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Donnerstag, 7. Oktober 2010

Kaum zu glaubendes Unwissen

"Erstaunlich, welchen Geistern damals [in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Anm.] die elementarsten Begriffe der biblischen Theologie fehlten, welche Ignoranz waltete - außer [Stefan] George nenne ich [Rudolf] Borchardt und Georg Simmel, außer Thomas Mann, Sigmund Freud und Rilke. Jedermann redete munter mit, aber keiner gab sich die Mühe, auch nur ein Konfirmanden-Wissen zu erwerben.

George begriff jenen Katholizismus, in dem er ja aufgewachsen war, nur als Brauchtum, als Angeborenheit, als eine Eigenschaft, die in der Sippe weitergegeben wird, und nun das Erstaunen darüber, daß diese Erbschaft ausblieb, Katholizismus nicht als Freiheit des Glaubenswagnisses, nicht als Entscheidung des Selbst, sondern als Äußerlichkeit."

"Gott weiß woher das kommt, daß ich vom Christentum, außer in seiner heidnischen Form, so gar nichts verstehe, ich bin doch, möchte man sagen, aus einer schon lange katholischen Familie ..." schreibt er.
 
Gerhard Nebel, in "Stefan George und die Entgötterung der Welt"
 
 
 *071010*

Samstag, 6. Februar 2010

Eine deutsche Eigenart

Es scheint keine Ausnahme, wenn man heute beobachtet, wie alles, was doch schon da war, versinkt, wenn sich so vieles, das sich neu gebärdet, heute, in Wahrheit Kindergebrabbele ist, lautstark angekündigt vom gerade Bekehrten, der einen nächsten Schritt erstmals entdeckt hat, und nun meint, er sei am Ziele.

Schon Rudolf Borchardt schreibt gegen 1910 in seinem Vorwort zu "Die großen Trobadors": "Alle hundert Jahr muß die Leidenschaft einer stolzen Poesie einem geknechteten Deutschland von neuem zeigen, daß es eine Vorzeit besitzt, an deren Gefhülserwerb mindestens aller echte Begriff des Vaterlandes sich erst anknüpft, und ihre wieder längst verratenen und verlachten Denkmäler erneuern."

Das Alte neu entdecken, wie hier die Trobadors der Provence, die die deutsche Literatur aus der Taufe hoben, wo das Romanische endete, wo das Germanische begann. Ja, hier begann die gesamte westeuropäische Literatur. Es bedeutet nicht aber pflichtschuldigst abgespulte Schuldandacht, sondern bedeutet, daß im Wiederaufleben der Gefühle der wirkliche Schatz der Tradition erst wieder neu zu leben beginnt, sich erst beleuchtet und entdeckt. Sodaß auf den Schultern der Vorfahren, auf den Leistungen der Literatur der Vergangenheit, weiter - und jetzt erst: neu! - gebaut werden kann.

Damit wir nicht entdecken müssen, daß wir trunken vom Enthusiasmus ... alte Hüte in unseren Händen drehen, deren Form voreinst bestenfalls belacht worden wäre.

Die Anfänge wieder hören ist wie das Wiederhören des Zieles, jener Melodie, die neu zu gebären Sinn und Aufgabe jedes Dichtens ist, das von der immer gleichen Kraft nur beseelt werden kann - weil es dieselbe Seele ist, deren jeweilige historische Gestalt wir doch nur sind, weil wir Historie sind als Tänzer, um eine Mitte herum, und kraftlos und bleich werden, je weiter wir von dieser Mitte uns entfernen. Wie leicht vergessen wir sie dann, die Quelle, und meinen, wir könnten auch ohne sie leben, ja seien uns selbst Quelle.

Wir scheinen heute also genau dort wieder zu stehen, wo wir schon so oft gewesen sind, und verachten das Alte, weil wir meinen, es sei überholt. Dabei sind wir, von den Greisen, überholt ...

Ist uns das Gestern zu schwer? Sind damit wir selbst uns zu schwer? Haben wir nicht nur einfach zu wenig Kraft, das Erbe anzunehmen?




*060210*

Donnerstag, 14. Januar 2010

Anstelle des Vaters

Oh ja, man fühlt die tiefe Wahrheit, wenn Borchardt über allem "Gutmenschentum" der späteren Jahrtausende den tiefsten inneren Kern der Alkestis freilegt wie ein Anatom das innerste Knochengerüst, worauf pochendes, siedendes Blut sichtbar wird, das aus einem selbst strömt:

Das Selbstopfer der Tochter für den Vater, in dem Iphigenie sich auf den Altar legt (was dann so weibisch, mit Sicherheit aber nicht im ursprünglichen Sinne, abgeschwächt wurde ...) Nicht "für" jemanden, sondern "anstelle", kostbarer Verzicht im Opfer gegen notwendiges Bedürfen, pars pro toto, aus dem Geschlecht, der Familie, der Sippe.

Selbst das Wesen des Lesbentums hellt sich unter diesem Licht.




*140110*

Die Bewahrung des Ethischen

"Der Mythus existiert nicht absolut, sondern nur durch die Vorzeichen seiner musischen Prägung. Er ist Kult oder er ist Poesie; unabhängig von beiden "ist" er gar nicht, ist er eine vom einen oder andern her konstruierte theoretische Abstraktion, und im Epos nackter Literaturstoff, religiös und dichterisch und darum auch ethisch indifferent bis zur höchsten Pracht und bis zur furchtbarsten Gefährlichkeit.

Was in den Chor zugelassen die nationale Menschheit vor die nationale Gottheit begleiten soll, muß seine Ehrenprobe bestanden haben. Die Heldensage ist zugleich der Ehrenkodex des althellenischen Edelmannes, an Rechtschaffenheit und Mißschaffenheit, Treue und Frevel gegenwendig entwickelt. Der Preis der Zucht ist keine späte humanisierende Sittigung einer archaischen Fürchterlichkeit, sondern selber ein archaisches, ein urältestes Stammeserbe, erhalten in der Adelsgesinnung, im überlieferten und angeborenen Adelscharakter, und in seinen beiden Bewahrungsformen, Kult und Chor. 

