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Mittwoch, 21. März 2018

Rückbesinnung auf das Menschsein

Flieder

Nun weiß ich doch, s'ist Frühling wieder.
Ich sah es nicht vor so viel Nacht
und lange hatt ich's nicht gedacht.
Nun merk ich erst, schon blüht der Flieder.

Wie fand ich das Geheimnis wieder?
Man hatte mich darum gebracht.
Was hat die Welt aus uns gemacht!
Ich dreh mich um, da blüht der Flieder.

Und danke Gott, er schuf mich wieder,
indem er wiederschuf die Pracht.
Sie anzuschauen aufgewacht
so bleib' ich stehen. Noch blüht der Flieder.


Karl Kraus






*110318*


Sonntag, 7. Dezember 2014

Alles mußte sehr schnell gehen (6)

Teil 6) Nachtrag - Ein tragischer Selbstläufermythos




Nun wurde und wird der (ohne jeden Zweifel) grandiose Sieg der weit unterlegenen deutschen 8. Armee bei Tannenberg bzw. Ostpreußen (über eine insgesamt dreifach überlegene russische Militärmacht) als Beweis der Richtigkeit der deutschen Strategie- und Militärdoktrin gewertet. Dabei wird (wie u. a. Gerhard P. Groß schreibt) völlig unter den Tisch gekehrt, daß Tannenberg fast das Gegenteil beweist. Denn hier war die deutsche Armee in der Defensive, und konnte auf eine hervorragende Logistik zurückgreifen. Zum Angriff auf die russische Südarmee und Samsonow wurden Soldaten mit den ostpreußischen Bahnen regelrecht bis in die Kampflinien hineingefahren. 

Diese Bedingungen aber fehlten genau der deutschen Doktrine, die davon ausging, daß sie im Feindesland kämpfe, und nur in der Rückhand taktisch und rasch (nach dem Süden, zu Samsonow) "verschob". Außerdem waren die Russen derartig sicher (und intrigant zerstritten), daß die weit unterlegenen Deutschen flüchteten (und nicht: umgruppierten), daß die Nordarmee unter (dem Deutschen) Rennenkampf auf bis heute nicht ganz nachvollziehbare Weise "nach Westen bummelte".

So aber hat ein aus politischen Gründen hochstilisierter Mythos - denn im Westen war man gescheitert, also brauchte man einen neuen Siegesmythos, um den Glauben an die Gewinnbarkeit wieder aufzurichten - eine gesamte strategische Ausrichtung für sakrosankt erklärt, die sich spätestens 1939/45 als fatal erweisen sollte. Und dennoch bis heute so massiv nachwirkt, daß die ganze Welt an einen Irrtum glaubt, der ein Hasardspiel ist. Weil man zwar einzelne Schlachten sehr gut damit gewinnen kann - aber jeden Krieg damit verliert.

Alle auch späteren Teilsiege (wie im Zweiten Weltkrieg, zu Anfang vor allem), die zweifellos (aus militärischer Sicht) oft grandios waren, wurden entsprechend verklärt, bewirkten aber eine fatale Selbstüber- und Feindesunterschätzung, und verhindern bis heute, daß die Fatalität der deutschen Militärdoktrine und Gesamtstrategie gesehen wird. Man klammert sich an die Überlegenheit des deutschen Militärs, und übersieht, daß sie in einzelnen Strohfeuern ihre Kraft verpulverte. Die hell leuchten konnten, aber genau damit nie in eine sinnvolle Gesamtstrategie eines Volkes einmünden oder diese gar begründen konnten.

Genau das erzählt die Geschichte der Kriege seit mehr als einem Jahrhundert.




***

Samstag, 6. Dezember 2014

Alles mußte sehr schnell gehen (5)

Teil 5) Fußnoten und Exkurse




*Diese Tatsache hat sich in der späteren BRD noch weiter verschärft, und stellt deutsche Außenpolitik vielfach in ein anderes Licht, als manche Öffentlichkeit ahnt. Denn sogar noch Kanzler Kohl hatte das formulierte Ziel, Deutschland im Rahmen einer gesamteuropäischen Sicherheitspolitik vom reinen Aufmarschraum zum Kernkampfgebiet der NATO - quasi zu seiner "inneren Linie" - zu machen, die NATO-Strategie also umzuformen. Denn sonst wäre Deutschland im Falle eines Krieges West gegen Ost zum bloßen Austragungsort von Schlachten, zur äußeren, keinem Maß der Zerstörung mehr unterworfenen Konfliktlinie geworden, und so wurde es in den NATO-Überlegungen nach 1945 ja tatsächlich eingestuft. Wenn jedoch die NATO ein "intaktes" Deutschland brauchte, würde es militärisch anders agieren müssen.  

