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Donnerstag, 29. August 2024

Luthers social media

Auf der Filmakademie Baden, auf der ich 2010/11 unterrichtet hatte, waren die Studenten im Nachklang an die Nachrichten über Fukushima (das sie für eine Atomkatastrophe hielten, darüber habe ich aber kein Wort verloren, diese Arbeit schien mir über meine Kräfte zu gehen) verzweifelt, weil wir über so viele Dinge nicht informiert würden. Dabei einer Welt ausgeliefert seien, die uns mit einer Welt überwältigt, die nicht der von uns gewollten entspricht. 

Sie haben dann die Meinung diskutiert, ob man nicht die ganze Welt (!) ganz dicht mit Kameras übersäen müsse. Denn DANN würden sie immer über alles Bescheid wissen. 

Ich habe vorsichtig versucht, dagegen zu argumentieren, v. a. weil doch das, was man im Film sehe, überhaupt keine Relevanz habe(n könnte), stieß aber auf taube Ohren. Taub? Mehr, das Bild in den Studenten war im Grunde fertig, nur nicht artikuliert, und ließ keinen Spalt für den Rauch des Zweifels, der Kritik.

Damals hatte ich gerade für Sommerfestspiele (mit Schwerpunkt Medien) in einem Wiener Bezirk ein Konzept eingereicht, in dem ich ein Projekt mit höheren Schulklassen (das Gymnasium um die Ecke meiner damaligen Wohnung in Wien verstand sich als "Medienschule") vorschlug. Ich wollte mit den Jungen einen Tag lang beliebig Aufnahmen im Bezirk machen. 

Dann würde ich ihnen zeigen, wie man aus ein und demselben Filmmaterial nur durch Auswahl und Ordnung (und dann natürlich den Text, dabei insbesonders den Titel, den "Namen", denn v. a. der Name gibt bereits die Deutung vor) völlig konträre Filme (Botschaften) machen konnte. Die Bilder würden alle diese Botschaften "beweisen". 
Ich wollte ihnen zeigen, daß es immer um den Sinnhorizont geht, nie um die "Details". Keinem Ding ist seine Botschaft immanent, "Ereignisse" sind keine Botschaften. Die muß man "machen". 

Samstag, 7. Januar 2023

Fenserbrettvögelchen

Mich wundert die eurphorische Reaktion mancher Leute, die ich eigentlich für sehr gescheit halte, daß sie nun wieder auf Twitter zugelassen sind. Und nun nageln sie täglich drei Botschaften an deren Verteiler. Aus einer Reaktion in einem Gespräch aber sehe ich noch klarer, daß Twitter nicht ein Kanal "offenen Informationsflusses" ist, sondern WIE JEDES MEDIUM eine eigene Wirklichkeit erzeugt. An deren Gestalt dann allemöglichen Seiten ihre Kräfte verwenden, um sie ihren Vorstellungen gemäß aussehen zu lassen.

Nie, wirlich nie fand ich mich durch Twitter-nachrichten aber "besser informiert". Wa sich auf Twitter las sagte mir nur, was jemand AUF TWITTER geäußert hatte. Das sonst aber keine Bedeutung hatte. Sondern nur davon lebte 
Twitter berichtet, was auf Twitter steht. Es gründet somit einen eigenen weiteren Gesprächskreis, der dann irgendwo in der Landschaft des Lebens herumsteht. Twitter ist nicht wichtig, weil es Inhalte bietet, sondern weil es Inhalte auf Twitter bietet. Twitter hat Bedeutung, weil es Twitter ist. Twitter ist pure Tautologie, nahe am Selbstzweck. 
Twitter ist einfach ein weiteres Plaudereckchen, das selbst aber ... IRGENWO, also an einem Punkt im Raum, STEHT. Und DAS läßt eine Aussage über seine Bedeutung treffen. Ein Vorgehen also, das für diese Epoche so bezeichnend ist: In der nichts besser wurde, ERSTMALS seit Menschengedenken, dafür alles ANDERS. Wir sind heute also immer ausscließlicher mit der Lösung von Problemen befaßt, die es nur gibt, WEIL wir sie zu lösen versuchen. 
Damit wir uns recht verstehen: Nicht "weil es damit zusammenhängenge Probleme" gibt, nein. Sondern weil der (tatsächlich) wahnhafte Glaube, ein Problem zu lösen, DAS PROBLEM SELBST IST, das immer mehr Kräfte zu binden versucht, je mehr es ins Nichts steigt.  Wie ein Morot, der nichts mehr antreibt, sondern sich  selbst verzehrt, bis die Energie erschöpft weil er verschwunden, verbrannt ist. 
Wir verbrennen uns ebenfalls selbst. Auch an Orten wie Twitter.

Freitag, 19. August 2022

Verlust der Einheit durch die Schrift

Eine der in seinen Auswirkungen auf eine sich immer mehr beschleunigende Diffusion des Sozialen gravierendsten Elemente war nicht nur die Etablierung des Buchdrucks, sondern dessen (kapitalistische) Kommerzialisierung. Lag sie erst in der Größe des für so eine Druckmaschinerie nötigen Kapitals begründet, so hat sie mit der technischen Entwicklung einhergehende Minimalisierung der Teilhabemöglichkeit als Konsument wie als Schaffender eine zwar scheinbare Wendung genommen, ihre Wirkweise aber in ein- und derselben Richtung multipliziert.

Sie hat den Einzelnen nunmehr aus sienem sozialen Gefüge herausgleöst, und ihn DIREKT mit einer Aussage mit Wahrheitsanspruch (denn JEDES Sprechen ist ein Sprechen mit diesem Anspruch) konfrontiert. Damit hat sich sein Forum nach und nach erst internalisiert und damit individualisiert, einerseits, wenn auch anderseits zentralisert. Weil das Angebot des zu Lesenden mit einem mal vom Inhalt getrennt wird, und keiner von Gott bestimmten und bestimmbaren Hierarchie unterliegt. 

Mittwoch, 18. Mai 2022

Als es fast so war, wie es sein sollte (4)

Der Tanz um ein Zentrum, das als und durch das erkennbar wird, was ausgelassen ist, und dem ganzen Bilde fehlt - Sie sehen, werter Leser, wie drehen uns hier ein wenig um ein Zentrum herum. Das aber im Film, wie gesagt (und er hat insgesamt viele Teile, wir bringen hier aber nur einen der ersten, die anderen sind bei Youtube leicht selber abzuholen, und das empfehlen wir sogar) nicht nur hinlänglich dargestellt wird, sondern auch einen so warmen Eindruck einer glücklichen Epoche bietet, den wir hier ein wenig in einen deutlich weiteren Horizont einbetten wollten. 

Dieses Zentrum wird nämlich von den engelischen Filmemachern ganz erstaunlich objektiv und richtig dargestellt. Denn der Wohlstand der Epoche der Tudors, die die Engländer die Zeit von etwa 1460 bis 1530 nennen, war vor allem durch die Kirche so lebenswert gewesen. Denn wenn man genau zuhört (und das macht diese Serie eigentlich so bemerkenswert!) dann bekommt man die Aussagen herrlich duftend serviert. So duftend, daß zumindest ich mehere male eine regelrecht Sehnsucht nach einem Leben aufsteigen fühlte, das sich genau so abwickelt. 

Mittwoch, 21. Juli 2021

Reformation als Bildungsnotstand

Im Grunde ist die ganze Reformation der Ungeduld Martin Luthers, also dem Ausfluß eines sittlichen Defekts, somit eines Tugendmangels, zuzuschreiben. Die dann mit den Jahren scheinhalber von einer Theologie überlagert wurde, die in nichts bestand als in einem rationalistischen, sophistischen Herausgreifen und Fortführen von theologischen Sätzen, die Luther in Erlangen zum einen zu wenig verstand, die er zum anderen mit Recht ablehnen mußte, weil sie einfach falsch oder Aberglaube waren. 

Es ist dies eine Ungeduld die jene haben, die der Wirklichkeit des Seins zu wenig vertrauen. Und sie tun dies vor allem deshalb, weil sie sich einerseits zumuten, ihre Vernunft selbständig darauf auszurichten, und anderseits die Verknüpfung zur religiösen Haltung übersehen. Die die Indefektibilität der Kirche nicht in einer utopischen "Reinheit" des faktischen historischen Zustands erkennt (denn dort ist sie nicht, nicht bis zum historischen Zweiten Wiederkommen Christi und der darauf folgenden Neuen Schöpfung), sondern in jener Wirklichkeit des Seins, in der alles Faktische auf eine nicht immer leicht zu erkennende, subtile, aber umso wirklichere, kräftigere, unüberwindlichere Weise zusammengehalten wird.

Freitag, 1. Dezember 2017

Es liegt an unserer Sünde

In einer Instruktion vom 25. November 1522 erteilte Papst Hadrian VI. dem als Nuntius zum Nürnberger Reichstag (1522/23) gesandten päpstlichen Diplomaten Francesco Chieregati die Anweisung ein Schuldbekenntnis über die Mißstände an der Römischen Kurie abzulegen, die die Erfolge Luthers überhaupt erst ermöglicht hatten:

Daneben sollst Du aber auch sagen, daß wir von ganzem Herzen bekennen, daß der Grund dafür, daß Gott diese Verfolgung seiner Kirche zuläßt, in der Sünde der Menschen liegt, besonders der Priester und der Oberen [prelati] der Kirche ... 

Wir wissen, daß es an diesem Heiligen Stuhl schon seit einigen Jahren viele greuliche Mißbräuche in geistlichen Dingen und Vergehen gegen die göttlichen Gebote gegeben hat, ja, daß eigentlich alles pervertiert worden ist. So ist es kein Wunder, wenn sich die Krankheit vom Haupt auf die Glieder, das heißt von den Päpsten auf die unteren Kirchenführer ausgebreitet hat. Wir alle, das heißt wir Kirchenführer und Priester [prelati et ecclesiastici], sind abgewichen; ein jeder sah auf seinen Weg [Jes 53,6], und da ist schon lange keiner mehr, der Gutes tut, auch nicht einer [Ps 14,3]. 

Deshalb müssen wir alle Gott die Ehre geben und uns vor ihm demütigen; ein jeder von uns muß seinen Fall erkennen und sich selbst richten, bevor er von Gott mit der Rute seines Zorns gerichtet wird [1Kor 11,31]. 