Die blöde Menge hat ihren dumpfen Aberglauben, ihre Fetische, Greuel und Götzen, und und, darüber hingebreitet, die sie unterhaltende und zersetzende Spielmannsmaere, mit dem rasenden Achill und dem schlauen Odysseus: keinen von beiden bringt die Muse von Althellas vor Zeus und die Ahnen."

Rudolf Borchardt, in "Pindarische Gedichte", über das liturgisch-kultische, mythische Wesen der Poesie, als Ort der Kontinuität wie Entwicklung der Kulturhöhe eines Volkes, und insofern ethische Qualität.




*140110*

Mittwoch, 13. Januar 2010

Göttlicher Abgrund im Gedanken

"Das Wort, das [Pindar] braucht, Sophia, Meisterschaft, bedeutet an sich nur eine höchste Wertstufe jeglicher Leistung, aber es kann sie im besonderen Sinne höchster geistiger Einsichten bedeuten: er widersetzt sich auch darin der beginnenden Spaltung und Spezialisierung. "Weise" heißen ihm zugleich, als die "Kompetenten", etwa die Regierenden jener altlandadligen Oligarchieen, in deren griechischer wie germanischer Form er das überlieferte Ideal der Verfassung gesehen hat, gegenüber der Tyrannis und der Herrschaft des "blöden Gewalthaufens", der Demokratien; und "weise", über alle vermittelnden Stufen hinweg, der denkende Wegweiser des Volkes, der, für viele Denkungewohnte, mit dem Göttergeschenke des Gedankens belehnte. 

Diesen "Gedanken" erschließt er in die Tiefe hinein als göttlichen Abgrund, in die Breite der Empirie und der Spekulation begrenzt er ihn nicht mit allgemeinen Stilgrenzen, vielmehr mit den besonderen des ihm vorschwebenden Gotterehrfürchtigen und bei höchster Spannung höchst demütigen Mannestumes. Unablassend steht er als heiliger Warner vor dieser Schranke, der dem Meister wie dem Ungemeisterten gleichmäßig gebannten, hinter der keine beliebig zu erweiternde Weisheit beginnt, sondern eitles Mehr-Wissenwollen. 

Aus seinem Tiefsinn, nicht aus seiner konventionellen Starrheit, stammt die energische Verachtung alles bloßen Wissens um des Wissens willen, aller nüchternen Spekulationen der Neugierde, hinter denen der Zweifel als Weltmacht auftaucht und die Wurzeln des Handelns zernagt."


(Rudolf Borchardt, in "Pindarische Gedichte")




*130110*

Dienstag, 12. Januar 2010

Der Tod der Liturgie

Pindar reißt das Recht auf gültige, auf heilsbringende Weltdeutung wieder an sich, gegen den Rationalismus der Zeit, gegen dessen neue, aber unfruchtbare Schöße der Sinngebung.

So begreift man ihn, folgt man Borchardt's Schrift über dessen Gedichte, liest sie in Borchardt's Übertragung. Pindar hat sich damit - restaurativ, aus großer Kraft, aber auch: das letzte Mal - gegen die Trennung der poetischen Kunst als formale Sprachkunst an sich gewehrt, die sich in der aus Asien rückgewanderten Homerischen Symbolik über die ursprüngliche, aus den tiefsten Wurzeln des Menschseins, das mit der Landschaft, dem Boden verwurzelt, aus diesem, diesen deutend, erquollen ist, das religiöses (und in der Lyrik Liturgie gewordenes) Empfinden und Weltdeuten war. In der konsumableren, zum Buch (das im Ältesten Griechischen als "Sammlung" bezeichnet war: Sammlung der Lieder, der Poesie) "Literatur" aber bereits zur Unterhaltung abgesunken war.

"Es ist der höchste Anspruch, mit dem die Poesie je aufgetreten ist, seit sie in Urzeiten mit aller Vorstufe der Kultur verschwistert in der gleichen Knospe gelegen haben mag: heilige Enzyklopädie zu sein, von ihrer Basis aus das Weltall zu setzen und zu deuten; erst Dante und Goethe haben wieder wie der Thebaner das Recht auf die dichterische Summe als höchste Instanz der Zeit an sich gezogen, und sie setzen bereits unbewußt das Pathos des musischen Primates voraus, das sich aus Pindars hallenden Stuhlbesteigungsworten ätherhaft durch die ganze Antike verbreite hatte."

Für Pindar waren die Götter- und Heldengeschichten unmittelbar, reale Erfahrung - nicht symbolische Geschichten geworden, die in sich bereits ein Gemengelage an Deutung und Interesse der Zeit vermischten. Seine Lyrik war noch einmal der Versuch, nein: das reale Aufflackern, das Auflodern, einer Poesie der Verbindung von Gott und Mensch.

Historisch erfaßbar, verstehbar weil nachvollziehbar - und verifizierbar, weil wiederholt, vorhersagbar: "Der Sieg der Demokratie ist hier wie in Mittelalter und Neuzeit das Ende der Poesie. Was übrig bleibt, hier wie dort, ist Literatur, die der neuen Gesellschaft das Bild ihrer Misere liefert, und Romantik, die das der alten rekonstruiert, bis die Geschichte den Volkskehricht in die Sklavenecken neuer Herren räumt."

Borchardt faßt damit tief in die Wurzeln einer Liturgie, einer Religiosität - die den Begriff des Sakraments nicht kennt, aber mehr als ahnt: um ihn bereits weiß. Und das erst im Sakrament aber in sich diesen Anspruch auf Poesie, auf den Kreuzungspunkt von Ewigkeit und Geschichte, wie eine Erfüllung alter Menschheitssehnsucht real macht, aus dem bloß Aktualistischen des Erlebens des Moments aus dem Menschen selbst, aus seiner Brüchigkeit wie Flüchtigkeit, ins Wirkliche, Dinghafte heraushebt.

Pindar selbst wehrt sich entsprechend noch vehementest gegen Tendenzen, die diese Sakralität zur Sakramentalität heben wollen, die diese Grenzen (die, natürlich, gar nicht mehr wirklich zu ziehen ist, die nur noch in Sehnsucht und unerfülltem Drang verharrt) überschreiten wollen. "Weiter nicht - dünkle nie dich, Gott zu werden." Denn längst belegen unteritalische Schriftfunde, was da ausgelöst war: "Seliger, ein Gott geworden aus Sterblichem"; oder: "Du ist nun Gott, der du Mensch gewesen", "Du bist schon Gott: suche den Rückeingang zu den Göttern".