Das beleuchtet auch die Vehemenz, in der Deutschland auf eine EU- und NATO-Erweiterung NACH OSTEN drängt, und wirft auch ein ganz anderes Licht auf die Rolle, die die Ukraine im Rahmen der gesamten NATO-Strategie hat. Deutschlands Militärstrategie (die maßgebend für die ganze Welt wurde) braucht zwei Räume, weil sie die im eigenen Land (theoretisch: anders als Rußland) nicht hat: eine vordere (äußere) Linie als Kampfort qualitativ hochwertiger Einheiten, um in der inneren Linie rasch umgruppieren zu können. (Ob sich das die Ukrainer ausreichend bewußt machen?) 

Und es erklärt sogar, warum dieser Nord-Südgürtel, vom Baltikum über Ostpolen, Weißrußland und die Ukraine bis zum Schwarzen Meer, seit mehr als 100 Jahren einen derartig hohen Blutzoll zu leisten hatte. Timothy Snyder spricht in "Bloodlands" von 14 Millionen Toten, die alleine dem sowjetischen und hitlerschen Terror zuzuschreiben sind, ohne Kriegstote (1. Weltkrieg; Krieg Polen vs. Sowjetunion, oder der sowjetische Bürgerkrieg) und viele Millionen (!) Auswanderer zu rechnen. 

Was Hitler und Stalin'sche Säuberungen und Völkermorde damit zu tun haben? Alles. Auch in Feldzügen sind Kampfräume - "Gräben" (wie die Zonen des Niemandslandes hießen, auf die vor den Stadtmauern der Müll gekippt wurde), Stätten der Nicht-Orte, Exterritorien der Kultur, in denen niemand etwas sieht, hört, riecht oder schmeckt, das niemand kennt, und um das niemand weint. Woran sich auch niemand mehr erinnert. Weil nichts menschlich-göttlichem Maßstab genügen muß, und doch alles amnestiert wird. (Friedensschlüsse enthielten zumindest früher immer auch Generalamnestien.)

Der VdZ kann sich auch nicht im Entferntesten vorstellen, daß das westlich der Karpaten liegende Europa - EU, NATO - ernsthaft daran denkt, die Ukraine so weit zu ihrem "Territorium" zu zählen, als sie sie als Kernland tatsächlich verteidigen wird. Das ist (und war) militärstrategisch gar nicht möglich.

**Recht sicher war der immer tiefere Konflikt zwischen der deutschen und österreichischen Generalität - namentlich Falkenhayn, Hindenburg etc. hier, Conrad von Hötzendorf dort - weit tiefer motiviert, als es etwa Jörg Friedrich in "14/18", aber auch viele andere, darstellen, die die Folgen der deutschen Strategie vielleicht nicht ausreichend begreifen. Hötzendorf dürfte aber die fatale Problematik der deutschen Strategie erkannt haben, wußte, daß die nur aufgehen konnte, wenn man den Gegner definitiv besiegte. Das hat sich am deutlichsten nach dem "Durchbruch bei Gorlice-Tarnow" im Mai 1915 gezeigt. Hötzendorf verlangte die Verfolgung der vorerst geschlagenen Russen, unter Abschneiden ihres Südflügels, um sie nachhaltig zu besiegen. Doch der deutschen Generalität waren die Aufgaben im Westen wichtiger. 