Soweit wir selbst betroffen sind, darfst Du versprechen, daß wir jede Anstrengung unternehmen werden, daß als erstes diese Kurie, von der wohl das ganze Übel ausgegangen ist, reformiert wird [reformetur], so daß sie in der gleichen Weise, wie sie zum Verderben aller Untergebenen Anlaß gegeben hat, nun auch ihre Genesung und Reform [reformacio] bewirkt. Dazu fühlen wir uns um so mehr verpflichtet, als wir sehen, daß die ganze Welt eine solche Reform sehnlichst begehrt.“


Übernommen von gloria.tv

Hadrian VI. oder Adrian von Utrecht war übrigens der letzte deutsche Papst (1522/23) vor Papst Benedict XVI., weil sich damals die Niederlande noch als Teil Deutschlands begriffen und sich erst im folgenden Jahrhundert politisch, kulturell und sprachlich abtrennte. Hadrian galt als Hoffnungsträger und persönlich höchst integerer Reformpapst, der aber nur kurz regierte weil zu bald starb. Er war europaweit hoch angesehen und Lehrer von Kaiser Karl V. 
Von diesem später kurzfristig als Statthalter in Aragon, Navarra, Leon und Kastilien eingesetzt, provozierte er aber durch sein (wie manche meinen) politisch ungeschicktes, "pedantisches" Verhalten einen Aufstand ... der Kastillianer.





*271017*

Samstag, 18. Februar 2017

Eine gesunde Art krank zu sein

Einen sehr interessanten Ansatz zu einem Luther-Verständnis stellt hier Pfr. Hans Milch vor: Er geht davon aus, daß Martin Luther - ein genialer, vielseitigst begabter Mensch - bereits in einem Irrtum aufgewachsen ist. Er wurde in seinem theologischen Studium im Nominalismus geschult, und weil dieser bereits ein Irrtum ist - er bestreitet die apriorische, geistige Wesenserkenntnis der Welt, worauf die These der Unerkennbarkeit Gottes folgt, der damit zu einem Willkürgott wird -, ist ihm die katholische Theologie nicht mehr aufgegangen. 

Der erste Durchbruch in Luthers Geistesleben sei sogar eigentlich noch ein Durchbruch zum Katholischen gewesen - in der Erkenntnis, daß sich der Mensch die Erlösung nicht verdienen könne, sondern daß diese Erlösung ungeschuldete Gabe Gottes ist. Das ist nur durch die Zusage Gottes wißbar. 

Doch nun wollte Luther auch dafür, für diese moralische Sicherheit (die dritte Stufe der möglichen Sicherheiten; die erste ist die metaphysische, logische Sicherheit - es gibt einen Gott; 2+2=4; die zweite ist die der physischen Sicherheit - morgen wird die Sonne aufgehen -,) ebenfalls die völlige Sicherheit er absoluten Stufe. Und ab hier verläßt der zweifellos neurotische Luther den Katholizismus, ab hier wird er hysterisch. Denn für die Liebe, die Treue (sieh: zwei Eheleute) gibt es keine absolute Sicherheit, sondern nur eine des Vertrauens. Eine höhere als eine moralische Sicherheit kann es in Heilsaussagen aber nicht geben. Und in dieser Stufe ist die moralische Sicherheit dynamisch - sie ergibt sich z. B. in der Treue der Eheleute aus der Reife der Liebe. Hysterisch-neurotisch ist, wenn der eifersüchtige Ehegatte eine "absolute" Sicherheit für diese Treue möchte. 

Dieses Vertrauen, diese Liebe muß also lebendig gehalten werden, nur insoweit gibt es Sicherheit. Kein Standesamtsbeschluß, keine unterzeichnete Eheurkunde kann diese Sicherheit für sich schon geben. Weder also kann man von einer absoluten Sicherheit hier ausgehen, noch kann man sie anstreben - man kann nur vertrauen, und dieses Vertrauen wächst (oder schwindet) durch den Umgang miteinander. 

Mit dem Glauben ist es ähnlich. Auch er erfordert die Dynamik des Verhältnisses zweier "Du". Und dort ist Luthers Problem: Er kommt zu dem Schluß, daß Gott ihn zum Heil ZWINGT. Milch vergleicht es mit dem Fall von Hörigkeit von Frauen gegenüber Männern. Die eine Reaktion auf die Unmöglichkeit ist, den Mann zu bezwingen sodaß sie ihm vertrauen könnte. Also sucht die Frau einen Weg, ihn dennoch an sich zu binden, und das tut sie, indem sie sich ihm bedingungslos fügt. So entsteht ebenfalls eine, wenn auch ungenügende, irrtümliche, mangelhafte Art von Bindung als Zwang. Wenn die Frau den Mann schon nicht zwingen kann, so sucht sie im Umkehrschluß ihn dadurch zu zwingen, indem sie sich in ein unmittelbares Reaktionsverhältnis setzt: wenigstens soll er "eifersüchtig" sein, weil sie ihm nicht folgen könnte. Auch der Gefängniswärter ist auf eine Weise ans Gefängnis gebunden, nicht nur der Gefangene! Eine trügerische Scheinsicherheit also, ein pathologischer Selbstbetrug. (Der VdZ hat sich hier schon einige male zur Hörigkeit in ähnlicher Weise geäußert, denn sie wird meist als "überzogener Gehorsam" gedeutet, und das ist vollkommen falsch.) Die beabsichtigte Leistung ist, daß der Mann - im Beispiel - die "Situation annimmt", das ist das Ziel. Der Hörige will also erreichen, daß sie Situation des verbindlichen Zueinander bleibt.

Und in diese (pathologische) Richtung, so Milch, sei auch das "Beugen Luthers in Gottes Willen" hineinzuverlängern. Luther sieht darin einen Weg, "Gott zu zwingen". Wer auf Gott "vertraut", den wird Gott mit seiner Heilszusage nicht enttäuschen, sozusagen. Das führt mit unausweichlicher Konsequenz bis hin zum Auserwählungsgedanken Calvins, der aus der Lebensführung des Menschen Rückschlüsse zieht auf dessen Auserwähltheit: Wer reich und tüchtig und sittlich ist, der "hat" gewissermaßen die Auserwählung. Daraus folgt ebenso zwingend die Prädestinationslehre, die Vorbestimmung für die Menschen, ob sie in den Himmel kommen, oder verdammt sind. Man tut dann Gutes, weil man in den Himmel kommt, nicht umgekehrt.
Aber so weit geht Luther nicht, da lebt in Luther noch zu viel katholischer Stoff. Er hat dazu auch einfach zu wenig Konsequenz, und das ist in dem Fall ein Glück. Er erklärt den Willen nicht zu sündigen selbst schon zur Sünde, weil er davon ausgeht, daß man auch ohne Gnade nicht sündigen kann. Das Heil hängt überhaupt nicht von der Sünde oder Nicht-Sünde ab. Indem Gott den Menschen "annimmt" (im Beispiel zu bleiben: indem er die GefängnisSITUATION annimmt) "zwingt" er den Menschen zum Heil oder Nicht-Heil. Das einzige, was der Mensch also dazu beitragen kann ist, auf diese "Gefängnis-Situation" zu vetrauen - also "zu glauben", "Gewißheit" verbindlich und treu anzunehmen, egal was man tut. Wer sich in Gott geborgen "weiß" (=wähnt), den wird Gott nicht enttäuschen. 

In diesem Vertrauensakt steckt natürlich erneut ein Stück Katholizität. Auch hier soll der Mensch vertrauen. Bei Luther aber wird dieser Akt zu einem rein (!) subjektiven Akt zu leistender Hingabe (Hacker nennt ihn DAMIT psychogen), worin Hoffnung und Liebe auf eine Art verschmelzen. Er sieht nicht den kosmischen Aspekt des Glaubens, sondern nur den subjektiv-schicksalshaften. Gute Werke folgen dann rein aus Dankbarkeit, nicht aus dem Willen "gut" zu handeln, der wäre ebenfalls bereits Anmaßung.

Der Katholik aber will das Wohl des Geliebten - Gottes. Er will ihm ähnlich sein. Die gute Tat folgt also aus dem Glauben und der Liebe, folgt also aus der Erlösung und dem Willen, folgt aus der Vergöttlichung aus dem Eintauchen in Gott selbst (in Jesus Christus), der in der Gnade auch den Willen verwandelt. Das ist ein gestalthaftes, fleischlich-reales Zueinander, mehr also als eine reine "Beziehung" wie bei Luther. Dem Katholiken ist die Gnade ein Akt der Verwandlung, Gott nimmt den der es will in sich hinein. 

Damit werde ich in meiner Seele mit einer neuen Eigenschaft versehen, gewinne in der Analogie eine göttliche Beschaffenheit. So, wie ein Schwamm das Wasser aufnimmt und damit die Eigenschaften des Wassers in sich aufnimmt. Der Schwamm bleibt ein Schwamm, aber er hat zusätzliche Eigenschaften, ich werde Gott ähnlich. Damit kann ich wollen, was Gott will, denken was Gott denkt, wissen was Gott weiß - "eingeweiht" sein. Das ist Glaube, Hoffnung und Wille. Alles aber muß durch das Vorzimmer des freien Willens, der freien Zustimmung des Menschen. 

DARAUS, aus dieser Verwandlung (in der wir wir selbst bleiben!) können dann Verdienste entstehen. Obwohl wir uns nie sicher sein können, ob wir "guten Willen" haben, weil wir einfach als Menschen zu zweifelhaft und brüchig sind. (Daraus folgt übrigens dann die Sichtweise der Aufklärung, daß der Mensch ALLES aus Eigennutzen macht, die sich dann im Evolutionismus zur Welterklärung steigert; Anm.) Keine Psychoanalyse kann uns uns selber wirklich erkennen lassen. 



Deshalb sind wir immer auch "Bettler", immer nur innigst Flehende, des Heils unsicher, immer erbarmensbedürftig. Wo wir aber (weil IN der Wahrheit - Gut ohne Wahrheit ist nicht möglich) Gutes tun können bzw. tun, tun wir es aus einem SEINSZUSTAND, und insofern ALS WIR SELBST. Also sündigen wir also auch immer wieder im Gleichen - unserem Seinszustand eben entsprechend. Besser werden wir nur im Sein, nicht (primär) im Verhalten, das Verhalten folgt aus dem Sein, ohne uns je gewiß sein zu könne, daß wir "gut" sind. Umgekehrt haben aber auch wir alle damit Jesus Christus ans Kreuz geschlagen! Und in dieser Gemeinschaft werden wir in unserem Sein erlöst, weil Christus (immer neu, immer aktuell, weil außerhalb der Zeit) für unsere Sünden vor Gott Vater sühnt, er nimmt diese unsere Sünden je neu auf sich.

