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Samstag, 30. Juli 2022

Aut Deus - Aut Nihil (2)

Aber der zweite Reinigungsvorgang ist bedeutender. Und: Wie man erkennt, wo man steht - Aber dieser ersten Reinigung, der aktiven Renigung, in der wir es sind, die alles tun müssen, schließt sich mit der Zeit eine zweite an. Die sich in ihrer Hobelwirkugn bereits mehr auf die nächsten Ebenen bezieht. 

Und das ist die passive Reinigung. Denn niemand kennt uns so,. wie Gott es gut, er ist uns näher als wir es sind. In ihr lernt der Mensch zu allem Ja zu sagen, was Gott mit ihm will, lernt den Willen Gottes mehr als alles sonst zu suchen. Lernt an der Wahrheit zu hangen, und nicht an irdischem Ersatz. Denn alles formt sich dem Bilde nach, an dem es hangt.
Schon hier zeigt sich die völlig unvereinbare Antithetik des Christentums zu allem, was sich heute als Kritik am Zeitgeist geriert, oder gar Spiritualität nennt. Und ausnahmslos als "Selbstermächtigung" identifiziert wird, sodaß das Gute mit dem gleichgesetzt wird, "was ich will". Mehr als das. Nur das Christentum KENNT den Gott, dem es anhangt.

Donnerstag, 28. Juli 2022

Aut Deus - Aut Nihil (1)

Wie schwer es doch den Christen zu fallen scheint, die Radikalität des Anspruchs zu begreifen, die im Christentum nicht einfah nur "loiegt", wie eine "Superleistung", sondern die das Christentum überhaupt erst IST. Sodaß man sagen kann daß es erst BEGINNT, wenn der Satz "Entweder Gott oder das Nichts", das glatt in "entweder Heiligkeit oder die Hölle" übersetzt werden muß, begriffen wird. 

Die Heilige Schrift ist ein einziges Verweisen auf diese Radikalität, auf diese Ausschließlichkeit, in der das Leben des Erlösten erst dort real ist, wo es sich unentwegt von der Gnade und der Gemeinschaft mit Gott her nährt.

Erst dann auch beginnt all die weitere Literatur zu sprechen, die sich daran gruppiert, und die alle dem selben dient, was auch in den Tageslesungen des 23. Juli  einmal mehr vor Augen gestellt wird. 

Es ist die Kurzformel der Mystik, wenn es im Galaterbrief 2,19-20 heißt: 

Sonntag, 24. April 2022

Bei der Lektüre von Johannes de la Crux (5)

Sie haben es uns gelehrt, sie haben uns die Arbeitsteiliung beigebracht, und darin eingeschlossen das, was sich dann (bis hin) zu Handwerkstechniken, zu Pflanzenkulturen, zu Viehzuchtwissen, zur Verarbeitungskunde (Wein!) und damit Wissenschaft vom Leben selbst ausgebildet hat. In unseren Landschaften noch ganz direkt vor Augen und nachzuvollziehen, waren es also die Klöster, die ZUERST die wilden Landschaften unserer Länder urbar gemacht weil zu Kulturlandschaften umzugestalten begonnen haben. In deren Gefolge dann die einfachen Bauern standen, die sich den Plänen der Mönche nach und allmählich zu jenem Blumenstrauß des Bürgerlichen ausgefächert haben, wie wir Ältere ihn in der Erinnerung noch erlebt haben.

(Denn nach uns folgte bereits jenes Ineinanderfließen von allem zu jedem. Sodaß diese sintemalene Vielfalt - groteskerweise gerade in einer Zeit, wo VIELFALT an die Fahnen geheftet wird! - zu einer amorphen, ununterscheidbaren Masse wird, der es als Zerfallsprodukt in immer einfachere Ebenen des Geschöpflichen - wie ein Rückstieg vom Samstag aud den Freitag auf den Donnerstag auf den ... usw. - an spezifischen Eigenschaften natürlich bereits fehlt:

Kein Atom ist ein etwas "aus sich", sondern nur DURCH ÜBER-, es selbst EINBEGREIFENDES ANDERES, also durch den Ort, an dem es steht. Was erst wir dann RAUM nennen können. Der es dann ist, der es in Beziehung gestellt sieht. Und die ist es dann, die ihm die Distinktheit eines "etwas sein" gibt. 

Mittwoch, 20. April 2022

Bei der Lektüre von Johannes de la Crux (4)

Noch einmal aber müssen wir hinter uns greifen, noch einmal die Basis jedes Weiterschreitens auf dem Wege der Beschaulichkeit (wir betonen hier das Wort, weil es das Kriterium selbst ist; wer es genau bedächte, hätte eine weitere Durchdringung gar nicht mehr nötig, er hätte den Gegenstand bereits durchdrungen) klären weil befestigend vor Augen stellen. 

Denn so viel Mißverstehen ist aus einem kulturellen Grundhabitus erwachsen, der alles technisch machbar sieht, was doch nur mit Zeit und Grundsatzentscheiungen ganz anderer Art erreichbar wäre. Im Speziellen soll hier das aufgegriffen werde, was wir als "esoterischen Griff" bezeichnen wollen. Den die Esoterik ist immer aus der Tatsache entstanden, daß der eigentliche Blick "hinter den Vorhang" eine so hohe Frucht ist, daß sie letztlich mit dem Gang zur Heiligkeit unlösbar vernüpft ist - diese Heiligkeit aber so hohe Opfer erfordert, die der Esoteriker nicht zu gehen bereit ist. 

Also versucht der den Weg "abzukürzen".

Freitag, 18. März 2016

Im gleißenden Licht

Das Lesen in den Schriften Theresias von Avila ist wie ein Bad im weißen, ja transparenten, also gleißendem Licht.  Den Geschmack reinsten Quellwassers auf der Zunge. Empfehlenswert sind dabei vor allem ihre "profanen" Schriften, die Briefe, in denen es um Reisebeschwerden, übersandte Tauben oder Kleidungsprobleme geht. Denn sie belasten den rationalen Apparat nicht, machen aber den Blick auf das frei, was augenblicks als Ziel des Menschen erkennbar wird - als Haltung der Reinheit. 

Sittlichkeit ist kein moralisches Gehabe. Sie ist das Tor zur Wahrheit als Bett der Welt, weil sie die Bereitschaft ist, das Selbst nicht zu nihilieren, sondern es jederzeit aufzugeben. Mutig öffnet sich solch ein Herz allem Begegnenden, bereit, daraus die Stimme des Seins zu erhören. Das ist das schöpferische Geheimnis der Welt - das Kreuz. In Theresia führt deshalb die Sittlichkeit direkt in die Tat. Und sie war enorm tatkräftig. 

(Selbiges kann man ja von ihrem Bruder im Geiste Johannes vom Kreuz sagen, in dem die Poesie als Moment der Verschmelzung in einem Punkt der Unaussprechlichkeiten als Moment der Weltgeburt deutlich wird.)

Der VdZ liest in den alten Übersetzungen (beider), Ausgaben von 1927. Es gibt für Theresia eine ganz neue, so wie es eine neue Werksausgabe gibt. Vielleicht gibt es einen Leser, der ihm von ihrer Qualität berichten mag. Denn Übersetzung ist Neuschöpfung. Der Übersetzer muß im selben Geist arbeiten wie der Originalautor.




*180316*

Donnerstag, 5. März 2015

Materie ist empfangend - oder sie ist nicht

Der Materialismus wie der Pantheismus, schreibt Ceslaus M. Schneider einmal, denken einfach nicht konsequent genug. Denn sie gehen von einer materia prima aus, die keineswegs mehr die reine Möglichkeit ist, sondern setzen an einer bereits mit Form bedachten Materie an. Also einer, die aus der reinen Möglichkeit bereits in ein Etwas übergegangen ist, aus dem sich dann alles weitere Weltsein entwickelt.

Aber Materie kann nur als reine Potenz in ihrem Ursprung gedacht werden. Sie ist die reine Empfänglichkeit, die durch die sich eingießende Form zu einem Etwas wird. Nur in diesem prinzipiellen Zueinander, die sich als Eigenschaft über allen weiteren Gestaltstufen gleichermaßen zeigt, kann die Materie als Erstursache der Welt gesehen werden. Denn aus Möglichem kann nur Mögliches herstammen. Es braucht immer ein hinzukommendes Wirkliches, also im letzten (und ersten) die reine Wirklichkeit, Gott, an welcher reinen Wirklichkeit dann alles Wirkliche Anteil hat, so wie alles Materielle an der reinen Materie Anteil hat. Die damit auch nicht aus sich selbst entstanden sein kann, weil auch die materia prima ein Sein hat, das aber nicht aus ihr selbst stammen kann. Ex nihil nihil fit - Aus nichts wird nichts.

Der reine Stoff, schreibt er, kann nur als rein Empfangendes gedacht werden, das sein Sein erhält. So ist seine Natur, und alles kann nur seiner Natur gemäß handeln. Das in seinem Gestaltwerden aber ein Gebendes voraussetzt. Dieses Gestaltsein ist eben das Sein des Seienden selbst, und es ist deshalb ein grundlegend Empfangendes, das nicht aus sich zum Sein kommen kann, sondern nur aus der Ehe von Form + Stoff, von Akt und Potens.  

Denn die Gestaltwerdung ist der Prozeß, sich mehr und mehr im Sein zu befestigen, sich im Sein in diesem Prozeß des Zueinander zu aktualisieren (wirklich zu werden), und nur so ist auch Entwicklung denkbar. Fällt dieser Prozeß des Empfangens (und Aufnehmens) weg, fällt das Seiende, das Etwas, das Ding - ins Nichts, fällt zurück in die reine Möglichkeit, weil es die Form ablehnt.² Was seine Gestalt verliert, verliert sein Sein.* (Das nur möglich Gebliebene hat aber keine Gestalt.)

Denn jede Gestalt ist selbst wieder eine Informiertheit dieser materia prima. Ob im Stein oder im Tier oder im Mensch, immer sind die vorgefundenen Moleküle und Atome keine für sich möglichen Einzelteile, sondern tragen eine aus der Spitze der Gestalt strömende Informiertheit, als Teil eines Ganzen, das von seinem Zentrum her - der Form, der Idee - eine materia prima, einen formlosen Urstoff informiert, der als Gestalt (Ding) dann Anteil am Sein hat.³

Das, was in der Besitzergreifung (=Tugend, Sittlichkeit) gemeint ist, ist auf dieser Ebene nichts anderes als die vollkommene Informierung aller leiblichen Teile durch den Menschen (in diesem Sinne also Eigentümer) selbst, der SO am Sein teilhat bzw. der Materie Sein gibt. Wobei diese Seele, dieses Prinzip, wiederum dieselbe Eigenschaft als materialer Träger - Geist - hat: Sie empfängt ihr Sein vom Geist, in der Erkenntnis, in der Wahrheit, die ihr durch die Leiblichkeit, das Gestaltsein alles Seienden, vermittelt wird.**

Weil aber der Materialismus wie Pantheismus von einer rein stoffimmanenten Entwicklung ausgehen WILL - denn er WILL den Geber allen Seins, das Sein, Gott, ausschließen - muß er auch von einer bereits die Urstufe überschreiten habenden Materie ausgehen, die vom nur Möglichen (der völlig ohne Form gedachten materia prima) bereits ins Aktuelle übergegangen ist.