Hötzendorf muß begriffen haben, daß Österreich-Ungarn in der deutschen Doppelmühle gleichermaßen festsaß, hatte aber zu geringe eigene Kräfte zur Verfügung. Denn die waren zum einen in den ersten Offensiven der Russen bereits verblutet (Österreich verlor bis zum Winter 1914/15 praktisch seine gesamte Armee, mußte alleine im Osten 1,4 Millionen Mann ersetzen; es hatte aus ähnlichen strategischen Konzepten wie Deutschland, aber mit weit schlechteren Bedingungen, mit keinem langen Krieg gerechnet). Zum anderen traf die Kriegserklärung Italiens ein, das auf den günstigsten Moment gewartet hatte, um seinen Preis bei den Alliierten (Südtirol und Trentino, Triest-Istrien-Slowenien/Krain, Westküste der Adria bis Albanien) hochzutreiben - die vorerst bereits dritte Front für Österreich-Ungarn tat sich auf. 

***Das Argument "Alternativlosigkeit", aber auch der Zeitdruck, hat in Teutonien eine sehr lange Tradition, er wurde zum Selbstgefühl. Auch bei Hitler läßt sich belegen, daß er sich unter höchstem Zeitdruck fühlte, schnell und unentwegt Fakten zu setzen, die den anderen pausenlos überraschten, und Besinnen ständig neu verhinderten.

****Der VdZ hat immer wieder und gerne Erinnerungsbücher an die Monarchie gelesen, häufig von damaligen Spitzen der Monarchie, oft hohen Adels, verfaßt. Bei aller Liebe und Wehmut, in der man gerne einmal sein Herz weiden läßt, kam doch immer wieder Entsetzen auf: Das war die damalige Elite? In einer solchen Sonderwelt dachte und handelte sie? Bei so viel Wirklichkeitsverweigerung, Verkennung der Welt und der Menschen, bei so viel - oft dabei so überaus charmanter - Selbsttäuschung wundert einen wirklich nichts mehr. Und das sagt der VdZ, der bekanntermaßen Monarchie und wahres Menschentum für Synonyme ansieht. 

Dabei soll offen bleiben, ob dieses fast kindliche Unverständnis, mit der die österreichische Monarchie der modernen Zeit gegenüberstand, in der ihre Wertbegriffe gar nicht mehr vorkamen, nicht die wahre Größe jener Epoche war, der nachzuweinen dann jede Träne wert wäre. Hier hält sich der VdZ aber gerne an Karl Kraus als Zeitzeugen. Der ja keineswegs ein Linker, sondern nur ein scharfer und wahrhaftiger Geist war, der sich in seinen späteren Jahren sogar offen zu politischen Konzepten der Restauration hierarchischen Staatsaufbaus bekannte. Weil er erkannt hatte, daß mit der Monarchie eine ganze - und eigene (!)- Kultur zerstört worden war.

Die k.u.k-Armee war schön. Aber sie hatte zu wenig Nutzen einer Welt der Verzweckung gegenüber. Ob das zu bedauern ist? In jedem Fall muß es dem deutschen, technizistischen Zwecksinn ein Greuel gewesen sein. Wer einmal hier vor dem alten Wiener, dort am Berliner Landwehrkanal vor dem preußischen Kriegsministerium steht, kann die völlig verschiedene Kategorie des Kriegsverständnisses deutlich fühlen. Hier ist immer noch Spiel, dort ist Thors Hammer, der der Welt einen Würfel schlägt.

Deshalb die häufigen Berichte aus dem 1. Weltkrieg, daß in dem Moment, wo durch deutsche "Korsettstangen", durch deutsche Führung der Geist in den österreichischen Armeen wechselte, auch deren Verwendbarkeit, deren "Kampfkraft" sprunghaft stieg, sich den der der deutschen Divisionen anglich. Oh, der VdZ kennt diese Haltungsdifferenz sehr sehr gut. Dem deutschen Geist der Neuzeit ist vielfach nur dann beizutreten, wenn man bereit ist, das Menschsein über Bord zu werfen und ebenso nutzenorientiert-zweckhaft zu denken. Aber der Preis dieser Beschränkung auf ein Segment ist enorm - es ist der Verlust der Welt zugunsten eines "effizienteren" Scheinbildes. Die doch ein Irrtum ist, der der Welt auf seltsame Weise nicht gerecht wird und scheitert.

