Dieses Blog durchsuchen

Posts mit dem Label Coulanges (Fustel de) werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Coulanges (Fustel de) werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 18. November 2022

Zerstörung der Hierarchien aus dem Prinzip des Heidentums

Die Komplexität der sozialen Beziehungen - also der Hierarchie - in den Gesellschaften des 17. Jahrhunderts war bereits so hoch, daß es selbst den höfischen Zeremonienmeistern und nächsten königlichen Beamten nicht mehrmöglich war, sie zweifelsfrei zu sortieren. 

Diese Probleme kamen aber immer dann zum Vorschein, wenn es um Begegnungen mit dem König ging. Denn von der "Sonne" ging alle Ordnung aus, und vom Platz in ihrem Angesicht das Prestige, die Stellung, aber - und das darf man keineswegs unterschätzen, ja es war sogar DAS entscheidende Moment - auch die Pflicht, was es zu beanspruchen galt, weil man es der ONTOLOGISCHEN STELLUNG SCHULDETE.

Man macht sich zu leicht lsutig über diese Probleme, und das ist mehr als bedauerlich, Weil es zeigt, daß wir den Sinn für das eigentliche Seinsordnung bereits weitgehend verloren haben. Doch genau darum geht es ZUERST in dem, was als "Kreuz" bezeichnet wird. Was is tman dem GEGEBENEN ORT schuldig! Der einem nie gehört, sondern der im Grund enru die Pflicht ist, in diesem ständigen ZUueinander der Weltdinge jene Dynamik in actu, also in "Betrieb" zu halten, aus der sich sämtliche weiteren Handlungen überhaupt erst erschließen. Nennen wir es der Einfachheit halbe IDENTITÄT.

Freitag, 24. Mai 2019

Raum als göttliche Ordnung (3)

Teil 3) Wie schon häufig: Die zu Exkursen ausgeuferten Anmerkungen





*Letztendlich beruht Kommunikation sogar auf der Nonverbalität des Gestalthaften. Und damit auf den Raum als Wirklichkeit des Beziehungshaften, der Aussage zum eigenen Wesen in der Begegnung, die sich nur in der Begegnung von Gestalten ans Licht hebt. Rituelles als Tanz der Gestalten, der sich selbst wiederum auf ein Dahinterstehendes, Geistiges, wirklich Wirkliches bezieht, in dem beide sich treffen, das beide umfaßt. (s. u. a. dazu Zubiri: Wesen als Ort! Ort als Wesen.)

²In einer historischen Entscheidung im 16. Jahrhundert haben sich England, Frankreich, Portugal und Spanien verbindlich sogar darauf verständigt, daß jenseits eines gewissen Breitengrades im Atlantik keine Rechtsordnung mehr bestand. In einer Zeit, wo in Europa Staaten ihre Beziehungen bereits zu verrechten begonnen hatten - im sogenannten "Völkerrecht", in dem nur noch der Papst zuständige Schiedsinstanz war. Deshalb mußte auch Rom die Streitigkeiten zwischen Portugal und Spanien im Fall des "Jesuiten-Staates" in Paraguay schiedsrichten. 

Aber das hat seine Ursprünge in diesen uralten Rechtsansichten, in denen sich natürlich noch jede Menge Heidentum mitschleppt, das man im Wesentlichen als "Angstverhältnis" unter Menschen begreifen muß. Vermutlich sogar alle Völker bezeichnen sich in ihrem Namen, den sie sich selbst geben, als "Menschen", alle anderen über einzelne Eigenschaften, oder gar als Nicht-Menschen. Eine Vorstellung, die übrigens Spanien am frühesten (christlich) weiterentwickelt hat, denn Menschen sind prinzipiell alle Völker, und müssen auch so behandelt werden (wenn auch nicht unmittelbar als der "Gemeinschaft zugehörig". In der Entscheidung die Indios betreffend zeigt sich das. Als der Franziskanerpater Las Casas vor Karl V. erwirkte, daß dieser den Indios alle Rechte als Menschen zustand, war das keineswegs eine Selbstverständlichkeit, denn es war nicht klar, ob ein Mensch ohne Kultur überhaupt Mensch war. 