Dasselbe übrigens, zu dem die Katholische Liturgie seit vierzig Jahren implizit tendiert, zu dem sie (außerhalb der Ränder der Dogmatik allerdings) alle Tore aufgerissen hat, indem sie den Menschen selbst als Vollzieher der Sakramente bedeutsam machte, ihn faktisch damit vergöttlichte, worauf sich im nächsten Schritt das Sakrale auflöste ...




*120110*

Wozu Literatur?

Rudolf Borchardt schreibt an einer Stelle:

"Das alte Helenenvolk, das unter dorischer Vorherrschaft, nach Überfärbung Makedoniens und des aeolischen Theassalien und Boeotien, Mittelgriechenland besiedelt, den Peloponnes erobert, Athen gebrochen und schließlich bis zu Leuktra und Mantinea kraftmäßig das Festland gewaltet hat, das dorische, ist durch Ionien in die Abwehrformen starren Schweigens gedrückt worden und hat keine Literatur, denn Literatur haben hieß sich aufgeben.
Sparta schweigt und handelt [...] während Athen für alles Griechische das Wort prägt und führt, auch, und das ist die Tragik der Geschichte, für den lippenstrengen Feind und endlichen Bezwinger."

Auch die Geschichte der französischen Troubadoure - der ersten Formen dokumentierter poetischer Kunst außerhalb des Religiösen - zeigt: Schriftlichkeit trat erst in dem Augenblick ein, wo die Tätigkeit erstarb, von ihrem wirklichen Lebensquell abgeschnitten war.

Wie im alten Griechenland, war auch in Frankreich Aufzeichnung (außerhalb des Kultes) nur eine Angelegenheit des Arbeitsbehelfes - der nebensächlich behandelt, ständig verändert, angepaßt, erweitert, gekürzt wurde, und unter Kollegen blieb - der Sänger und Spielleute. Erst als sich diese so alltäglich eingebundenen Formen totgelaufen hatten, kam es zur Entwicklung einer eigenen literarischen Kunst "für sich".

Nimmt man Homer's Ilias oder französische Literatur - bei beiden hat sich die resultierende, später "siegende" Literatur (in Frankreich: die der militärisch überlegenen Franken) aus zahllosen Überlagerungen, aus persönlichen, politischen oder karrieretechnischen Motiven, aus Reaktionen auf Publikumsgeschmack etc. mehr oder weniger angepaßt, eingeschmiegt. Aber die wirkliche Verbindung mit den Volkswurzeln - also das, was man im besten Sinnen nur als "Nationalliteratur" bezeichnen kann - war oft genug abgetrennt. Die Funktion der Literatur veränderte sich.

Sie wurde zu einem im Leben selbst funktionslosen Ersatz für ungelebtes Leben.




*120110*

Donnerstag, 7. Januar 2010

Der vorgeworfene Maßstab der Wahrheit

"Die Resultate," sagt Gauß einmal auf eine Frage eines Studenten hin: "Die Resultate habe ich längst. Ich weiß nur noch nicht, auf welchem Wege ich zu ihnen gelange." In diesem Sinne führt Rudolf Borchardt auch das Maß des Geschichtlichen an: als natürliche Tatsache, analog dem vollkommenen Gehör des Musikers, dem Form- und Wirklichkeitsgefühl des Dichters. Jedes "Faktum" liefert nur noch die Nagelprobe. Der Geschichtssinn aber wohnt einem Betrachter inne - oder nicht. Und er ist mehr wahr, in jedem Falle, ja nur er IST Geschichte, als jede "Gegenprobe der langsam schleppenden Beweise" es nachzurechnen vermag.

"Wie dem sinnlichen Auge kraft seiner optischen Ergänzungsfähigkeit ein intermittierender Umriß, aus einer gegebenen Entfernung gesehen, zum fließenden so völlig wird, daß erst die Kontrolle es darüber belehrt, wieviel faktisches Nichts sein Sehen in das geforderte Etwas erhebt [...] genauso ist die von der geschichtlichen Phantasie geforderte und vom geschichtlichen Sinn regierte Durchströmung des Nichts [...] der auf Überlieferung oder Nichtüberlieferung eingeschworenen Kritik keine Rechenschaft schuldig." Diese (die Überlieferung) könne ja bestenfalls Einzelheiten verbürgen, für ein Ganzes ist sie immer unter allen Umständen als ein zufällig-mechanisches Zerstörungsresultat geistig wertlos, schließt nie ganz und schließt nichts aus.

Erst der Mensch adelt das Datum zur Wahrheit, freilich nicht ohne durchlaufene Selbstobjektivierung, ohne Distanz zu sich, und ohne Liebe zum Beschriebenen, in der er "es" will. Aus einem solcherart geläuterten Vorwurf der Sicht heraus ergibt sich erst ein wahres Geschichtsbild. Selbst Tagebuchnotizen, Briefe, Dokumente ... sie alle sind ja bereits Annahme (aus jener Zeit). "Jede Tatsache," sagt Goethe einmal, "ist im Grunde schon Theorie." Der Geschichte müsse man sich ganzheitlich zuwenden.

Geschichte(n) auf solche "Tatsachen" reduzieren zu wollen, ist ein Mißgriff, ist mißverstandene Wissenschaftlichkeit. Ist der Verzicht auf Gehalt, und streift die Sinnlosigkeit, fügt der Zerstörung (die jede Überlieferung ist) weitere hinzu.

Kein Geringerer als Theodor Mommsen sagt dazu einmal, daß die Geschichte von den römischen Kaisern nicht mehr wisse (trotz der vielen Zeugnisse!) als von den (völlig im "mythischen Dunkel" gebliebenen) römischen Königen. Es stehe, sagt Mommsen einmal, dem Dichter, nicht dem Historiker, zu, das Antlitz des Arminius zu erfinden.

Deshalb ist das wirkliche Kriterium zur Beurteilung der 'Ilias' kein historischer "Beleg", sondern die tief menschliche Wahrheit und Ganzheit der Figuren.

