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Dienstag, 13. August 2019

Frog boiling - Umprogrammierung zur Diktatur (2)

Teil 2) Freiheit außer für die Feinde der Freiheit


Wörtlich meinte er, daß es darum gehe, "die Menschen umzuprogrammieren". Damit könne verhindert werden, daß weiter reaktionäre oder faschistische Positionen verteidigt würden. Wer solche Meinungen vertrete habe kein Recht auf Rede-, Meinungs- oder Pressefreiheit, denn diese Menschen stellten sich dem gesetzmäßigen Gang der Geschichte (Hegel, Marx) entgegen. Erst am Ende der Geschichte stehe ein Zustand wahrer Freiheit. Dann könnten auch alle Restriktionen wieder aufgehoben werden. Wenn alle somit gleich = fortschrittlich, "gut" dächten.

Diese Haltung hat eine lange Tradition, und wenn sie sich auch erstmal so explizit bei Rousseau findet (wir haben an dieser Stelle bereits darüber geschrieben, daß Rousseau persönlich wie in seinen Schriften auf verblüffende Weise ALLES vorwegnimmt, was wir als "heutigen, modernen Menschen" sehen), so hat sie ihre realen Wurzeln in der Französischen Revolution, ihr Vorbild im Tugendterror der Jakobiner, die das Volk der Franzosen zu einer "guten Gesellschaft" umbauen wollten. Die Freiheit des Bürgers ist minderwertig, verglichen mit der hochwertigen Freiheit, die im Zustand der vollendeten Utopie vorhanden sein würde. Das war der Freibrief, um tausende und abertausende aufs Schafott zu schicken. Denn irgendjemand mußte natürlich bestimmen, wer der "Feind der Freiheit" auch ist. Und das bestimmte die neue Moral-Elite. Freies Rederecht galt dabei nur für die eigenen Leute.

Parallel zu dieser Bewegung, die sich im Zuge der 1968er manifestierte (die, wie wir mehrfach schon betont haben, in ihren Anfängen einen wahren Kern hatte, der aber dann von der Linken okkupiert wurde), setzte die systematische Verfolgung aller Nicht-Linken ein. Durch Verleumdungen und Druck, der ihre "Unmoral" beweisen sollte, die ihnen jedes Recht auf Mitsprache und -gestaltung absprach. Als Marcuse merkte, was er da initiiert, wozu er da die theoretische Grundlagenarbeit geleistet hatte, wollte er zurückrudern - und wurde selbst zum Opfer dieser längst etablierten Meinung.

Wir haben es seit zwanzig Jahren ganz deutlich mit einer Klassenherrschaft zu tun, sagt Weißmann. Einer Herrschaft derjenigen, die über die Medien verfügen und alle zum Verstummen bringen, die andere Positionen als sie vertreten. Dabei geht es um viel Geld, um Macht, um Geltung. Einer Schichte, die abgesehen von Meinungsmache nichts können und deshalb umso verbissener auf dieses Herrschaftsinstrument setzen "müssen", wollen sie ihre Positionen halten. Im Zusammenspiel mit der Politik, die ähnliche Voraussetzungen hat, hat sich mittlerweile ein medial-politischer Komplex gebildet, wo Staat und Zivilgesellschaft Hand in Hand arbeiten und ein Machtinstrumentarium geschaffen haben, das auf herkömmliche Diskursbedingungen - Demokratie! - insofern verzichtet, als sie sich immer dreister im Recht sieht, im Nahem der höheren Moral (unter Mißbrauch von Begriffen wie Menschenrechte, Vielfalt, Humanität etc.) jeden institutionellen politischen Weg auszuschalten und zu übergehen. 

Mit großem Erfolg hat sie so der Mehrheit der einfachen Bevölkerung jedes Mittel aus der Hand genommen, ihre Ansichten zur Geltung zu bringen, wollen sie nicht als die "öffentlich Geächteten" dastehen. Aber anders als Marcuse, der aus seinen Zielsetzungen nie ein Hehl machte, werden die Ziele dieser Machteliten verborgen und verheimlicht. Sie treten unter scheinbar rein "sachlichen" Geboten auf - die Klimarettung sei einmal mehr genannt, die sich zum wahrlich bedrohlichen Hebel entwickelt hat, die jede demokratische Institution mittlerweile überrennt und übergeht, nur noch als posthoc-Rechtfertigung heranzieht, sofern das nützlich ist.  