Sie mögen lächeln, werter Leser, so einfach ist das gar nicht, und gerade heute gibt es fatale Tendenzen, diese Feststellung wieder gemäß dem Heidentum zu treffen: In der Abtreibung etwa, in der Euthanasie, oder in der Gehirntoddefinition, wo man überall den Status Mensch von gewisser Aktualisierungskraft abhängig macht. Und die anderen Länder ließen sich damit auch noch viel Zeit. Denn erst wollten sie ja einmal ihren Platz neben oder über Spanien im seit 1492 erst zu ordnenden Raumgefüge erobern, da war ihnen offizielle Anarchie lieber.

Gemeinschaft, damit Vertrauenswürdigkeit beruht auf gemeinsamen Riten, auf vor allem nonverbal selbstverständlich etablierter, kraft persönlicher Verhältnisse (zu denen auch Gesetze gehören) verbindlicher Art des Umgangs miteinander. Wer dieser Ritengemeinschaft nicht angehört wird zuerst einmal mit Vorsicht behandelt, nicht ins Innerste einer Gemeinschaft eingelassen, muß sich erst bewähren, und das ist ein Gebot der Klugheit.

**Im großen Rahmen gesehen ist - rudimentär, aber immerhin - noch die gesamte Millionenstadt auf den Stephansdom als Zentrum ausgerichtet, ja um ihn angeordnet.

³Wenn wir heute keine Stadtmauern mehr brauchen, dann deshalb, weil bereits das gesamte Land in unseren Ländern in die Ordnung der Städte hineinbezogen und damit Kulturland ist. Das Bemerkenswerte an Mitteleuropa bzw. unseren Ländern ist ja, daß es keinen Flecken mehr gibt, der NICHT in eine Ordnung gestellt ist. Selbst wenn (sagen wir) ein kleines Waldstückchen im Dorf Unterpfingelstätten als "verwildert" auf einem großen Acker steht, ist seine Wildnis ein Platz in einer Ordnung. 

Und ist streng zu unterscheiden von einer anderen Unordnung, die Zeichen von mangelnder, nicht vorhandener Kultur ist, wie sie im Süden Europas oder von der Türkei bis in den gesamten arabischen Raum und Afrika zu sehen sind. Wo Menschen sogar mitten in Müllhalden leben, die sie offiziell Orte oder Städte nennen. In einem von Menschen bewohnten chaotischen "Raum", die nicht in der Lage sind, Raum zu schaffen, weil begegnende Dinge ihren Beziehungen gemäß in eine Ordnung zu stellen. Menschen, die also bestenfalls Oasen (und sei es in den ummauerten Hinterhöfen) kennen. Denn erst Ordnung schafft überhaupt das, was wir als "Raum" bezeichnen. Das meist ein gründliches Mißverständnis ist: Weil wir seine meßbare Emanation für "Raum" erklären.  Meßbar sein heißt aber nur, ein Verhältnis zu anderen Dingen zu haben. Ein Raum-Maß als absolute Größe gibt es nicht. Es herrscht hier dasselbe Mißverständnis wie beim Begriff der (irdischen) Zeit.






Donnerstag, 23. Mai 2019

Raum als göttliche Ordnung (2)

Teil 2)




Die Mauern der Städte waren deshalb auch mehr als bloße Verteidigungswerke. Sie waren die Grenze zwischen Kultur und Chaos, zwischen Leben und Unordnung, zwischen Gut und Böse, Gott und Satan. Die Welt außerhalb der Mauern war Tohuwabohu, Chaos, Unordnung, Feindesland, nicht in jene Gemeinschaft integriert, die der eine Gemeinschaft kennzeichnende Ritenfundus erst verläßlich macht. Alles innerhalb einer Stadt unterlag bereits der göttlichen Geordnetheit, war über den Altar, den Knoten- und Quellpunkt menschlichen, weltlichen Raumes, in Gott selbst hineingeborgen. Und der Mitbürger, der ebenfalls innerhalb der Mauern lebte, war ohngefragt Bruder und Nächster. Bei allen anderen war es nicht sicher und sogar eher unwahrscheinlich.³

Ganz anders in der Stadt also wie dem gegenüber, der vor den Mauern stand. Der nicht nur bei den Römern nicht einmal den Anspruch auf Menschenwürde hatte, weil er Barbaros, Wilder, Plapperer, Wirrkopf, Wilder, aber kein vollwertiger Mensch (also Kulturwesen) war. Dem deshalb auch keine Rechte zustanden, der in manchen Epochen und an manchen Orten sogar vogelfrei war und jederzeit bereit sein mußte, sich gegen Feinde zu wehren.²

Die Stadt hingegen, eine Erweiterung der Kirchen, die ja die vollkommene Welt und ihre Ordnung darstellten, nicht mehr, deshalb in deren Vorhalle, gewissermaßen, war diese dem göttlichen Plan folgende Unterwerfung der Welt. Sie war mit hineingenommen in das Himmlische Jerusalem, die Kirche, als Schöpfung, die zum Lobpreis Gottes erhoben wurde.  

