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Freitag, 9. Juni 2017

Vielleicht gibt doch etwas Halt?

Und man suchte neuen Halt, man suchte auch neue Freude, Liebe, suchte was hält im Leben. In einer Welt, in der in den 1970ern alles auseinanderfiel. Ach, was wurde damals diskutiert, was wurde versucht zu klären. Man sucht nach neuen Haltepunkten. Wären das nicht - Freunde?









*140517*

Samstag, 20. August 2016

Warum kann man sie nicht sie selbst sein lassen?

Man kann den Entwicklungen in der Türkei durchaus Sympathie entgegenbringen. Ja, der VdZ neigt tatsächlich zur Meinung, daß Erdogan die Türken "zu sich selbst" zurückbringt. Umso klarer aber wird, daß die Türkei eben nicht agendländischer Natur ist. Denn alles, was "europäisch" identifiziert wird, wird selbst von maßgeblichen Stimmen in der Türkei als gegen das Wesen der Türken selbst klassifiziert. Warum kann man es nicht dabei belassen? Bei einer Freundschaft - gerade unter prinzipiell so Verschiedenen? 

Es ist doch ungeheurer, ja abstoßender Chauvinismus zu meinen, die Türken sollten europäisiert werden! Denn was die westliche Lebensweise auf jeden Fall bringt ist eine Entwurzelung, ja Entselbstung, Entstalgung, Hineinwurf in rein technische, die Fülle des Lebens unerträglich reduzierende, lächerlich die Ganzheit der Welt simplifizierende Abläufe, die angeblich gelungenes Leben sein sollen. Deren Konsequenzen den Europäern gerade in den letzten Jahren so sichtbar vor Augen geführt wurde und wird. Wie verwirrt muß man sein, um einer Gesellschaft "Liberalität" - und das heißt in jedem Fall und untrennbar: Gesichtslosigkeit, Schwäche des Eigenen - zu wünschen. Weil man glaubt, daß das Bedienen eines iPhone und die Führung eines Twitterkontos Merkmal von Kultur sei?

Feindschaft, schreibt Carl Schmitt einmal, gibt es nur unter Brüdern. Nur Brüder kämpfen um dasselbe, nur Brüder erkennen im anderen den Konkurrenten, weil er ihnen ähnlich ist. Das Fremde, das mit mir nicht Vereinbare, das worin ich nicht bin, kann gar kein Feind sein. Es ist nur nicht "ich". Es ist unerkennbar. Die Menschheitsgeschichte beginnt beim Brudermord Kains an Abel!









*020716*

Donnerstag, 29. August 2013

Rückfall in den Krieg (2)

 Teil 2) Beziehungen müssen gesetzt werden, 
sie entstehen nicht zufällig





Die Beziehung wird zur kurzsichtigen Kalkulation. Denn der Nicht-Höfliche beweist, daß ihm nicht der Geist Anhaltepunkt ist, sondern sein faktischer So-Zustand. Aber alles, was wird, wird nur aus Geist. Verläßlichkeit kann sich damit gar nicht mehr einstellen. 

Während das Halten in Unbestimmtheit, das dies in Wahrheit ist, und das ist ja auch die Grundhaltung, sichtbarstes Zeichen der Mutlosigkeit zur freien menschlichen Tat, die dahinter steht, als Haltung der Zeit, die Gestaltungsmöglichkeit von Beziehungen und Kommunikation überhaupt auflöst. Jeder Akt könnte dann alles sein, und nichts. Und man selbst bleibt immer posthoc uminterpretierbar. Vermeintlich, nachdem man gesehen hat, was herauskommt. In Wahrheit sieht man gar nichts, weil nur das Setzen eines geistigen Aktes, eine Art Versprechen das man einander ist, durch diese formalen und formalisierten Beziehungen, solchen überhaupt erst möglich macht und entstehen läßt.*