Morgen Teil 6) Nachtrag - Ein tragischer Selbstläufermythos




***

Freitag, 5. Dezember 2014

Alles mußte sehr schnell gehen (4)

Teil 4) Und weitere Faktoren, deren diese Strategie bedurfte



Ein Faktor stellte sich sehr rasch als das wahre Problem dieser Strategie dar - der vermeintlich doch ihre Stärke war: die notwendige Zusammenfassung von Politik und Militär. Alle diese Linien mußten ja in einer Person zusammenlaufen. Und das war im Fall Deutschlands der Kaiser, Wilhelm II. Der erwies sich sehr bald aber als mit zumindest dem militärischen Bereich viel zu überfordert, um ihn in eine Gesamtstrategie des Staates einzubinden. Er war zwar im Großen Hauptquartier des Heeres bis Sommer 1918 physisch anwesend, spielte aber lieber Skat und ging auf die Jagd. Von der militärischen und immer brutaleren Realität der Fronten bekam der formale "Oberste Kriegsherr" nichts mit, während die Intrigen "bei Hofe" ausuferten, sodaß Moltke im Stab zusätzlich einen Mehrfrontenkrieg kämpfen mußte. Wie hätte sich hier die der ursprünglichen Strategie fehlenden Szenarien, militärisch wie diplomatisch, entwickeln sollen?

Wie sah es denn aber mit den rein diplomatischen Notwendigkeiten dieser ursprünglichen Strategie aus? Deutschland brauchte für diese Konzentration auf den Westen aber Verbündete für den Osten. Beide Fronten konnte es nicht zugleich bedienen. Es brauchte nicht nur Österreich, sondern auch die Türkei, um einen russischen Angriff vom Süden her zumindest durch Bedrohung zu schwächen. Während der Verbündete über die Bagdad-Eisenbahn mit Nachschub versorgt werden konnte, um die Alliierten in Levante und Mittelmeer zu binden, vielleicht sogar den Suez-Kanal abzuschnüren, und einen Vorstoß der Alliierten über den Balkan zu verhindern. Wozu auch Bulgarien (und ein neutrales Rumänien) benötigt wurde. Phantasien von einem geplanten deutschen Vorstoß bis nach Indien, um England von seinen Kolonien abzuschneiden, wurden auch in Deutschland als utopisch angesehen. Aber das Interesse an der Niederwerfung Serbiens war durchaus im eigendeutschen Interesse, denn Serbien durchschnitt die strategisch bedeutsame Nachschublinie.

Österreich-Ungarns Rolle im Rahmen der deutschen Strategie war aber entscheidend, das Gelingen der Gesamtstrategie aber gleichermaßen für Österreich wie Deutschland überlebenswichtig. (Umso erstaunlicher ist, daß es nie zu strategischen Abstimmungen gekommen war; man hatte einander nur vage informiert.) Es mußte die zahlenmäßig überlegenen Russen im direkten Kampf binden und bis zum Sieg im Westen aufhalten, bedeutete außerdem für russische Armeen im "polnischen Balkon" die direkte Bedrohung, abgeschnitten zu werden. Wichtig, weil Berlin nur wenige hundert Kilometer von der deutsch-polnisch/russischen Grenze entfernt lag und die Kräfte für eine Verteidigung auf jeden Fall fehlten. DESHALB der russische Vorstoß über Ostpreußen, der mit dem bekannten "Tannenberg-"Sieg, einem meisterlichen Hasardstück eben dieser deutschen Taktik, seine Wende fand.

Aber schon in Ostpreußen zeigte sich, mit welch hohem Risiko Deutschland operieren mußte, wie die Ereignisse aber auch die Selbsteinschätzung deutschen Militärs fehlleiteten. Denn Tannenberg gelang nur durch die Animositäten und Nachlässigkeiten innerhalb der russischen Generalität. So wie die Deutschen in Ostpreußen 1914 operiert außerdem nur jemand, der keine Wahl hat und alles auf eine Karte setzt.*** Die Grunddogmen der deutschen Heeresleitung änderten sich nicht: Ein Krieg gegen Rußland war nicht zu gewinnen, mehr als Teilerfolge waren dort nicht zu erzielen, man mußte im Westen gewinnen.