Bemerkenswert ist, daß jede Kultur ab dem Moment ihren Zerfall anzeigt, in dem NICHT mehr jeder weiß, wo er hingehört, nicht mehr an diesem Platz aufwächst und sich so einzugliedern vermag und als Teil der Welt erfährt, der gebraucht wird. Wenn die sozialen Gebilde immer zufälliger und ungeordneter werden, und sich ihre Institutionalisierungen auflösen. Dieses Zueinander wiederum war durch Riten, Gebräuche, Grenzen und Tabus geregelt, die auf das Zentrum - Gott, Kirche, Ordnungsquelle - ausgerichtet waren. Deren Zueinander streng in Symbolik und Körpersprache formalisiert sein muß. 

Mary Douglas zeigt in "Ritual, Tabu und Körpersymbolik" sogar überzeugend, daß eine Kommunikation OHNE solche Rituale usw. gar nicht möglich ist.* Löst sich deshalb das Rituelle des Zueinander der Menschen auf, löst sich auch eine Gesellschaft auf und eine Kultur hört auf, zu bestehen, weil sich auch die Identitäten ihrer Menschen aufgelöst haben. Ohne Ort, ohne Platz in der Ordnung kann kein Mensch aber leben und bestehen. Nur aus Gott kann Segen erwachsen. Und nur aus einem Kampf um so einen Ort kann man die heutige Zeit verstehen.

Niemand bestreitet deshalb, daß seit dem Spätmittelalter und der frühen Neuzeit, als überall die bisherigen Stadtgrenzen und Mauerringe zu eng wurden - noch im 15. Jahrhundert lebten ja nur etwa drei Prozent der Bevölkerung unserer Länder in Städten, welcher Anteil bis ins 18. Jahrhundert auf zehn und mehr Prozent stieg, ehe er im 19. Jahrhundert endgültig emporschnellte -  die Städte mehr und mehr in gewissen Wildwuchs übergingen, sowohl vor den Mauern (wo es kein Ordnungsgesetz gab), als auch innerhalb (wo Ordnungsgesetzte verboten oder im reinen Nutzendenken übertreten wurden). Was (etwa im Fall Salzburg) in einigen Fällen im 17. und 18. Jahrhundert noch einmal dem aber bereits konstruierten Ordnungsdenken der Renaissance weichen mußte, wo man die alte, antike Ordnung (in neuem Gewand) wiederherzustellen suchte.

In den meisten Fällen wich der nach dem Mittelalter entstandene Wildwuchs noch einmal einer geplanten Ordnung, zumindest teilweise, als man im 18. und 19. Jahrhundert die aus militärischen Gründen überflüssig gewordenen Festungsanlagen schliff und mit dem nunmehr offenen Glacis (dem Freiraum zu den Vorstädten hin) vielen Städten gleich neben ihrem bisherigen Zentrum plötzlich große Flächen zur Disposition standen. Paris verdankt seine heutige Charakteristik ebenso dieser Tatsache wie Wien mit seiner Ringstraße, in der sich die Städte gewissermaßen neu erfanden, indem sie noch einmal die Ausrichtung auf ein Zentrum - diesmal bereits die weltlichen Herrscher - versuchten. Die heutige Wiener Ringstraße ist wie eine große U-förmige Zange angelegt, die an der Donau mit zwei Kasernen (die Stubenringkaserne gibt es nicht mehr, nur noch die Roßauer Kaserne) ansetzt, und in einer Art Schelle vom (letztlich aber, Zeichen der Kraftlosigkeit und des Zerfalls der Monarchie, schon nur noch zur Hälfte gebauten) Kaiserforum (vulgo Äußere Hofburg) gehalten wird.**