Aber auch die "(Arbeits-)Hypothese", zeigt Borchardt scharfsinnig, ist kein Zugang. Denn ihr fehlt das Entscheidende: die integrierende Sehkraft. Zumal die "nüchterne Objektivität", die im asketischen Verzicht auf die Macht der geistigen Wertung (Borchardt meint: aus Scheu vor ernster Arbeit) besteht, wähnt sich sogar des Schlüssels jeden Geschichtsverständnisses enthoben: der Ehrfurcht.

Das einzige haltbare Kriterium für die Zulässigkeit (sic! nur von einer solchen kann man überhaupt sprechen!) der geschichtlichen Betrachtung (und eine solche ist ... jedes Lesen eines literarischen Textes, der hier völlig ununterscheidbar von "Historie" ist, die Namensgleichheit ist keine zufällige) ist weder eine "richtige" noch eine "falsche" Richtigkeit. Ihre Richtigkeit liegt vielmehr "in sich selbst", als Evidenz eines sich selber gehörenden und in allen seinen Organen auf seinen eigenen absoluten Gehalt wie auf ein schlagendes Herz bezogenen Körpers, der dadurch, daß er mit sich selber im Einklange steht, sich der ungeheuren Forderung des höchsten Einklanges mit dem Geheimnis des Geschehens bis an die Grenzen des Menschen nähert.

Sie ist auch sofort erkennbar: als "Überzeugungskraft". Und hält dem fragmentarischen kleinkrämernden Krittel als besseres inneres Wissen die Sicherheit der Beglückung entgegen.

Und dieser innerste Sinn, der erst im "überraschend" konstatierten Vollzug erfahrbar wird, ist Charakter - keine Funktion, die erlernbar oder erzielbar wäre.

"Färbt dieser tiefliegende männliche Charakter die Bilder der absolut sehenden Geschichte als Schöpfungen einer Kunst so vorzugsweise ernst und unterscheidet sie sich durch ebenso tiefe Schattierungen der Lichter wie durch Verklärungen der 'Verlust von den selbstgefälligen Bespiegelungen auch des kritischen Zeitgeistes, so ist der Raum der Geschichte eben auch nicht der menschliche Geist an sich, - das ist das Reich der Philosophie -, sondern der menschliche Geist in seinem Bezuge auf die absolute Tragikzität des Lebens, in der Begeisterung seines Freiheitskampfes gegen die Notwendigkeit.

(Rudolf Borchardt in "Epilegomena zu Homeros und Homer")


Erst in dieser Haltung kann gefühlt werden, was gefühlt worden ist, kann gebangt werden, wo Bängnis in einer, in der Geschichte herrschte.

Und erst dort vermag Kunst, vermag jede Soteriologie, als Verbindung der Urkraft mit dem menschlichen Herz, ihre Aufgabe zu erfüllen - um nichts als sie selbst zu sein.




*070110*

Dienstag, 5. Januar 2010

Das kann nur ein Dichter

Überzeugend führt Rudolf Borchardt - von der Figurengenese über die historisch-philologische Analyse der Ilias und der Odyssee selbst - in "Epilegomena zu Homeros und Homer" den Erweis, daß die beiden Werke aus einer einzigen gestalterischen Hand stammen müssen. Nicht nur tut Borchardt dies, indem er die Deutungs- und Rezeptionsgeschichte seit dem 19. Jahrhundert in ihren Methoden wie unfruchtbaren Sinnlosigkeiten, die dieses große Werk menschlicher Dichtkunst aus der menschlich-sinnlichen Rezeption in eine widerliche, bildungs-kleinbürgerliche Erbsenzählerei verschoben hat, in der Luft zerreißt und ihre Irrtümer aufweist, sondern er tut dies mit der eindeutigsten Schlußziehung, die denkbar ist, und von einer schlichten empirischen Tatsache ausgeht: dergemäß die Ilias ein erfahrbar geschlossenes Dichtwerk ist. Und weil es ein Dichtwerk ist, muß es von einem Dichter sein. Dies, so Borchardt, sei kein Werturteil, sondern eine Identitätsaussage.

Wer das beurteilen könne? Ganz sicher kein Philologe oder Sprachwissenschaftler oder Historiker. Das könne, sagt Borchardt, nur ein Dichter selbst beurteilen. Zumal der Unterschied zwischen einem guten, großen Dichter und einem schlechten, kleinen Dichter, unendlich viele Male kleiner ist, als der unüberwindliche und prinzipielle Unterschied zwischen einem Nicht-Dichter und dem allerschlechtesten Dichter.

Zwar sei dieser Standpunkt, der der inneren Gewißheit auch eines Goethes entspringt, nicht die bereits belegbare Wahrheitsthese, aber das Gegenteil eines Unsinns - und die Erklärung der Ilias und der Odyssee als Endprodukt historischer (kollektiver) Überarbeitung und Tradierung, oder als Assemblierung einzelner Lieder, sei nachweisbar ein solcher - ist der Gegen-Unsinn. Und die Wahrheit liegt auch nicht in der Mitte. Das tut sie nie, meint Borchardt. "In der Mitte liegt das Problem, nicht die Wahrheit."

Speziell die Odyssee "war [aus den Stuben der Buchgelehrten heraus, Anm.] ein Bergwerk für außerdichterische Sachbezüge, für Mythus, Religion, Lokal- und Völkergeschichte - Dokument für alles Erdenkliche, was sie selber nicht war - Quelle für tausenderlei. Der Quellenwert war vorausgesetzt, nicht erforscht und abgewogen. Die Poesie wurde ungefragt als Mythographie oder geradezu als versifizierter Mythus angesprochen."

Der Mythos aber, so Borchardt, "liegt hinter ihrer nackten literarischen Willkür so weit in schattenhaften Fernen wie der echte Artuskreis hinter Chaucer. Geschichtliche Raritäten sind in ihr dort angebracht, wo es lokaler Empfänglichkeit schmeichelte, sie durch den fremden Spielmann hervorgehoben zu hören. Denn auch das jüngere Epos ist immer noch, was das älteste und alte und das mittlere gewesen ist, Spielmannskunst, nicht Schwarte, Zettelkasten und Scharteke zum Blättern und Nachschlagen."