Das sieht Luther nicht recht anders, bis zu einem Punkt, den er übersteigert: Dem unserer eigenen Fragwürdigkeit. (Also auch hier das Gesunde im Kranken.) Und deshalb leugnet er überhaupt die Eigenwirkung des Menschen. Das Gute, das der Mensch tut, liegt nur an Gott, er selbst merkt es gar nichs, sonst würde es bereits Eitelkeit, Pharisäertum. Weil also der Mensch nichts beitragen kann, braucht sich der Mensch auch gar nicht mehr anzustrengen - einmal gerechtfertigt, immer gerechtfertigt! Der Mensch wird geschnappt von Gott, weil er sowieso nichts aus eigenem Willen tun kann, und damit paßt alles. 

Das ist dieses berühmte und gar so heutige "Naja, so schlecht bin ich ja doch gar nicht; freilich, hier und dort ein wenig daneben, aber im großen Ganzen ...!", ja daraus folgt sogar die kennzeichnendste Pose der Gegenwart: der Gutmensch, der Mensch, der sich für gut hält. Kein Linker, der sich nicht für gut hält.

Daraus ist schließlich auch zu verstehen, warum Luther im Laufe seines Lebens immer mehr auf jederlei Selbstzucht und -gewalt verzichtete. Ob im Essen und Trinken, oder in seiner Ausdrucksweise (obwhl er sich darin von den Gewohnheiten der Zeit nicht sehr unterschied), vor allem aber auch in der immer größer werdenden Unflätigkeit, mit der er den Papst beschimpfte. Getreu dem Spruch: Sündige was Du willst, aber glaube, dann bist Du gerettet. Tue was Du willst, Dir kann nichts mehr passieren.

Das knüpft auch an Luthers Erbsündebegriff an, und läßt sich vor allem aus seinem Nominalismus heraus begreifen. Denn weil er  nicht in Seinsbegriffen denkt (denn Begriffe sind ihm ja nur Nomina, nur menschlich vereinbarte Namen ohne Sein dahinter), weil er nicht ein den Erscheinungen vorausliegendes Sein zu denken vermag, ist er überzeugt, daß der Mensch bis in die Tiefe seines Seins hinein unüberwindlich (weil er aus sich heraus nichts beitragen kann, den Willen s.o. nicht kennt) verderbt ist. Er hat überhaupt keine Chance, denn mit der Erbsünde ist sogar alles Welthafte des Teufels (womit wir bei der Grundlage des Raubtier-Kapitalismus sind). Die Gnade Gottes kann an nichts mehr anknüpfen, nichts in der Welt ist mehr gut. Damit wird die Gnade ein allein von außen kommendes Werk, das nicht ins Sein des Menschen hineinwirkt (woraus die Wertlosigkeit der Liturgie, folglich auch überhaupt der Kunst erwächst), sondern in dem Gott den Menschen aufgrund der Verdienste Jesu TROTZ der TOTALEN menschlichen Verderbtheit annimmt. 

Anders im Katholischen, wo das Sein (und damit die Welt) immer insofern "gut" ist, sodaß Gottes Gnade darein wirken kann, soweit sie IST. Mängel, Fehler sind immer ein Mangel im Sein, die in carnatio - also: im Welthaften, im Fleisch, real, konkret - zu beheben und zu ersetzen die eigentliche Erlösungstat ist.









*110117*

Sonntag, 29. März 2015

Es war ein heiliges Geld

Den Kauf eines Ablasses als einen "schnöden Geldhandel" zu reduzieren, dem das Eigentliche, nur persönliche zu Erbringende fehle, übersieht etwas ganz Wesentliches. Er übersieht, daß es eine uralte Rechtspraxis war, wonach  nämlich (auch) dieser Ablaßhandel, Geld für Sühne zu setzen, auf ein ganz anderes als das heutige, im tiefsten Welterleben verankerte Wertempfinden zurückgeht.

Für eine Buße eine Ersatzleistung zu erbringen ist und war altes herbegrachtes Recht! In Mannleistungen, oder eben in Geld. Solche Vorgänge als "niedrig" zu sehen verweist bereits auf einen entsakralisierten Begriff von verdinglichtem Geld, weil das Begreifen von Ersatz und Stellvertretung verloren gegangen war, ein Produkt der Neuzeit. Die im Nominalismus die faktische Gegebenheit eines Dinges nicht mehr als Repräsentanz eines geistigen Inhalts, aber auch dessen "eins fürs andere", sehen konnte und wollte.

Aber hinter dem Geld steckt generell ein Empfinden als Stellvertretung, das wir heute verloren haben, das uns aber nicht weniger prägt, geht man den eigentlichen Vorgängen bei seinem Gebrauch nach, die dann vielfach in ganz  neuem Licht erscheinen.² Und das, genau bedacht, zumindest ein Verstehensschlüssel für den Verlust der Einheit in fast allen Dingen und Bereichen ist. Zweifellos ist der Verlust dieses Verstehens auch einer der Hauptgründe für das aufgelöste Verstehen von Erlösung und Sühneopfer, und damit des genuin Christlichen. Der Kirche. Des Sakramentalen.

Stellvertretung - ob eigentlich oder uneigentlich* - wird aber erst verständlich, wenn man sie auf das Wesen von Gemeinschaft und Einheit, von Akt und Potens bezieht. Wo auf sehr reale Weise "Idee", "Name", "Begriff" für eine die realen Dinge überhaupt erst formierende geistige Wirklichkeit (Platons "Idee"; das "arche") steht. 

Woraus auch folgt, daß das Tun und Lassen eines Teiles, der eingewoben in ein Ganzes (bzw. real: viele Ganze) ist, und das ist er ja immer!, auch in Wechselwirkung mit dem oder den jeweiligen Ganzen steht. Ein Teil repräsentiert damit das Ganze, dem er schicksalhaft und identitär (und damit eigentlich stellvertretend) verwoben angehört. (Beispiel: Der einzelne Österreicher alle Österreicher.) Das Ganze wiederum, die Substanz, ist aus dem Einzelnen erfahrbar, findet sich dort repräsentiert und real gegenwärtig.**

Erst wenn man die Wirklichkeit solcher, durch Begriffe repräsentierter geistiger Einheiten begreift, begreift man deshalb auch das Geld in seinem Herkommen. Hier wurde in einem sakralen Akt (auf den jedes menschliche Tun, damit auch der Handel zurückgeht, das Geld sowieso, denn damit wird auch erahnbar, warum Geld ursprünglich und überall eine Angelegenheit der Religion, des Kultes war) Stellvertretung geboten - später dann, mit der Verdinglichung des Geldes, Ersatz geleistet. (In welchem Auseinanderreißen das Geld zum "Ding für sich" werden konnte.) Im Wesen des Geldes geht damit ein Teil seiner Herkunftsgemeinschaft zur Verfügung in fremde Hände über. Hier wird nicht "bezahlt", sondern im Handel stand stellvertretendes Opfer gegen stellvertretendes Opfer.

Deshalb war es auch keineswegs ein Akt purer Gier und Geldverliebtheit, wie wir sie so ausschließlich in der Neuzeit kennen, wo wir das Geld nahezu verachten (und doch von ihm so abhängen, welch beides in psychologischem Zusammenhang steht, das ist keine Frage: die Verachtung ist ein seelischer Akt, der uns von der Unfreiheit entbinden soll), für Gnade Geld zu setzen - sich einen Ablaß von Strafe zu kaufen! Das stellvertretende Ding erhielt lediglich mit der Zeit einen sehr eigenen Status, es löste sich von seiner ursprünglichen Verbindung.***

Sowohl die gleichfalls sehr pragmatische römisch-antike wie die germanische Rechtsordnung hatten regelrechte Listen für solche Ersatz-Käufe, und gerade im nicht-römisch geprägten Norddeutschland war dieses altgermanische Rechtsempfinden sehr tief verankert. Luther kannte diese ursprüngliche Verbindung, den Gedanken der Stellvertretung, bereits gar nicht mehr. Und es ist höchst interessant, der Entwicklung seiner Theologie unter dem Aspekt des zerbrochenen Stellvertretungsverständnisses (woran nämlich letztlich 1517-19 auch seine Kreuzes- und Sühnetheologie scheiterte, welchem Erfahren alles andere folgte) nachzugehen.

Die Entwurzelung der Sprache (mit der Rolle der neuen Medien; aber die Sprache kommt quasi "aus dem heiligen Eid"!) - Luther griff sofort zur technischen (die Sprache verdinglichenden) Neusprache der Rudolf'schen kaiserlichen Kanzlei - ist nur eine Facette desselben Vorgangs.



²Wie etwa Calvin: ihm war Reichtum Zeichen der Auserwählung durch Gott.

*Eigentliche Stellvertretung ist nach der recht brauchbaren Definition von Karl-Heinz Menke in "Stellvertretung" ein Akt, in dem das oder der Stellvertretende den Vertretenen frei setzt, weil er völlig dessen Stelle einnimmt, aber als dessen Handlung gilt. Uneigentlich ist die Stellvertretung dort, wo sie tatsächlich an der Stelle des Vertretenen handelt, dieses Handeln aber auf sie bezogen bleibt, die stellvertretene Handlung also ein Ersatz für das Nicht-Handeln des Vertretenen ist.

**Die Zusammenhänge mit der Sprache und der Vernunft - und dem Wahnsinn des Genderns damit - wurden an dieser Stelle bereits auseinandergesetzt. Hier geht es um eine völlig neue, barbarische, banale, der Wirklichkeit entfremdete, materialistische Wirklichkeitsdefinition! Ein Verlust, der sich bis in das Verhältnis zur Natur, weil zu allen Dingen, ausdrückt und vollzieht. Die "Ökologie", das Gerede von "Achtung der Schöpfung" (das nur auf eine quasi "Natur" bezogen ist) zeigt also ein bereits höchst primitives Unverständnis der wirklichen Zusammenhänge weil der wirklichen Verfaßtheit der Welt. 

***In dem Moment, wo man schließlich sogar Münzen prägte, wo gleich welche eine für alle stand, war das Wesen des Papiergeldes bereits vorgespurt. Und darauf setzt dann die "Preisbildung - gleicher Preis für jeden" auf: als Wechsel von persönlichen zu "objektiven" Verhältnissen.