Bis dieses Raumbewußtsein, dem wir unsere Städte verdanken, allmählich völlig der Zufälligkeit wich. Heutige Städte, heutige Großstädte, heute gebaute Stadtviertel und Häuserensembles haben keine Ordnung mehr, weil sie kein Zentrum mehr haben, auf das alles ausgerichtet ist. Damit könnten sie überall stehen. Sie geben keine Heimat und damit keine Identität mehr. Sie sind nur noch "da", und man wechselt gefühlslos von einer zur anderen. Wo man dennoch so etwas wie Heimat findet, geschieht das bestenfalls wie zur Zeit der Völkerwanderung, wo sich die neu angekommenen Völker in den vorhandenen Ruinen niederließen und die Menschen es sich so gut wie möglich einrichteten. Bis die Kirche kam, und nach und nach wieder ein Zentrum zur Ausrichtung, und damit Identität und Ordnung bot. Übrigens - nach antikem Vorbild.

Wie wenig technisch, ja wie wenig "ästhetizistisch", wie sehr mythologisch-religiös die Anlage der nun gebauten Städte aber war, wurde spätestens ab dem Moment klar, als es weltweit in den 1920er bis 1950er Jahren Versuche gab, völlig neu nach Nutzen und technischem Ablauf konzipierte Städte auf dem Reißbrett zu entwerfen und umzusetzen. Neben Brasilia (Brasilien) und Chandigarh (Indien), beides Großstädte, die eine von Oscar Niemeyer, die andere von LeCorbusier als Ganzes auf die grüne Wiese geplant und umgesetzt wurden, sind es Stadtviertel wie das Gropius-Viertel in Berlin und jede Menge weiterer Stadtviertel weltweit, die angeblich technisch perfekt dem Bedürfnis der Menschen entsprachen, aber heute nicht mehr weit von der "Slum-Klasse" liegen.

Im Fall Berlin zeigt es sich noch drastischer, weil diese "Stadt" erst recht spät als bloße Zusammenlegung von Fischerdörfern im Geist der Aufklärung "entstand", also nie einen Plan, sondern eben diese Zufälligkeit des Zentrumslosen und damit keine Ordnung hat. Man sieht es heute deutlich. Vom Zustand der Peripherien in den meisten Städten wollen wir da gar nicht anfangen - ein Nebeneinander bezugsloser Autismuszeugen, mit identitätslosen, schutzlosen Konsumenten, und weltblinden Ablaufsklaven (Arbeiter, Angestellte) ...

In einer nicht nach göttlichem Plan angelegten Welt verkommt auch der Mensch. Nicht Nutzen bestimmt den Menschen, sondern Beziehung und Schönheit, Ritus und Gestalt. Denn nicht nur ist er selbst nach einem göttlichen Plan, nach einer Geometrie geordnet, sondern die ganze Welt, ja der gesamte Kosmos, vom Größten bis zum Kleinsten, ist auf denselben (archetypischen) Ordnungsprinzipien und Größenverhältnissen weil Beziehungen (nur auf je anderen Ebenen) aufgebaut. So ist die Schöpfung ein einziger Klangkörper, in dem in jedem Teil derselbe Rhythmus, dasselbe, alles durchdringende, alles beherrschende, alles ordnende Loblied erklingt. Um wie viel mehr muß das dann auch in den Städten sein, die den Lebensraum des Menschen bedeuten?




 
Morgen Teil 3) Wie schon  häufig: Die zu Exkursen ausgeuferten Anmerkungen




Mittwoch, 22. Mai 2019

Raum als göttliche Ordnung (1)

"Macht Euch die Erde untertan!" Diese Aufforderung stünde nicht in der Genesis der Bibel, wenn sie nicht einen Grundantrieb im Menschen aussagen würde: Den, sich die Erde zu unterwerfen, sie zu ordnen, sie zu gestalten, und so zum Teil menschlicher Kultur als Insgesamt seines Lebensvollzugs auf der Erde zu machen. Diese Gedanken werden neu bewußt, wenn man sich die interessanten Forschungen des Stadtplaners und Architekten Klaus Humpert ansieht.

Der beim Studium der Bebauungskarten seiner Heimatstadt Freiburg im Breisgau auf Regelmäßigkeiten stieß, die ihn verblüfft haben. Immer mehr konnte er sich des Eindrucks nicht erwehren, daß sich unter dem heutigen Antlitz der Stadt, viel deutlicher in ihren mittelalterlichen Strukturen, soweit sie erhalten oder nachvollziehbar sind, ein Plan stehe.