Während Österreich, das sich bald seinerseits in einem Drei-, ja Vierfrontenkrieg wiederfand, mit dem Auffangen des russischen Hauptstoßes bereits 1914 ans Ende seiner Leistungsmöglichkeiten kam. Formuliert man es ein wenig überspitzt, so müßte man eigentlich sagen, daß Deutschland seine militärischen Probleme ausgelagert, an andere weitergegeben hat. Die erstickten nun daran, und mußten sich dafür den Hohn der Nachbarn anhören. Unabhängig davon, daß die österreichische Führung weithin tatsächlich ein Gipfelpunkt von Unfähigkeit und Dekadenz war, nicht viel anders als in Rußland. Karl Kraus' "Die letzten Tage der Menschheit" dürfte äußerst realistisch den Zustand in der k.u.k-Armee schildern. Für beide Monarchien war ja das Ende 1917/18 sehr realer Vollzug ihres inneren Zustands, da hilft kein sentimentales Nostalgiewunschdenken.****

Die Psychologie wurde also noch bedeutsamer, denn ein Feind war erst besiegt, ein Krieg gewonnen, wenn das der Feind, ja ein Volk auch selber so sah. War das nicht zu erreichen, mußte man sich auf einen Volks- und Partisanenkrieg einrichten, und der - das wußte man schon damals, und es stimmt bis heute - war niemals zu gewinnen. Deshalb spielt der Mythos, an den die Menschen glauben, die Medien die ihn verbreiten, stärken, ausarbeiten, eine noch größere Rolle denn je. Die moderne Massen- und Mediengesellschaft, die pseudologischen Zivilisationen als eigentliche Objekte der Propaganda, entscheiden auf diese Weise tatsächlich Kriege.

Was erklärt, warum sich die USA derart massiv auf diese Ebene gestürzt haben und stützen. Nicht zuletzt die Erfahrungen des Krieges gegen Frankreich 1870/71 haben das bestätigt: Durch den Sturz der Regierung war der erste und machtvolle Sieg Deutschlands fast nichtig geworden, denn nun hatte sich das Gesicht des Gegners gewandelt. Nur die Tatsache, daß sich das Volksheer - etwas anders als 1940ff - noch als Militär verstand, militärisch operierte, hat Frankreich letztlich doch besiegt. Als letzter Anklang an eine eingezäunte Kriegsführung durch Kabinettskriege.

Aber die USA befinden sich (wie sie selber meinen) geopolitisch gegenüber potentiellen Feinden in einer ähnlichen Lage wie Deutschland. Rußland gegenüber durch den Raum, Asien gegenüber durch dessen gigantische Überlegenheit an Menschen und Soldaten. Solche Gegner sind nach alter Militärweisheit prinzipiell unbesiegbar. Sie setzen also auf dieselbe, nur leicht modifizierte Militärstrategie, wie es Deutschland seit 200 Jahren tut - und wie es ihre großen Gegner auch tun.



Morgen Teil 5) Fußnoten und Exkurse



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Mittwoch, 6. Juli 2011

Den Gefallen tun, und die Lüge glauben

In Karl Kraus' "Dritte Walpurgisnacht" - einem scharfgeistigen Kommentar zum Nationalsozialismus, den er 1933 längst durchschaut hatte, weshalb Kraus ja zum überzeugten Anhänger der Vaterländischen Front von Dollfuß wurde, dem einzigen Widerstand gegen Hitler, dem er traute - findet sich folgende Passage, die Kraus einer Zeitung entnimmt:

"Auf dem Kurfürstendamm drangen dieser Tage in ein bekanntes Geschäft SA-Leute ein. Sie benahmen sich äußerst gefahrdrohend und der Sohn des Besitzers lief, während sein Vater im Laden festgehalten wurde, um Polizeischutz. Er rief der Schupo-Streife zu, in seinen Laden seien Kommunisten eingedrungen. Vor den SA-Leuten wiederholte er, er halte sie für verkleidete Kommunisten und Provokateure, da sich, wie aus den amtlichen Berichten hervorgehe, die SA gesittet und gesetzmäßig benehme. Nach längeren Verhandlungen blieb der Schupo nichts anders übrig, als die SA-Leute aufs Revier zu bringen."