Einer der Proponenten dieser Entwicklung, Jürgen Habermas, hat schon 2015 öffentlich geäußert, daß man systematisch an der "Entthematisierung" aller jener Themen arbeiten müsse, die "die Rechten" (und mit diesen ein großer Teil der Bevölkerung) als Thema betrachte. Keine Diskussion über die Selbstzerstörung Europas, keine Diskussion über Zuwanderung, wachsende Kriminalität, Verfall der inneren Sicherheit, keine Diskussion über demographische Entwicklung, und keine Diskussion über Dekadenz. Thema um Thema aus dem Wertekreis der "bürgerlichen Mehrheit" wurden auf diese Weise aufgestellt und der Normalbürger regelrecht von Denkverboten umstellt. In denen eine zu habende Meinung herrscht, die sämtlichen seiner bisherigen, ja man muß sagen: sämtlicher seiner natürlichen Regungen widerspricht. 

Habermas hat rascher als Marcuse begriffen, daß das offene Reden über Revolution, Sozialismus in unserer offenen Gesellschaft kaum zum Ziel führen wird. Deshalb wurde unsere Gesellschaft auch umdefiniert, zu einer "entgegenkommenden Kultur" (die in Wahrheit eine gegen revolutionäre Bestrebungen wehrlose Gesellschaft ist)** umbenannt, die ausdrücklich der eigentliche Sinn des Grundgesetzes sein soll. Dahinter aber verbirgt sich etwas ganz anderes, das durch "richtige (aber umgedeutete) Begriffe" noch mehr verdunkelt wird. Denn wer wollte sogar dagegen etwas sagen, daß sich Gemeinwohl nur unter Herstellung eines "allgemeinen, deckungsgleichen Bewußtseins" erreichen lasse? Der Haken liegt freilich in der "Herstellung". 

Jede Zulassung tatsächlich kontroverser Meinungen im öffentlichen Raum sind auf diesem Weg eine Machtminderung und Verhinderung. Sie müssen deshalb unterbunden werden. Und tun es heute enorm effektiv durch vorgegebenen "Zeitdruck": Ein Problem (Klimakatastrophe) sei so drängend, daß keine Zeit mehr bestünde, es auch noch kontrovers zu diskutieren, andere zu überzeugen. Vielmehr sei es im Sinne effizienter Problembewältigung angebracht, jeden verzögernden Effekt, jeden Störenfried auszuschalten. 

Ein öffentlicher Diskurs aber, der Teile der Bevölkerung ausschließt, ist gar kein öffentlicher Diskurs mehr. Was Habermas selbst so ausgedrückt hat, trifft heute zu. Er selbst hat es freilich nur in den 1960ern formuliert, als sich die Linke noch in einer Minderheitenposition befand. Heute hat man die Position deshalb gewechselt. Die Rede der Linken von "mehr Toleranz", "mehr Freiheit", "mehr individueller Selbstbestimmung" muß deshalb als das benannt werden, was sie ist: UNREDLICH. Sie soll nur der Linken dienen, mißliebige Meinungen, sofern sie noch bestehen, zu überlagern und zu verdrängen und letztlich zu verändern. Hier werden lediglich Machtverhältnisse verschleiert. Und das ist keineswegs neu. Es ist Teil der Machtstrategie der Linken, seit es sie gibt. Und das heißt: Seit tausenden von Jahren. Als Subversionsstrategie gesellschaftlicher Minderheiten, mit der sie die Mehrheiten unterminieren und letztlich überwinden möchte.

Deshalb braucht die Gegenwehr gegen solche Subversion auch ein "hartes Gesicht". Es braucht Mut und Entschlossenheit, sich gegen etwas zur Wehr zu setzen, das mit geschickter schizoider Taktik dazu führen soll, Tatsachen zu schaffen.