***

Das findet sich ja ganz exakt auch in der Quantenphysik, die ja eine Suche nach der materia prima ist. In der die kleinsten Teile der Materie immer mehr zur uninformierten, gestaltlosen Möglichkeit werden. Interessanterweise scheitern auch alle materialistischen Theorien in der Quantenphysik genau daran: daß sie ein erstmaterielles Teilchen annehmen müssen, das bereits informiert IST weil anderes Erstmateriales informiert. Der Regress materialer Verursachung - siehe Aristoteles' Gottesbeweis - ist eben nicht endlos möglich. Materie läßt sich eben nicht als aus kleinsten Teilen zusammengesetzter Komplex vorstellen. Sie ist zuerst reine Möglichkeit. 

Die sogar schon jeder Meßvorgang in eine Form hineinstellt, also zu einem etwas macht, das aus der Herausforderung der Meßmethode und Versuchskonstellation als Hinzukommendes informiert wird. (Meßvorgänge beeinflussen und präformieren selbst das Gemessene.) Weshalb die Quantenphysik zur Mathematik und Erkenntniskritik werden muß, weil sie in jeder Empirie bereits an dieser verändernden Grundvoraussetzung scheitert. Die Physis, die sie sucht, wird sie niemals empirisch finden. Die gesamte Quantenphysik der letzten Jahrzehnte hat aus dieser Sicht nichts anderes gemacht, als eine metaphysisch "immer" schon klare Aussage über die Materie zu beweisen (oder sie erfolglos zu widerlegen versucht). Die Physik wird also immer nur noch kleinerer und noch kleinere Teile finden, weil meßbar nur ist, was bereits informiert IST. Ihr bliebe nur der Ausweg, sich in Metaphysik zu wandeln. Und damit ... wäre sie dort, wo sie bis ins hohe Mittelalter stand. Damit wäre sie dort, wo das Buch Genesis mehr zur Physik beiträgt, als jedes Labor es je vermochte.

***

²Ein Beispiel aus dem Alltag, das das Gesagte illustriert: Wenn ein Schmied ein Stück Eisen mit Hammerschlägen formen möchte, und dieses zerspringt, so sagt er: Das Eisen sträubt sich. Oder: Es ist spröde. Dieses letztere Wort wird (im Sinne von: widerständig, widerwillig) auch für einen Menschen verwendet, der sich nicht fügen will: er will eine Form nicht annehmen und zur Gestalt bringen.

³Gott Vater - und es ist durchaus zulässig, es gleichnishaft auf den physischen Vater in der Zeugung zu übertragen, so wie der Same das Ei informiert, so wie der Sprechende, Nennende, den aufnehmend Hörenden informiert (das Wort Materie kommt von mater/Mutter) - ist also der "Informierende". Jesus sagt selbst deshalb, daß er nur das sage, was er vom Vater gehört habe.

*Diese Grundaussage läßt sich sofort überführen in recht konkrete Probleme der Gegenwart. Wenn etwa die Pädagogik die Menschen durch auflösen ihrer Herkunftsidentität zur reinen Möglichkeit zurückführt, fördert sie auf der einen Seite die Gier nach Informiertheit (der junge Mensch nimmt also wahllos weil urteilsentmündigt auf und läßt sich formen), weil sie auf der anderen Seite den jungen Menschen ins Nichts des "alles ist möglich" zurückwirft. Daß in so einer Grundhaltung der Erziehung natürlich auch Allergien, Autoimmunkrankheiten, seelische Phänomene der Desintegration (wie ADHS) immer stärker auftreten, ist logische Folge. Das, was heute als "Erziehung zur Kritikfähigkeit" schon in jüngsten Jahren angewandt wird, ist deshalb eine perverse Kombination von Indoktrinierung und Desintegration aus allen identitären, mitgebrachten Informationsgeflechten. 

Die Folge ist ohne jeden Zweifel eine innere Spaltung des Menschen, und zwar aus der Unwahrheit der nun erfolgenden Information durch Formeinströmung (weil es somit ja auch den Mythos der Gegenwart, die präfigurierte Person, gibt, in der "jeder Mensch ein Genie" mit für sich stehenden "Talenten" wäre, oder ähnliches, sodaß das durch den Erziehungsprozeß Informierte (Selbst) in Widerspruch zur menschlichen Natur gerät, der nur äußerst schwer vom Betroffenen aufzulösen ist, weil er sehr früh bereits in positivistische Konstrukte wie in eine Zwangsjacke eingesperrt wird. Die heutige Erziehung des Rückgriffs auf das "alles ist möglich" (s. u. a. Rousseau) macht also genau das, was zu verhindern sie vorgibt: Sie lähmt die Freiheit der Menschen, und preßt sie in ideologische Konstrukte, die sie als "Freiheit" etikettiert: der sich so noch "frei" bezeichnende Mensch ist aber nur noch jemand, der das Etikett "Freiheit" als Schlüssel zur Entformung vor sich her zu tragen gelernt hat.

**Was als Hölle zu verstehen ist, ergibt sich also aus dem Verlust der Fähigkeit, zur Gestalt zu kommen beziehungsweise am Sein teilzuhaben (was somit eben auch als "völlige Absenz von Vernunft" verstanden werden kann, wie es der VdZ in einem seiner Theaterstücke darlegt). Der Höllenbewohner bleibt gewissermaßen in der Möglichkeit, weil er mangels Vernunft nicht am Sein (des Selbst als Seiendes) teilhat. Theresia von Avila hat eine ihr zuteilgewordene Höllenerfahrung genauso übrigens beschrieben: Als totale Eingemauertheit. 

Die Klaustrophobie sowie das unsägliche, leicht wahnsinnig machende Gefühl das in einer eng anliegenden Zwangsjacke entsteht oder jenes, wenn man in einem ganz engen Rohr steckt, machen diese ontologische Tatsache erfahrbar. In dieselbe Kategorie, nur methodisch umgekehrt, fällt das Experiment, in dem man (vor etlichen Jahren) Versuchspersonen in Räume eingeschlossen hat, in denen alle sinnliche Erfahrung (außer Tastsinn) fehlte: dunkel, schalldicht etc. Nach etlichen Stunden mußte es abgebrochen werden, weil einige am Rande des Wahnsinns waren. Deshalb ist es eine beliebte Foltermethode, auch des CIA (der, wie bekannt wurde, Terrorverdächtige in enge, dunkle Kisten einsperrte). Wie sich also Menschen im Zustand von eingefrorenen Embryonen fühlen müssen, wie sich das auf ihr späteres Leben auswirkt, wenn sie wieder aufgetaut werden um sich zu entwickeln, mag man sich selber ausmalen, das nur nebenbei.




*050315*

Samstag, 8. Juni 2013

Vom Wesen des Schizoiden (5)

Teil 5) Kommt sie jetzt, die tiefe Nacht des Verstandes?




Deshalb hat "Offener Geist und gläubiges Herz" von Papst Franziskus den eigentümlichen Charakter eines der zu Massen erhältlichen Erbauungsbüchleins frömmer Schwachgeisterchen - denen eines fehlt: die Kultur, auf die es aufsetzen könnte, die geistige Substanz und Sittlichkeit, um die Wahrheit in Gestalt zu bringen. Warum sonst sollte man überhaupt sprechen, schreiben. Auch dieses Buch ist wie in eine abstrakte, nie vorhandene Zeit und Welt gesprochen. Weltlos, im wahrsten Sinn, inhaltlich wie in seiner Ratschlägigkeit eine Anleitung sich vom Acker zu machen. Eine Seite wie die andere.

Bis man irgendwann anfängt sich zu verwundern, denn jede Seite scheint bald wie die vorhergehende. Bis man das Buch endgültig weglegt. Es nimmt sich viel vor. Aber es hat nichts zu sagen. Möchte aber etwas bewirken, und wirkt damit wie eine Ankündigung, fast wie ein Lauern. Ein Buch als Verschleierungsversuch. Die vielen Zitate verstärken den Eindruck, daß hier mehr fehlt als Kairos.

Machen wir die Nagelprobe, denn vielleicht sind dem Verfasser dieser Zeilen längst alle Verstandesglühbirnen durchgebrannt. Sehen wir also, was er tut und tun wird. Was heißt, was er getan hat. Es wird sich alles weisen. Beim Twitterpapst, der fast täglich eine Botschaft absetzt. Auch die - gut, ja, richtig, sehr richtig, scheinbar auch mal tief, in gewisser Art. Der Küsserpapst. Der Protokollbrecherpapst. Der aus dem Fahrstuhl grüßende Papst. Der in Buenos-Aires-anrufende Papst, der ein Scherzlein treibt. Der Auto-anhalten-Frau-segnende Papst. Der öffentliche-Busse-benützende Papst. Der vom päpstlichen Balkon einen-schönen-Abend-wünschende Papst, den man sich so gut vorstellen kann, wie er dann hineingeht, ins Haus, und sich in Filzpatschen vor den Fernseher setzt und den Kardinal von Venedig nach der Fernbedienung fragt. Der jedes Kind-herzende Papst, das nicht schnell genug auf den Bäumen ist (manche versetzt man für solche Zutraulichkeiten in eine stille Pfarrei im hintersten Waldviertel). Der allen Pomp ablehnende Papst. Der ein mit Gold überzogenes Eisenkreuz tragende Papst. Der weiterhin im Gästehaus wohnende Papst.

Gehört er gar nicht hinein, in die Gemächer, die sein altersschwacher Vorgänger gerade mal geräumt hat, mit dem er nun Tür an Tür wohnt? Sagt uns das alles nicht etwas, nämlich einfach das, was es wirklich sagt? Erzählt er selbst es uns nicht, dauernd, nicht nur einmal, stößt uns mit der Nase drauf? Verweigert er nicht das Schild "Papst" auf der Tür, obwohl er den Namen ausspricht? Was also sehen wir? Ließe sich seine Verweigerung der Distinktheit des Papstamtes auch dahingehend deuten, daß ihr ein Mangel an Persönlichkeitskraft zugrunde liegt? Der die Menge, Gruppe braucht, weil sie nicht selbst stehen kann, dem die sachliche "Distanz" des Selbstseins der Dinge eine nicht zu bewältigende Hürde bedeutet. Die das Formale (das aber jenes ist, das Eigenschaftlichkeit trägt und deshalb der Wahrnehmung präsentiert) nicht zu tragen vermag. Heiligkeit ist doch an sich die Kraft zur Trage, zur Form, weil IN IHR der Geist im Fleisch, im Dinglichen gegenwärtig ist, sodaß Heiligkeit und Kultur regelrecht zu einem Homonym verschmelzen. Und DORT liegt das Kreuz.

