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Samstag, 8. Januar 2011

Vorenthaltener Lebenssinn

Daß unser Leben so in Mechanismen, in Ablauftechniken eingespannt ist, hat eine Konsequenz, die einen aufs erste erstarren läßt, denn da deutet sich ein Schlüssel für vieles an. Und Heidegger regt ihn in seiner berühmten Ansprache "Die Technik und die Kehre" an.

Denn wenn alles, was den Menschen umgibt, zu einer bloßen Abfolge von Zwangsläufigkeit wird, wenn alles, was der Mensch dazu beitragen kann, eigentlich nur die Erfüllung (Heidegger bettet diesen Vorgang ein in die wunderschöne Begrifflichkeit von "Entbergen" und "Bestelltheit zur Unverborgenheit", wobei Bestelltheit zum unausweichlichen Geschick wird) eines Schrittes, der gar nicht anders aussehen könnte, den die Logik (die ja ebenfalls eine Technik ist) regelrecht erzwingt, verliert sich jede schöpferische, und damit die eigentlich humane Dimension. Der Mensch wird zum bloßen Handlanger eines Mechanismus.

Vor allem fehlt ihm damit eines: er hört nicht mehr den Ruf, an der Welt gestalterisch tätig zu werden! Dieser Ruf, der ihn eigentlich in seiner tiefsten Tiefe, und damit am vollständigsten erreicht, und der den wahren Anruf durch die Wirklichkeit und damit Gott bedeutet, hebt ihn erst in seine wirkliche Dimension der Gebrauchtheit, die nur er erfüllen kann.

Fehlt das, wird der Aufruf an ihn zur bloßen Abfolge-Pflicht, fehlt ihm damit auch der Lebenssinn. In den Worten Heidegger's: "Hierdurch verschließt sich die andere Möglichkeit, daß der Mensch eher und mehr und anfänglicher auf das Wesen des Unverborgenen und seine Unverborgenheit sich einläßt, um die gebrauchte Zugehörigkeit zum Entbergen als sein Wesen zu erfahren."

Es fehlt ihm also am Mut, der Welt frei und mutig zu begegnen, übersetzt man dies ins eher Lebenspraktische. Es fehlt ihm der Mut, von der Welt Aussage zu sich zu erwarten, und sie damit im Staunen erfassen UND SIE SELBST SEIN LASSEN zu wollen. Die Welt selbst wird nur noch "in Hinblick auf" entborgen, der originäre, individuelle Blick des Einzelnen wird irrelevant, er formt sich, um im Leben bestehen zu können, zum bloßen Erfüllungsgehilfen um, ja wird selbst ein Gestell", eine Maschine.

Identität kann sich so gar nicht mehr ganzheitlich bilden, sieht man davon ab, daß der Welt selbst ihr Wesentliches gar nicht mehr entborgen wird! Es bleibt also die Welt immer weiter verborgen! 

Identität verkommt zur Funktion, so sehr ein ganzer Mensch eine Aufgabe hat. Der entscheidende Punkt, meint Heidegger so erhellend, (und er trifft sich damit sogar mit dem Grundanliegen von Fénelon, so fernliegend der Gedanke im Moment manchem vorkommen mag,) liegt in der Grundhaltung, in der er der Welt entgegentritt.

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"Das Geschick der Entbergung [wenn also der Mensch zur bloßen Erfüllungsfunktion wird, Anm.] ist in sich nicht irgendeine, es ist DIE Gefahr. [der menschlichen Selbstverfehlung; Anm.] Waltet jedoch das Geschick [der Begriff ist im Sinne der Verhängtheit, Unausweichlichkeit zu verstehen; Anm.] in der Weise des Ge-stells, dann ist die höchste Gefahr. [...] Sobald das Unverborgene nicht einmal mehr als Gegenstand, sondern ausschließlich als Bestand den Menschen angeht und der Mensch innerhalb des Gegenstandslosen [denn in einer solchen Welt gibt es keine Dinge, keine Gegenstände mehr, sondern nur noch Funktionen; Anm.] nur noch der Besteller des Bestandes [denn das einem Ding als Eigenschaft mögliche ist dann das von ihm erwartete, als Sinn, auf den es reduziert wird, so wie man z. B. den Fluß zum Energiespeicher hochstaut, und ihn damit auslöscht; Anm.] ist, 

geht der Mensch am äußersten Rand des Absturzes, dorthin nämlich, wo er selber nur noch als Bestand genommen werden soll. [Und wenn man sich die aktuelle Diskussion um "Bildung" - nur eines von so vielen Beispielen - ansieht, gruselt es einen noch mehr, weil dieser Befund so real und nahe ist.]"

