalität der (ungefähre) Rahmen des ethisch Guten ist, ist er heute der Rahmen einer zerstörerischen Ethik. Denn die Erhaltensbedingungen des Menschen sind eben nicht - wie in der prinzipiell wertfreien Technik, die Ethik nur als Optimierungsstrategie versteht - beliebig variabel.
 
 
 
*021220*

Dienstag, 19. Oktober 2010

Du sollst Dich fürchten

"Wir hingegen nehmen uns schon - unter dem Vorwand der Verbesserung - eine viel zu große Bevormundung und Festlegung kommender Generationen heraus durch die Art unserer irreversiblen Investitionen. Umso wichtiger ist es für die europäisch-amerikanische Menschheit, ihren Lebensstandard nicht als unverzichtbaren Besitzstand zu betrachten und noch gar ihre Utopien dem Rest der Welt zu suggerieren. 

Wir haben nicht das Recht, unsere sozialen und ökonomischen Probleme auf Kosten kommender Generationen zu lösen.

Zur utopischen Hybris gehört auch der Gedanke, es könne Globalplanungen geben, die alle Nebenfolgen großräumiger Aktionen mit bedenken. Je großräumiger die Planung, desto großräumiger die unvorhersehbaren Nebenfolgen.


Nie hat mehr als heute gegolten, daß das Bessere der Feind des Guten ist. Das "Prinzip Verantwortung" ist bewußt und ausdrücklich dem "Prinzip Hoffnung" entgegengesetzt. Nicht Hoffnung, sondern Sorge muß künftig das leitende Prinzip menschlichen Handelns sein. Sorge heißt nicht persönliche Angst, Angst um das eigene Schicksal. Panik ist ein schlechter Ratgeber. 

Worauf es ankommt ist vielmehr, aus Vernunft und sittlicher Verantwortung eine Furcht in uns zu kultivieren, die, ebenso weit entfent von Angst wie von Hoffnung, nichts anderes als die angemessene emotionale Antwort auf die reale Gefährdung des Lebens auf der Erde ist."

Robert Spaemann, in "Laudatio auf Hans Jonas"

 
*191010*

Montag, 18. Oktober 2010

Zerstörung der Normalität

"Die Utopie, der Versuch, die Normalität der conditio humana prinzipiell zu überwinden, führt dazu, die Bedingungen jener Normalität zu zerstören, die Leben heißt."

Hans Jonas

*181010*

Sonntag, 17. Oktober 2010

Nach welchem Bilde uns machen?

"Vernunft, Sittlichkeit, Humanität, Kultur sind die Weisen, wie eine bestimmte Form des Lebens, nämlich die des Menschen, zu sich gekommen sind. 

Wir verfügen über keinerlei Maßstäbe dafür, wie diese Natur verändert werden sollte, um menschlich zu bleiben, menschlicher oder gar besser als menschlich zu werden. 

Denn alle diese Maßstäbe sind und bleiben unsere Maßstäbe. Wir aber sind von Natur Menschen, oder wir sind gar keine Menschen. [Wie aber sollten wir dann unsere Zukunft  bzw. uns selbst gestalten? Anm.]"

Robert Spaemann, in "Laudatio für Hans Jonas"

 
*171010*

Freitag, 15. Oktober 2010

Die Kosten nicht kalkuliert

"Unbegrenztes exponentielles Wachstum, endgültige Überwindung von Knappheit war die gemeinsame Voraussetzung der technokratischen und der radikal-emanzipatorischen Ideologie. Marxistische Panegyriker einer verwandelten und humanisierten Natur und einer am Ende auch verwandelten Natur des Menschen dachten ja nur jene Utopie zu Ende, die, wie Jonas zeigt, strukturell in der wissenschaftlich-technischen Zivilisation verankert ist: die Verwandlung der Realität in Science-Fiction

Sie macht den Menschen im ursprünglichen Sinne des Wortes "utopisch", das heißt ortlos, indem sie ihn der ökologischen Nische entreißt, in der alles Lebendige angesiedelt ist. Jonas hat das Ruchlose dieses utopischen Optimismus sichtbar gemacht, und er läßt sich nicht verblüffen durch das Argument, wir könnten doch nicht zurück wollen zum Neandertaler, zur Sklaverei und zur Operation ohne Narkose. 