Damit widerspricht er den gängigen Ansichten der meisten Historiker, wie sie in dem interessanten Film in der Gestalt des em. Universitätsprofessors und Kunsthistorikers Günther Binding auftreten. Die davon ausgehen, daß unsere Städte im Mittelalter rein zufällig und pragmatisch entstanden sind, ohne daß ihnen ein Gesamtplan zugrunde gelegen wäre. Auch gibt es keine überlieferten Pläne, die belegten, daß jene 300 Städte, die zwischen dem 11. und 14. Jahrhundert im gesamten mitteleuropäischen Raum gegründet worden waren, geplant und nach einer vorgegebenen Ordnung aufgebaut worden wären.

Das mag sein, entgegnet dem Humpert, aber das kann ganz andere Gründe haben. Tatsache ist, daß er bei seiner insgesamt 15-jährigen Forschungsarbeit meint eindeutige Belege gefunden zu haben, daß nicht nur diese Städte zum allergrößten Teil nach einem Bebauungsplan errichtet wurden, sondern daß diese Pläne auch von Vorbildern ausgingen, die zum Teil in Italien lagen, die aber Freiburg im Breisgau vielleicht sogar als "Mutter aller deutschen Städte" sehen läßt. Denn hier zeigt sich das Grundschema am deutlichsten, und ist anhand heutiger Straßenverläufe und Häuserfronten so deutlich zu erkennen, daß es nicht verstehbar wäre, diese Indizien zu ignorieren.

Nun, ein wenig kann man Humpert da schon helfen. Denn abstrus ist sein Gedanke, daß das Mittelalter die Erde als göttliche Geometrie auffaßte, keineswegs, sondern im Gegenteil: Es ist das Grundverständnis von Welt überhaupt, das uns im speziellen über Griechen, Römer oder Ägypter (etc. etc.) längst bekannt ist. Man lese dazu etwa die maßstäblichen Klassiker von Fustel de Coulanges, oder Mircea Eliades "Das Heilige und das Profane". Niemandem wäre es bis ins späte Mittelalter - und in der Renaissance schon erst recht nicht, dort freilich beginnt sich das Ganze zu pervertieren, um schließlich ganz zusammenzubrechen - eingefallen, ein Haus und schon gar eine Stadt zu bauen, ohne sie auf göttlichen Willen hin auszurichten, ja in diesem zu fundieren.

Deshalb war eine geheiligte Urstätte sowohl bei den Römern das erste, was man tat, ebenso wie das spätere christliche Abendland, das anfänglich zu einem guten Teil ganz real aus den Ruinen römischer Städte entstand, es sich nehmen ließ, seine Städte und Siedlungen als Ensemble rund um eine zuerst bestimmte Kirche (Altar, Allerheiligstes etc.) zu gruppieren. Jeder Stadtteil, jedes Haus, jedes geplante Berufsviertel, jedes Verwaltungsgebäude hatte dabei seine Ordnung und Stellung in dieser Ordnung, die eine Stellung innerhalb des göttlichen Weltplanes war.

Was nicht in dieser Ordnung Platz hatte, hatte auch in der Stadt keinen Platz. Unreine Gewerbe (Färber, Schlachter) waren da ebenso gemeint wie Freuden- oder Krankenhäuser. Jede Himmelsrichtung hatte dabei ihre Bedeutung, und kein Tor war zufällig gesetzt, alle hatten eine mit ihnen metaphysisch verbundene Sinnstellung. Ebenso wie die Märkte und das, was auf ihnen gehandelt wurde. Erst in zweiter Linie war die Topographie von Bedeutung, oder entnahm man ihr Hinweise.

Auch die Distanzen zwischen diesen Bereichen waren nicht zufällig, sondern in Geometrie bzw. Zahlenverhältnisse gefaßte, darin erkennbare Beziehung. Freilich gelingt es Humpert nicht - und daß er diesen Gedanken nicht näher ausführt oder gar kennt verwundert einigermaßen - die Maßzahlen, auf die er immer wieder gestoßen ist, in der Metaphysik zu verankern, denn darin waren sie begründet. Er würde vermutlich noch viel mehr entdecken.