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Aber Heidegger beschreibt damit sogar die Gefahr heutiger "Religiosität". Letztlich, meint er, sinkt - inmitten einer so verstandenen, aufgeschlossenen weil so erlebten Welt - sogar Gott zur bloßen Wirkursache, zur "causa efficiens", und alles Hohe, Erhabene, Heilige und Geheimnisvolle verliert seine wesensgemäße Ferne. Eine bloß kausale Welt, aus Ursache und Wirkung, wird zunehmend nur noch "richtig", aber sie verliert alles "Wahre", das sich entzieht.

In einer solcherartigen Welt wird (in einer völligen Verkennung des Gesamtwesens der Welt!) schließlich alles Begegnende zum vom Menschen Gemachten! [Weil der Mensch nur noch seinen ausgewählten technischen Aspekten, eben "Gestellen", und diesen als Funktionserfüller, als abrufbaren "Bestand" also, begegnet; Anm.] Wie folgerichtig ist also damit auch jede dieser Hysterien der Weltuntergangsszenarien, die von Menschen gemacht worden sein sollen, wie sie uns - am Symptomatischesten: in den Grünbewegungen! - seit Jahrzehnten begegnen. Und im "Klimawandel-Syndrom" (so möchte ich das nun bezeichnen) so verzweifelt versuchen, die ganze Welt darein einzubinden.

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Donnerstag, 23. Dezember 2010

Richtig vorhergesagt

Die psychologische Reflexion, die sich auf die innere, die Motivation der Handlung bedingende Grundverfassung des Daseins richtet, kann die Liebe als Quelle der Spontaneität nicht erreichen, weil sie selbst die Manifestation jenes "Interesses" ist, das in der Liebe überwunden wird. Spontaneität und Reflexion schließen einander aus.

Gegenwärtigkeit der amour pur (der selbstlosen Liebe, Anm.) für die Reflexion ist nur eine Illusion des amour propre (der Eigenliebe, Anm.) So lange die Liebe die gegenständliche Form einer für die Reflexion antreffbaren Zuständlichkeit, also zum Beispiel die Form des Gefühls hat, ist sie nicht jene reine Spontaneität, die sich zwar im Vollzug ihrer selbst bewußt ist, aber sich jeder Vergegenständlichung durch Introspektion entzieht.

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Die Förderung der Bedeutung des Gefühls aus der Gottesbegegnung, das noch dazu sehr leicht zum "Maßstab" der Sittlichkeit wird, hat furchtbare Folgen, schreibt Fenelon einmal. Die Reflexion auf dieses Gefühl schiebt sich mehr und mehr in den Vordergrund, bis die Feststellung des Gefühls selbst zum Mittelpunkt der Reflexion wird, die sich mehr und mehr auflöst. Das führt langfristig zu einer völligen Entfernung von Gott.

Weil dies die religiöse Situation des Frankreich des 17. Jhds. kennzeichnet, sagt Fenelon eine völlige Entfernung von Gott voraus - und hat auf gespenstische Weise recht: seine Prophezeiung erfüllt sich im 18. Jhd.

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Dienstag, 21. Dezember 2010

Das Gute?

Klaren Geistes hat Fénelon die Gefahr erkannt, daß die Moral, ja daß sogar das "Erleben von Gott" von Gott trennbar ist, und, in eine Form von "Morallogizismus" verwandelt, getrennt werden wird, wenn die moralische Tat an sich in den Mittelpunkt des Heilsstrebens rückt, und das Gutsein, das gute Handeln, zum Moralismus wird.

Entscheidend aber ist vielmehr die Haltung prinzipieller Zustimmung zu Gott, von der aus das Rezipieren und Handeln angewegt und durchtränkt wird, also das "Richtige" zuerst, sodaß das "moralische Handeln" ein inhaltlich primär gar nicht bestimmbares, realitäts- und augenblicksgerechtes Handeln auf der Nadelspitze der Wirklichkeit ist. Daraus, aus dem momentanen Horizont, der das Gute ergibt, bestimmt sich dann die Güte einer Handlung.

Das wurde mißverstanden, und brachte ihm hier den Vorwurf des Quietismus ein, und mündete dort (u. a. bei Rousseau) in die Gleichsetzung von "natürlich" mit "geschichtslos".