Noch nie, schreibt Kraus, gab es bessere Geistesgegenwart. Dieser unbekannte Zivilist hat inmitten körperlicher Bedrohung wahren Widerpart geboten. Darauf aber zu bestehen, daß Lüge Wahrheit ist - diese Waffe hätte vieles verändert, vor allem würde sie den Deutschen die niederschmetternde Enthüllung ersparen, daß ihre Wahrheit Lüge war.

Und Kraus ficht mit dieser Waffe meisterlich! Als die Zeitungen schreiben, es seien bei der nationalsozialistischen Revolution keine zwanzig Menschen ums Leben gekommen, fordert er ein, daß die Marschliedparolen der SA reines Maulheldentum wären, wenn es da heiße: "Wenn's Judenblut vom Messer spritzt, geht's uns noch Mal so gut". Wenn das nicht stimme - was also solle das Volk aus der Notlage, in der es sich befinde, und die zu beseitigen die Nazis angetreten seien, endlich retten?

Warum, klagt Kraus, geht man auf so viel nicht ein, das die Nazis doch so freimütig anbieten - indem man sie einfach beim Wort nimmt! Nicht antizipiert, daß sie lügen, was sie fraglos tun - aber einen Schritt der Tat setze und sie zwingt, ihre lächelnde Fratze zu beweisen, oder sie vom Gesicht zu nehmen.


*060711*

Freitag, 21. August 2009

Nicht ganz bekannt, von Kraus

Fritz Kortner spuckt in seinen Memoiren gegen (den späten) Karl Kraus Gift und Galle. Denn Kraus hatte sich nicht nur zunehmend gegen die Linke gestellt, sondern Hitler auch noch völlig unterschätzt, wie Kortner meint. In der "Fackel" habe Kraus sogar Theodor Haecker das Wort erteilt, mit der (etwa 1935) getroffenen Aussage:

"Das aktive Böse dieser Welt ist heute in Westeuropa in der Form der Formlosigkeit in Presse und Publikum zu Hause, in Parlamentarismus, Wählerschaft, Bank- und Geldwirtschaft, lauter anonymen, vollkommen verantwortungslosen, nicht faßbaren Massenmächten. Ich werde aber von dem Glauben nicht lassen, daß der blutrünstigste Tyrann noch leichter zu jenem geistigen Verantwortlichkeitsgefühl gelangen kann, ohne das keiner herrschen darf, leichter, sage ich, als die von Verleger, Abonnenten und Inserenten abhängigen Redaktionskollegien in Massenauflagen erscheinender liberaler und sozialdemokratischer Zeitungen und Zeitschriften."

Schon zuvor zitiert Kortner mit Abscheu Kraus, wie dieser 1913 in der "Fackel" bereits schrieb: "Meine radikalen literatischen Freunde, die noch ahnungsloser waren als die feudalen Privatgesellschaften, haben ... seit fünfzehn Jahren nicht gemerkt, daß ich die Pest weniger hasse als meine radikalen literatischen Freunde. Sie haben meine Angriffe auf die jüdischen Liberalen, auf Bourgeoisie und Neue Freie Presse für linksradikal gehalten und nicht geahnt, daß sie, wenn ich überhaupt etwas will und wenn sich das, was ich will, auf eine staatsverständliche Formel bringen läßt, im höchsten Maße rechtsradikal sind. Sie haben geglaubt, ich sei ein Revolutionär, und haben nicht gewußt, daß ich politisch noch nicht einmal bei der französischen Revolution angelangt bin, geschweige denn im Zeitalter zwischen 1848 und 1914, und daß ich die Menschheit mit Entziehung der Menschenrechte, das Bürgertum mit Entziehung des Wahlrechts, die Juden mit Entziehung des Telefons, die Journalisten mit Aufhebung der Pressefreiheit und die Psychoanalytiker mit Einführung der Leibeigenschaft regalieren möchte."

Das sollte man vielleicht nicht nur wissen, wenn man Kraus als Fackelträger der Linken mißbraucht. Diese Seite an Kraus, der aber doch sein Werk die Qualität verdankt, an der niemand vorbeikann, und wie peinlich wäre es: die wirkliche Hellsicht käme nicht von Links ... wird gemeiniglich nämlich ausgeblendet, ja man vergißt sie sehr gerne. Hier also, als Überraschung, und mit Genugtuung serviert.





*210809*