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Mittwoch, 25. März 2015

Verkehrter Ansatz

Was den Katholiken vom Protestanten (und dem Evangelikalen, und damit den meisten Erneuerungsbewegungen, auch im katholischen Raum) unterscheidet ist nicht der eine oder andere definierte Glaubens"inhalt", der eine oder andere theologische Satz. Wer glaubt, auf dieser Ebene Ökumene, Einheit sehen zu können, hat ein erschreckend grundlegendes spirituelles Problem. Ja, ein Glaubensproblem.

Denn das Unterscheidende zwischen Luther und der Kirche waren und sind gar nicht einzelne Glaubenssätze. Es war und ist die reale spirituelle Dimension dessen, was als "Glaube" gesehen wurde. Mit Übereinkünften über gemeinsame Formulierungen ist da nicht weiterzukommen. Schon gar nicht aber auch mit subjektiven Erlebnissen von etwas, das man mit "Liebe" oder "Glaube" gleichsetzt.

Luther hat in diese Auffassung, was Glaube, was Erlösung und Heil sei, in den Jahren 1517-19 gravierend geändert. Und die Rechtfertigung, das Heil, in ein Evozieren einer subjektiv erlebbaren "Gewißheit" verlegt. Ja, Glaube wurde zu dieser Pflicht, diese "Heilsgewißheit" subjektiv hervorzurufen. (Hilaire Belloc hat deshalb die im Calvinismus noch stärker ausgeprägte Seite des Protestantismus als DIE Grundsünde definiert, und deshalb den Calvinismus als das entscheidende Kulturproblem gesehen.) 

Luther hat damit einer psychologischen, psychologistischen "Glaubenspraxis" Tür und Tor geöffnet, ja sie selbst so vollzogen. Das sieht nicht nur der von Benedikt XVI. hoch geschätzte Paul Hacker so, das ist der Inhalt der Kritik, die der VdZ an dieser Stelle schon mehrfach geäußert und ausgebreitet hat.




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Freitag, 12. Dezember 2014

Merkwürdigkeiten einer Woche (5)

Teil 5) Die Krampuslarve der Gegenwart




Apropos Verrücktheit der Gegenwart: Wie sehr Heimito von Doderer zuzustimmen ist, der einmal in einem Interview die Feststellung machte, daß die Psychologie der Gegenwart unter die Kategorie "Erkrankung des Geistes" fiele, in all den Postulaten nämlich, die ihr gar nie bewußt sind, in denen sie wesenlos dahinfliegt - mehr als hilfsbedürftig  nur noch "Wirkung" als Kriterium kennt, ohne selbst das zu wissen: daß Wirkung ja einen Sinn braucht, um beurteilt werden zu können - beweist ein Artikel aus dem Kurier, auf den Leser J den VdZ hinwies. 

Darin wird von einer Initiative berichtet, wo Salzburger Psychologen Seminare veranstalteten, in denen den Heilwilligen die Angst vor dem Krampus genommen werden solle. Denn was für ein Problem: Menschen hätten vor Krampussen und "Schiarchperchten" immer wieder Angst. Unter dem Ruf "Rettet den Kampus" will man nun diesen in seiner historischen Herkunft gar nicht mehr eruierbaren, in jedem Fall weltweit vorhandenen, offenbar uralten Brauch - der Darstellung des Bösen "als Böses" - vor einem ähnlichen Schicksal bewahren, wie den Nikolaus. Vor dem Kinder ja auch so große Angst hätten, weshalb die Katholische Jungschar sogar dazu anrät, dem Nikolaus seinen legendärten Bart abzuschneiden, um ihn so, babypopoglatt am Kinn, als lieben Guten besser zu implementieren. Ein Vorhaben, das bereits an seinen Voraussetzungen scheitert und bewirkt, was niemand kennt. Und bestenfalls, aber wie meist, in das Qualtinger'sche Fach "Ich weiß zwar nicht, wohin ich fahre, aber ich bin schneller dort" einzuordnen ist.

Daß das Gute sich nur unter Zitten und Bangen ergreifen läßt, es sich nicht getrennt von der unermeßlichen Größe und Majestät Gottes herniederbeugt, dessen Gewalt alle Furcht der Erde sogar noch unendlich übertrifft, herniederbeugt, übertrifft offenbar bereits das Verständnis von Glaube und Gnade, das auch in der Katholischen Kirche alles niederreißt (und niedergerissen hat), was sie überhaupt in ihrer eigenen Gnadenlogik fundiert. Aber wen stört so eine Nebensächlichkeit heut enoch. Außer jene wenigen, die noch Gnade zu brauchen meinen, und sich als zerbrechliche Gefäße begreifen, die in permanenter Gefahr stehen, jederzeit aus eigener Unzulänglichkeit alles wieder zu verschütten. Und dazu gehört sehr explizit NICHT die "Mannschaft" der Kirche. Die hat sich ja offenbar schon Luther angeschlossen, der ja in seiner ab 1517-19 deutlich umgemodelten, ursprünglich noch recht katholischen Theologie nahegelegt hat, den Unsinn der Heilsungewißheit durch die viel gewissere Methode einer stramm psychologischen Selbstmanipulation - Gnade und Rechtfertigung ist dann da und erst dann real, wenn und wo man sie fühlt - zu beenden.

In diesen Seminaren nun wird ihnen diese Angst abtrainiert. Wie das geht? Natürlich, durch Auflösen der kulturalisierten Beziehung Mensch/Person - Wirklichkeit des Bösen (Krampusmaske), durch Auflösung der Persönlichkeit selbst. Durch Rückgriff auf ein angebliches "Ding an sich" (Krampusmasken etc.), in dem nun bewiesen wird, daß es "nichts" ist. Nur - außerhalb des Kulturalen der Persönlichkeit gibt es ja tatsächlich nichts. Persönlichkeit heißt aber, genau diese welthafte Beziehungsebene - das ist erst Kultur - aufrechthalten zu können. Und dazu gehört auch, deren Wesen anzuerkennen: Häßlichkeit, das Böse ist selbstverständlich etwas, vor dem man sich zu fürchten hat! Es zu überwinden heißt also nicht, es aufzulösen, sondern eine dieser Gefährdung (die sich als Angst völlig richtig, "natürlich" ausdrückt) angemessene Reaktion zu entwickeln. Was nur der Einzelne für sich tun kann, dnen in dieser Angst melden sich auch die niemals auflösbaren, immer individuellen Gefährdetheiten und Brüchigkeiten, die jeder hat. Gerade dort übrigens, wo er - in der Schuld - gegen sein eigenes Bestandsgesetz (das Gut, das Sein) verstoßen hat. 

Das Großartige an diesen Bräuchen ist also, den Menschen seiner Brüchigkeiten gewahr zu machen. Die er aber nur bei "Besserung" überwinden kann. Nur so, als Gerechtfertigter, kann er auch dem Bösen widerstehen, und so muß er es auch nicht fürchten. Eine Psychologie, die also diese objektive Schuld gar nicht kennt, ist wertlos, ja gefährlich, weil sie reine Selbsttäuschung ist. Vielmehr führt die Konfrontation mit dem Furchteinflößenden zu einer notwendigen Rückkonzentration auf die eigenen Schuldverhältnisse, und damit zur wahrhaftigen Selbstgründung im Gewissen. Nur dort gibt es diese Ruhe. Die dennoch, mit jedem Augenblick, neu gefährdet ist, es liegt am Individuum selbst. Oh, wie sehr also sind diese alten Bräuche Hinweis auf das tiefe Wissen des Menschen um sich selbst, und um das, was ihn zu retten vermag - der Heilige selbst, wie in der Figur des Nikolaus, das aber immer auch ein Furchterregendes ist. Denn alles Schöne ist zuerst in seiner Erhabenheit furchteinflößend. Alle Schönheit ist auch schrecklich, weil ihr Macht und Gewalt gehört, Welt zu schaffen, zu erhalten, und Welt zu verurteilen und ins Nichts der Hölle zu stoßen. Das Leben in dieser Welt ist selbst deshalb in dieser Dichotomie von Furcht, Angst und Schrecken - und Schönheit und Heil. Und ERST, wenn sich der Einzelne als dazu berufen weiß, inmitten dieses Schrecklichen ein Gut errichten zu müssen, denn das ist ja erst Leben, weiß er auch um seine Relativität und Gefährdetheit, und um seinen Grundzustand als ... Empfangenden, als Hilfebedürftigen. Auch im Schöpferischen, und gerade dort.

Auf die Trottelei aktueller psychologischer Sichtweisen, auf den haarsträubenden Unsinn solchen Vorgehens, wie im Artikel beschrieben, argumentativ näher einzugehen lohnt die Sache allerdings ja gar nicht. Man müßte - sprichwörtlich - "bei Adam und Eva anfangen", ohne Aussicht, verstanden zu werden.

Vielmehr sei auf Sokrates verwiesen, der da meinte, daß so manche Argumente keine Gegenargumente, sondern nur noch Zurechtweisung verdienen.




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Sonntag, 9. November 2014

Aus den täglichen Heften

Wo das Geglaubte nicht in Vernunft eingebettet liegt (und hier hat auch Logik ihren Platz), fällt der Mensch zwangsläufig in die Reflexivität der Selbstvergewisserung. Ununterscheidbar liegt dann "inneres Erleben" als "Vorhandenes", als Bewußtseinsinhalt vor ihm, ununterscheidbar ob es selbst evoziert oder im Zufammenfall mit der objektiven Wirklichkeit steht, als Inhalt des Seins also.

Immer ist Logik eingebettet in Wahrheit, und zwar in eine objektive Wahrheit, die jeder Logik dimensional (nicht aber zwangsläufig verbal-inhaltlich) unterschieden ist. Ohne Wahrheitsbegriff gibt es keine Logik. Aber die Wahrheit ist (in ihrem Grad - als TEILHABE an der Wahrheit selbst) immer fleischlich manifestiert. Sie ist lebendig, ja sie IST das Leben, an dem wir im Maß teilhaben, als wir in der Wahrheit leben. Wo sich der Wahrheitsbegriff des Einzelnen nicht zu diesem Begreifen des Lebendigen hebt, bleibt er in rationalistischem Formalismus stecken, innerhalb dessen er wiederum auf das bloß Gedankliche zurückfällt.