Und (man möge es nicht falsch verstehen, aber doch sollte es gesagt werden) er hat auch nicht überprüft, ob diese Kreise und Positionen, die er fand, nicht mit Planetenkonstellationen (also der damals noch untrennbar verbundenen Astronomie und Astrologie) zu tun haben. Denn nach aristotelischem Weltbild sind die Planeten die urstofflichsten, bis auf Gott schon äußersten, allem quasi zugrundeliegenden, gröbsten, aber alles gleichermaßen und in gleicher Art (fraktal, also ein Schema in allem, vom Kleinsten bis zum Größten) durchwirkend wie davon durchwirkt.²

Und das ist wohl auch die größte Schwäche seiner Argumentation, die sogar das, was er herausgefunden hat - die mittelalterliche Stadt, Fundament so gut wie aller unserer heutigen Städte, war allem Anschein nach streng durchgeplant, und keineswegs eine zufällig entstandenen Aneinanderreihung von zufällig hier anlandenden Menschen - ein bißchen doch wie zufällig aussehen läßt. Sodaß auch verstehbar ist, wenn Binding meint, daß man in jeder Anhäufung von Punkten und Orten, wenn man lange genug sucht, eine Systematik entdecken kann. Dieser Teil seiner Arbeit scheint unvollendet, dabei wäre es der Grundstein.

Aber prinzipiell hat er sicher recht. Nicht nur, daß zumindest bis zum Weißwurschtäquator und nach der Völkerwanderung, also nach dem Abzug der Römer über die Alpen, zumindest nach dem Verlust deren kultureller Vormachtstellung, viele Orte (als "noch nicht Städte") buchstäblich auf römischen Ruinen errichtet wurden. Dabei wurden die Straßenverläufe ebenso oft übernommen, wie Gebäude. Ja, viele heutige Altstadtkerne sind sogar direkt in römische Großbauten (wie Amphitheater) eingebaut worden, um diese zu nützen. So, wie man die Bauten abtrug, um deren Baumaterial zu verwenden.

Sopron (Ödenburg), ehedem Scarbantia, wo der VdZ wohnt, ist ein typisches Beispiel dafür: Das Stadtzentrum folgt noch heute mehr oder weniger präzise der römischen Stadtplanung. Obwohl der Wohlstand der späten Renaissance architektonisch gewaltig umgerührt hat, folgen die meisten Straßen und Ausgänge aus der Altstadt, die von dem ehedem weiten Glacis ("Graben") umgeben ist, ihrer römischen Erstanlage. Mit seinem Tor im Osten, Westen, Norden und Süden, mit denen jeweils auch Funktionen verbunden waren.*

Der aus der Antike herüberkommende Mensch hat sich bis ins späte Mittelalter kein Leben ohne festen, in Gottes Plan gegründeten Ort vorstellen können. (Und er hatte damit ja zutiefst recht! Wie gut wäre es, wenn wir uns dieser Wahrheit heute wieder bewußter würden.) Tief religiös, hat sich niemand, wirklich niemand ein willkürliches, zufälliges Leben vorstellen können, wie es mit dem Subjektivismus der Renaissance schließlich allgemein wurde. Ort, Platz gibt Legitimität. Gott hat in der Schöpfung prinzipiell ja eigentlich den Raum geordnet, und DAMIT (Raum = Welt = Beziehungsordnung) geschaffen. Und deshalb war der konkrete Raum Ausdruck und Schauplatz des göttlichen Weltenplanes, und damit des Menschen. Nur so war Segen zu erwarten: Wenn man an seinem Platz stand. Und das gilt natürlich bis in persönliche Verhältnisse hinein.**


 Morgen Teil 2)



²Diese Janusgesichtigkeit ist für den Verstand das größte Problem mit der Astrologie. Sie ist Spiegel wie selbst Gestalt, Gewirktes wie Wirkursache zugleich. Also kann sie von da her auch kein Orientierungspunkt sein, und sie zu betrachten gerät allzu leicht in die Todesfalle dessen, das in sich hineinsieht, weil das, WAS sieht auch das ist, WAS MAN sieht (=Invertiertheit). Siehe dazu Walter Hoeres "Reflexivität".