Aber Fénelon meinte u. a. genau das Untenstehende. Und, ganz naiv, darf die Frage gestellt werden: Mangelt es der Welt an Geld? Mitten in einer Krise, die - und zwar in so vielerlei Hinsichten - eine Krise des Geldüberflusses, der Geldvergötzung ist? Und zwar auch dort, wo "kein" Geld ist - weil alles vom Geld erwartet wird, und damit die "spontane" (natürliche) Wirklichkeitsrezeption, und das ist das Leben, verloren geht.

Sind also Menschen gut, die keine Mittel scheuen, um sich brutal am Markt durchzusetzen, um dann das damit verdiente Geld ... wohltätigen Zwecken zu spenden? Der Zweck heiligt eben nicht die Mittel. Der Weg ist das Ziel, das darf hier tatsächlich so genannt werden. Das Gelingen soll nicht mehr in unserer Hand liegen. Gott hat die Welt nicht geschaffen und mit "Gesetzen" ausgestattet, nach denen sie, als (an sich) nichtssagender Mechanismus, abschnurrt. Sondern das Sein steht dem Menschen, der Welt, jeden Augenblick, auf diese Nadelspitze gesehen, als wirkliche und ganze Wirklichkeit gegenüber, die zum Mirakel wird, der der Mensch staunend und nur so aufnahmebereit wie daraus folgend gottebenbildlich entgegentritt. Das Gute ist vom (erfüllten) Wesen der Dinge, und damit vom (Darstellen in der Anteilhabe am) Sein, nicht zu trennen.

Gefunden bei thisisnthappiness
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Samstag, 18. Dezember 2010

Damals wie heute

"Nicht die Frage, ob es vernünftig sei, die Existenz Gottes anzunehmen oder nicht, ist [für Fénelon] die letzte Frage, sondern die, wie das durch die Reflexion entfremdete Subjekt "vernünftig" werden, wie es ich in dem durch den kartesischen Zweifel eliminierten Zusammenhang wieder integrieren könne. 

Nicht der Beweis der Existenz Gottes ist der entscheidende Punkt, sondern das Problem des Entschlusses, zu dem die Seinsfrage unter den Bedingungen der sich emanzipierenden Reflexion notwendig wird.

Ausgangssituation Fénelons ist die Entfremdung, d. h. zunächst und für ihn: die Situation des Christentums bzw. des christlichen Individuums in einer Welt, in deren Kategorien es sich selbst nicht mehr begreifen und aussprechen kann und die es deshalb als gottverlassen verstehen muß. 

Die Worte Jesu am Kreuz "Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" werden für Fénelon so bedeutsam wir für Pascal die Agonie am Ölberg, die bis zum Ende der Welt dauert. Fénelons besondere Weise, das Problem, das hierdurch aufgegeben ist, zu lösen, wird deutlich in der Abhebung gegen die verschiedenen Versuche, die Entfremdung aufzuheben. Bossuet, der väterliche Freund und dann der "adversarius" schlechthin [der bewirkte, daß Fénelons Thesen später von Rom verurteilt wurden; Anm.] verkörpert den "konservativen" Versuch, die Entfremdung nicht zur Kenntnis zu nehmen, sondern durch eine Theodizee der Weltgeschichte, durch theologischen Klassizismus und durch Kirchenpolitik zu überdecken. Daß diese Weltgeschichte als Theodizee, als triumphierende Apologetik, bereits selbst jene Säkularisierung bedeutet, zu deren Bekämpfung sie entworfen wird, kommt Bossuet nicht zum Bewußtsein."


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So schreibt Robert Spaeman in seinen "Reflexion und Spontaneität - Studien zu Fénelon" zur Beobachtung, daß Fénelon in seinen Thesen sich direkt pädagogisch verstand. Damit erscheint der französische Erzbischof als Vorläufer einer Entwicklung des Geistes in Europa, die sich bis zum heutigen Tag ungebremst entfaltet hat, und die bereits im 17. Jhd. - in der Gestalt Bossuets, seines Gegenspielers, der dann "siegte", indem er der "Orthodoxie" zum Sieg verhalf, der Fénelons Thesen schlicht über das Gerüst eines undynamischen Dogmatismus, zur Waffe mißbraucht, brach - alle Weichenstellungen vorfand.

Aber noch etwas zeigt sich in dieser Auseinandersetzung, und Spaemann spürt es punktgenau auf: die Reaktion Bossuets ist deckungsgleich mit jenem Konservativismus, der - ob "Neo-" oder "Tradi-" - kein Mittel gegen die Verirrungen der Zeit ist.