Wenn es aber nun heißt, daß Vernunft (und in ihr die Logik) das Wesen des Weges (oder: Tores) zum Geist - dem Geglaubten also - ist, so heißt das nicht, daß bloßes logisches Denken automatisch auch zum Geist führt. Vielmehr ist es ein weiter Weg, Geist ALS Geist zu begreifen, als Anfang wie Ende der menschlichen Entwicklung also. Der sich nicht nur über weltlich-inhaltliche Bilder erhebt, sondern von diesen frei (und doch auf sie bezogen) die höchste Höhe des dem Menschen Möglichen bedeutet. Geist zu begreifen, und insofern: geistig leben und denken, ist also die Frucht eines langen Weges des sittlichen Bemühens um Freiheit, den es zu gehen gilt. Dieser Weg kann gar nicht anders sein, als ein Weg der Befreiung, und damit der Läuterung, in der sich der Mensch im Geist aus dem Zwangsläufigen hebt (selbst wenn er immer wieder dareinfällt, also: sündigt), und zwar genau OHNE sich vom (eigenen) Fleich zu distanzieren, sondern es in sein Insgesamt hineinzuholen. Denn der Mensch reicht über die gesamte Schöpfung in Gott hinein, und nur als dieses alles integrierend ist er Mensch.

Bleibt der Mensch in dieser Ungewirklichkeit, in dieser Fiktionalität (als Selbstvorwurf), sucht er unweigerlich sinnliche Bestätigung. Das heißt, daß sich sein Wirklichen auf die Suche nach Erlebnisinhalten konzentriert, die ihn - als Referenz auf die (bzw. "eine") Wirklichkeit - bestätigen. Das gilt auch für den Kult. Er wird also Erlebniswelten suchen, die ihn im Gefühl bestätigen. Denn dieses Selbstgefühl ist für ihn der Raum, in dem er "er selbst" ist. Es gehört zum Wesen des Heidentums, daß es zwangsläufig in solche Gefühlskulte und Erlebniswelten abdriftet. Weil ihm diese Vernunfthaftigkeit in der Wahrheit fehlt. 

Heil und Selbsthaftigkeit wird psychologisch verankert, Wirklichkeitserfahrung zum Produkt psychologischer Mechanismen der Selbstsetzung und -vergewisserung: Selbstsein wird zur (nur mehr oder weniger fanatischen) Selbststatuierung. Die Angst vor dem, wie die Dinge wirklich sind (oder, noch schlimmer, sein könnten) wächst. Der Blick für die Welt trübt sich, die Ratio schließt das innere Wort zu einem geschlossenen Kreis, mit der Tendenz, unliebsames Wirkliches zu vernichten bzw. zu ignorieren.

Der Mensch ist nicht ontologisch gegründet, wird damit nicht geisthaft, sondern reflexiv-rationalistisch und sentimental (als Simulation von Gefühl, so wie man sich eine Wohnung mit Blumen ausschmückt, um sie schön oder gemütlich erscheinen zu lassen). Der ungeistige Mensch verankert sich deshalb in "Erlebnis" ("Empirie"), identifiziert Geist mit Bild und Materialem (Physikalischem), und ist sich selbst Maßstab der Wahrheit (soweit das überhaupt möglich ist).


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Demut heißt nicht, schreibt übrigens sehr richtig Martin Luther (in seiner frühen Zeit, wo er ihr Wesen noch begreift, ehe er sich in der Reflexivität der Selbst-Statuierung des eigenen Seins überhebt), sich niedrige oder schlechte Bilder von sich vorzustellen. Demut ist hingegen von dem nicht zu trennen, was mit Identität zu bezeichnen ist. Sie muß immer konkret sein, weil sie ohne Inhalt, auf den sie sich bezieht, auf Sachgemäßheit also, nicht denkbar ist. Wo sie ihr anderes Gesicht, die Hochgemutheit, zeigt.

Wenn also konkrete figurale Identitätshinhalte fehlen, bleibt dem Menschen gleichermaßen nichts mehr übrig, an dem er demütig werden, wo sich diese Demut wirklichen könnte. Menschsein ist also ohne Kultur (als konkretes Zueinander von konkreten Gestalten) und kulturelle Differenzierung mangelhaft und unerfüllt und unerfüllbar. Die Ideologie der Gleichheit entzieht also der Demut ihren Boden, so wie sie die Identität der Menschen ins Nichts wirft - und alle gleichermaßen in den Hochmut treibt, weil dem Selbstsein nur ein Mögliches, aber Unerfülltes entspricht, das es selbst zu "entwerfen" gilt, weil der Persönlichkeit jeder konkrete Boden fehlt, an dem sie wachsen könnte. 

Fehlt das kulturelle Figurentheater (gewissermaßen), in dem jeder seinen Part einnimmt, seine Rolle spielt (und das heißt: Demut, Dienst an der Rolle, und DARIN Dienst am Sein selbst, und DARIN Weg zur freien Geistigkeit), kann sich der Einzelne nur noch selbst halten. Indem er sich immer das vorwirft, was er "sein könnte", das natürlich rein fiktiv bleibt und im Grunde gar keine Aussage darüber enthält, was er wirklich sein könnte. (Weshalb es eine häufige Erscheinung ist, daß Menschen glauben, ALLES sein zu können, was natürlich nicht stimmt.) Gleichzeitig wächst die Angst vor der Verwirklichung (die es nur als Verwirklichung in der Gestalt gibt), weil die Wirklichkeit zur Gefahr für das nur von einem selbst zu haltende "Ich" (als Selbstbild) wird. Das Streben eines solchen Menschen geht also vorwiegend darauf, die Bedingungen einer Wirklichung bestimmen zu wollen - ohne sie ins "hic et nunc", ins reale Jetzt setzen zu müssen. Sein Denken wird zur Selbstvergewisserung (die natürlich nie zu einem Ende kommt, weil es diese Selbstvergewisserung gar nicht gibt, denn Sicherheit kann nur über manifeste Fleischlichkeit, also im Dialog mit der Welt, erwachsen, soweit sie überhaupt erwachsen kann.)

(Hier setzt die Theologie des Kreuzes an, die das Kreuz nie kennt, das sie aufzuschultern bereit ist, und sich hierein in Gott, das Sein, daraus in die Vorsehung - Plan und Wille Gottes erfüllend -, birgt. Selbstvergewisserung ist also in diesem Aspekt auch Kreuzesscheu.)

Umgekehrt ist es völlig logisch, daß eine solche Kultur (bzw. kulturelle Gesellschaft) zu einer kollektiven Veranstaltung des Mobbing (und des Urheberdiebstahls) wird. Denn Mobbing bedeutet, dem anderen seinen Platz zu verweigern, durch Ignoranz (die unter das 5. Gebot, das Tötungsverbot, fällt) des realen Figürlichen, Gestalthaften. Mobbing greift auf das rein fiktive Ich zu, und sucht zu verhindern, daß reale figurale, fleischliche Forderung entsteht, wie sie Akzeptanz des anderen in dessen Identität als "der andere" mit sich bringt.  Nimmt der andere aber eine konkrete Gestalt ein, wird das Nichts der eigenen Nicht-Gestalt (die nur fiktiv existiert) dramatisch.





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Dienstag, 25. März 2014

Geist im Fleisch

Die Kirche ist nicht zuerst "im Inneren" da, um dann nach außen zu werden, den Menschen in die vollkommene Ordnung des Seins hineinzunehmen, sondern sie ist zuerst außen - und formt von dort her das Fleisch in diese Ordnung hinein. Was J. A. Möhler in seiner "Symbolik" auf den Punkt bringt (und damit den wesentlichen Unterschied zwischen Protestantismus und Katholizismus aufzeigt, die sich diametral gegenüberstehen), ist in der Anthopologie gleichermaßen verankert. Denn es hat mit der Art menschlichen Erkennens zu tun. 

Denn der Mensch erkennt über das Außen, die Sinne, und das was mit dem Sein (und seiner Ordnung als Zueinandergefügtheit alles Seienden) übereinstimmen läßt, die Wahrheit, ist fleischlich. Deshalb ist auch die Gnade (in den Sakramenten) fleischlich - Fleisch geworden in Jesus Christus. Historisch, und konkret, formt sie das Äußere der Menschen der Wahrheit gemäß, und bereitet damit die Bereitschaft auf, über die (fleischlichgewordene) Wahrheit jenen Geist aufzunehmen, aus dem heraus das Sein selbst, als Geist, erkennbar wird. (Sodaß Gott nur aus Gottes Geist, der Gott ist, selbst erkennbar wird, im  Menschen: als Analogie, indirekt, nicht einfachhin direkt.) Des Menschen Geist schwebt damit gleichfalls nicht abstrakt über seiner leiblichen Präsenz, sondern beide sind ein Menschsein, und hängen in Polarität voneinander ab. (Das ist der kleine wahre Kern des empiristisch-materialistischen Menschenbildes, aber es ist die Reduktion auf einen Pol.)

Aus diesem Außen heraus bildet sich dann auch das von Wahrheit durchdrungene Bewußtsein, der gewissermaßen geistige Teil der Kirche, der sich darin der vollkommenen (geistigen) Idee in Gott annähert. Denn der Mensch erkennt aus "Ideomorphen", die die Substanz seines Erkennens sind - vereinfacht: Gedanken sind der geistige Ausdruck der Bewegungsenergie des Einzelnen, deren Geistigkeit hinwiederum zurückwirkt auf das, wonach sich Bewegung formt. Sodaß sich (der Verweis etwa auf die Arbeiten von Cassirer oder Voegelin sei hier gestattet) die fleischliche Wirklichkeit der Begegung der geschaffenen Dinge in seinem Grund als Wirklichkeit von Grundsymbolen (man denke etwa an das Dreieck, man denke an das Kreuz, jedes auf anderer Ebene) begreifen läßt, die aber nur in der konkreten historischen Gestalt Fleisch wird (nicht, wie vielfach versucht, reduziert sich also die fleischliche Welt auf Dreiecke oder direkte Symbolik, sondern die Idee ist nur als Grundstruktur, als Grundimpuls und Energiebezug gewissermaßen zu verstehen. Man betrachte, bitte, dieses Herunterbrechen auf Bilder lediglich als Verweis, in der Flucht in leibliche Bilder - eben, weil diese die Träger menschlichen Erkennens sind, doch im abstrakt Geistigen das konkret Bildliche übersteigen.)

Und diese Fleischlichkeit ist der Weg zur Wirklichung des Menschen selbst (die damit ohne Kult als göttlicher Stiftung in Gestalt, nicht subjektiver Willkür, undenkbar ist*). Niemand sagt, daß er sich verwirklicht habe, und meint damit nur das Innere, während sein Äußeres, seine fleischliche Präsenz, dem gar nicht entspricht. Vielmehr meint jeder, daß er sich dann verwirklicht habe, wenn seine leibliche Existenz auch den inneren Ordnungen entspricht. Und nur insofern ist es auch wahr, als die äußere, nur formalisierte Kirche alleine natürlich nicht genügt - weil, wie Möhler sehr schön schreibt, das Objektive durch die äußere Kirche subjektiv und wirklich ergriffen werden muß. Erst dann kann man von Kirche sprechen, und dann kann (und muß) man natürlich von der geistige Wirklichkeit der Kirche (als Gemeinschaft der Heiligen) sprechen (wie Luther es tat, worauf er es aber einseitig reduzierte.) Erst dann ist sie lebendige Gestalt.