*Der überlieferte Streit von Romulus mit Remus, der den soeben von Romulus gezogenen Graben für die Stadtmauer übersprang, wird erst so verständlich. Remus hat die Ordnung aufgelöst. Auf der allein eine Stadt zu gründen war. Denn nur eine Ordnung ist ein "Etwas". Also mußte Remus erschlagen werden, denn er gefährdete die nur vom Menschen zu errichtende Welt. (Gott hat das Material gestellt, sozusagen, und seine Eigenart in Orten festgelegt, in die jeweilige Beziehungs-Typiken - "Dinge", "Etwasse" - treten.) Ohne Ordnung gibt es nur das Nichts amorpher, a-welthafter Potenz.

**Auch Ehe und alles was aus ihr folgt ist ein Ort, und damit erst Form von Beziehung.




Sonntag, 28. Juli 2013

Alles will es selbst bleiben

Als eine der entscheidenden Funktionen aller lebendigen Organismen sieht Heinz Dotterweich das Beharrungsvermögen an. Darunter ist zu verstehen, daß ein Organismus alles daran setzt, auch bei veränderten Umweltbedingungen - er selbst zu bleiben, und auf bekannte Weise zu funktionieren. Würde ein Organismus sich beliebig veränderten Umweltbedingungen anpassen, so würde er binnen kürzester Zeit "ein Raub" dieser Bedingungen. Nur solche ursprünglichen Lebenssysteme können sich erhalten, die nicht auf jeden Reiz hin ihr gesamtes Gefüge entsprechend ändern. Nur so können sie ihr eigenes Gleichgewicht halten.

Leben heißt immer, daß zumindest ein Teil der elementaren Funktionen in einem Organismus (aber auch einer Biozönose, also einem mehrere Organismen und Faktoren einschließendes Lebensganzes) gleich bleiben kann.

Als mit zu den wichtigsten Ausprägungen dieses Beharrungsvermögens sind dabei das Gedächtnis und die Vererbung anzusehen. Beide Richtungen sieht Dotterweich als Spezialisierungen dieses Strebens, das abstrakt natürlich nirgendwo vorkommt. Ja man kann die Vererbung (ähnlich dem Gedächtnis) direkt als ein Verharren im Wechsel aller organischen und anorganischen Umweltänderungen ansehen.

Ändern sich Einflußfaktoren von außen auf Dauer, dann erfolgt zwar tatsächlich ein (Teil-)Anpassungsverhalten, aber dieses muß so gesehen werden, daß TROTZ der geänderten Bedingungen die ursprünglichen Funktionen aufrecht bleiben können. Solche Anpassungsprozesse dauern dabei sehr lange, und erstrecken sich praktisch immer über viele Generationen, die das Beharren am alten Zustand anhält.

Der Nobelpreisträger Jacques Monod ist in "Zufall und Notwendigkeit" sogar zur für ihn erschütternden Erkenntnis gekommen (Monod war Nihilist, dem wenigstens die Entwicklungstheorie etwas Sinn versprach, bis er auch das fallen lassen mußte), daß Gene prinzipiell invariant sind, daß also ein Organismus (und selbst ein anorganisches Gefüge) über wesenseigene Grenzen hinaus überhaupt nicht veränderbar IST. Alle Entfaltung in der Natur ist nur die Spezifizierung von Vorhandenem. Ein mechanistisch-progressiver Weltaufbau ist also ohne Hinzukommendes gar nicht möglich. (Was sich im Vererbungsprozeß verändert sind ja auch nicht "die Gene" ihrer Art nach, sondern ihr Zueinander, die Dynamik, sowie Einschränkungen, gar Mängel. Mutationen selbst sind Defekte und v. a. über den Vererbungsprozeß zu (oder aus) Spezialisierungen gewordene Einschränkungen, nicht Weiterentwicklungen.*)

Erst durch die menschliche Freiheit - in der klaren Rückbindung an ein reales Transzendentales, also nicht als weltimmanent abgeschlossen ansehbar, dann würde sie wieder unter dieses Beharrungsvermögen fallen - kann überhaupt "Neues" in die Welt kommen. Nur durch ihn kann sich der Kosmos in den Geist heben und damit zurückbiegen.

Verliert ein Organismus diese Fähigkeit, Einflüssen gegenüber sein inneres Gefügegleichgewicht zu erhalten, tritt der Tod ein. Im Tod wird der völlige Ausgleich mit der Umwelt (von ihrer Seite her) hergestellt. Im Beharrungsvermögen bewahrt sich ein Organismus vor dieser chemischen oder physikalischen Gleichgewichtslage.