**Hier offenbart sich einmal mehr die fatale Grundschwäche liberaler Gesellschaften. Die nur unter Rückgriff auf bestehende Wertegefüge "funktionieren", und nur so lange - und ansonsten hilflos sind, und Angriffen auf sie nur mit Willkür begegnen kann. "Keine Toleranz den Intoleranten" ist einer der dafür so typischen Leitsprüche, die mit der Schwammigkeit der Begriffe operieren, die eine wirkliche diskursive Verankerung gar nicht möglich machen. Sondern zum Gegenteil in der bloß subjektiven Vorstellung von geglücktem Leben gründen - also sich derselben Grundlage bedienen, wie es ja auch die Linken tun, ohne das aber wirklich abgrenzen zu können, weil das Menschenbild dahinter völlig identisch ist.


Montag, 12. August 2019

Frog boiling - Umprogrammierung zur Diktatur (1)

Das Interessanteste dieses Vortrages des Historikers Karlheinz Weißmann (dessen Buch über den Nationalsozialismus wieder einmal empfohlen werden soll) kommt gleich zu Beginn. Wenn er sechs historische Zitate vorträgt, deren Urheber wie so oft überraschen. Aber ein wunderbares Beispiel dafür geben, auf welchem moralischen, geistigen Konsens diese unsere Gegenwart aufgebaut worden war. Ein Konsens, eine Gemeinsamkeit der grundlegenden Haltungen, die eine demokratische Auseinandersetzung überhaupt erst sinnvoll machen.

Weil sie Demokratie niemals als Machtkampf von Denkweisen begreifen und begriffen haben, die der gerade per Volksentscheid herrschenden Mehrheit die Möglichkeit gibt, Entscheidungen zu treffen, die außerhalb eines von allen (!) mitgetragenen Konsens über Lebensweise und Haltungen liegen. Josef Pieper weist ja einmal darauf hin, daß unsere Demokratien sich auf einem gefährlichen Weg befinden. Wo die Diskursgemeinschaft sich zu einer Gewaltgesellschaft entwickelt hat, wo jeweils die einen über die anderen herrschen und sich auch gegen die Haltungen der Minderheiten hinwegsetzen zu können meinen. Dies hat heute zur aktuell massivsten Gefahr geführt, die bereits so gewöhnlich wurde - Stichwort: "frog boiling"* - daß wir sie gar nicht mehr als Außergewöhnlichkeit bemerken: Wo eine Gruppe die andere mundtot macht, und es niemandem mehr auffällt, daß es sich hier um eine strukturelle Verschiebung der Gewaltlegitimation handelt, in der eine neue Privilegiertenschichte entstanden ist, die mehr darf als andere. Und im besonderen die Legitimation an sich reißt, sämtliche Meinungslandschaften und -ebenen zu kontrollieren.

Die sachlichen Grundlagen, auf die die Zitate verweisen, haben heute unverändert Gültigkeit, sie sind im Absoluten verankert. Verändert hat sich nicht die Sache somit, sondern das Irrationale, die emotionale Haltung dazu. Die heute als skandalös sieht, was vor gar nicht so langer Zeit allgemeiner Konsens der Geister aller Richtungen war. Die vor allem aber eines einte: Die Verwurzelung in Geschichte und Substanz des Lebens des Volkes, dem sie entstammen. Darunter sind nicht wenige Personen, die in der Zeit des Nationalsozialismus selbst verfolgt worden waren - und dennoch heute als "rechtsradikal = nationalsozialistisch" verunglimpft werden. Von Menschen, die nicht die geringste Ahnung haben, was dieser überhaupt bedeutet und wie er sich konkret darstellte.

Aus dieser Unkenntnis heraus ist es nur ein kleiner Schritt, eben dieselben Wege der Nazis zu beschreiten und sich "dennoch" davon verbal zu distanzieren! Das ist das große Gefahrenmoment der Gegenwart, in der ausgerechnet jene Kreise mit dem Totschlagargument "Rechts/Nazi" flink bei der Hand sind, die exakt die gleichen Wege wie diese beschreiten, um - wie diese - die Welt zu retten und ihrer Utopie zugeformt "besser" zu machen. Wir stehen aber kurz davor, genau dort zu landen, wo wir angeblich "nie mehr wieder" sein sollten. Die Korpora sind dieselben, nur die Etiketten sind vertauscht. Und mehr als begriffsleere Etiketten bietet der gegenwärtige Diskurs ja auch nicht mehr.