Vielmehr ist der Weg, den Fénelon sucht und aufzeigt, so schmal, daß ihn nicht links, nicht rechts, zu finden scheint. Es ist aber der einzig gangbare - denn Fénelon ist große Seele genug um die Wahrheit nicht zu verdrängen, daß das entscheidende Moment in der Existenzialität liegt, in der Begegnung mit Welt und Wirklichkeit an ihrem innersten Nadelpunkt. In Seelenläuterung und Klarheit. SO versteht Fénelon die Mystik, hier findet er sie als "gangbaren Weg" rückverlängert, von den Mystikern direkt ausgehend, mit deren Aussagen er alle Übereinstimmung findet, zu einer Grundhaltung des Lebens überhaupt. Hier wird Mystik als Grundhaltung des Christen sui generis identifiziert.

Bossuet, sein Gegner, vertritt den leider heute in den "Erneuerungsbewegungen" so fatal mißverstandenen Weg des Reflexivismus (als Erfahrungssimulation) und Theologismus, wie er an dieser Stelle schon so oft angeprangert wurde: wo das Reden von Gott zur Äquivokation wird, zum Logizismus, wo Worte innerhalb einer bestimmten Logik (und einer als magisch mißverstandenen Sprache) aneinandergereiht werden, ohne den Kern noch zu treffen, ohne diesen noch zu transportieren. Bossuet siegte. Und er stellte Weichen.

Aber es geht nach wie vor um die Überwindung der Gefangenschaft in sich selbst, um den Durchbruch zur Nadelspitze der Wirklichkeit. In den seither verstrichenen 300 Jahren wurde vor allem aber eines gemacht: die Pseudo-Welt perfektioniert, die zur Abwehr der wirklichen Wirklichkeit - und nur dort ist Gott zu finden - aufgebaut wurde und wird.

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Offensichtlich aber war in den 1950er Jahren das Problem bereits deutlich zu sehen, zumindest zu spüren. Denn nicht nur Spaemann hat es zum Ausgangspunkt seines Forschens gemacht, sondern auch später ihre Rolle spielende Philosophen wie Walter Hoeres ("Reflexion und Reflexivität"). Sie sehen in ihren Habilitationsschriften was auf uns zukommt, sie sehen die Entwicklung des in sich abschließenden inneren Erlebens, das letztlich ins Leere geht, und in einer subtilen Verzweiflung, samt ihren "Bekämpfungsmitteln" (Massendynamiken, Gruppendruck, etc., um das immer hermetischere, technizistischere Innen noch mit "Außen" und "Erleben" zu füllen) endet.

Wahrscheinlich war sogar DAS der Impuls ein 2. Vatikanisches Konzil einzuberufen. Als "pastorales", pädagogisches Konzil, das einen Ausweg aus der Starre und Unwirklichkeit und Entfremdung finden sollte. Fénelon hat es Jahrhunderte zuvor angerührt.

Er hat keinen moralischen oder moralistischen oder subjektivistischen Ausweg gesucht. Sondern er hat Blut daran geleckt, was es überhaupt heißt, Mensch zu sein. Denn was Fénelon darzulegen versuchte, und was ihn einerseits so populär, anderseits aber befehdet machte, war sein Bezug auf das Desinteressement der "amour pour", der reinen Liebe. Als letzte und unbedingte Norm des Menschseins.

Erziehung, Läuterung, wird damit zur Läuterung der reinen Liebe, als Grundhaltung der Offenheit, auf der aufruhend der Mensch im Leben Konkretion sucht und findet. Hier ist der Kernpunkt auch, in dem Vernunft vom Rationalismus befreit und verankert ist. Und wo sogar tradierte Moral wieder relevant wird - als Zaun und Markung, in keinem Fall als Spielball subjektiver Anwandlung, sondern gleichfalls als Prüfstein dieser reinen Liebe.

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Und plötzlich, ganz plötzlich, ist er da - der ganz ganz einfache, alte Volksglaube, der allen eigen und möglich ist. Der Glaube der einfachen Landpfarrer und Menschen. Als Weg einer Offenheit und eines Gehorsams, als Weg wirklicher Liebe, der "amour pour", der reinen Liebe.