*050110*

Samstag, 26. Dezember 2009

Erkennung verkannter Genies

Rudolf Borchardt schreibt in seinem Essay "Über das Recht des Dichters verkannt zu bleiben", daß gemäß den Worten Kleists den Genies "die Wahrheit ist, daß mir nicht zu helfen war." Das erreichen zu wollen, sei ein Wahn, und er "hasse und verachte den mechanistischen Optimismus der Bourgeoisie, die glaubt, die Tragikzität des dichterischen Phänomens aus der Welt schaffen zu können, als ein Residuum barbarischer Zeiten, wie die Pocken, durch eine Vakzination von Krethi und Plethi mit Lymphe der Vorurteilslosigkeit."

"Die Vorstellung, daß mit den nötigen Laternen von berechneter Normalkerzenstärke vorhandener Genius mit mathematischer Sicherheit auffindbar sein müsse, beruht auf dem Irrtum, daß das Genie, wie das verlaufene Kind im Märchen, zart im Walde sitze, und sich wolle finden lassen. Es ist aber ein scheues und schreckhaftes und oft ein schreckliches Wild, und es frißt nicht aus der Hand."

"Ich lache und schweige zu den Kleist-Bünden und Kleist-Preisen, zu den verrückt gewordenen Kleinbürgern und emanzipierten Spießern, die aus lauter Angst, vor dem Urteil der Nachwelt zu denjenigen zu gehören, die, damals, auf der falschen Seite gelegen haben, hinter dem Dümmsten her sind, was sie foppt, hinter dem Frechsten, was sie ausnützt, und die schließlich diejenigen sind, die, um nicht die Dupes ihrer Zeit geblieben zu sein, den Weltruhm [des X und Y] zur allgemeinen Schmach, fabrizieren."




*261209*

Donnerstag, 24. Dezember 2009

Ein neuer Geisteswind

Rudolf Borchardt über Entwicklungen der deutschen Geisteslandschaft zu Anfang des 20. Jhds., in der es - unvorhersehbar, und unerwartet - zur Abwechselung bislang geltender, verzweifelt machender Autoritätskriterien, zu einem neuen, lebendigen Anschluß samt folgender Blüte an den Strom der Geisteskultur des Abendlandes, kam:

"Es fuhr eine Luft durch das Land, ein unsichtbarer Geist räumte die Gasse und drängte links und rechts vom offenen Raume ab. Von einem zum anderen Tage hatten die Kräfte gewechselt, hatte die kokette Vulgarität und die rüstige Spekulation von gestern keine Aussicht mehr, sich zur Geltung zu bringen, sahen die Werte der Nachmacherei, der Buch- und Theatererfolgs-Fabriken sich verlassen, schieden aus den Massen, die noch eben der "Versunkenen Glocke" applaudiert oder "Kling, Klang, Gloribusch" und "Dagloni gleia glühlala" gefaselt hatten, die neuen Gemeinschaften sich ab und ordneten sich als gesetzgebende Minderheiten den wertlos gewordenen Plebisziten der Riesenauflagen und Serienspielereien über.

Hinter diesem Kräftetausch stand der geschichtliche Generationenwechsel und hinter diesem der Übergang der geistigen Zeitenlast auf nicht gradverschieden, sondern artverschiedene durchaus neue Träger. Die Träger der Literatur seit 1880 waren als Autoren und Leser fast durchweg selbst improvisierte Glückssoldaten und müßige Zuläufer eines hohlen Federgewerbes gewesen, das immer noch aus dem bankrotten europäischen Positivismus und den politischen Schlagworten der Julirevolution lebte, sich aus der naturwissenschaftlichen Aufklärungsliteratur der Zeit und den englischen Rationalisten eine spießbürgerliche Halbbildung zusammengestoppelt hatte, und nicht sowohl durch seinen Tendenzcharakter als durch seinen völligen Mangel an Gehalt und Urteile außerhalb der Nation stand, den Massen Sensationen gewährte, die Unzufriedenen, Schadenfrohen und Impotenten anzog, die aufwachsende Jugend anwiderte. Diese Literatur zerstob vor dem Drucke [...] des Geistes, der [...] den Geist der Nation und der Gegenwart wieder an sich zu orientieren begann."




*241209*

Dienstag, 22. Dezember 2009

Hauptsache: Nebensächlichkeiten

Man würde sehr irren, wenn man Leuten wie Rudolf Borchardt oder Paul Ernst, beide in höchstem Maß "Theoretiker" ihres Faches, unterschieben würde, sie hätten "Konzeptliteratur" gemacht.

Nicht nur ist das Ideal bei beiden gerade im Gegenteil zu suchen, in der völligen Unmittelbarkeit, sondern es dient die umfassende theoretische Beschäftigung mit der Literatur  und der Kunst ausschließlich dem, was im Klappentext zu Borchardt's Briefe I so klein und lapidar steht: zur theoretischen Absicherung ihres Werkes. Das erst so verantwortbar und damit Werk wird.

Dieses ist zuerst da, dieser Schaffensimpuls, bei beiden, unbezweifelbar, in all seiner geheimnisvollen Kraft aus Rhythmus, Sinn, Klang, Laut ... Es geht aber um die Freiwerdung dazu, und dazu ist gerade in bewegten Zeiten ein enormes Verarbeiten von Ideen und Argumenten notwendig. Umso mehr, als beide äußerst intelligent sind. Aber eben beide - Fremde, und in höchstem Maß einsam. Ob ihres Talents, ob ihres Erkenntnisstandes.

So holen sie sich aus ihrer Theorie, die zum simplen und im Grunde unbedeutenden Nebenprodukt wird, auch wenn sie rein mengenmäßig den Großteil ihres hinterlassenen Schrifttums ausmacht.

Dasselbe schreibt sinngemäß auch Doderer in seinen "Tangenten", wenn er die Zeit seines Offizierstums 1938-1945 unter dieses Motto stellt, seine Beschränktheit aufs Tagebuch, seine Unfähigkeit zum wirklichen Werk "in solcher Zeit", in der er täglich alle Kraft braucht, um sich überhaupt freizustrampeln, so begründet.

Man darf sich durchaus fragen: was wäre aus allen diesen ... heute geworden.