Weißmann kann sich - wie wohl viele von uns - aber noch daran erinnern, wie vor wenigen Jahrzehnten das oft kontroversielle Spektrum der Weltanschauungen und Haltungen zu keinerlei Entzweiung dahingehend geführt hatten, daß man nicht mehr "miteinander redete". Vielmehr herrschte ein Klima des "Dauerdisputs", ob an den Küchentischen oder bei Klassenfahrten. Man wußte, wer wie dachte, und das war es dann auch schon. Der alltägliche Lebensvollzug war davon kaum betroffen. 

Das ist heute anders. Heute sieht sich sogar die eine Gruppe dazu berechtigt, ja verpflichtet, "erziehend" auf die andere einzuwirken. Denn wer nicht an ihren Auffassungen teilhat, der hat gar kein Recht mehr, in dieser Gesellschaft zu leben, geschweige denn seine Meinung zu vertreten oder sie so zu bilden, daß sie nicht der gesollten Ansicht entspricht. Es wird unter das Diktum der Soll-Moral, der political correctness gestellt, die keine abweichende Haltung mehr zuläßt - auch mit Gewalt, ja mit Hilfe entsprechender Gesetze. Etwas, was vor dreißig, vierzig Jahren undenkbar gewesen wäre. 

Das hat interessanterweise in breiten Teilen der Bevölkerung dazu geführt, daß viele Menschen das Gefühl haben, "daß etwas nicht mehr stimmt". 41 Prozent der Deutschen sehen das Umfragen gemäß auch tatsächlich als "neu" und meinen, daß es etwas mit political correctness zu tun hat. 

Betrachtet man diese genau, so stellt sie sich als andere Form des marxistischen Kampfes um die Gesellschaftsherrschaft dar. Dabei hat man sich der Minderheiten bedient, die das Vehikel sind, um die Mehrheitshaltungen zu verändern und zu zerstören. Denn im "Dienste" dieser Minderheiten und deren "Benachteiligungen" ist auch Gewalt legitim, und die von dieser Gewalt Betroffenen werden mundtot gemacht. Das revolutionäre Grundkonzept ist alt und gleichgeblieben: Über eine "vorübergehende" Phase der Unfreiheit (für die Mehrheiten) soll der Zustand der Freiheit "für alle" erreicht werden. 

Dabei stellten sich die Vorreiter dieser Strategie - die Frankfurter Schule (Marcuse, Adorno etc.) sind dabei zu nennen - nicht eine Diktatur einer Kaderpartei nach altem Muster vor, sondern eine "Erziehungsdiktatur". Diese Revolution würde die Macht an eine Elite übertragen, die natürlich "gut, selbstlos und fortschrittlich" war, die aus den Intellektuellen bestehen sollte, die die dumpfe, unaufgeklärte Masse in eine lichte Zukunft führen soll. So hat es Herbert Marcuse noch in den 1960er-Jahren ("Der eindimensionale Mensch") ganz offen und deutlich ausgedrückt.


Morgen Teil 2) Freiheit außer für die Feinde der Freiheit


*"Frog boiling" ist eine Metapher für den bei Fröschen zu beobachtenden Umstand, daß sie in einen Topf gesetzt, der langsam erhitzt wird, nicht merken, wenn die Temperatur des Wassers für sie lebensgefährlich wird, weil sie sich so lange an die Temperatursteigerung noch angepaßt haben. Bis es zu spät ist. So wird auch unser Denken über weite Strecken in Gleichschritt mit der Zeit und deren Diskursen geprägt und sogar fundamentiert. Wenn wir deshalb keine ausreichende Fundierung in außerhalb des "Topfes" liegenden Anschauungen und Haltungen haben, werden wir die absolute Änderung des Lebensklimas, das uns umgibt, gar nicht feststellen. Bis es zu spät ist.