Als Weg des Gehorsams, der alles zusammenschmilzt, in der Indifferenz zu dem, was tatsächlich erreicht wird, weil der Weg bereits das Ziel ist. Der gleiche Gehorsam, der den Wille Gottes wollen und erfüllen läßt, heißt den Menschen auch das "Noch nicht" hinnehmen.


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Donnerstag, 16. Dezember 2010

Bildung und Leben

"Während Erziehung gerade nur den gegenwärtigen Augenblick berücksichtigen kann und darf, hat die Bildung sich an seiner Aufgabe im Leben zu orientieren, wenn sie überhaupt bildend wirken soll.

So schreibt Fénelon einmal, und er hat nicht nur in diesem Satz exakt getroffen, worauf es ankommt. Er weist damit aber auch die gegenwärtige "Bildungspolitik" und die Maximen heutiger Pädagogik ins Land der Müllberge und kleinbürgerlichen Geisteszwerge: eine Gleichschaltung der Kinder und Jugendlichen im Schul- und Bildungsprozeß kann nur verheerende Auswirkungen haben.

Denn es kann keine Bildung ohne Identität,. ohne Stand, ohne bereits definiertes Berufsziel geben, das soll einstweilen hier - und einmal mehr -  angedeutet werden, Fénelon wird gewiß noch häufig Thema sein. Weil der konkrete Stand, die konkrete Lebensaufgabe zu erfüllen Aufgabe einer nur "Grundhaltungen" vermittelnden Pädagogik ist. Diese Konkretionen bewußt vermitteln zu wollen berührt das, was Fénelon mit "Fanatismus" bezeichnet, und was wir mit "Ideologisierung", mit "Pseudologie" benennen wollen. Fehlt somit dieses Identätsgerüst mangels "Öffentlichkeit" (hier frank und frei im Sinne Sonnetts definiert), bleibt "nichts", unerfüllte Bereitschaft. Es ist nicht positivistisch ersetzbar. Tugend, die eine Gewohnheit ist, kann nur konkret sein.

Ein Konzept, das eine quasi interesselose*, "neutrale" Bildung vermitteln will, die keinen Stand und keine Aufgabe kennt, die der Bildung bereits VORAUS gehen, muß in jedem Fall scheitern. Es gibt sie nicht, die "neutrale" Bildung. Weil Bildung immer mit Interesse, mit Eingebundenheit ins Leben, ins KONKRETE, definierte Leben und seine Anforderungen zu tun hat.

Das bestärkt die Aussage, daß jeder Euro, der derzeit ins offizielle Schulwesen gesteckt wird, mit einer bereits so hohen Wahrscheinlichkeit nicht nur hinausgeschmissen, sondern gar kontraproduktiv wirkt, daß er auf jeden Fall zu hinterfragen ist. Die Ergebnisse sprechen ja ohnehin für sich. Der Wurzeldefekt weitet sich nun immer ungebremster (Gesamtschule) aus - er liegt in dem, was heute als "Bildung" überhaupt definiert wird.

Unsere Schulsysteme, noch dazu eingebettet in einen Sozialstaat, der sozialpädagogisch die völlige Herauslösung aus dem Leben selbst bewirkt, der in präventiver Vollkaskomentalität die Menschen außerhalb aller Ursache-Wirkungs-Verhältnisse stellt, der damit allen Wirklichkeitsbezug zerstört, müssen scheitern, das läßt sich mit völliger Sicherheit vorhersagen.

Sage man später nicht, man habe es nicht wissen können. Man konnte es wissen. Und wenn in Einzelfällen noch Erfolge (wobei die heutigen Erfolgskriterien des aufklärerischen Utilitarismus ja folgerichtig gleichfalls obsolet sind) bei jungen Menschen erzielt werden, so nicht WEGEN, sondern TROTZ des Systems. Weil das Leben seine Notwendigkeiten im Einzelfall einfach immer wieder zur Anwendung bringt, weil die Wirklichkeit nie ganz und nie auf Dauer ganz auszudämpfen ist.

*Die Grundhaltung der "Interesselosigkeit" ist völlig anders zu verstehen, gewiß nicht als dumpfe Neutralität dem Leben gegenüber. Sie ist im Kontext von "Spiel" und "Kreuz" zu sehen, als Grundhaltung (ja, nennen wir es so, weil es direkt damit zu tun hat: des Gehorsams), zu nehmen, was aufgetragen wird.