Was erwartet die Kirche von einer schwachen Persönlichkeit? Warum hat man eine solche gewählt? Was läßt das für Rückschlüsse auf die Persönlichkeiten des Wahlgremiums zu? Das paßt doch wie die Faust aufs Auge auf jede Diagnose über die Probleme der Kirche in dieser Zeit.

Und was aber hören wir aus dem Munde des Erwählten? Das Gegenteil. Gehört es nicht zum Wesen der Schöpfung, daß das was sie ist auch sichtbar, erkennbar ist, weil erst dann der Logos erkenbar wird? Wie nennen wir Dinge, die nicht aussehen und nicht handeln wie das, was sie "sind"? Was wäre dann überhaupt Kultur anders als Lobpreis Gottes IM möglichst vollkommenen SELBSTSEIN der Schöpfung? Zuckerstreusel am Hefekuchen, um den alleine es ginge?

Wenn also dieser Verdacht, diese Schizoidität vom Verfasser dieser Zeilen richtig diagnostiziert wird, dann zeigte sich etwas Seltsames - eine wirkliche Kontinuität. Denn das war der Weg der Kirche seit Jahrzehnten, dort hinein hat sie sich entwickelt. So ein Papst ist nur noch die logische Folge. In der Liturgie, in den Erneuerungsbewegungen, in unendlich vielem. Das ist das Wesen der Früchte, die sie seit Jahrzehnten in die Auslage stellt. Die aber furchtbare Scheinfrüchte sind. Und sich hier in einem wahren Früchtchen ihre Blüte gesucht haben könnte, der perfekt versteht die schizoide Methode anzuwenden, ja die zu seiner Natur geworden ist. (Er ist der erste Papst, der schon in der reformierten, in der Auslieferung an die "Praxis" so entstalteten Liturgie Priester wurde.)

Dann wäre auch verständlich, daß das Jubelkonzert so vieler so groß wie noch nie geworden ist, die gar nicht bemerken, daß sie pausenlos Wahrheit, ihre Wahrheit, in diesen Papst hineindeuten - anstatt sie zu empfangen, und an ihr heil zu werden. Die ja gar kein Heil mehr brauchen, die es längst besitzen, eben heutige Menschen sind. Es ist das Aufatmen jener, die froh sind, nun selbst in ihrer Schwäche und Kreuzesverweigerung bestätigt zu sein.

Und genau das ist auch die Botschaft des vorliegenden Buches, gerade wegen der wortreichen gegenteiligen Behauptung, in der das Kreuz schlicht umdefiniert wird. Man kann vor solchen Leuten nur warnen. Gerade weil diese Persönlichkeitsbilder bereits so allgemein wurden, weil eine ihrer prägendsten Eigenschaften ist, oft sogar mit großer Energie - das Schlechte nach oben zu holen. Das Schlagwort von der "Kurienreform" (für die meisten ohnehin leer) wird so gerade unter der Vorgabe der "Verbesserung" zur gefährlichen Drohung, entscheidende Anker der Institution auszureißen. Dabei mit besonderer Betonung der institutionalen Funktion, denn die benötigen sie in steigendem Maß. Bittere Stunden, die der Kirche bevorstehen, hören wir nur genau zu: Er fordert die anderen, die Priester auf, das Kreuz in Liebe aufzunehmen. Persönlichkeitsbilder dieser Art verraten selbst, was ihnen fehlt, sie definieren es nur um.

Wer jetzt kein Öl in der Lampe hat, dem fehlt dafür aber bereits das Licht.

Ja Moment, wo soll das hinauslaufen? Auf Sedisvakantismus? Ah, beileibe nicht, da möge Gott vor sein. Aber vielleicht, vielleicht wirkt eben der Heilige Geist GAAAANZ anders, als sich das viele vorstellen. Wirklich, ganz anders. Nicht durch fromme Worte. Sondern durch das, was der Papst explizit sagt: Durch das Kreuz. So richtig. Ohne Rosenbömmerl und Paukenwirbel des New Yorker Symphony Orchestra unter Bernstein. Und er sagt es sogar dann direkt. Schlechte Päpste gab es in der Kirchengeschichte zuhauf, läge ihre Existenz daran wäre es längst aus. Und doch ist nie "etwas passiert", mit dem Glaubensfundament. Der Schaden ist anders entstanden. Dante hat nicht wenig darüber geschrieben.

Wenn der Verdacht des Verfassers dieser Zeilen stimmt, sein Gefühl, seine innere Gewißheit, und Gewißheit dieser Art kann nur auf Gefühl aufbauen, dann hat der Leser es mit seinem Buch mit der schlimmsten Form der Lüge zu tun, die es gibt, und es wird nicht das einzige bleiben, und es wird immer dasselbe bleiben: Der Lüge mit wahren Worten, der Lüge mit der Wahrheit, aus der es fast kein Entrinnen mehr gibt - nur noch mit einer (heroischen) Sittlichkeit, die einen wirklich in die tiefe Nacht des Verstandes wirft, von der Theresia von Avila gesprochen hat, weil sie einem das Wort aus der Hand reißt: Der Lüge der Schizoidität.

Die Lüge dieser Zeit - und so viel wird verständlich, wenn man dieses Licht annimmt - ist nicht die Lüge der Worte. Nein, diese Zeit lügt gerade durch die richtigen Worte, auf allen Ebenen. Sie lügt, weil sie sich in die Wahrheit selbst hineinphantasiert, aus der imitatio Christi die Hülle der "imitatio" Christi macht. Sie nimmt einem die Worte. Denn der Schizoide sagt alles, auch Widersprüchlichstes, und er tut es, um sich zu verbergen, um die wahre Richtung zu verbergen, in die er durch sein Handeln und Wollen geht. 

Er sagt alles, aber er verbirgt, daß er nur eines davon auch meint, das ihm selbst rational nicht einmal zugängig sein muß. Damit wird der öffentliche Disput in der Kirche ganz schweren Schaden nehmen, und vor allem wird diese Art des Umgangs mit dem Wort dafür sorgen, daß sich der Verstand der meisten verfinstern wird, er wird unbrauchbar, er wird nur noch durch persönliche Abhängigkeit "formierbar". Der Mensch verliert seine Freiheit als Selbststand in der Vernunft, sein eigenes Denken wird zufällig, situationsbedingt und als Instrument der Wahrheit unbrauchbar. 

Dieser Charaktertypus greift zumindest lange Zeit nur an ganz kleinen Punkten und Rändern zur offenen Lüge als Tatsachenschwindel, die dann letztes Mittel wird. In seinem Buch der Priesterexerzitien hat Bergoglio es bereits vorgezeigt. Damit wird die Rationalität verleumdet und desavouiert. Wie soll man dann aber noch klären, wenn das Wort unbrauchbar wurde? Wenn es nie faßt, was es meint, kann es alles "meinen", dann bewegen wir uns nur noch im Reich vielfältig zu deutender Gesten, deren Interpretation völlig subjektiv und vor allem in der Hand des "Sagenden" bleibt. Nur er sagt dann noch, was "richtig" oder "falsch" interpretiert ist. Das Wort liefert diese Urteilsbasis nicht mehr.

Die vielleicht höchste, sicher aber letzte Form des Kreuzes. In jedem einzelnen Menschenleben gleichermaßen. Kann das aber ein Mensch noch tragen? Ja, kann er solches verantworten? Woran binden sich dann die Menschen? Denn Wahrheit braucht persönliche, menschliche Weitergabe. Also muß auch dieser Papst Papst SEIN. Anders geht das nicht, auch aus anderen Gründen - es berührt das Wesen der Kirche, ja der Schöpfung selbst. Aber man darf seinen Worten nicht trauen. Nicht einfach so. Man muß mit größter Sorgfalt und Selbstprüfung ihr SEIN-SPRECHEN suchen, das SELBSTDENKEN DES SEINS suchen, das das Wort IST, und das nicht einfach das Gedanken-Denken/Sprechen ist.

Umgekehrt warnt der Verfasser dieser Zeilen seine Leser, eindrücklichst. Aber zuerst ruft er ihnen zu: Geht weg, macht seine Hände nicht schuldig an Eurem Blut, indem ihr ihm ... glaubt. Denn der Verfasser dieser Zeilen hält diesen Papst für einen Lügner, wenn nicht für mehr. Und das wird sich auch zeigen, ohne jeden Zweifel. Man wird es nur sehen können müssen. Und daran wird es sich scheiden, ob man links oder rechts geht.

So war es gemeint, als an dieser Stelle vor einiger Zeit von den "Linien der Kontinuität" zu lesen war. Zu lesen war, daß sich der Rücktritt Benedikts XVI. als Lackmustest des Papismus erweisen könnte, als Scheidewasser des Glaubens, als Gericht. Sein Nachfolger wird die Kirche - siehe Goethe, Faust I, "Studierzimmer" - in den Strudel dieser Zeit endgültig mit hineinreißen, wohinein so viele Kräfte ja lange schon drängen. Sie haben nun freie Bahn. Was einer Läuterung, einem Siebeprozeß gleichkommt, den wir uns nicht wünschen hätten sollen. Der aber offenbar unumgänglich war, um die Kirche danach rein auferstehen zu lassen. Reinigung - das war ja die Absicht des Vorgängers. Seine Gebete wurden erhört.

Achten wir deshalb mit den eigenen offenen Sinnen und wachem, freiem Herzen auf die Gestalt der Dinge, die sich uns zeigen werden. Nur Gestalt bleibt, als Prüfstein und Träger der Wahrheit, die mehr ist als Worte. Denn vielleicht hat noch kein Zeitalter so wie das unsrige durch das Verwenden "wahrer Worte" gelogen. Damit hat sich die Sprache entleert, unsere Zeit ist verstummt. Was wir sehen werden, wird sich nicht - nicht gleich jedenfalls - im Wort zeigen. Die Gestalt aber kann nicht lügen.

Vielleicht erfüllt es sich somit auch hier, es wäre nur zu folgerichtig. Die Schöpfung aber ist ein Lied der Gestalten, die in dem Maß das Sein Gottes wiederspiegeln, als sie selbst sind. Einander nahe, wie Hans André es so wunderbar durchdenkt, indem sie einander abständig - gegenständig - sind, und so Sinn für beide erfüllen, einander vervollkommnen. Lassen wir uns nicht von jenen verwirren, die nichts mehr haben und sind, die deshalb dem, der noch hat und ist, zurufen, er sei eitel und stolz, er solle auch sein Sein in den Abfluß gießen - weil er treu und integer und liebend ist.

ZUVOR aber, versuchen wir's, wenn es denn sein muß, versuchen wir's: nehmen wir in einer Vorstufe einfach alles das hier Gesagte einmal als das, was es ja ist: Eine These. Ein Blickpunkt, davon kommt das Wort, dem wir nur einmal die Möglichkeit zugestehen. Dem aber nicht mit Worten (und auch das würde so einstimmen in diese These) mehr weiter beizukommen wäre. Nicht mit Internetseiten und Informationen, nicht mit Twitter und nicht mit Facebook. Es wäre dann nämlich nicht mehr die Stunde der Theologen und nicht einmal beziehungsweise nur indirekt die der Philosophen. Es könnte sich nur zeigen, für den, der noch zu sehen vermag. Es bliebe den Klugen und Weisen und Mächtigen verborgen.