Deshalb ist auch der Weg zur Teilhabe am Sein (dessen vollkommener Ausdruck zu sein Wesensbild der Kirche bedeutet) ein Weg der Sittlichkeit, in der die Wahrheit mehr und mehr Gestalt in und an einem annimmt. Ohnabhängig von der Tatsache, daß die leiblichen Repräsentanzen der Kirche dieses (geistige) Wesensbild stets selbst als Anspruch zu verwirklichen haben, um so die Menschen in diese vollkommene Gesellschaft hineinnehmen zu können. Möhler spricht von der Kirche in diesem Sinne als "Erziehungsanstalt".

Die Heiligkeit als Selbstanspruch darf nie erlöschen, nur aus ihr kann die Welt in die Erlösung hineingenommen werden. Denn nur dort, wo diese Heiligkeit real, Fleisch wird, ist auch Kirche fleischlich präsent. Und nur dort kann sie deshalb wirken. Wo der Mensch real falsch, böse lebt, in Seinsverfehlung und Irrtum lebt, ist auch Kirche nicht mehr präsent weil Fleisch.



*Religionsgeschichtlich (und -vergleichend) gibt es keinen Kult, egal welcher Religion, der nicht darum ringt, diese unbedingte Autorität weil (möglichst direkte) göttliche Herkunft zu wahren. Subjektivistische, nutzorientierte Veränderungen sind immer Zeichen des Verfalls als Verfall dieser Autorität als Quellpunkt der Heiligung. Mit der Verwillkürung des Kultes verdrängt unweigerlich ein andere Heiligkeitsbild das der wirklichen Gottanähnlichung, als Ursprung aller Religion und damit aller Selbstwirklichung des Menschen, deren Vollkommenheit mit Heiligkeit einhergeht. KULTur ist direkt abhängig vom religiösen KULT; sie trägt immer dessen Form als Quellpunkt ihrer Gestalt.



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Samstag, 1. Februar 2014

Der Diskussion entzogen

Zieht man die luciden Deutungen Eric Voegelins heran, erscheint die Geschichte der Moderne seit dem Mittelalter noch deutlicher als Geschichte der Neubildung von Eliten. Die von einer entscheidenden Wendung ausgeht: Vom subjektiven Berufungsgefühl (!) von Einzelnen.

Voegelin sieht dabei klar die Ursachen im Verlust der inneren (und damit äußeren) Stärke der kulturellen Institutionen, vor allem der Kirche. Denn das Aufkommen solcher Personen ist am sichersten mit der Suche nach einem Platz in der Gesamtordnung zu erklären. Die Reformation konnte sich vor allem deshalb so rasend schnell ausbreiten, weil sie keinen substantiellen Widerstand mehr antraf - den zu provozieren ja eigentlich die unausgesprochene Absicht war. Wie ein Magnet sammelten sich dabei alle möglichen Formen von Unzufriedenheit an ihren Enden.

In Luther und seiner Berufung auf den Einzelnen als letztgültige Deutungsinstanz endgültig entfesselt, in Calvin in ein gesellschaftliches Deutungssystem gebracht, wird die Geschichte des Abendlandes zusehendes zum Kampf Auserwählter für die richtigen Ideen, die sie zu jeder Konsequenz berechtigt, bestehende Ordnungen umzustürzen.

Damit wird subjektives Elitegefühl selbstbestimmten Kriterien unterworfen, der Objektivität des Denkens entzogen. Wer sich auf solche Erweckung und Bewußtheit davon beruft, ist logisch nicht mehr zu widerlegen. Auf dieser Rechtfertigung steht eine Entwicklung, die das Zeitalter der Emporkömmlinge einläutet. Und deren Siegeszug sich erst heute in vollem Ausmaß zeigt. In einem Subjektivismus, der seit dem 12. (in allen möglichen Erwählten-Bewegungen, die sich sämtlich etwa auf persönliche Mystik beriefen), vor allem aber dann im 15. Jhd. durchbrach.

Es ist eine anti-philosophische Haltung, denn dahinter steht kein konsistentes System, das sich bemüht, denkerisch die Widersprüche aufzulösen. Widerspruchslösung wird zur reinen zweckbestimmten Argumentation, die den Menschen guten Willens schon deshalb verwirrt, weil er von sich ausgehend dem anderen den Willen zur Widerspruchsfreiheit unterstellt. 

Dazu muß die Vergangenheit als gleichfalls und prinzipiell inkonsistent umgedeutet und entwertet werden. Wie sie in einer regelrechten Kulturwelle das Mittelalter nicht mehr verstehen wollte, sondern ins Dunkel des Bösen abdrängte - eine erst spät entstandene, absichtsvolle Deutung!

Zu sagen, daß dies oder jenes ja auch in diesen Lehren und Lehrgebäuden bedacht sei - weil erwähnt, weil da oder dort ja explizit ausgesagt, wie etwa die des so überaus heftigen Rückverweises Luthers und Calvins auf die Gottgegebenheit gesellschaftlicher Ordnung ist kein wirkliches Argument. Weil sie, wie Voegelin nachweist, nur Versuche darstellen, das in der Erstarkung als gesellschaftliche (und damit institutionelle) Kraft losgetretene Chaos durch praktische Maßnahmen wieder einzudämmen. Etwa mit starken, veräußerlichten Gehorsamsgeboten, wobei Gehorsam umgedeutet wird, um noch offen für die subjektive Rebellion zu bleiben. Aber sie sind nicht Ausfluß in sich konsistenter Theorien, die streng logischem Anfragen widerstehen könnten. Sie sind Argumente praktischer, in ihren Kriterien rein subjektiv bestimmter Notwendigkeiten.*

Ein erschütterndes Charakteristikum der Gegenwart ist nämlich genau das, wie Voegelin bereits vor 50 Jahren feststellt: Man hat es bis hinein in den täglichen Umgang nur noch mit Ausflüssen von praktischen Theorien zu tun, über deren wirkliche geistige Gründe sich niemand mehr Rechenschaft ablegt. Das geht einher mit dem Gefühl, die Welt prinzipiell bemeistern zu können. Das geht also einher mit der Zunahme von Wohlstand und (scheinbaren) Lebensbewältigungsmechanismen. Das geht einher mit Theorien, die nur  noch praktisch regeln zu müssen meinen, was theoretisch als "richtig" einfach nur noch vorausgesetzt wird, völlig der Subjektivität überlassen wird.**

Ordnung kann in einer der Ontologie (dem Sein) entrissenen Art zu "denken", Welt zu sehen, nur noch "von außen" (einerseits; anderseits durch subjektive Medialisierung für die Erwählung direkt durch Gott) kommen, und verlagert sich auf Staat und vor allem (Zwingli!) überstaatliche, weltumspannende Organisation. In Totalitarismen, in Zentralismen, in eine immer ausuferndere (und nur noch technische) Beherrschung äußerer Lebensvorgänge und -äußerungen, deren sichtbarer "Erfolg" Kriterium ihrer Berechtigung (wie Auserwählung) ist. Samt der Folge zunehmender Vehemenz, mit der die Befolgung dieser allgemeinen "göttlichen" Verhaltensregeln durchgesetzt wird. Getragen vom Paradiesesversprechen, das jenen verheißen ist, die sich je subjektiv bemessen*** im Stande der Auserwählung befinden.



*Damit kennzeichnet Voegelin einen Grundzug der Moderne, der zutiefst in persönlichen Konstellationen und Motiven ansetzt: Als Verzicht auf Wahrheit, um die Herrschaft (der Neuen) zu legitimieren. Im Selbstsein drückt sich einerseits (in der analogia entis) die Ähnlichkeit mit Gott aus, der aber im Umschwung das "Sein des Selbst" zum "Sein wie Gott" - die faktische Situation des Selbst als Anlandepunkt, quasi als Simulation des SelbstSEINS - folgt, als strukturell der Analogie nachgeformten Teilhabe an einem aber anderen Geist. Diese Bindung ans Faktische (der "gerade eben gegebenen" Motivlage, die das "gerade gegebene Selbst" konstituiert) ist damit eine Immanentisierung des Göttlichen (Hegel) ins Weltliche, und damit eine gnostische Bewegung.

**Selbst die Hl. Schrift wird von Luther, v. a. aber von Zwingli (der für den westeuropäischen, und von dort den amerikanischen Raum so bedeutend wurde) nur noch herangezogen, um subjektive Aussagen zu belegen. Widersprüche zu den eigenen Thesen werden entwertet oder als irrelevant (oder "anders zu verstehen") beiseite geschoben. Dieses Prinzip des Protestantismus - das ihm notwendig war, weil er sonst seine Widersprüche nicht "klären" könnte - findet sich heute sogar schon in der katholischen Kirche in erschreckendem Maß, die damit zeigt, wie sehr sie in vielen ihrer Vertreter bereits im Strom des Zeitgeists schwimmt.

***Es ist zumal heute fast schon generell zu beobachten, daß Menschen subjektiven "Offenbarungen" oder "mystischen Erlebnissen" einen Wert beimessen, der jederzeit den Verstand verdrängen darf. Enorm viele Menschen der Gegenwart gehen davon aus, daß subjektive Erlebnisse jedes objektive Ordnungsfeld der Vernunft verdrängen können. Und sie stürzen sich mit Gier auf jede mögliche Form von "Erwählungserlebnissen" - bei sich wie bei anderen. Die sie via Behauptung" jederzeit nüchterner Überlegung entziehen können. Wer die Erneuerungsbewegungen etwa der Kathol. Kirche ansieht, sieht exakt diese Grundstrukturen.






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Mittwoch, 30. Oktober 2013

Ein neues Reich

Der Übergang von den Merowingern zu den Karolingern ist keineswegs die einfache Fortsetzung einer Staatsgeschichte, schreibt Henri Pirenne, auch wenn beide Staatsgebilde sich "Fränkisches Reich" nannten.