Donnerstag, 3. Januar 2019

Phantomfeind Islam (2)

Teil 2)




Deshalb ist auch der erste und wirkliche Feind unseres Abendlandes nicht der Islam. Sondern es ist die Destruktion unserer kulturellen Ordnung, der Verlust der Identität, der damit einhergeht. Lustigerweise ist aber das, was sich gerne als "Rettungsaktion" bezeichnet, die unsere Kultur retten soll, genau das, was unseren kulturellen Körper bereits tödlich infiziert und unsere eigene Identität aufgelöst hat. Und so ist es kein Zufall, wenn Stürzenberger die "Freiheit" unserer Länder preist, und mit solcher Vehemenz den Islam zum Feind erklärt. Denn im nächsten Satz verteidigt er jenen Liberalismus und Individualismus, der als Aufklärung die Krankheit zum Tode des Abendlandes ist.

Daraus kann nur hohe Emotionalität entstehen: Wer bindungslos über dem Nichts schwebt, kann nur noch um sich schlagen, um sich irgendwie Sprechwolken zu bauen, die ihn halten sollen. Und sieh einer an: Das ist genau dasselbe Vorgehen, wie es jene Religionen an den Tag legen, die auf Irrtümern, die nicht auf der (katholischen) Wahrheit beruhen. Auch der Islam. Mehr als das. Genau daraus erwächst eine psychische Haltung, die sich selbst (in seiner nunmehr pseudologischen, behaupteten Identität) als jedem anderen überlegen ansieht. Und der jeder andere tatsächlich zum Feind wird, den es zu vernichten gilt. Wo jeder Disput darüber zu einem Festival der Rationalisierungen und Sophistik wird.

Insofern ist auch der Islamismus (der eine Ideologie ist) ein Werkzeug, eine Waffe für den viel tiefer liegenden und tragenden Konflikt. Der ethnisch-zivilisatorischer, kultureller, psycho-sozialer, menschlicher, nur in zweiter oder gar dritter Linie religiöser Natur ist. Solange man das nicht erkennt, wird man ein Schattenboxen mit einem Phantomgegner namens Islam betreiben.

Und etwa verlangen, daß er weichgespült und überarbeitet werden müsse, um mit Europa kompatibel zu sein. Dabei müßte an ganz anderer Stelle angesetzt werden. Wo sich zeigt, daß es gar keine wirkliche Lösung gibt, weil sich ganz unterschiedliche Kulturen gegenüberstehen. Für die nur eine Lösung denkbar ist ... Parallelgesellschaften weil Parallelkulturen. Und eine sehr starke Polizei. Die beklagte "Islamisierung" ist nur Symptom für unsere Unfähigkeit, mit den realen Problemen fertigzuwerden. Denn die (großteils muslimischen) Migranten, die wir seit langem erleben, sind nicht in der Lage, sich in unseren Systemen "integriert", so etwas wie funktionierende, sozial und psychisch tragfähige Strukturen aufzubauen. Das wird nur schlmmer, wenn wir, wie es heute passiert, deshalb aber auch noch unsere eigenen Strukturen auflösen. Denn dann werden wir wirklich "vom Islam" beherrscht, ja unterworfen werden. Der zur Rechtfertigung ganz anderer, soziologischer, psycho-sozialer Selbstbehauptungs-Vorgänge wird, und darin unweigerlich sein schrecklichstes Gesicht zeigen wird.

Bemerkung am Rande: Das von Stürzenberger an einer Stelle vorgebrachte Lamento, daß man bereits zu Anfang des Islam, zumindest vor dem Jahr 1000, in Europa hätte reagieren und den Islam bekämpfen hätte müssen, man aber sträflich dessen Wesen ignorierte, ist haltlos. Nicht nur, weil bereits im 8. Jahrhundert solche, die arabische Expansion beschränken sollenden Kriege stattfanden. (Oder ist Karl Martell schon vergessen? Die Rolandsage nicht mehr präsent?) Sondern aus genau den auseinandergesetzten Gründen. Einen Islam als "aggressive Religion" hat niemand gesehen und wahrgenommen, weil es ihn nicht als treibenden Motor gab. Die Auseinandersetzungen mit arabisch-türkisch-kleinasiatischen Stämmen und Völkern waren politischer und zivilisatorischer Natur, oder gar Kriege mit Raubvölkern, die historisch nicht von heute auf morgen aufbrachen, sondern in einer langen Reihe geschichtlicher Kontinuität ethnischer Differenzen (zentralistische Völker gegen abendländischen Individualismus) standen. Man denke an die uralte Auseinandersetzung der Griechen mit den Persern, oder an die nie enden wollenden Kämpfe der Römer mit kaukasischen oder aus Asien einwandernden Völkern.