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Sonntag, 12. Dezember 2010

Das höchste Gut, das uns gegeben ist

Daß sich bei Herder die folgende Stelle findet, zeugt von der beeindruckenden Einheit des Denkens, das im 17. und 18. Jhd. in Europa noch geherrscht hat. Denn Herder diskutiert es mit Shaftesbury, in Bezug auf Fénelon, dem er nachweise möchte, daß seine Religion sich mit der Spinoza's deckt. Und es geht um die LIebe. Und: wer denn dann liebt, in der reinen Liebe, in der Selbstvergessenheit und Interesselosigkeit.

Ist es denn dann ein Aufgehen in Gott? Ist es ein Hineingehen in den Allgeist, in dem man verschwindet?

Ganz klar nicht, sagt Herder. Und er begründet es recht einfach nachvollziehbar:

"Selbst wenn ich mich, wie der Mystizismus will, in Gott verlöre, und ich verlöre mich in ihm, ohne weiteres Gefühl und Bewußseyn meiner: so genöße ich nicht mehr; die Gotheit hätte mich verschlungen, und genäße statt meiner."

"Die Natur fängt immer vom Einzelnen an ... wer nicht zurückstoßen kann, kann auch nicht anziehn; beide Kräfte sind nur ein Pulsschlag der Seele"

"Zu unserer Seligkeit können wir nie den Begriff unseres Dasyns verlieren, und den menschlichen Begriff, daß wir Gott sind, erlangen .... Das höchste Gut, das Gott allen Geschöpfen geben konnte, war und bleibt eigenes Daseyn, in welchem eben Er ihnen ist und von Stuffe zu Stuffe mehr seyn wird. Alles in Allem."

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Freitag, 10. Dezember 2010

Ende der Kindlichkeit

Worauf der Rationalismus und die Aufgeklärtheit der Gegenwart, die im Grunde eine Ausgebufftheit ist, abzielt, ist die Zerstörung der Kindlichkeit. Die sie nur als Kindischheit kennt weil durch eine solche ersetzt, als einzigen Ausweg aus der unbefriedigend erlebten Rationalität. In der Irrationalität, dem Verharren auf A-Vernunft, als dennoch nur rationalistisches Gegengewicht gegen die so spürbare Unfruchtbarkeit und Unwirklichkeit des bloß Rationalen.

Kindlichkeit ist nicht Einfalt der Kindheit, Stehenbleiben im Zustand der Geistlosigkeit, Verlorenheit an die äußere Welt, sondern es ist die "gestorbene Existenz", die Existenz der Gnade, in der Überwindung der Natur. Die Haltung des Kindes ist keine kokette Abrufung einer überlegenen Technik des Zugangs zur Gnade, sondern zutiefst realistischer Ernst einer streng transzendent bezogenen Existenz, die zutiefst vertraut und sich - ohne Reflex aufs eigene Leiden - ausliefert, und man kann ja nur ausliefern, was man besitzt. Nicht reflexiv zufrieden und hochmütig rekognosziert, "naiv" zu sein.

Nur in dieser existentiellen Ernsthaftigkeit, die genaue jene überwundene Angst im Spiel hervorbringt, stellt sich jener wirklich "vereinsamenden Individualität" die Einung mit dem Geist selbst, und in diesem indirekt mit allen Menschen, ein. In jener Vernunft, die sich im "Herzen" (deshalb die Bedeutung des "Herz-Jesu-Verehrung", sie entstand zur selbe Zeit, als der Rationalismus aufkam) seine wunderhafte Ganzwirklichkeit bewahrt und schafft.

Kindheitsromantik gehört nicht zur Kindheit. Das Kind will nicht Kind bleiben, sondern so werden wie die Erwachsenen. Fénelon beschreibt deshalb das Kindlichkeitsideal als Leben in ganz normalem, ruhigem Alltagsvollzug: gewissenhaft, regelmäßig, ruhig, frei und bestimmt. Wenn da Kind wüßte, daß der Indianer nur durchs Gebüsch kriecht, weil er keine Straße kennt, würde sich das Indianerspiel sofort aufhören. Das Paradoxon des (realen) Kindseins - zum Unterschied vom Kindlichsein - ist ja daß es über sich hinaus zielt.

Aber das Kind ist auch gelehrig, wißbegierig, vertrauensvoll, Unbedarftheit, fehlende Heimtücke. Und da trifft es sich in Grundhaltungen mit der wirklichen Mystik gar - nicht mit jenen, die glauben, es gäbe eine Mystik der Einfachheit zur quasi interessanteren Lebensgestaltung.