Die Merowinger waren wie Rom, ein Laienstaat, ihr König ein "rex francorum". Die Karolinger aber verdanken ihr Mandat der Kirche, sie waren deshalb "Dei gratia rex Francorum" - Könige von Gottes Gnade. Auch ihr Reichsgebiet hat sich dramatisch geändert. Nun sind gleich viele Germanen wie Romanen "Franken", während die merowingische Herrschaft ein quasi romanisches Volk hatte, und die Antike weiterführte. Erst hier ihnen endet die Antike, beginnt das Mittelalter.

Die Hausmeier, die Verwalter der Merowinger, sind nur scheinbar die Erben eines im 7. bis 8. Jahrhundert unter dem Ansturm wie Anlaß der Araber zu Dekadenz und Chaos heruntergekommenen Reichs. Sie gründen es in Wahrheit neu, verdrängen die Merowinger. Der Königs- und dann Kaiserbegriff, unter den Karl der Große fällt, unterscheidet sich grundlegend von dem eines römischen Kaisers - jener war Imperator. Karl und die von ihm begründete Kaisertradition ist hingegen auf ihrer Eigenschaft als Oberhaupt der Ecclesia, der Kirche, als Haupt der Christenheit als Vollbild der menschlichen Gesellschaft auf Erden, begründet. Eine Entwicklung, die ihre Entstehung - dem Einbruch des Islam in die Welt des Mittelmeeres verdankt, der das römische Reich, die antike Welt zerstört.

Nun bekommt auch die Salbung eine völlig neue Qualität, und schließt an die alttestamentliche Königssalbung an. Wo sich im König Priester- und Herrschergewalt ("Zwei Schwerter") vereinen. Die Königssalbung ist von der Priesterweihe nur wenig zu unterscheiden.* Ein Verständnis also als "Amt", nicht mythischer Abstammung eines fleischlichen Menschen. Freilich mit neuen Spannungsfeldern, die sich dann im Investiturstreit definitiv entladen, aber bis in die Gegenwart virulent bleiben in der Frage: Was ist der König? Was ist die Kirche? Welche Stellung hat die Kirche zur weltlichen Macht?

Denn mit den Karolingern sind die Könige/Kaiser der Kirche unterstellt. Ihr verdanken sie ihre Legitimität. Mit der Renaissance freilich lebt der alte Herrscherbegriff wieder auf, und spitzt sich im Absolutismus zu. Noch Ludwig II. (der Bayernkönig) wird sich im 19. Jahrhundert auf dieses alte Herrscherverständnis berufen.



*Man betrachte nur den Fall der Anglikanischen Kirche - deren Oberhaupt der König ist. Auch der Protestantismus in Deutschland wird später aus vielen Quellen dieser Richtung gespeist. Denn eigentlich lebt in Luther diese Einheit des Amtes - im Landesherren, in der staatlichen Obrigkeit - wieder auf, die der Papst Gregor VII. auseinandergerissen hat. Während bei Luther die Kirche als Institution überhaupt verschwindet.




*301013*

Samstag, 22. Dezember 2012

Quod erat demonstrandum

Auch hier muß einer nur sehen, um zu sehen. Da erklärt ein österreichischer Kardinal, den immer noch viele für papabile halten, einer Tageszeitung, daß der Papst durch die Nützung von Twitter eben modern sei. Und meint, daß die Kirche immer die modernsten Kommunikationsmittel genützt hätte, um den Glauben zu verbreiten. Man solle nur auf den Buchdruck schauen: das erste Buch das gedruckt worden wäre, sei die Bibel gewesen.

Richtig. Und mit dem Buchdruck setzte ein völlig anderes Schriftverständnis und Verhältnis zum Wort und zur Wahrheit ein, die genau dem Wesen dieses Mediums entspricht. Der Protestanismus setzte seinen beispiellosen Siegeszug an.

Nicht mehr wurde an dieser Stelle festgestellt. Jetzt müßte einem das nur noch genauso gleichgültig sein wie katholischen Kardinälen. Aber dazu ist man denn doch immer noch zu wenig Protestant.




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Sonntag, 4. September 2011

Nur als Märtyrer glaubwürdig

Luther hat doch eigentlich, schreibt Kierkegaard in seinen Tagebüchern 1954, unberechenbaren Schaden dadurch angerichtet, daß er nicht bereit war, Märtyrer zu werden. Stattdessen hat er seine Sache zu einer faden Angelegenheit bequemen Bürgertums gemacht, wo er sich mit zunehmendem Alter damit zufrieden gab, im Kreise seiner Bewunderer großmaulige Tischreden zu halten.

Damit aber hat er seine Sache so herabgemindert, daß in späteren Generationen "die Sache" immer schaler, dünner und immer schlechtere Nachäffung wurde. 

Dadurch, daß er stehenblieb, hat Luther den Münzfuß des Reformators auf die Hälfte gedrückt, und so in späteren Generationen dieses Gewimmel erzeugt, diesen Janhagel von raren, herzlichen Menschen, die auch so ein bißchen den Reformator spielen wollen; item er hat die Konfusion erzeugt, Reformator zu sein ist dadurch, daß man die Politik zu Hilfe ruft. Das Resultat ist geworden die tiefste Verwirrung in den höchsten Begriffen und die allergefährlichste Demoralisation, die natürlich ist, wenn etwa so Feines und Edles und Zartes wie der Begriff "Reformator" verfault.

Über eines aber hätte er um Gottes willen wachen müssen - daß nämlich der Reformator, der auf diese Weise Reformator ist, als das Niedrigere angesehen werden muß. Dadurch ist es für die Zukunft fast unmöglich gemacht, noch einen Reformator zu kriegen - alle werden meinen, daß dieser niedrige Preis genüge, und daß die Verbrüderung mit der Weltlichkeit geheimer Gewinn ist: der diese Aufgabe noch (und wie gerne!) zu Ansehen steigere, und damit das Verhältnis Kirche - Welt sogar umkehrt.

Steht es aber nicht christlich fest, daß das Martyrium das Höchste ist, das Wahre, daß gutes Davonkommen das Niedrigere ist, das durch Indulgenz eingeräumt werden kann: so ist Satan nicht bloß los, sondern er hat gesiegt.  

Denn so lautet die Aussage, daß die Welt ja ohnehin das Gute wolle, die Welt selber gar keine Reform brauche - sondern der Glaube ... und weil die Welt eben das Gute wolle, deshalb siegt auch der Reformator. Damit hat Luther durch sein späteres Leben die Mittelmäßigkeit akkreditiert. Dazu braucht es nämlich einen Heros! Und Luther war dieser Heros - der Mittelmäßigkeit. Und mit ihr ist der Protestantismus überreich gesegnet worden, schreibt Kierkegaard.

Luther hatte eine ungeheure Verantwortung: er stürzte den Papst, und setzte das Publikum auf den Thron.



*040911*

Freitag, 2. Juli 2010

Nicht Luther war's

Josef Nadler ist in seinen Schriften keineswegs der Ansicht, daß das "moderne" Deutsch, das Neuhochdeutsche, wie es sich bis heute seine Bahn brach, von Luther "geschaffen" wurde, wie eine Mär gerne verkündet.

Vielmehr war es eher umgekehrt, und Nadler belegt das recht glaubwürdig. Luthers Deutsch war thüringisch-ostthüringisch und hinkte hinter dem modernen Deutsch der Meißner Druckereien, das wiederum vom Prag Karls IV. her so geprägt war - Kanzleideutsch, in dem im 15. Jahrhundert zunehmend auch kaiserliche Schriftstücke und Dokumente verfaßt wurden - kräftig hinterher. In Luthers frühen Schriften wurde von den Druckern Meißens deshalb noch kräftig verbessert, wenn auch die Satzstellung lutherisch geblieben war.

Ab 1530 war Martin Luther sichtlich bemüht, sich der längst abgeschlossenen Sprachentwicklung Ost-Mitteldeutschlands anzuschließen - frei nach seinem Leitsatz, daß man sich der Sprache bedienen sollte, die am meisten bewirkte, und das war eine allgemeine Hochsprache allemal. Die er dann für seine Bibelübersetzung benutzte, die auch keinesfalls die erste war, wie verschiedentlich gemeint wird.

Und so war es Luther nur indirekt - in seinen Schriften. Als Träger, aber nicht als Inititator des modernen Deutsch. Das in Prag (das tschechischer Nationalismus umprägte) wieder verkümmerte, sich aber aus Meißen heraus - das sich Prag gleichgestimmt hatte - in ganz Deutschland verbreitete. Meißen, erst die Stadt, dann das Land, nicht einmal die Buchhandelsstadt Leipzig, das als katholischer Pfeiler aus dieser Dynamik vorerst sogar ausgeklinkt blieb, ehe auch dort die "neue" Bildung des Humanismus Einzug hielt, war es also zuerst, das begonnen hatte, eine deutsche Zentralkultur und -literatur zu etablieren, weil dort die große geistige Befreiung stattfand, deren wichtigster Proponent Luther war.

In seinen (erstmals: staatlichen!) Schulen und Universitäten, und wo etwas wie eine deutsche Nationalliteratur geboren wurde. An der Schnitt- und Kittstelle des "alten" Deutschlands und den neubesiedelten Ostgebieten, bis zur Memel hinauf, die in ihrer Nationalkraft die Vereinheitlichung der Schriftsprache vorantrieben.


*020710*

Dienstag, 20. April 2010

Herrschaft ALS Technik

"Ich möchte den zuinnerst instrumentalistischen Charakter dieser wissenschaftlichen Rationalität darlegen, kraft dessen sie a priori Technologie ist und das Apriori eine spezifischen Technologie - nämlich Technologie als Form sozialer Kontrolle und Herrschaft. [...] Die Prinzipien der modernen Wissenschaft waren a priori so strukturiert, daß sie als begriffliche Instrumente einem Universum sich automatisch vollziehender, produktiver Kontrolle dienen konnten; der theoretische Operationalismus entsprach schließlich dem praktischen.
 
Die Wissenschaftliche Methode, die zur stets wirksamer werdenden Naturbeherrschung führte, lieferte dann auch die reinen Begriffe, wie die Instrumente zur stets wirksamer werdenden Herrschaft des Menschen über den Menschen vermittels der Naturbeherrschung. Theoretische Vernunft trat in den Dienst praktischer Vernunft und blieb dabei stets rein und neutral. Die Verschmelzung erwies sich als vorteilhaft für beide.
 
Heute verewigt und erweitert sich die Herrschaft nicht nur mittels der Technologie, sondern ALS Technologie, und dies liefert der expansiven politischen Macht, die alle Kulturbereiche in sich aufnimmt, die große Legitimation."