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Mittwoch, 2. Januar 2019

Phantomfeind Islam (1)

Ist der Islam unser Feind? Die Debatte zwischen dem Historiker Karl-Heinz Weißmann und dem Publizisten Michael Stürzenberger behandelt diese Frage sehr kontroversiell. Einem historisch sehr weiten Blick steht ein recht aggressiver Aktivismus gegenüber, der Leser möge sich selber denken, welcher Argumentationsseite der VdZ zuneigt. Oder - eher zuneigt. Denn die Gretchenfrage ist, was Religion überhaupt ist. Und was sie sein muß, nämlich der Boden einer täglichen Lebensweise, oder eine Ideologie. Die sich aus jeder Religion machen läßt, ja zu der jede Religion wird, sobald sie nicht ... katholisch, also alles umfassend, das heißt: der gesamten Wirklichkeit gegenüber offen ist. 

Grundsätzlich ist Weißmann zuzustimmen, daß die Konfrontation mit dem Islam hierzulande (und weltweit) in erster Linie eine Frage der Kultur und Lebensweise ist, die erst in der Religion, die Islam (Unterwerfung) genannt wird, zu einem expliziten Thesengebäude wird. So ist er auch entstanden. Diesen ungemein pragmatischen Aspekt dieses Konglomerats aus Arianismus und heidnischen Nomadenreligionen darf man nie übersehen. Erst waren da politische Probleme, erst waren da zivilisatorische Probleme in einem geographischen Raum, der in ein Chaos mit vielen Neuordnungsparteien und -versuchen versank, nachdem sich Byzanz zurückgezogen hatte. 

Das bestätigt sich auch dadurch, daß der Islam interessanterweise überall dort so in den Vordergrund kommt, wie momentan bei vielen Migranten in Europa, wo die reale Lebenssituation als schwach und ungeordnet erfahren wird. Deshalb ist es eine zutreffende Beobachtung, daß es nirgendwo in einem muslimischen Land so viele verschleierte Frauen gibt wie in Wien oder Berlin oder Paris. Umgeben von einer fremden Umgebung, beginnt eine Weltsicht Gewicht zu erhalten, die die eigene Überlegenheit wie ein Etikett vor Augen stellt. Sich selbst gegenüber nicht weniger wie allen anderen gegenüber. Diese Fremdheit ist der entscheidende Punkt, Weißmann nennt sie die "ethnische" Natur des Konflikts. Sie ergibt sich aus einer im Natürlichen, also noch "vor-religiös" sehr verschiedenen Lebensweise. 

Wobei es natürlich eine "rein natürliche" Lebensweise gar nicht gibt, sie hat immer bereits eine genuin religiöse Haltung "dem Absoluten gegenüber" zur Grundlage. Die dann in der expliziten Religion zur Konkretisierung kommt. Insofern hat der Protestantismus (aller möglichen Denominationen), aber auch die individuelle, real gelebte Religion innerhalb des Katholizismus ein dem Islam praktisch gleiches Problem. Die Klammer bildet lediglich der tägliche Lebensvollzug. Er macht, daß sich Menschen eines Volkes, eines Kulturraumes weitestgehend "ohne Disput" begegnen können, ohne sich ständig mißzuverstehen. Sie können dem anderen vertrauen, ohne darüber zu sprechen. Weil die Wertecodices, die Verhaltensnormen relativ gleich sind. Das trifft auf einen Menschen aus dem arabischen oder afrikanischen Raum nicht in dem Maß zu. Er wird sich mit den europäischen Alltagsnormen in vielem nicht identifizieren können.