Es wäre die Stunde des Künstlers. Es wäre die Stunde des Schauenden. Es wäre die Stunde des Fleisches, das die Welt als Analogie des dreifaltigen Gottes ist. Und würde damit wortwörtlich dem entsprechen, was dieser Papst sagt und schreibt. Aber es wäre etwas völlig anderes.


*Fin*



Teil 1) Der Ausgangspunkt
Teil 2) Von Früchten, Scheinfrüchten und Früchtchen
Teil 3) Braucht die Kirche einen frommen Papst?
Teil 4) Wahrheit ist eine Frage des Lichts, das auf etwas fällt. Zitate, und wie man sie auch deuten könnte.
Teil 5) Komm sie jetzt, die tiefe Nacht des Verstandes?





*080613*

Samstag, 4. Mai 2013

Strommetaphorik

Nun ist es  nicht mehr zu übersehen - die USA steigen bereits völlig aus der Windkraft aus. Die Erzeugungskapazität sank von zuletzt 13.000 Megawatt bereits auf 3.000 Megawatt. Ja, natürlich, das hat nur mit diesem Fracking-Gas zu tun, und gilt nur für die USA, so ungefährt zumindest ...

Wollen wir mal nicht fragen, was mit den zehntausenden Windrädern passiert, die nun noch sinnloser in der Landschaft herumstehen. Die USA hat immer noch eine sehr dünne Besiedelung, und es war von Anfang an ihr wesentliches Wachstumspotential, große Landstriche vermeintlich veröden, zur Müllhalde werden lassen zu können. Beim Fracking mit dem Vorteil, daß man noch weniger sieht. Vorerst. Es findet völlig in der Unterwelt statt. Da kann man schon noch etwas mehr riskieren. Gewinne ohne Liebe zum Boden, der zum Gestellt (Heidegger) wird, zur Vorhalte von Zehrvolumina - sie waren und sind das Prinzip der USA.

Wollen wir auch nicht in die Schreibstuben der PR-Abteilungen von Siemens gucken, denn irgendwohin müssen all die Propheten einer paradiesischen Zukunft ja ihre Beglückungsprodukte weiterhin verkaufen.* Wo die Tastaturen glühen und die Bewirtungskosten deutliche Steigerungen aufweisen, denn wenn Ranga Yogeshvar im European meint, daß die Energiewende nur funktioniere, wenn zugleich ein "Bewußtseinswandel" stattfinde, dann hat er den Nagle auf den Kopf getroffen: Nur die Gleichschaltung der der Gehirne der Menschen macht ein solche Energiewende möglich. Ach nein, wir adeln das, machen es zu einem "Jesus-Bewußtsein", und wie immer dieser Bewußtseinswandel genannt wird, der uns zu Göttern  machen soll. Das Wesen des Menschseins pervertierend.

Die - auch das spricht Yogeshvar an, nur meint er alles natürlich ganz anders, gewissermaßen naiv-utopistisch, und das hat doch viel Charme, nicht wahr? - eine Zusammenschaltung von Verbrauchern wie Produzenten zu sehr dichten Netzwerken benötigen, wo jeder eine kleine Schaltstelle in einem großen, zentral gesteuerten Netz ist, zum Allgott erweitert.

Elektrizität steht quer zum menschlichen Leben. Anders als der Mensch, dessen Historizität und Realität auf dem Zusammenfassen von Vergangenheit und Zukunft in einem schöpferischen Jetzt beruht, funktioniert Elektrizität nur als "ständige Gegenwart." Sie bildet damit tatsächlich die Wirklichkeit der Zeit selbst sehr unmittelbar nach (aber: auf der Ebene der zerfallenen, umrißhaften Schatten, nicht der inhaltsvollen Wirklichkeit!). 

In der die Vorhandenheit der Welt aus der Berührung mit dem nie unterbrochenen Fluß der Energeia, der Dynamis des Welthervortreibenden - der Begriff Gott schwebt über den Tasten, lassen wir ihn aber noch dort -aufruht, auf dem "Anschluß" an diese apeirische, raumlose Zeit, die reine Potentialität bleibt, die sich dort blitzhaft (die Metaphorik ist nicht zufällig so passend, und im übrigen: uralt: Gott und Blitz war immer eine Analogie, die in den Zerfallsformen zur Vergötzung führte) in die Geräte der Welt entlädt, wo sie ihn mit ihrem Eros, ihrer Empfangsbereitschaft anlocken.

Elektrizität als "Energieform" funktioniert deshalb nur, wenn dieser apeirische Raum beherrscht wird. Was natürlich nicht möglich ist. Deshalb ergreift Elektrizitätserzeugung alle Vorbedingungen zur Welt selbst - sie greift in egal welcher Form massiv in die Landschaft ein, den Träger der Weltdinge, und baut ihn zum apeirischen, transzendentalen (das Dahinter der Dinge "für sich" darstellend, seiend) Raum um, der sich rund um die konkrete Welt dreht, selbst "neutral", "raumlos". Aus dem alles erfließt, was Gestalt der Welt zu ihrem Selbstvollzug braucht. Als elektrischer Strom. Der "sauberen" Energie.

Nur vorhanden in Aktualität, nicht speicherbar (jede Speicherform ist dies ja nur im übertragenen Sinn, indem sie andere Prozesse zwischenschaltet, anwegt, in Gang hält, bis diese selbst "Strom" erzeugen, unter geringeren, meist aber enormen Wirkkraftverlusten, betrachtet man eine bloße Energiebilanz) braucht Elektrizität ein ständig aktuelles, offenes Netz. Das weiter auszubauen, vor allem zu einem bipolaren Netz, wo jeder Erzeuger wie Verbraucher gleichermaßen wird, diesen "Bewußtseinswandel" bedeutet. Analog zum Internet, wo dieselbe Illusion herrscht, dieselbe Phänomenologisierung des Immanenten - die Rückwirkung des Einzelnen auf das Ganze. Sodaß jeder Bildschirmbesitzer der Meinung ist, er könnte die Weltbeeinflussen, weil "seine Meinung zählt". Hier fließen Meinungen, dort fließt Strom. Jeweils mit direktem Draht zum Herz. Die Bewegung ist dieselbe.

Und die Struktur. Als neues Netz des Zentralismus, in dem die Peripherien ihren Takt von dieser Zentrale her beziehen. Denn was nie bedacht wird: Taktung ist nicht einfach das Ergebnis des Zusammenflusses von Input. Taktung ist eine Entscheidung, weil es die Eigenrhythmik eines Dings ist, das nur ein Ding wird, weil es zu einem "gesprochen" wird. Indem es zum Begriff wird, wird es in seinen Grenzen und in seinem Eigenwesen bestimmt und bestimmbar. Anders als die Israeliten, um nur ein Beispiel zu nennen, die Gott für nicht benennbar hielten, wie er selbst es ihnen mitgeteilt hat. Ein Stromnetzt MUSZ benannt werden. Es muß zu einem Begriff mit Eigengesetzlichkeit werden. Und das wird es.

Wie bei Jehowa - noch einmal: wir sprechen von einer funktionalen Nachbildung, nicht von einem wirklichen, inhaltlich gefüllten "sein wie" - sind es dann diese Gesetze, die unsere Lebensregeln werden. Das ist nicht diskutabel, das IST so. Und darin greift es das Wesen des Menschlichen an - die Freiheit. 

Denn Freiheit ist nicht die Möglichkeit, "zu tun was einem gerade einfällt". Freiheit heißt der Selbstvollzug der Selbstmächtigkeit, in diesem Zusammenziehen von Vergangenheit und Zukunft. Als Akt. Nicht als "Extrabonus" zu einem ansonsten brav gelebten Leben. Sondern der Selbstvollzug des Menschen, seine Menschwerdung selbst, ist nur dann gegeben, wenn er aus Eigenverantwortung ins Nichts der Zukunft hinaussteigt, und dorthinein seinen Namen setzt. Und damit Welt weitertreibt, weil Zukunft erst schafft. Nur dann gibt es Zukunft. Nicht aus dem Kalkül der Vergangenheit, das Energiemengen verwaltet. Je strikter und umfassender die Lebensvollzüge aber geregelt werden, und das ist die conditia sine qua non solcher Netze, der Elektrizität generell, je mehr man sie "optimiert", desto weniger Freiheit ist noch möglich. Der Drang zum Selbstvollzug sucht sich dann psychologische Ersatzwege. Zum Beispiel im Fanatismus. Weshalb Fanatismus und Zentralismus Geschwister sind.

Die Wahrheit der Welt liegt nicht in Ampere und Watt. Sie liegt hinter den Gestalten, als Formprinzipien. Ob im Froschschenkel oder im Gezeitenkraftwerk, es sind dieselben Wirklichkeiten, dieselben Tafelgesetze der Götter und Abgötter, die dahinterstehen. Zeit läßt sich aber nicht sparen, sie ist darin wie Strom, sie läßt sich nicht aufheben für eine zukünftige Qualität. Sie muß im Jetzt geschaffen, und im Jetzt angewandt werden. Wer meint, sie produzieren zu können, muß - wie bei der Elektrizität - die Welt selbst lähmen, stilllegen, töten, in immer weiteren Kreisen. 

Zurück bleiben Wüsten, durchzogen von Wankenden, die von einer Fata Morgana zur nächsten taumeln, weil sie Zukunft "ermöglichen" wollten - ohne sie zu schaffen. Als treue, gehorsame Diener der Götzen. Dann, gleichgeschaltet, unfrei, haben wir ihn auch - den Frieden, den Yogeshvar meint. Als Abwesenheit des Krieges. Tote kämpfen tatsächlich nicht mehr, sie haben keine Reibungspunkte mehr, die sie zu einem Neuen Jetzt verknüpfen, als Raum, als Welt. Theresia von Avila beschreibt es in einer ihrer Höllenvisionen sehr genau: Da gibt es keine Zeit mehr. Die Welt der Hölle steht. Und Franz Werfel nennt es in seinem "Jeremias" beim Namen, als Jeremias in die Unterwelt reist: Wir bekommen immer nur, was wir wollten.



*Da steht ganz zufällig in der Zeitung unter dem Artikel, daß die Solarförderung soeben 36 Mio Euro zur Verfügung gestellt hat, ein Artikel daß bei Siemens Österreich 300 "Jobs wackeln". Man sieht sie förmlich, die Siemens-Nadelstreif-Kostümchen, wie sie im Büro der Minister antechambrieren, und drei Wochen später die Meldungen über weitere Förderungen für "nachhaltige, saubere Energie" die Redaktionsschreibtische anfüllen. Obwohl selbst die EU - und das will was heißen - den Unsinn solcher Förderungen längst erkannt hat. Immerhin, wir wollen doch alle nur das Beste!? Wobei, solche Peanuts werden auf der Ebene der stellvertretenden Abteilungsleiter abgehandelt, die großen Linien werden auf hoher Ebene bei den Festspielen in Bonnerswyl abgestimmt.