Auf die Aussage im vorigen Absatz zurückkommend, legt sich damit eine Verständnisbrücke zur Ewigkeit, die in der analogen Präsenz des Unendlichen Göttlichen im vollkommenen, geheiligten Menschen ewiges Spiel bedeutet - ewiges Leben in unendlicher, je aktueller Vielfalt. Am Unendlichen in der Willensübereinstimmung (nicht: Ersetzung!) teilhabend, ist auch die Lebensentfaltung "aus dem Vorhandenen heraus" unendlich. Gott, das Sein, ist der "ewig Gleiche", in dem Unendliches Seiendes enthalten ist.

In diesem Sinne erschließt sich auch der Erkenntnisprozeß als Gleichgewichtsstreben, mit dem Ziel der Ohnendlichkeit im alles umfassenden Abstraktum, in das alles Vereinzelte zurückgeführt ist, als Analogie zum Sein selbst.**



*Es ist ein Irrtum dem Inzestverbot quasi "evolutive Funktion" zuzuschreiben. Unabhängig von logischen Fragen, die dabei nicht beantwortbar sind, verstärkt sich aus diesem Beharrungsvermögen heraus (man nehme die Aussagen metaphorischer mehr denn naturwissenschaftlich-exakter Art) auch das jeweils (faktisch) Vorhandene an Anlagen. Und das führt zu fehlender Anpassungsenergie an das Außen. Die Bluterkrankheit, eine typische Erkrankung des Inzest, erzählt diese Geschichte. 

Auf den naturwissenschaftlich nicht leugbaren Monogenismus eingehend, der nacherzählt, was die Genesis erzählt, erübrigt sich bei einer vollkommenen Schöpfung - Adam als erster Mensch war nicht gezeugt, sondern geschaffen, damit vollkommen - die Frage nach dem "Inzest" des ersten Menschenpaares.

Übrigens ist in diesem Zusammenhang erwähnenswert, daß die Herrscher der Alten Zeit (Ägypten, die mythischen Könige aller möglichen Völker) - als Götter oder Halbgötter oft gesehen - einen Herrscherethos begründeten, der die Könige oder Pharaonen nur durch ihresgleichen, in ihrer göttlichen oder ursprünglichen Vollkommenheit, standesgemäß bei einer Heirat ergänzt sahen. Jeder Herrschermythos der Weltgeschichte geht auf die Urzeiten zurück, oder sucht darin seine Legitimität. Denn das ist die Kernfrage des Herrschers, und über ihn die Kernfrage seines Volkes, das sich immer als Prototyp "Mensch" sieht (die Landes- oder Stammesbezeichnung vieler Völker heißt nichts anderes als "Mensch" - das Wort Mensch ist dabei VON IHNEN HER abgeleitet.) Die Pflicht zur Standesgemäßheit auch europäischer Heiraten gründet genau darin. Ein Volk ohne göttliche Abstammung, ohne göttliche Sendung, überlebt nicht lange. Es muß gewollt, es muß von Gott berufen, benannt sein. Kein Mensch kann ohne Berufung durch seinen Erzeuger leben.

Fustel de Coulanges zeigt in seiner großartigen Untersuchung des Antiken Staates genau das: Wie sich aus solcher Ableitung nach und nach ein historisch immer komplexeres Staats- und Gesellschaftsgebilde entwickelt. Das irgendwann zwar völlig anders aussieht, und doch in seinem Grundstrukturen genau um diese Grundkonstellation kreist. Um sie herum hat sich alles entwickelt, auf sie bezieht sich alles, selbst in der Demokratie.

**Jener Punkt, an dem die Gehirnforschung heute mit Verwunderung feststellt, daß das Wesen des Gehirns gar nicht aus seiner physischen Synapsentätigkeit erkennbar ist, sondern in einem gar nicht physisch "auffindbaren", quasi "festnagelbaren", nur sich in physiologischen Prozessen zeigenden, aber über sie hinausweisenden Koordinationsspiel. Jener Punkt, an dem der Philosoph Karl R. Popper und der Gehirnforscher John C. Eccles in ihrem als Buch erschienenen Gespräch "Das Ich und sein Gehirn" feststellen, daß "das Ich auf seinem Gehirn spielt wie auf einem Klavier." Die Musik, die dabei entsteht, ist in ihren Inhalten, durch die sie erst Musik ist, etwas völlig Neues, Anderes, Drittes und doch Reales.




***