*221209* 

Montag, 21. Dezember 2009

Nicht altern - nur sterben

Rudolf Borchardt über Hugo von Hofmannsthal:

"Er konnte nicht altern, nur sterben. Er wußte es von seinen Knabentagen an: er hat als sittlicher Mensch um das Recht des Alterns gerungen, aber das Schicksal, dem er die Weigerung des Lebenskerns im Leben, des wandelnden Erlebnisses, mit so erschütternder Klage abzudringen begehrte, gab  ihm zu seiner Zeit, was es seinen Lieblingen nur scheinbar vorenthält: alle Freuden, alle Leiden - für Leben Unsterblichkeit, für Tod das einzige Erlebnis, das ihn ins Herz traf, den Untergang Österreichs.

[Denn] Seit er das Vaterland verloren hatte, war etwas von ihm 'mit der Welt nicht mehr fest verbunden'" [...] Wenn der Roman geschrieben worden wäre, mit dem er  sich trug [...] so hätte er hier vielleicht, von diesem festen Lebenspunkte aus, durch den seine Schlagader lief, das zentrale Weltgericht erbauen können, das sich immer auf Prophetenfittichen über weltgeschichtlichen Ruinen erhebt, um der triumphierenden Entartung den Spiegel der Vorzeit ins Gesicht zu halten. 

Nun blieb seine alte Formel, Tod aus Leben, Leben aus Tod, beides in beidem, Lebenlosigkeit, Todlosigkeit, Unsterblichkeit, eine leichte nahrungslose Luft aus dem dünnen Glanze der Sterne gemischt [...]"




*211209*

Freitag, 18. Dezember 2009

Künder seiner selbst

Rudolf Borchardt in einem Versuch über "Hofmannsthals Wirkung", als Beschreibung des Wesens des Dichters (den Borchardt im übrigen vom Künstler absetzt):

"[...] Ob er sich immer gleich blieb oder nicht, ob er sich gelegentlich verschwendete oder versäumte, ob er sich übernahm oder ins Stocken geriet - er konnte darum nichts Dümmeres werden oder machen, als er selber war, nichts Plumperes, nichts Gewöhnlicheres und Schlechteres, nicht der Zeit und ihre Literatur ähnlicheres, als er selber war; er konnte auf seinen leblosesten Stand sinken, aber seinen eigenen [...] Diese vollkommene Sicherheit gab er, und er hat sie nie enttäuscht.

Er könnte manche leichte Seite nur geschrieben haben, um zu zeigen, welcher Sphärenabstand zwischen den achtlosen Nachlässigkeiten der schwebenden Begnadung und den geschraubten Veitstänzen der trockenen Schleicher ist, die ihm am Schreitisch nachtappen, Schweiß auf der Stirne und Öldunst um die Lampe.

Solange er sich selber mitteilte, und wie anders konnte er als sich selber mitteilen? wer erhielt nicht, was er von nirgend anders hätte erhalten können? Man zeige mir eine Seite - was, einen Abschnitt - von ihm, in dem nicht ein Halbsatz, ein Bild, eine Ahnung, eine Bewegung so unwiderleglich auf ihn, den Einzigen wiese, [...] Der Schöpfer teilt allem, was er trifft, von seinem Glanze mit; daß das eine mehr von ihm hält und wiederleuchtet, das andere weniger, teilt er mit dem Göttlichen, das er auf Erden vertritt."




*181209*

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Volkstheater, nicht Proletenstadel

Eine der Perversitäten, an die wir uns längst gewöhnt zu haben scheinen, ist die Reklamation der Linken, daß das Theater im Ursprünglichsten "Ihnen" gehöre - also eine Veranstaltung der Proletarier wäre. Nichts aber wäre (und das ist penibel historisch belegbar) weiter verfehlt!

Das Theater als lebendige Volksäußerung ist zuallererst eine Sache der religiösen Äußerung, als Fokus und Herz der innersten Bewegung des Menschseins. Und von dort weg hat es sich auch - in der Ausbildung stets vorhandener Zweige, wie dem "Komiker" als Diabolos des Sakralen - profaniert, so problematisch diese Trennung in hier profan, dort sakral, ist.

Noch heute hat jede kirchenrechtliche Verhandlung mehr vom echten Theater als die Linken je zu Gesicht bekamen, geschweige denn schufen.  Wo es sogar den Kasperl, den Mephistopheles, den Hanswurst (und wie er sich sonstwed ausarbeitete) noch gibt: den advocatus diabolo - den die Linken ganz schnell in ihren KZs verschwinden haben lassen. Das unbändigbare Instrument der Selbsthinterfragung, ohne Tabu und Grenze.

Das "politische" Theater ist eine impotente Angelegenheit verkopfter Aufklärung, und da darf man schon mal Schiller am nicht vorhandenen Bart zupfen: denn ab der Spätaufklärung und Romantik begann dieser Zirkus, das Theater als Bildungs- und Volksverbildungsanstalt zu mißbrauchen. Nicht zufällig kam es zu einem regelrechten Einbruch der Dichtkunst, vor allem in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, von welchem Tiefschlag sie sich erst mühsam nach dem ersten Weltkrieg wieder aufrappelte, ob erholt ist eine andere Frage. Aber spätestens in dieser Zeit begann endgültig die völlige Solitärisierung der Dichtkunst, die ihre Höhe nur noch in einigen Ausnahmen halbwegs hielt, gegenüber einer zum Strom anschwellenden, immer breiteren Masse an Nieten und Bedarfsschriftstellern, einer der vielen abscheulichen Mißgeburten des Technizismus ...

Am lebendigsten blieb die Dichtung als lebendige Volkskunst dort, wo sie auch zuletzt lebendig war: im geistlichen Spiel (Jesuiten- und Klostertheater des Barock!), in den Passionsspielen, in den Pfarrtheatergruppen (ja, tatsächlich ...) Und in den ach so harmlos wirkenden, aber wie populären Hausbüchlein und Volkskalendern, inmitten eines Umfelds von Frömmigkeit und heiterer Beschaulichkeit. Dort findet sich noch, mit welch bescheidenem aber wie echtem Anspruch, die blutwarme Erzählkunst tradiert.

Und die Proletarierkunst? Ja guter Gott - schaue man sich doch Hauptmann an! Will jemand allen Ernstes behaupten, daß DAS, diese konstruierte Belehrungsveranstaltung, blutwarme Volkskunst war? Oder das Thesentheater, bis hin zu Brecht und weiter zu Sein, Peymann und Konsorten? DAS soll Volkskunst gewesen sein??? Bestenfalls, wie es sich hirnverödete Linke vorgeträumt haben, die nicht gemerkt haben, daß neben ihnen im Publikum nur dieselben strukturkonservativen, verbeamteten Pseudointellektuellen saßen wie sie selber waren. Und die - welch ein Frevel! - Volkstümlichkeit mit ihrer eigenen geilen Primitivität vertauschten.