Gleichzeitig wird Höflichkeit immer öfter mißdeutet, aus derselben Logik. Aus Mangel an dieser Sachlichkeit, die Dinge als formales Spiel betrachtet, die einfach das Zueinander befriedet weil in Zaum hält, sodaß in gewissem und jeweils sachlich definiertem oder definierbarem Rahmen von jedem gewisse Verläßlichkeiten anzunehmen zulässig ist, wird sie von anderen zu persönlich gedeutet. Die Frau, der man die Türe offenhält, der man freundlich zulächelt, nimmt dies zunehmend als Akt einer persönlichen Nähe, die nie gewollt oder gegeben war. Sodaß es im entstehenden Mißverständnis oft gar schwer wird, diese Sachlichkeit wieder herzustellen - und höflich zu bleiben. 

Deshalb versiegen im Mangel an Höflichkeit auch alle Beziehungen. Denn sie bleiben auf der Ebene der momenthaften Befindlichkeit, und damit nicht in die Sachlichkeit transzendiert. Damit verlieren sie ihre Dauerhaftigkeit. Nicht mehr die Beziehungen sind es dann, die prägen und gestalten, sondern die momenthaften Launen und Stimmungen, die damit mehr und mehr ausdünnen und sich verlieren. Sie bleiben in der Luft, stellen keine Substanz dar, auf der ein Leben und Verhalten aufzubauen wäre, und damit den Grund für eine Persönlichkeit überhaupt geben. Man nimmt damit jeder Beziehung ihre Regenerationsfähigkeit, wenn der Moment der Euphorie, der gefühlsmäßigen Aufgebauschtheit, vorüber ist, im Zustimmenden wie im Ablehnenden.

Regeln einfach einzuhalten, weil sie Regeln sind, weil sie das Zueinander in einer gewissen schwebenden, neutralen Ordnung halten, damit den anderen als gleichberechtigten Partner des öffentlichen Verkehrs, weil als Teil des Kosmos zu sehen - Briefe zu beantworten als Pflicht zu sehen, gewisse Fest- und Feiertage auch des anderen als "Anlaß" zu sehen, auf den wenigstens in einem formalen Mindestakt einzugehen ist, etc. - kommt längst aus dem Gebrauch. Die Beziehungen zu anderen Menschen geraten damit nach und nach allesamt und beständig in eine "Abbruchsmentalität", schweben jeden Augenblick über dem Abgrund des Nichts.



*Das ist der große Trugschluß, der auch etwa der "Ehe auf Probe", als bloßes Zusammenleben praktiziert, das erweisen soll, ob eine Ehe auch funktionieren würde, zugrundeliegt. Denn die Ehe, als Prototyp einer formalen, der Geistnatur des Menschen entsprechenden Ordnung der Erde, kann überhaupt erst "erprobt" werden, wenn sie realisiert ist, in allen ihren Außenbeziehungen und damit Ansprüchen.

Mittwoch, 28. August 2013

Rückfall in den Krieg (1)

(Ein ungefähr bleibender Versuch)

Sie ist so nebenbei mit unter die Räder gekommen. In einem Raum der ungeregelten Beziehungen, und das heißt der Unverbindlichkeit von Formen und Gestalten, wo bestenfalls Nutzenabwägung und Funktionalität das Wie des Zueinander bestimmt, hat die simple Höflichkeit keinen Platz mehr.

Sie wird sogar zur Schwäche. Und reiht sich damit in die Phänomene des Kampfes ein, zu dem soziale Beziehungen geworden sind. Denn in geschwächter, unklarer Identität wird soziale Beziehung zum pausenlosen Kampf. Wer da höflich bleibt, wer sich da auf die Sachlichkeit von Beziehungsregeln und Aussagen - Kommunikation - selbst transzendiert, unterliegt. Denn er öffnet seine Bereitschaft, nicht Vorteil und Nutzen zu kalkulieren, dem Zugriff des anderen.