Man muß nämlich nicht leugnen, daß es in vielen Hinsichten für die Menschen auf der Erde Verbesserungen gegeben hat und daß viele Menschen heute noch vergeblich auf die Früchte dieser Verbesserungen warten, um gleichzeitig zu sehen, daß der Fortschritt im Singular ein Mythos war, daß jeder Fortschritt im Einzelnen verantwortlich in Beziehung zu seinem Preis gesetzt werden muß, und daß der wissenschaftlich-technische Fortschritt [was auf unser ökonomisches und zwischenmenschliches Verhalten gleichfalls längst anzuwenden ist, denn wir haben es hier mit einer allgemeinen Haltung in immer individueller Gestalt zu tun; Anm.] inzwischen bei uns längst unter das Gesetz des abnehmenden Grenznutzens geraten ist."

Robert Spaemann, in "Laudatio für Hans Jonas"

***

Vor mittlerweile fünfzehn Jahren habe ich über diesen letzten Satz mit dem so hochzuschätzenden Pädagogen und Philosophen Walter Braun (dem ich so viel verdanke) einen brieflichen Disput geführt, der - Kriegsgeneration, und deshalb aus völlig anderem Erlebenshintergrund als ich - diese Folgerung (die Spaemann, mit Jonas, sehr richtig sieht) zu ziehen verweigerte. Denn diesen Satz Spaemanns kann man an dem (damaligen) konkreten Diskussionspunkt illustrieren: 

Die Folgen für die menschliche Basis des einzelnen Kindes aus dem, was mit dem Schulbesuch (damals ging es darum) einhergehend auf ihn zukommt, sind so dramatisch zerstörerisch, daß das Wort '"Bildung" völlig neu durchgedacht werden muß, weil es vom Hintergrund eines verpflichtenden Besuchs öffentlicher Schulen abgelöst werden muß. Gleiches läßt sich auf mittlerweile nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche anwenden, deren fortlebende kulturelle Gestalt ursprünglich einem Übel abhelfen sollte (bzw. Wirklichung der Einzelnen zur Kultur institutionalisierte), längst aber weit mehr neue und vernichtende Übel hervorruft. Weil die humane Basis, die Fähigkeit sich noch aus eigener Kraft zu sich selbst zu regenerieren, nach diesem (Doderer) Kübel, der ihm über den Kopf gestülpt wurde den Dreck noch wegzuräumen, der an ihm zeitlebens herunterläuft, nachhaltig zerstört ist.

Besonders deutlich auch wird dieser Satz in manchen Bereichen heutiger "Medizin", deren "Kollateralschäden" (Stichworte: unter anderem Fortpflanzungsmedizin; Transplantationsmedizin) jeden Nutzen bei weitem übertreffen.

Dieser letzte Satz Spaemanns bedeutet tatsächlich historisch einen Aufruf zur "Wende", zu einem Abschied von Paradigmen, die Jahrzehnte und Jahrhunderte bestimmend waren. Wir stehen vor einem dramatischen Umbruch - den wir entweder gestaltend annehmen, oder aber über uns hereinbrechen lassen, wie es die Linke (interessanterweise, und gegen alle Beteuerungen) als die konservierende Kraft (denn die Utopie ist mittlerweile, weil als Handlungs- und Politikparadigma etabliert, konservatives Element) ansteuert.

Denn - wie oben formuliert - die Normalität wurde zerstört. Während sonst die Normalität der (ungefähre) Rahmen des ethisch Guten ist, ist er heute der Rahmen einer zerstörerischen Ethik. Denn die Erhaltensbedingungen des Menschen sind eben nicht - wie in der prinzipiell wertfreien Technik, die Ethik nur als Optimierungsstrategie versteht - beliebig variabel.

 
*151010*