Da schaue man doch lieber hin, wo die Pauren und Arbeiter ihre befreienden Vergnügungen fanden, ab den 1920er Jahren ... Kein Geringerer als Rudolf Borchardt, von klassischer Bildung und Tradition gesättigt bis unter den letzten Haarschopf, weist darauf hin, was dort geschah: sie wanderten ab in ... Kino und Varieté. Wo man sie aber leider untergehen läßt.

Und die letzten Zuckungen des Volkstheaters, manche Komiker, manche Kabarettisten, die von den Linken mit gerümpfter Nase und verächtlichem Ausspucken bedacht werden, solange sie nicht auch da und dort linke Thesen hervorwürgen, werden nicht in Österreich gesichtet ... wo sich noch seichteste, langweilig-konformistische Komödie dem sogenannten Theater überlegen fühlen darf. Jeder Musikantenstadel hat mehr von diesem ursprünglichen, echten Volkstheater, als das Volksstimmfest um drei Uhr früh je hatte. Und jede Hansi Hinterseer-Bergwanderung mehr von Poesie, als die Herren Peymann und Stein je zu Gesicht (nicht: zu Gehirnmatsch) bekamen. Die jedem Sepp Forcher dieser Zeit die Füße küssen müßten.

Anstatt in linken Gazetten ekelige Wichs-Ejakulate vorgeblicher Altersweisheit - "Na wir waren ja noch ...!" - nie fertig pubertierender Beamter von sich zu spotten. Jawohl, Herr Peymann, das Theater ist selber schuld, aus der Mitte in den Randbereich geschoben worden zu sein. Und Sie sind gleich voran mit Schuld. Denn VOR Ihnen gab es noch etwas zu zerstören und zu zertrümmern, NACH Ihnen (und all ihren Kollegen der Nachkriegszeit, auch Zadek muß man da nennen, auch wenn sein Weg nicht so dezidiert, sondern unbewußt, deshalb quasi zufällig und immanent politisch war) nicht mehr.

Und um Ihre Ausführungen zu einem hoffnungsvollen Ende zu bringen: wunschgemäß stelle ich Ihr Bild in der Graphikmaske auf "rechts" (einzuordnen) - vielleicht nützt es noch was, ehe Gevatter Hein an der Tür klopft.




*161209*

Mehr zu geben als sein Leben

Inschrift auf der Grabsäule eines jungen, kriegsfreiwilligen Kürassiers von 1914/18:

Wanderer, bleibe stehen und lies:
Noch ein junger Mensch war dies,
Sorglos, liebenswürdig, gut;
Auch für dich hat er sein Blut
Gegeben, da der Feind ihn traf - 
Schon zu ernst und viel zu brav,
Als daß je in sein Verschwinden
Sich die Seinen könnten findenl
Noch zu jung, um mehr zu geben
Seinem Lande, als sein Leben.
Wanderer geh; und denk im Wandern
Dieses hier, und all der andern.





*161209*

Montag, 14. Dezember 2009

Frei, unmittelbar, und ohne Pose

Rudolf Borchardt in "Max Reinhardt und das Theater" (1920) in einem Aufruf an die Dichter. In dem er von ihnen verlangt, wieder zu ihrem Eigentlichen zu finden, das Theater endlich aus der Ecke der Bildungsanstalt, in die es durch seine Kretinierung durch Klopstock und Schiller bzw. den Klassizismus geraten ist, herauszuholen:

"[Max Reinhardt] erlöse sich und uns [Dichter] von den letzten Fesseln der Bildungsbühne und des höfischen Theaters, und spiele Tasso und Iphigenie in den Kammerspielen wohin sie gehören. [...]  

Wir verlangen von [Euch, mit mir Dichtern] das schwerste Opfer das dem Dichter zugemutet werden kann, - nie schwerer zu opfern als in diesen unsern Zeiten [wo alles um seinen Platz ringt, weil alles ihn verloren hat, vor allem die Dichtung, die Kunst; Anm.]: das Opfer seiner selbst [als wohlbedachte Figur im Weltdrama, Anm.] 

[Aber Vorsicht vor der nächsten Pose:] Ihr meint, ihr brauchtet nur zu schwindeln und Euch [als volksnah, als posenfrei, Anm.] zu verstellen, und alles sei getan? Bedenkt was aus dem Drama geworden ist, seit man es Euch bequem gemacht hat."




*141209*

Donnerstag, 15. Oktober 2009

Verdienstlicher als früher


Von frühester Kindheit an, war in mir eine unbändige Leidenschaft, das in mir Zerbrochene durch Rekonstruktion wiederherzustellen. Dort lag das Glück. Vielleicht war es Zufall, im Sinne einer von mir irrtümlichen Herstellung von Zusammenhängen, vielleicht aber auch nicht - daß die erste Erinnerung an dieses Daseinsgefühl mit dem Weggang, nein, dem Verlust des Vaters in eins fiel. Sodaß die Mutter, die die Kinder noch dazu existentiell an sich band, unbedingt, ja in Hörigkeit, bewußt sich schützend unter Schweigen, mit der Zerstörung identifiziert werden mußte. Man war also an die Kräfte der Zerstörung angewiesen ...

Selbst der rein physiologische Vererbungsprozeß selbst ist dafür Metapher, zeigt diese Tatsache: wenn sich die Doppelhelix der DNS spaltet, zweiteilt, gibt es immer Informationsverlust durch unvollkommene Teilung. Und daraus entstehen, im Prinzip, alle Krankheiten und Defekte.

Ich weiß mich mit diesem Lebensgefühl also nicht alleine, es ist das logische Lebensgefühl einer Kultur im Niedergang. Denn genau daran geht ja alles zugrunde, was sich erst aufbaut: weil es im Weitergeben der Kraft defizitär wird. Entsprechend werden in Zeiten des Niedergangs die Vorfahren verdammt, während im Aufbau die Tradition geehrt wird. (Auch hier also: völlig konträr zur Vorstellung des Fortschritts, wie ihn der Marxismus, die Aufklärung propagiert.)