Dabei kalkuliert man mit der Gebundenheit jedes Menschen an diese Sachlichkeit, in die hinein jede soziale Beziehung in ihrem Wesen gebunden liegt, aus der alleine ihr Wesen sich erschließt. Denn darum weiß jeder, auch der Unhöfliche, der um seinen Vorteil Bedachte. Weshalb er Gründe sucht und findet, seine Höflichkeit hintanhalten zu können. Nicht mehr im Fleisch, in der Gestalt eingegliedert in eine Ordnung, wird aber diese sachliche Ebene (vorgeblich) durch beliebige Gerechtigkeitsdefinition neu definiert, ja erfunden. 

Dann wird alles am anderen zu dessen bloßer Schuldigkeit, fern von jedem Verdienst, fern von jener Wahrheit, daß das Wesentliche des Menschen in seinem Dasein liegt, nicht in seiner dezidiert "moralischen" Handlung. Denn das Gut der Dinge erschließt sich aus ihrem Sein. Und das Versagen im Verhalten des anderen, so denn eines vorliegt, ist nicht der Maßstab, um ihn zu beurteilen - sondern die Stellung, die er in der Gesamtordnung der Welt (auch im Verhältnis zu einem) hat. Die kein Fehlverhalten substantiell berühren kann.

Man spielt damit schizoid mit dem Aussagecharakter des formalen Aktes selbst, der die sachliche Beziehung zu jedem  Menschen kennzeichnet, unter Verweis auf die Irrelevanz solcher formaler Beziehungen. Oder verzichtet auf diese Höflichkeit, die sich auf quasi metaphysische Konstellationen, auf die allem unterliegende Geiststruktur der Wirklichkeit und Welt bezieht, und nur auf diese bezogen kann man überhaupt von richtigem Handeln sprechen, unter Hinweis auf funktionale Mängel egal aus welchen Titeln und Bereichen.

Es ist dann wie in jenem Gleichnis, in dem es um die verdammenswerte Haltung geht, die Opferhandlung des Anderen ohnehin zu dessen Pflicht zu machen, zum "Korban" zu erklären, zum Gottesopfer, das einen selbst jeder Verbindlichkeit entledigt.

Der Höfliche befindet sich im Nachteil, und er setzt diesen Nachteil ja sogar bewußt, macht sich selbst zur Gabe. Im Vertrauen, daß der andere ihn nicht schändlich nützt, sich auf seine Kosten überhebt, einen Vorteil daraus schlägt. Wenn der Höfliche dies nicht bewußt zu tragen vermag, wenn auch er zu kalkulieren beginnt, wird er rasch aufgeben. Weil der andere bewußt den Rahmen nicht achtet, und den sachlichen Akt der Höflichkeit zu einem persönlichen Akt der Demütigung umwendet. Höflichkeit ohne Demut, ohne Kreuzesbereitschaft, ist also unmöglich. Und das heißt erst, den anderen zu ertragen, gerade indem man seine Formalakte ernstnimmt, in ihrer Sachlichkeit, und beantwortet, sich diesem sachlichen Rahmen gemäß verhält, allen Gefühlen zum Trotz, in einem sachlich verankerten, stabilen Akt des Wohlwollens, das sein Gut will, nicht seine Vernichtung, nicht seine Verzweckung.



Teil 2 morgen) Beziehungen müssen gesetzt werden, 
sie entstehen nicht zufällig





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Sonntag, 20. Januar 2013

Das Vermittelnde trennt

Die Geschichte unserer Zivilisation, schreibt Enrico Castelli in "Die versiegte Zeit" schon 1951, scheint auf einem Mißverständnis zu beruhen. Das Instrument unserer Zivilisation wurde so zum Dämon unserer Gesellschaft, in der alles auf ein soziales Gleichgewicht hinzuarbeiten scheint, in Wirklichkeit jedoch alles auseinandertreibt und die Trennung immer unüberbrückbarer wird.