Auf dieser Verschiedenheit, also auf psycho-sozialen (bzw. kulturellen) Fragen, baut dann die Ebene des religiösen Konflikts auf. In dem der Islam in der heutigen Weltlage, wo er sich noch dazu durch die universalistischen Medien mit einem westlichen und "überlegenen" Alltag konfrontiert sieht, fast zwangsläufig zu einem "Islamismus" wird. Weißmann hat somit auch darin recht, wenn er darauf hinweist, daß man zur Beurteilung der realen Wirklichkeit einer Religion nicht einfach deren Bezugsschrift (also beim Islam den Koran, oder beim Christen die Bibel) heranziehen kann. Nicht in der Regel zumindest. Das wird für die meisten Mitglieder dieser Religion erst bedeutend, wenn der alltägliche Normalrahmen, die soziale Ordnung, die eigene Lebenserfülltheit bricht oder gestört ist.

Und nun kommen wir auch der Tatsache begreifend näher, warum es so viele "Islame" gibt. Ähnlich wie der Protestantismus ruht er nämlich auf Lebenswirklichkeiten auf. Und die sind verschieden. Also werden auch seine Inhalte verschieden gewichtet. "Den Islam" gibt es nicht. Alle Versuche, einen solchen zu konstruieren, so etwas wie allgemeine Lehrhoheit zu schaffen, sind bislang gescheitert. Er zerfällt in zahllose Richtungen und Parteien. Und jeder bezeichnet seinen Islam als den einzig wahren. "Den Islam" zum Feind zu erklären ist also, als würde man in einen Haufen Sand greifen. Zieht man die vermeintlich gefüllte Hand heraus und schaut nach, was man nun hat, zerrinnt alles zwischen den Fingern.

Aus einzelnen Suren läßt sich also nicht (zwingend) ableiten, daß jeder Muslim ein erklärter Todfeind ist. Das würde zudem die Schriftlichkeit (insgesamt, aber auch und gerade für diese Kulturkreise) gehörig mißverstehen. Auf diese schriftlichen Inhalte wird erst zurückgegriffen, wenn die Lebenswirklichkeit eine Verortung innerhalb eines sozialen Gefüges, das den eigenen Anlagen, Talenten, Wünschen nach Anerkennung, sozialer Stellung etc. entspräche, nicht mehr zuläßt.

Das zeigt sich auch historisch recht eindeutig, worauf Weißmann auch hinweist. Nicht der Islam hat den arabischen Raum geformt. Ein Islam entstand nur als Rückgriffs- und Rechtfertigungsmöglichkeit. Ebenso wie die Figur eines "idealen Muslim" namens "Mohammed der Prophet", deren historische Existenz alles andere als belegbar ist. Seine Biographie, auf die sich heute alle beziehen und die in den Hadithen als praktische Moralanweisung durch Ableitung von diesem Vorbild her existiert, entstand erst allmählich und über hunderte von Jahren, in denen sich (über viele Zufügungs-, aber vor allem auch Reinigungsprozesse) dieser "ideale Mensch" zu dem auswuchs, als was wir ihn heute kennen.

Zum Beleg: Im 9. Jhd. gab es über 1 Million Hadithe. Jeder hat sich eben - salopp formuliert - seine Religion gebastelt. Erst jetzt begannen Zentralisierungsversuche.* Wirklich erfolgreich für den islamischen Raum insgesamt waren die aber auch nicht. (Was den Wunsch nach einem einheitlichen Kalifat begreifbarer macht.) Und umso aussagestärker ist die Bedeutung des "Islam": Jede Variante verlangt unbedingte Unterwerfung. Und dieses autoritative Gebot spielt bei allen Varianten eine ganz gewichtige Rolle. Es ist vielleicht sogar das einendste Element.


Morgen Teil 2)




*Das macht einmal mehr die Bedeutung des von Gott gestifteten Petrusamtes deutlich. Wo immer das Papstamt abgelehnt wurde, geschah es erstens aus persönlichen Gründen, und zweitens zerfiel die Abspaltung weiter in immer mehr Varianten.






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