Aber selbst, wenn ich Rudolf Borchardt lese, der genau dies einmal historisch identifiziert und sich zur lebendigen Allegorie weiß, wenn er schreibt: »... weil die Geschichte meines Lebens die Geschichte des Zusammenbruches der deutschen Überlieferung gewesen ist und des Versuchs eines Einzelnen, diese aus den Trümmern zu ergreifen und in sich herzustellen.« So liegt in dieser Verortung, in dieser Synchronizität der äußeren Vorgänge mit innerem Erleben, als auch von Früheren erlebt zwar Trost, aber gleichzeitig weiß ich, daß ich dieses Problem ganz neu und eigen lösen muß. Denn es stellt sich uns Nachgeborenen auf eine ganz andere Weise, als ihm. Die Rückschau auf Borchardt, als Beispiel, kann also nicht Sehnsucht nach dem Früheren sein, sondern Ehrfurcht davor, wie diese jene dieselben Erfahrungen und Lehren gelöst haben. Um im Heute mich zu besitzen, und damit zu leben, mein Leben zu besitzen, ohne von dumpfem Anklang getrieben zu sein.

Jede Generation hat das Maß des Schönen, das Richtmaß des Wahren und Guten, jeweils in unterschiedlichem Maß zurück liegen. Aber das ist das Wesen der Kindheit und Jugend, und es ist Bedingung unseres Daseins. Genauso falsch wie zu fordern, daß dieser Informationsverlust, dieser Traditionsbruch, endlich aufhöre, weil es hieße, die Erbschuld wegleugnen zu wollen, und das hieße Jesus Christus, Gott selbst, in seinem Heilswerk zum Dummkopf zu erklären, genauso falsch wäre es, zu resignieren.

Jede Generation hat ihr Ziel auch in etwa gleich großem Abstand zu sich - in dieser relativen Vergangenheit, ihm vorausgehend, und in der Kindheit, denn Leben heißt: jenes Kind erinnern, das alles in sich trug, was wir sein können und damit sollen. Ohne daß absoluter Gehalt sich gleichfalls relativiere. Aber unser Ziel hienieden ist eben nicht ein gewisser Kultur- und Zivilisationsstand, sondern ist qualitativer Natur, historisch bedingt aber die Gestalt.

Oder, wie Theresia von Avila es oft und oft schreibt: man könne sich freuen, wenn die Schwierigkeiten groß seien, weil dann die Möglichkeit zum Verdienst es gleichfalls sei. Und damit der mögliche Lohn in der Ewigkeit.




*151009*

Dienstag, 15. September 2009

Geheimnis der Poesie

In seiner Rede "Das Geheimnis der Poesie" führt Rudolf Borchardt aus, daß es in seinen Augen zweifelhaft sei, ob Dichtung überhaupt als Kunst betrachtet werden könne. In jedem Fall entziehe sich Poesie jeder Methode oder Machbarkeit. Denn im Gegensatz zu allen anderen Künsten gäbe es nichts, das hierbei zu erlernen sei: man könnte nicht technisch herbeiführen, und etwas zu "beschreiben" sei nicht, etwas "darzustellen". Dichtung, Poesie "sage" ja nichts, sondern rühre an eine Begrifflichkeit, die allen Dingen offenbar vorausgeht!

Denn es sei ein Mißverständnis dem Dichter zu unterstellen, er würde etwas "erfinden". Vielmehr sei dieser einer Gesamtheit der Dinge verpflichtet, damit schlicht: gehorsam, und gebe wieder, was er selbst sehe, suche dazu die Worte, die diesem Wesen der Dinge anhafte. Überall anders habe Dichtung ja Klitter-, Bruchstellen, sei nicht mehr sie selbst. Es gehe um "die Sprache vor aller Sprache."

Dichtung habe also kein "Verfahren", und ihre Ausübung ist eine Begabung, die bestimmten Menschen anhafte wie die Biene Waben baue. "Er schreibt nicht, er wird geschrieben. Er will nicht, sondern er wird gewollt." Nicht er wähle, sonder er werde erwählt. "Er ist kein Künstler, sondern vollstreckender Schöpfer einer Schöpfungswelt."

Deshalb ist das Wesen des Dichtens, der Poesie, zutiefst religiös. Aber, sagt Borchardt: "Ein Geheimnis ist ein Geheimnis, und kein Rätsel."




*150909*

Freitag, 17. Juli 2009

Das Hohe düpieren

Borchardt - oder war es jemand anders? - schreibt einmal, daß es für ihn nahezu unerträglich sei, um seiner Existenz willen Geldverdienstmöglichkeiten in "berufsnahen" (Dichter, Schriftsteller) Berufen nachzugehen. Vor allem Gutmeinende würden ihm solche Möglichkeiten zu schaffen versuchen - als Redakteur, Journalist etc. - weil sie völlig mißverstünden, was das Wesentliche der künstlerischen Berufung sei: Nicht das Handwerk, sondern die Art, mit der Welt umzugehen.

Borchardt war insofern ... Gärtner! Und als solcher verwendbar, "nützlich". Er verweigerte sich sogar dem üblichen Schriftstellerbetrieb, dieser "ständigen Offerte", mit der er seine Kollegen durchs Leben laufen sah.

Es ist von manchem bekannt - auch von K - daß sie lieber am Fließband tätig waren, in oft primitivsten Tätigkeiten, ganz am Ende der sozialen Skala, als ihr Wesentliches täglich aufs Neue zu düpieren: In einem Beruf, der die Aktivierung entfalteter Persönlichkeitsebenen verlangte.

"Im Letzten," und das ist von Borchardt, "weiß jeder Dichter nur ganz alleine von seiner Berufung." Es gäbe keinen Weg aus dieser Vereinsamung.

[K meinte - unter Bezug auf eine hier erfolgte frühere Eintragung sei es ergänzend hinzugefügt - daß das Zerbrechen gerade in "berufungsnahen Berufsfeldern" der Anlaß für die Neider und Kleinbürger war, ihm die Befähigung wie Berufung zum Künstlertum überhaupt abzusprechen. Und als einziges Erklärungsmodell persönliche Unzuverlässigkeiten anzuwenden - wie zu kolportieren.]




*170709*