So sind wir umgeben von einem nicht mehr zerstörbaren Gebäude der Technik, die uns das Wesentliche des Miteinander raubt - die Disponibilität, auf der Basis unseres Eigenlebens. Anstatt vom Eigenleben, dem Gefühl der Schicklichkeit in einer Situation, auszugehen, werden soziale Vorgänge in Funktionen zerlegt. Es bleibt gar keine Zeit, um zu entscheiden, was angebracht wäre - die Vorgänge sind automatisiert.

Deshalb muß man, um diese Disponibilität wieder zu erlangen, alles abschaffen, was ursprünglich diese Kommunikation erleichtern sollte - aber uns das Eigenerleben geraubt hat. Denn das Wesentliche des menschlichen Handelns, in seiner Offenheit für Transzendenz, ist, die Handlung dem Profanen zu entreißen. Das geschieht in der sozialen Beziehung, die nicht auf Technik abwälzbar ist. Denn darin wird sie objektiviert, aber damit entpersönlicht. Und diese Mechanik wird zum Inhalt unserer Erkenntnisse über den anderen.

Dem liegt ein Lebensbegriff zugrunde, der so tut, als wäre das Leben etwas, das ein objektiver Vorgang wäre, der vom Menschen selbst unabhängig ist. Leben und Tod, Freundschaft und Feindschaft, werden zu abstrakten Ideen, zu etwas Materiellem. Schicklichkeit wandelt sich zu sozialem Interesse und privaten Vereinbarungen, wird verrechtet, zu einer Frage objektiven Rechts und Unrechts, das einer Maschine des "Guten" gleicht und das Recht vom verantworteten Rechtshandeln zum unpersönlichen, anonymen Anspruch macht - eine Form des Verrats am anderen.

Verlegen wir die Kommunikation auf technische Medien, gewinnt dieses Vermittelnde jene Bedeutung, die die Begegnung mit dem anderen an sich hatte. Das ist eine unauweichliche Konsequenz: Unser Interesse konzentriert sich auf das Funktionieren und Eigengeschehen des Mediums, IN dem uns der andere begegnet - eins wird zum anderen. Was uns verbinden sollte, trennt uns in Wahrheit vom anderen, macht Kommunikation anonym.

Das was anonym ist ist zwar Äußerlich, aber das Äußerliche ist immer auch das Exorbitante. Genau das, was durch die tägliche Gewissenserforschung täglich neu zu bekämpfen ist: in der Überprüfung genau dieser Ausschreitungen.

Es gibt kein Gutes ohne vorausgehende, erkennende, persönliche Begegnung. Man kann nur "etwas" (am anderen) wollen. Zur Idee vom Guten objektiviert, fällt der Mensch in den Subjektivismus, die ihn erst recht von sich entfremdet.

Gleichzeitig, in dieser Selbstentfernung von uns, wehren wir uns gegen die Beschlagnahme durch das Begegnende, die persönliche Ebene des Erfahrens, das fundamental Erschütternde - das Disponibilität benötigt, nicht starres Festhalten an einer Idee. So wird das Ferne, das Abstrakte, Anonyme geliebt*, während das Nahe, persönlich Bekannte, Fordernde, uns feindlich scheint, uns bedroht. Aus dem daraus folgenden Mangel an Selbstliebe (weil -erkenntnis) und -stärke, Treue, folgt die Angst vor dem Unmittelbaren, und daraus steigt die Flucht in das Ferne - das Medium. Als Ort des Verrats an dem, was uns mit dem anderen verbindet.

Mit dem Subjektivismus entstanden - historisch in engstem Zusammenhang mit dem Buchdruck, übrigens - die das soziale Leben abstrahierenden Sozialideen: allen voran die modernen Staatsgebilde. Wurde das Denken selbst zum "objektivierten Vorgang", das ohne die persönliche Situation des Denkenden möglich sein sollte. War zuvor selbst Wissenschaft eine Gabe, der Inspiration zu verdanken, wurde sie zu einem objektiven Vorgang abstrahiert. Das Exorbitante trat seinen Siegeszug an, den Menschen zu unterwerfen.