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Dienstag, 26. April 2011

Vorzimmer der Mystik

Selbstverständlich, meint auch Alois Mager in "Mystik als seelische Wirklichkeit - Psychologie der Mystik", kann auch der Nicht-Christ, der Nicht-Getaufte, bis zu den vormystischen Zuständen (wie Theresia von Avila u. a. sie bezeichnet) gelangen, bis zum "Gebet der Ruhe" also. Sämtliche Berichte und Schilderungen, auch aus anderen Religionen, sind also ausreichend glaubwürdig, und ihre Psychologie deckt sich logischerweise mit der der christlichen Mystik.

Auch der Nicht-Christ begegnet und erfährt Gott in seiner Seele, aber er erfährt ihn - geistig und direkt, vorausgesetzt er hat den Weg zu dieser Geistigkeit wirklich beschritten - auf jene "allgemeine" Art, in der Gott in seiner Schöpfung eben gegenwärtig ist. Auch hier ist die Geistseele bereits "passiv", wird vom reinen Geist bewegt. Aber die Berichte dieser Mystik enden auch genau hier. Man könnte es mit dem Übergang 4./5. seelischer Hof - nach Theresia - bezeichnen. Was ab da folgt, fehlt der nicht-christlichen Mystik völlig.

Der Nicht-Christ gelangt eben nicht mehr darüber hinaus, weil ab diesem Zeitpunkt die Gnade, das Übernatürliche fehlt, das artverschieden, nicht einfach graduell verschieden ist, und sich im Leben der Geistseele natürlich auch nicht entfalten kann. Der gesamte Bereich eigentlicher bzw. katholischer Mystik, der ab hier erst einsetzt, von der Verlobung bis hin zur Vermählung mit Christus, dem was z. B. Theresia mit 7. innerer Burg bezeichnet, bleibt ihm versperrt. Gnade bedeutet eben, daß eine Bewegtheit durch Gott selbst notwendig ist (siehe: Passivität der Mystik!), die zu bewirken eben das Sakrament besteht.

Anselm Stolz freilich sieht die Mystik genau damit an ihrem Beginn, nein, noch davor erst definiert, und er bestreitet in seinem (nach wie vor:) Standardwerk "Theologie der Mystik", daß es außerhalb des Gnadenlebens überhaupt Mystik im eigentlichen Sinn gibt. Mit der Begründung, daß außerhalb dieses Gnadenlebens ein Verhältnis zu Gott, über Christus, gar nicht "normal" gestaltet sein kann: der Nicht-Christ bleibt aus diesem Innenverhältnis ausgeschlossen. Stolz meint, daß diese Dimension des Seelischen nicht "psychologistisch" aufgelöst werden könne, sondern mit geistigen Realitäten zu tun habe: seelisches, objektives Geschehen, schon gar wenn es um die Geistseele gehe, könne nicht in der Erlebensdimension aufgelöst werden, und diese Gefahr bestehe bei der "spanischen Mystik" (in deren Tradition ja Mager argumentiert).

Die nicht-christliche Mystik (ohne daß man davon sprechen könne) erschöpfe sich letztlich im Ahnen und im Mittelbaren. Weil aber das Mittelbare Konkretion (im Dinglichen, Anschaulichen) braucht, bleibt sie auch geistig weltimmanent, es fehlt ihr das worauf sich die der Welt entnehmbare Transzendenz (als Streben alles Geschöpflichen) bezieht.

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Samstag, 26. März 2011

Unterscheidungskriterium

Alois Mager arbeitet klar den Unterschied zwischen der "Erlebnistheologie" (s. u. a. "Pascendi Dominici Gregis") und der Mystik (bzw. der mystischen Psychologie als Kunde seelischer Vorgänge) heraus:

Pius X. definiert Erlebnistheologie als "jene Theologie, die als Quelle der Glaubensinhalte die verborgenen Tiefen des Unberbewußtseins (latebrai subconscientiae) annimmt und aus ihnen auf dem Wege des Erlebens die Dogmen sich entwickeln läßt." Genau das ist aber nicht Mystik.

Denn der (echte) Mystiker weiß, und die Schriften einer Theresia v. Avila oder eines Johannes v. Kreuz sind einzige beredte Zeugnisse dieses Umstandes, daß das Mystische weder dem Inhalt noch dem Erlebnischarakter nach aus sich selber hervorgebracht werden kann, sondern nur aus einem unmittelbaren Einwirken Gottes. Eine mystische Psychologie behandelt ja genau die oft sehr verschlungenen Wege der Seele, im Unterbewußtsein zu verschleiern, auf welche Weise das Gewünschte, Gewollte hervorgerufen werden soll. Frei von diesen Eigenwillen zu werden, im Sinne eines immer vollkommeneren Selbstbesitzes, um überhaupt über sich verfügen zu können - das ist Aufgabe der Seelenkenntnis, die die Mystiker anstreben.

Und es ist im Grunde die Aufgabe jedes Menschen. Die Mystik sucht genau nicht das Erlebnis (um des Erlebnisses willen), dieses "passiert" vielmehr (wenn es denn passiert) - auf dem Weg zu einem "dogmatischen", vernunftmäßig klar bestimmbaren Tatbestand: der höchstmöglichen Einigung mit Gott. Daß diese Einigung auch mit einer Veränderung der Bewußtseinszustände einhergeht, liegt - rein sachlich - in der Natur der Dinge.

Mystik ist somit ("lediglich") das bewußt gewordene, erfahrungsmäßig erkannte Glaubensleben.


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Sonntag, 20. März 2011

Nun ist er Geselle, nicht mehr Taube

Der Punkt ist so entscheidend, und wird meist völlig vergessen, den Johannes vom Kreuz genau so beschreibt, wie Theresia von Avila, beide bis in höchste Höhen der Mystik vorgedrungen, ja dort beheimatet. Beheimatet, eben. Also: von dort stammend.

Irene Behn schreibt, daß die Unterscheidbarkeit mystischer Ekstasen nur solange gegeben war, solange beide sich auf dem Weg befanden. Niemals aber waren diese Gnaden "esoterisch". Denn dann, im höchsten Punkt der Vollkommenheit und Gottesnähe, die Menschen auf Erden möglich ist, kamen beide und übereinstimmend an den Punkt, der das Wesen der Mystik so erhellt, ja im Grunde begreiflich macht:

Beide fanden sich auf einer "Normalität" wieder, die ihre Gottesnähe als Samenkorn in der Taufgnade verankert, wie sie jedem Getauften als Glied des Leibes mit dem Haupt Christus, der Kirche, geschenkt wird. Wird diese Gnade zur Vollendung geführt, wird jede Ekstase völlig unwesentlich (sofern sie all die Klippen, die zuvor mit ihr verbunden sind, glücklich umschifft hat, denn beide haben sich zutiefst, oft genug schamhaft und unangenehm berührt, gegen diese außergewöhnlichen Zustände zu wehren versucht) - der Mensch findet sich in der Vollendung seiner höchsten Berufung, der größtmöglichen Gottesnähe und -ähnlichkeit. Einer Ähnlichkeit, die ihn zu einem Gefäß für Gott selbst macht, bis der aus ihm spricht und handelt, ohne daß auf andere Weise (ontologisch, im Sinne des Pantheismus, des idealistischen Ineinsfallens) eins ins andere fiele.

Beide beschreiben die höchste mystische Stufe als eine Art "Rückkehr" in "normale" Bewußtseinszustände, in denen sie jedoch allezeit mit dem Bräutigam Christus auf tiefste mögliche Weise verbunden blieben. Sodaß Gott sich in der menschlichen Seele selbst am höchsten liebt, eben: in seiner Weise zu lieben.

Gott ist damit nicht mehr der flüchtige Hirsch, der sich wieder und wieder zurückzieht, die Taube, die erschreckt auffliegt. Er ist Geselle. Die Taube hat ihren Friedenszweig gefunden. Die Gnade hebt auch die Natur in die Verklärung mit hinein.

"Er erhebt," schreibt Johannes vom Kreuz, "ihre Erkenntniskraft zur Einsicht in Göttliches; denn schon verharrt sie einsam und entblößt von anderen zuwiderlaufenden und gottfremden Einsichten. Und ihr Wille bewegt sich frei zur Gottesliebe, denn schon verharrt sie einsam und frei von anderen Zuneigungen. Und sie erfüllt ihr Gedächtnis mit göttlichen Wahrnehmungen; denn sie ist auch schon einsam und bar von anderen -Vorstellungen und Gebilden. 

Denn alsbald, wenn die Seele diese Vermögen [von allen Gebundenheiten, Unfreiheiten, Eigenwilligkeiten, und daraus erstehenden Bildern; Anm.] ausräumt und von allem Unteren und von der Aneignung des Höheren losmacht und sie ganz in ihrer Leere beläßt, werden sie von Gott unmittelbar im Unsichtbaren un Göttlichen angewendet. Und es ist Gott, der sie in solcher Einsamkeit führt." 

Wenn also Mystik als unmittelbare Gotteserfahrung verstanden wird, schreibt Behn, so ist nicht die ekstatische Brautzeit, sondern die kaum noch ekstatische Ausgeglichenheit der mystischen Ehe das Kerngebiet der Mystik.

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Mittwoch, 9. März 2011

Eine andere Dimension der Mystik

Natürlich ist Gott auf eine Weise substantiell mit allem das es gibt - das Anteil am Sein hat, das also Seiend ist, selber (bedingt!) Sein hat - verbunden, und insofern in allem anwesend. Auch in jeder menschlichen Seele.

Und diese Anwesenheit Gottes, schreibt Irene Behn in dem so wundervollen Buch "Die spanische Mystik", unter Bezug auf die entsprechenden Passagen bei Johannes vom Kreuz und Theresia von Avila, kann natürlich auch Gegenstand einer mystrischen Erfahrung sein. Gerade die deutsche Mystik (sic!) hat sich zuhöchst auf diese Tatsache gestürzt und konzentriert. Es ist aber nur eine "analogia entis", es ist eine Analogie zum Sein an sich, hat also nicht das göttliche Sein persönlich.

Doch es ist nur eine bedingte Anwesenheit, die von der dynamischen der Vollkommenheit des Seins eines Heiligen - und alle Worte sind hier nur Wegweiser des Denkens, vermögen die Wirklichkeiten kaum zu erschöpfen und zu tragen - nicht nur verschieden ist, sondern die statisch gewissermaßen ist. Sie setzt damit ("allzu leicht") das Seiende absolut, und rutscht damit zum Pantheismus mit seiner fatalistischen Immanenz ab. Ja, sie gleitet dazu vom (statisch "sakralisierten") "schon Seienden" ab, zu dem dumpfen "deja vue", das zum Glauben an die Seelenwanderung führt.