Das Böse ist auf eine Weise ein Rückbezug auf sich selbst, und der fehlt dem Kind. Das die natürliche Güte des Menschen repräsentiert, ungebrochen spontan sein kann. Der Weg des Erwachsenen geht deshalb nur durch die Reflexion durch, ganz. Er kann sie nicht einfach "ablegen". Er muß sich durch sie selbst austrocknen, muß "zu Ende denken". Der Geist, der sich unweigerlich - als Teil der menschlichen Natur - aus dem Leben in Gemeinschaft erhebt, muß in seiner Unruhe, die immer eine Unruhe des Irrtums ist, zur Vernunft, also der Wahrheit, zurückgeführt werden.

Deshalb ist auf eine Weise auch das Kind nicht kindlich, weil ihm noch sein Geist fehlt - es ist nicht moralisch, sondern steht außerhalb der moralischen Kategorien, es ist anfänglich noch unfähig zu sündigen - und entwickelt sich doch zum Zwiespalt aus Selbstverfehlung aus Schuld und Anspruch der Wirklichkeit: im Doppelschritt Umwelt, Versuchung und Neigung zur Selbstverfehlung inmitten einer vielfachst gebrochenen Welt. Vor allem fehlt ihm erst noch die Zukunftsperspektive, die jedoch unweigerlich mit dem Verstand auftritt, zum vielleicht größten Unglück für den Menschen, das ihn von seiner Unmittelbarkeit wegreißt. Er beginnt, Gegenwart zugunsten der Zukunft zu opfern.

Schon gar, wenn er "erzieherisch-rationalistisch" dazu angehalten wird: indem sie ohne Behutsamkeit vorgeht, und nicht darauf wartet, daß sie der Gnade nicht zuvorkommt, wodurch ihr Ziel verfehlt wird: Den gebildeten Geist zu jener wahren Kindlichkeit wieder zurückzuführen.

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Donnerstag, 9. Dezember 2010

Gehorsam als Befreiung

EB Francois Fenelon (1651-1715)
Wo der mystische Weg noch ein besonderer ist, ist er durch Unmittelbarkeit (also: direkte Inspiration) definierter Weg ist, ist er gleichbedeutend mit Fanatismus.

"Wenn Fénelon in seinen theologischen Schriften innerhalb der römischen Kirche um die Anliegen der Mystik und um Heimatrecht in der Kirche kämpft, so vertritt er gegenüber den Mystikern aller Provenienz den Anspruch der katholischen Kirche, ihre einzige legitime Heimat zu sein, und zwar nicht TROTZ, sondern WEGEN ihres autoritären Charakters, durch den der Mystiker unerbittliche auf den "allgemeinen Weg" zurück und gerade dadurch zur Vollendung des Mystischen Weges geführt wird."

R. Spaemann in "Reflexion und Spontaneität - Studien über Fénelon"

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Mittwoch, 8. Dezember 2010

Fiat voluntas tua

Wie den Grundton ihrer Erkenntnisse, preist Theresia von Avila die Demut, die Einfügung im Gehorsam, als geeignetsten, ja einzigen Weg. Auch, um allen Illusionen und Dämonien zu entgehen.

Gleichgültig, woher eine Inspiration, eine Vision etc. stammen mag, auch wenn sie das Werk der Einbildung, ja der Dämonen ist, durch die vollkommen demütige Annahme und den Gehorsam gegen den Beichtvater ist der Trug machtlos, ja das Werk der Dämonen verwandelt sich durch die Art der Annahme in ein Werk der Gnade.

"Der Nutzen oder Schaden liegt nicht in der Vision, sondern in dem, der sie empfängt und sich diese entweder in Demut zunutze macht oder nicht. Ist Demut vorhanden, so kann sie nicht schaden, selbst, wenn sie vom Teufel wäre; fehlt aber die Demut, so wird sie keinen Nutzen bringen, selbst wenn sie von Gott käme. 

Denn wenn eine Seele beim Empfang einer Gnade, die dazu bestimmt ist, sie demütig zu machen, hochmütig wird, anstatt sich ihrer unwürdig zu erkennen, so gleicht sie einer Spinne, die alles, was sie verzehrt, in Gift verwandelt, während sie doch einer Biene gleichen soll, die alles in Honig umsetzt.