Damit wurde sogar die Gewissenserforschung verändert: sie wurde zu einem Vorbeiziehen von Handlungen, die dem inneren Erfahren fremd sind, denen dieses fehlte. Auch und gerade in Gesprächen und Begegnungen, der Kommunikation: Sprache ist uns zu einem Instrument des Zwecks, zu einem mechanischen Werkzeug geworden, das ein Ziel erreichen soll. Nicht mehr wir sind die Sprechenden, denen die Sprache angehört, aus denen sie hervorquillt - wir benützen die Sprache als (objektives) Werkzeug.

Wir begreifen wenig, schreibt Castelli, wenn wir nicht begreifen, daß wir in einer verhängnisvollen Welt leben.



*Folgerichtig erwachsen aus dieser Objektivierung des Sozialen auch die Gerechtigkeitsideen und -ideologien. Das soziale Gefüge wird zur Masse (am deutlichsten in den Parteien erkennbar), ihre Gerechtigkeit wird abstrakt - und damit ABSOLUT, unerbittlich und damit fanatisch zu verfolgen, mit abstrakten Feinden und Freunden. Die Ungenauigkeiten und Ambivalenzen des Lebens selbst verschwinden, die das persönliche Leben doch so kennzeichnen, geopfert der Idee. Alles erstarrt, wie in Dante's Inferno, im Eis des Unvermögens, auf persönlichen Anruf zu antworten und sich mit einem anderen direkt zu messen. Die Krise des Menschlichen wird zur Katastrophe.

 


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Freitag, 4. Januar 2013

Entschiedene Auswahl

Die Liebe der Freundschaft kann nicht auf "viele" gehen, denn sie ist auswählend, hebt ein anderes Ich aus der Masse, auf daß es in der Treu zum Du werde. Sie ist unabhängig von der Eigenschaftlichkeit des anderen, denn sie geht auf die ganze Person. Deshalb ist sie auch unabhängig von seinen Veränderungen. Also muß sie gut überlegt und gewählt sein, denn in diesem Auserwählten wird auch das eigene Ich erst zu sich selbst, auf eine neue Weise, die sich aus dem Spiegel im anderen ergibt - wo das Du zum Ich wird. Dem einmal gewählten Freund kann man deshalb nicht ausweichen, er wird zum Merkmal eines selbst.

Es kann deshalb nicht viele "friends" geben. Viele Freunde führen automatisch zur Zerstreuung, zur Zersetzung, weshalb ausgewählt werden muß - dem Wesen der Freundschaft entgegenstehend - und sie verlangt die Unveränderlichkeit des Begehrten, das zum Objekt wird. Objekte aber kann man nicht lieben, sondern nur begehren. Viel-Ehe geht in die Begierde über, Viel-Freundschaft in die Gewinnsucht. (Diese Form der) Liebe - die Griechen unterschieden deshalb sehr wirklichkeitsgetreu derer 4 Formen - wählt aus, sie diskriminiert. Denn wer einen Freund hat, hat - in der Selbsttranszendenz auf einen Menschen hin, in dessen Du das Ich sich erfährt - einen Herrn. Man kann aber nicht vielen Herren dienen.