Johannes und Theresia kennen dazu beiden den Begriff der "natürlichen Mystik" - ihr Streben aber gilt der "übernatürlichen Mystik", der Liebesvereinigung mit der Liebe selbst. Für erstere ist jeder momentane Seelenzustand gleichgültig, und ob sie in der tiefsten Todsünde steckt. Denn "Sein" hat die Seele, solange es den Menschen gibt. Die wirkliche Einigung als Anähnlichung mit Gott, aus der heraus der Geist Gottes Wohnung, aus der Gott trinitarisch Wohnung nimmt, ist aber eine völlig andere Dimension, deren erste Voraussetzung die Reinigung ist, und in die die natürlich Mystik nur mit einbezogen ist.

"Verglichen mit dem Sein des unendlichen Gottes," schreibt sie dann, "ist das Sein der Geschöpfe nichts. Deshalb ist die Seele, die sich an dieses Sein hängt, vor Gott ebenfalls nichts und weniger als nichts [weil sie unter ihren Möglichkeiten und Auftrag bleibt; Anm.]" Nur die Liebe schafft Gleichheit und Übereinstimmung Mensch - Gott. Eine solche Seele (in irdisches Sein als Analogie verbunden, Anm.) kann sich mit Gottes unendlichem Sein nicht vereinigen. "Denn was nicht ist, kann nicht mit dem übereinstimmen, was ist."

Oder, wie Angelus Silesius es ausdrückt: "Gott wirst du, liebst du Gott, und Erde, liebst du Erden"

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Sonntag, 13. Februar 2011

Da aber verlangte der König ...

Theresia v. Avila - o.p.n.
"Fürchte Dich nicht," hört Theresia von Avila in einer ihrer Botschaften nach der Hl. Kommunion, und sie nimmt das nächste Gründungsprojekt in Angriff. Aber sie hält selber rückblickend in ihrem "Buch der Klostergründungen" fest, daß solche Worte immer besonders mühevollen Wegen vorangehen. So in Burgos, das dem Bischof von Valencia untersteht. Der zwar mit Worten ganz hinter ihrem Projekt steht, aber es mit seinen Taten eigentlich unmöglich macht.

"Wie das böse Prinzip im Märchen", schreibt Irene Behn in "Spanische Mystik" dazu, der immer neue Bedingungen stellt, und kaum sind diese erfüllt, kommen noch schwerere, noch unerfüllbarere. Schließlich aber doch, nach der letzten, die nach Theresia selbst nach Maßgabe ihrer Kräfte unmöglich schien, sind diese untergründigen Dämonien überwunden, und er freut sich mit ihr, daß alles gelang.

Ja mehr: "Denn eben das," schreibt Theresia, "womit er das Werk verhindern sollte, diente nach deinem Ratschluß [oh Gott] zu dessen höherer Vollendung."

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Donnerstag, 10. Februar 2011

Einordnungen (Künstler und Mystiker)

"Die Exaltation ist der höchste Bewußtseinszustand, der dem Künstler noch erreichbar ist - der für ihn eigentümliche und fruchtbarste Zustand, wie es sich schon aus der Vorherrschaft der Phantasie auf dieser Stufe ergibt. Der Mystiker, im Gegensatz zum reinen Künstler, durchstreift nur bei seinem Anstieg zur Vollkommenheit die Stufe der Entzückung, diesen eigentlichen Quellgrund der Kunst. 

Er wird auf dieser Stufe zum Künstler, aber nicht zum Nur-Künstler, dem das Nachschaffen angelegener ist als das Wiedergeben. Er wird zum religiösen Künstler und bildet oder dichtet in tiefgefühlten Versen, "trotzdem er kein Künstler ist". Er verdichtet nicht die Breite des Geschaffenen, nicht die Fülle des einzelnen, sondern dichtet aus gottbewegter Seele zu Gott, dem einen empor."

Irene Behn in "Spanische Mystik", über Theresia von Avila's Vida

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Man  kann die Berichte der Mystiker vielfach mißverstehen, und meist wird es auch getan. Zum mindesten als Methode, mystische Erlebnisse zu generieren. Aber sie sind etwas ganz anderes, und niemals sind sie Anleitungen, Wege abzukürzen. Der Weg zur Freiheit ist nicht abzukürzen - sämtliche Mystiker beschreiben, sofern sie beschreiben, die immer subtilere Arbeit an immer feineren, aber sehr realen seelisch-geistigen Realitäten und Selbsttäuschungen im Menschen, auf dem Weg zu einer immer größeren, immer umfassenderen Freiheit, die den Einzelnen zum Kelch der Wahrheit macht. Wirklichkeitsbegegnung ist ihr aller Kernwort. Die Auslieferung an das ens realissimum.

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Mittwoch, 8. Dezember 2010

Fiat voluntas tua

Wie den Grundton ihrer Erkenntnisse, preist Theresia von Avila die Demut, die Einfügung im Gehorsam, als geeignetsten, ja einzigen Weg. Auch, um allen Illusionen und Dämonien zu entgehen.

Gleichgültig, woher eine Inspiration, eine Vision etc. stammen mag, auch wenn sie das Werk der Einbildung, ja der Dämonen ist, durch die vollkommen demütige Annahme und den Gehorsam gegen den Beichtvater ist der Trug machtlos, ja das Werk der Dämonen verwandelt sich durch die Art der Annahme in ein Werk der Gnade.

"Der Nutzen oder Schaden liegt nicht in der Vision, sondern in dem, der sie empfängt und sich diese entweder in Demut zunutze macht oder nicht. Ist Demut vorhanden, so kann sie nicht schaden, selbst, wenn sie vom Teufel wäre; fehlt aber die Demut, so wird sie keinen Nutzen bringen, selbst wenn sie von Gott käme. 

Denn wenn eine Seele beim Empfang einer Gnade, die dazu bestimmt ist, sie demütig zu machen, hochmütig wird, anstatt sich ihrer unwürdig zu erkennen, so gleicht sie einer Spinne, die alles, was sie verzehrt, in Gift verwandelt, während sie doch einer Biene gleichen soll, die alles in Honig umsetzt.

(Aus "Buch der Klosterstiftungen")

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Nun kann Demut, schreibt Spaemann in seinen Studien über Fénelon, nicht wahrgenommen werden - und damit kann Demut auch nicht direkt angestrebt werden! Sie kann es nur in ihren Konkretionen, und eine davon ist der Gehorsam. Denn der Gehorsam berührt die innere Gesinnung nicht, diese ist damit nicht beeinträchtigbar. Gehorsam gegen die Oberen ist für die Hl. Theresia heilsamer als alle Werke freigewählter Abtötung.

"Die Frage nach dem Ursprung des Handlungsimpulses wird gleichgültig, wenn die willentliche Aneignung dieses Impulses in einen Akt des Gehorsams integriert wird."

Nicht nur kann man Glaube generell als Gehorsam bestimmen, ist Gehorsam die Basis aller monastisch-aszetischen Lebensformen. Die Regel des Hl. Benedict beginnt sogar damit: der Gehorsam wird als die realisierte Bekehrung überhaupt verstanden.

Nicht zuletzt ist die erste Sünde des Menschen ein Akt des Ungehorsams - durch den er aus der direkten Einigung mit Gott, im Erkennen, herausfiel, und sich seither im Zwang zum Urteil selbst "zurückbiegen" muß, ohne freilich jene Ursprünglichkeit, Unmittelbarkeit des Verkehrs mit Gott wieder gewinnen zu können.

Um sich aus dem Teufelskreis der eigenen Reflexion, als Urteilsinstanz über die Qualität eigenen Handelns und Seins, erheben zu können - weil sich Reflexion ja nie "gewiß" sein kann, weil sie ihre Herkunftsbezirke nie wirklich scheiden kann - kann sich dieses Ausbrechen aus dem eigenen Gefängnis des Menschen nur im konkreten Gehorsam einer ihm außerhalb liegenden, von seinem Willen unterschiedenen Instanz verwirklichen.

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In dieser Loslösung von sich selbst - als Kreuz, als Sterben - die sich hier mit dem Gehorsam (als unbedingter Haltung zu diesem Loslösen gesehen) verbindet, unter Bezug auf oben Gesagtes (Gleichgültigkeit des Inhalts, der in der Haltung "neutralisiert" wird), findet sich die Grundhaltung aller mystischen Tradition. Die auf ein Teilhaben an einem "außerhalb" gesehen werden muß, in ihrer Sehnsucht nach Gleichförmigkeit nach Gott.

Der Ungehorsam geht andere Wege. Er verabsolutiert das Ich, weshalb sich die Charakteristik so vieler "mystischer' Bestrebungen exakt im Verhältnis zum Gehorsam erfassen läßt. Mit dem bei Ungehorsam und daraus folgendem Subjektivismus fatalen Ergebnis der identitären Selbstvergottung.

Der Scheidestein - echte, falsche Mystik - ist der Gehorsam. Erst hier erweist sich (und da läßt sich sogar Hegel zitieren) die Existentialität des Willens zu Gott. Und hier erweist sich die Lächerlichkeit so vieler heutiger Strebungen und Bewegungen und sogenannten Wege, die sich als Wege entlarven, dem neuralgischen Punkt auszuweichen. Und sei es durch noch so viel asketische "Opfer" ... Es ist der neuralgische Punkt des Lebens überhaupt. Und wieviel tun die Menschen, um nur nicht das tun zu müssen, das sie tun sollten.



*081210*

Sonntag, 24. Oktober 2010

Völlig anders gelagert

Es ist ein Irrtum, die Mystik als jenen Zustand zu bezeichnen, in welchem der Mensch Gott in besonderer oder in besonders intensiver Weise begegnet. Das läßt sich gar nicht so aussagen. Einer der größten Mystikkenner des 20. Jhds., P. Henri Bremond, bringt mich auf den Gedanken, der so einfach scheint, liest man ihn einmal, und der doch so weit wirkt:

Die Grunderscheinung der Mystik ist nicht die Gottesbegegnung, sondern die Bewußtheit der Gottesbegegnung.

Dies zu erkennen hat weitreichende Konsequenzen im Nachdenken über die Mystik, so sehr sie ein Ereignis ist, das weder angestrebt, erleistet, verdient werden kann, noch direkt mit Vernunft erklärbar ist. Aber sie verortet sich aus obig Gesagtem auch, in ihrer Ermöglichung, aber nicht Bewirkung, in der Psychologie des Mystikers, und rückt alle Reflexionen über ihre Natur an den rechten Fleck - über die rein sittliche Lehre (wie sie für jeden gleich ist) hinaus im Besonderen, soweit es die Unterscheidung zwischen echter und falscher Mystik angeht, zurück in den Bereich rein menschlicher Rezeption.