(Aus "Buch der Klosterstiftungen")

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Nun kann Demut, schreibt Spaemann in seinen Studien über Fénelon, nicht wahrgenommen werden - und damit kann Demut auch nicht direkt angestrebt werden! Sie kann es nur in ihren Konkretionen, und eine davon ist der Gehorsam. Denn der Gehorsam berührt die innere Gesinnung nicht, diese ist damit nicht beeinträchtigbar. Gehorsam gegen die Oberen ist für die Hl. Theresia heilsamer als alle Werke freigewählter Abtötung.

"Die Frage nach dem Ursprung des Handlungsimpulses wird gleichgültig, wenn die willentliche Aneignung dieses Impulses in einen Akt des Gehorsams integriert wird."

Nicht nur kann man Glaube generell als Gehorsam bestimmen, ist Gehorsam die Basis aller monastisch-aszetischen Lebensformen. Die Regel des Hl. Benedict beginnt sogar damit: der Gehorsam wird als die realisierte Bekehrung überhaupt verstanden.

Nicht zuletzt ist die erste Sünde des Menschen ein Akt des Ungehorsams - durch den er aus der direkten Einigung mit Gott, im Erkennen, herausfiel, und sich seither im Zwang zum Urteil selbst "zurückbiegen" muß, ohne freilich jene Ursprünglichkeit, Unmittelbarkeit des Verkehrs mit Gott wieder gewinnen zu können.

Um sich aus dem Teufelskreis der eigenen Reflexion, als Urteilsinstanz über die Qualität eigenen Handelns und Seins, erheben zu können - weil sich Reflexion ja nie "gewiß" sein kann, weil sie ihre Herkunftsbezirke nie wirklich scheiden kann - kann sich dieses Ausbrechen aus dem eigenen Gefängnis des Menschen nur im konkreten Gehorsam einer ihm außerhalb liegenden, von seinem Willen unterschiedenen Instanz verwirklichen.

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In dieser Loslösung von sich selbst - als Kreuz, als Sterben - die sich hier mit dem Gehorsam (als unbedingter Haltung zu diesem Loslösen gesehen) verbindet, unter Bezug auf oben Gesagtes (Gleichgültigkeit des Inhalts, der in der Haltung "neutralisiert" wird), findet sich die Grundhaltung aller mystischen Tradition. Die auf ein Teilhaben an einem "außerhalb" gesehen werden muß, in ihrer Sehnsucht nach Gleichförmigkeit nach Gott.

Der Ungehorsam geht andere Wege. Er verabsolutiert das Ich, weshalb sich die Charakteristik so vieler "mystischer' Bestrebungen exakt im Verhältnis zum Gehorsam erfassen läßt. Mit dem bei Ungehorsam und daraus folgendem Subjektivismus fatalen Ergebnis der identitären Selbstvergottung.

Der Scheidestein - echte, falsche Mystik - ist der Gehorsam. Erst hier erweist sich (und da läßt sich sogar Hegel zitieren) die Existentialität des Willens zu Gott. Und hier erweist sich die Lächerlichkeit so vieler heutiger Strebungen und Bewegungen und sogenannten Wege, die sich als Wege entlarven, dem neuralgischen Punkt auszuweichen. Und sei es durch noch so viel asketische "Opfer" ... Es ist der neuralgische Punkt des Lebens überhaupt. Und wieviel tun die Menschen, um nur nicht das tun zu müssen, das sie tun sollten.



*081210*

Donnerstag, 2. Dezember 2010

Sittlichkeit als Denkrichtung

So wie ich bin, so denke ich, argumentiert Fénelon. Er sieht so Denken und Wahrheit als einen moralischen, sittlichen Akt, dem die Liebe vorausgeht. Denn erst muß der Mensch lieben, erst muß er bereit sein, gleichförmig mit der Wahrheit zu werden, ehe er überhaupt wahr denken kann. Ohne diesen Willen zur Liebe ist Vernunft gar nicht möglich. Dem Beweis für Gott geht also die Gewißheit um Gott bereits voraus.

Im Zweifel aber bleibt nichts - außer letztlich Verzeiflung. Der Mensch muß wählen, sodaß jeder denkerische Akt ein allem denkerischen Formen vorausgehendes sittliches Handeln ist. Auch der Zweifel ist als Zurückweisung von Gewißheit Handeln. Er ist also keine logische, sondern eine existentielle Qualität, auf der sich aber auch kein sittlicher Glaube aufbauen läßt: denn auf dem Ruin des Denkens ließe sich kein verantwortetes Glauben, als Wirklichkeitsaussage, als Zustimmung zur Wirklichkeit, aufbauen. Es bliebe nur Aberglaube, blinder Glaube.

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