Wie immer die Stellung des in Freundschaft und Treue (bis zum Tod im Martyrium) Geliebten in der Gesellschaft und Masse sein mag - er bleibt der Auserwählte. Und er bleibt deshalb der Notwendige, denn ohne Freundschaft kann der Mensch gar nicht zu sich finden. Insofern ist jedes menschliche dem Mönchstum gleich, auch in der ehelichen Liebe und Treue, die sich in diesem Punkte von der Freundschaft nicht unterscheidet. Beide sind freie Entscheidungen des Willens, nur ist das eine in die Begehrensdimension gestellt, und damit in einem anderen Rang, das andere bleibt der Disposition (und damit Fehlbarkeit) des je aktuellen Willens anheimgestellt. Beide formen aber in der Geschichtlichkeit ihre immer tragendere Konkretion in der Welt. Sodaß auch die wahre Freundschaft als Willensentschluß nie aufhört. Gebrochene Freundschaft bleibt eine immerwährende Wunde, die gerade im Schmerz ihre Erfülltheit findet. Insofern sind es die Tränen, die die wahre Freundschaft erst recht kennzeichnen.

Freundschaft ist zugleich Wesen und Gestalt der Kirche, weil in ihr die Liebe neue Gestalt annimmt "Wo zwei oder drei in meinem Namen beisammen sind, da bin ich mitten unter ihnen." ist also keine quantitative "Minimalforderung", sondern Beschreibung des Aufbaus der Kirche - immer ausgehend von Freundschaft zweier bzw. weniger, nie unterschiedslos "allen" gegenüber, nicht in dieser, sondern nur in allgemeinerer Form des Wohlwollens. Diese hohe Form der Liebe ist klar und entschieden an je eine Person bzw. an wenige Ausgewählte gebunden. Man würde sie zerstören, würde man ihre Pflichten wie Privilegien allen zuweisen. Diese allumfassende Freundschaft ist nur Jesus Christus möglich, aber sie ist erst recht Auserwählung, in der jeder Mensch sein Du und im Du sein Ich hat.

Nur wo diese Liebe in der Auserwählung der Freundschaft wirkliche Gestalt wird, wird sie auch universal. Denn die Liebe, schreibt Florenski, hat das Heiligtum der Seele zur Wurzel und ist nur insoweit möglich, als dieses Heiligtum lebendig ist: die Liebe ist nicht nur universal, sondern auch begrenzt; sie ist nicht nur unermeßlich, sondern auch abgeschlossen. Das Geheimnis des Herzens darf nicht allen eröffnet werden - wo es Schweinen und Hunden vorgeworfen wird. Denn dieses Geheimnis entzieht sich menschlicher Machbarkeit: die reine Lossagung vom Selbst ist uns unmöglich, entzieht sich dem Verstand. Sie braucht die unbegreifliche Gnade der Dreipersönlichen Wahrheit.

So ist auch die Eifersucht - von der als Eigenschaft Gottes in der ganzen Bibel die Rede ist - meist völlig falsch gedeutet. Florenski schreibt, daß sie auf die Erfüllung der eigenen Liebe abzielt, indem sie den anderen "eifrig" drängt, sich diesem Du-Sein nicht zu entziehen, die Treue zu wahren, damit die Liebe zur Erfüllung und Vollkommenheit kommt. Sie zielt deshalb auf die Vollkommenheit des anderen ab, und ist unablässige Begleiterin der Liebe, die ihre Vollkommenheit will und sich meldet, wenn der andere, der Erwählte, diese verweigert. Was immer an Haß und Zorn der Eifersucht beigelegt wird, ist nicht diese, sondern Begierde, die auf die selbstsüchtige Nutznießung abzielt.

In der Eifersucht als Gegenwirkung auf den Treuebruch muß der Gewählte sich entscheiden - am Thron der Liebe, im Fest der Freundesliebe zu bleiben, oder in die Masse der Alltäglichkeit zurückzusinken. Wenn das Du aufhört, ein Du zu sein, und nicht zurückkehren will, müßte die Freundschaft gebrochen werden. Nur damit würde die Pflicht aufhören, dem anderen das Du zu sein. Weshalb mit dem Bruch immer ein Verlust des eigenen Ich einhergehen würde, denn bis zu diesem Punkt wurde dieses Ich bereits am Du. Im Achten einer nunmehrigen Fremdheit risse das Herz also ein Stück von sich heraus.




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