Diese Erkenntnis läßt die Mystik, als subjektives Erleben, an den gesamten Verstandes- und Vernunftapparat des Menschen gebunden sehen. Was nicht neu ist, was aber wesentlich wird, versucht man den heutigen Dschungel aus den Mißbräuchen des Begriffs zu lichten, in dem der Grundsatz eine wesentliche Rolle spielt, daß je widervernünftiger die Verwendung ist, desto "erhabener" und autoritativer ihre Verortung behauptet wird, weil natürlich subjektive Behauptungen jeder Überprüfung widerstehen. Aber: Es IST überprüfbar, auch wenn ein kritisches Sprechen darüber meist (und hoffentlich) liebender Diskretion anheimfällt.

Sich dieser Verortung aber bewußt zu sein läßt auch ahnen, welcher Gefährdung dieses wahrgenommene Moment einer "Inspiration der Gegenwart Gottes" durch persönliche Schwächen, Eitelkeiten, Laster ausgesetzt ist. Deshalb ist ein mystischer Mensch OHNE daß er den Weg der Läuterung gegangen ist, undenkbar, ja man kann nur den Kopf schütteln angesichts der Bemühungen GERADE jener oft, die meinen, sich mit "Mystik" diesen beschwerlichen Weg gar ersparen zu können  - und häufig genug charakterliche Wracks mit offensichtlichen Persönlichkeitsdefiziten sind. Und wo gar Psychotechniken - bewußt oder unbewußt - oder psychologische Mechanismen (namentlich Gruppendynamiken) entsprechende "Erlebnisse" hervorrufen sollen.

Diese Tatsache ist das erste und "todsicherste" Merkmal in der prüfenden Unterscheidung des Herkunftsbezirk entsprechender Erlebnisse und Erfahrungen der "Gegenwart Gottes". Weshalb auch keine mystischen Berichte bekannt sind, in denen ein Mensch mit mystischen Erfahrungen von sich je behauptet hätte, er wäre rein genug ... sondern zum Gegenteil. Erschütternd, aber so glaubwürdig, alleine, was über Franz von Assisi diesbezüglich berichtet wird.

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Beim Lesen der Schriften Theresias von Avila fällt ebenfalls eines auf: Man sieht, daß sie im Grunde "nur" Schriften völliger geistiger Klarheit und der Suche danach, in unnachgiebiger,  zu allem bereiter Selbsterkenntnis, sind. Abdruck einer staunenswert klaren Seele, in der nicht eine Bemerkung widervernünftig ist. Kein einziges Wort, das sich gar "mystagogisch" verklärend der Vernunft entzöge. Keine Differenz in der geistigen Schärfe zwischen dem klug, aber nie lieblos erwogenen Kauf einer Ziege (oder eines Klosters), der psychologisch glasklaren Analyse der Gebetsprobleme einer Schwester, und der Besprechung ihrer tiefsten Seelenerfahrungen mit ihrem Seelenführer. Ja, eigentlich geht es ihr nur um eines: Eben dieses voraussetzungslose Lieben.

Wer im Irdischen keinen klaren Kopf hat - scheidet für die Mystik (den Weg des inneren Gebets) aus. Das ist Theresias klare Faustregel. Denn Gott ist die Vernunft. Die an sich einzige Form der Einung mit Gott ist deshalb personal: Vernünftig (als Zusammenspiel von habituellen Eigenschaften und Verstand, im Herz) zu sein.

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Aber alles das, was der Laie (und wie der charakterlich Unausgewogene, wie oben beschrieben) als typische Anzeichen der Mystik ansieht - Levitationen, Ekstasen, Visionen des Gefühls und der Phantasie, innere Stimmen, Wunder, Hellsehen etc. etc. - sind Begleiterscheinungen unwesentlicher Art, die den Grundumstand begleiten können oder nicht - deren unmittelbare Ursache aber verschiedenster Herkunft sein kann.

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Das zur poetischen Inspiration Unterschiedliche liegt in einem "Extra", das die religöse Mystik dem poetischen Ereignis gegenüber besitzt. Zwar sind beide plötzliche Gesamtschauen, Schau, verschieden vom stufenweisen Vernunftakt, und eine andere Qualität, aber im religiösen Ereignis kommt das Bewußtsein der - dem Mystiker "passierenden" - Begegnung mit der direkten Liebe dazu.

 
 
*241010*

Mittwoch, 4. November 2009

Wer ist nun heilig und gut?

Es ist wohl erlaubt, zu schmunzeln, wenn die Heilige Theresia von Avila in ihren Briefen und Schriften ständig vor sich warnt, aufatmet wenn ihr ein Beichtiger Kritik entgegenbringt, sich nicht (wie sie es bezeichnet) von ihr täuschen läßt, und darauf hinweist, wie böse sie doch sei!

Dem stehen die heutigen Linken gegenüber. Auch das macht schmunzeln, wie sie auf ihre Güte hinweisen, die mit diesem und jenem Verhalten erreicht sei. Ja, wie ihre ganze Politik eine einzige politisierte Moral ist! Weshalb sie die Gutheit des anderen, auch mit Zwang, einfordern, und Zweifel an der Rechtfertigung ihrer Maximen nicht dulden.




*041109*

Freitag, 16. Oktober 2009

Abtötung und Bußstrenge

Theresia von Avila lehnte einmal (freilich nicht nur diesmal: sie prüfte die Kandidatinnen später, als die Anfangsprobleme, wo sie auch über mangelnde Eintrittsbewerber klagte, sodaß sie auch Augen zudrücken müsse, sehr genau, auch auf rein körperliche Eignung - Behinderte z.B. wurden glatt zurückgewiesen: sie würden die Anforderungen nicht erfüllen können!) eine Kandidatin, die sich mit größtem Nachdruck um die Aufnahme in einen der Konvente der Unbeschuhten Karmeliterinnen (dem "Reformorden" der Theresia) bewarb, ab.

Die Begründung ist interessant: "... wüßte ich wahrlich nicht, wie ich es wagen könnte, sie aufzunehmen, weil ich der Ansicht bin, daß sie mehr auf äußere Bußstrenge als auf inneres Gebet und Abtötung sich verlegt." So schreibt sie in einem ihrer Briefe.

Sie trennt also zwischen Abtötung und Bußstrenge. Und wer ihre Schriften kennt, weiß, wie konsequent und kompromißlos-total in ihrem Reformorden der Weg des völligen Sterbens für die Welt gemeint war, den sie ging, und von allen ihren Nonnen verlangte.




*161009*

Donnerstag, 15. Oktober 2009

Verdienstlicher als früher


Von frühester Kindheit an, war in mir eine unbändige Leidenschaft, das in mir Zerbrochene durch Rekonstruktion wiederherzustellen. Dort lag das Glück. Vielleicht war es Zufall, im Sinne einer von mir irrtümlichen Herstellung von Zusammenhängen, vielleicht aber auch nicht - daß die erste Erinnerung an dieses Daseinsgefühl mit dem Weggang, nein, dem Verlust des Vaters in eins fiel. Sodaß die Mutter, die die Kinder noch dazu existentiell an sich band, unbedingt, ja in Hörigkeit, bewußt sich schützend unter Schweigen, mit der Zerstörung identifiziert werden mußte. Man war also an die Kräfte der Zerstörung angewiesen ...

Selbst der rein physiologische Vererbungsprozeß selbst ist dafür Metapher, zeigt diese Tatsache: wenn sich die Doppelhelix der DNS spaltet, zweiteilt, gibt es immer Informationsverlust durch unvollkommene Teilung. Und daraus entstehen, im Prinzip, alle Krankheiten und Defekte.

Ich weiß mich mit diesem Lebensgefühl also nicht alleine, es ist das logische Lebensgefühl einer Kultur im Niedergang. Denn genau daran geht ja alles zugrunde, was sich erst aufbaut: weil es im Weitergeben der Kraft defizitär wird. Entsprechend werden in Zeiten des Niedergangs die Vorfahren verdammt, während im Aufbau die Tradition geehrt wird. (Auch hier also: völlig konträr zur Vorstellung des Fortschritts, wie ihn der Marxismus, die Aufklärung propagiert.)

Aber selbst, wenn ich Rudolf Borchardt lese, der genau dies einmal historisch identifiziert und sich zur lebendigen Allegorie weiß, wenn er schreibt: »... weil die Geschichte meines Lebens die Geschichte des Zusammenbruches der deutschen Überlieferung gewesen ist und des Versuchs eines Einzelnen, diese aus den Trümmern zu ergreifen und in sich herzustellen.« So liegt in dieser Verortung, in dieser Synchronizität der äußeren Vorgänge mit innerem Erleben, als auch von Früheren erlebt zwar Trost, aber gleichzeitig weiß ich, daß ich dieses Problem ganz neu und eigen lösen muß. Denn es stellt sich uns Nachgeborenen auf eine ganz andere Weise, als ihm. Die Rückschau auf Borchardt, als Beispiel, kann also nicht Sehnsucht nach dem Früheren sein, sondern Ehrfurcht davor, wie diese jene dieselben Erfahrungen und Lehren gelöst haben. Um im Heute mich zu besitzen, und damit zu leben, mein Leben zu besitzen, ohne von dumpfem Anklang getrieben zu sein.

Jede Generation hat das Maß des Schönen, das Richtmaß des Wahren und Guten, jeweils in unterschiedlichem Maß zurück liegen. Aber das ist das Wesen der Kindheit und Jugend, und es ist Bedingung unseres Daseins. Genauso falsch wie zu fordern, daß dieser Informationsverlust, dieser Traditionsbruch, endlich aufhöre, weil es hieße, die Erbschuld wegleugnen zu wollen, und das hieße Jesus Christus, Gott selbst, in seinem Heilswerk zum Dummkopf zu erklären, genauso falsch wäre es, zu resignieren.

Jede Generation hat ihr Ziel auch in etwa gleich großem Abstand zu sich - in dieser relativen Vergangenheit, ihm vorausgehend, und in der Kindheit, denn Leben heißt: jenes Kind erinnern, das alles in sich trug, was wir sein können und damit sollen. Ohne daß absoluter Gehalt sich gleichfalls relativiere. Aber unser Ziel hienieden ist eben nicht ein gewisser Kultur- und Zivilisationsstand, sondern ist qualitativer Natur, historisch bedingt aber die Gestalt.

Oder, wie Theresia von Avila es oft und oft schreibt: man könne sich freuen, wenn die Schwierigkeiten groß seien, weil dann die Möglichkeit zum Verdienst es gleichfalls sei. Und damit der mögliche Lohn in der Ewigkeit.




*151009*

Donnerstag, 8. Oktober 2009

Und er ging direkt in die Seligkeit ein!


Das Beeindruckende, Läuternde der Schriften der Hl. Theresia von Avila, oder: vom Kreuz, wie sie sich nannte, ist gar nicht so sehr der theologische oder philosophische Inhalt, weit gefehlt.

Auch ein Interesse literarischer Art beschränkt sich auf die natürlich immer wieder vorzufindenden Einsprengsel von Erzähltem, aus dem man (auch) ein Zeitbild erhält. Aber das wird einem bald unwichtig.