Und:

"Die unaufhörliche Dynamik des technischen Fortschritts wurde vom politischen Inhalt durchdrungen und der Logos der Technik in den Logos fortgesetzter Herrschaft überführt. Die befreiende Kraft der Technologie - die Instrumentalisierung der Dinge - verkehrt sich in eine Fessel der Befreiung, sie wird zur Instrumentalisierung des Menschen."


Herbert Marcuse in "Der eindimensionale Mensch"


(Anmerkung: Das Problem bei Marcuse - Bild - ist nicht, daß er die Realitäten nicht richtig sähe. Im Gegenteil, und das ist ja manchem Linken zugute zu halten (gewesen), wird die Realität oft bestechend genau gesehen. Das Problem bei Marcuse, und allen Linken, ist, daß ihre Herleitungen schlicht Unsinn sind, und zwar weil ihre Sicht des Menschen und damit die Erklärung über die Entstehung von faktischen Zuständen falsch ist. Deshalb sind auch ihre Gegenrezepte fast immer unbrauchbar, weil sie in haltlosen Utopien ersaufen.

Heute besteht allerdings generell das Problem, daß der Marxismus, die Linke, TEIL des Herrschaftssystems, ja daß der Marxismus, s. o., nach seinem langen Weg durch die Institutionen (Mao), das (technizistische) Instrumentatium des Herrschaftssystems IST. Der Marxismus selbst - auf den alles zutrifft, was Marcuse (oder: Weber) als Ergebnis einer Technisierung der Welt in ihrer Verwissenschaftlichung als Herrschaftstechnologie sieht - ist jenes Schreckenswerkzeug, das Marcuse so scharfsinnig am Werk sieht. Marcuse beschreibt also ... den Marxismus und seine Wirkungen, beziehungsweise in seinen Zusammenhängen mit dem Antiautoritarismus Luthers!

Das hat zu der Groteske geführt, daß das größte Problem der heutigen Linken - über die "political correctness" - ihre Verfestigung zu einer herrschenden Klasse wurde, der das Objekt ihrer Kritik abhanden gekommen ist (und u. a. deshalb in mumifizierten Schreckensbildern - wie Lenin im Mausoleum am Roten Platz - am Leben gehalten werden muß: die Linke muß sich ihre Feinde heute selbst schaffen! und sie tut das auch). Dadurch haben sie ihre einstige Stärke völlig verloren, ja diese wurde zu ihrer heute größten Schwäche: NICHTS fällt der Linken heute so schwer wie die Anerkenntnis von schlichten, ja oft simpelsten Realitäten! Oder, wie es unlängst jemand ausdrückte: "Die Linke ist stinklangweilig geworden. Und mit der political correctness verräterisch: so verhält sich jemand, der meint, er hätte etwas zu verlieren. Das hätte aber nur die Macht?!")




*200410*

Mittwoch, 15. Juli 2009

Eine Spätfolge römischen Versagens

Wenn ich behaupte, daß der Mensch, ein Volk, sich aus seiner Literatur erkennt, zu sich gerufen, befreit wird, so impliziert dies, daß es nur in dem Maß frei wird, als seine Literatur an (immer: bedingter) Wahrheit enthält.

Wenn ich an anderer Stelle behaupte, daß wir (nicht nur, aber hier: in Europa) unter einer protestantisierten Erkenntnisbasis - unter Bezug auf: man erkennt, was man in sich trägt - und Erkenntniseinengung leiden, so ist hier nun die Querverbindung zu ziehen:

Speziell der deutschsprachige Raum ist in seiner "Selbsterweckung" durch ... die Sprache (und damit Denkweise) Luthers, der die erste umfassende Schriftsprache Deutschlands schuf, geprägt worden.

Man sieht die Zusammenhänge fast schon so, wie man sie ahnt.

Denn man beginnt zu ahnen, wie maßgeblich die römisch-antike, ungemein universale Prägung der Kultur sich gerade angesichts des Umstands ausgewirkt hat, daß Deutschland nur zu einem geringeren Teil romanisiert war, ja daß gerade der NICHT romanisierte (protestantische) Teil später "Deutschland" als geeinigte Nation und als politischer Wille schuf.

Rudolf Borchardt hat es in seinen tragischen Monaten der Inhaftierung durch die SS freimütig seinen (ihn tief bewundernden!) Bewachern gegenüber bekannt: es sei alles die katastrophale Spätfolge und Auswirkung der historischen Tatsache, daß dieses Deutschland eben nicht romanisiert war. Borchardt hat deshalb dezidiert in einigen Werken versucht, an das Deutsch des Mittelalters anzuschließen. Wahrscheinlich schlicht zu spät und sinnlos - selbst sein inniger Freund Rudolf A. Schröder schrieb in sein Exemplar der Schrift: "Wer soll das lesen?"

Nachsatz: Aus dargestellten Gründen wird nun verständlich, welche Auswirkungen eine noch dazu so subtile, ideologisch motivierte Veränderung der Sprache - Stichwort: Inclusivsprache - haben wird! Sie wird die Menschen deutscher Zunge in wesentlichen Bereichen "nicht zu sich kommen lassen", und damit die Denkfähigkeit eines ganzen Volkes maßgeblich (zugunsten eines Irrationalismus, Okkultismus) trüben.




*150709*

Dienstag, 22. Januar 2008

Halloween ... Schluß mit dem Rätselraten

Was gibt es nicht alles für Thesen, woher Halloween stamme: von den Kelten, aus Urzeiten, des Teufels Werk, heidnisches Unzeugs, erfunden in den USA, etc. etc.

Die Wahrheit ist aber vielleicht viel einfacher: Gottseibeiuns MARTIN LUTHER hat auch Halloween erfunden! Aus der Notwendigkeit, dem Protestantismus mehr Freude einzuhauchen, dessen Ausbreitung nach den ersten Jahren zu erlahmen schien (denn feiern können bekanntlich nur die Katholiken ...) führte er das Fest "Hallo Wahn!" ein.

Luther galt ja bald als "Spaßverderber", und das war tatsächlich eines der schlagendsten Argumente für die katholischen Bischöfe und Landesfürsten. Zu bierernst war bald der Protestantismus geworden, der binnen 5 Jahren immerhin 50 Prozent Deutschlands erobert hatte. Aber die Arbeit als "höchste Tugend", der Moralismus als Lebensgalle ... das verlangte nach Gegenmaßnahmen, um die Massen nicht wieder zu verlieren. Immerhin wurden in den protestantischen Gebieten die meisten katholischen Feiertage gestrichen, und darüber hinaus die zur Unmoral so verleitenden Fastnacht und Karneval! Es gab also ein ernstes! "Imageproblem"...

So kam es zu ernsthaften Debatten, wieweit die Freude des Festes, "Wein, Weib und Gesang", nicht reiner Ausfluß teuflischen Umtriebes war. Ob also irdische Festesfreude generell als göttliche Gnade angesehen werden kann, wie es übrigens die Katholiken betrachten. Für das Argument teuflischer Herkunft sprach für Luther und Melanchthon, daß bei großer Festesfreude ein "Wahn" über die Menschen zu kommen schien. Ja, als läge geradezu das Wesen des Festes im "Wahn" ... ein "frommer Wahn" ... Also habe der Christ denn doch den (begrenzten) Wahnsinn zu begrüßen - der Weg zu "Halo Wahen" war nur kurz: Am 1. April 1522 erschien die Luther-Schrift "Sermon vom Halo Wahen! Dem gottgewollten und also gestatteten Frohsinnsfeste zum Frühlingsbeginn".

Rasch setzte sich dieser neue Brauch durch, und er schlug rasch auch Fastnacht und Karneval aus dem Rennen: Die Obrigkeit wurde verspottet, und so manches Treuegelöbnis nicht mehr so ernst genommen. Luther schien das erst kaum zu stören.

Wäre diese Lockerung der Sitten nicht auch im Hause Luther zu bemerken gewesen ... bei ihm wie bei seiner Frau ... So begründet allen Ernstes die Lutherforschung zu nicht unerheblichem Teil den sonst nicht wirklich nachvollziehbaren Stimmungswandel, der ab 1525 bei Luther dieses Fest betreffend einsetzte.

Daneben aber uferten die Halo-Wahen-Feste zu Aufständen aus, es kam zu Bauernaufständen etc., und Luther war Revolution eigentlich ja ein Greuel! So kam's zur nächsten Schrift: "Wider das gotteslästerliche Halo-Wahen-Treiben der Bauern, Hexen, Juden und Bademeister ..."

Also konterkarierte er es, denn abschaffen konnte er es kaum noch. Und verlegte es in den düsteren Herbst. Und so wurde aus dem typischen Winter- und Frühlingsfest das heute bekannte Herbstfest, am Vorabend zum Buß- und Bettag. Halloween ist also ein wirklich protestantisches Fest! Wer nicht zum Beten in die Kirche ging - dem sollte wenigstens aber der Schrecken in die Glieder fahren! Nur den Kindern war es noch erlaubt, feiernd herumzuziehen

Damit wurde aber das "entschärfte", "kanalisierte" Fest unpopulärer. Nach und nach geriet es in den protestantischen Gebieten sogar wieder in Vergessenheit. Thüringer Auswanderer jedoch sorgten dafür, daß das Fest in den USA weiterlebte ... von wo es heute wieder zu uns kam. Denn in den USA ist es längst das größte "Frohsinnsfest" des Jahres geworden.

Die Verquickung aus Freude und Moral, einem immer vorhandenen letzten Rest schlechten Gewissens, stammt eben aus dieser schon an allem Anfang sichtbaren protestantischen Zwiespältigkeit, dem "einerseits und doch auch anderseits" Der Katholik kann ja über die Strenge schlagen, er findet in der Beichte seinen Frieden wieder. Für den Protestanten war das aber eine Heuchlerei. So kennt er zwar die Reformation - verlangt aber völlige Unterordnung unter die Landesherren, kennt Freude - aber ohne gefährliche Selbstvergessenheit ... was zum Vorwurf an die Protestanten führte, sie wären unfähig zu feiern.

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ACHTUNG: Dieser "Bericht" basiert auf einem Aprilscherz des WDR, er entspricht nicht der historischen Wahrheit, sosehr er ihr als Metapher sowie in abstrakten Grundaussagen entspricht! "Halo Wahen" hat NIE EXISTIERT!

ATTENTION: This "report" is fictious, and it is based on some 1st-April-joke of WDR-Radiostation Germany! It does not describe historical facts, though they are true in abstract, and describe motives and truths according protestantism and Martin Luther, but not in concrete! There never existed any "Halo Wahen"!




*220108*