Die Reinheit einer Seele ist es, die einen gefangen nimmt. Man ist von ihrer jugendlich wirkenden "Stimme" so berührt, ja man hört sie mit der Zeit fast mit Ohren, erlebt lustvoll nahezu ihre stille, heitere, ja humorvoll-nüchterne Art, ihre Güte, versteht dabei - selbst gütig lächelnd - ihre uns oft so überzogen erscheinende Selbstkritik, die aber so fern ist von jener Koketterie, wo man den Hintergrund scheinbarer Demut nur aufzieht, um die Stimmen der Eitelkeit noch deutlicher zu hören. Man genießt mehr und mehr nur noch das Licht, von dem man einen Schimmer abbekommen möchte, weil es in ihr so anziehend vor einem steht, daß man versteht, was Edith Stein seinerzeit ausrief, als sie, Jüdin, bei der Lektüre begriff, daß sie zum Katholizismus zu konvertieren habe: "Ja, das ist die Wahrheit!" Soll heißen: Ja, da erfaßt man Gott, in diesen Schatten, die in seinen Heiligen vor einem stehen.

Nicht viel anders ergeht es einem auch selber, wenn man die etwa 1780 entstandenen Lebenserinnerungen Ulrich Bräker's aus dem Kanton St. Gallen liest: "Das Leben und die Abentheuer des armen Mannes im Tockenburg".

Es wäre gleichgültig, ob Bräker von Flinten von 1756, wo er "versehentlich" zum Preußischen Heere requiriert worden war, oder von Maschinengewehren des 20. Jahrhunderts berichtet. Es ist egal. Es wäre auch gleich, ob er als Bub Ziegen gehütet hätte, wie er es tat, oder zweihundert Jahre später was weiß ich was getan hätte. Es wäre egal! Worüber Bräker berichtet, was in seinem Buch sichtbar wird, ist zeitlos. Der Mensch, wie er ist, und er hat sich nicht einen Deut verändert. Dieselben Charakterzüge, dieselben Intrigen, dieselben Herzensqualitäten, dieselben Bosheiten und Niedertrachten, dieselbe Gier, dieselbe Güte, die jeder Leser ganz gewiß selbst erlebt hat, oder sich zumindest vorstellen kann.

Wikipedia schreibt und man quittiert es kopfschüttelnd, daß seine Bedeutung darin läge, daß mit ihm ein Mann des Volkes aus jener Zeit zu Wort käme, und so wertvolles Zeugnis vom Leben der einfachen Leute ablegte. Pah! Um all das geht es doch nie! Und im übrigen - so wenige Lebenszeugnisse aus dieser Zeit gibt es gar nicht, da weiß man recht gut, wie die gelebt haben. Aber das interessiert doch bestenfalls verquerte Ideologenflachköpfe, die Bräker vielleicht gar noch zum "Klassensymbol" machen, dann noch vielleicht Historiker und Historiologen, weil solche Sachen kann man wissen und erfahren wollen, gut.

Aber das ist verglichen mit dem wirklichen Wert des Buches, mit der Wirklichkeit dieser Autobiographie des "Armen Mannes aus dem Tockenburg" lächerliches Beiwerk, dient bestenfalls einer aber vollständigen Relativierung dessen, worauf wir heute "stolz" sind, von dem wir glauben, es hätte uns "weiter" gebracht. In Wahrheit kann man, gerade auch nach solcher Lektüre, nachgerade NICHTS finden, wo wir Heutigen "weiter" wären - ganz, ganz zum Gegenteil!

Dabei findet sich alles, vom Humor, vom Berührenden der Schilderungen des so einfachen Lebens, man leidet mit, wenn er die seelischen wie äußeren Kämpfe des Vaters mit den quälenden Schulden (ihm selber geht es dann nicht viel anders) beschreibt, man ist zutiefst vom zarten Finger der Poesie berührt, wenn er sein Geißen hüten beschreibt, und selbst Erotik, in der besten Art, findet sich. Weil eben alles zum Leben gehört, das Gute, das Schöne, im Kampf gegen das Häßliche, der Tod, die Geburt, Krankheit und Leid, Elend und Wohlstand - und alles nimmt der Mensch aus der Hand Gottes an, oder er flieht es, schafft so gut er kann, im Vertrauen auf den Segen, oder wehrt sich sinnlos, und scheidet im Unfrieden.

Und in welcher schlichten Sprache er schreibt - nie würde man diese Sprache als "primitiv" denunziert wissen wollen, nie ist sie banal oder platt, so einfach der Satzbau auch ist! Es ist eine wesentliche Sprache, als wäre jeder Satz aus einer zutiefst eigenen Quelle erflossen, und hundertmal geläutert und gereinigt und im Feuer geschmiedet. Kein Dialekt, keine stilisierte oder gar manieristische Hochsprache, und selbst heute wirkt sie keinen Moment "aus dem Barock", schon gar nicht euphuistisch (wie Nadler die barocke, nahezu sinnlose Überüppigkeit nennt) - sie wirkt auch heute genau so, weil sie einfach ECHT ist. Nie gestohlen, sondern durchdrungen von eigenem Lebenssaft, ergriffen, in Besitz genommen.

Ein einfacher Bauerssohn aus dem Schweizerischen Tockenburgischen Tal, aus ärmlichsten Verhältnissen stammend, der sich ohne jede höhere, ja ohne jedwede Bildung, sieht man von simplen Grundtechniken (Lesen, Schreiben, Rechnen) ab, hat Bräker sich das Wesentliche des Dichters völlig allein erarbeitet. Und nie hätte er für andere geschrieben, so rührend und psychologisch klug er von seinen gelegentlichen Anwandlungen zum "Prediger" berichtet, mit denen er seine unzufriedenstellende eheliche Situation garnierte. Aus eigenem Erleben stammt das, was er über das Schreiben, die Dichtung, die Poesie, das Leben sagt, und es steht in einer Reihe mit dem, was ein so stupend gebildeter Hofmannsthal, ein ja kaum zu überbietender Borchardt, ein tief echter Doderer, oder ein künstlerisches Genie wie George sagt.

Nicht einmal Romantiker ist er, für den "Kunst" oder gar "Kunstgeschwätz" zur Lebensflucht dahingehend wird, als es dem schlichten, harten, aber auch so erfüllten Leben der damaligen Zeit, angesteckt wird wie ein Hochzeitssträußchen - so zu tun, wie man tut, wenn man zu tun meint, das hat Ulrich Bräker nicht notwendig, ja das widert ihn an. So wie es Jung Stilling anwiderte, der auch etwa zu der Zeit seine Lebenserinnerungen schrieb, aber wie anders, nur gleich in dieser Suche der Echtheit, mit der er dann später Goethe, ja den ganzen Sturm und Drang, die Frühromantik, genau davon heilte. Und den Bräker kannte, der freilich eines so gerne tat: Lesen, und dann und wann selber sich was fortschreiben, freilich voller Gewissensbisse, weil er halt gar so untauglich fürs Leben war, und alles falsch machte, weil halt alles mißlang.

Aber das alles ist keineswegs jene Schulung gewesen, wie sie eben ein Stilling oder Goethe hatte, der dann später, so wie so viele, vor dem einfachen Schweizer regelrecht kniete. Bräker hat nur über eines sich entwickelt: über seine Sehnsucht nach einer reinen Seele. Und er zeigt damit, woraus wirkliche Poesie entsteht, nein, geboren wird: dazu muß man rein sein, um sie ganz der Welt ablauschen zu können. Sie ist damit wie jede Kunst eine Frage der Herzensbildung. Sie ist eine Frage der Freiheit, und der Liebe. Dies waren auch seine Ziele, und die hat er mit größter Wahrhaftigkeit verfolgt. Mit einem unbändigen Willen zur Wahrheit, der Energie zu einer "gnadenlosen" und realistischen Beleuchtung (Theresia nennt einmal das Leben im Lichte Gottes gnadenlos, und sie meint es genauso wie Bräker!) seiner Seelenregungen und Gedanken, mit einem schwer errungenen, aber im Alter dann so sicher gewordenen Gespür für innere Prozesse, wenn alles abgelegt ist, wo man sich doch ständig zu täuschen versucht! Es war die Zeit nie für ein großes Lebenswerk, vom Umfang her. Aber von der Güte - da hat er es erreicht.

Voller Demut war er, voller Bereitschaft, alles anzunehmen, was aus Gottes Hand kommen mag, allem Ringen darum, weil er weiß, weil er dieses vielleicht überhaupt erst Religion begründende, ausmachende Ahnen hat, daß ein Gott nur dann sei, wenn er über alles nicht nur herrsche, sondern daß Glückseligkeit direkt damit zu tun hat, daß man den Gesetzen des Natürlichen, 'Geschaffenen' (als Ausdruck Gottes Willens) schlicht zu gehorchen hat.

Es klingt wie so vieles was Theresia schreibt, und auch sie nimmt ja nur auf, was alte Überlieferung ist, eigentlich: Menschheitsgedanke.

Und wirklich - am Ende dieses Weges der Läuterung, der Selbstabtötung, wie Theresia es nennt, der Bräker zu einer Seelenreinheit bringt, von der die Schrift nicht nur berichtet, sondern aus der heraus sie immer wieder erschüttert, liegt etwas, das dem, was einen anweht, wenn man vor allem die Briefe der Hl. Theresia liest, völlig deckungsgleich ist.

Dabei war Bräker Protestant! Aber das war ja damals noch weit weniger trennbar vom Katholischen, nämlich wirklich getrennt, wie es heute ist - eine Frucht (Toynbee meint sogar: des Verfalls!) des späten 19. Jahrhunderts vor allem und nicht ohne Mitschuld der Katholischen Kirche. Leibniz baute ja nur wenige Jahrzehnte vor Bräkers Geburt 1735 seine ehrlichen leidenschaftlichen Bemühungen um Reunion genau darauf auf. (Auch er ein Protestant, den der katholische Papst sogar zum Kardinal machte!)

Theresia von Avila, die rund zweihundert Jahre vor Bräker, der 1798 starb, gelebt hat, hat den einen oder anderen Hinscheid eines Freundes, Verwandten oder Kollegen in ihren Schriften manchmal so kommentiert, und sie tat es nie zum leeren Trost: "Ich bin mir sicher, daß er ohne Fegefeuer gleich in die Anschauung Gottes gekommen ist," wenn sie es nicht visionär auch sah. Dieser Satz aber drängt sich auf, liest man dann vor allem die letzten, resümierenden Seiten aus Ulrich Bräkers Lebensbeschreibung, die so voller Weisheit und Licht sind. Sich zu einer Reinheit und Helligkeit erheben, die den Leser zu einem besseren Menschen macht, und ihn Tränen über die Dunkelheit, die ihn so oft umgibt, vergießen läßt.

Ja, es kann nicht anders sein: Er ging direkt ein, in die Seligkeit, in die Quelle aller Poesie und Schönheit, in das Reich Gottes. Er war schon zu Lebzeiten durchsichtig geworden wie die Luft des Hochgebirges, für das Dahinter.




*081009*